sie dann mit einer stummen Verbeugung verließ , um sich eine andre Tänzerin zu wählen . Eines Abends , in einer großen Gesellschaft , wandte sich das Gespräch auf den echt spanischen Fandango . Aurelie war eben in sehr glänzender Laune , und so bedurfte es nicht großer Ueberredungskraft , um sie zu bewegen , ihn zu tanzen , obgleich die musikalische Begleitung , außer dem Tambourin und den Kastagnetten , nur noch aus einem Pianoforte bestehen konnte , und an einen Mittänzer gar nicht zu denken war . » Du kennst die Figuren des Fandango , ich weiß es vom Tanzmeister , « sprach Aurelia zu Gabrielen , indem sie die sich vergeblich Sträubende in die Mitte des Saales mit sich fortzog ; » übrigens , « setzte sie noch , wie ihr zum Troste hinzu , indem sie ihr die Kastagnetten aufzwang , » übrigens hat es wenig zu bedeuten , wer neben mirherhüpft . « Die mehresten der Anwesenden , sogar die Gräfin , blickten mit mitleidiger Besorgniß auf die arme Gabriele , die beinahe zitternd , mit niedergeschlagnen Augen dastand , während ein dichter Kreis von Zuschauern sich um sie und ihre Kusine bildete . Endlich sah sie auf , ihr erster Blick fiel auf Ottokar , der neben Ernesto stand , und sie mit ängstlicher Theilnahme betrachtete . Unfern von beiden winkte ihr Frau von Willnangen Muth zu , und nie war diese Gabrielen der verlornen Mutter so täuschend ähnlich erschienen . Der Anblick der befreundeten Gestalten , die ersten Takte der ihr bekannten Musik , aus welcher ihr Erinnerungen an ihre glückliche Kindheit wiederhallten , begeisterten sie ; die Gewalt , mit der sie ihre Aengstlichkeit niederzukämpfen suchte , verknüpft mit dem lebhaften Wunsche , die durch ihr Gelingen zu erfreuen , welche ihr wohlwollten , versetzten sie in eine Art von Extase . Wider alles Erwarten gelang es ihr , mit unnachahmlicher Grazie auch den künstlichsten Wendungen Aureliens zu folgen , die jetzt in vollem Ernst mit der eben Verachteten zu wetteifern begann . Wie ein weißer Schmetterling die prachtvoll erblühte Centifolie umflattert , so schwebte die kleine Silfidengestalt um die hohe schöne Aurelia her . Der Anblick war wirklich entzückend , lauter , rauschender Beifall übertönte fast das Pianoforte ; nach beendetem Tanze drängte sich alles , um beide mit Lob- und Danksprüchen zu überschütten , vorzüglich aber Gabrielen ; denn ein unerwartet neu entdecktes Talent gilt immer mehr als ein längst bekanntes . Frau von Willnangen , Ernesto , Ottokar sogar , erhoben Gabrielen bis in die Wolken , andre folgten diesen anerkannten Koriphäen des guten Geschmacks , sogar die Gräfin erklärte sich für stolz auf ihre liebe Nichte und umarmte sie mit großer Zärtlichkeit . So ward das Unerhörte herbei geführt , daß Aurelia wirklich zu ihrem eignen höchsten Erstaunen ein paar Minuten lang um der kleinen Kusine willen vergessen und verlassen dastand , und diese Erfahrung war ihr nicht weniger neu , als Gabrielen , die der allgemeinen , laut ausgesprochnen Bewunderung . Mit dem Scharfblick besorgter Mutterliebe bewachte Frau von Willnangen Ottokars Benehmen gegen Gabrielen bei jeder sich bietenden Gelegenheit . Nichts war ihrem genauen Aufmerken entgangen , weder jenes festere Umfangen ihres Lieblings beim ersten Tanze in der Neujahrsnacht , noch sein Besorgtseyn um Gabrielen , als Aurelia sie zum Fandango hinzog . Freudig hatte sie gesehen , mit welchem Entzücken er hierauf jeden ihrer Schritte mit den Augen verfolgte , zuletzt in laute Bewunderung ausbrach und sich allen Andern vordrängte , um der Erste zu seyn , der ihr für das Allen gewährte Vergnügen seinen Dank aussprach . Auch in Ottokars übrigem Betragen gegen Gabrielen glaubte sie , wenn gleich nicht leidenschaftliche Liebe , doch ein stilles Hinneigen zu ihr zu erblicken , denn Wunsch und Hoffnung sind zu nahe verwandt , als daß sie im Laufe des Lebens nicht oft sollten eins für das andere gehalten werden . Frau von Willnangen gewöhnte sich nach und nach , alle die kleinen Aufmerksamkeiten mit in ihre Waage zu legen , durch welche Ottokar die Hausgenossin , die nahe Verwandte seiner Gastfreundin , vor andern auszeichnete . Sie sah , mit welcher zarten Schonung und zugleich mit welcher Gewandtheit er so manche kleine , Gabrielen drohende Verlegenheit von dieser abzuwenden wußte ; sie legte alles zum Vortheil ihrer Wünsche aus , und wahrhaft mütterliche Liebe verleitete sie endlich zu Mißgriffen , welche bei der welterfahrnen , klugen Frau sich nur durch dieses vorherrschende Gefühl entschuldigen lassen . Zu diesen Mißgriffen gehörte , daß sie nicht nur es nie vermied , mit Gabrielen über alle jene ihr bedeutend dünkenden Zufälligkeiten in Ottokars Benehmen gegen sie zu sprechen , sondern sie sogar aufmerksam darauf machte , und sie ihr aus einem Gesichtspunkt zeigte , der für Gabrielens Ruhe durchaus gefährlich werden mußte . Augustens ewig heitre Fantasie , ihre warme Anhänglichkeit an Gabrielen verleiteten auch diese , das Gemälde einer Zukunft vollends auszumalen , welche keine von ihnen mit deutlichen Worten zu nennen wagte , die aber Mutter und Tochter für jedes andere Gemüth , als Gabrielens , dennoch nur zu deutlich bezeichnet haben würden . Diese , zu wenig vertraut mit allem , was auf das wirkliche Leben Bezug hat , verlor sich nur mit süßer Schwärmerei in die von ihren Freundinnen ihr geöffnete helldunkle Aussicht . In ruhigen , einsamen Stunden strebte sie freilich , zu ihrer ehemaligen Resignazion wieder zu gelangen , und war es sich sogar nicht bewußt , wie weit sie von ihr gewichen sey . Ottokarn zu werden , was er ihr war , diese Möglichkeit hatte sie noch nie mit klaren Worten sich gedacht , aber noch weniger die , daß eine Andre so über alles von ihm geliebt werden könne . So verwirrten sich ihre Wünsche , ihre Hoffnungen immer mehr , sie vermied sogar , zur Klarheit über sie zu gelangen , und ihr Tagebuch enthielt von nun an nur die Ergießungen eines leidenschaftlich aufgeregten Gemüths , das sich scheut , ein Dunkel zu durchdringen , in welches es sich vor sich selbst verhüllt . Der Winter zog allmählig fort , die Tage wurden länger , und im wärmeren Sonnenstrahl erglänzten schon die schwellenden Knospen der Bäume . An Gabrielens Rückkehr nach Schloß Aarheim ward indessen nicht gedacht , obgleich der anfänglich dazu bestimmte Zeitpunkt nicht mehr fern war . Der Baron , welcher mit jedem Tage seinem großen Ziele sich zu nähern glaubte , und deshalb ungestört zu bleiben wünschte , hatte schon früher die Gräfin schriftlich um die Erlaubniß gebeten , den Aufenthalt seiner Tochter bei ihr auf unbestimmte Zeit verlängern zu dürfen , und Gabriele war zu sehr von der Gegenwart befangen , als daß sie den Wechsel der Zeiten hätte bemerken können . Tage und Monden gingen an ihr vorüber , ohne daß sie an die Möglichkeit einer Abänderung in ihren Verhältnissen gedachte . Indessen konnte eine um diese Zeit entstehende geheimnißvolle Bewegung im Hause ihrer Tante ihr doch nicht verborgen bleiben , welche auch außer ihr jedermann bemerkte und niemand verstand ; sogar Ernesto nicht , denn die Gräfin pflegte nach Art aller Frauen , die in der großen Welt eine Rolle zu spielen gewohnt sind , ihr eignes Geheimniß sicher zu bewahren , sobald sie es wollte . Sie selbst blieb still und freundlich , wie jemand , der dem Gelingen großer Pläne mit Zuversicht entgegen sieht . Dabei konnte sie indessen es doch nicht lassen , sich zuweilen mit halbverhüllten Winken an Gabrielen zu wenden , von denen es schien , als wollten sie dieser eine große Freude , ja sogar ein hohes Glück verkünden . Aurelia erschien in dieser Zeit strahlender und übermüthiger als je zuvor , Ottokar war mehr in sich gekehrt , und man bemerkte eine ihm sonst nicht gewöhnliche Ungleichheit der Gemüthsstimmung in seinem Betragen . Unter der Dienerschaft herrschte ein immerwährendes leises Treiben , die Gräfin selbst leitete es , es sah aus wie Zubereitungen zu einem prächtigen Feste , oder zu einer großen Reise , oder zu beiden ; niemand von den dabei Beschäftigten wußte es zu erklären , und alle zerbrachen sich darüber die Köpfe . Gabriele bemerkte wohl , daß alle diese Erscheinungen auch auf sie Bezug haben müßten , sie sann über ihre Bedeutung nach , bis sie von der allgemeinen , dumpfen Unruhe quälend ergriffen wurde , und war nach jedem , so in vergeblichem Aufmerken verlebten Tage herzlich froh , wenn der Abend hereinbrach und der gewohnte Kreis sich in den Zimmern der Gräfin versammelte , welcher jetzt , nach den vorübergezognen Zerstreuungen des Karnevals , wieder in seine alten Rechte getreten war . Eines Tages schien die allgemeine Spannung der Hauptpersonen des Hauses auf das höchste gestiegen , noch nie waren die Gräfin so geheimnißvoll , Ottokar so ernst in sich gekehrt , Aurelia so übertrieben lustig gewesen . Allen , welche diesen Tag an der Mittagstafel der Gräfin Theil nahmen , fiel dieses unheimliche Wesen bis zum Aengstlichwerden auf . Nichts konnte ihnen daher Erwünschteres kommen , als der für den Abend verheißne Besuch eines berühmten Deklamators , denn er versprach nicht nur Schutz gegen die bei dieser Stimmung der Gesellschaft zu befürchtenden Langenweile , sondern auch gegen etwannige Ausbrüche einer innern Aufgeregtheit der Gemüther , von der sich jedes ergriffen fühlte . Unter allen aber freute sich Gabriele darüber ; noch nie war ihr Gelegenheit geworden , einen Künstler dieser Art zu hören , sie hatte überhaupt keinen Begriff , wie man das , was sie als Deklamation kannte , zum Hauptzweck seines Lebens machen könne , und erwartete daher etwas ganz außerordentliches von einem sich einzig diesem Zwecke weihenden Künstler . Alles , was sie jemals von Improvisatoren , von Troubadours , von Barden , die als überall willkommne Gäste mit ihren Liedern durch die Länder zogen , ja sogar vom Wanderleben Homers gehört und gelesen hatte , kam ihr wieder ins Gedächtniß . Sie erwartete nicht viel Geringeres als alles dieß zusammen , und war daher nicht wenig verwundert , als der Erwartete in Gestalt eines hagern , kleinen , schwarzgekleideten , sehr jungen Männchens hereintrat und der Gräfin vorgestellt ward . Seine Ungeduld , sich hören zu lassen , schien nicht minder groß , als die der Anwesenden , ihn zu hören . Er ergriff die erste Gelegenheit , sich anscheinend nachlässig in einen Lehnstuhl zu werfen , und begann mit nicht auffallend angenehmem Sprachton seine Rezitationen . Es war wunderlich anzusehen , wie er sich ängstlich abmühete , zu deklamiren , ohne dabei zu agiren . Mit der untern Hälfte des Körpers gelang es ihm , er saß mit kreuzweis über einander geschlagnen Beinen wie angebunden auf seinem Sessel , aber die Züge seines Gesichts , Arme und Hände waren gleichsam wider seinen Willen in ewiger theatralischer Bewegung . Er hatte kein Buch nehmen wollen , weil er behauptete , sich vollkommen auf sein Gedächtniß verlassen zu können , dieß aber vermehrte die Verlegenheit , in welche ihn die Haltung seiner Hände augenscheinlich versetzte . Freilich hätte er auch eine ganze Bibliothek herbeischaffen müssen , so viele ganz heterogene Dichtungen der heterogensten Dichter ließ er im schnellsten Wechsel auf einander folgen . Endlich kam auch Macbeths bekannter Monolog an die Reihe . Schauerliches Schweigen herrschte im Saal , alles horchte seinen dumpfen , geisterartigen Tönen . » Ist das ein Dolch ? « rief er mit Macbeths stierem Blick und einem plötzlichen Griff auf den vor ihm stehenden Tisch . » Es ist nur die Lichtschere , « flüsterte Aurelia , laut genug , um von den nahe Stehenden , wahrscheinlich auch vom Deklamator selbst gehört zu werden , denn sobald dieser den Monolog beendet hatte , erinnerte er sich eines Versprechens , noch diesen Abend in einer andern Gesellschaft zu erscheinen , und eilte davon . » Shakespear ! ach Shakespear ! « rief die Gräfin , indem sie sich entzückt auf dem Sopha zurück lehnte , und so es vermied , ihr Urtheil über den Deklamator zu frühe zu äußern . Beim Shakespeare war sie ihrer Sache gewiß , nicht so bei jenem , obgleich dem in allen Zeitungen Gepriesenen in jeder Pause seines Vortrags von einem großen Theil der Anwesenden lauter Beifall gezollt worden war . » Wie groß erscheint Shakespear , wo man auch immer ihn antrifft ! « fuhr die Gräfin fort ; » wie sogar nicht zu ertödten ! Welch eine Höhe ! und welche Tiefe ! Wie treten seine Gebilde hinaus in die Wirklichkeit ! « » Ich bin nur froh , daß der Deklamator endlich zum Saal hinaus getreten ist , « sprach Ernesto ganz gelassen . Erstaunt sah die Gräfin ihn an , und war doppelt froh , sich an Shakespeare gehalten zu haben , da nun auch der Professor anfing , Klopstocks Ode , Theone , zu rezitiren . Still auf dem Blatt ruhet das Lied , noch erschrocken Von dem Getös ' des Rhapsoden , der es herlas , Unbekannt mit der sanfteren Stimme Laut , und dem volleren Ton . » Die armen Lieder ! « sprach lächelnd Auguste , » sie haben nicht einmal ein Blatt , auf dem sie ruhen könnten , er sagte sie auswendig her , und mir ist daher noch immer , als fühle ich die heimathlosen Geister mich ängstlich umschwirren . « Antonius wollte wenigstens das große Gedächtniß des Deklamators bewundert wissen , konnte aber nicht damit zu Stande kommen , denn Ernesto verdammte gerade dieß aus dem Kopfe-Hersagen , als einen der ärgsten Mißgriffe , welche sich der Deklamator hatte zu Schulden kommen lassen , und der Professor trat ihm treulich bei . » Wodurch wird das Lied zum Liede ? « sprach dieser ; » durch den Rhythmus , den Versbau , die Wahl des Ausdrucks , nicht durch die poetische Idee allein . Mit der strengsten Auswahl wägt der Poet jedes Wort , jede Silbe , überall sucht er den Geist und die Harmonie aufs genauste zu vereinen , und Gott weiß , wie schwer ihm dieses in unsrer an guten Reimen so armen Sprache oft wird . Verzweifeln müßte er , wenn er es anhörte , wie solch ein Deklamator alle seine Mühe vernichtet und die auswendig gelernten Lieder mißhandelt ! » Das ists ja eben , « setzte Ernesto hinzu , » die Herren haben es nur auswendig und nicht inwendig , sonst müßten sie fühlen , was sie zerstören , wenn sie hier ein fremdes Wort einschalten , weil das rechte ihrem untreuen Gedächtniß entschlüpfte , dort einen falschen Akzent anbringen , oder ein kurzes Wort dehnen , weil sie vom vorhergehenden eine Silbe verschluckten , und nun mit dem Versmaaß nicht auskommen . Auch das beste Gedächtniß sichert vor dergleichen nicht . Auf dem Theater verdecken Spiel und theatralische Täuschungsmittel diese Mängel so ziemlich , auch Sängern und Sängerinnen will ich es allenfalls nachsehen , wenn sie unsre Dichter verstümmeln , man versteht sie ohnehin nur selten , und wird es also nicht gewahr ; aber der Deklamator , der uns den vollkommensten Genuß eines poetischen Werkes verspricht , müßte sich nie in den Fall setzen , so fehlen zu können . « » Ich wünschte fast , es gäbe gar keine Deklamatoren in der Welt , « sprach Frau von Willnangen ; » wenigstens fühle ich immer das innigste Mitleid , wenn ich einen jungen Menschen sehe , der von falschverstandner Kunstliebe sich verleiten ließ , diesen Weg zu wählen , um darauf durch die Welt zu kommen . « » Denen jungen Herren , die weder Lust zum Graben noch zum Erlernen gründlicher Kenntnisse haben , scheint dieser Weg aber sehr lustig und bequem , « erwiederte der Professor , » sie denken noch obendrein , etwas Ungemeines für die Kunst zu thun , wenn sie von Stadt zu Stadt gehen und pathetisch hersagen , was andre Leute gedichtet haben , und was jeder seit der Erfindung der Buchdruckerkunst in seinem Kabinet lesen und sich dabei das gerade für ihn Passende auswählen kann . « » Dabei sind sie gewöhnlich in offenbarem Zwiespalt mit sich selbst , « setzte Ernesto hinzu . Deklamiren mit Aktion oder ohne Aktion , das ist die Frage , die sie nie lösen können . Ersteres mitten im Zimmer auf plattem Boden , hat denn doch immer etwas komisches , abgerechnet , daß es auch dem eigentlichen Begriffe des Deklamirens ganz entgegen steht . Und sich beim Deklamiren im übrigen ganz ruhig zu verhalten , ist fast unmöglich , oder wird es erzwungen , so kann niemand sich an dem Anblick freuen . Eigentliches Deklamiren möchte ich ganz auf das Theater oder auf die Bühne der Volksredner verweisen , wenn es deren noch außer den Kanzeln welche gäbe ; zur gesellschaftlichen Unterhaltung aber würde ich bloßes Vorlesen mit Ausdruck und Präzision allen Deklamatorien vorziehen . « Es ward über diesen Gegenstand noch viel hin- und hergestritten , bis Ernesto Gabrielen aufforderte , den Streit zu beenden und der Gesellschaft zu zeigen , was er mit Vorlesen eigentlich meine . Er kannte ihr schönes , sorgfältig von der Mutter gebildetes Talent , und ergriff gern diese , wie jede Gelegenheit , seine junge Freundin nicht sowohl an das Licht zu ziehen , als vielmehr sie von der ängstlichen Befangenheit gänzlich zu befreien , von welcher sie noch zuweilen befallen ward . Auch diesesmal gewährte sie nur mit innerm Zagen seinen Wunsch , überflog schnell mit den Augen ein Blatt , welches Ernesto ihr reichte , während die Lichter gerückt wurden und der Kreis der Anwesenden sich um sie her ordnete . Sie las zuerst etwas zaghaft , dann aber mit immer steigendem Affekt , immer eindringender , immer wahrer in Ton und Ausdruck , ganz sich und alle um sich her vergessend , wie an jenem Abende , als sie in Ottokars Gegenwart sang : la pura fiamma che m ' arde in petto . Kein Hauch regte sich , alle waren an ihren Vortrag wie gebannt , denn man hörte , was sie las , war der innigste Ausdruck ihres eigensten Gefühls , und sie bezwang alle Herzen mit der Wahrheit Gewalt . Sie hatte das Gedicht , welches sie vorlas , zuvor nie gesehen , es war das neueste Erzeugniß eines jungen Poeten von Ernesto ' s Bekanntschaft . Hier ist es : O laßt mich ruh ' n an dieser lieben Stelle Nur einen kurzen , stillen Augenblick ! Hier zog mein Tag herauf , so licht , so helle ; O laßt mich ruh ' n an dieser lieben Stelle ! Vergönnet mir dieß arme , einz ' ge Glück ! Ich will nicht um mich schau ' n ; laßt mich vergessen , Daß eine Zukunft ist , daß Morgen kommt . Was über heute liegt , ist unermessen , Und über Nacht zu denken , ist vermessen , Mit Sonst zu sprechen , meinem Herzen frommt . Wenn es der Welt noch einmal tagt , umdichten Mich Gram und Nacht . Dein Bild kann nur allein Die Nacht zur Dämm ' rung eines Traumes lichten , Und wie ein Traum mußt du vorüberflüchten , Geflügelt Glück ! dein bin ich , du nicht mein . Der hat ein süßes , hold Geschick , empfangen , Wer dich , du zartes Bild ! nur einmal sah ; Mich hat dieß Glück für immerdar umfangen , Bist du auch , Klara ! weit von mir gegangen ; Mein Herz bringt ewig deine Fernen nah . In meiner tiefsten Seele stillen Tiefen Steh ' n deine Worte , rufen nach und nach - Wie Glockentöne , die am Tage schliefen , Vom Abend aufgeweckt , zur Vesper riefen - Das Heiligste in meiner Brust mir wach . Und diese Augen sollten wiedersehen , Was nicht zu dir gehört , was du nicht bist ? Es sollten and ' re Töne mich umwehen ? Und deine liebe Stimme mir vergehen ? Giebt es solch ' Aufersteh ' n , was Grab nur ist ? Wer hörte dich und darf noch Unglück denken ? Noch an das Böse glauben und dich seh ' n ? Dein liebend Auge könnte Sonnen lenken , Und meinen Stern , den könntest du versenken In ew ' ger Trennung namenlose Wehn ? Es muß die Zeit hinab zur Zeit wohl gehen , Doch meine Liebe nicht und nicht mein Schmerz ; Selbst dieser Schmerz darf nicht die Lieb ' umstehen Gewaltsam , rauh ; er soll wie Frühlingswehen Wachrufen , Blumen gleich , ein sehnend Herz . Und wenn der Winter schlafen legt die Blumen alle , Und Herz und Sehnsucht starrt in Grabesfrost , Wenn todtgekühlt die Blumen , Herzen alle , Dann seh ' ich dich allein aus meiner Halle Noch diamanten-strahlend hoch im Ost . Bis dahin laßt an dieser lieben Stelle Mich ruhen meines Lebens Augenblick . Hier kam mein Tag , hier bleibt die Nacht mir helle ; O laßt mich ruh ' n an dieser lieben Stelle ! Euch sey die ganze Welt mit ihrem Glück ! ! Während des Lesens waren Gabrielen schon bei der Stelle : » Es sollten and ' re Töne mich umwehen ? Und deine liebe Stimme mir vergehen ? « einzelne Thränen in die Augen getreten ; sie ward im Fortfahren immer bewegter und bewegter . Bei den Worten : » Hier kam mein Tag , hier bleibt die Nacht mir helle . « versagte ihr die Stimme , und sie strebte vergebens , die beiden letzten Strophen des Liedes zu geben , dieses zu beenden . Erbleichend , verstummend stand sie endlich auf , bedeckte das Gesicht mit ihrem Tuche und eilte zum Zimmer hinaus , jede Begleitung durch eine bittende Bewegung der Hand von sich ablehnend . Ottokar , der zunächst der Thüre sich befand , war dennoch unbemerkt bis in den Vorsaal ihr gefolgt , dann faßte er ihre Hand und führte sie zu einem Sitz im Fenster , während er die Bedienten fortschickte , um Annetten herbei zu rufen . Gabriele erbebte sichtbarlich , als sie ihn erkannte ; ein Strom von Thränen schaffte ihrem gepreßten Herzen Luft , während er , den sorgenden Blick auf sie geheftet , vor ihr stand . » Fräulein , « sprach er , indem er noch immer ihre Hand hielt , » liebes Fräulein , Sie haben uns allen einen so hohen Genuß gewährt , wir alle müssen ihnen so dankbar dafür seyn ; was ist es denn , das jetzt Sie so gewaltsam niederdrückt ? Zürnen Sie mir nicht , « fuhr er fort , da es ihm schien , als wolle Gabriele sich von ihm loswinden , » zürnen Sie mir nicht , daß ich Ihrem Winke nicht gehorchte und Ihnen hierher folgte ; daß ich die Besorgniß , mit der ich Ihren schwankenden Schritt bemerkte , nicht unterdrückte . Als ihr Hausgenosse glaubte ich dieß wagen zu dürfen , und vielleicht , hoffentlich sogar , geben mir die nächsten Tage , vielleicht der morgende schon , das schöne Vorrecht , an allem , was Sie betrifft , recht innigen Antheil zu nehmen . « Gabriele horchte bebend auf seine Worte , sie war unfähig , ihm zu antworten , und fühlte sich zum erstenmal in ihrem Leben einer Ohnmacht nah . Ottokar konnte nichts , als sie unterstützen , bis die erschrockne Annette kam und sie in ihr Zimmer geleitete . Die Nacht verging Gabrielen unter lautem Herzklopfen , unter tausend wechselnden Ahnungen , Gedanken , halb verstandnen Wünschen . Jedes Wort , das Ottokar am vergangnen Abend zu ihr gesprochen hatte , tönte unaufhörlich in ihrem Innern wieder , jedes war ihr ein Räthsel , dessen Lösung sie mit Entzücken und Grauen suchte und nicht fand , bis sie ermattet spät gegen den Morgen in unerquickliche Bewußtlosigkeit versank . Ihr Erwachen zu einer ungewöhnlich späten Stunde glich ganz dem ersten im Hause ihrer Tante . So wie an jenem Morgen , durchtoseten auch heute Bediente und Handwerker das Haus mit Zurüstungen zu einem Feste . Weder Aurelia , noch die Gräfin waren den ganzen Morgen über sichtbar , selbst die Bedienten thaten geheimnißvoll , wenn sie einander auf der Treppe begegneten . Gabriele saß in ängstlicher Spannung ; unfähig zu jeder sonst gewohnten Beschäftigung , lauschte sie auf jeden Fußtritt , auf jedes Knarren der Thüren in zitternder Unruhe . Sie ahnete das Herannahen einer für ihr ganzes Leben entscheidenden Stunde , sie ahnete einen Zusammenhang zwischen dieser Stunde und dem , was Ottokar am gestrigen Abende zu ihr gesprochen hatte , ohne doch begreifen zu können , wie dieses möglicher Weise seyn könne . Gegen Mittag ließ die Gräfin ihr sagen , daß sie und Aurelia allein in ihrem Zimmer speisen würden , zugleich schickte sie ihr einen sehr glänzenden Anzug für den Abend . Alles dieses so ganz Ungewohnte vermehrte Gabrielens peinliche Unruhe , sie begann weit früher , als sonst , sich anzukleiden , und zählte hernach jeden Pendelschlag ihrer Uhr . Endlich strahlten die Kronleuchter , Equipagen rollten herbei , und schon durchrauschten die Tritte vieler herannahenden Gäste Treppe und Vorsaal , ehe Gabriele sich wirklich entschließen konnte , den Versammlungs-Saal zu betreten , und eine immer steigende Angst hemmte jeden ihrer Schritte . Unter lautem Herzklopfen blieb sie unfern der Thüre stehen ; wie durch einen dichten Flor zeigte sich ihr die ganze glänzende Versammlung , welche längs den Wänden des Zimmers einen weiten Kreis bildete . Alle nahe und entferntere Verwandte der Gräfin , alle ihre vornehmsten Bekannten waren gegenwärtig , nur Frau von Willnangen fehlte , weil eine plötzliche Unpäßlichkeit Augustens sie zu Hause hielt , und weder Ernesto , noch irgend einer der Künstler und Gelehrten , welche sonst das Haus besuchten , waren zugegen . Am obersten Ende des Kreises stand die Gräfin , reich und festlich gekleidet , neben ihr Aurelia , im weiß und silbernen Kleide , diamantne Sterne im dunkeln , mit Perlen durchflochtnem Haar ; ihr großes blaues Auge überschaute die ganze Gesellschaft , so wie etwa eine Königin ihren Hofstaat übersieht , ob niemand fehle , und als sie Gabrielen an der Thüre gewahrte , winkte sie sie zu sich heran . Uebrigens herrschte tiefe Stille in der Versammlung , man konnte das Picken der Uhren hören , so regungslos erwartend stand alles da . Da trat Ottokar in völliger Hofkleidung aus einem Seitenzimmer in der Nähe der Gräfin herein , zum erstenmal sah Gabriele ihn von einem breiten Ordensband umschlungen , und einen blitzenden Stern auf seiner Brust . Mit freundlichem Ernst , etwas bleicher , als sonst , näherte er sich der Gräfin , die seine und Aureliens Hand ergreifend , mit würdevollem Anstande beide einige Schritte vorwärts gegen die Mitte des Kreises führte , und Ottokarn als Aureliens verlobten Bräutigam der Gesellschaft vorstellte . Die Gräfin schien sich zu dieser Festlichkeit eine kleine Rede ausgesonnen zu haben , die sie , zwischen Ottokar und Aurelien stehend , mit dem Anstande der Fürstin von Messina an die Anwesenden richtete . » Der Wunsch ihrer Väter , « sagte sie unter andern , » der Wunsch ihrer Väter , wenn gleich nicht ihr unabänderlicher Wille , bestimmte dieses Paar schon seit Aureliens Geburt für einander , doch blieb dieses , meinem Willen gemäß , beiden ein Geheimniß , bis ich überzeugt seyn konnte , daß kein innres oder äußres Hinderniß sich ihrer Verbindung entgegenstelle . Die Gnade des Fürsten hat auch das letzte beseitigt , indem sie den Grafen in den Stand setzt , seiner Braut mit seiner Hand auch einen meinen Wünschen angemeßnen Rang in der Gesellschaft zu bieten ; Ottokar erhielt heute seine Ernennung zum Gesandten in Rom , und Aurelia folgt ihm entzückt in das schöne Land , zu welchem schon längst sie , wie jeden Gebildeten , die Sehnsucht zog . Auch ich werde sie dorthin begleiten , und da Graf Ottokars Bestimmung die schnellste Ausführung des längst Vorbereiteten fordert , so wird uns leider das schöne Fest des heutigen Tages durch den Schmerz des Abschiednehmens von so werthen Freunden getrübt . Schon morgen verlassen wir die Stadt , in wenig Tagen wird das hochzeitliche Band auf meinem Landgute ganz in der Stille geknüpft , und in weniger als einem Monat eilen wir Italien zu , wohin Pflicht , Liebe und Sehnsucht uns rufen . In Jahr und Tag hoffe ich indessen Sie alle hier wieder zu sehen , ich kehre dann mit der festen Ueberzeugung des Glücks meiner Kinder zurück und hoffe , in Erinnerung und Gegenwart mit meinen Freunden frohe Tage zu verleben . Auch meine Nichte , Gabriele von Aarheim , wird mich begleiten . Ich habe dich von deinem Vater dazu erbeten , « sprach sie , in ihrem natürlichen Ton , sich plötzlich zu Gabrielen wendend , » du sollst auch Italien sehen , freue dich recht , Kleine , und wünsche deiner Kusine und ihrem Bräutigam Glück , « setzte sie hinzu , indem sie ihr näher zu treten winkte . Gabriele , welche schon früher auf Aureliens ersten Wink sich genähert hatte , drängte sich jetzt mit wunderbarem Ungestüm durch die Versammlung , welche sich in dem Moment auch in Bewegung setzte , um Aurelien ebenfalls ihre Glückwünsche zu bringen . Gabriele wankte , als sie der Tante näher kam ; im Begriff zu sinken , umfaßte sie unwillkürlich das Knie der Gräfin , um sich aufrecht zu halten . » Wunderliches Kind , wie stürmisch ist deine Freude ! Hier , hier bringe deinen Glückwunsch an , « sprach lächelnd die Gräfin , indem sie sie umarmte und dann zu Aurelien und Ottokar wendete . » Glück ! Glück ! « rief Gabriele , athemlos und wie verwildert , sie konnte in augenscheinlicher Bewußtlosigkeit kein anderes Wort hervorbringen , als dieses eine , das sie mehreremale schnell wiederholte . Die Gräfin , welche auch in der höchsten Bewegung die feingezogne Linie des hergebracht Schicklichen