der Gebrauch . Mein Vater zog diese Sprache jeder andern vor , weil von ihr zu seiner Zeit nicht nur seine , sondern auch die geistige Bildung aller derer ausgieng , die sich nicht geradezu dem eigentlichen Gelehrtenstande widmen wollten , und die klassischen Schriftsteller der Franzosen blieben ihm zeitlebens die liebsten , ich könnte wohl sagen , die einzigen , die er las . Von der deutschen schönen Litteratur hatte er in seiner Jugend nur wenig kennen gelernt , und dies wenige war ihm nicht erfreulich gewesen , wie es denn auch in jener , trüben Gottschedischen Zeit einem Geiste wie dem seinigen nicht zusagen konnte . Daher blieb ihm ein unüberwindliches Vorurtheil gegen alle deutsche Schriftsteller , besonders gegen die deutschen Poeten , welches er mit fast allen damals lebenden , gebildeten Männern theilte , die darin dem Beispiele Königs Friedrichs des zweiten folgten . Auch ich lernte deshalb erst spät die Schätze meines eigenen Volcks kennen , obgleich um die Zeit , da ich geboren ward , schon die hellstrahlende Morgenröthe am deutschen Kunsthimmel den glorreichen Tag verkündete , der jezt uns leuchtet . Mehr als aller meiner übrigen guten Anlagen erfreute sich mein Vater jenes unserm Geschlechte eignen leichten Auffassungsvermögens , mit dessen Hülfe wir spielend errathen , was die Männer mühsam erlernen , und durch welches ich besonders mich auszeichnete . Diese den Frauen ganz eigenthümliche Gabe könnte uns fast verleiten , an gute , oder doch wenigstens gut gelaunte Feen zu glauben , die ihren Lieblingen schon in der Wiege eine ganz eigne Gewandtheit verleihen , welche sie fähig macht , von allem für sie passenden Wissenswerthen sich wenigstens die schimmernde Oberfläche anzueignen . Ohne tiefer ins Reich der Wissenschaften einzudringen , oder auch nur eindringen zu wollen , umschwärmen diese vor andern Begünstigten auf leichtem Fittig die Blüthen und lassen den Männern gern das mühsame Geschäft , im Schweise ihres Angesichts den Wurzeln nachzugraben . Auch sind sie nicht nur fähig , sich zu freuen , wenn kluge Männer reden , weil sie verstehen wie sie ' s meinen , sondern sie wagen es zuweilen im scherzenden Uebermuth , mit glücklicher Keckheit sich neben diese klugen Männer hinzustellen , und sie durch die ihnen beiwohnende Zauberkraft mitunter selbst ein wenig irre zu machen . Diese geistige Geschmeidigkeit ist aber dennoch für die , welche sie besitzen , beiweitem nicht gefahrlos , und sollte nach meiner jetzigen Ansicht wohl eher in Schranken gehalten , als geübt und bewundert werden . Doch mein Vater war hierin andrer Meinung . Ihm galt anspruchslose , heitre Liebenswürdigkeit zu Hause wie in der Welt für eine der ersten Eigenschaften meines Geschlechts ; er hielt dafür , daß wir , um zu dieser zu gelangen , wohl einer höheren Geistesbildung , aber durchaus keiner Gelehrsamkeit bedürften , die er geneigt war , eher für ein Hindernis anzusehen . Daher belächelte er mit wahrer Lust meine kleinen wissenschaftlichen Scharlatanerien und lies mich gewähren . Während meine geistige Entwickelung auf diese Weise meinen Vater ergözte und beschäftigte , sorgte meine gute trefliche Mutter auf seinen Antrieb dafür , mir durch frühe Gewöhnung die möglichste Unabhängigkeit von allen jenen unbedeutenden Kleinigkeiten zu verschaffen , die so oft den ausgezeichnetsten Frauen quälende Fesseln anlegen . So wie ich heranwuchs , brachte sie durch Lehre und Beispiel mich dahin , daß ich weder des Schneiders , noch der Putzmacherin bedurfte . Selbst die Kammerjungfer und den Friseur lernte ich im Fall der Noth entbehren , und das war damals keine Kleinigkeit . Auf diese Weise glaubte mein Vater , geistig und körperlich am besten für meine Zukunft mich auszustatten , möge diese mich nun in die Welt führen , oder in die Einsamkeit meines Stiftes . Denn schon damals trug ich dieses Ordenskreuz , als Geschenk einer fürstlichen Pathe , bei welcher meine Grosmutter einst Hofdame gewesen war , und es gab meinem Vater keine geringe Beruhigung , mich dadurch gegen die Stürme des Lebens einigermassen gesichert zu wissen . So blühte ich denn allmählig heran , im schönsten Verhältnisse zu meinen Eltern , gleich glücklich in der äussern , wie in meiner mir selbst geschaffnen innern Welt ; denn auch diese fehlte mir nicht . Lesen war damals zwar nicht das unentbehrliche Bedürfnis jedes Alters , jedes Geschlechts und jedes Standes , was es jezt ist . Die Mütter mußten sogar noch zuweilen ihre Töchter ermahnen , endlich einmal ein Buch in die Hand zu nehmen , statt daß sie in unsern jetzigen Tagen über das viele Lesen sich ereifern , und es nicht ganz mit Unrecht einen geschäftigen Müssiggang schelten . Indessen habe ich doch ziemlich früh angefangen , Romane zu lesen . Mein Vater verbot es mir nicht , wie er denn überhaupt vom Verbieten nicht viel hielt , aber er bewachte doch die Wahl meiner Lektüre , und hüthete mich besonders vor den französischen Romanen jener Zeit , deren verderbliche Tendenz , unerachtet seiner Vorliebe für ihre Verfasser , er sich dennoch nicht verbarg . Indessen war es in meiner Jugend weit schwerer als jezt , sich eine unterhaltende Lektüre zu verschaffen . Lesbare , deutsche Romane fanden sich fast eben so selten , als Leihbibliotheken , die man kaum dem Namen nach kannte . Man behalf sich damals aus Noth wie jezt aus Wahl mit Uebersetzungen aus dem Englischen , und ich erinnere mich noch lebhaft des Entzückens , mit welchem ich im Schranke der Mutter einer meiner Gespielinnen eine lange Reihe Bücher entdeckte , die unter dem Titel einer Landbibliothek eine Anzahl solcher übersetzten Romane vereinigte . Hier lernte ich denn unzählige Lords und Ladies , Sirs und Misses kennen , deren Thaten und Leiden mit der , den Romanschreibern jener Nazion noch bis diese Stunde eignen Breite und Weitschweifigkeit uns bis auf die geringsten Details vorgeführt wurden , sogar bis auf die Farbe des Kleides , welches die Heldin oder der Held bei wichtigen Gelegenheiten trugen . Vor allem aber wurden die Hochzeitkleider nicht nur des endlich beglückten Brautpaars , sondern auch die der vornehmsten anwesenden Gäste nie vergessen . Ich las das alles mit einer Wonne , von der ihr Uebersättigten keinen Begriff haben könnt , denn ich war nicht unbeschränkt wie ihr im Gebrauch meiner Zeit . Hatte ich ein solches bändereiches Werk vollendet , so war mir so einsam zu Muthe , als sei ein sehr lieber interessanter , lange da gewesener Besuch wieder abgereist . Ich freute mich die ganze Woche hindurch auf den Sonntag Nachmittag , wo ich meinem Lieblingsgenusse mich am ungestörtesten hingeben durfte , und obgleich ich vor Ungeduld nach der Entwicklung brannte , so las ich doch immer langsamer , wenn ich sah , daß der Band zum Ende sich neigte , um mir dadurch die Freude zu verlängern . Richardsons Romane entzückten mich ganz unbeschreiblich , gerade wegen ihrer Weitschweifigkeit , obgleich ich dem Tugendspiegel Sir Charles Grandison keinen sonderlichen Geschmack abgewinnen konnte und der brillante Bösewicht Lovelace mir tausendmal besser gefiel . Jezt sehe ich wohl ein , daß gerade die Werke dieses berühmten Schriftstellers sich sehr schlecht dazu eigneten , einem kaum zwölfjährigen Mädchen in die Hände gegeben zu werden , aber sie hatten einmal die allgemeine Stimme für sich . War doch sogar in England die mehr als zweideutige Pamela dem Volke von der Kanzel als Erbauungsbuch angepriesen worden . Ueberdem verlies mein Vater sich auf meine Unschuld , und das mit Recht ; er war überzeugt , daß ich in meiner glücklichen Unbefangenheit das für mich Unpassende entweder übersehen , oder nicht verstehen würde , und seine Erwartung trog ihn nicht . Meine jugendliche , oder vielmehr kindische Fantasie blieb indessen bei alle diesem nicht müssig . Mein Kopf war voll von Entführungen , Maskeraden , gewaltsam erzwungner Trauungen , diesen Apparat der damaligen englischen Romanschreiber , die eben wie jezt ihre jüngern Brüder , sich immer gern wiederholten und alles so ziemlich über einen Leisten formten . Das alles suchte ich nun in Gedanken mir selbst anzupassen ; mein Held war ein Ungeheuer von Tugend , Tapferkeit , Edelmuth und Liebenswürdigkeit , Grandison und Lovelace in einer Person . Ich selbst war eine höchst gefährliche Schönheit , die in steter Angst vor den Verfolgungen ihrer wüthenden Anbeter lebte . Bei alle dem aber blieb ich ein gutes Kind , lernte meine Lexionen , strickte meine Strümpfe , nähte meine Wäsche , half meiner Mutter im Hauswesen , und niemand sah mir an , welche Wunder in meinem Köpfchen herumspuckten . Jenes fantastische Spielwerk war nur eine Ergötzlichkeit in müssigen Stunden ; mein Held hatte noch gar keine Gestalt und konnte keine haben , denn ich wußte keine ihm zu geben . Da ich noch nicht confirmirt war , so durfte ich noch nicht in der Welt erscheinen und kannte daher nur wenige junge Männer , die aber , welche ich kannte , gefielen mir nicht , hauptsächlich wohl , weil sie von mir noch keine Notiz nahmen . Die empfindsame Siegwarts-Periode , die bald darauf eintrat , gieng ziemlich spurlos an mir vorüber . Zwar versuchte ich es ebenfalls , Vergißmeinnicht zu pflücken , und mit dem bleichen Monde einen Verkehr anzuspinnen , und das gieng auch in so weit recht gut von statten ; nur die Leiden machten mir Noth . Ich wußte dem blassen Freunde nichts zu klagen und war zu gesund und ehrlich , um mit Glück dergleichen erfinden zu können . Daher gab ich die ganze Sache bald auf und ward aus einer pinselnden deutschen Romanheldin wieder eine stolze , englische Schönheit . Einen weit grössern Eindruck als Siegwart machten auf mich Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen , die auch um jene Zeit erschienen . Die theologischen Abhandlungen und Contraversen , welche dieses Buch enthielt , überschlug ich , das versteht sich von selbst ; aber es belustigte mich sehr , zum erstenmal ' in meinem Leben gute alte Bekannte in meinen Büchern zu finden . Die englischen Lords und Ladies waren mir niemals wie recht lebendige Personen vorgekommen , obgleich ich es nicht ableugnen mag , daß sie mir vielleicht nur deshalb um so interessanter erschienen , weil meine Fantasie um so freier mit ihnen schalten und walten durfte . Die Herren Puff und Consorten hingegen sah ich zuweilen am Tische meiner Eltern , und gleich Oelenschlägers Correggio , da er das erste niederländische Bild erblickt , gerieth ich darüber in freudige Verwunderung , daß man auch so etwas malen könne . Endlich stand ich in meinem vierzehnten Jahre , nahe an der Gränze des jungfräulichen Alters ; da trübte zum erstenmal die schwere Hand des Unglücks mein fröhliches sorgloses Dasein . Ich verlor meine gute , liebe , herrliche Mutter , gerade in dem Zeitpuncte , da ich ihrer milden leitenden Hand am nöthigsten bedurft hätte . Sie entschlief sanft und still wie sie lebte . Es raubte sie uns ein schleichendes Uebel , das seit der Geburt meiner Schwester langsam und fast unmerkbar verzehrend , an ihrem Leben genagt hatte , bis sie ohne Klage in sich zusammensank , während wir uns mit den schönsten Hoffnungen ihrer nahen vollkommnen Genesung schmeichelten . Ausser mir vor Schrecken und Schmerz stand ich , ein halbes Kind noch , an ihrem Sarge , in dem nehmlichen Saale , wo wir vor wenig Tagen noch so froh mit ihr gewesen waren , und dessen ringsum schwarzbekleidete Wände ich jezt kaum wieder erkannte . Ich hielt mein armes kleines Schwesterchen auf dem Arme , das in kindlicher Unschuld die vielen Lichter anlächelte , welche zum leztenmal die theure bleiche verstummte Gestalt beleuchteten . Neben mir stand mein trostloser Vater ; zum erstenmale sah ich die Thränen eines Mannes , es war mir unbeschreiblich furchtbar , ihn laut weinen zu sehen ; wie ein unnatürliches Wunder kam es mir vor und all ' mein Blut erstarrte mir in den Adern . Ohnehin eignete sich der ganze Trauerapparat jener Zeit auf das vollkommenste dazu , den innern zerreissenden Schmerz durch die äussere Erscheinung bis zum Unerträglichen zu steigern . Nicht nur der Vater und wir Kinder , auch alle Bedienten des Hauses waren in schwarzen Krepp gehüllt , den langnachschleppenden Schleier , die breite schwarze Schneppenbinde , die nur das Gesicht frei lies , durfte ich während der ersten Wochen sogar nicht im Hause ablegen . Bis nach dem Begräbnistage waren alle Fenster des Hauses dicht verschlossen , Wohnzimmer , Treppen und Vorsaal schwarz umhangen , und die schwarz gekleideten Leute alle schlichen mit unhörbarem Tritt , Gespenstern gleich , durch die düstre Dämmerung . So wollte es nicht nur unser Schmerz , so wollte es auch die damalige Sitte . Ach und wenn ich mitten in dieser düstern Pracht das bleiche liebe Gesicht meiner Mutter im Sarge ansah ! wie war das Bild des Todes so furchtbar vor meine junge Seele getreten , ich wollte vor Schmerz und Grauen dabei vergehen , ich meinte , nie wieder froh werden zu können und ward es doch ; denn die Macht der Zeit überwindet alles , besonders wenn Jugend sie unterstüzt . Ich muß sogar bekennen , daß ich früher wieder ruhig und heiter ward , als ich mir selbst es gestehen mochte : ich sei es . Auch mein Vater gewann bald Fassung genug , um seinen Verlust zu ertragen , obgleich er nie lernte ihn zu verschmerzen , denn er hatte meine Mutter unendlich lieb gehabt . Sie selbst mit ihrem reinen weichen Herzen , mit ihrem klaren bescheidnen Sinne war , nach Art der bessern Frauen jener Zeit , stets nur der anmuthigste Nachhall seines freieren kräftigeren Wesens . Ihr Gemal war ihre sichtbare Gottheit auf Erden . Mein Mann hat es gesagt , oder : der Herr hat es befohlen , galten ihr , ersteres in der Gesellschaft , das zweite im Hause , für Gründe und Aussprüche gegen die , ihrer Meinung nach , kein Vernünftiger etwas einwenden konnte . Und dennoch war sie fern von jeder sklavischen Unterwürfigkeit ; es war nur ihrem liebenden Herzen unmöglich , sich etwas Höheres und Besseres zu denken , als ihren Gatten . Alle Sorgfalt und Liebe meines Vaters ward von nun an mir doppelt und dreifach zugewendet . Mein kleines Schwesterchen konnte er nur mit stiller Wehmuth betrachten . Es blieb im Hause unter der Aufsicht einer alten Wärterin . Diese hatte auch meine hülflose Kindheit einst gepflegt , und sich durch vierundzwanzig jährige treue Dienste das Recht erworben , als ein Mitglied unserer Familie betrachtet zu werden , dem es zuweilen erlaubt wurde , bei bedeutenden Angelegenheiten derselben ein Wort mit zu reden . Meine Konfirmazion war durch den Tod meiner Mutter auf einige Monate hinausgeschoben worden und dieser bedeutende Schritt ins Leben wurde , abgesehen von jeder andern höheren Ansicht desselben , in meinem jetzigen verlassnen und verwaiseten Zustande doppelt wichtig für mich . Denn von jenem Moment an ward ich nicht nur als ein selbstständiges Mitglied der Gesellschaft betrachtet , ich trat auch zugleich an die Spitze unseres nicht unbedeutenden Haushalts und nahm die Verpflichtung auf mich , hier nach Kräften die Stelle meiner verewigten Mutter zu ersetzen . Seit ich die Heftigkeit des ersten Schmerzes über den Verlust meiner Mutter überwunden hatte , war mir das Unersetzliche derselben nie wieder so herzzerreissend aufgefallen , als in dem Augenblick , da ich nach jener religiösen Feierlichkeit zuerst wieder unser vereinsamtes Haus betrat . Ich sehnte mich ganz unbeschreiblich nach einem Paar mich umfangender Arme , nach einem Herzen , an das ich mit vollem Vertrauen das meine legen könnte , aber ich blieb einsam . Ich befand mich in einer ganz eignen nie zuvor gekannten Stimmung des Gemüths . Dieses war bewegt von der heiligen Handlung , von der ich eben zurück kam , aber es war nicht in seinen Tiefen ergriffen , es war nicht erwärmt . Der flüchtige , wenn gleich heftige Eindruck , den der heutige Tag auf mich gemacht hatte , mußte sogar bald einer eignen Art von Eitelkeit Raum geben , denn ich begann sehr selbstgefällig das eben überstandne öffentliche Examen mir wieder zurück zu rufen , bei dem ich allen Andern mich überlegen gezeigt hatte . Denn bei keinem einzigen der biblischen Sprüche , die ich auswendig lernen mußte , um durch sie die Glaubenslehren zu beweisen , welche meine Lippen bekennten , hatte mir mein Gedächtnis den Dienst versagt ; doch leider war auch kein einziger von ihnen bis in mein Herz gedrungen , denn ächte Frömmigkeit war mir von Jugend auf , selbst dem Begriffe nach , fremd geblieben . Als bloßes Gedächtniswerk hatte ich Religion gelernt , wie ich auch Geographie und Geschichte lernte ; ihr Geist hatte nie mich durchdrungen , und nie , so lange ich lebte , hatte ich , ausser der Kirche die man zuweilen aus Gewohnheit noch besuchte , von Gott reden gehört . Liebe Kinder , wundert Euch nicht über dieses Bekenntnis , sondern beklagt mich , daß meine Jugend leider in jene kalte trostlose Zeit fiel , in der man begann sich der Religion zu schämen . Von jeher bahnte ja Uebertreibung einer andern Uebertreibung ganz entgegengesezter Art den Weg , und so drang denn auch plötzlich aus der düstern Nacht des kurz zuvor herrschenden krassesten Aberglaubens , das grelle Flackerlicht des trostlosesten Unglaubens hervor , den man damals Aufklärung nannte . Was war dabei wohl natürlicher , als daß die vom schnellen Uebergange aus dem Dunkel zu jenem kalten Nordschein geblendete Menge einen andern Irrweg einschlug , als den eben verlassnen , ohne zu ahnen , daß es einen richtigern Pfad geben könne ? Die geistreichsten Männer jener Zeit , mit ihnen mein Vater , ließen von Voltaires kaltem , aber glänzendem Witze sich hinreissen , der das Heiligste mit dem Unheiligsten zugleich schonungslos verspottete . Eine furchtbare Erkältung der Gemüther nahm immer mehr und mehr überhand , und Voltaires Anhänger rühmten sich laut : keine Religion , als die eines rechtlichen Mannes anzuerkennen ; la religion d ' un honnéte homme , wie sie es nannten . Leider gehörte auch mein Vater zu diesen . Meine wahrhaft fromme , in stiller Einfachheit erzogene Mutter schwieg zu alle dem aus Ergebenheit gegen meinen Vater , dessen Ansichten sie nie widersprach ; sie konnte dies um so eher , da man sie ungestört ihren stillen Weg gehen lies . Denn es war Grundsatz jener Aufgeklärten , die Weiber und das Volk bei dem , was sie Irrthümer nannten , so lange zu lassen , als diese darin verharren wollten . In Hinsicht auf mich , tröstete sich meine Mutter damit , daß ich den gehörigen Religionsunterricht täglich von einem Kandidaten erhielt , und für ihre Person begnügte sie sich mit der ihr gelassenen Freiheit , sich ganz still zu entfernen , wenn der französirende Witz der Gesellschafter meines Vaters gegen Dinge , die ihr heilig waren , zu hoch ansprudelte . So trat ich denn als ein recht armes verlassnes Kind ins erweiterte Leben , ohne die Leitung einer verehrten Mutter und ohne den Trost jenes , über das Irdische und jeden Schmerz desselben uns erhebenden Gefühls , den das Bewußtsein uns gewährt , daß wir unter dem Schutze und der Leitung eines mächtigen , gütigen , unbegreiflichen Wesens stehen , an welches ich leider nie dachte , obwohl ich im Herzen daran glauben mußte . Denn ich war nicht irreligiös , ich war nur gar nichts , weil kein Ton um mich her mein armes erstarrtes Herz erweckte und das darin schlummernde Gute ins Leben rief . Jezt , da ich eine fast sechzigjährige Matrone bin , werdet Ihr es mir hoffentlich nicht als Eitelkeit auslegen , wenn ich unumwunden gestehe , daß ich vor undenklich langer Zeit sehr schön war . Der Form nach zeigst Du , meine Vicktorine , mir im Spiegel der Erinnerung einigermassen mein Bild ; nur zürne nicht , wenn ich behaupte , daß mein langes weiches blondes Haar noch reicher und seidner war , als dein braunes ; mein milderstrahlendes blaues Auge vielleicht noch ausdrucksvoller als Dein dunkles , meine Farbe noch blendender als die Deine , mein Wuchs voller und höher . Genug , ich zeichnete mich , trotz aller Verkrüppelungen der damaligen Mode , vor allen meinen Jugendgespielinnen sehr auffallend aus . Seht mich nur recht darauf an , lieben Kinder : so vergeht Glanz und Ehre der Welt . Mein gütiger Vater fieng jezt an , nicht nur sein Kind mit einiger Eitelkeit zu betrachten , sondern auch mit einem gewissen Stolze , dessen kleine Vorzüge an das Licht zu ziehen , dem nur die väterliche Liebe zur Entschuldigung dienen konnte . Er hatte meine sanfte anspruchslose Mutter unendlich lieb gehabt , er war an ihrer Seite und durch sie unbeschreiblich glücklich gewesen , und doch ließ er von jener Eitelkeit sich verleiten , mich ganz zum Widerspiele dessen ausbilden zu wollen , was sie gewesen war . In seiner Erinnerung wachte wiederum der Frühling seines Lebens auf , den er in Paris , zum Theil in den Salons jener geistreichen Frauen zugebracht hatte , welche zu seiner Zeit als Ton angebende Regentinnen von ihrem Lehnstuhl ' aus , in halb Europa die Geister beherrschten . Madame du Deffant , die geistreiche L ' Espinasse , Madame de Tencin , und so viele andere , die damals durch Geist , Witz , Talent und Liebenswürdigkeit ein eignes geistiges Reich mitten im frivolsten Treiben eines immer tiefer sinkenden Volkes errichteten , wer kennt nicht jezt noch ihre Namen ? Mein Vater hatte an den Strahlen ihres Geistes gerade in der Zeit sich gesonnt , in der die von jugendlichem Enthusiasm erfüllte Brust so leicht und gern jedem schmeichelnden Eindruck sich hingiebt ; er hatte sich in den tiefsten Tiefen seines Gemüths so manche herrliche Erinnerung an sie aufbewahrt , welche die väterliche Liebe ihn jezt mit dem Wesen seiner Tochter verwechseln lies , und so verführte er sich selbst zu dem Plan ' , alles daran zu setzen , um mich zu einer , jenen berühmten Damen ähnlichen Erscheinung umzubilden , wenn ich gleich bestimmt schien , in einem weit beschränkteren Kreise zu glänzen . Wenigstens wollte er mir durch Lektüre und mündlichen Unterricht eine über jedes Vorurtheil erhabene Richtung geben , und machte dies von nun an zum Hauptgeschäfte seines Lebens . Meine natürlichen Anlagen , vereint mit einer Eitelkeit , welche durch die meines Vaters neu belebt ward und die man in meiner Lage verzeihlich finden wird , unterstüzten ihn bei diesem Unternehmen so kräftig , daß ich in der That nach wenigen Jahren als eine sehr blendende Erscheinung da stand , und durch alle glänzende Eigenschaften eines für die grosse Welt gebildeten Geistes , durch Witz und schnelle Urtheilskraft nicht minderes Aufsehen erregte , als durch meine , zu immer höherer Schönheit erblühende äussere Gestalt . Mädchen und Frauen , mit denen ich bis dahin noch Umgang gehabt hatte , suchten zwar jezt meine Nähe weniger , mieden sie vielleicht gar , weil sie anfiengen sie drückend zu empfinden ; doch ich achtete dies wenig , denn auch mir war das Beisammensein im gewohnten Kreise nach und nach langweilig geworden . Nach dem Tode meiner Mutter hatte ohnedem unsre Lebensweise sich , ganz unmerklich , völlig anders gestaltet . Unser Umgang mit so vielen der ersten und angesehensten Familien der Stadt , den ich Euch so eben beschrieben habe , hatte ganz allmählig von selbst aufgehört , ungefähr wie die Schwingungen des Perpendikels einer ins Stocken gerathenen Uhr , die doch nie so ganz mit einemmal ' abbrechen . Wenn viel Zuhausebleiben häuslich leben heißt , so lebten wir in der That weit häuslicher als da meine Mutter noch mit uns war , denn wir giengen fast nie aus , dafür aber versammelten wir täglich einen , zwar nicht sehr ausgedehnten , aber erwählten Kreis geistreicher Männer in unserm Hause . Eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft , die meinem Vater unerwartet zugefallen war , machte es uns möglich , dies mit zierlicher Eleganz thun zu können , gleich weit entfernt von Ueberfluß und ängstlicher Sparsamkeit . Künstler , Gelehrte , interessante Männer aus jedem Fach , deren diese Stadt noch in diesem Augenblick weit mehrere verbirgt , als man gewöhnlich glaubt , waren als tägliche Gäste uns stets willkommen . Viele Fremde schlossen sich diesem Kreise an , ja es hielt sich fast kein Einziger von einiger Bedeutung länger als einen Tag in der Stadt auf , ohne bei uns Zutritt zu suchen . Auch an fremden Künstlern fast von allen Nazionen fehlte es nicht , die zum Theil durch uns bekannter zu werden hofften , und gern und willig unseren geselligen Abenden durch ihr Talent einen neuen Reiz gewährten . Ich hatte mich unterdessen dabei gewöhnt , die Honneurs von meines Vaters Hause mit einer Leichtigkeit , einem Anstande zu machen , welche diesen über allen Ausdruck erfreuten . Alle unsere Gäste lobten mich um die Wette , viele behaupteten geradezu , daß ich an jedem Hofe , sogar in Paris , Aufsehen und Bewunderung erregen müsse . Mir schwindelte das junge Köpfchen bei diesem Lobe , doch vor allem beglückte es mich um meines Vaters willen , an dem ich jezt mit ungemessner Liebe hieng . Sein stilles Entzücken über mein seltnes Gelingen in der Gesellschaft entgieng meinem Scharfblicke nicht , und ich bemerkte recht wohl , wie sein freudig-glänzendes Auge heimlich-triumfirend jede meiner Bewegungen verfolgte . Wenn ich , was oft genug geschah , furchtlos die Stimme erhob , und in gewählten schön geordneten Phrasen meine entscheidende Meinung über irgend einen eben besprochenen Gegenstand der schönen Litteratur an den Tag legte , so war es mein Vater allemal , der zuerst die Aufmerksamkeit der Anwesenden mir zuzuwenden suchte . Er hörte mir theilnehmender zu , als alle Andere , wenn ich über irgend einen Satz der damals herrschenden philosophirenden Moral , oder gar der Politik aburtheilte , welche letztere schon damals Freiheit und Gleichheit zu predigen anfieng . Mit beifälligem Lächeln lohnte er es mir , wenn ich mit leichtem stechendem Witz Ungereimtheiten schonungslos verfolgte , oder mich in einen geistreichen Wettkampf einlies , bei dem ich gewöhnlich den Sieg davon trug . Meine seltne Gewandheit des Geistes gab mir in solchen Fällen zwar oft eine Art von Ueberlegenheit , doch öfterer noch mochte ich wohl diesen Sieg der damals noch üblichen Höflichkeit meiner Gegner verdanken , die nach alter Art zu galant waren , um ihn im Ernst ' einer Dame streitig machen zu wollen . So sah ich denn in blühender , unerfahrner Jugend von einer Schaar von Männern mich umgeben , die mir alle , ohne Unterschied des Standes oder der Jahre , den Hof machten , jeglicher nach seiner Weise . Ich thronte , gleich einer kleinen Königin , ohne Nebenbuhlerinnen in ihrer Mitte , denn meine Schwester war noch zu jung , um in unsern Abendgesellschaften zu erscheinen , und meine weiblichen Bekannten hatten sich nach und nach alle gänzlich von mir zurückgezogen . Ich vermißte sie eben so wenig als ihr Wegbleiben aus unserm Hause mich befremdete , denn ich wußte von meinem Vater , daß meine Vorbilder , die tonangebenden Damen in Paris , zu ihrer Zeit eben so allein mitten in dem Männerkreise da gestanden als ich jezt . Die Stelle , welche mein Vater unter den Diplomaten dieser Stadt einnahm , machte es mir freilich bei seltnen festlichen Gelegenheiten zuweilen zur Pflicht , in grössern , aus beiden Geschlechtern zusammengesetzten Gesellschaften zu erscheinen , aber auch in dieser behauptete ich meinen Platz . Ich war hier zu laut und zu allgemein als die Erste in jeder Hinsicht anerkannt , als daß es einer andern hätte einfallen können , mir diesen Rang streitig machen zu wollen . Sobald ich ausser dem Hause erschien , umgaben mich die vornehmsten meiner Verehrer gleich einer Wagenburg , und die , welche nicht bis zu mir hindurchdringen konnten , sonnten sich von ferne in meinen Strahlen . In aller Unschuld ward ich auf diese Weise recht kokett , wenn nehmlich Kokettsein so viel heißt , als ohne Unterschied allen gefallen wollen . Ich wollte dies in der That , aber doch nur , weil ich keinen Mann gesehen hatte , dem ich in meinem Herzen vor allen seines Gleichen hätte den Vorrang einräumen können . Alle , die ich kannte , galten mir gleich , aber ich betrachtete sie auch alle wie Unterthanen , von denen mir keiner rebellisch werden , oder gar einer andern Fahne sich zuwenden durfte . Mein eigentlichstes Streben war doch nur , meinem Vater zu gefallen , nicht nur weil er mein Vater , sondern weil er zugleich der edelste geistreichste Mann war , den ich kannte . Ihm anzugehören , die Freude dieses Greises zu sein , war mein Stolz , und seine mit jedem Tage zunehmende Liebe zu mir mein einziges Glück . Das Bild seiner Jugend , wie ich mir es dachte , wurde mein Ideal , und ich schlug mehrere Heirathsanträge aus , weil alle diese Männer , die sich um mich bewarben , meinem Vater zu unähnlich waren , als daß ich einen von ihnen hätte der Ehre werth halten können , sein Sohn zu heissen . Diese jungen Herren , welche sich um mich her drängten , erschienen mir eigentlich alle in einem etwas kläglichen Lichte . Es entgieng mir nicht , daß nur eine noch ungemessenere Eitelkeit als meine eigne sie an den Stufen meines Thrones versammle ; deshalb achtete ich sie im Grunde zu wenig , um auf ihre Huldigungen grossen Werth legen zu können ; aber es belustigte mich , wenn ich ihre Thorheit zu meiner Unterhaltung benutzte , und sie wie Marionetten behandelte , denen ich nach Belieben Leben und Bewegung verlieh . Die Zeit vergieng , aus Tagen wurden Wochen , aus Wochen Monate , aus Monaten Jahre , ohne daß ich es sonderlich gewahr ward , und so hatte ich eben mein zwei und zwanzigstes