So habe ich dich wieder , du geliebter Sohn , und keine Macht soll dich mir rauben , du bleibst nun an meiner Seite ; wie eine Löwin , die ihre Jungen schützt , so will ich dich mit meinem Blute bewahren ! - Wie viele Jahre meiner Liebe sind dir verloren , denn gut kann der Mensch gegen jeden sein , aber nur das Blut bindet die Liebe unauflöslich ; so kann dich keine Mutter lieben , wie ich und die heilige Mutter , der ich dich so oft in meinem Gebete empfahl ! Ach deinetwegen lerne ich die Schrecklichen wieder fürchten , in deren Gewalt dein Geschlecht seit Jahrhunderten zwischen der Hoffnung unerreichbarer Herrlichkeit und der Furcht eines gewaltsamen Sturzes ohne Boden , ohne Himmel schmachtet . Ich darf dich nicht von mir lassen , du mußt dich blödsinnig anstellen , um vor ihnen sicher zu sein , ihre Gaben sind wie des Teufels Schätze , in der Nacht glänzt es wie Gold , am Tage sind es Kohlen . Was soll ich dir schenken zu der seligen Stunde , bewahre den Ring , bis du eine Jungfrau findest , die dir noch über dies teure , väterliche Andenken geht , verschenke ihn nicht leichtsinnig . « - Berthold betrachtete den Ring und blickte zu Apollonien . Die Mutter verstand beide und wollte schon die Ringe wechseln , da blickte die aufgehende Sonne feurig durchs Fenster , da fiel die gute Frau auf ihre Knie nieder und rief inbrünstig : » Ich darf dich wieder sehen , du scheinst in zwei Augen , die ich zu deinem Licht geboren ; ruhig wird jetzt die Trauer meiner Liebe und eine innige Gegenwart mit dem Geliebten ; die Lerchen steigen wieder freudig und die Glocken klingen wieder hell und der Verstand sieht mich nicht mehr ungültig an . « Bei den letzten Worten winkte sie dem Baumeister , der ernst über ihr stand und er sprach milde : » Der höchste Verstand ist die Güte ; wo mir die noch fehlt , da bin ich ein unverständiger Geselle , diesmal aber meine ich doch etwas zusammengeführt zu haben mit Verstand , dessen sich die höchste Güte nicht zu schämen brauchte . « Während er noch so wohlgefällig sprach , trat der Prior ein und warnte ihn ängstlich , der Bürgermeister lasse das Haus von allen Seiten durch bewaffnete Bürger umringen . Die Fremde meinte , es wäre wegen der Tochter , aber der Baumeister schüttelte mit dem Kopfe und der Prior sagte , er habe ihn sehr heftig von einer Frau sprechen hören , welche sich für die Erbtochter eines regierenden Hauses ausgäbe , aber von den Verwandten dieses Hauses als eine Betrügerin verfolgt würde . » Ich weiß , was sie wollen « , seufzte die Fremde , » die edlen Steine aus dem Erbe des Vaters , gebt es ihnen , ich besitze Diamanten von reinerem Wasser in den Freudentränen , die ich weine . Laßt sie ein , die neidischen Seelen , sie sollen fühlen , daß sie mir nichts nehmen können , so lange ich den geliebten Sohn in meinen Armen halte , er ist mein und keine Gewalt trennt mich von ihm . « Der Baumeister trat zwischen und suchte sie zu überzeugen , der Besitz jener Kostbarkeiten könne nur ein Vorwand sein , ihr werde der Sohn von den Unerbittlichen nicht gegönnt , um noch in ihr das Vergehen des unglücklichen Gemahls zu rächen . » Ihr wißt ihn jetzt wohlbewahrt , reichlich versorgt « , sagte er , » Ihr scheidet nicht auf ewig von ihm , Euer Gelübde ist gelöst , erfüllt die Wünsche meiner Treue , lohnt meinen vieljährigen Dienst ! Was ist Euch der fürstliche Name , dessen viele Euch wegen der ungleichen Geburt Eurer Mutter und wegen der Vermählung mit dem unbekannten Ritter für verlustig achten . Als meine Frau kann Euch die freie Stadt Straßburg schützen . « - Aber die Fremde hob den Schädel des geliebten Gatten auf und sprach : » Alles könnte ich Euch schenken , und lohnte Eure Dienste nur gering und das einzige , was Ihr verlangt , mein Herz , meine Hand , sie beide sind nicht mein ; von meinem Gatten , von meinem Sohne trennt mich kein Entschluß , nur die Gewalt , die mich dem Leben entreißt , kann mich von ihnen scheiden . Überlaßt mich dem Geschicke meines Himmels . « In diesem Augenblicke stieß der zornige Bürgermeister die Leute der Fremden , die ihn aufhalten wollten , ungeduldig von sich und trat ein , mit dem Ausrufe » Im Namen meines Grafen ! « Aber der Baumeister führte ihm in dem Augenblicke , wo er die Fremde für eine Gefangne erklären wollte , die zitternde Apollonia entgegen . Diese unerklärliche Erscheinung brachte den heftigen Mann außer Fassung ; hätte er Berthold erblickt , so hätte sein Zorn eine Erklärung gefunden , aber die Fremde hielt ihn noch in ihren Armen . » Du hier ? « fragte der Bürgermeister stammelnd und Apollonia konnte schluchzend nicht antworten . Nach kurzer Besinnung nahm er sie beim Arm , Berthold wollte sie zurückhalten , aber sie selbst entzog ihm in der Angst die Hand , die er von der Abgewendeten ergriffen hatte . Eine Unbestimmtheit hatte alle ergriffen , die jeden lähmte , und wie Krankheiten im Menschen solche Vorgefühle von Erschöpfung voranschicken , so schien diesmal ein gewaltsames Ereignis in den Lüften wie eine allgemeine Krankheit des Gestirns auf alle Bewohner zu wirken . Ein Sturm erbebte durch die Gassen der Stadt , den die innerlich Erschütterten bis jetzt überhört hatten . Mit steigender Heftigkeit pochten die Luftadern , die fallenden Reihen der Dachsteine , die klirrenden Fenster , das Geschrei der Menschen , die sich in ihren wankenden Holzgebäuden nicht mehr sicher glaubten , wurden jetzt erst hörbar , wo der Sturmwind ein schlecht verschlossenes Fenster des Zimmers , wo sich alle noch befanden , aufschlug , Stroh und Baumäste hineinführte und mit allem Beweglichen im Zimmer sein tolles Spiel forttrieb . Von allen Seiten riefen Stimmen nach dem Bürgermeister , es wurde der Befehl von ihm verlangt , daß alle Feuer auf den Herden gelöscht würden , damit nicht eine allgemeine Feuersbrunst den Schrecken erfüllte . Der Mann war an so schnelle Entschlüsse wenig gewöhnt , er verlangte in der Verlegenheit nach dem Rathause , aber die Tochter ließ er nicht aus der Hand , gleich wie die Fremde den Schädel und den Sohn bei allem Sturm immer fester an sich drückte . So zog nun der Bürgermeister mit der Tochter , der grimmige Schlächter mit dem zerschmetterten Lamm ab , über das der sichre Stall zusammengebrochen war . Nun trat , als er geschieden , der Prior aus seinem Versteck heraus ; er hatte für seinen Namen , für sein Amt gebetet , daß er nicht als Entführer der Tochter in Anspruch genommen werden möchte . Er benutzte zur Flucht die ersten Augenblicke , wer hätte geglaubt , daß ein feurig rotes Antlitz so bleich werden könnte ! Die Fremde allein schien wieder ganz ruhig und gefaßt , sie sprach zu Berthold : » Das Unglück ging vorüber , auch der Sturm hat seine Zeit , um so schöner wird die Stille sein , in der jeder erkennt , wie viel ihm blieb . « - » Wir müssen den Sturm benutzen , um fort zu ziehen « , sprach der Baumeister nach einigem Umschauen in den Vorderzimmern , » ich habe die Pferde bestellt , unsre Wache ist fortgelaufen , jeder zu den Seinen , mögen sie mich für einen Zauberer halten , weil ich die Gewalt der Natur als ein gutes Zeichen benutze . « - Aber die Fremde erklärte fest , daß sie bleiben wolle ; wenn sie ihren Ansprüchen entsage , werde sie Schutz und ruhigen Aufenthalt bei dem geliebten Sohne finden , sie wolle nicht länger wie das Laub im Sturme von entgegengesetzten Gewalten sich emportreiben lassen , sie wolle ruhen an der Erde und bald auch in der Erde . - Der Baumeister machte ihr leise Vorstellungen , aber sie lehnte alles ab , dann nahm er mit tiefem Ernst eine Kette vom Halse , die er von ihr trug , zerriß sie und gab sie der Fremden zurück . Sie reichte ihm die Hand zum Kusse , er kniete längere Zeit still vor ihr . Der Wagen rollte vors Haus , er verließ Mutter und Sohn mit Schweigen . Ihm folgten die meisten der Leute , welche die Fremde bis dahin als die Ihren behandelt hatte , auch der Maler Sixt , dessen Kunst sich ihr oft in Beihülfe verbunden hatte . Sie weinte auf , die liebe Fremde , als der Wagen im Sturme rollte : » Ich habe einen Freund verloren « , sagte sie , » dich aber kann ich nicht verlieren , mein Sohn , führe mich in dein Haus zu den treuen Seelen , die deine Jugend bewachten , der Sturm senkt die Flügel , er hat erfüllt , was er sollte , und die zerstreuten Wolkenschäflein sammeln sich wieder ruhig aneinander ; es bedarf der ganzen Gewalt und Erschütterung des Erdelements , um dem Geiste seine Freiheit zu geben . Ich war befangen von innen und äußerlich von meinen Feinden bewacht , der Sturm hat alle Ketten abgeschüttelt und ich danke dem Himmel , daß die Zerstörung , in der auch dieses Haus schwankte , mir ein neues Vertrauen geschaffen hat . « - Berthold bat die heftig bewegte Mutter , sich zu beruhigen , das morsche Häuschen zu verlassen und in dem sicheren Hause einzukehren , das er zu irdisch ewiger Dauer begründet und auferbaut habe . Sie sprach noch mit ihren Dienern , dann führte er sie hinunter auf die Straße . Da flatterte ihm ein Schleier in die Augen , der an einem eisernen Schildhaken hängen geblieben . War es Apolloniens Schleier ? Vielleicht ihr letzter Gruß der ihm werden sollte . Er wagte es nicht , ihn mitzunehmen , so sehr es ihn gelüstete , denn er war strenge von Berthold gegen jeden Diebstahl gewarnt worden ; aber er blickte so lange es ihm möglich nach dem Schleier um , als wäre es die Geliebte , und als er dem Auge ganz verschwunden , da stand er schon in der Nähe seines Hauses . Und nun beengte ihn die Sorge , wie Frau Hildegard seine Mutter empfangen würde , sie vertrug sich nicht mit andern Frauen und hatte daher keinen Umgang . » Sie liebt mich « , dachte er endlich , » sie wird auch die Mutter lieben . « » Gottes Segen über dich , lieber Sohn « , rief Frau Hildegard ihm entgegen , » eben bringt Meister Fingerling die Nachricht , daß unser guter , alter Turm bei dem Sturm zusammengestürzt ist , eben als ein Wagen mit einem Fremden hinausgefahren war ; da wäre ich wie der neue Türmer in meinen Sünden hingestorben und verdorben , wenn du mich nicht in das neue Haus geführt hättest . « » Es gibt Zeichen und Wunder « , rief die Fremde . - » Wen führst du mir ins Haus ? « fragte Frau Hildegard . - » Die Mutter , die mich geboren hat « , sagte Berthold , » führe ich zur Mutter , die mein Leben erhielt ; umarmt euch , ihr lieben Mütter , liebt euch um meinetwillen , daß ich euch beide zusammen wie eine Mutter umfassen , lieben , ehren kann . « - Frau Hildegard segnete die Stunde , in welcher jene Berthold geboren , die Fremde segnete die Stufen , auf denen sie in das Haus angestiegen , das alles , was sie auf Erden noch liebe , den Sohn und seine treuen Pfleger umfasse . Da sanken beide Frauen einander zärtlich in die Arme , und Berthold drückte beide innig aneinander und freute sich still dieser Einigung . Das Haus und die Treppe waren noch von der Feier des Einzugs mit Blumen bestreut , Apolloniens Lamm war dem Berthold unbemerkt nach gelaufen , weil er es getragen hatte , und schloß sich an ihn , als wüßte es etwas von seinem Glücke . Die neugierigen Arbeiter , die zur Türe hineinsahen , nahmen unwillkürlich die Mützen ab und falteten die Hände , sie fanden sich durch diese Zusammenstellung an ein Gemälde der Waiblinger Kirche erinnert . Zweites Buch Erste Geschichte Die wunderbare Heilung Die Gewohnheiten und der Schmuck des täglichen Lebens verwandeln sich früher in der zerstörenden und schaffenden Hand der Zeit und des Menschen , als das sonntägliche , kirchliche Wesen ; die Kunst insbesondere versucht sich erst im Weltleben und über lebt ihre meisten Irrtümer in demselben , ehe das Geheiligte die Verwandlung erfährt , ja es scheint , daß sie sich zuweilen , nach dem Erreichen einer gewissen Höhe , unter dem Einflusse ewiger Ahndungen ganz von dem heiligen Kreise wendet , um mit frischer , neu begründeter Kraft sich demselben von andrer Seite zu nahen . Es ist leicht , durch den Anblick von älteren Kirchen uns in die Zeiten Luthers , Dürers , Raphaels zu versetzen , schwerer ist ' s , das häusliche Leben jener Zeit noch irgendwo ungestört erhalten zu finden . Der Bau unsrer Häuser hat sich so gänzlich verändert , wie unser Verkehr , wir glauben bequemer zu wohnen ; im Bau und Schmuck der Kirchen dagegen ist bei allen verschiedenartigen Glaubensbekennern noch kein wesentlicher Fortschritt gemacht . Hat ein Teil der Christen sich der Kunst in Kirchen geschämt ( Reformierte ) , so hat ein andrer durch bedeutungslose Anwendung derselben ( man vergleiche alle prachtvolle Jesuiterkirchen ) , sie weder gefördert , noch den Dienst verherrlicht und beides wird vor einer neuen Kunst verschwinden , deren Strahlen uns aus der Dämmerung erwärmen ; vielleicht wird ungestört fortgearbeitet werden , wo Cranach , Dürer und Raphael ihre Pinsel niederlegten , wo die edlen Bilder vor den toten Augen unter Staub oder Kerzendampf verblichen , oder wo die blinde Wut sie herabriß . Ehe aber diese Zeit eintreten kann , muß Alltägliches und Sonntägliches , muß Haus und Kirche aus einem Stück gebildet sein , wie damals , als unser Dürer den heiligen Hieronymus mit seinem Löwen in sein eignes Wohnzimmer setzte , als Cranach den Melanchthon zur Taufe , den Luther zur Kreuzigung Christi führte . Das Himmlische war damals noch nicht so weit der Erde entrückt , sondern wohnte vertraulich unter den Wahrhaften , der Künstler brauchte sich nicht in eine andre Welt hinauf zu schrauben , er sah die Seinen im erhöhten Sinn an . Wer zu Wittenberg in Luthers Wohnzimmer geblickt hat , muß die innige , eigene Entwickelung jener zeit erkennen , wie Blatt und Blüte , Krone und Wurzel einer Pflanze auf einander deuten , so natürlich fühlt sich jene Zeit von ihrem innern Reichtum auch äußerlich durchdrungen , ohne es selbst zu wissen ; denn lebte gleich Luther nach allen Nachrichten prachtlos und einfach , so ist doch das Getäfel , der kunstreiche Ofen , mit edlen Bildern der Wissenschaften und Künste geschmückt , unendlich besser , einiger mit dem Stil des ganzen Gebäudes , als wir jetzt die Zimmer eines Geistlichen finden würden . Derselbe Geschmack herrschte im nördlichen wie im südlichen Teil Deutschlands , nur war letzteres damals durch die Nähe und den Verkehr vieler reichen , freien Handelsstädte noch reichlicher von jeder Art Künstlern befruchtet , besucht und geschmückt , und da sich die Kunst erst damals anfing , nach Völkern zu trennen , auch noch weniger bloß mechanische Scheinblüten trieb , so störte es noch nicht so unangenehm , wie späterhin , Niederländer und Italiener neben deutschen Künstlern an der Ausmalung oder Verzierung desselben Hauses arbeiten zu sehen . Manchen dieser Fremden trieben Staatsverhältnisse nach Deutschland , andre der Erwerb , noch andre in der ungebändigten Leidenschaftlichkeit jener Zeit unselig vergossenes Blut und Familienrache , aus gleichem Grunde besuchten auch deutsche Künstler die Fremde , ohne eben mit diesen Reisen nach Bildung und Unterricht zu streben , ohne sich die heutige Narrheit auszusinnen , als ob die Kunst nur in Rom ausgeheckt würde . Die deutschen Künstler wußten und konnten alles , was von ihnen verlangt wurde , und mehr forderte keiner , als sie zu leisten vermochten , auch hatte jede Stadt ihre Künstler lieb , weil sie ihr von Gott nicht anders beschert waren , und suchte sie zur Ehre der Stadt zu beschäftigen , und hungerten zuweilen auch damals die Künstler , so hungerten sie nicht als Künstler , sondern mit der ganzen Stadt . Auch Berthold hatte sein vollendetes , großes Haus von den Steinmetzen , Tischlern und Glasmalern der Stadt einrichten lassen , so schön als die guten Leute vermochten , die mit rechter Anstrengung alles zur Dauer durch Wahl der Stoffe und zur Lust durch künstliche Ausführung eingerichtet hatten , er kümmerte sich nicht darum , als Fingerling ihm versicherte , es gäbe in Augsburg noch kunstreichere Männer , er suchte seine Waiblinger Künstler und Arbeiter zu bilden , das segnete Gott durch manche kunstreiche Hand , die sich unerwartet hervor tat . Selbst den alten Maler Fischer verschmähte er nicht , der mit sterbender Hand die Mutter Gottes mit dem Kinde auf die Wand über der Haustüre gemalt und aus Schreck , daß er sie so bleich und hinfällig dargestellt , gestorben war . Obgleich sich nun mancher durchreisende Maler zur Besserung dieses verblichenen Bildes gemeldet hatte , so wies doch Berthold alle ab , denn er fühlte sich allmählich absterbend dem Fleische und auflebend im Geiste . Wie hat sich der fröhliche Knabe verändert , seit Reichtum und Ehre ihn mächtiger rüsteten , wie war er so ohnmächtig und siech geworden und nur in dem engen Raume seines Zimmers , wo die zierlichen Gitterschränke mit seinen Handschriften vom bunten Glase der beiden Fenster mit wechselnden Strahlen beschienen wurden , da fühlte er sich selig erweitert zur frohen Stimmung seiner Jugendtage . Der Neujahrstag war ihm besonders schmerzlich , weil er ihm zugleich den Verlauf eines neuen Lebensjahres seit dem unbewußten Eintritt auf dem Turme bezeichnete und weil Frau Hildegard es sich nicht nehmen ließ , am Morgen , ehe es tagte , ihm mit einem Kuchen die Augen zu blenden , um welchen schon mühsam der Wald vergangener Jahre durch eben so viele kleine , brennende , bunte Lichter ausgedrückt war . Ach die Jahre brannten tief in sein trauerndes Herz , als wären ' s unbewußte Sünden , und er dachte der vielen verlornen Zeit , der vielen geleerten Medizinflaschen und wie er weder in Ehre noch Minne gleich seinen Lieblingen in den Büchern irgend etwas getan , obgleich er in seiner Stadt die höchste Ehre , die Stelle als Bürgermeister erreicht hatte . Dann sah er alle die gemalten Briefe durch , die er am Jahreswechsel erhalten , und wünschte sich die Zeit zurück , als er noch selbst dergleichen für den Bürgermeister Steller mit demütiger Ehrfurcht geschrieben ; da flossen seine Tränen häufiger , denn er fühlte die Sehnsucht nach der verschollenen Apollonia wieder erwachen , die er nach einigen Nachrichten nur jenseits der Grenzen dieses Lebens wieder zu sehen hoffen durfte . Unwillig setzte er den Trank , den er einnehmen sollte , in den Schrank zurück , nahm das Buch von Tristan und Isalde in die Hand und sah nachdenkend die schönen , feinen Bilder an , mit denen es durchweg geschmückt war . » Er ist unglücklich wie ich « , dachte er , » aber er hat doch etwas erfahren und er starb früher als seine Isalde . « Der Diener trat ein und meldete einen niederländischen Maler Sixt an . Berthold fuhr bei dem Namen aus seiner Träumerei mit offenem Visier dem Ankommenden entgegen , der demütig , klein und krummbeinig vor ihm reverenzte . » Seid Ihr ' s , lieber Sixt « , sagte Berthold , » ja Ihr seid ' s , der meiner Mutter Begleiter gewesen , ihr hülfreich in ihren Arbeiten beistand und sie damals vor etwa dreißig Jahren hier verließ . « - » Verzeihet es mir , Herr Bürgermeister « , antwortete der gekrümmte Maler , » ich glaubte mich nicht recht sicher bei der edlen Gräfin , denn die Leute sprachen so verschieden von ihrer Herkunft und der Baumeister wußte mir immer Arbeit nachzuweisen , da hielt ich es für meinen Unterhalt sicherer , mit ihm nach Straßburg zu ziehen . Es ist mir aber allda sehr konträr ergangen , weil ich da lange vom leidigen Satanas geplagt wurde , die Leute in kontrafetischen Bildnissen durch ihre seltsamen Züge getreulich darzustellen , die sie nicht gern an sich erblickten , also daß sie sich durch ihre eigne Leiblichkeit denigriert fanden gegen die gute Meinung , die sie so lange von ihren schadhaften Angesichtern bewahrt hatten . Jetzt aber bin ich meine Aberration inne geworden und male die Leute , wie sie gern sein möchten und empfehle mich bestens mit dieser meiner neuen Manier . « - » Nein alter Freund « , rief der Bürgermeister , » nicht in dieser neuen Manier , in der alten malt mich , daß ich um so williger sterbe , wenn meine Leiche mir schon im Abbild des Lebenden entgegenfriert . « - » Hoffe zu kontentieren , Eure Exzellenz « , rief der Maler , und packte sogleich aus allen Taschen sein Malerbrett , seine Staffelei zum Zusammenlegen , seine Farbenscheibe , wohl belegt mit allem Farbenreichtum , seine blecherne Büchse mit Pinseln aus und stand jetzt , nachdem er sich der Last entledigt hatte , als ein feiner , wohl gebildeter , nur etwas buckliger Mann vor dem Bürgermeister . » So schnell dachte ich nicht , diese Arbeit zu unternehmen « , rief dieser , » inzwischen bin ich heute frei von Geschäften , und wer weiß , ob ich morgen noch lebe . « - » Bemerke nur wenig von dem hippokratischen Gesichte an Ihro Hochunvermögen ! « sagte der Maler . Während der Arbeit erzählten einander beide , was sie während der langen Zwischenzeit betroffen , denn Meister Sixt war sehr neugierig und suchte Neuigkeiten durch Gegenerzählungen zu bezahlen . Berthold brachte ein Gemälde mit dem Gewebe , das nach diesem , beides aber von der Hand seiner rechten Mutter gemacht , mit einem Seufzer aus dem dunkelsten Schranke hervor . » Damals trug ich noch Farben auf den Wangen , Hoffnung im Herzen « , sagte er , » seht , so kunstreich ist mein Mantel aus Blüten aller Art von der Mutter erfunden und ausgeführt und ein Kranz von singenden Vögeln schwebt über dem Haupte , das begeistert den Himmel offen und tausend Engelköpfe in der schimmernden Bläue erblickt , die Mutter ist tot , die Blüten sind verwelkt wie meine Wangen und wie mein Herz mit allen Hoffnungen . « » Wann starb Eure verehrte Mutter ? « fragte der Maler , indem er schon mit schneller Hand die Grundfarben in den Umriß peitschte . » Es war am Fronleichnamsfeste vor zwanzig Jahren « , antwortete der Bürgermeister , » als sie einen großen Schreck , den die Ihren ihr bereitet , nicht überleben konnte . « - » An dem Tage beliebte auch der Baumeister zu sterben « , sagte der Maler , » und mich unredlich in meinem Geschäfte zu verlassen . Es ließe sich viel darüber sagen , wenn ich nur Zeit hätte . « Aber Berthold bat ihn , sich Zeit zu nehmen , er wolle sie ihm bezahlen , als ob er während derselben gemalt habe . - Sixt berichtete nun , daß der Baumeister viel von dem Tode der Gräfin an jenem Tage mit ihm gesprochen habe , dann sei er auf die Spitze des Münsters , auf den Turm zur rechten Hand des Ausgangs , der allein seine Spitze vollendet trägt , hinauf gestiegen , kletterte zu allem Erstaunen an den Knopf hinan und warf die Fahne hinunter , welche das von ihm auf den Knopf gesetzte Marienbild festgeschnürt , bedeckt hatte . Mit der Fahne flatterten unzählige gedruckte Blätter zur Erde ; seht Herr , eins habe ich immer als ein teures Andenken bewahrt und trage es bei mir : » Leset es ruhig , die Augen nach dem Schranke gerichtet , weicht nicht aus der Lage . « - Berthold las aber laut vor : Laß , o Herr , das Werk der Zeiten , Das dein Hauch hat angereget , Heut durch meinen Mund ausdeuten , Großes Wort sich schwer beweget , Schwer und langsam wie die Steine , Die aus rauhem Fels gespalten , Sich erhoben zum Vereine Und den hohen Turm gestalten . Gott erschuf am zweiten Tage , Der vom Wasser schied die Erde , Zeugen dieser heiligen Sage , Felsen sich zum Opferherde . Erwin sah die heil ' gen Zeugen Drüben harrend an dem Rheine , Und im Geiste ward ihm eigen , Was ein jeder sag und meine . Wie sie alle ihm gebieten , Daß er sie hinüber führe , Daß sie heil ' gen Dienst behüten , Daß die heil ' ge Kunst sie ziere ; Daß aus felsenfestem Kerne Sich erbaue Gottes Kirche , Darum treiben Gottes Sterne Goldne Adern durchs Gebirge . Seht , mit diesem Goldgewinne , Den sie zu dem Rheine senden , Regen sie der Menschen Sinne , Wirken sie in fleiß ' gen Händen , Daß sie große Gaben schenken , Zu der großen Münsterkirche , Die der Erwin will erdenken Aus den Felsen im Gebirge . Erwin reißt mit schnellem Bleie Viele Pläne zu dem Baue , Doch es fehlt die rechte Weihe , Daß er auch das Rechte schaue ; Zu der Wildnis jener Berge Dringt er in Verzweiflung weiter , Klagt , daß Wahrheit sich verberge Auf des Schönen Himmelsleiter . Betend kommt er so zur Kirche , Die der erste Christ erbaute , In dem wildesten Gebirge , Daß er seinen Herren schaute ; Sieht ein zierlich Bild des Stalles , Wo der Herr einst ward geboren , Und das geht ihm über alles Und er hat es gleich erkoren . Die Kapell aus Stabgeflechten Ist mit Blumen reich verzieret , Und was andre bilden möchten , Diesem Plan der Preis gebühret ; Nein , kein Tempel alter Zeiten , Kann entzücken wie die Hütte , Soll sich Dauerndes bereiten , Steigt es nur aus frommer Sitte . Wo die Krippe einst gestanden , Ist der Altar aufgerichtet , Wo das Kind , die Hirten standen , Hat der Morgen ihn umlichtet , Und zwei Türme , wo der Tauben Keusch getrennte Liebe wohnet , Sich erheben , wie der Glauben , Der im Geist hoch oben thronet . Unser guter Meister sinnet , Daß der Bau in Stein sich gründet , Bischof Konrads Herz gewinnet , Und der Bau wird weit verkündet , Und Vergebung aller Sünden Wird zu diesem Bau verliehen , Jedem , der sich da wird finden , Treu und mutig im Bemühen . Bischof Konrad , wohl beraten , Kommt mit heil ' gem Öl und Weine , Mit dem Stabe , mit dem Spaten , Legt geschickt die Gründungssteine . Ringsum stehn die Arbeitsleute , Alle Geistliche des Landes , Alle Zünfte graben heute , Selbst die Herren edlen Standes . Als die Weihung ist vollendet , Tritt der Bischof still zurücke , Doch ein Streit hat bald geschändet Dieser Sonne Gnadenblicke , Wohl mit Recht ist lang verkündet , Daß der Teufel sich bestelle , Wo die Kirche wird begründet , Seinem Dienste die Kapelle . Eh ' der Bischof sie kann trennen , Ist ein Kampf da ausgebrochen , Brüder wild im Kampf entbrennen , Und der eine ist erstochen . » Wer hat diesen Streit entzündet ? « Ruft der Bischof mit Entsetzen , » Neu sei dieser Bau begründet , Nicht mit Blut dürft ihr ihn netzen . « Und es sprach der Mordgeselle : » Wo dein heil ' ger Arm gegraben , Von der lieben Gnadenstelle , Stieß er mich wie einen Knaben ; Weiß , ich hab den Tod verdienet , Daß ich Bruderblut vergossen , Doch es sei die Welt versühnet , Ihr zum Heil sei es geflossen . Wißt , es fließen hier im Grunde Zwei versteckte böse Quellen , Stopft ihr nicht die Doppelwunde , Werdet ihr den Turm nicht stellen . Ganz umsonst sind hier die Pfähle , Steine , Mörtel ganz vergebens , Wenn ich ' s nicht zum Grab erwähle In der Fülle meines Lebens . Eine Quelle will ich laben Mit des armen Bruders Leiche , Und ein Grab mir selber graben , Daß das Wasser schaudernd weiche . Dann erst ist der Turm begründet , Und das Wasser ist bezwungen , Und die Säulen hoch verbündet Sind vom Sumpfe nicht verschlungen . Eilet euch ihr starken Hände , Daß ihr euer Grab vollendet , Weh ihr glüht wie Feuerbrände , Erde reinigt , was sie schändet . Seid begrüßt ihr Rein ' gungsquellen , Schaudert nicht vor mir zurücke , Ich umspanne eure Wellen , Bin des Heiles feste Brücke . « Und der Bischof sieht zum Heile Hier das Unheil ausgedeutet , Viele Schuh tief grub in Eile Dieser Mörder und erstreitet Sich ein Grab in tiefen Quellen , Die dem Meister sich verbargen , Sicher kann er Mauren stellen Auf den Leichnam dieses Argen . Wo die Brüder eingegraben , Weiht der Bischof neu die Stelle , Friedlich werden böse Knaben Nun des heil ' gen Baues Schwelle , Und der Turm ersteigt in Eile Ohne Streit die höchste Höhe , Wo ich jetzt zu meinem Heile Zu der Gnadenmutter flehe . Flehe , daß sie mich von hinnen Zu dem Bau des Himmels nehme , Neue Lehre zu gewinnen , Denn als Meister ich mich schäme , Daß