, allein daß er peinlich leiden mußte bei dieser Entdeckung meiner Thorheit , dessen war ich gewiß . Und was sagte er ? fragte ich endlich vor Angst . - Er wollte sogleich zu Ihnen , wollte Sie sprechen ... Nun ? warum ging er denn fort ? - Ich mußte diese Frage mehrmals wiederholen , ehe Miß Arnold sie verstand . » Er besann sich , wollte sich erst fassen , und wird in einer Stunde zurückkehren « war endlich ihre Antwort . Ehe diese Stunde verflossen war , hatte sich mein Unwille über Miß Julie zum Theil durch ihre Liebkosungen , zum Theil von einer neuen mich beschäftigenden Furcht , gelegt . Ich besorgte , Herr Maitland möchte es für Pflicht der Freundschaft halten , meinen Vater mit meiner Schuld an Lord Friedrich bekannt zu machen , ich wünschte ängstlich , dieses zu verhindern ; aber Maitland um Verschwiegenheit zu bitten , verbot mir mein Stolz . Wie er zu mir eintrat , war meine Verlegenheit nicht geringer wie die seine , obwohl ein unbefangener Beobachter in mir den Kampf ohnmächtigen Stolzes , in ihm den Streit des tiefsten Schmerzes mit dem festen Sinn des Rechtschaffnen gelesen haben würde . Bei seinen ersten Worten waren seine Empfindungen noch zu stürmisch , um ihnen gewohnte Deutlichkeit zu geben , doch , in Selbstbeherrschung geübt , ging er nach wenigen Momenten mit Zartheit und Güte in die Erörterung des Gegenstandes ein , der ihn zu mir geführt hatte . Da er meine Abneigung , mich meinem Vater zu entdecken , vernahm , bat er mich auf das ehrerbietigste , mir die Summe , welche ich Lord Friedrich schuldig war , vorstrecken zu dürfen . Auf meine bestimmte Weigerung schlug er Miß Mortimer als Mittelsperson vor ; aber auch dieses lehnte ich ab , und durch die innige Rührung in seinem Ausdruck meines Sieges über sein Herz , durch die Ehrerbietung seines Betragens meiner Herrschaft über seinen Willen immer sichrer , gewann mein Leichtsinn immer mehr die Oberhand über die mich bisher folternden peinlichen Gefühle , und mit rücksichtslosen Kunstgriffen war ich bemüht , das Gespräch auf den Punct zu bringen , wo Herr Maitland einer Erklärung nicht würde entgehen können . Der nächste Gegenstand unserer Unterredung machte mir das leicht . Sie betraf Lord Friedrichs Bewerbung ; ich äußerte mit empörendem Leichtsinn , daß jede Wahl gleichgültig sey , da bei der meinen die Liebe noch immer ausgeschlossen seyn würde . - Er hoffe , das solle nicht der Fall seyn , bemerkte Herr Maitland mit erzwungener Fassung . - » Er wird es , fuhr ich Leichtsinn nachäffend fort , denn wem kann meine Hand endlich zufallen ? Von den Männern die sich um mich drängen , will der eine Theil ein Spielwerk , an das er sein Geld hänge , der andre Theil , mein Geld , um es an seine Spielwerke zu hängen . Wie wäre der eine und der andere im Stand , mein Herz zu schätzen ? Ja , hätte ich einen Mann gefunden , fähig der Freund meiner Jugend zu seyn , das wenige Gute in mir zu entwickeln , meine Fehler zu ertragen und zu bessern , einen Mann den ich geliebt hätte , weil er meine Achtung gewonnen , so würde ich ihm vielleicht meine lebhafte , herzliche Freundschaft geschenkt haben . « Diese ganze Rede war eine eingelernte Rolle , allein in ihr lag der Kern meines bessern Sinnes , und gegen das Ende zu nahm die wahrste Rührung in meiner Seele Platz . Maitland saß mir gegenüber , den Arm auf ein zwischen uns stehendes Tischchen gelehnt ; während ich sprach , hatte ich nicht den Muth ihn anzusehen , jetzt nahm ich aber wahr , daß der starke Mann zusammenzuckte , und der leichte Tisch von dem Zittern seines Arms bebte . Plötzlich fiel mir die Schilderung ein , die mir Miß Arnold von seinem Zustand , bei ihrer Entdeckung meiner Schuld an Lord Friedrich , gemacht ; ich sah mich meines Siegs über Maitlands Herz gewiß , meine guten Regungen verflogen , und ich blickte auf , um seine Fassung zu erspähen . Sein Auge schien mit seinen scharfen Blicken bis ins Innerste meiner Seele zu forschen ; seine Wangen glühten , doch nur einen Moment . - Todtenblässe verdrängte dieses Roth , er faßte zitternd meine Hand , kämpfte einen Augenblick nach der Kraft zu sprechen und sagte endlich , meine Hand gleichsam von sich werfend , im Ton des ernstesten Vorwurfs : » Ellen , wie können Sie , da Sie Ihre Gewalt über mich wahrnehmen , wie können Sie ! ... Andere möchten meine Schwäche verachten , ich selbst verachte sie - aber Ihnen , Ihnen hätte sie heilig seyn sollen . « Wie soll ich mir selbst den Vorgang in meinem Innern erklären ? Nun hatte ich also meinen Zweck erreicht , ich hatte Maitland das Geständniß seiner Niederlage entrissen ; allein weit entfernt mich meines Sieges zu erfreuen , fühlte ich mich durch den Vorwurf , den seine Worte enthielten , aufs tiefste verwundet . Sein Mißfallen übte die Kraft des bösen Gewissens über mich , und ich war so erschüttert , daß ich , unfähig meine Fassung zu finden , mein Haupt nicht aufzuheben vermochte . Herr Maitland stand einige Augenblicke gedankenvoll und schweigend ; dann sagte er mit halb erstickter Stimme : » Nein , nicht jetzt ... schenken Sie mir morgen einige Momente ; es werden die letzten seyn . « Und ehe es mir möglich war , ein Wort über die Lippen zu bringen , hatte er sich entfernt . Wie eine Verbrecherin , schlich ich in mein Zimmer , wo Selbstvorwürfe , Zorn gegen Miß Arnold und eine unklare Furcht vor den Folgen von Herrn Maitlands Unwillen mich peinlich beschäftigten . Mein Triumph über den Sieg meiner Reize gewann nur nach und nach Raum in meinen Betrachtungen , ja ich mußte das Andenken an alle meine Bemühungen , diesen Sieg zu erreichen , zurückrufen , um den Entschluß , mich nie vor einem stolzen Liebhaber zu demüthigen , zu erneuern . » Mag er seine Fesseln brechen , wenn er kann « , rief ich endlich mit neu erwachtem Uebermuth - denn noch war mein Leichtsinn nicht fähig , den Verlust Herrn Maitlands als Freund zu ermessen , er hatte ihn nur als Sklav zu sehen gestrebt . Herr Maitland ließ sich am folgenden Morgen nicht erwarten , aber seine Fassung war von der des vorigen Abends gänzlich verschieden . Sie drückte Ruhe , Selbstherrschaft , Würde aus . Er begann ohne Verlegenheit , sich für schuldig zu erkennen , indem er sich ein paar Mal von seinem Gefühl hätte hinreißen lassen , und glaubte mir Erklärung darüber geben zu müssen . Gekränkt durch seine Selbstbeherrschung , gab ich ihm einige leichtsinnige Antworten und nahm dann , wie er auf seinem Ernst beharrte , mit nachlässigem Wesen meine Näharbeit in die Hand , als suche ich durch sie das mangelnde Interesse seiner Unterhaltung zu ersetzen . » Flößt es Ihnen gar keine Neugier ein , Ellen « , nahm Herr Maitland das Wort , » zu erfahren , wie Sie ein Herz , das Sie mit treuer Neigung zu umfassen wohl geschickt gewesen wäre , gewonnen , und wie Sie es verloren haben ? Ist es auch nicht um meinetwillen , so könnte es Ihnen doch vielleicht einst nützen , wenn von einem Mann , für den auch Sie empfinden , die Rede ist . « - » Ich hoffe , so schlimm wird mir es ja nicht gehen , die Liebeslaune irgend eines Mannes je zu beklagen . « - » Hier war von keiner Liebeslaune die Rede « , nahm Herr Maitland von neuem mit Ernst das Wort . » Sie waren meine erste Liebe , und Ihre Wohlfahrt wird mir zärtlichen , innigen Antheil einflößen , noch lange nachdem meine gegenwärtigen schmerzlichen Empfindungen erloschen sind . Allein ich muß fliehen , ehe ich die Kraft verliere , dem zu entsagen , dessen Besitz mich unendlich elend gemacht hätte . « - » Sicher , mein Herr , dieses Elend würde ich Ihnen ersparen « , sagte ich mit schwellendem Stolz , denn auf diese Sprache hatte ich von Seiten eines Liebhabers nicht gerechnet . - » Ellen , das ist kindisch . Zürnen Sie , weil ich Ihnen die Langeweile vergeblicher Bewerbung erspare ? Wenn ich Sie mit Schmerz verlassen sollte , müßten Sie die Vorzüge wieder besitzen , die mich zuerst an Ihnen bezauberten ; denn nicht Ihre Schönheit gewann Ihnen mein Herz . Ich hatte Sie oft gesehen und war kalt geblieben . Es war Ihre kindliche Einfalt , Ihre gänzliche Absichtslosigkeit , Ihr völlig durchsichtiges Gemüth , wie ich es nennen muß , um die Leichtigkeit auszudrücken , mit der ich Ihre Empfindungen errieth , die mich gewannen . Wenn ich ermattet von Arbeit war , krank von der Herzlosigkeit der Menschen , so kam ich zu Ihnen und dachte ... Nun ists ja Eins , was . « - Herr Maitland hielt inne ; mein beßres Gefühl siegte , ich begriff , daß ich seine Achtung verloren hatte , und Thränen füllten mein Auge . Allein die Furcht , er möchte meinen , daß ich den Verlust seiner stoischen Liebe bedaure , zwangen sie in mein stolzes Herz zurück . Er fuhr fort : » Ich nahm aber bald wahr , daß unsre Wünsche , unsre Bestrebungen nicht übereinstimmten , daß sie das häusliche Glück stören müßten . Nach dem dreißigsten Jahr sieht ein Mann wohl ein , daß nach dem Entzücken des Liebhabers der Gatte eine lange Reihe von Jahren vor sich hat , wo er entweder seine Sorgen und Freuden mit seinem Weibe theilen , oder die Unterwerfung der Abhängigkeit von ihr fordern muß . Das Letztere könnte ich nie . - Ihre Wünsche hätten mich jeden Augenblick verletzt , und - seine Stimmung ward immer feierlicher - wie könnte der , welcher einen Freund sucht , den erwählen , der seine Beschäftigung für lästig hält , seine Freuden für Hirngespinnste , seine Hoffnungen für einen Traum ? - Nein , Ellen , die Gattin eines Christen muß mehr seyn , als das Spielwerk seiner müßigen Stunden , sie muß sein Mitgenoß seyn bei der Arbeit , beim Gebet . « - Mein Stolz empörte sich immer mehr . » Genug , mein Herr « , sagte ich , » ich bin hinlänglich von meiner Unfähigkeit , eine Würde , nach der ich nie Verlangen trug , zu bekleiden , überzeugt . « - » Das glaube ich Ihnen , Miß Percy , und das söhnt mich mit meinem Opfer aus . Vermindern Sie es also nicht durch diese Verachtung ! Es bedarf ihrer nicht , um mich zu überzeugen , daß Sie nicht ohne eifrige Bewerbung gewonnen werden können - ich versuchte diese , versuchte sie , bis mich meine Schwäche überraschte - und nun ist es gerade noch Zeit , zu entfliehen ; deshalb reise ich in vierzehn Tagen nach Westindien ab . « - Mir war es , als versänke die Erde unter meinen Füßen . - Daß Herr Maitland unsern Familienkreis meiden würde , darauf war ich gefaßt ; aber Westindien ! - » Nach Westindien ? « wiederholte ich kaum hörbar . - » Ja . Ich habe dort Geschäfte . Doch schon zu lange sprach ich von mir selbst . Da der Fall eintritt , wo es recht ist , daß die rechte Hand die linke abhaue , so ists besser , der Streich sey geschehen . Nur , noch eine Bitte liegt mir am Herzen ... « Er zögerte ; ich hatte nicht die Kraft , zu fragen , was ich zu vernehmen so begierig war . Maitland faßte meine Hand . » Ellen « , sagte er mit Innigkeit , » ewig theure Ellen , mancher trübe Gedanke wird , wenn wir weit getrennt sind , Sie belasten ; ich bitte , vertrauen Sie diese Miß Mortimer und übergeben ihr dann dieses Päckchen ! « - Ich begriff , daß es die Mittel enthielt , die Schuld an Lord Friedrich zu tilgen , ich lehnte das Anerbieten ab , versicherte , daß diese Schuld keine Eile habe , daß sie kein Geheimniß sey , daß ich sie wegen eines Spielwerks eingegangen wäre ... doch , meine heftige Bewegung wahrnehmend , beherrschte ich mich schnell und bat ihn mit neu erwachendem Stolz , Miß Mortimer bei ihrer Kränklichkeit nicht mit dieser Kleinigkeit zu belästigen . Er suchte mich zu widerlegen ; da er aber meine Beharrlichkeit bemerkte , rief er : » So ists Zeit , zu enden . Leben Sie wohl , Ellen ! Aller Segen ... « Hier versagte ihm seine Stimme ; er warf einen Blick auf mich . - O nie , nie verschwand dieser Blick vor meinem Gedächtniß , und über den Schmerz , der um seinen Mund zuckte , glitt ein Lächeln , wie ein Sonnenblick über die sturmgeschlagne Flur . Ich wendete mich ab , und er verschwand . Ich erlebte , wie alle Welt mich verließ , ich wanderte heimlos in fremden Straßen , ich sah mich mit den Unseligsten des Menschengeschlechts in dem Ort des Grausens eingesperrt , aber den Schmerz fühlte ich niemals wieder , der mich ergriff , da ich wieder in das Zimmer hinblickte und Maitland nicht mehr fand . Miß Mortimers Worte tönten in mein Ohr : » Die Guten und Weisen werden Sie verlassen . « - O sie haben mich verlassen , und ich bin freundlos , allein ! rief ich zur Erde sinkend und verbarg mein Haupt auf dem Platz , auf dem Maitland gesessen hatte . Nach diesen Aeußerungen wird man nun glauben , daß mein Herz wirklich einen tiefen Eindruck empfangen hätte . - Das war aber keineswegs der Fall . Herr Maitland hatte meine Eitelkeit gereizt , er hatte meine Neugier erregt , sein Gespräch hatte mich angezogen , ich fand in der Unterhaltung mit ihm den Genuß , geistige Fähigkeiten in mir zu entdecken , die in dem flachen Geschwätz meiner andern Bekannten nicht angeregt wurden , ich besaß eine Art kindlichen Vertrauens in seine Güte , sein Charakter flößte mir eine tiefe Achtung ein - was mich bei seiner Abreise so heftig schmerzte , war die Gewißheit , seine Achtung verloren zu haben , von ihm durchschaut worden zu seyn , es war die Bekümmerniß , des Rückhalts seiner Güte , der Ueberzeugung von seinem Schutz , die unklar aber fest in meiner Seele ruhte , beraubt zu seyn . Leider blieb dieser Eindruck so wenig wirksam , daß ich schon nach einigen Stunden mit gewohntem Leichtsinn mit Lord Friedrich liebäugelte , und nach wenigen Tagen , während der ich das Andenken an Maitlands Abschied als etwas Schmerzliches vermieden hatte , seiner kaum mehr gedachte . Der Befehl meines Vaters rücksichtlich der Besuche des Lords in seinem Hause , war keineswegs befolgt worden ; er stellte sich täglich daselbst ein , ich begegnete ihm in dem größten Theil meiner Gesellschaften , am häufigsten traf ich ihn bei Lady St. Edmond , deren Umgang ich , weil er mir mehr , als jeder andre schmeichelte , noch immer am häufigsten aufsuchte . Meine angenehmsten Stunden brachte ich bei ihr in einem kleinen Zimmerchen zu , in welchem Kunst , Luxus und Geschmack erschöpft waren , um den eigensinnigsten Forderungen eine Genüge zu leisten . Die mildesten und frohesten Farben verschmolzen sich an den Wand- und Fensterbekleidungen , einige üppige Landschaften , von Meisterhand gemalt , die schönsten Vasen , die zierlichsten Divans machten diesen kleinen Raum zu einem Feenaufenthalt , den Abends Alabasterlampen mit Mondlicht erhellten , zu dem aber ein großes Fenster das Tageslicht nur durch die Verzweigung der schönsten , duftenden Blüthenpflanzen zuließ . Ein herrliches Pianoforte , eine eben so vortreffliche Harfe , eine kleine Sammlung Dichter vollendeten den Aufputz dieses Cabinets . Nie ward es von einem Bedienten betreten ; der wenige Dienst , den man darin verlangte , ward von einer leichtfüßigen , rosenwangigen Zofe besorgt . Hier war Lord Friedrich meistens der Dritte in unserer Gesellschaft , Lady St. Edmond behandelte mich wie eine vertraute Freundin , ich empfand nicht die mindeste Scheu gegen sie , und so blieb es seiner Klugheit überlassen , diese unbedachten Zusammenkünfte zu benutzen . Ohne daß er meinem Herzen lieber geworden wäre , als im Anfang unserer Bekanntschaft , wußte er sich durch die Sprache der verliebten Schmeichelei meiner Aufmerksamkeit je mehr und mehr zu bemächtigen ; ich hatte mich an das eitle Spiel kleiner Gefallkünste , Zwiste , Nachgeben , Gebieten , Beherrschen gewöhnt , und wenn ich hier und da durch irgend einen Zug in Lord Friedrichs Betragen gewarnt , aufmerksam wurde , beruhigte ich mich selbst mit der Ueberzeugung , daß zwischen mir und einem Mann , dessen Bewerbung mein Vater unbedingt abgewiesen , nicht die Rede von einem nähern Verhältnisse seyn könnte . Eines Morgens , den ich , wie so oft geschah , bei Lady St. Edmond in obenerwähntem Cabinette in Gesellschaft Lord Friedrichs zubrachte , ward sie eines Geschäftes wegen abgerufen , und der Lord benutzte unser Alleinseyn , um mit unerwartetem Ernst mir seine Leidenschaft zu erklären . Ich suchte , wie schon früher bei weniger dringendem Geschwätz dieser Art , durch witzige Einfälle abzuwehren ; allein er veränderte seinen Angriff und stellte mir sehr ernstlich das Recht vor , welches mein Betragen ihm gegeben hätte , Hoffnungen zu hegen . Dieser Vorwurf erschreckte mich auf eine sonderbare Weise , er gab mir augenblicklich ein Bewußtseyn meiner Schuld , aber zugleich eine entschiedne Abneigung gegen den Mann , der Rechte an mich geltend machen wollte . In der größten Angst , aber mit eben so großer Wahrhaftigkeit gestand ich ihm , daß , seit mein Vater sich bestimmt gegen seine Bewerbung erklärt , ich ihn von allen Männern für den gehalten hätte , mit dem es am gleichgültigsten wäre , sich zu unterhalten , und , in ihm eine ähnliche Ansicht voraussetzend , wäre mir es nie eingefallen , in seinen Reden einen ernsthaften Sinn zu suchen . Mit Heftigkeit klagte er mich jetzt an , ihm in den Augen der Welt Hoffnungen gegeben zu haben , die nun seine Ehre in Gefahr brächten , in unsern nähern Verhältnissen Vorschläge nicht unwiederruflich verworfen zu haben , die nur die Liebe genehmigt . - Diese Vorwürfe riefen mir jenen unseligen Maskenball zurück , wo der Leichtsinn meines Betragens den Lord damals zu dem Vorschlag einer Entführung nach Schottland veranlassen konnte ; zugleich hatte mir aber Herrn Maitlands Charakter die Gewohnheit erhalten , dem Wort » Ehre « , in dem Munde eines Mannes einen höhern Werth beizulegen , als der Gebrauch der Modewelt ihm ertheilt . Ich schauderte vor dem Gedanken , Lord Friedrichs Ehre durch meine gefallsüchtige Laune Anfällen ausgesetzt zu haben , und fand deshalb nicht den Muth in mir , seine flehenden Bitten , ihm noch jetzt nach Schottland zu folgen , so wie ich hätte thun sollen , abzuschlagen . Ich ließ mich auf Gründe meiner Weigerung ein : meines Vaters bestimmte Abneigung gegen eine Verbindung mit dem Lord war der erste , und wenn meine Denkart klar und mein Sinn edel gewesen wäre , hätten die abgedroschnen und herzlosen Gründe , mit denen er das väterliche Ansehen zu schwächen suchte , mir den Unwerth des Mannes und die Gefahr , mich ihm anzuvertrauen , ins hellste Licht stellen müssen . Aber er bewies mir , daß meine persönlichen Vorzüge allein mich emancipirten , daß meines Vaters Weigerung meine Rechte schmälerten , daß allgemeine Regeln einen höhern Geist nicht bänden , und mein Vater nach dem ersten Aufbrausen seines Unwillens einer Verbindung , die in jeder Rücksicht angemessen sey , seinen Beifall nicht versagen würde . - Diese Schmeichelreden beschwichtigten meine Unruhe , aber dennoch empfand ich eine große Erleichterung , als Lady St. Edmonds Rückkehr dem Gespräch ein Ende machte . Ohne eine entschiedene Neigung für den Mann , dem ich die tägliche Gelegenheit , meine Schwäche zu benutzen , zugestanden hatte , ohne einen klaren moralischen Sinn , welcher mir einen deutlichen Begriff von den Bedingungen zu meinem wahren Glück geben konnte , theilte ich Miß Arnold meine Verlegenheit mit und bat Lady Edmond um Rath . Die Erstere schien blos Theilnahme , Mitgefühl zu zeigen , und bewies mir doch , daß , bei dem nachtheiligen Eindruck , den Lady Maria ' s Darstellung meiner Thorheit am Ballabend gegen mich erregt , eine Heirath mit Lord Friedrich der sicherste und für mich der schmeichelhafteste Weg sey , meine Unruhe zu beendigen . Lady St. Edmond fand Mittel , mir in einer Wolke von Weihrauch über meine Vorzüge , meine Empfindungsart , meinen Geist zu beweisen , daß ich mich in den Fall gesetzt hätte , wo nur meine Heirath mit Lord Friedrich mein Betragen zu rechtfertigen im Stande sey . Während es mir so von allen Seiten an einer weisen Einwirkung gebrach , da mein thöricht eitles Herz sich vor der einzig rettenden , der meiner verehrten Miß Mortimer , fürchtete , weil es sich bewußt war , dort keine Schmeicheleien , keinen in Lob gehüllten Tadel , sondern strenge Mahnung an die Pflicht zu hören , versäumte Lord Friedrich nicht , bei jeder Gelegenheit die Sprache der Leidenschaft gegen mich zu führen . Eines Tags fand ihn mein Vater zu meinen Füßen , in einer feurigen Rede begriffen . Im Gefühl seines verletzten Hausrechts , da er sich seine Besuche verbeten , mit der Erbitterung , die ihm Einer aus der verhaßten Kaste erregen mußte , der in dem zarten Punct der väterlichen Gewalt seinen Absichten zu widerstreben suchte , verabschiedete er ihn mit mehr Bestimmtheit , wie gutem Ton . Der Auftritt war empörend für mich , weil mein Vater , indeß vier starke Lakaien an der Saalthür standen , sein Hausrecht gegen den einzelnen Mann übertrieb ; er war höchst erschütternd , weil ich den ernsten Mann noch nie so von Zorn übermannt gesehen hatte . Wie Lord Friedrich das Zimmer verließ , stieß mein Vater die Thür mit einem gewaltigen Fußtritt zu , nahte sich mir heftig , faßte gewaltsam meine Hand und rief : » Hattet Ihr vergessen , Ellen Percy , daß diesem Glücksjäger mein Haus verschlossen seyn sollte ? Fortan geschehe das nicht wieder ! Ich kann Euch dreimalhunderttausend Pfund hinterlassen und arbeite an einem Project , die Summe zu verdoppeln ; aber Euer ältester Sohn soll John Percy heißen , und eben so seines Sohnes Sohn , und Ihr sollt keinen unverschämten aristokratischen Bettler heirathen , der sich unterstehen möchte , den Mann , dem er sein Daseyn zu verdanken hätte , über die Schultern anzusehen . Gott verdamme mich , wenn ich das je zugebe ! Versteht Ihr mich , Ellen Percy ? « - Bei diesen Worten schüttelte er meine Hand und schleuderte sie so gewaltsam von sich , daß ich wankend mich an einem Stuhl halten mußte , indeß er zornglühend das Zimmer verließ . In der Jugendzeit , wo Mangel an erduldeten Leiden uns Muth gibt , und die Einfachheit unsrer Verhältnisse unsre Urtheilskraft noch gar nicht geprüft hat , kann ein besser geordnetes Gemüth , wie das meine , durch Heftigkeit zum Widerstand gereizt werden . Mir erschien meines Vaters Betragen so despotisch , daß es mich aufforderte , alle Rechte der Natur für mich geltend zu machen . Ungewohnt , mein Betragen tadeln , noch weniger , meiner Neigung Verbote auflegen zu sehen , suchte ich zu meines Vaters Widerwillen gegen eine Heirath mit Lord Friedrich nun eine besondre Ursache und fand sie durch die Bedingung erklärt , unter welcher er meine Hand zu vergeben gedachte . Einem Mann ohne Namen wollte er mich geben , einem untergeordneten , nüchternen , anspruchbaren Geschöpf , dem sein Geld erst zu einem Daseyn verhelfen sollte - und in dem Maße , wie ich mir sein Bild ausmalte , befestigte sich der Entschluß , gegen diese Gefahr mich zu schützen . Bis dahin hatte ich die Weise , wie ich dieses thun wollte , nicht beschlossen , ja nicht überlegt ; ein nichtsbedeutender Zufall mußte sie bestimmen . Während der Mahlzeit erwähnte Miß Arnold eines glänzenden Frühstücks , zu dem uns Lady B. auf den folgenden Morgen eingeladen habe . Mein Vater erklärte , daß ich weder bei diesem Frühstück , noch in irgend einer andern Gesellschaft erscheinen solle , bevor ich ihm nicht feierlich angelobt , mit Lord Friedrich keine Art von Verkehr mehr fortzusetzen . » So muß ich zu Hause bleiben « , sagte ich mit trotziger Entschlossenheit , » denn nach dem Frühstück ist ein Ball , und ich habe mit Lord Friedrich zu tanzen versprochen . « - » Nun so genießen Sie Ihr Frühstück zu Haus , Miß Percy ; ich hoffe , es soll so gut wie Lady B. ihres seyn . « - Mein Verdruß bei diesem Ausspruch meines Vaters war nicht gering ; denn ein gestickter Morgenanzug , um den Lady Maria in Handel gestanden , und den ich durch einen übermäßigen Preis ihr entzogen hatte , sollte heute ihren Neid erregen . Aber mein Widerwille , meinen Vater durch eine Bitte zu besänftigen , war viel größer , wie dieser Verdruß . Miß Arnold half dem Einen und dem Andern ab . Ihr Einfluß bei meinem Vater hatte seit Miß Mortimers Entfernung so zugenommen , daß es ihr auch bei dieser Gelegenheit nicht schwer fiel , seine Erlaubniß rücksichtlich des Frühstücks zu erhalten ; allein ein bestimmter Befehl , fortan jedem Verkehr mit Lord Friedrich unbedingt zu entsagen , verhinderte mich , Freude darüber zu empfinden . Den folgenden Morgen beim Familienfrühstück - denn meine Einladung bei Lady B. verhinderte diese Familienmahlzeit nicht - erhielt mein Vater einen Brief , den er mit sichtlicher Bestürzung las und , seine Theetasse unberührt hinstellend , augenblicklich das Zimmer und gleich darauf das Haus verließ . Sein Benehmen ängstigte mich , auch Miß Arnold schien es mit Unruhe zu bemerken , allein die Stunde des Ankleidens war da , und so überließ ich mich , ohne des Vorgangs wieder zu gedenken , dem Wirbel des Tags . Das Frühstücksfest verlief wie alle solche Feste : mit der Larve der Freude , mit leeren Köpfen , mit Herzen , die oft von Neid und Bitterkeit erfüllt , also schlimmer , wie leer sind . Es war seit jenem Abend des Maskenballs das erste Mal , daß ich Lady Maria begegnete ; der Anblick meines , ihrer Eitelkeit entzogenen Kleides konnte nicht dazu beitragen , ihr das Andenken jenes Abends in einem mildern Lichte erscheinen zu lassen , und so war ihr jede Gelegenheit mich zu demüthigen willkommen . Sie fand sie bei Veranlassung eines Tanzes , in welchem sie mich von meinem Platze verdrängte . Lord Friedrich , der mein Partner war , suchte die Sache beizulegen , allein die Umstehenden waren wenig geneigt , ihm behülflich zu seyn , so daß ich tief gekränkt den Reigen verließ . Lord Friedrich führte mich auf meinen Platz zurück , er nahm den Augenblick wahr , mir den Vortheil zu zeigen , den ein einziges Wort mir über Lady Maria geben könnte ; und was seine leidenschaftlichen Bitten nicht vermocht hatten , bewirkte der gekränkte Stolz - ich willigte ein , mit Lord Friedrich nach Schottland zu fliehen . Um allen Verdacht zu vermeiden , ward verabredet , daß wir Lady St. Edmond ins Vertrauen ziehen wollten ; sie solle mich am folgenden Morgen in ihrem Wagen bis Barnet führen , wo mich mein künftiger Ehemann in Empfang nehmen würde ; Miß Arnold gedachte ich den Plan zu verschweigen , denn sie hatte mich vor wenigen Tagen mit weisem Kopfschütteln gebeten : im Fall ich je in eine Entführung willigte , möchte ich sie mit dem Geheimniß verschonen , da sie es für ihre Pflicht halten könnte , meinen Vater davon zu unterrichten . Von dem Augenblick an , wo ich das unselige Versprechen gegeben hatte , schien mir die Gesellschaft um mich her , der Saal , die Musik wie in einem undeutlichen Nebel zu schwimmen . Mein Gemüth war so erschüttert , daß ich mir wie aus mir selbst herausgetreten vorkam ; Lord Friedrichs anscheinendes Entzücken hatte keinen Sinn für mich , ich sah die Dinge sich um mich drehen , ohne ihre Absicht und Bedeutung fassen zu können , so wie im Sonnenschein die Mücken vor unsern Augen schweben , ohne daß wir ihre Gestalten zu unterscheiden vermögen . Vergeblich warf ich mich in das Geräusch der Gesellschaft , suchte Gespräch , versammelte die Männer durch mein Geschwätz , entfernte die Weiber durch Jener Beifall - das gegebne Versprechen stand zwischen mir und der Außenwelt , es trieb mich nach Hause , und vor dem Gedanken schaudernd , daß mir dann erst jenes Schreckbild recht nahe treten würde , war ich doch die Letzte unter denen , die in später Nacht die leer gewordenen Säle verließen . Nach einer schlaflosen , der peinlichsten Unentschlossenheit dahingegebenen Nacht fand ich erst gegen Morgen einige Augenblicke unruhigen Schlummers ; dennoch stand ich sehr früh auf , machte die nöthigsten Vorbereitungen zu meiner vorhabenden Reise und versuchte ein paar Zeilen an meinen Vater zu schreiben . Sie sollten ihn meiner kindlichen Liebe versichern , ohne mein Vorhaben zu verrathen . Aber wie unfähig war ich zu diesem Geschäft ! Zehnmal setzte ich einige Zeilen zusammen , die mir nicht genügten , zerriß das Geschriebne und beschloß endlich , diese Absicht erst dann , wenn mein Vorhaben ausgeführt sey , zu erfüllen . Sobald die Frühstücksstunde geschlagen hatte , begab ich mich aus meinem Zimmer , eifrig die letzte Gelegenheit , meinen Vater zu sehen , ergreifend und zitternd , ihm mit diesem Bewußtseyn