- Ein kleines spitzes Messer , das ich schon von Jugend auf bei mir trug , und mit dem ich geschickt in Holz zu schneiden wußte , verbarg ich in meiner Kutte , und so zum Morde entschlossen , ging ich zu ihr . » Ich glaube , « fing sie an , » wir haben beide gestern schwere ängstliche Träume gehabt , es kam viel von Abgründen darin vor , doch das ist nun vorbei ! « - Sie gab sich darauf wie gewöhnlich meinen frevelnden Liebkosungen hin , ich war erfüllt von entsetzlichem teuflischen Hohn , indem ich nur die Lust empfand , die mir der Mißbrauch ihrer eignen Schändlichkeit erregte . Als sie in meinen Armen lag , entfiel mir das Messer , sie schauerte zusammen , wie von Todesangst ergriffen , ich hob das Messer rasch auf , den Mord noch verschiebend , der mir selbst andere Waffen in die Hände gab . - Euphemie hatte italienischen Wein und eingemachte Früchte auf den Tisch stellen lassen . - » Wie so ganz plump und verbraucht « , dachte ich , verwechselte geschickt die Gläser und genoß nur scheinbar die mir dargebotenen Früchte , die ich in meinen weiten Ärmel fallen ließ . Ich hatte zwei , drei Gläser von dem Wein , aber aus dem Glase , das Euphemie für sich hingestellt , getrunken , als sie vorgab , Geräusch im Schlosse zu hören , und mich bat , sie schnell zu verlassen . - Nach ihrer Absicht sollte ich auf meinem Zimmer enden ! Ich schlich durch die langen , schwach erhellten Korridore , ich kam bei Aureliens Zimmer vorüber , wie festgebannt blieb ich stehen . - Ich sah sie , es war , als schwebe sie daher , mich voll Liebe anblickend , wie in jener Vision , und mir winkend , daß ich ihr folgen sollte . - Die Türe wich durch den Druck meiner Hand , ich stand im Zimmer , nur angelehnt war die Türe des Kabinetts , eine schwüle Luft wallte mir entgegen , meine Liebesglut stärker entzündend , mich betäubend ; kaum konnte ich atmen . - Aus dem Kabinett quollen die tiefen angstvollen Seufzer der vielleicht von Verrat und Mord Träumenden , ich hörte sie im Schlafe beten ! - » Zur Tat , zur Tat , was zauderst du , der Augenblick entflieht « , so trieb mich die unbekannte Macht in meinem Innern . - Schon hatte ich einen Schritt ins Kabinett getan , da schrie es hinter mir : » Verruchter , Mordbruder ! Nun gehörst du mein ! « und ich fühlte mich mit Riesenkraft von hinten festgepackt . - Es war Hermogen , ich wand mich , alle meine Stärke aufbietend , endlich von ihm los und wollte mich fortdrängen , aber von neuem packte er mich hinterwärts und zerfleischte meinen Nacken mit wütenden Bissen ! - Vergebens rang ich , unsinnig vor Schmerz und Wut , lange mit ihm , endlich zwang ihn ein kräftiger Stoß , von mir abzulassen , und als er von neuem über mich herfiel , da zog ich mein Messer ; zwei Stiche , und er sank röchelnd zu Boden , daß es dumpf im Korridor widerhallte . - Bis heraus aus dem Zimmer hatten wir uns gedrängt im Kampfe der Verzweiflung . - Sowie Hermogen gefallen , rannte ich in wilder Wut die Treppe herab , da riefen gellende Stimmen durch das ganze Schloß : » Mord ! Mord ! « - Lichter schweiften hin und her , und die Tritte der Herbeieilenden schallten durch die langen Gänge , die Angst verwirrte mich , ich war auf entlegene Seitentreppen geraten . - Immer lauter , immer heller wurde es im Schlosse , immer näher und näher erscholl es gräßlich : » Mord , Mord ! « Ich unterschied die Stimme des Barons und Reinholds , welche heftig mit den Bedienten sprachen . - Wohin fliehen , wohin mich verbergen ? - Noch vor wenigen Augenblicken , als ich Euphemien mit demselben Messer ermorden wollte , mit dem ich den wahnsinnigen Hermogen tötete , war es mir , als könne ich , mit dem blutigen Mordinstrument in der Hand , vertrauend auf meine Macht , keck hinaustreten , da keiner , von scheuer Furcht ergriffen , es wagen würde , mich aufzuhalten ; jetzt war ich selbst von tödlicher Angst befangen . Endlich , endlich war ich auf der Haupttreppe , der Tumult hatte sich nach den Zimmern der Baronesse gezogen , es wurde ruhiger , in drei gewaltigen Sprüngen war ich hinab , nur noch wenige Schritte vom Portal entfernt . Da gellte ein durchdringender Schrei durch die Gänge , dem ähnlich , den ich in voriger Nacht gehört . - » Sie ist tot , gemordet durch das Gift , das sie mir bereitet « , sprach ich dumpf in mich hinein . Aber nun strömte es wieder hell aus Euphemiens Zimmern . Aurelie schrie angstvoll um Hilfe . Aufs neue erscholl es gräßlich : » Mord , Mord ! « - Sie brachten Hermogens Leichnam ! - » Eilt nach dem Mörder « , hört ' ich Reinhold rufen . Da lachte ich grimmig auf , daß es durch den Saal , durch die Gänge dröhnte , und rief mit schrecklicher Stimme : » Wahnwitzige , wollt ihr das Verhängnis fahen , das die frevelnden Sünder gerichtet ? « - Sie horchten auf , der Zug blieb wie festgebannt auf der Treppe stehen . - Nicht fliehen wollt ' ich mehr , - ja ihnen entgegenschreiten , die Rache Gottes an den Frevlern in donnernden Worten verkündend . Aber - des gräßlichen Anblicks ! - vor mir ! - vor mir stand Viktorins blutige Gestalt , nicht ich , er hatte die Worte gesprochen . - Das Entsetzen sträubte mein Haar , ich stürzte in wahnsinniger Angst heraus , durch den Park ! - Bald war ich im Freien , da hörte ich Pferdegetrappel hinter mir , und indem ich meine letzte Kraft zusammennahm , um der Verfolgung zu entgehen , fiel ich , über eine Baumwurzel strauchelnd , zu Boden . Bald standen die Pferde bei mir . Es war Viktorins Jäger . » Um Jesus willen , gnädiger Herr , « fing er an , » was ist im Schlosse vorgefallen , man schreit Mord ! Schon ist das Dorf im Aufruhr . - Nun , was es auch sein mag , ein guter Geist hat es mir eingegeben , aufzupacken und aus dem Städtchen hieher zu reiten ; es ist alles im Felleisen auf Ihrem Pferde , gnädiger Herr , denn wir werden uns doch wohl trennen müssen vorderhand , es ist gewiß recht was Gefährliches geschehen , nicht wahr ? « - Ich raffte mich auf , und mich aufs Pferd schwingend , bedeutete ich den Jäger , in das Städtchen zurückzureiten und dort meine Befehle zu erwarten . Sobald er sich in der Finsternis entfernt hatte , stieg ich wieder vom Pferde und leitete es behutsam in den dicken Tannenwald hinein , der sich vor mir ausbreitete . Dritter Abschnitt Die Abenteuer der Reise Als die ersten Strahlen der Sonne durch den finstern Tannenwald brachen , befand ich mich an einem frisch und hell über glatte Kieselsteine dahinströmenden Bach . Das Pferd , welches ich mühsam durch das Dickicht geleitet , stand ruhig neben mir , und ich hatte nichts Angelegentlicheres zu tun , als das Felleisen , womit es bepackt war , zu untersuchen . - Wäsche , Kleidungsstücke , ein mit Gold wohlgefüllter Beutel fielen mir in die Hände . - Ich beschloß , mich sogleich umzukleiden ; mit Hilfe der kleinen Schere und des Kamms , den ich in einem Besteck gefunden , verschnitt ich den Bart und brachte die Haare , so gut es gehen wollte , in Ordnung . Ich warf die Kutte ab , in welcher ich noch das kleine verhängnisvolle Messer , Viktorins Portefeuille , sowie die Korbflasche mit dem Rest des Teufelselixiers vorfand , und bald stand ich da , in weltlicher Kleidung mit der Reisemütze auf dem Kopf , so daß ich mich selbst , als mir der Bach mein Bild heraufspiegelte , kaum wieder erkannte . Bald war ich am Ausgange des Waldes , und der in der Ferne aufsteigende Dampf , sowie das helle Glockengeläute , das zu mir herübertönte , ließen mich ein Dorf in der Nähe vermuten . Kaum hatte ich die Anhöhe vor mir erreicht , als ein freundliches schönes Tal sich öffnete , in dem ein großes Dorf lag . Ich schlug den breiten Weg ein , der sich hinabschlängelte , und sobald der Abhang weniger steil wurde , schwang ich mich aufs Pferd , um soviel möglich mich an das mir ganz fremde Reiten zu gewöhnen . - Die Kutte hatte ich in einen hohlen Baum verborgen und mit ihr all die feindseligen Erscheinungen auf dem Schlosse in dem finstern Wald gebannt ; denn ich fühlte mich froh und mutig , und es war mir , als habe nur meine überreizte Phantasie mir Viktorins blutige gräßliche Gestalt gezeigt und als wären die letzten Worte , die ich den mich Verfolgenden entgegenrief , wie in hoher Begeisterung unbewußt aus meinem Innern hervorgegangen und hätten die wahre geheime Beziehung des Zufalls , der mich auf das Schloß brachte und das , was ich dort begann , herbeiführte , deutlich ausgesprochen . - Wie das waltende Verhängnis selbst trat ich ein , den boshaften Frevel strafend und den Sünder in dem ihm bereiteten Untergange entsündigend . Nur Aureliens holdes Bild lebte noch wie sonst in mir , und ich konnte nicht an sie denken , ohne meine Brust beengt , ja physisch einen nagenden Schmerz in meinem Innern zu fühlen . - Doch war es mir , als müsse ich sie vielleicht in fernen Landen wiedersehen , ja , als müsse sie , wie von unwiderstehlichem Drange hingerissen , von unauflöslichen Banden an mich gekettet , mein werden . - Ich bemerkte , daß die Leute , welche mir begegneten , still standen und mir verwundert nachsahen , ja daß der Wirt im Dorfe vor Erstaunen über meinen Anblick kaum Worte finden konnte , welches mich nicht wenig ängstigte . Während daß ich mein Frühstück verzehrte und mein Pferd gefüttert wurde , versammelten sich mehrere Bauern in der Wirtsstube , die , mit scheuen Blicken mich anschielend , miteinander flüsterten . - Immer mehr drängte sich das Volk zu , und mich dicht umringend , gafften sie mich an mit dummem Erstaunen . Ich bemühte mich , ruhig und unbefangen zu bleiben , und rief mit lauter Stimme den Wirt , dem ich befahl , mein Pferd satteln und das Felleisen aufpacken zu lassen . Er ging , zweideutig lächelnd , hinaus und kam bald darauf mit einem langen Mann zurück , der mit finstrer Amtsmiene und komischer Gravität auf mich zuschritt . Er faßte mich scharf ins Auge , ich erwiderte den Blick , indem ich aufstand und mich dicht vor ihn stellte . Das schien ihn etwas außer Fassung zu setzen , indem er sich scheu nach den versammelten Bauern umsah . » Nun , was ist es , « rief ich , » Ihr scheint mir etwas sagen zu wollen . « Da räusperte sich der ernsthafte Mann und sprach , indem er sich bemühte , in den Ton seiner Stimme recht viel Gewichtiges zu legen : » Herr ! Ihr kommt nicht eher von hinnen , bis Ihr Uns , dem Richter hier am Orte , umständlich gesagt , wer Ihr seid , mit allen Qualitäten , was Geburt , Stand und Würde anbelangt , auch woher Ihr gekommen und wohin Ihr zu reisen gedenkt , nach allen Qualitäten der Lage des Ortes , des Namens , Provinz und Stadt und was weiter zu bemerken , und über das alles müßt Ihr Uns , dem Richter , einen Paß vorzeigen , geschrieben und unterschieben , untersiegelt nach allen Qualitäten , wie es recht ist und gebräuchlich ! « - Ich hatte noch gar nicht daran gedacht , daß es nötig sei , irgend einen Namen anzunehmen , und noch weniger war mir eingefallen , daß das Sonderbare , Fremde meines Äußern - welches durch die Kleidung , der sich mein mönchischer Anstand nicht fügen wollte , sowie durch die Spuren des übelverschnittenen Bartes erzeugt wurde - mich jeden Augenblick in die Verlegenheit setzen würde , über meine Person ausgeforscht zu werden . Die Frage des Dorfrichters kam mir daher so unerwartet , daß ich vergebens sann , ihm irgend eine befriedigende Antwort zu geben . Ich entschloß mich , zu versuchen , was entschiedene Keckheit bewirken würde , und sagte mit fester Stimme : » Wer ich bin , habe ich Ursache zu verschweigen , und deshalb trachtet Ihr vergeblich , meinen Paß zu sehen , übrigens hütet Euch , eine Person von Stande mit Eueren läppischen Weitläuftigkeiten nur einen Augenblick aufzuhalten . « - » Hoho ! « rief der Dorfrichter , indem er eine große Dose hervorzog , in die , als er schnupfte , fünf Hände der hinter ihm stehenden Gerichtsschöppen hineingriffen , gewaltige Prisen herausholend , » hoho , nur nicht so barsch , gnädigster Herr ! - Ihre Exzellenz wird sich gefallen lassen müssen , Uns , dem Richter , Rede zu stehen und den Paß zu zeigen , denn , nun gerade herausgesagt , hier im Gebirge gibt es seit einiger Zeit allerlei verdächtige Gestalten , die dann und wann aus dem Walde gucken und wieder verschwinden wie der Gottseibeiuns selbst , aber es ist verfluchtes Diebs- und Raubgesindel , die den Reisenden auflauern und allerlei Schaden anrichten durch Mord und Brand , und Ihr , mein gnädigster Herr , seht in der Tat so absonderlich aus , daß Ihr ganz dem Bilde ähnlich seid , das die hochlöbliche Landesregierung von einem großen Räuber und Hauptspitzbuben , geschrieben und beschrieben nach allen Qualitäten , an Uns , den Richter , geschickt hat . Also nur ohne alle weitere Umstände und zeremonische Worte den Paß , oder in den Turm ! « - Ich sah , daß mit dem Mann so nichts auszurichten war , ich schickte mich daher an zu einem andern Versuch . » Gestrenger Herr Richter , « sprach ich , » wenn Ihr mir die Gnade erzeigen wolltet , daß ich mit Euch allein sprechen dürfte , so wollte ich alle Eure Zweifel leicht aufklären und im Vertrauen auf Eure Klugheit Euch das Geheimnis offenbaren , das mich in dem Aufzuge , der Euch so auffallend dünkt , herführt . « - » Ha , ha ! Geheimnisse offenbaren , « sprach der Richter , » ich merke schon , was das sein wird ; nun , geht nur hinaus , ihr Leute , bewacht die Türe und das Fenster und laßt niemanden hinein und heraus ! « - Als wir allein waren , fing ich an : » Ihr seht in mir , Herr Richter , einen unglücklichen Flüchtling , dem es endlich durch seine Freunde glückte , einem schmachvollen Gefängnis und der Gefahr , auf ewig ins Kloster gesperrt zu werden , zu entgehen . Erlaßt mir die näheren Umstände meiner Geschichte , die das Gewebe von Ränken und Bosheiten einer rachsüchtigen Familie ist . Die Liebe zu einem Mädchen niedern Standes war die Ursache meiner Leiden . In dem langen Gefängnis war mir der Bart gewachsen und man hatte mir schon die Tonsur geben lassen , wie Ihr ' s bemerken könnet , sowie ich auch in dem Gefängnisse , in dem ich schmachtete , in eine Mönchskutte gekleidet gehen mußte . Erst nach meiner Flucht , hier im Walde , durfte ich mich umkleiden , weil man mich sonst ereilt haben würde . Ihr merkt nun selbst , woher das Auffallende in meinem Äußern rührt , das mich bei Euch in solch bösen Verdacht gesetzt hat . Einen Paß kann ich Euch , wie Ihr seht , nun nicht vorzeigen , aber für die Wahrheit meiner Behauptungen habe ich gewisse Gründe , die Ihr wohl für richtig anerkennen werdet . « - Mit diesen Worten zog ich den Geldbeutel hervor , legte drei blanke Dukaten auf den Tisch , und der gravitätische Ernst des Herrn Richters verzog sich zum schmunzelnden Lächeln . » Eure Gründe , mein Herr , « sagte er , » sind gewiß einleuchtend genug , aber nehmt es nicht übel , mein Herr ! es fehlt Ihnen noch eine gewisse überzeugende Gleichheit nach allen Qualitäten ! Wenn Ihr wollt , daß ich das Ungerade für gerade nehmen soll , so müssen Eure Gründe auch so beschaffen sein . « - Ich verstand den Schelm und legte noch einen Dukaten hinzu . » Nun sehe ich , « sprach der Richter , » daß ich Euch mit meinem Verdacht unrecht getan habe ; reiset nur weiter , aber schlagt , wie Ihr es wohl gewohnt sein möget , hübsch die Nebenwege ein , haltet Euch von der Heerstraße ab , bis Ihr Euch des verdächtigen Äußern ganz entledigt . « - Er öffnete die Tür nun weit und rief laut der versammelten Menge entgegen : » Der Herr da drinnen ist ein vornehmer Herr nach allen Qualitäten , er hat sich Uns , dem Richter , in einer geheimen Audienz entdeckt , er reiset inkognito , das heißt unbekannterweise , und daß ihr alle davon nichts zu wissen und zu vernehmen braucht , ihr Schlingel ! - Nun , glückliche Reise , gnäd ' ger Herr ! « Die Bauern zogen , ehrfurchtsvoll schweigend , die Mützen ab , als ich mich auf das Pferd schwang . Rasch wollte ich durch das Tor sprengen , aber das Pferd fing an , sich zu bäumen , meine Unwissenheit , meine Ungeschicklichkeit im Reiten versagte mir jedes Mittel , es von der Stelle zu bringen , im Kreise drehte es sich mit mir herum und warf mich endlich unter dem schallenden Gelächter der Bauern dem herbeieilenden Richter und dem Wirte in die Arme . » Das ist ein böses Pferd « , sagte der Richter mit unterdrücktem Lachen . - » Ein böses Pferd ! « wiederholte ich , mir den Staub abklopfend . Sie halfen mir wieder herauf , aber von neuem bäumte sich schnaubend und prustend das Pferd , durchaus war es nicht durch das Tor zu bringen . Da rief ein alter Bauer : » Ei seht doch , da sitzt ja das Zeterweib , die alte Liese , an dem Tor und läßt den gnädigen Herrn nicht fort , aus Schabernack , weil er ihr keinen Groschen gegeben . « - Nun erst fiel mir ein altes zerlumptes Bettelweib ins Auge , die dicht am Torwege niedergekauert saß und mich mit wahnsinnigen Blicken anlachte . » Will die Zeterhexe gleich aus dem Weg ! « schrie der Richter , aber die Alte kreischte : » Der Blutbruder hat mir keinen Groschen gegeben , seht ihr nicht den toten Menschen vor mir liegen ? Über den kann der Blutbruder nicht wegspringen , der tote Mensch richtet sich auf , aber ich drücke ihn nieder , wenn mir der Blutbruder einen Groschen gibt . « Der Richter hatte das Pferd bei dem Zügel ergriffen und wollte es , ohne auf das wahnwitzige Geschrei der Alten zu achten , durch das Tor ziehen , vergeblich war indessen alle Anstrengung , und die Alte schrie gräßlich dazwischen : » Blutbruder , Blutbruder , gib mir Groschen , gib mir Groschen ! « Da griff ich in die Tasche und warf ihr Geld in den Schoß , und jubelnd und jauchzend sprang die Alte auf in die Lüfte und schrie : » Seht die schönen Groschen , die mir der Blutbruder gegeben , seht die schönen Groschen ! « Aber mein Pferd wieherte laut und kurbettierte , von dem Richter losgelassen , durch das Tor . » Nun geht es gar schön und herrlich mit dem Reiten , gnädiger Herr , nach allen Qualitäten « , sagte der Richter , und die Bauern , die mir bis vors Tor nachgelaufen , lachten noch einmal über die Maßen , als sie mich unter den Sprüngen des muntern Pferdes so auf und nieder fliegen sahen , und riefen ; » Seht doch , seht doch , der reitet wie ein Kapuziner ! « - Der ganze Vorfall im Dorfe , vorzüglich die verhängnisvollen Worte des wahnsinnigen Weibes , hatten mich nicht wenig aufgeregt . Die vornehmsten Maßregeln , die ich jetzt zu ergreifen hatte , schienen mir , bei der ersten Gelegenheit alles Auffallende aus meinem Äußern zu verbannen und mir irgend einen Namen zu geben , mit dem ich mich ganz unbemerkt in die Masse der Menschen eindrängen könne . - Das Leben lag vor mir wie ein finstres , undurchschauliches Verhängnis , was konnte ich anders tun , als mich in meiner Verbannung ganz den Wellen des Stroms überlassen , der mich unaufhaltsam dahinriß . Alle Faden , die mich sonst an bestimmte Lebensverhältnisse banden , waren zerschnitten und daher kein Halt für mich zu finden . Immer lebendiger und lebendiger wurde die Heerstraße , und alles kündigte schon in der Ferne die reiche , lebhafte Handelsstadt an , der ich mich jetzt näherte . In wenigen Tagen lag sie mir vor Augen ; ohne gefragt , ja ohne einmal eben genau betrachtet zu werden , ritt ich in die Vorstadt hinein . Ein großes Haus mit hellen Spiegelfenstern , über dessen Türe ein goldner geflügelter Löwe prangte , fiel mir in die Augen . Eine Menge Menschen wogte hinein und hinaus , Wagen kamen und fuhren ab , aus den untern Zimmern schallte mir Gelächter und Gläserklang entgegen . Kaum hielt ich an der Türe , als geschäftig der Hausknecht herbeisprang , mein Pferd bei dem Zügel ergriff und es , als ich abgestiegen , hineinführte . Der zierlich gekleidete Kellner kam mit dem klappernden Schlüsselbunde und schritt mir voran die Treppe herauf ; als wir uns im zweiten Stock befanden , sah er mich noch einmal flüchtig an und führte mich dann noch eine Treppe höher , wo er mir ein mäßiges Zimmer öffnete und mich dann höflich frug , was ich vorderhand beföhle , um zwei Uhr würde gespeiset im Saal No. 10. erster Stock u.s.w. » Bringen Sie mir eine Flasche Wein ! « Das war in der Tat das erste Wort , das ich der dienstfertigen Geschäftigkeit dieser Leute einschieben konnte . Kaum war ich allein , als es klopfte und ein Gesicht zur Türe hereinsah , das einer komischen Maske glich , wie ich sie wohl ehemals gesehen . Eine spitze rote Nase , ein paar kleine funkelnde Augen , ein langes Kinn und dazu ein aufgetürmtes gepudertes Toupet , das , wie ich nachher wahrnahm , ganz unvermuteterweise hinten in einen Titus ausging , ein großes Jabot , ein brennend rotes Gilet , unter dem zwei starke Uhrketten hervorhingen , Pantalons , ein Frack , der manchmal zu enge , dann aber auch wieder zu weit war , kurz mit Konsequenz überall nicht paßte ! - So schritt die Figur in der Krümmung des Bücklings , der in der Türe begonnen , herein , Hut , Schere und Kamm in der Hand , sprechend : » Ich bin der Friseur des Hauses und biete meine Dienste , meine unmaßgeblichen Dienste gehorsamst an . « - Die kleine winddürre Figur hatte so etwas Possierliches , daß ich das Lachen kaum unterdrücken konnte . Doch war mir der Mann willkommen , und ich stand nicht an , ihn zu fragen , ob er sich getraue , meine durch die lange Reise und noch dazu durch übles Verschneiden ganz in Verwirrung geratene Haare in Ordnung zu bringen . Er sah meinen Kopf mit kunstrichterlichen Augen an und sprach , indem er die rechte Hand , graziös gekrümmt , mit ausgespreizten Fingern auf die rechte Brust legte : » In Ordnung bringen ? - O Gott ! Pietro Belcampo , du , den die schnöden Neider schlechtweg Peter Schönfeld nennen , wie den göttlichen Regimentspfeifer und Hornisten Giacomo Punto Jakob Stich , du wirst verkannt . Aber stellst du nicht selbst dein Licht unter den Scheffel , statt es leuchten zu lassen vor der Welt ? Sollte der Bau dieser Hand , sollte der Funke des Genies , der aus diesem Auge strahlt und wie ein lieblich Morgenrot die Nase färbt im Vorbeistreifen , sollte dein ganzes Wesen nicht dem ersten Blick des Kenners verraten , daß der Geist dir einwohnt , der nach dem Ideal strebt ? - In Ordnung bringen ! - ein kaltes Wort , mein Herr ! « - Ich bat den wunderlichen kleinen Mann , sich nicht so zu ereifern , indem ich seiner Geschicklichkeit alles zutraue . » Geschicklichkeit ? « fuhr er in seinem Eifer fort , » was ist Geschicklichkeit ? - Wer war geschickt ? - Jener , der das Maß nahm nach fünf Augenlängen und dann springend dreißig Ellen weit in den Graben stürzte ? - Jener , der ein Linsenkorn auf zwanzig Schritte weit durch ein Nähnadelöhr schleuderte ? - Jener , der fünf Zentner an den Degen hing und so ihn an der Nasenspitze balancierte sechs Stunden , sechs Minuten , sechs Sekunden und einen Augenblick ? - Ha , was ist Geschicklichkeit ! Sie ist fremd dem Pietro Belcampo , den die Kunst , die heilige , durchdringt . - Die Kunst , mein Herr , die Kunst ! - Meine Phantasie irrt in dem wunderbaren Lockenbau , in dem künstlichen Gefüge , das der Zephirhauch in Wellenzirkeln baut und zerstört . - Da schafft sie und wirkt und arbeitet . - Ha , es ist was Göttliches um die Kunst , denn die Kunst , mein Herr , ist eigentlich nicht sowohl die Kunst , von der man soviel spricht , sondern sie entsteht vielmehr erst aus dem allen , was man die Kunst heißt ! - Sie verstehen mich , mein Herr , denn Sie scheinen mir ein denkender Kopf , wie ich aus dem Löckchen schließe , das sich rechter Hand über Dero verehrte Stirn gelegt . « - Ich versicherte , daß ich ihn vollkommen verstände , und indem mich die ganz originelle Narrheit des Kleinen höchlich ergötzte , beschloß ich , seine gerühmte Kunst in Anspruch nehmend , seinen Eifer , seinen Pathos nicht im mindesten zu unterbrechen . » Was gedenken Sie denn « , sagte ich , » aus meinen verworrenen Haaren herauszubringen ? « - » Alles , was Sie wollen « , erwiderte der Kleine ; » soll Pietro Belcampo , des Künstlers Rat aber etwas vermögen , so lassen Sie mich erst in den gehörigen Weiten , Breiten und Längen Ihr wertes Haupt , Ihre ganze Gestalt , Ihren Gang , Ihre Mienen , Ihr Gebärdenspiel betrachten , dann werde ich sagen , ob Sie sich mehr zum Antiken oder zum Romantischen , zum Heroischen , Großen , Erhabenen , zum Naiven , zum Idyllischen , zum Spöttischen , zum Humoristischen hinneigen ; dann werde ich die Geister des Caracalla , des Titus , Karls des Großen , Heinrich des Vierten , Gustav Adolfs oder Virgils , Tassos , Boccaccios heraufbeschwören . - Von ihnen beseelt , zucken die Muskeln meiner Finger , und unter der sonoren zwitschernden Schere geht das Meisterstück hervor . Ich werde es sein , mein Herr , der Ihre Charakteristik , wie sie sich aussprechen soll im Leben , vollendet . Aber jetzt bitte ich , die Stube einigemal auf und ab zu schreiten , ich will beobachten , bemerken , anschauen , ich bitte ! « Dem wunderlichen Mann mußte ich mich wohl fügen , ich schritt daher , wie er gewollt , die Stube auf und ab , indem ich mir alle Mühe gab , den gewissen mönchischen Anstand , den keiner ganz abzulegen vermag , ist es auch noch so lange her , daß er das Kloster verlassen , zu verbergen . Der Kleine betrachtete mich aufmerksam , dann aber fing er an , um mich her zu trippeln , er seufzte und ächzte , er zog sein Schnupftuch hervor und wischte sich die Schweißtropfen von der Stirne . Endlich stand er still , und ich frug ihn , ob er nun mit sich einig worden , wie er mein Haar behandeln müsse . Da seufzte er und sprach : » Ach , mein Herr , was ist denn das ? - Sie haben sich nicht ihrem natürlichen Wesen überlassen , es war ein Zwang in dieser Bewegung , ein Kampf streitender Naturen . Noch ein paar Schritte , mein Herr ! « - Ich schlug es ihm rund ab , mich noch einmal zur Schau zu stellen , indem ich erklärte , daß , wenn er nun sich nicht entschließen könne , mein Haar zu verschneiden , ich darauf verzichten müsse , seine Kunst in Anspruch zu nehmen . » Begrabe dich , Pietro , « rief der Kleine in vollem Eifer , » denn du wirst verkannt in dieser Welt , wo keine Treue , keine Aufrichtigkeit mehr zu finden . Aber Sie sollen doch meinen Blick , der in die Tiefe schaut , bewundern , ja den Genius in mir verehren , mein Herr ! Vergebens suchte ich lange all das Widersprechende , was in Ihrem ganzen Wesen , in Ihren Bewegungen liegt , zusammenzufügen . Es liegt in Ihrem Gange etwas , das auf einen Geistlichen hindeutet . Ex profundis clamavi ad te Domine - Oremus - Et in omnia saecula saeculorum Amen ! « - Diese Worte sang der Kleine mit heisrer , quäkender Stimme , indem er mit treuster Wahrheit Stellung und Gebärde der Mönche nachahmte . Er drehte sich wie vor dem Altar , er kniete und