Sie hörte ihm am liebsten zu , wenn er redete , und mußte sie bon gré mal gré jemand Anderm ihr Ohr leihen , so lauschte sie doch wenigstens auf seinen Ton , und strebte , an dem , was er unterdessen sagte , Theil zu nehmen , so wie sie in allen streitigen Punkten der Unterhaltung ihn gleichsam als die höchste Instanz zu betrachten und zu ehren schien . Widersprach sie auch zuweilen einmal seiner Meinung , so geschah es auf eine Art , welche deutlich bewies , daß nur das Verlangen , den Faden des Gesprächs mit ihm weiter fortzuspinnen , aber keine der seinigen entgegengesetzte Ueberzeugung sie dazu vermochte . Alle diese kleinen , oft so charakteristischen Züge , die auf Liebe hinzudeuten pflegen , gossen in Alexanders , durch Eifersucht leicht aufgeregtes , stürmisches Gefühl , eine linde Beruhigung über diesen Punkt , und er gönnte der blassen , verbleichten Auguste , so zuwider sie ihm auch war , den offenbar für sie zu schönen und jugendlichen Verehrer , da ihm dadurch die Sorge , er möchte sich um Erna bewerben , vom Herzen fiel . Die Gräfin , deren lebendig regsamer , Sinn stets , auch bei der angenehmsten Unterhaltung , nach Abwechselung verlangte , foderte Erna auf , Musik zu machen . Ohne sich lange zu weigern , setzte sie sich zum Fortepiano , und bat Linovsky um seine Begleitung mit der Violine . Welch ein neues Talent entfaltete jetzt die Hochbegabte , sie , die mit der herrlichsten Blüthe aller Eigenschaften , welche das Vollkommene bezeichnen , eine Anspruchslosigkeit verband , die durch den Zauber der Bescheidenheit den Zauber ihrer Kunst noch erhöhte . Ihre zarten Finger schienen , leicht wie ein Gedanke , über die Tasten hinschwebend , beseelte Sprachwerkzeuge zu seyn . Sie weckte die schlummernden Töne mit einer Leichtigkeit und Sicherheit , mit der nur die tiefe Bedeutung verglichen werden konnte , die den herzgewinnendsten Ausdruck in jede Note zu legen wußte . Als sie nun die volle , silberhelle Stimme erhob , sie mit ihrem trefflichen Spiel zu verschmelzen , da enthüllte sich der Umfang ihrer Kunst ganz in der Entwirrung der schwierigsten Passagen , in den überraschendsten Läufern , in den meisterhaftesten Intervallen , so wie die Tiefe ihres Gefühls , der Melodie erst durch die reinste Intonation eine Seele verleihend , im erschütternden Ausdruck gewaltsam hervorbrechender Leidenschaft , mild besänftigt durch den schmelzenden Erguß sanfter Empfindung , und dann wieder im erhabenen Schwunge ernsten Gesanges wie ein frommer Gedanke sich aufwärts zu den Sternen erhebend , sich aussprach . Süß berauscht hatte Alexander den erquicklichen Strom dieser gleichsam einer höheren Sphäre entquollenen Töne in sich gesogen , und - so seelenvoll auch Linovsky ' s Spiel auf der Violine war - doch nur Erna ' s Laut vernommen , nur ihr auf den Schwingen ihres göttlichen Gesanges in den dritten Himmel folgend , aus welchem das prosaische Applaudissement der Gräfin ihn jetzt rauschend und störend herab zog . Er vermochte es nicht über sich , Erna auch nur mit einem einzigen Worte zu bezeugen , wie sehr sie ihn gerührt , entzückt und erschüttert habe . Worte dünkten ihn in diesem Augenblick der herrlichsten Ergreifung die Herrlichkeit der Gefühle zu entweihen , die noch im leise verhallenden Nachklang so tief und innig ihn durchbebten . Aber als sie nun aufstand , und - wenn ihn nicht alles täuschte - ihr Blick , gleichsam verschämt und schüchtern ihn , ihn vor Allen , zu suchen schien - als ihr der seinige begegnete , der flammend nur an ihr hing - da - er las es in ihrer lieblichen Verwirrung - da - das wußte er gewiß - konnte kein Zweifel an dem unauslöschlichen Eindruck , den sie auf ihn gemacht hatte , Raum in ihrer Seele finden . Sie setzte sich wieder zu ihrer Arbeit nieder , und das tief gesenkte Auge fest auf die Stickerei heftend , mit der sie eben beschäftigt war , gewann sie bald ihre gewöhnliche Unbefangenheit wieder . Die Gesandtin , welche unterdessen von ihren Lieblingsgesängen , den eigentlichen Volksliedern , gesprochen hatte , die oft , nicht nur das innerste Gepräge des Nationalcharakters ausdrückend , sondern auch die ehrwürdigen Sagen grauer Vorzeit in frommer Einfalt festhaltend , kunstlos und rührend zum Herzen dringen , weil sie vom Herzen abstammen , bat Erna , einige derselben , die sie auf ihren gemeinschaftlichen Reisen gelernt habe , zu singen , und sie that es ohne alle musikalische Begleitung , nur durch ihre graziöse Mimik unterstützt , welche sie so ganz der kindlichen Eigenthümlichkeit der Gesänge , die sie vortrug , anzupassen wußte . Zuletzt erinnerte sie die Gesandtin noch an ein kleines Lied , das sie einst in Frankreich von einer Prozession junger Mädchen gehört hatten , die , ein Christuskindlein in einer kleinen Kapelle am Wege bekränzend , es sangen , und das sowohl dem Inhalt als der Melodie nach sich ihnen damals tief eingeprägt hatte . Es bestand blos in diesen vier Zeilen : Doux enfant Jesus ! Donne moi le Saint Esprit , Et toutes les vertus De ta mère Marie , Marie , Marie . Alle hörten bewegt diese Worte an , die durch Erna ' s reine , jetzt sanft gedämpfte Stimme und eine ganz eigene kunstlose , aber die innersten Saiten des Gefühls berührende Melodie sich unaufhaltsam durch das Ohr ins Herz stahlen . Die Gesandtin erzählte , daß die Sängerinnen meist nur erst zwölfjährige Kinder gewesen wären , welche mit ihren leichten , fast ätherischen Gestalten , in ihrer südlichen Blässe , mit dem dunklen Haar und Augen , in denen eine schwärmerische Andacht sich mit dem Ausdruck der Unschuld ihres zarten Alters gepaart habe , ihr wie eine Schaar Verklärter erschienen wären . Sie habe sich der Thränen nicht enthalten können , und wisse noch selbst nicht , ob der Anblick der weißgekleideten , geisterhaft an ihr vorüberschwebenden Kinder , oder die rührende Weise ihres Liedes am meisten auf sie gewirkt habe . Alexander achtete wenig auf das , was sie sagte . Nur mit einem Gegenstand beschäftigt , konnte er sein Auge von Erna nicht losreißen , die mit einer so milden , lieblichen Frömmigkeit in ihren Zügen dies kleine Lied gesungen hatte , daß unwillkührlich alle seine Gefühle in ihm riefen : Himmlische ! das Gebet , das eben von deinen Engelslippen erklang , ist schon erhört . Alle Tugenden , die die Mutter Gottes zieren - Demuth , Würde und Reinheit - alles , alles ist bereits dein herrliches Eigenthum . Flehe nicht um mehr ! - - wie dürften sterbliche Wesen es dann jemals wagen , sich dir hoffend und liebend gegenüber zu stellen ? - XIX Das Abendessen versammelte die Gesellschaft traulich um einen runden Tisch , wo die Unterhaltung allgemein wurde , und bald sich leicht und ungezwungen um verschiedene nicht uninteressante Gegenstände bewegte . Der Gesandte , der unter der Hülle äußeren Ernstes einen heitern , jovialischen Sinn verbarg , fand Vergnügen daran , mit der Gräfin , deren neckend muntere Laune ihn anzog , einen immerwährenden kleinen Krieg zu führen . Nicht aus einem gewissen Geist des Widerspruchs , sondern um sie stets von Neuem anzuregen , und ihr Gelegenheit zu geben , ihrem Muthwillen freien Lauf zu lassen , bildete er stets ihre Oppositionsparthei , und bestritt , sie gern zuweilen selbst bis zu leichtem Unwillen reizend , alles , was sie sagte und behauptete . So ergriff er auch jetzt wieder lebhaft die entgegengesetzte Meinung , um sie zu vertheidigen , als die Gräfin über ihr Lieblings-Thema , die Unbeständigkeit der Männer , gerathen war , und der weiblichen Beharrlichkeit in Lieb und Treue und allem Guten das Wort redete , und besonders bestritt er die auch von ihr in Schutz genommene , und als etwas Heiliges und Unauslöschliches betrachtete erste Liebe , der er durchaus nur in der Reihe der Irrthümer und der Selbsttäuschungen ihren Platz anweisen wollte . Denn er erklärte geradezu , es gehöre zu den Chimären des Menschen , und insbesondere der Frauen , an die Ewigkeit einer ersten Liebe zu glauben , und man müsse den Schwachen , irgend eines Stabs Bedürftigen auch diesen Wahn nicht rauben , da man ihnen nicht leicht eine Entschädigung dafür geben könne . Aber bei Mann und Weib sei die erste , zweite , dritte Liebe gewöhnlich ein Fehlgriff , der sich bitter bestrafe , wenn das Herz nicht Kraft genug habe , sich aus Banden leise zurückzuziehen , die alles Glück stranguliren würden , wolle man sie nur aus Pflichtgefühl enger noch zusammen knüpfen . Denn , fuhr er fort , wie der junge Adler seine Flügel prüft , und , vom Instinkt getrieben , von mütterlichem Nest hinwegflattert , um bald den Wipfel eines Baums , bald ein sonniges Thal zu erreichen , so strebt auch der jugendliche Sinn zu jener Vereinigung , die ihm Vollendung dünkt . Doch des jungen Adlers Versuche mislingen oft , denn ehe ihm die Flügel nicht recht gewachsen sind , können sie ihn nicht mit Sicherheit tragen . So auch die Liebe des Menschen . Jene feste , dauernde , treue Liebe , die unser eigentlichstes , wahrstes Glück gründet , kann nur aus sogenannter Untreue hervorgehen , wie der Phönix der Fabel sich aus der Asche empor hebt . Denn erst nach mehreren Versuchen weiß das Herz , was es bedarf zur Erwiederung seiner innigsten Gefühle . Früher wirkte Zufall , Stimmung , misverstandene Sinnlichkeit und Wunsch , die innere Leere ausgefüllt zu sehen , auf unsere Wahl , und wir reichen voreilig dem Wesen , das uns entgegen tritt , die Hand , und wähnen nun , der ganze dunkle Raum der Zukunft müsse sich in ein blühendes Paradies verwandeln . Doch - nach und nach werden die goldenen Illusionen zu Flittergold , das rauschend von verwelkten Kränzen abfällt - wir finden uns getäuscht und täuschen wieder , indem wir gewaltsam uns zum Worthalten von Dingen zwingen wollen , die sich eigentlich gar nicht versprechen lassen . Endlich ist der Freiheit Kleinod wieder errungen , und vorsichtiger wagen wir den zweiten Versuch ; denn darin gleicht das Herz dem Taucher , der doch wieder ins Meer hinabstürzt , wenn er gleich mehrere Muscheln heraufgebracht hat , in denen keine Perle war . Finden wir auch hier nicht dies Echo eines vollharmonischen Gemüths in der Brust , der wir zum zweitenmal die Krone des Lebens reichten - nun so schrecken die Mistöne , die wir vernehmen , uns schon leichter wie das erstemal , der dritten Liebe zu , und so fort und immer fort , bis wir endlich finden , was uns noth thut , oder bis wir auch verzagen , und zweifeln müssen , daß es auf Erden existirt . Ich glaube gern , daß Sie diese schönen Erfahrungen aus der Wirklichkeit , oder vielmehr aus ihrem eigenen Leben entlehnt haben , unterbrach ihn die Gräfin , und begreife nun um so leichter , woher es kommt , daß sich die meisten Männerherzen so abnutzen , daß sie nur in Trümmern und einzelnen Bruchstücken , oder wie eine Münze , an der das Gepräge verwischt ist , das Ziel erreichen . Die Herzen , deren Gepräge sich verwischen , antwortete der Gesandte lachend , sind nur Fleischklumpen , von der warmen Blutwelle zu thierischen Funktionen , nicht zu jener höheren Sehnsucht getrieben , die ja eigentlich nur allein die Ursache des sogenannten männlichen Wankelmuthes ist . Wie die frische Quelle sich ewig erneut , so viel auch aus ihr geschöpft wird , so - nur immer mehr gereinigt durch das Sandbad der Erfahrung - ist auch ein reich ausgestattetes liebefähiges Herz , habe es sich auch noch so oft vorher , vom Wahn verblendet , hingegeben . Uebrigens will es denn doch auch verlauten , daß die so hoch gerühmte weibliche Beständigkeit schon vom Anfang der Welt an gar manchen Anfechtungen , nicht nur unterworfen gewesen , sondern auch erlegen ist , und daß besonders bei Ihrem Geschlecht sich der alte Satz bewährt , daß - wenn die Sonne untergegangen , dann die Sterne zu flimmern beginnen , c ' est à dire , wenn ich eine freie Uebersetzung dieser Behauptung hinzufügen darf : wenn der Geliebte abwesend , oder heimgegangen ist , wie die Herrnhuther zu sagen pflegen , so fangen auch geringere Subjekte an zu interessiren - sind überall als Lückenbüßer und um den Triumphwagen der Damen desto rascher zu ziehen , gar nicht überflüssig und unwillkommen . Die Gräfin wollte schlechterdings dies nicht zugestehen . Doch fand sie , daß sie mit sehr ungleichen Waffen gegen ihren Widersacher kämpfe , indem er , der schlaue Diplomatiker , vermöge seines Berufs , schon gewohnt sei , sich und Andere durch allerhand glänzende Scheingründe sophistisch zu bestechen , und die Wahrheit - wenn auch nicht geradezu zu verläugnen , doch so zu verdrehen , daß sie am Ende alles Andere , nur nicht Wahrheit , sei . Sie foderte die übrigen anwesenden Damen auf , sie doch nicht allein sich aufopfern und den Märtyrertod für den Ruhm ihres Geschlechts sterben zu lassen , sondern ihr beizustehen . Alle aber fanden ihre Angelegenheiten in den besten Händen . So wandte sie sich zuletzt denn an Alexander . Sie , den ich heute zu meinem Ritter erwählt habe , sagte sie , dessen Pflicht es ist , jeden Unglimpf zu rächen , der mir widerfährt - können Sie so ruhig anhören , wie man uns arme wehrlose Frauen , und vor allen mich , ihre Stellvertreterin , kränkt und verläumdet ? Wenn Sie auch nicht meine Farbe tragen , so heben sie doch wenigstens ritterlich den Handschuh auf , den dieser durch die dritte , vierte Hand liebende Held mir so höhnend zuwirft ! Gewiß , gnädige Frau , antwortete er , es ließe sich für keine schönere Veranlassung eine Lanze brechen , und sie finden mich hier , wie immer , zu Ihrem Dienste bereit . Ich erkenne und ehre die weiblichen Tugenden viel zu sehr , um Beständigkeit , eine der herrlichsten derselben , zu bezweifeln , und mein eigenes Gefühl , ich darf sagen , meine eigene Erfahrung hat schon früher in mir gewagt , den Beschuldigungen Sr. Excellenz zu widersprechen . Denn , was bei dem weniger zart organisirten Mann möglich ist : die Gewalt des ersten unauslöschlichen Eindrucks sich fürs ganze Leben zu bewahren - wie sollte dies nicht bei den Frauen noch weit natürlicher und unerläßlicher seyn - bei ihnen , deren Gemüth der geweihte Tempel einer jeden Gottheit ist , die wir Unschuld , Treue , Reinheit und Liebe nennen ? Und wir - hier berührte sein funkelnder Blick schüchtern im Vorüberstreifen Erna , die sogleich verlegen die großen Augen senkte - wir denken , wenn uns einmal eine Sonne warm und wahrhaft durchglüht hat , ewig an den schönen Strahl zurück , und bemerken weder Nebensonnen noch Sterne , wenn sie auch noch so hell glänzen . Nun fürwahr , unterbrach ihn die Gräfin mit der ihr eigenen Art zu scherzen , indem sie aufstand , ritterliche Galanterie traute ich Ihnen zu , mir beizustehen , nicht aber , daß Sie , von Ihren Gefühlen und Erfahrungen unterstützt , ein Lobredner der Beständigkeit werden , und sie sogar unter die Eigenschaften des männlichen Charakters , und des Ihrigen insbesondere zählen würden . Das übertrifft meine Erwartung , und die diplomatische Excellenz wird sich nun gewiß auch ohne Blutvergießen für überwunden erklären . Daher darf ich jetzt auf einen ehrenvollen Rückzug denken , da die Mitternachtstunde ohnehin nach einer weisen häuslichen Polizeieinrichtung die letzte seyn sollte , die man außer dem Bette zubringt . Heiter wie man zusammen gewesen war , ging man auseinander , und Alexander nahm , als den letzten Gewinn dieses reichhaltigen Tages , die Einladung des Gesandten mit auf den Weg , so oft er nur immer selbst wolle , seinen Besuch zu wiederholen . XX Daß er - wiewohl mit all ' der Bescheidenheit , die dem seingebildeten Manne ziemt - von dieser Erlaubnis Gebrauch machte , versteht sich von selbst , und da die Anmuth seiner Persönlichkeit und der feine Tact fürs Schickliche , der ihm angeboren war , ihn wirklich zu einem sehr angenehmen Gesellschafter machte , durfte er bald keinen Tag mehr im Hause des Gesandten fehlen , ohne sich vermißt , um die Ursach befragt und aufgesucht zu sehen . Mächtiger noch als diese freundlichen Veranlassungen zog ihn die eigene Neigung und die Wunderkraft an , die durch Erna ' s Schönheit eine so unwiderstehliche Gewalt über ihn übte . Immer fester webten sich die Zauberfäden , die ihn an sie fesselten , und je mehr er Gelegenheit hatte , sie im engen häuslichen Kreise zu beobachten , wo das Gemüth sich freier als in großen geräuschvollen Zirkeln entschleiert , oder wenigstens sich öfterer unwillkührlich verräth , je mehr bestärkte sich die Ueberzeugung in ihm , daß die liebenswürdigen Eigenschaften ihres Charakters die Reize ihrer Gestalt und die seltene Ausbildung ihrer Talente noch übertrafen . Zwar schien sie , ihm gegenüber , sich unerschütterlich fest innerhalb der sich streng vorgezeichneten Gränzlinie einer vorsichtigen , selbst kalten Zurückhaltung erhalten zu wollen ; aber ihr Wesen , in dem jede Regung Ausdruck der reinsten Natur und der Wahrheit war , konnte nur mühsam und doch nicht täuschend erkünsteln , was sie nicht empfand . Wenn zuweilen sein Auge plötzlich sie faßte , schien eine rührende Wehmuth in dem ihrigen zu schwimmen , und zarte Theilnahme , die sich durch eine stete leise Achtsamkeit auf alles , was er sagte und that , verrieth , bewies ihm , daß eine geheime Stimme - ihr selbst vielleicht kaum vernehmbar - für ihn in ihrem Busen sprach . Daß der öftere Wechsel ihrer Farbe , wenn er ihr insbesondere nahte , oder vorzugsweise sie unvermuthet anredete , eher aus einer Aufwallung des Wohlwollens als der Abneigung oder des Unwillens entstand , durfte er , wenn er wahr gegen sich selbst seyn wollte , nicht bezweifeln . Denn sie duldete seine Bemühungen um sie , wenn sie sich auch Mühe gab , sie scheinbar zu übersehen . Sie wich nicht scheu zurück , wenn er sich mit der eifrigen Gewandheit , als gälte es einen Thron zu erobern , herbei drängte , den Platz neben ihr am Theetisch oder bei der Tafel zu erhaschen , und hatte ihn irgend einmal Konvenienz oder Klugheit gezwungen , dies süße Ziel seines täglichen Strebens einem Anderen zu überlassen , so dünkte ihn eine unbefriedigte Stimmung in ihr und ein leiser Anstrich von Schwermuth in ihren Zügen es zu beklagen . Wie die Sonnenwende die Blüthe ihres Antlitzes stets dem Strahle entgegen neigt , in dem allein sich die erhöhte Kraft ihres Daseyns spiegelt , so war alsdann auch ihre Aufmerksamkeit nur ihm zugewandt , so viel nämlich feiner Weltton und gesellige Rücksichten es nur immer gestatteten . Gleichwohl , wenn auch alle diese kleinen verrätherischen Kennzeichen eines nicht unbefangenen Herzens ihm Muth gaben , einer förmlichen Erklärung näher und immer näher zu rücken , so vermochte doch schon die zarteste Aeußerung seiner Gefühle , sobald er ihr Worte zu leihen wagte , sie sichtbar zu verschüchtern , und statt einen Schritt vorwärts dadurch auf der Bahn seiner Hoffnung zu gelangen , fand er sich immer um mehrere dadurch zurückgesetzt . Durch solche Erfahrungen gewitzigt , hüthete er sich wohl , ihr irgend eine Schmeichelei zu sagen , aber unvermerkt wurde sein Ton gegen sie herzlich , und dies schien ihr nicht zu misfallen , ja sie erwiederte sogar zuweilen , wenn es ohne Beziehung auf sich selbst geschehen konnte , die trauliche Innigkeit , mit der er sich an sie anschloß , indem sie mit warmem Antheil ihm zuhörte , und in das , was er erzählte oder behauptete , einging . So wie er aber ihre mild erweichte Stimmung benutzen wollte , sie in ein näheres , heißer von ihm ersehntes Interesse zu ziehen , schien der finstere Genius der Vergangenheit sich wieder zu regen , und mit seinen eiskalt beschattenden Fittigen jeden hellen , freundlichen Eindruck in ihr zu verlöschen . Sie zog sich alsdann , ihm ausweichend , gleichsam in sich selbst zurück , und träumend , sinnend , trauernd , als bemühe sie sich vergebens , die Widersprüche eines dunklen Schicksals zu lösen , dauerte es lange , ehe die genaueste Wachsamkeit auf sich selbst von seiner Seite sie wieder in das vorige ruhige Gleis des freundlich unbefangenen Umgangs zurückbrachte . Deshalb aber verzagte er keineswegs . Nicht mit stürmender Hand , das fühlte er wohl , durfte er dem mit dem heiligsten Flor bedeckten Geheimnis ihres Lebens seinen Schleier entreißen . Von selbst mußte er dereinst fallen , wenn eine immer nähere Bekanntschaft mit ihm sie nach und nach überführt hatte , daß seine Fehler gebessert , seine Tugenden nicht mehr zufällig , sondern auf die sichere Basis fester Grundsätze gestützt waren , und da er sich wirklich besser fühlte , und auf dem Wege , es mit jedem Tag mehr zu werden , so rückte sein nicht auf Eigendünkel , sondern auf das Bewußtseyn seines moralischen ihm zurückgegebenen Werths gegründetes Selbstvertrauen das schöne Ziel , wo er sie sein nennen dürfe , in keine allzu ferne Zukunft hinaus . XXI So sehr er , hier nicht aus Wohlwollen , sondern lediglich um seines Vortheils willen , sich bemühte , Augusten nach und nach wieder mit sich zu versöhnen , um sie für seine Wünsche zu gewinnen , da eine solche Fürsprecherin ihm die ersprießlichsten Dienste zu leisten im Stande gewesen wäre , so wenig wollte es ihm doch gelingen . Sie fuhr fort , ihn als einen Menschen zu behandeln , den sie ganz durchschaut , und mit Recht ihr Zutrauen und ihre gute Meinung entzogen hatte . In ihrem Liebling Erna fühlte sie sich damals so empfindlich beleidigt , daß sie ihm weit eher die ihr selbst zugefügte Kränkungen verziehen haben würde , als den Schmerz , dies fromme , reine , schuldlose Opferlamm seines Leichtsinns und seiner Härte so hinwelken zu sehen , daß nur nach und nach Zeit , Vernunft , Religion und die abwechselnden Zerstreuungen weiter Reisen ihr den Becher körperlicher Genesung zu reichen vermochten . Nun ahnete sie freilich im menschlichen Gemüthe jene tief verborgene göttliche Kraft , welche fähig ist , den Gefallenen wieder aufzurichten , und den Verirrten auf den rechten Weg zurück zu leiten ; aber Erkenntnis , Reue und fester Wille , und vor allem Wahrheit des Charakters , schienen ihr die unerläßlichen Erfordernisse , durch die selbst der tief Gesunkene sich wieder zu erheben im Stande sei . Hier aber , ihm gegenüber , der einst ein so grausames Spiel mit dem edelsten Herzen getrieben , konnte sie bei aller Güte ihres selbst so reinen Sinnes sich kein anderes Urtheil abzwingen , als daß er auch jetzt nur auf dem faulen Morast der Lüge das Gebäude seiner sinnlichen Wünsche zu erreichen strebe , und jeder lichte Strahl , der als Zeuge einer geläuterten Gesinnung aus seiner veredelten Seele blitzte , schien ihrem Unglauben an ihn ein täuschendes Irrlicht , auf Sümpfen erzeugt , unfähig mit seinem falschen Schimmer das Leben ihrer Erna zu verklären , sondern nur vom listigen Betrug ausgesandt , ihren frommen Sinn von Neuem zu verlocken . Sie verhielt sich daher mit unbestechlicher Strenge immer in den abgemessenen Formen kalter Höflichkeit gegen ihn , und versagte gern ihm auch diese , wenn es zuweilen unbeobachtet geschehen konnte . Denn der Ruf seines Leichtsinns und seiner Frivolität , den selbst die verbreiten halfen , die seine vorzüglichen geselligen Eigenschaften an ihm schätzten und seinen Umgang suchten , verglichen mit ihren früheren Erfahrungen , mit seinem eigenen Geständnis , daß er Religion nur als ein Phantom betrachte , das Volk zu schrecken , und daß der Schein ihm die Wirklichkeit jeder Tugend aufwiege , alles dies bei der selbst erprobten Gabe , sich so täuschend zu verstellen , daß sie ihn einst für einen sehr guten Menschen gehalten hatte , flößte ihr neben dem unüberwindlichsten Mistrauen auch den entschiedensten Widerwillen gegen ihn ein . So gelang es ihm auch nicht , sich mit Linovsky zu befreunden , woran ihm freilich im Ganzen weit weniger lag , da der tiefe Ernst desselben , seine oft schwermüthigen Ansichten und seine Zurückgezogenheit von allen rauschenden Freuden des Lebens ihn eher zurückstießen , als anzogen . Aber da er nicht bezweifeln konnte , daß Auguste ihm eine üble Meinung von ihm beigebracht , so hätte er sich gern den Triumph gewährt , sie durch eine genauere Bekanntschaft zu entkräften und in Wohlwollen umzuwandeln . Als jedoch mehrere Versuche , den Sonderling gegen sich umzustimmen , vergebens blieben , gab er die Idee , sich ihm nähern zu wollen , auf , und begegnete ihm mit derselben wortkargen Gleichgültigkeit , die von Linovsky ' s Seite das einzige Resultat seiner freundlichen Zuvorkommenheit gewesen war . Die Bemerkung , daß Erna gerade dann am herzlichsten gegen ihn war , wenn Auguste oder Linovsky , schroff und unzugänglich wie der Felsen im Meer , seine gefällige Annäherung aufnahmen , war ihm ein tröstlicher Beweis , daß sie das ungünstige Vorurtheil gegen ihn nicht mit ihnen theile , ja es misbillige , daß sie es nicht einmal der näheren Untersuchung werth zu halten schienen , um davon zurückzukommen . Oft ruhte ihr holder ausdrucksvoller Blick bittend auf Augusten , als wolle er sie anflehen , das Zurückstoßende ihres Benehmens gegen ihn zu mildern - oft suchte sie durch ein freundliches Wort , das sie an ihn richtete , den Unmuth in ihm wieder zu verlöschen , den die stets abgezirkelte , fast geringschätzige Förmlichkeit ihrer Freundin nothwendig in ihm erregen mußte . Er fühlte sich reichlich durch dieses leise , aber wohlthuende Bestreben ihrer alles Bittere so gern lindernden Güte entschädigt , und wagte sie für mehr als dies , für das Zeichen eines individuellen , innigeren Antheils zu halten , den er sich immer mehr zu erlangen und zu verdienen bemühte . Um die ihm Abgeneigten bekümmerte er sich bald eben so wenig , als sie sich um ihn . XXII So waren zwei Monate vergangen , die glücklichsten und bedeutungsvollsten seines Lebens - durch Hoffnung gewürzt , wenn gleich oft durch Sehnsucht vergiftet , die sich noch so fern von ihrem Ziele fühlte . Sein Inneres glich einem tiefen Meere , in dessen Schooße - wenn auch die Oberfläche oft glatt und still das Bild des Himmels auf den geebneten Wellen trägt - doch eine ewige Bewegung gährt , die jeder leise Hauch von außen schäumend und tosend aufwühlen kann . Er befand sich in einer steten Reizbarkeit , alle seine Gedanken nur auf einen Punkt concentrirt - alle seine Wünsche nur einen Gegenstand umschlingend . Bisher war Freiheit das Element seines Daseyns gewesen , und alles Bedingende ihm verhaßt wie Kettengerassel , und jetzt - o wie schmachtete er nach den heiligen Banden , die ihn zu Erna ' s ewigem Eigenthum weihen , die ihn an die selige Beschränkung eines stillen häuslichen Lebens knüpfen sollten ! Gleichwohl , so deutlich er fühlte , daß es ihm nicht möglich sei , den Zustand dieser Ungewißheit ferner zu ertragen , so würde er doch vielleicht noch lange mit seiner Erklärung gezögert haben , wenn ihn nicht einst ganz unvermuthet die Gräfin bei Seite genommen , ihm zu vertrauen , daß morgen Erna ' s Geburtstag sei , den sie mit einem Ball zu feiern gedenke , der ihr aber lediglich als Impromptü erscheinen solle . Ihm war , als riefe jetzt die Stimme seines Schicksals mit unwiderstehlicher Allmacht ihm zu : Laß diesen Tag , der sie einst der Erde gab , entscheiden , ob sie für dich geboren wurde ! In welchem Aufruhr seines ganzen Wesens brachte er die Nacht zu , die diesem Tage vorausging ! Schlaflos warf er sich auf seinem Lager umher , an den bald Furcht , als gräßlich drohende Erscheinung , bald Hoffnung , als milder Genius seiner dunklen Zukunft , ihm vorüber schwebte . Der erste Schein der Frühe rief ihn auf und hinaus ins Freie . Es war ein kalter Märzmorgen . Blinkender Reif ruhte wie ein weißes Leichentuch auf der Erde , und die blätterlosen Bäume streckten , gleich starren Gerippen , ihre nackten Zweige in die nebelhauchende Luft . Alexander empfand wenig von dem frostigen Einfluß der Atmosphäre . In ihm loderte eine Glut , die sich an dem Altar der heiligsten Sehnsucht entzündete , und die ihn wärmte , als wandele er unter den brennenden Strahlen der Juliussonne einher . Sonderbar erschüttert war sein Gemüth , und ein gar anderer Geist als sonst schien durch die Natur zu wehen , und ihn so innig mit allen winterlichen Erscheinungen zu befreunden , als sei es Fülle des Lenzes , die mit Blüthenhauch ihn umschmeichele . Jetzt regte der Morgenwind seine Fittige , flammend erhellte sich der Osten , und ein herrliches Morgenroth wandelte der Sonne voran , die die Nebel zerstreute . Ihm war so wunderbar zu Muth - mit Wehmuth kämpfend athmete seine beklommene Brust gleichwohl mit vollen Zügen ein frisches , freudiges Gefühl des Daseyns ein . Die glanzumsäumten Wolken zogen wie goldene Träume über ihn hin , und das ferne Jenseits , dessen Schwelle das Grab ist , erschien ihm hinter der purpurnen Pforte des Morgens , alle Schauer der Unsterblichkeit in seiner ernsten Gedankenfülle erweckend . Ein seit seinen Knabenjahren durch Leichtsinn und frivole Zerstreuungen gebannter Geist , der Geist des Gebets , zog heiligend in seine Seele , und belebte ihre öde Tiefe mit frommen Vorsätzen und würdigen Entschlüssen . Thränen stiegen in sein Auge , und sich selbst das Gelübde ablegend , gut und immer besser zu werden , ging er wieder zu Haus , die Empfindungen , die sich in