wie die jungen Landfräulein immer mit Mund , Händen und den muntern Augen zugleich erzählten , ihre kleinen Manieren und unschuldige Koketterie , die Sorgfalt , mit welcher die Mütter nach jedem Tanze herumgingen und ihren artigen Kätzchen die Haare aus der heißen Stirne strichen und sie ermahnten , nicht kalt zu trinken , das lächelnde Wohlbehagen , mit dem eine jede alle Mienen Leontins und Friedrichs verfolgte , wenn sie sich mit ihren Töchtern gut zu unterhalten schienen , alles dies machte auf die beiden Fremden den sonderbarsten Eindruck , und sie hätten mit ihrem neuen und ungewöhnlichen Wesen heut viele Herzen erobern können , wenn der eine nicht zu großmütig , der andre nicht zu wild gewesen wäre . Leontin walzte mit der niedlichen Braut . Sie tanzte außerordentlich leicht und schön , und wie er so den schlanken , vollen Leib im Arme hatte , sah sie so unbeschreiblich frisch und reizend aus , daß er sich nicht enthalten konnte , das schöne Kind einige Male an sich zu drücken . Sie blickte heimlich lächelnd mit listig fragenden Augen zu ihm hinauf . Sie konnten endlich beide vor Müdigkeit nicht mehr weiter fort und er tanzte daher mit ihr bis in die nächste Fensternische , wo sie zusammen auf die Stühle sanken . Nach einiger Zeit sah er sie an einem andern Fenster neben Fräulein Julie in ruhigem Gespräche sitzen . Er lehnte sich hinter ihnen an die Wand , ohne von ihnen bemerkt zu werden . Sie erzählte Julie , wann ihre Hochzeit sein werde , wieviel feine Wäsche sie mitbekomme , wie sie ihren kleinen Garten einrichten wollten usw. » Dort in dem Schlößchen unten « , fuhr sie fort , » werden wir wohnen . « Leontin warf einen Blick durch das offene Fenster und sah das Dach des Schlößchens , soeben vom Abendrot beleuchtet , unbeschreiblich einsam und verlassen aus den Wäldern hervorragen . Eine große Bangigkeit überflog da sein Herz und er versank in tiefe Gedanken . Die Braut , die unterdes auf einmal gewahr wurde , daß er alles mit angehört , schämte sich und verdeckte ihr Gesicht mit beiden Händen . In diesem Augenblick hörte man ein verworrenes Getöse auf der Stiege , die Tür gähnte und spie einen ganzen Knäuel der seltsamsten und abenteuerlichsten Zerrbilder und Mißgestalten aus , wie sie nur eine fürchterlich reiche , dunkel in sich selber arbeitende Phantasie ersinnen konnte . » Viktor ! « - riefen Leontin und Friedrich zugleich , und sie hatten es erraten . Dieser hatte nämlich in möglichster Hast alles Altmodische , Lächerliche und Zerlumpte von Kleidungsstücken , dessen er habhaft werden konnte , zusammengerafft und damit die Bedienten und Jäger des Herrn v. A. aufgeputzt . Mit einem unübertrefflich raschen und glücklichen Witze hatte er , da er alle genau kannte , jedem zugeteilt , was ihm zukam , und so durch eine ungewöhnliche Verbindung des Gewöhnlichsten den phantasiereichsten Charakterzug erschaffen . Da keine Larven vorhanden waren , so hatte er selber in aller Schnelligkeit die Gesichter gemalt , und man mußte zugeben , jedes war ein wahrer Triumph der freisten und schärfsten Laune , denn eines jeden verborgenste , innerste Narrheit lachte erlöst aus den Zügen . Besonders zeichnete sich eine über alle Maßen dünne und schneiderartige Figur aus mit einem unbeschreiblich albern lächelnden Gesichte , dem er alle Haare rückwärts aus der glatten Stirne gekämmt hatte . Der Leib des alten Rockes war um ebensoviel zu lang , als die knappen Ärmel zu kurz erschienen . Recht oben auf dem Wirbel schwebte ein winziges Hütchen , in der Hand trug er einen kleinen Sonnenschirm . Viktor selbst führte in einem umgekehrten Rocke mit einer verstimmten Geige den Zug an und war recht das Salz und die Seele des Abenteuers . Mit einer Wut von Lust wußte er einem jeden seinen eigentümlichen Spielraum zu verschaffen , und selbst die Eitelsten dahin zu bringen , daß sie sich einmal über sich selbst erhoben und ihre eigene Narrheit zum Narren hatten . Und so gebärdeten sich denn auch die Ungeschicktesten meisterhaft , so wie die Plumpheit selber komisch wird , wenn sie über ihre eigenen Füße fällt . Herr v. A. stand ganz still in einer Ecke und lachte , daß ihm die Augen übergingen . Die Tante , die , wie fast alle Damen , keinen unmittelbaren Spaß verstand , lächelte gezwungen . Manche andere schämten sich zu lachen , und taten sich Gewalt an , ernsthaft auszusehen . Den irrenden Ritter aber hatte , seltsam genug , gleich beim Eintritte des Maskenzuges eine sonderbare Furcht überfallen ; er nahm Reißaus und ließ sich nicht wieder sehen . Viktor führte daher , als die Ergötzung an dem Spektakel anfing lau zu werden , endlich die Bande wieder fort , um den flüchtigen Ritter aufzusuchen . Sie fanden ihn in einem finstern Winkel des Hofes versteckt . Er war äußerst aufgebracht und wehrte sich mit Händen und Füßen , als sie ihn aufspürten . Viktor nahm ihn beim Arme und walzte mit ihm , wie wahnsinnig , im Hofe um den Brunnen herum . Ein alter , dicker Gerichtsverwalter , dem sie unvermerkt die Dose mit Kienruß gefüllt , und der daher , da er sich bei jeder Prise das Gesicht bemalte , wider sein Wissen und Willen eine Hauptfigur in dem Lustspiele abgab , mußte ebenfalls an einer allgemeinen Menuett teilnehmen , die sich jetzt in dem Hofe entspann . Ein einziges Licht stand auf einem Pfahle und warf im Winde einen flatternden Schein über die seltsame Verwirrung . Leontin , der sich bald anfangs mit Leib und Seele mit hineingemischt hatte , saß hoch oben auf dem Gartenzaune und strich die verstimmte Geige dazu . Den irrenden Ritter , der sich indes voll Angst und Zorn mit Gewalt wieder losgemacht hatte , sah man auf seinem Pferde mitten in der mondhellen Nacht über die Felder entfliehen . » Wie haben Ihnen die Streiche gefallen ? « fragte die Tante den Grafen Friedrich , von dem sie ganz zuversichtlich erwartete , daß er den Spaß für unanständig hielt . » In meinem Leben « , sagte Friedrich , » habe ich keine Pantomime gesehen , wo mit so einfachen Mitteln so Vollkommenes erreicht worden wäre . Es wäre zu wünschen , man könnte die weltberühmten Mimiker , Grotesktänzer , und wie sie sich immer nennen , auf einen Augenblick zu ihrer Belehrung unter diesen Trupp versetzen . Wie armselig , nüchtern und albern würden sie sich unter diesen tüchtigen Gesellen ausnehmen , die nicht bloß diese oder jene einzelne Richtung des Komischen ängstlich herausheben , sondern Sprache , Witz und den ganzen Menschen in Anspruch nehmen . Jene ermatten uns recht mit allgemeinen Späßchen ohne alle Individualität , mit hergebrachten , längst abgenutzten Mienen und Sprüngen , und vor lauter künstlichen Anstalten zum Lachen kommen wir niemals zum Lachen selber . Hier erfindet jeder selbst , wie es ihm die Lust des Augenblickes eingibt , und die Torheit lacht uns unmittelbar und keck ins Gesicht , daß uns recht das Herz vor Freiheit aufgeht . « - » Das ist wahr « , sagte die Tante , über dieses Urteil erstaunt , » unser Viktor ist ein pudelnärrischer , lustiger Mensch . « - » Das glaube ich kaum « , erwiderte Friedrich , » ein Mensch muß sehr kalt oder sehr unglücklich sein , um so zu phantasieren . Viktor kommt mir vor wie jener Prinz in Sizilien , der in seinem Garten und Schlosse alles schief baute , so daß sein Herz das einzige Gerade in der phantastischen Verkehrung war . « Es war unterdes schon spät geworden , die fremden Wagen fuhren unten vor , und die Gesellschaft fing an Abschied zu nehmen und aufzusteigen . In dem allgemeinen Getümmel der Bekomplimentierungen hatte die niedliche Braut noch ein Tuch vergessen . Sie lief daher mit Julie noch einmal in das Zimmer zurück . Es war niemand mehr darin ; nur Leontin , der endlich auch die Maskenbande verlassen hatte , kam soeben von der andern Seite herein . Das lustige Mädchen versteckte sich schnell , da sie ihn erblickte , hinter die lange Fenstergardine und wickelte sich ganz darein , so daß nur die muntern Augen lüstern auffordernd aus dem Schleier hervorblitzten . Leontin zog das schöne mutwillige Kind heraus und küßte sie auf den Mund . Sie gab ihm schnell einen herzhaften Kuß wieder und rannte eiligst zu dem Wagen zurück , wo man ihrer schon harrte . » Ade , ade ! « sagte sie noch am Schlage zu Julie , eigentlich aber mehr zu Leontin hingewendet , » ihr seht mich nun so bald nicht wieder , gewiß nicht . « - Und sie hielt Wort . Die Gäste waren nun fort , Herr v. A. und seine Schwester schlafen gegangen , und alles im Schlosse leer und still . Leontin saß oben im Vorsaale im offenen Fenster . Draußen zogen Gewitter , man sah es am fernen Horizonte blitzen . Fräulein Julie ging soeben , mit einem Lichte in der Hand , über den Hausflur nach ihrer Schlafkammer . Er rief ihr eine gute Nacht zu . Sie war unentschlossen , ob sie bleiben oder weitergehen sollte . Endlich kehrte sie zögernd um und trat zu ihm ans Fenster . Da bemerkte er Tränen in ihren großen Augen ; sie war ihm noch nie so wunderschön vorgekommen . » Liebe Julie ! « sagte er , und faßte ihre kleine Hand , die sie gern in der seinigen ließ . Der Wind , der zum Fenster hereinkam , löschte ihr plötzlich das Licht aus . Mit abgewendetem Gesicht sprach sie da einige Worte in die Nacht hinaus , aber so leise und , wie es ihm schien , von verhaltenem Weinen erstickt , daß er nichts verstehen konnte . Er wollte sie fragen , aber sie zog ihre Hand weg und ging schnell in ihr Schlafzimmer . Ohne zu wissen , was er davon halten sollte , schaute er voller Gedanken in den finstern Hof hinunter . Dort sah er Viktor auf einem großen Steine sitzen , den Kopf in beide Hände gestützt ; er schien eingeschlafen . Er eilte daher selber in den Hof hinab und nahm die Gitarre mit , die er unten im Fenster liegend fand . » Wir wollen diese Nacht auf dem Teiche herumfahren « , sagte er zu Viktor , der indes aufgewacht war . Dieser war sogleich mit voller Lust von der Partie , und so zogen sie zusammen hinaus . Sie bestiegen den kleinen Kahn , der unweit vom Schlosse im Schilfe angebunden lag , und ruderten bis in die Mitte des Sees . Die ganze Runde war totenstill , nur einige Nachtvögel pfiffen von Zeit zu Zeit aus dem Walde herüber . Es schien , als wollte das Wetter heraufkommen , das man von ferne sah , denn ein kühler Wind flog über den Teich voran und kräuselte die ruhige Fläche . Sie glaubten Fräulein Julie an dem Fenster zu bemerken . Da sang Leontin , der vorn im Kahne aufrecht stand , folgendes Lied zur Gitarre , während der ewig rege und unruhige Viktor bald tollkühn mit dem Kahne schaukelte , bald wieder in den Wald hinausrief , daß hin und her die Hunde an den nächsten Häusern wach wurden : » Schlafe Liebchen , weil ' s auf Erden Nun so still und seltsam wird ! Oben geht die goldne Herde , Für uns alle wacht der Hirt . In der Ferne ziehn Gewitter ; Einsam auf dem Schifflein schwank Greif ich draußen in die Zither , Weil mir gar so schwül und bang . Schlingend sich an Bäum und Zweigen , In dein stilles Kämmerlein , Wie auf goldnen Leitern , steigen Diese Töne aus und ein . Und ein wunderschöner Knabe Schifft hoch über Tal und Kluft , Rührt mit seinem goldnen Stabe Säuselnd in der lauen Luft . Und in wunderbaren Weisen Singt er ein uraltes Lied , Das in linden Zauberkreisen Hinter seinem Schifflein zieht . Ach , den süßen Klang verführet Weit der buhlerische Wind , Und durch Schloß und Wand ihn spüret Träumend jedes schöne Kind . « Es fing stärker an zu blitzen , das Gewitter stieg herauf . Viktor schaukelte heftiger mit dem Kahne ; Leontin sang : » Es waren zwei junge Grafen Verliebt bis in den Tod , Die konnten nicht ruhn noch schlafen Bis an den Morgen rot . O trau den zwei Gesellen , Mein Liebchen , nimmermehr , Die gehn wie Wind und Wellen , Gott weiß : wohin , woher . - Wir grüßen Land und Sterne Mit wunderbarem Klang , Und wer uns spürt von ferne , Dem wird so wohl und bang . Wir haben wohl hienieden Kein Haus an keinem Ort , Es reisen die Gedanken Zur Heimat ewig fort . Wie eines Stromes Dringen Geht unser Lebenslauf , Gesanges Macht und Ringen Tut helle Augen auf . Und Ufer , Wolkenflügel , Die Liebe hoch und mild - Es wird in diesem Spiegel Die ganze Welt zum Bild . Dich rührt die frische Helle , Das Rauschen heimlich , kühl , Das lockt dich zu der Welle , Weil ' s draußen leer und schwül . Doch wolle nie dir halten Der Bilder Wunder fest , Tot wird ihr freies Walten , Hältst du es weltlich fest . Kein Bett darf er hier finden . Wohl in den Tälern schön Siehst du sein Gold sich winden , Dann plötzlich meerwärts drehn . « Viktor , der unterdes , ohne auf das Lied zu achten , immerfort das Echo versuchte , zwang ihn , durch sein übermäßiges Rufen und Schreien , hier abzubrechen . Julie hatte auch schon lange das Fenster geschlossen und alles im Schlosse war finster und still . Das Gewitter zog indes gerade über ihnen hin , die Wälder rauschten von allen Seiten . Leontin griff stärker und frömmer in die Saiten : » Schlag mit den flamm ' gen Flügeln ! Wenn Blitz aus Blitz sich reißt , Steht wie in Rossesbügeln So ritterlich mein Geist . Waldesrauschen , Wetterblicken Macht recht die Seele los , Da grüßt sie mit Entzücken , Was wahrhaft , ernst und groß . Es schiffen die Gedanken Fern wie auf weitem Meer , Wie auch die Wogen schwanken : Die Segel schwellen mehr . Herr Gott , es wacht dein Wille ! Wie Tag und Lust verwehn , Mein Herz wird mir so stille Und wird nicht untergehn . « Sie bemerkten nun einen roten Schein , der über dem Schloßhofe zu stehen schien . Sie hielten es für einen Feuermann ; denn die ganze Zeit hindurch hatten sie rings in der Runde solche Erscheinungen , wie Wachtfeuer , lodern gesehen : teils bläuliche Irrlichter , die im Winde über die Wiesen streiften , teils größere Feuergestalten , mit zweifelhaftem Glanze durch die Nacht wandelnd . Als sie aber wieder hinblickten , sahen sie den Feuermann über dem Schlosse sich langsam dehnen und riesengroß wachsen , und ein langer Blitz , der soeben die ganze Gegend beleuchtete , zeigte ihnen , daß der Schein gerade vom Dache ausging . » Um Gottes willen , das ist Feuer im Schloß ! « rief Viktor erblassend , und sie ruderten , ohne ein Wort zu sprechen , eiligst auf das Ufer zu . Als sie ans Land kamen , sahen sie bereits einen rötlichen Qualm zum Dachfenster hervordringen und sich in fürchterlichen Kreisen in die Nacht hinauswälzen . Alles im Hause und im Hofe schlief noch in tiefster Ruhe . Viktor machte Lärm an allen Türen und Fenstern . Leontin eilte in die Kirche und zog die Sturmglocke , deren abgebrochene , dumpfe Klänge , die weit über die stillen Berge hinzogen , ihn selber im Innersten erschütterten . Der Nachtwächter ging durch die Gassen des Dorfes und erfüllte die Luft mit den gräßlichen Jammertönen seines Hornes . Und so wurde endlich nach und nach alles lebendig , und rannte mit bleichen Totengesichtern , gleich Gespenstern , bestürzt und verstört durcheinander . Die heftige Tante hatte bald der erste Schrecken überwältigt . Sie lag bewußtlos in Krämpfen und vermehrte so die allgemeine Verwirrung noch mehr . Schon schlug die helle Flamme oben aus dem Dache , das Hinterhaus stand noch ruhig und unversehrt . Niemanden fiel es in der ersten Bestürzung ein , daß Fräulein Julie im Hinterhause schlafe und ohne Rettung verloren sei , wenn die Flamme die einzige Stiege , die dort hinaufführte , ergriffe . Leontin dachte daran und stürzte sich sogleich in die Glut . Als er in ihr Schlafzimmer trat , sah er das schöne Mädchen , den Kopf auf den vollen , weißen Arm gesenkt , in ungestörtem Schlafe ruhen . Alles in dem Zimmer lag noch still und friedlich umher , wie sie es beim Entkleiden hingelegt ; ein aufgeschlagenes Gebetbuch lag an ihrer Seite . Es war ihm in diesem Augenblicke , als sähe er einen schönen , goldgelockten Engel neben ihrem Bette sitzen , der schaute mit den stillen , himmlischen Augen in das wilde Element , das sich vor Kinderaugen fürchtet . - Das Fräulein schlug verwundert fragend die großen Augen auf , als er zu ihr trat , und erblickte bald die ungewöhnliche , schreckliche Helle durch das ganze Haus . Leontin schlug schnell das Bettuch um sie herum und nahm sie auf den Arm . Ohne ein Wort zu sprechen , umklammerte sie ihn in stummem Schrecken . Ein heftiger Wind , der aus dem Brande selbst auszugehen schien , faltete indes die Flammenfahnen immer mehr auseinander , der schreckliche Feuermann griff mit seinen Riesenarmen rechts und links in die dunkle Nacht und hatte bereits auch schon das Hinterhaus erfaßt . Da sah Leontin auf einmal , mitten zwischen den Flammen , eine unbekannte weibliche Gestalt in weißem Gewande erscheinen , die ruhig in dem Getümmel auf und nieder ging . » Gott sei Dank ! « hörte er zugleich draußen die Bauern rufen , » wenn die da ist , wird ' s bald besser gehn . « - » Wer ist die weiße Frau ? « fragte Leontin , der nicht ohne innerlichen Schauder auf sie hinblicken konnte . Julie , die ihr Gesicht fest an ihn gedrückt hatte , überhörte in der Verwirrung die Frage , und so trug er sie hoch durch das Feuer hindurch , ohne die Augen von der fremden Gestalt zu wenden . Kaum hatte er aber das Fräulein im Hofe niedergesetzt , als er selber , von dem Rauche , der Hitze und Anstrengung ganz erschöpft , bewußtlos auf den Boden hinsank . Jene seltsame Erscheinung hatte währenddessen alle mit frischem Mute beseelt , und so war es der verdoppelten Anstrengung gelungen , die Flammen endlich zu zwingen . Als Leontin die Augen wieder aufschlug , sah er mit Erstaunen alles ringsumher schon leer und ruhig . Die weiße Frau aber war mit dem Feuer verschwunden , wie sie gekommen war . Er selber lag neben der Brandstätte auf einem Kasten zwischen einer Menge geretteter Gerätschaften , die unordentlich übereinanderlagen . Julie saß neben ihm und hatte seinen Kopf auf ihrem Schoße . Alle andern hatten sich , von der Arbeit ermattet , nach und nach zerstreut , Herr v. A. und seine Schwester noch auf einige Stunden sich zur Ruhe begeben . Nur Viktor , der während des Brandes mehrere Male bis in die innersten Zimmer eingedrungen , und immer mitten zwischen dem zusammenstürzenden Gebälk erschienen war , sah er hoch auf einem halbabgebrannten Pfeiler eingeschlafen . Das prächtige Feuerwerk war nun in sich selber zusammengesunken , nur hin und wieder flackerte noch zuweilen ein Flämmchen auf , während einige dunkle Wachen an dem verwüsteten Platze auf und ab gingen , um das Feuer zu hüten . Leontin hatte den einen Arm um Julie geschlungen , die still neben ihm saß . Ihr Herz war so voll , wie noch niemals in ihrem ganzen Leben . Im Innersten aufgeregt von den raschen Begebenheiten dieser Nacht , war es ihr , als hätte sie in den wenigen Stunden Jahre überlebt ; was lange im stillen geglommen , war auf einmal in helle Flammen ausgebrochen . Müde lehnte sie ihr Gesicht an seine Brust und sagte , ohne aufzusehen : » Sie haben mir mein Leben gerettet . Ich kann es nicht beschreiben , wie mir damals zumute war . Ich möchte Ihnen nun so gern aus ganzer Seele danken , aber ich könnte es doch nicht ausdrücken , wenn ich es auch sagen wollte . Es ist auch eigentlich nicht das , daß Sie mich aus dem Feuer getragen haben . « - Hier hielt sie eine Weile inne , dann fuhr sie wieder fort : » Die Flamme ist nun verloschen . Wenn der Tag kommt , ist alles wieder gut und ruhig , wie sonst . Jeder geht wieder gelassen an seine alte Arbeit und denkt nicht mehr daran . Ich werde diese Nacht niemals vergessen . « Sie sah bei diesen Worten gedankenvoll vor sich hin . Leontin hielt sich nicht länger , er zog sie an sich und wollte sie küssen . Sie aber wehrte ihn ab und sah ihn sonderbar an . - So saßen sie noch lange , wenig sprechend , nebeneinander , bis endlich Julie die Augen zusanken . Er fühlte ihr ruhiges , gleichförmiges Atmen an seiner Brust . Er hielt sie fest im Arme und saß so träumerisch die übrige Nacht hindurch . Die Gewitter hatten sich indes ringsum verzogen , ein labender Duft stieg aus den erquickten Feldern , Kräutern und Bäumen . Aurora stand schon hoch über den Wäldern . Da weckte der kühle Morgenwind Julie aus dem Schlummer . Der Rausch der Nacht war verflogen ; sie erschrak über ihre Stellung in Leontins Armen und bemerkte nun , da es überall licht war , mit Erröten , daß sie halb bloß war . Leontin hob das schöne , verschlafene Kind hoch vor sich in den frischen Morgen hinein , während sie ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckte . Darauf sprang sie fort von ihm und eilte ins Haus , wo soeben alles anfing sich zu ermuntern . Neuntes Kapitel Am Morgen saßen alle in der Stube des Jägers beim Frühstück versammelt , die unruhigen Ereignisse dieser Nacht besprechend . Julie sah blaß aus , und Leontin bemerkte , daß sie oft heimlich über die Tasse weg nach ihm hinblickte , und schnell wieder wegsah , wenn sein Auge ihr begegnete . Alle untersuchten darauf noch einmal die Brandstätte , die noch immer fortrauchte . Man war allgemein der Meinung , daß ein Blitz gezündet haben müsse , so viele Mühe sich auch der dicke Gerichtsverwalter gab , darzutun , daß es boshafterweise angelegt sei , und daß man daher mit aller Strenge untersuchen und verfahren müsse . Herr v. A. verschmerzte den Verlust sehr leicht , da er ohnedies schon lange willens war , das alte Schlößchen niederreißen zu lassen , um ein neues , bequemeres hinzubauen . Leontin fragte endlich wieder um die weiße Frau . » Es ist eine reiche Witwe « , sagte Herr v. A. , » die vor einigen Jahren plötzlich in diese Gegend kam und mehrere Güter ankaufte . Sie ist im stillen sehr wohltätig , und , seltsam genug , bei Tag und bei Nacht , wo immer ein Feuer ausbricht , sogleich bei der Hand , wobei sie dann die armen Verunglückten mit ansehnlichen Summen unterstützt . Die Bauern glauben nun ganz zuversichtlich , sobald sie nur erscheint , müsse das Feuer sich legen , wie beim Anblick einer Heiligen . Übrigens empfängt und erwidert sie keine Besuche , und niemand weiß eigentlich recht , wie sie heißt , und woher sie gekommen ; denn sie selber spricht niemals von ihrem vergangenen Leben . « » Ja wohl « , sagte der Gerichtsverwalter , mit einer wichtigen Miene , » es geht dort überaus geheimnisvoll zu . Aber es gibt auch noch Leute hinterm Berge . Man weiß wohl , wie es zugeht in der Welt . Mein Gott ! die liebe Jugend - junges Blut tut nicht gut . « - » Ich bitte , malen Sie uns keinen Schnurrbart an das Heiligenbild ! « unterbrach ihn Leontin , der sich seine Phantasie von der wunderbaren Erscheinung nicht verderben lassen wollte . Es war unterdes schon wieder aufgepackt worden , um auf das Schloß des Herrn v. A. zurückzukehren . Leontin konnte der Begierde nicht widerstehen , die weiße Frau näher kennenzulernen . Er beredete daher Friedrich , mit ihm einen Streifzug nach dem nahegelegenen Gute derselben zu machen . Sie versprachen beide , noch vor Abend wieder bei der Gesellschaft einzutreffen . Gegen Mittag kamen sie auf dem Landsitze der Unbekannten an . Sie fanden ein neuerbautes Schloß , das , ohne eben groß zu sein , durch seine große , einfache Erfindung auf das angenehmste überraschte . Eine Reihe hoher , schlanker Säulen bildete oben den Vorderteil des Schlosses . Eine schöne , steinerne Stiege , welche die ganze Breite des Hauses einnahm , führte zu diesem Säuleneingange hinauf . Die Stiege erhob sich nur allmählich und terrassenförmig und war mit Orangen , Zitronenbäumen und verschiedenen hohen Blumen besetzt . Vor dieser blühenden Terrasse lag ein weiter , schattenreicher Garten ausgebreitet . Alles war still , es schien niemand zu Hause zu sein . Auf der Stiege lag ein schönes , etwa zehnjähriges Mädchen über einem Tamburin , auf das sie das zierliche Köpfchen gelehnt hatte , eingeschlummert . Oben hörte man eine Flötenuhr spielen . Das Mädchen wachte auf , als sie an sie herankamen , und schüttelte erstaunt die schwarzen Locken aus den muntern Augen . Dann sprang sie scheu auf und in den Garten fort , während die Schellen des Tamburins , das sie hoch in die Luft hielt , hell erklangen . Die beiden Grafen gingen nun in den Garten hinab , dessen ganze Anlage sie nicht weniger anzog , als das Äußere des Schlosses . » Wie wahr ist es « , sagte Friedrich , » daß jede Gegend schon von Natur ihre eigentümliche Schönheit , ihre eigene Idee hat , die sich mit ihren Bächen , Bäumen und Bergen , wie mit abgebrochenen Worten , auszusprechen sucht . Wen diese einzelnen Laute rühren , der setzt mit wenigen Mitteln die ganze Rede zusammen . Und darin besteht doch eigentlich die ganze Kunst und Lust , daß wir uns mit dem Garten recht verstehen . « Leontin war indes mehrere Male verwundert stehengeblieben . » Höchst seltsam ! « sagte er endlich , als sie den Gipfel eines Hügels erreicht hatten , » diese Baumgruppen , Wäldchen , Hügel und Aussichten erinnern mich ganz deutlich an gewisse Gegenden , die ich in Italien gesehen , und an manchen glücklich durchschwärmten Abend . Es ist wahrhaftig mehr als eine zufällige Täuschung . « Der Abend fing bereits an , einzubrechen , als sie wieder bei den Stufen der großen Stiege anlangten . Sie wurden beide von dem herrlichen Anblicke überrascht , der sich ihnen dort von oben darbot . Die Gegend lag in der abendroten Dämmerung wie ein verworrenes Zaubermeer von Bäumen , Strömen , Gärten und Bergen , auf dem Nachtigallenlieder , gleich Sirenen , schifften . » Wie glücklich « , sagte Friedrich , » ist eine beruhigte , stille Seele , die imstande ist , so besonnen und gleichförmig nach allen Seiten hin zu wirken und zu schaffen , die , von keiner besondern Leidenschaft mehr gestört , auf der schönen Erde wie in der Vorhalle des größern Tempels wohnt ! « Er wurde hier durch einige Saitenakkorde unterbrochen , die aus dem Garten herauftönten . Bald darauf hörten sie einen Gesang . Friedrich horchte voll Erstaunen , denn es war dasselbe sonderbare Lied aus seiner Kindheit , das manchmal auch Erwin in der Nacht gesungen , und das er sonst nirgends wieder gehört hatte . Leontin war indes in das erste Zimmer hineingetreten , dessen Tür halb geöffnet stand . Er warf einen flüchtigen Blick durch das Gemach . Ein altes , auf Holz gemaltes Ritterbild hing dort an der Wand , über welche der Abend zuckend die letzten ungewissen Strahlen warf . Leontin trat erschüttert zurück , denn er erkannte auf einmal das beleuchtete Gesicht des Bildes . In demselben Augenblick trat ein alter Bedienter von der andern Seite in das Zimmer und schien heftig zu erschrecken , als er Leontin ansah . » Um Gottes willen « , rief Leontin ihm zu , » sagen Sie mir , wer ist der Ritter dort ? « Der Alte entfärbte sich und sah ihn lange ernsthaft und forschend an . » Das Bild ist vor mehreren hundert Jahren gemalt , eine zufällige Ähnlichkeit muß Sie täuschen « , sagte er hierauf wieder gesammelt und ruhig . » Wo ist die Frau vom Hause ? « fragte Leontin wieder . » Sie ist heut noch vor Tagesanbruch schnell fortgereist und kommt so bald nicht zurück « , antwortete der Bediente und entfernte sich mit einer eiligen Verbeugung , als wollte er allen fernern Fragen ausweichen . Unruhig kehrte nun Leontin wieder zu Friedrich zurück , gegen den er von dem ganzen letzten Vorfalle nichts erwähnte . Weder der Bediente , noch auch das zierliche , scheue Mädchen , das sie vorhin schlummernd angetroffen , zeigte sich mehr , und so ritten beide endlich gedankenvoll auf das Schloß des Herrn v. A. zurück , wo sie spät in der Nacht anlangten . Zehntes Kapitel Die alte , gleichförmige Ordnung der Lebensweise kehrte nun wieder auf dem Schlosse zurück . Die beiden Gäste hatten auf vieles Bitten noch einige Zeit zugeben müssen und lebten jeder auf seine Weise fort . Friedrich dichtete wieder fleißig im Garten oder in