Freund von dem jüngern Beamten ein Paket mit beiliegendem Schreiben , aus welchem wir folgende Stelle ausheben : » Mir will scheinen , daß bei jeder Nation ein anderer Sinn vorwalte , dessen Befriedigung sie allein glücklich macht , und dies bemerkt man ja schon an verschiedenen Menschen . Der eine , der sein Ohr mit vollen , anmutig geregelten Tönen gefüllt , Geist und Seele dadurch angeregt wünscht , dankt er mir ' s , wenn ich ihm das trefflichste Gemälde vor Augen stelle ? Ein Gemäldefreund will schauen , er wird ablehnen , durch Gedicht oder Roman seine Einbildungskraft erregen zu lassen . Wer ist denn so begabt , daß er vielseitig genießen könne ? Sie aber , vorübergehender Freund , sind mir als ein solcher erschienen , und wenn Sie die Nettigkeit einer vornehm reichen französischen Verirrung zu schätzen wußten , so hoffe ich , Sie werden die einfache , treue Rechtlichkeit deutscher Zustände nicht verschmähen und mir verzeihen , wenn ich nach meiner Art und Denkweise , nach Herankommen und Stellung kein anmutigeres Bild finde , als wie sie uns der deutsche Mittelstand in seinen reinen Häuslichkeiten sehen läßt . Lassen Sie sich ' s gefallen und gedenken mein . « Achtes Kapitel Wer ist der Verräter ? » Nein ! nein ! « rief er aus , als er heftig und eilig ins angewiesene Schlafzimmer trat und das Licht niedersetzte ; » nein ! es ist nicht möglich ! Aber wohin soll ich mich wenden ? Das erstemal denk ' ich anders als er , das erstemal empfind ' ich , will ich anders . - O mein Vater ! Könntest du unsichtbar gegenwärtig sein , mich durch und durch schauen , du würdest dich überzeugen , daß ich noch derselbe bin , immer der treue , gehorsame , liebevolle Sohn . - Nein zu sagen ! des Vaters liebstem , lange gehegtem Wunsch zu widerstreben ! wie soll ich ' s offenbaren ? wie soll ich ' s ausdrücken ? Nein , ich kann Julien nicht heiraten . - Indem ich ' s ausspreche , erschrecke ich . Und wie soll ich vor ihn treten , es ihm eröffnen , dem guten , lieben Vater ? Er blickt mich staunend an und schweigt , er schüttelt den Kopf ; der einsichtige , kluge , gelehrte Mann weiß keine Worte zu finden . Weh mir ! - O ich wüßte wohl , wem ich diese Pein , diese Verlegenheit vertraute , wen ich mir zum Fürsprecher ausgriffe ! Aus allen dich , Lucinde ! und dir möcht ' ich zuerst sagen , wie ich dich liebe , wie ich mich dir hingebe , und dich flehentlich bitten : Vertritt mich , und kannst du mich lieben , willst du mein sein , so vertritt uns beide ! « Dieses kurze , herzlich-leidenschaftliche Selbstgespräch aufzuklären , wird es aber viele Worte kosten . Professor N. zu N. hatte einen einzigen Knaben von wundersamer Schönheit , den er bis in das achte Jahr der Vorsorge seiner Gattin , der würdigsten Frau , überließ ; diese leitete die Stunden und Tage des Kindes zum Leben , Lernen und zu allem guten Betragen . Sie starb , und im Augenblicke fühlte der Vater , daß er diese Sorgfalt persönlich nicht weiter fortsetzen könne . Bisher war alles Übereinkunft zwischen den Eltern ; sie arbeiteten auf einen Zweck , beschlossen zusammen für die nächste Zeit , was zu tun sei , und die Mutter verstand alles weislich auszuführen . Doppelt und dreifach war nun die Sorge des Witwers , welcher wohl wußte und täglich vor Augen sah , daß für Söhne der Professoren auf Akademien selbst nur durch ein Wunder eine glückliche Bildung zu hoffen sei . In dieser Verlegenheit wendete er sich an seinen Freund , den Oberamtmann zu R. , mit dem er schon frühere Plane näherer Familienverbindungen durchgesprochen hatte . Dieser wußte zu raten und zu helfen , daß der Sohn in eine der guten Lehranstalten aufgenommen wurde , die in Deutschland blühten und worin für den ganzen Menschen , für Leib , Seele und Geist , möglichst gesorgt ward . Untergebracht war nun der Sohn , der Vater jedoch fand sich gar zu allein : seiner Gattin beraubt , der lieblichen Gegenwart des Knaben entfremdet , den er , ohne selbsteigenes Bemühen , so erwünscht heraufgebildet gesehn . Auch hier kam die Freundschaft des Oberamtmanns zustatten ; die Entfernung ihrer Wohnorte verschwand vor der Neigung , der Lust , sich zu bewegen , sich zu zerstreuen . Hier fand nun der verwaiste Gelehrte in einem gleichfalls mutterlosen Familienkreis zwei schöne , verschiedenartig liebenswürdige Töchter heranwachsen ; wo denn beide Väter sich immer mehr und mehr bestärkten in dem Gedanken , in der Aussicht , ihre Häuser dereinst aufs erfreulichste verbunden zu sehn . Sie lebten in einem glücklichen Fürstenlande ; der tüchtige Mann war seiner Stelle lebenslänglich gewiß und ein gewünschter Nachfolger wahrscheinlich . Nun sollte , nach einem verständigen Familien- und Ministerialplan , sich Lucidor zu dem wichtigen Posten des künftigen Schwiegervaters bilden . Dies gelang ihm auch von Stufe zu Stufe . Man versäumte nichts , ihm alle Kenntnisse zu überliefern , alle Fähigkeiten an ihm zu entwickeln , deren der Staat jederzeit bedarf : die Pflege des strengen gerichtlichen Rechts , des läßlichern , wo Klugheit und Gewandtheit dem Ausübenden zur Hand geht ; der Kalkül zum Tagesgebrauch , die höheren Übersichten nicht ausgeschlossen , aber alles unmittelbar am Leben , wie es gewiß und unausbleiblich zu gebrauchen wäre . In diesem Sinne hatte Lucidor seine Schuljahre vollbracht und ward nun durch Vater und Gönner zur Akademie vorbereitet . Er zeigte das schönste Talent zu allem und verdankte der Natur auch noch das seltene Glück , aus Liebe zum Vater , aus Ehrfurcht für den Freund seine Fähigkeiten gerade dahin lenken zu wollen , wohin man deutete , erst aus Gehorsam , dann aus Überzeugung . Auf eine auswärtige Akademie ward er gesendet und ging daselbst , sowohl nach eigener brieflicher Rechenschaft als nach Zeugnis seiner Lehrer und Aufseher , den Gang , der ihn zum Ziele führen sollte . Nur konnte man nicht billigen , daß er in einigen Fällen zu ungeduldig brav gewesen . Der Vater schüttelte hierüber den Kopf , der Oberamtmann nickte . Wer hätte sich nicht einen solchen Sohn gewünscht ! Indessen wuchsen die Töchter heran , Julie und Lucinde . Jene , die jüngere , neckisch , lieblich , unstät , höchst unterhaltend ; die andere zu bezeichnen schwer , weil sie in Geradheit und Reinheit dasjenige darstellte , was wir an allen Frauen wünschenswert finden . Man besuchte sich wechselseitig , und im Hause des Professors fand Julie die unerschöpflichste Unterhaltung . Geographie , die er durch Topographie zu beleben wußte , gehörte zu seinem Fach , und sobald Julie nur einen Band gewahr worden , dergleichen aus der Homannischen Offizin eine ganze Reihe dastanden , so wurden sämtliche Städte gemustert , beurteilt , vorgezogen oder zurückgewiesen ; alle Häfen besonders erlangten ihre Gunst ; andere Städte , welche nur einigermaßen ihren Beifall erhalten wollten , mußten sich mit viel Türmen , Kuppeln und Minaretten fleißig hervorheben . Der Vater ließ sie wochenlang bei dem geprüften Freunde ; sie nahm wirklich zu an Wissenschaft und Einsicht und kannte so ziemlich die bewohnte Welt nach Hauptbezügen , Punkten und Orten . Auch war sie auf Trachten fremder Nationen sehr aufmerksam , und wenn ihr Pflegvater manchmal scherzhaft fragte : ob ihr denn von den vielen jungen , hübschen Leuten , die da vor dem Fenster hin und wider gingen , nicht einer oder der andere wirklich gefalle ? so sagte sie : » Ja freilich , wenn er recht seltsam aussieht ! « - Da nun unsere jungen Studierenden es niemals daran fehlen lassen , so hatte sie oft Gelegenheit , an einem oder dem andern teilzunehmen ; sie erinnerte sich an ihm irgendeiner fremden Nationaltracht , versicherte jedoch zuletzt , es müsse wenigstens ein Grieche , völlig nationell ausstaffiert , herbeikommen , wenn sie ihm vorzügliche Aufmerksamkeit widmen sollte ; deswegen sie sich auch auf die Leipziger Messe wünschte , wo dergleichen auf der Straße zu sehen wären . Nach seinen trocknen und manchmal verdrießlichen Arbeiten hatte nun unser Lehrer keine glücklichern Augenblicke , als wenn er sie scherzend unterrichtete und dabei heimlich triumphierte , sich eine so liebenswürdige , immer unterhaltene , immer unterhaltende Schwiegertochter zu erziehen . Die beiden Väter waren übrigens einverstanden , daß die Mädchen nichts von der Absicht vermuten sollten , auch Lucidorn hielt man sie verborgen . So waren Jahre vergangen , wie sie denn gar leicht vergehen : Lucidor stellte sich dar , vollendet , alle Prüfungen bestehend , selbst zur Freude der obern Vorgesetzten , die nichts mehr wünschten , als die Hoffnung alter , würdiger , begünstigter , gunstwerter Diener mit gutem Gewissen erfüllen zu können . Und so war denn die Angelegenheit mit ordnungsgemäßem Schritt endlich dahin gediehen , daß Lucidor , nachdem er sich in untergeordneten Stellen musterhaft betragen , nunmehr einen gar vorteilhaften Sitz nach Verdienst und Wunsch erlangen sollte , gerade mittewegs zwischen der Akademie und dem Oberamtmann gelegen . Der Vater sprach nunmehr mit dem Sohn von Julien , auf die er bisher nur hingedeutet hatte , als von dessen Braut und Gattin , ohne weiteren Zweifel und Bedingung , das Glück preisend , solch ein lebendiges Kleinod sich angeeignet zu haben . Er sah seine Schwiegertochter im Geiste schon wieder von Zeit zu Zeit bei sich , mit Karten , Planen und Städtebildern beschäftigt ; der Sohn dagegen erinnerte sich des allerliebsten , heitern Wesens , das ihn zu kindlicher Zeit durch Neckerei wie durch Freundlichkeit immer ergötzt hatte . Nun sollte Lucidor zu dem Oberamtmann hinüberreiten , die herangewachsene Schöne näher betrachten , sich einige Wochen , zu Gewohnheit und Bekanntschaft , mit dem Gesamthause ergehen . Würden die jungen Leute , wie zu hoffen , bald einig , so sollte man ' s melden , der Vater würde sogleich erscheinen , damit ein feierliches Verlöbnis das gehoffte Glück für ewig sicherstelle . Lucidor kommt an , er wird freundlichst empfangen , ein Zimmer ihm angewiesen , er richtet sich ein und erscheint . Da findet er denn , außer den uns schon bekannten Familiengliedern , noch einen halberwachsenen Sohn , verzogen , geradezu , aber gescheit und gutmütig , so daß , wenn man ihn für den lustigen Rat nehmen wollte , er gar nicht übel zum Ganzen paßte . Dann gehörte zum Haus ein sehr alter , aber gesunder , frohmütiger Mann , still , fein , klug , auslebend nun hie und da auszuhelfen . Gleich nach Lucidor kam noch ein Fremder hinzu , nicht mehr jung , von bedeutendem Ansehn , würdig , lebensgewandt und durch Kenntnis der weitesten Weltgegenden höchst unterhaltend . Sie hießen ihn Antoni . Julie empfing ihren angekündigten Bräutigam schicklich , aber zuvorkommend , Lucinde dagegen machte die Ehre des Hauses wie jene ihrer Person . So verging der Tag ausgezeichnet angenehm für alle , nur für Lucidorn nicht ; er , ohnehin schweigsam , mußte von Zeit zu Zeit , um nicht gar zu verstummen , sich fragend verhalten ; wobei denn niemand zum Vorteil erscheint . Zerstreut war er durchaus : denn er hatte vom ersten Augenblick an nicht Abneigung noch Widerwillen , aber Entfremdung gegen Julien gefühlt ; Lucinde dagegen zog ihn an , daß er zitterte , wenn sie ihn mit ihren vollen , reinen , ruhigen Augen ansah . So bedrängt , erreichte er den ersten Abend sein Schlafzimmer und ergoß sich in jenem Monolog , mit dem wir begonnen haben . Um aber auch diesen zu erklären , und wie die Heftigkeit einer solchen Redefülle zu demjenigen paßt , was wir schon von ihm wissen , wird eine kurze Mitteilung nötig . Lucidor war von tiefem Gemüt und hatte meist etwas anders im Sinn , als was die Gegenwart erheischte ; deswegen Unterhaltung und Gespräch ihm nie recht glücken wollte ; er fühlte das und wurde schweigsam , außer wenn von bestimmten Fächern die Rede war , die er durchstudiert hatte , davon ihm jederzeit zu Diensten stand , was er bedurfte . Dazu kam , daß er , früher auf der Schule , später auf der Universität , sich an Freunden betrogen und seinen Herzenserguß unglücklich vergeudet hatte ; jede Mitteilung war ihm daher bedenklich ; Bedenken aber hebt jede Mitteilung auf . Zu seinem Vater war er nur gewohnt unisono zu sprechen , und sein volles Herz ergoß sich daher in Monologen , sobald er allein war . Den andern Morgen hatte er sich zusammengenommen und wäre doch beinahe außer Fassung geruckt , als ihm Julie noch freundlicher , heiterer und freier entgegenkam . Sie wußte viel zu fragen , nach seinen Land- und Wasserfahrten , wie er , als Student , mit dem Bündelchen auf ' m Rücken die Schweiz durchstreift und durchstiegen , ja über die Alpen gekommen . Da wollte sie nun von der schönen Insel auf dem großen südlichen See vieles wissen ; rückwärts aber mußte der Rhein , von seinem ersten Ursprung an , erst durch höchst unerfreuliche Gegenden begleitet werden , und so hinabwärts durch manche Abwechselung ; wo es denn freilich zuletzt , zwischen Mainz und Koblenz , noch der Mühe wert ist , den Fluß ehrenvoll aus seiner letzten Beschränkung in die weite Welt , ins Meer zu entlassen . Lucidor fühlte sich hiebei sehr erleichtert , erzählte gern und gut , so daß Julie entzückt ausrief : so was müsse man selbander sehen . Worüber denn Lucidor abermals erschrak , weil er darin eine Anspielung auf ihr gemeinsames Wandern durchs Leben zu spüren glaubte . Von seiner Erzählerpflicht jedoch wurde er bald abgelöst ; denn der Fremde , den sie Antoni hießen , verdunkelte gar geschwind alle Bergquellen , Felsufer , eingezwängte , freigelassene Flüsse : nun hier ging ' s unmittelbar nach Genua ; Livorno lag nicht weit , das Interessanteste im Lande nahm man auf den Raub so mit ; Neapel mußte man , ehe man stürbe , gesehen haben , dann aber blieb freilich Konstantinopel noch übrig , das doch auch nicht zu versäumen sei . Die Beschreibung , die Antoni von der weiten Welt machte , riß die Einbildungskraft aller mit sich fort , ob er gleich weniger Feuer darein zu legen hatte . Julie , ganz außer sich , war aber noch keineswegs befriedigt , sie fühlte noch Lust nach Alexandrien , Kairo , besonders aber zu den Pyramiden , von denen sie ziemlich auslangende Kenntnisse durch ihres vermutlichen Schwiegervaters Unterricht gewonnen hatte . Lucidor , des nächsten Abends ( er hatte kaum die Türe angezogen , das Licht noch nicht niedergesetzt ) , rief aus : » Nun besinne dich denn ! es ist Ernst . Du hast viel Ernstes gelernt und durchdacht ; was soll denn Rechtsgelehrsamkeit , wenn du jetzt nicht gleich als Rechtsmann handelst ? Siehe dich als einen Bevollmächtigten an , vergiß dich selbst und tue , was du für einen andern zu tun schuldig wärst . Es verschränkt sich aufs fürchterlichste ! Der Fremde ist offenbar um Lucindes willen da , sie bezeigt ihm die schönsten , edelsten gesellig-häuslichen Aufmerksamkeiten ; die kleine Närrin möchte mit jedem durch die Welt laufen , für nichts und wieder nichts . Überdies noch ist sie ein Schalk , ihr Anteil an Städten und Ländern ist eine Posse , wodurch sie uns zum Schweigen bringt . Warum aber seh ' ich diese Sache so verwirrt und verschränkt an ? Ist der Oberamtmann nicht selbst der verständigste , der einsichtigste , liebevollste Vermittler ? Du willst ihm sagen , wie du fühlst und denkst , und er wird mitdenken , wenn auch nicht mitfühlen . Er vermag alles über den Vater . Und ist nicht eine wie die andere seine Tochter ? Was will denn der Anton Reiser mit Lucinden , die für das Haus geboren ist , um glücklich zu sein und Glück zu schaffen ? hefte sich doch das zapplige Quecksilber an den ewigen Juden , das wird eine allerliebste Partie werden . « Des Morgens ging Lucidor festen Entschlusses hinab , mit dem Vater zu sprechen und ihn deshalb in bekannten freien Stunden unverzüglich anzugehn . Wie groß war sein Schmerz , seine Verlegenheit , als er vernahm : der Oberamtmann , in Geschäften verreist , werde erst übermorgen zurückerwartet . Julie schien heute so recht ganz ihren Reisetag zu haben , sie hielt sich an den Weltwanderer und überließ mit einigen Scherzreden , die sich auf Häuslichkeit bezogen , Lucidor an Lucinden . Hatte der Freund vorher das edle Mädchen aus gewisser Ferne gesehen , nach einem allgemeinen Eindruck , und sie sich schon herzlichst angeeignet , so mußte er in der nächsten Nähe alles doppelt und dreifach entdecken , was ihn erst im allgemeinen anzog . Der gute alte Hausfreund , an der Stelle des abwesenden Vaters , tat sich nun hervor ; auch er hatte gelebt , geliebt und war , nach manchen Quetschungen des Lebens , noch endlich an der Seite des Jugendfreundes aufgefrischt und wohlbehalten . Er belebte das Gespräch und verbreitete sich besonders über Verirrungen in der Wahl eines Gatten , erzählte merkwürdige Beispiele von zeitiger und verspäteter Erklärung . Lucinde erschien in ihrem völligen Glanze , sie gestand , daß im Leben das Zufällige jeder Art , und so auch in Verbindungen , das Allerbeste bewirken könne ; doch sei es schöner , herzerhebender , wenn der Mensch sich sagen dürfe : er sei sein Glück sich selbst , der stillen , ruhigen Überzeugung seines Herzens , einem edlen Vorsatz und raschen Entschlusse schuldig geworden . Lucidorn standen die Tränen in den Augen , als er Beifall gab , worauf die Frauenzimmer sich bald entfernten . Der alte Vorsitzende mochte sich in Wechselgeschichten gern ergehen , und so verbreitete sich die Unterhaltung in heitere Beispiele , die jedoch unsern Helden so nahe berührten , daß nur ein so rein gebildeter Jüngling nicht herauszubrechen über sich gewinnen konnte ; das geschah aber , als er allein war . » Ich habe mich gehalten ! « rief er aus . » Mit solcher Verwirrung will ich meinen guten Vater nicht kränken ; ich habe an mich gehalten : denn ich sehe in diesem würdigen Hausfreunde den Stellvertretenden beider Väter ; zu ihm will ich reden , ihm alles entdecken , er wird ' s gewiß vermitteln und hat beinahe schon ausgesprochen , was ich wünsche . Sollte er im einzelnen Falle schelten , was er überhaupt billigt ? Morgen früh such ' ich ihn auf ; ich muß diesem Drange Luft machen . « Beim Frühstück fand sich der Greis nicht ein ; er hatte , hieß es , gestern abend zu viel gesprochen , zu lange gesessen und einige Tropfen Wein über Gewohnheit getrunken . Man erzählte viel zu seinem Lobe , und zwar gerade solche Reden und Handlungen , die Lucidorn zur Verzweiflung brachten , daß er sich nicht sogleich an ihn gewendet . Dieses unangenehme Gefühl ward nur noch geschärft , als er vernahm : bei solchen Anfällen lasse der gute Alte sich manchmal in acht Tagen gar nicht sehen . Ein ländlicher Aufenthalt hat für geselliges Zusammensein gar große Vorteile , besonders wenn die Bewirtenden sich , als denkende , fühlende Personen , mehrere Jahre veranlaßt gefunden , der natürlichen Anlage ihrer Umgebung zu Hülfe zu kommen . So war es hier geglückt . Der Oberamtmann , erst unverheiratet , dann in einer langen , glücklichen Ehe , selbst vermögend , an einem einträglichen Posten , hatte nach eignem Blick und Einsicht , nach Liebhaberei seiner Frau , ja zuletzt nach Wünschen und Grillen seiner Kinder erst größere und kleinere abgesonderte Anlagen besorgt und begünstigt , welche , mit Gefühl allmählich durch Pflanzungen und Wege verbunden , eine allerliebste , verschiedentlich abweichende , charakteristische Szenenfolge dem Durchwandelnden darstellten . Eine solche Wallfahrt ließen denn auch unsere jungen Familienglieder ihren Gast antreten , wie man seine Anlagen dem Fremden gerne vorzeigt , damit er das , was uns gewöhnlich geworden , auffallend erblicke und den günstigen Eindruck davon für immer behalte . Die nächste so wie die fernere Gegend war zu bescheidenen Anlagen und eigentlich ländlichen Einzelnheiten höchst geeignet . Fruchtbare Hügel wechselten mit wohlbewässerten Wiesengründen , so daß das Ganze von Zeit zu Zeit zu sehen war , ohne flach zu sein ; und wenn Grund und Boden vorzüglich dem Nutzen gewidmet erschien , so war doch das Anmutige , das Reizende nicht ausgeschlossen . An die Haupt- und Wirtschaftsgebäude fügten sich Lust- , Obst- und Grasgärten , aus denen man sich unversehens in ein Hölzchen verlor , das ein breiter , fahrbarer Weg auf und ab , hin und wider durchschlängelte . Hier in der Mitte war , auf der bedeutendsten Höhe , ein Saal erbaut , mit anstoßenden Gemächern . Wer zur Haupttüre hereintrat , sah im großen Spiegel die günstigste Aussicht , welche die Gegend nur gewähren mochte , und kehrte sich geschwind wieder um , an der Wirklichkeit von dem unerwarteten Bilde Erholung zu nehmen : denn das Herankommen war künstlich genug eingerichtet und alles klüglich verdeckt , was Überraschung bewirken sollte . Niemand trat herein , ohne daß er von dem Spiegel zur Natur und von der Natur zum Spiegel sich nicht gern hin und wider gewendet hätte . Am schönsten , heitersten , längsten Tage einmal auf dem Wege , hielt man einen sinnigen Flurzug um und durch das Ganze . Hier wurde das Abendplätzchen der guten Mutter bezeichnet , wo eine herrliche Buche rings umher sich freien Raum gehalten hatte . Bald nachher wurde Lucindens Morgenandacht von Julien halb neckisch angedeutet , in der Nähe eines Wässerchens zwischen Pappeln und Erlen , an hinabstreichenden Wiesen , hinaufziehenden Äckern . Es war nicht zu beschreiben , wie hübsch ! schon überall glaubte man es gesehen zu haben , aber nirgends in seiner Einfalt so bedeutend und so willkommen . Dagegen zeigte der Junker , auch halb wider Willen Juliens , die kleinlichen Lauben und kindischen Gärtchenanstalten , die , nächst einer vertraulich gelegenen Mühle , kaum noch zu bemerken ; sie schrieben sich aus einer Zeit her , wo Julie , etwa in ihrem zehnten Jahre , sich in den Kopf gesetzt hatte , Müllerin zu werden und , nach dem Abgang der beiden alten Leute , selbst einzutreten und sich einen braven Mühlknappen auszusuchen . » Das war zu einer Zeit « , rief Julie , » wo ich noch nichts von Städten wußte , die an Flüssen liegen , oder gar am Meer , von Genua nichts u.s.w. Ihr guter Vater , Lucidor , hat mich bekehrt , seit der Zeit komm ' ich nicht leicht hierher . « Sie setzte sich neckisch auf ein Bänkchen , das sie kaum noch trug , unter einen Holunderstrauch , der sich zu tief gebeugt hatte . » Pfui übers Hocken ! « rief sie , sprang auf und lief mit dem lustigen Bruder voran . Das zurückgebliebene Paar unterhielt sich verständig , und in solchen Fällen nähert sich der Verstand auch wohl dem Gefühl . Abwechselnd einfache , natürliche Gegenstände zu durchwandern , mit Ruhe zu betrachten , wie der verständige , kluge Mensch ihnen etwas abzugewinnen weiß , wie die Einsicht ins Vorhandene , zum Gefühl seiner Bedürfnisse sich gesellend , Wunder tut , um die Welt erst bewohnbar zu machen , dann zu bevölkern und endlich zu übervölkern , das alles konnte hier im einzelnen zur Sprache kommen . Lucinde gab von allem Rechenschaft und konnte , so bescheiden sie war , nicht verbergen , daß die bequemlich angenehmen Verbindungen entfernter Partien ihr Werk seien , unter Angabe , Leitung oder Vergünstigung einer verehrten Mutter . Da sich aber denn doch der längste Tag endlich zum Abend bequemt , so mußte man auf Rückkehr denken , und als man auf einen angenehmen Umweg sann , verlangte der lustige Bruder : man solle den kürzern , obgleich nicht erfreulichen , wohl gar beschwerlichern Weg einschlagen . » Denn « , rief er aus , » ihr habt mit euren Anlagen und Anschlägen geprahlt , wie ihr die Gegend für malerische Augen und für zärtliche Herzen verschönert und verbessert ; laßt mich aber auch zu Ehren kommen . « Nun mußte man über geackerte Stellen und holprichte Pfade , ja wohl auch auf zufällig hingeworfenen Steinen über Moorflecke wandern und sah , schon in einer gewissen Ferne , allerlei Maschinenwerk verworren aufgetürmt . Näher betrachtet , war ein großer Lust-und Spielplatz , nicht ohne Verstand , mit einem gewissen Volkssinn eingerichtet . Und so standen hier , in gehörigen Entfernungen zusammengeordnet , das große Schaukelrad , wo die Auf- und Absteigenden immer gleich horizontal ruhig sitzenbleiben , andere Schaukeleien , Schwungseile , Lusthebel , Kegel- und Zellenbahnen , und was nur alles erdacht werden kann , um auf einem großen Triftraum eine Menge Menschen verschiedentlichst und gleichmäßig zu beschäftigen und zu erlustigen . » Dies « , rief er aus , » ist meine Erfindung , meine Anlage ! und obgleich der Vater das Geld und ein gescheiter Kerl den Kopf dazu hergab , so hätte doch ohne mich , den ihr oft unvernünftig nennt , Verstand und Geld sich nicht zusammengefunden . « So heiter gestimmt kamen alle vier mit Sonnenuntergang wieder nach Hause . Antoni fand sich ein ; die Kleine jedoch , die an diesem bewegten Tage noch nicht genug hatte , ließ einspannen und fuhr über Land zu einer Freundin , in Verzweiflung , sie seit zwei Tagen nicht gesehen zu haben . Die vier Zurückgebliebenen fühlten sich verlegen , ehe man sich ' s versah , und es ward sogar ausgesprochen , daß des Vaters Ausbleiben die Angehörigen beunruhige . Die Unterhaltung fing an zu stocken , als auf einmal der lustige Junker aufsprang und gar bald mit einem Buche zurückkam , sich zum Vorlesen erbietend . Lucinde enthielt sich nicht zu fragen , wie er auf den Einfall komme , den er seit einem Jahre nicht gehabt ; worauf er munter versetzte : » Mir fällt alles zur rechten Zeit ein , dessen könnt ihr euch nicht rühmen . « Er las eine Folge echter Märchen , die den Menschen aus sich selbst hinausführen , seinen Wünschen schmeicheln und ihn jede Bedingung vergessen machen , zwischen welche wir , selbst in den glücklichsten Momenten , doch immer noch eingeklemmt sind . » Was beginne ich nun ! « rief Lucidor , als er sich endlich allein fand : » die Stunde drängt ; zu Antoni hab ' ich kein Vertrauen , er ist weltfremd , ich weiß nicht , wer er ist , wie er ins Haus kommt , noch was er will ; um Lucinden scheint er sich zu bemühen , und was könnte ich daher von ihm hoffen ? Mir bleibt nichts übrig , als Lucinden selbst anzugehn ; sie muß es wissen , sie zuerst . Dies war ja mein erstes Gefühl ; warum lassen wir uns auf Klugheitswege verleiten ! Das Erste soll nun das Letzte sein , und ich hoffe , zum Ziel zu gelangen . « Sonnabend morgen ging Lucidor , zeitig angekleidet , in seinem Zimmer auf und ab , was er Lucinden zu sagen hätte hin und her bedenkend , als er eine Art von scherzhaftem Streit vor seiner Türe vernahm , die auch alsobald aufging . Da schob der lustige Junker einen Knaben vor sich hin , mit Kaffee und Backwerk für den Gast ; er selbst trug kalte Küche und Wein . » Du sollst vorangehen « , rief der Junker , » denn der Gast muß zuerst bedient werden , ich bin gewohnt , mich selbst zu bedienen . Mein Freund ! heute komme ich etwas früh und tumultuarisch ; genießen wir unser Frühstück in Ruhe , und dann wollen wir sehen , was wir anfangen : denn von der Gesellschaft haben wir wenig zu hoffen . Die Kleine ist von ihrer Freundin noch nicht zurück ; diese müssen gegeneinander wenigstens alle vierzehn Tage ihr Herz ausschütten , wenn es nicht springen soll . Sonnabend ist Lucinde ganz unbrauchbar , sie liefert dem Vater pünktlich ihre Haushaltungsrechnung ; da hab ' ich mich auch einmischen sollen , aber Gott bewahre mich ! Wenn ich weiß , was eine Sache kostet , so schmeckt mir kein Bissen . Gäste werden auf morgen erwartet , der Alte hat sich noch nicht wieder ins Gleichgewicht gestellt , Antoni ist auf die Jagd , wir wollen das gleiche tun . « Flinten , Taschen und Hunde waren bereit , als sie in den Hof kamen , und nun ging es an den Feldern weg , wo denn doch allenfalls ein junger Hase und ein armer , gleichgültiger Vogel geschossen wurde . Indessen besprach man sich von häuslichen und gegenwärtig geselligen Verhältnissen . Antoni ward genannt , und Lucidor verfehlte nicht , sich nach ihm näher zu erkundigen . Der lustige Junker , mit einiger Selbstgefälligkeit , versicherte : jenen wunderlichen Mann , so geheimnisvoll er auch tue , habe er schon durch und durch geblickt . » Er ist « , fuhr er fort , » gewiß der Sohn aus einem reichen Handelshause , das gerade in dem Augenblick fallierte , als er , in der Fülle seiner Jugend , teil an großen Geschäften mit Kraft und Munterkeit zu nehmen , daneben aber die sich reichlich darbietenden Genüsse zu teilen gedachte . Von der Höhe seiner Hoffnungen heruntergestürzt , raffte er sich zusammen und leistete , andern dienend , dasjenige was er für sich und die Seinigen nicht mehr bewirken konnte . So durchreiste er die Welt , lernte sie und ihren wechselseitigen Verkehr aufs genaueste kennen und vergaß dabei seines Vorteils nicht . Unermüdete Tätigkeit und erprobte