dem Kaffee habe ich sie umgebracht . Schrecken durchrieselte meine Glieder , als ich so deutlich und gleichgültig von einem Mord sprechen hörte , so leise als möglich näherte ich mich vollends der Hecke , die mich von jenen trennte , schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund , daß mir ja nichts entgehen sollte , und hörte weiter : Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht ; wie gewöhnlich durch Gift ? oder haben Sie die Unglückliche , wie Othello seine Desdemona , mit der Bettdecke erstickt ? Keines von beiden , entgegnete jene , aber recht hart ward mir dieser Mord ; denken Sie sich , drei Tage lang hatte ich sie schon zwischen Leben und Sterben , und immer wußte ich nicht , was ich mit ihr anfangen sollte ; da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein : ich ließ sie , wie durch Zufall , von einem Steg ohne Geländer in den tiefen Strom hinabgleiten , die Wellen schlugen über ihr zusammen , man hat von Elisen nichts mehr gesehen . Das haben Sie gut gemacht , und die wievielte war diese , die Sie auf die eine oder die andere Art umbringen ? Nun das wird bald abgezählt sein , Pauline Dupuis , Marie usw. , aber die erstere trug mir am meisten Ruhm ein ; es waren dies noch die guten Zeiten von 1802 , wo noch wenige mit mir konkurrierten . Die Haare standen mir zu Berg ; also fünf unschuldige Geschöpfe hatte diese Frau schon aus der Welt geschafft . War es nicht ein gutes Werk an der menschlichen Gesellschaft , wenn ich einen solchen Greuel aufdeckte und die Mörderin zur Rechenschaft zog ? Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden und hatten sich der Stadt zugewendet ; leise stand ich auf und schlich mich ihnen nach , wie ein Schatten ihren Fersen folgend ; sie gingen durch die Promenade , ich folgte ; sie kehrten um und gingen durchs Tor , ich folgte ; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken , denn die eine sah sich einigemal nach mir um , ihr böses Gewissen schien mir erwacht , sie mochte ahnen , daß ich den Mord wisse , sie will mich durch die verschiedene Richtung der Straßen , die sie einschlägt , täuschen , aber ich - folge . Endlich stehen sie an einem Hause still ; sie ziehen die Glocke , man schließt auf , sie treten ein . Kaum sind sie in der Türe , so gehe ich schnell heran , merke mir die Nummer des Hauses und eile , getrieben von jenem Eifer , den die Entdeckung eines so schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß , auf die Direktion der Polizei . Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör ; ich lege ihm die ganze Sache , alles was ich gehört hatte , auseinander ; weiß aber leider von den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben , als eine gewisse Pauline Dupuis , die im Jahre 1801 unter der mörderischen Hand jener Frau starb . Doch dies war dem , unter solchen Fällen ergrauten Polizeimann genug ; er dankt mir für meinen Eifer , schickt sogleich Patrouillen in die Straße , die ich ihm bezeichnete , und fordert mich auf , ihn , wenn die Nacht vollends herangebrochen sein werde , in jenes Haus zu begleiten , die Nacht wähle er lieber dazu , da er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen wo möglich vermeide . Die Nacht brach an , wir gingen ; die Polizeisoldaten , die das Haus umstellt hatten , versicherten , daß noch kein Mensch dasselbe verlassen habe . Der Vogel war also gefangen . Wir ließen uns das Haus öffnen und fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an . Gleich vor der Türe des ersten Zimmers hörte ich die Stimmen jener beiden Frauen ; ohne Umstände öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere , ältliche Dame als die Verbrecherin an . Verwundert stand diese auf , trat uns entgegen und fragte nach unserem Begehr ; in ihrem Auge , in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas , das mir imponierte ; ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete nur auf den Direktor , um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen . Doch dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen ; mit der ernsten Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen Spaziergang aus ; sie gestand ihn zu , wie auch die Bank , wo sie gesessen ; ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen , der Mann sah sie schon als überwiesen an ; die Frau fing an , ängstlich zu werden , sie fragte , was man denn von ihr wolle , warum man ihr Haus , ihr Zimmer mit Bewaffneten besetze , warum man sie mit solchen Fragen bestürme ? Der Mann der Polizei sah in diesem ängstlichen Fragen nur den Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens ; er schien es für das beste zu halten , durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen zu entlocken : Madame , was haben Sie Anno 1801 mit Pauline Dupuis angefangen ? leugnen Sie nicht länger , wir wissen alles , sie starb durch Ihre Hand , wie heute früh die unglückliche Elise ! Ja , mein Herr ! ich habe die eine wie die andere sterben lassen , antwortete diese Frau mit einer Seelenruhe , die sogar in ein boshaftes Lächeln überzugehen schien . Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut , als hätten Sie zwei Tauben abgetan ? fragte der erstaunte Polizeidirektor , dem in praxi eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte ; wissen Sie , daß Sie verloren sind , daß es Ihnen den Kopf kosten kann ? Nicht doch ! entgegnete die Dame , die Geschichte ist ja weltbekannt . -Weltbekannt ? rief jener , bin ich nicht schon seit zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor , meinen Sie , dergleichen könne mir entgehen ? Und dennoch werde ich recht haben , erlauben Sie , daß ich Ihnen die Belege herbeibringe ? Nicht von der Stelle ohne gehörige Bewachung ; Wache ! zwei Mann auf jeder Seite von Madame ; bei dem ersten Versuch zur Flucht - zugestoßen ! Vier Polizeidiener , mit blanken Seitengewehren begleiteten die Unglückliche , die mir den Verstand verloren zu haben schien . Bald jedoch erschien sie wieder , ein kleines Buch in der Hand . Hier , meine Herren , werden Sie die Belege zu dem Mord finden , sagte sie , indem sie uns lächelnd das Buch überreichte . , Taschenbuch für 1802 ' , murmelte der Direktor , indem er das Buch aufschlug und durchblätterte , was Teufel , gedruckt und zu lesen steht hier : Pauline Dupuis von - . Mein Gott , Sie sind die Witwe des Herrn von - , und wenn ich nicht irre , selbst Schriftstellerin ? So ist es , antwortete die Dame , und brach in ein lustiges Lachen aus , in welches auch der Direktor einstimmte , indem er , vor Lachen sprachlos , auf mich deutete . Und Elise , wie ist es mit diesem armen Kind ? fragte ich , den Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des Polizeimannes noch immer nicht verstehend . Die liegt ermordet auf meinem Schreibtisch , sagte die Lachende , und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen . - Was brauche ich noch dazuzusetzen ? meine Herren und Damen ! ich war der Narr im Spiel und jene Frau war die rühmlichst bekannte , interessante Th. v. H. Die Erzählung Pauline Dupuis ist noch heute zu lesen ; ob die geniale Frau ihr Elise , die sie am Morgen jenes Tages nach dem Kaffee vollendet hatte , herausgegeben , weiß ich nicht . Ich mußte aus S. entfliehen , um nicht zum Gespötte der Stadt zu werden . Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große Diätenrechnung über Zeitversäumnis , weil ich durch jene lustige Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in einem Klub abgehalten hatte . « - Der Ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von Wollau geendet ; allgemeiner Beifall ward ihm zuteil , und ein gnädiges Lächeln der Hausfrau sagte ihm , wie glücklich er sich gerechtfertigt hatte ; und , wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus seiner unglücklichen Nähe entfernt hatten , ebenso schnell nahten sie sich ihm wieder , als ihn die Gnadensonne wieder beschien . Man zog ihn öfter ins Gespräch , man befragte ihn über seine Reisen , namentlich über jene in Süddeutschland ; denn wie Schottland und seine Bewohner für London und Alt-England überhaupt , so ist Schwaben für die Berliner , welche nie an den Rebenhügeln des Neckars , und an den fröhlich grünenden Gestaden der obern Donau eines jener sinnigen herzlichen Lieder aus dem Munde eines » luschtiga Büebles « oder eines rüstigen hochaufgeschürzten » Mädles « belauschten , ein Gegenstand hoher Neugierde . Welch sonderbare Meinungen über jenes Land , selbst in gebildeten Zirkeln , wie dieser elegante Tee , im Umlauf seien , hörte ich diesen Abend zu meinem großen Erstaunen . In einem Zaubergarten , von sanften Hügeln , von klaren blauen Strömen , von blühenden , duftenden Obstwäldern , von prangenden Weingärten durchschnitten , wohne , meinten sie , ein Völkchen , das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der Kultur stehe ; immense Gelehrte , die sich nicht auszudrücken verstünden , phantasiereiche Schriftsteller , die kein Wort gutes Deutsch sprechen . Ihre Mädchen haben keine Bildung , ihre Frauen keinen Anstand ; ihre Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug , und im ganzen Land werden alle Tage viele Tausende jener Torheiten begangen , die allgemein unter dem Namen » Schwabenstreiche « bekannt seien . Mir kam dieses Urteil lächerlich vor ; ich war manches Jahr in Schwaben gewesen , und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden ; hätte ich nicht befürchten müssen , aus der Rolle eines Zöglings zu fallen , ich hätte sogleich darauf geantwortet , wie ich es wußte ; so aber ersparte mir mein Mentor die Mühe , welcher , unglücklich genug , die gute Meinung , die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte , nur zu schnell wieder verlieren sollte ! » Ob die Berliner « , sagte er , » mehr innere Bildung , mehr Eleganz der äußern Formen besitzen , als die Schwaben , ob man hier im Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf die Erde , oder vielmehr auf Sand kommt , als in Schwaben , wage ich nicht zu untersuchen , aber so viel habe ich mit eigenen Augen gesehen , daß man dort im Durchschnitt unter den Mädchen eine weit größere Menge hübscher , sogar schöner Gesichter findet , als selbst in Sachsen , welches doch wegen dieses Artikels berühmt ist . « » Quelle Sottise « , hörte ich Frau von Wollau schnauben , » welche abgeschmackte Behauptungen dieser gemeine Mensch - « Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen , umsonst gab ihm der Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß , ihn zu erinnern , daß er sich unter Damen befinde , die auch auf Schönheit Anspruch machten , ruhig , als ob er den erzürnten Schönen das größte Kompliment gesagt hätte , fuhr er fort : » Sie können gar nicht glauben , wie reizend dieser verschriene Dialekt von schönen Lippen tönt ; wie alles so naiv , so lieblich klingt ; wie unendlich hübsch sind diese blühenden Gesichtchen , wenn man ihnen sagt , daß sie schön seien , daß man sie liebe ; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder , wie unschuldig erröten sie , welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz , wenn sie sich verschämt wegwenden und flüstern : Ach ganget Se mer weg , moinet Se denn , i glaub ' s ? 6 Hier in Norddeutschland gibt es meist nur Teegesichter , die einen Trost darin finden , ästhetisch oder ätherisch auszusehen ; sie müssen den Atem erst lange anhalten , wenn sie es je der Mühe wert halten , über dergleichen zu erröten . « O Jude , welchen Bock hattest du geschossen . Kaum hast du das zornblickende Auge einer Dame versöhnt , so begehst du den großen Fehler , vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen zweier Länder zu loben , und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen , sondern sogar ihren ätherischen Teint , ihre interessante Mondscheinblässe für Teegesichter zu verschreien ! Die jungen Damen sahen erstaunt , als trauten sie ihren Ohren nicht , die ältern an ; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und auf die übrigen Herren , die , ebenso erstaunt , noch keine Worte zu einer Replik finden konnten . Die Teetassen , die goldenen Löffelchen klirrten laut in den vor Wut zitternden Händen der Mütter , die seit zehn Jahren mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten , daß ihre Töchter nobel und edel aussehen möchten - wozu heutzutage außer dem Gefühl der Würde etwas Leidendes , beinahe Kränkliches gehört - welche die immer wieder anschwellende Fülle ihrer Töchter , die immer wiederkehrende Röte der Wangen doch endlich zu besiegen gewußt hatten . Und jetzt sollte dieser fremde , abenteuerliche gemeine Mensch sie und ihre Freude , ihre Kunst zuschanden machen ; er sollte es wagen , die Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen , und ihnen den ersten Rang zu versagen ? ! Und dies sollten sie dulden ? Jamais ! ! Gnädige Frau nahm das Wort mit einem Blick , der über das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über Schneegefilde herabglänzte : » Ich muß Sie nur herzlich bedauern , Herr Doktor Mucker , daß Sie das schöne Schwaben und seine naive Bauerdirnen so treulos verlassen haben ; und ich bitte Sie , Lieber « , fuhr sie fort , indem sie sich zu dem Dichter , der uns eingeführt hatte , wandte , » ich bitte Sie , muten Sie diesem Herrn da nicht mehr zu , meine Zirkel zu besuchen . Jotte doch , er könnte bei unsern Damen seine robusten Naturen und jene Naivität vermissen , die er sich so janz zu eigen jemacht hat . « Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf , die Mütter spendeten Blicke des Dankes , die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen Sacktüchern , die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden und machten sich lustig über meinen armen Hofmeister . Doch der feine Takt der gnädigen Frau ließ diesem Ausbruch der Nationalrache nur so lange Raum , bis sie den Doktor Mucker hinlänglich bestraft glaubte . Beleidigt durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden , wenn er gleich durch seine rücksichtslose Äußerung ihren Unwillen verdient hatte ; sie beugte also schnell mit jener Gewandtheit , die feingebildeten Frauen so eigentümlich ist , allen weitern Bemerkungen vor , indem sie ihren Neffen aufforderte , sein Versprechen zu halten , und der Gesellschaft die längst versprochene Novelle preiszugeben . Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine Aufmerksamkeit beschäftigt . Er unterschied sich von den übrigen jungen Herren , die leer in den Tag hinein plauderten , sehr vorteilhaft durch Ernst und würdige Haltung , durch gewählten Ausdruck und kurzes , richtiges Urteil . Er war groß und schlank gebaut , männlich schön , nur vielleicht für manche etwas zu mager . Sein Auge war glänzend und hatte jenen Ausdruck stillen Beobachtens , der einen Menschenkenner oder wenigstens einen Mann verriet , der das Leben und Treiben der großen und kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte . Er hatte , was mich sehr günstig für ihn stimmte , an dem Gespräch des Ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort , ich möchte sagen , mit keiner Miene teilgenommen . Zum erstenmal an diesem ganzen Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lächeln , das sein Gesicht , besonders den Mund noch viel angenehmer machte ; wahrlich , in diesen Mann hätte ich mich , wenn ich eines der anwesenden Fräulein gewesen wäre , unbedingt verlieben müssen ; aber freilich , junge Damen haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel , und das einfache schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende Gardeuniform und ihren kühnen , die drallen Formen zeigenden Schnitt nicht aufwiegen . Vierzehntes Kapitel Der Fluch Novelle » Ich habe mich vergebens abgemüht , gnädige Tante « , sprach der junge Mann mit voller , wohltönender Stimme , » eine artige Novelle oder eine leichte , fröhliche Erzählung für diesen Abend zu ersinnen . Doch um nicht wortbrüchig zu erscheinen , muß ich schon den Fehler einigermaßen gutzumachen suchen . Wenn Sie erlauben , will ich etwas aus meinem eigenen Leben erzählen , das , wenn es nicht ganz den romantischen Reiz und den anziehenden Gang einer Novelle , doch immer den Wert der Wahrheit für sich hat . « Die Tante bemerkte ihm gütig , daß die einfache Wahrheit oft größern Reiz habe , als die erfundene Spannung einer Novelle , ja sie gestand ihm , daß sie etwas sehr Interessantes erwarte , denn er sehe seit der Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus , daß man auf seine Begebnisse recht gespannt sein dürfe . Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam , und gaben dieser Bemerkung vollkommen Beifall ; der junge Mann aber hub an zu erzählen : » Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen Gesellschaft , welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt hatte , Abschied nahm , warnten mich einige Damen - wenn ich nicht irre , war Frau von Wollau mit davon - vor den schönen Römerinnen , vor ihren feurigen , die Herzen entzündenden Blicken . Ich nahm ihre Warnung dankbar an , noch kräftigeren Schutz aber versprach ich mir von jenen holden blauen Augen , von jenen freundlichen vaterländischen Gesichtchen , von all den lieblichen Bildern , die ich in feinem und treuem Herzen aufbewahrt , mit über die Alpen nahm . Und sie schützten mich , diese Bilder , gegen jene dunkeln Feuerblicke der Römerinnen , wie sie aber vor sanften blauen Augen , welche ich dort sah , sich unverantwortlich zurückzogen , wie sie mein armes , unbewahrtes Herz ohne Bedeckung ließen , will ich als bittere Anklage erzählen . Der s .... sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt ; mehr , um den alten Herrn , der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen hatte , nicht zu beleidigen , als aus Neugierde , entschloß ich mich , hinzugehen . Ich war nicht in der besten Laune , als es Abend wurde , statt einer lustigen Partie , wozu mich deutsche Maler geladen , sollte ich einen Klaggesang mit anhören , der mir schon an und für sich höchst lächerlich vorkam . Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit solcher Ritualien überzeugen können , selbst in dem ehrwürdigen Kölner Dom , wo die hohen Gewölbe und Bogen , das Dunkel des gebrochenen Lichtes , die mächtigen vollen Töne der Orgel manchen andern ernster stimmen mögen , konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen . Meine Stimmung wurde nicht heiliger als ich an das Portal der Sixtinischen Kapelle kam . Die päpstliche Wache , alte , ausgediente schneiderhafte Gestalten , hielten hier Wache mit so meisterlicher Grandezza , als nur die Cherubim an der Himmelstüre . Der Glanz der Kerzen blendete mich , da ich eintrat , und stach wunderbar ab gegen den dunklen Chor , in das die Finsternis zurückgeworfen schien . Nur der Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet . Ich hatte Muße genug , die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu mustern . Ich bemerkte nur sehr wenige Römer , dagegen fast alles , was Rom an Fremden beherbergte . Einige französische Marquis , berüchtigte Spieler , einige junge Engländer von meiner Bekanntschaft , standen ganz in meiner Nähe . Sie zogen mich auf , daß auch ich mich habe verführen lassen , dem Spectacle , wie sie es nannten , beizuwohnen ; Lord Parter aber meinte , es seie dies wohl der Schönen zu Gefallen geschehen , die ich mitgebracht habe . Er deutete dabei auf eine junge Dame , die neben mir stand . Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße , und schien sehr ungläubig , als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete . Ich betrachtete meine Nachbarin näher ; es war eine schlanke hohe Gestalt , dem Wuchs nach keine Römerin ; ein schwarzer Schleier bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt , und ließ nur einen Teil eines Nackens sehen , so rein und weiß , wie ich ihn selten in Italien , beinahe nie in Rom gesehen hatte . Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten Diplomaten , hoffend , eine interessante Bekanntschaft zu machen ; wollte eben - da begann der Klaggesang und meine Schöne schien so eifrig darauf zu hören , daß ich nicht mehr wagte , sie anzureden . Unmutig lehnte ich mich an eine Säule zurück , Gott und die Welt , den Papst und seine Lamentationen verwünschend . Unerträglich war mir der monotone Gesang . Denken Sie sich , sechzig der tiefsten Stimmen , die unisono , im tiefsten Grundton der menschlichen Brust , Bußpsalmen murmeln . Der erste Psalm war zu Ende , eine Kerze auf dem Altar verlöschte . Getröstet , die Farce werde ein Ende haben , wollte ich eben den jungen Lord anreden , als von neuem der Gesang anhub . Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer , daß noch alle zwölf übrigen Kerzen verlöschen müssen , bis ich ans Ende denken könne . Die Kirche war geschlossen und bewacht , an ein Entfliehen war nicht zu denken . Ich empfahl mich allen Göttern , und gedachte einen gesunden Schlaf zu tun . Aber wie war es möglich ? Wie Strahlen einer Mittagssonne strömten die tiefen Klänge auf mich zu . Zwei bis drei Kerzen verlöschten , meine Unruhe ward immer größer . Endlich aber , als die Töne noch immer fortwogten , drangen sie mir bis ins innerste Mark . Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten Strahlen , Wehmut ergriff mich , Gedanken aus den Tagen meiner Jugend stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf , unwillkürliche Rührung bemächtigte sich meiner , und Tränen entstürzten seit Jahren zum erstenmal meinem Auge . Beschämt schaute ich mich um , ob doch keiner meine Tränen gesehen . Aber die Spieler , wunderbarer Anblick ! lagen zerknirscht auf ihren Knieen , der Lord und seine Freunde weinten bitterlich . Zwölf Kerzen waren verlöscht . Noch einmal erhoben sich die tiefen , herzdurchbohrenden Töne , zogen klagend durch die Halle , immer dumpfer , immer leiser verschwebend . Da verlöschte die letzte Kerze , und zugleich mit das Feuermeer der Kirche , und bange Schatten , tiefe Finsternis drang aus dem Chor , und lagerte sich über die Gemeine . Mir war , als wär ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine fürchterliche Nacht . Da tönten aus des Chores hintersten Räumen , süße klagende Stimmen . Was jenes tiefe , schauerliche Unisono unerweicht gelassen , zerschmolz vor diesem hohen Dolce der Wehmut . Rings um mich das Schluchzen der Weinenden , vom Chor herüber Töne , wie von gerichteten Engeln gesungen , glaubte ich nicht anders , als in einer zernichteten Welt mit unterzugehen und zu hören , der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn gewesen . Der Gesang war verklungen , Fackeln erhellten die Szene , die Menge ergoß sich durch die Pforten und auch ich gedachte mich zum Aufbruch zu rüsten , da gewahrte ich erst , daß meine schöne Nachbarin noch immer auf den Knien niedergesunken lag . Ich faßte mir ein Herz . Signora , sprach ich , die Tore werden geschlossen , wir sind die letzten in der Kapelle . Keine Antwort . Ich faßte ihre Rechte , die auf der Seite niederhing , sie war kalt und ohne Leben . Sie lag in Ohnmacht . Ich befand mich in sonderbarer Lage . Die Nacht war schon weit vorgerückt ; nur noch einige Flambeaux zogen durch die Kirche , ich mußte alle Augenblicke befürchten , vergessen zu werden . Ich besann mich nicht lange , rief einen der Fackelträger herbei , um mit seiner Hülfe die Dame aufzurichten . Wie ward mir , als ich den Schleier aufschlug . Der düstere Schein der halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht , wie ich es auch auf den herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen ! glänzendbraune Locken hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen und umzogen das liebliche Oval ihres Angesichtes , auf dem sich eine durchsichtige Blässe gelagert hatte . Die schönen Bogen der Brauen versprachen ein ernstes , vielleicht etwas schelmisches Auge , und den halbgeöffneten Mund , umkleidet mit den weißesten Perlen , konnte Gram , konnte Scherz so gezogen haben . Als wir sie aufrichten wollten , schlug sie das herrliche , blaue Auge auf , dessen eigener , schwärmerischer Glanz mich so überraschte , daß ich einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte . Sie richtete sich plötzlich auf , stand nun in ihrer ganzen Schöne mir gegenüber . Welch zarte Formen bei so vielem Anstand , bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses . Sie schaute verwundert in der Kirche umher , ließ dann ihre Blicke auf mich herübergleiten : Und Sie hier , Otto ? sprach sie , nicht italienisch , nein , in reinem , wohlklingendem Deutsch . Wie war mir doch so wunderbar ! sie sprach so bekannt zu mir , ja sogar meinen Namen hatte sie genannt ; woher konnte sie ihn wissen ? - Sie schien verwundert über mein Schweigen . Nicht bei Laune , Freund ? und doch haben Sie mich so freundlich unterstützt ? Doch ! lassen Sie uns gehen , es wird spät . Sie hatte recht . Die Fackel drohte zu verlöschen . Ich gab ihr den Arm . Sie drückte zärtlich meine Hand . Was sollte ich denken , was sollte ich machen ? Betrug von ihr war nicht möglich - das Mädchen konnte keine Dirne sein . Verwechslung war offenbar . Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen , sie war so ohne Arg . - Ich wagte es - ich übernahm die Rolle eines verstimmten Verehrers , und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen . Am Portal geht mein Jammer von neuem an . Welche Straße sollt ich wählen , um nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft zu verraten ? Ich nahm allen meinen Mut zusammen , und schritt auf die mittlere Straße zu . Mein Gott , rief sie aus , und zog meinen Arm sanft seitwärts , Otto , wo sind Sie nur heute , hier wären wir ja an die Tiber gekommen . Oh ! wie hörte ich so gerne diese Stimme ! Wie lieblich klingt unsere Sprache in einem schönen Munde . Schon oft hatte ich die Römerinnen beneidet , um den Wohllaut ihrer Töne ; hier war weit mehr , als ich je in Rom gehört ; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein , ich sah es aus allem , und doch so reine , runde Klänge ihrer Sprache ! Als ich noch immer schwieg , brach sie in ein leises Weinen aus . Ihr tränendes Auge sah mich wehmütig an , ihre Lippen wölbten sich , wie wenn sie einen Kuß erwarteten . Bist du mir nicht mehr gut , mein Otto ? Ach könntest du mir zürnen , daß ich die Lamentationen hörte ? Oh ! zürne mir nicht . Doch du hast recht , wäre ich lieber nicht hingegangen . Ich glaubte Trost zu finden , und fand keinen Trost , keine Hoffnung . Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen , schienen über die Alpen zu wehen , und mit Tönen der Klage mich zu sich zu rufen . Wie bin ich so allein auf der Erde , weinte sie , indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels tauchte , wie bin ich so allein - und wenn ich dich nicht hätte , mein Otto . - Meine Lage grenzte an Verzweiflung , das schönste , lieblichste Kind im Arme , und doch nicht sagen können , wie ich sie liebte ! Als ihre Tränen noch nicht aufhören wollten , flüsterte ich endlich leise : Wie könnte ich dir zürnen ? Sie schaute freudig dankbar auf - Du bist wieder gut ? und oh ! wie siehst du heute doch gar nicht so finster aus , auch deine Stimme klingt heute so weich ! Sei auch morgen so , und laß nicht wieder einen ganzen langen Tag auf dich warten . Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen , indem sie die Glocke zog . Und nun gute Nacht , mein Herz , sagte sie , wie gerne säß ich noch zu dir auf die Bank , aber die Signora wartet wohl schon zu lange . Ich wußte nicht wie mir geschah , ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen und weg war sie . Ich merkte mir die Nummer des Hauses , aber die Straße konnte ich nicht erkennen . Nur einen Brunnen , und gegenüber von ihrem Haus eine Madonna in Stein gehauen , konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken . Ich wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirre der Straßen und war doch nicht froh , als ich endlich mein Haus erreichte . Bis an den lichten Morgen kein Schlaf . Zuerst ließ mich der Mond nicht schlafen ,