muß wahrhaftig sein . Sie selbst haben es so bestimmt gesagt ; man schmeichelt sich immer eine Weile , aber der Irrthum hält nicht vor ! - Er wollte ihre Hand fassen , er wollte sie zwingen , ihm zu sagen , was sein müsse ? was er selbst gesagt , gethan habe ? doch sie war ihm entschlüpft . Man ging auseinander , der Herzog sagte gelassen : der Wagen erwartet uns . Alonzo sahe ihn betroffen an . Doch jener war schon in der Thür , er mußte ihm folgen . Sie saßen schweigend neben einander , der Wagen flog an der dunkeln Klostermauer hin . Alonzo sahe seinen Schatten , der immer länger ward und endlich zurückzubleiben schien . Trübes Selbst , dachte er seufzend , du zerfließest in Nacht und Traum , keine Spur bleibt von dir zurück . Lieber Alonzo , hub der Herzog jetzt an , ich hätte fast vergessen , Ihnen zu sagen : daß Ihr Geschäft hier beendigt ist . Ihre Aufträge sind beantwortet , es liegt alles bereit , der Minister erwartet Sie , auch die Abschiedsaudienz beim Könige ist für Sie nachgesucht und auf Morgen festgesetzt . Nachgesucht und festgesetzt ? rief Alonzo mit flammender Stirn , wer mischte sich in meine Angelegenheiten ? Ich , entgegnete der Herzog . Junger Mann , fuhr er sehr ernst fort , vergessen Sie nicht , daß nach dem Tode meines Neffen mein Ansehn , meine Vorsprache Sie allein hier erhielt . Ich hegte damals andre Wünsche , man hört auch im Alter nicht auf an dem Leben zu meistern und etwas anderes daraus machen zu wollen , als es sein kann . Der Haß ist so trübe , Wohlwollen und Theilnahme so tröstlich ! Aus dem Verein der Familien , dachte ich , solle die Versöhnung entzweieter Nationen hervorgehen . Opfer waren gefallen , die Rache hatte ihr Recht genommen , der Natur heilige Anfoderungen sollten sich durch sich selbst ausgleichen , ich durfte einen Augenblick an Erdenglück denken . Und weshalb , fiel Alonzo ganz überwältigt ein , weshalb wollen Sie so gerechte , so bescheidene Wünsche aufgeben ? weshalb , ich beschwöre Sie , wollen Sie mich unbarmherzig aus der Reihe Ihrer Hoffnungen ausstreichen ? Warum , wenn ich Sie anders zu verstehen wage , warum wollen Sie das linde Band meinen Händen entreißen , daß Sie , daß Ihre Familie mit dem Schicksale aussöhnen könnte ? Sie gehören nicht zu uns , entgegnete der Herzog kalt . Haß , wie glühend er sei , kann Blut löschen , Verachtung tritt in den Staub und nie kann man lieben , was man befleckte ? Lassen Sie uns davon schweigen , ich fühle mein Blut noch brausend genug , um es fürchten zu müssen . Sie selbst haben zur rechten Zeit den Wahn zerrissen , und mit ihm jeden aufblühenden Verein , wir fallen ganz und auf immer auseinander , und wollen Sie sich anders treu bleiben , so dürfen Sie nie daran denken , diese Kluft zu überschreiten . Dacht ' ich ' s doch , rief Alonzo , französische Eitelkeit konnte niemals verzeihen , was sie durch tausend und tausend ärgere Beleidigungen unserm empörten Gefühl abpreßte . Alles und jedes erlaubt sie sich zu sagen , und die einfachste Thatsache darf ihr nicht unter die Augen gerückt werden ! Was ich mir und meinem Gott unter heißem Schmerz bekenne , entgegnete der Herzog , soll mir dennoch kein Anderer laut entgegenrufen , und wer es thut , dessen Anblick wird ewig den Stachel in meine Seele drücken und Gift und Galle aus eiternder Wunde pressen . Und deßhalb also , sagte Alonzo spöttisch , soll ich Frankreich meiden , weil Ihnen mein Anblick unangenehme Wahrheiten ins Gedächtniß ruft ! sehr despotisch bei meiner Ehre ! Nun ich denke , Alonzo de Mendez geht wohin ihn seine Pflicht ruft , entgegnete der Herzog mehr galant als aufrichtig . Es ist die Frage , fiel Alonzo ein , welche Pflicht mir die höhere ist . Die der Ehre , ohne Zweifel , erwiederte jener . Beide schwiegen einige Augenblicke aus Furcht zu viel zu sagen . Wozu denn nur , rief Alonzo plötzlich vom Zorne überwältigt , das ganze Spiel des heutigen Tages , wozu dies Zusammenkommen , die trügerische Freundlichkeit und all ' das Gleissen , dem Herz und Seele fehlte ! Sie sind sehr ungerecht , unterbrach ihn der Herzog , wir waren es Ihnen und uns schuldig , im besten Vernehmen zu scheiden . Die Welt darf nie wissen , wenn wir uns in der Wahl unserer Freunde vergriffen . Ihre neulichen Ausfälle hatten Sie auf unangenehme Weise für Sie und unser Haus affischirt , das mußte durch die Achtung , die wir persönlich gegeneinander an den Tag legten , ausgeglichen werden . Noch einmal mußten Sie in der Gesellschaft erscheinen . Das ist geschehen , auf die schicklichste Weise für alle Theile . Jeder unangenehme Eindruck ist vertilgt . Daß Sie unwissend so geführt wurden , werden Sie der Mäßigung Ihrer Freunde Dank wissen . Und Blansche , rief Alonzo mit bebenden Lippen , sie wußte darum ? Sie konnte die Hand zu dem allem bieten ? Blansche , erwiederte der Herzog , weiß , was sie sich , ihrem Namen und Vaterlande schuldig ist . Der Wagen hielt . Noch einmal , fuhr der Herzog fort , lassen Sie jeden persönlichen Unwillen schweigen , denken Sie , daß eine unbezwingliche Naturnothwendigkeit so entscheidet , daß Sie diese vielleicht schärfer als ich empfinden und daß niemand gegen das Geschick ankämpft . Ich werde , entgegnete Alonzo , etwas stolz von seinem Sitz aufstehend , wie ich denke , Gelegenheit finden zu zeigen , daß ich nur Vorschriften von mir selbst anzunehmen weiß , und hierin , wie in allen , den Gesetzen der Ehre folge . Er grüßte flüchtig und beeilte seine Schritte , um jeder Antwort überhoben zu sein . - Siebenzehntes Kapitel In dem raschen Andrang aller Empfindungen , fand Alonzo ganz von selbst Gedanken und Entschluß . Eins stand fest in ihm , darum drehete sich alles Andre in natürlicher Ordnung . Er wollte jener feinen Absichtlichkeit zum Trotz in Paris bleiben und sollte Leib und Seele darüber zu Grunde gehen . Das einmal Eingeleitete war nicht abzubrechen , das sahe er wohl , seine Mission war hiermit beendet , gleichwohl fand er sich andrer Seits eben dadurch um so unabhängiger und zu ganz rücksichtslosem Verhalten berechtigt . Er betrieb demnach alles auf das sorgfältigste und schnellste , empfing und expedirte Depeschen , beurlaubte sich in der Qualität eines Abgesandten , schickte Couriere ab , schützte Krankheit vor und etablirte sich von da an ganz eigentlich zu Angriff und Vertheidigung . Für alles andre , als seine eigensten Wünsche todt , ging er nirgend hin als in die Messe , wo er Blansche zu finden hoffen durfte . Durch viele Tage erwartete er sie indeß Morgens und Nachmittags vergeblich . Er ward nicht müde zu gehen und zu kommen . Liebe , Stolz , gekränktes Recht , alles hielt ihm sein Ziel unverrückt vor die Augen , die Leidenschaft hatte ihre Blitze zurückgezogen , die Nacht tiefen Geheimnisses lag über sein ernstes Gesicht und gab dem unbezwinglichen Willen das Ansehen ruhiger Eintracht und festen Gleichmuthes . In welchen Zustand ihn indeß der harte Kampf , die gescheiterte Erwartungen setzten , wie streitend Gefühl gegen Gefühl anstrebte , was die Leidenschaft wollte und nicht wollte , das werden folgende Zeilen an Philipp deutlich machen . » Wenn die stille Gluth Ihrer Augen der Leitstern zu Ihrem Herzen war , so haben Sie sie geliebt , Philipp , heiß , verzehrend , mit allem Schmerz und aller Lust der durstenden Seele . Das ist der Fluch des Menschen , daß ihn Götterbilder äffen , und den Himmel vor den trunkenen Blicken zaubern . Es ist alles Lüge hier ! alles ! auch sie , zweifeln Sie nicht . Wie könnte es anders sein ! das absichtlich berechnete , auswendig gelernte Spiel fängt mit dem ersten Strahle des Bewußtseins an . Tugend heißt es und Weisheit , Leib und Leben und jeden freien Aufflug des Geistes in die enge Klammern nüchterner Sitte einzupressen , das sind die Formeln , die man dem weichen Kinderhirn eindrückt , ein paar knöcherne Phrasen die ganze Mitgift auf der weit auslaufenden Lebensreise . Unbesonnen nennt man dies Volk , leichtsinnig und flatterhaft im Denken und Thun , schnelleres Blut , heißt es , treibe sie flüchtig an dem Ernst des Lebens hin , nicht Bosheit , nicht Sünde sei in ihnen , unbedacht wie unzuverläßig dürfe man sie höchstens schelten . Hätten wir niemals einen Franzosen gesehen , wir könnten uns unter dem beweglichen Bilde harmlosen Genuß und den spielenden Schaum ungewisser Jugendlohe denken . Aber wie schlägt uns das welke , sich selbst überlebende Gerippe in greiser Kindheit in die Augen ! mißtrauisch und lauernd wie das Alter , auf fremder Unkosten erfahren , zu Hause auf der glatt getretenen Bahn gewandt , in Maaß und Takt selbst erfundener Convenienz , verlocken uns die gräulichen Kindergestalten und prunken mit Weisheit , wenn sie den armen Vorrath ihres Herzens zu verschließen , und Vertrauen und Liebe und Hoffnung zu betrügen wissen ! Das ist die Klugheit der Welt , Philipp , nach der man Jahrhunderte rang , der man Altäre bauete , die auch noch nicht aufhörte , die Leichtgläubigen zu blenden . Geschwätzig wie die Weiber , das Geheimste entweihend , schlau wie sie , da verschlossen , wo es den eignen Vortheil gilt , täuschen sie , reißen sie das Innere auf , und verletzen die offne Seele mit tausend giftigen Dolchen . Diplomatiker sind sie , das glaube ich , so lange Andre es wollen ! Aber es giebt eine Kraft , die all ' die abgenutzten Fäden mit einem Griff zerreißt ! Glauben Sie , daß sie mir jemals verziehen , mich selbst gegen einen Franzosen behauptet zu haben ? Glauben Sie das ? Mit Großmuth haben sie eine Weile vor mir , vor der Welt , vor sich selbst gespielt , das war in ihrem Leben noch nicht vorgekommen , das paßte zu irgend einer Theaterscene , es hatte Blut gekostet , es war hochtragisch ! Aber die ganz gemeine , unzubestreitende Wahrheit , die so blank und baar da lag , die sich nicht drehen , nicht wenden , aus der sich nichts machen ließ , die konnten sie nicht vertragen , da hatte das Spiel ein Ende , die kalten Herzen hatten nur sich geliebt ! Könnte ich Ihnen die lange Comödie erzählen , könnte ich Ihnen sagen , wie sie so natürlich zu hintergehen wußten ! Auch sie Philipp , ach Gott ! auch sie konnte mich täuschen ! Und wie denn am Ende alles so berechnet , so gemäßigt , so vernünftig klar und ruhig endete ! Ich sollte einsehen , empfinden , dankbar sein ! Gottlob , ich fühlte mich selbst . Freuet Sie das ? - Nun mich auch . Und ich denke , es wird uns allen frommen . Ich bin jetzt frei , und bleibe doch hier , aus eigner Kraft , verstehn Sie mich ? Man hieß mich gehen . Jetzt ganz gewiß gehe ich nicht . Ich muß Blansche sehen , ich muß sie sprechen . So leichten Kaufes kommt sie nicht los . Vor Gott hat sie gelobt , vor Gott muß sie wiederrufen . Könnte ich Ihnen den Blick malen , so groß und still ! Vertrauen sollte ich ihr ! Herr Gott , ich that es unbedingt , Seele und Leben gehörten ihr , sie hat damit gespielt ! Begreifen Sie es ? Das Räthsel eben soll sie mir lösen . Weiter will ich ja nichts , sie ist es mir schuldig , mein Glaube , meine Seligkeit hängt davon ab . Philipp , ich wollte , Sie wären hier ! Wie unter Todten lebe ich , keine , keine Seele mein ! - « Die letzten Worte waren von einem Strom unbezwinglich hervorbrechender Thränen verwischt . Alonzo schob das Blatt weg , den Kopf in die gefaltenen Hände gelehnt , weinte er heiß und bitterlich . Das Geräusch eines Eintretenden schreckte ihn auf . Beschämt riß er sich empor . Seine Weichheit schien ihm ganz kindisch , er faßte sich zusammen , und die eine Hand vor den Augen empfing er mit der Andern mehrere Briefe , unter denen die Schriftzüge seiner Mutter ihm das Blut beklemmend zum Herzen trieben . Er brach das Siegel mit kaum erzwungener Fassung und las , ohne recht zu wissen , was ? folgendes : » Mit Erstaunen und einem Befremden , von dem ich nicht weiß , ist ' s des Schreckens oder Zorns Erstarren , erfahre ich , dein Geschäft , Alonzo , sei beendigt , und du gleichwohl noch in Paris . Ich will nicht denken , was ich mich zu hören schämte , und ehe verschließe sich diese Lippe auf ewig , als daß sie Unwürdiges von meinem Blute sage . Gleichviel auch welche Ursach ! - keine als Unvermögen des Leibes ist gültig , und auch denn noch , wenn die gelähmten Glieder ihren Dienst versagen , die schwindende Kraft nicht weiter kann , treibe die Angst der Verdammniß , den morschen Leichnam über die verfluchte Erde hin nach geweiheter Stätte ! Nur das Eine Alonzo höre . Den geschäftslosen Mann , der aus Neigung oder Trägheit in Paris verweilt , muß ich verachten , denn da der Einzelne nicht dem ganzen Volke stehen kann , duckt er dehmüthig unter und läßt die Woge des Uebermuths feige über sich zusammenschlagen . Lächeln muß er , wenn ihm das Blut tropfend aus den Augen sprühet , Spaß verstehen , unbeachtet die Pfeile schwirren hören , und wenn ' s hoch kommt , sie versenden helfen . Anders ist es , wenn ein gegebenes Ziel zu strenger Arbeit ruft , er sieht nicht rechts , nicht links , ihn schützt das Panier der Pflicht . Doch des Müßiggängers fahrig Auge , was kann es anders wollen , als sich im Schmutz der Sünde baden ? Alonzo hast du denn jenseit der Pyrenäen noch ein Vaterland ? Darfst du dein eigen sein , ein Dasein , Sitte und Gesetz , Gott und einen Heiland haben ? O daß ich dich das fragen muß ? Ist denn dein Stab so ganz und gar gebrochen , kreist denn keine Ader meines Blutes in deinem Herzen mehr ? Ich will ' s nicht denken , doch muß ich zittern , weinen - und wenn ' s sein muß , dich geliebtes Kind verfluchen ! « O Mutter , Mutter , rief Alonzo händeringend , verblendet denn die Leidenschaft und macht sie zugleich so scharf und hellesehend ! Gute Mutter ! wir werden von einer Flamme getrieben , nenne sie Zorn oder Liebe ! Eine lange Zeit saß er ganz tiefsinnig da , die entsetzlichen Worte dreheten sich ihm wie eine kreisende Scheibe im Gehirn umher . Er hatte gar keine Gedanken , ihm war , als werde er wahnsinnig , und so ging er dann wie im Traume , ohne Wille und ohne Widerstand zur gewohnten Stunde in die Messe . Er wußte kaum noch was er hier wollte . Die Augen lagen gesenkt am Boden , die Arme schlaff und matt in einander geschlungen , er betete mechanisch , und ließ betäubt die Worte an sich vorüberklingen , als das Wispern einer weichen Stimme neben ihm , plötzlich tausend Funken zugleich in seiner Seele anschlugen . Blansche kniete mit dem Rücken nach ihm gewandt , das Gesicht auf die Stufen eines kleinen Altars gesenkt , über welchem Maria abgebildet war , wie sie das schlafende Jesuskind mit Liebe und Zuversicht betrachtet , ohne die wunderbare duftige Gestalten zu sehen , die im Traum an des Kindes Bettchen vorübergehen und ihm die Zukunft offenbaren , der Engel mit den Marterwerkzeugen schwebt leicht vorüber , zuletzt überstrahlt des Heilands Verklärung die weißlichen Wolkenspiele . Blansche hob den Kopf in die Höhe , sie sahe das Bild fest an , ihr Blick schien zu sagen , heilige Mutter , von dir geht das trübe Erdenleben aus , aber du gabst uns den Erlöser ! Alonzo sahe und ahndete von dem allem nichts , er fühlte nur Blansches Nähe . Seiner kaum noch mächtig , unter ungestümen Klopfen der kochenden Brust , warf er sich neben sie nieder und mit einem Tone und Blick , vor dem das zarte Mädchen zusammenschauerte , flüsterte er , jetzt Blansche , jetzt können Sie mir länger nicht entgehn . Hier im Angesicht aller Heiligen wagen Sie es zu sagen , daß Sie mich verstoßen , daß Sie Ihr eignes Wort zurücknehmen , daß Sie mich hassen ! Sie sahe ihn wehmüthig an . Thränen strömten aus ihren schönen Augen . O Gott , sagte sie leise , so haben Sie mich denn nie verstanden ; und kein Vertrauen , keine Ahndung meiner Liebe ist in Ihrer Seele ! Sie lieben mich noch , Blansche ? rief Alonzo ganz außer sich , o sagen Sie nichts , kein einziges Wort weiter , auf Ihrer Zunge schwebt etwas , das ich nicht wissen will , nicht wissen darf , wenn Sie mich lieben - ja unterbrach ihn Blansche ernst , ich liebe Sie , fest und uneigennützig , wie Sie nicht lieben können . Jetzt Alonzo , fuhr sie aufstehend fort , wissen Sie , was Ihnen für diese Welt zu wissen frommt , kann es Ihnen gnügen , so sind wir beide nicht zu beklagen - wenn nicht - ich kann nur aus der Ferne mit Ihnen weinen . Unsre Wege scheiden sich von hier , und ich fodre es im Namen der Kirche , deren Boden kein vermessener Schritt entweihen soll , folgen Sie mir nicht , Alonzo , bei Gott und seinem allmächtigen Sohn bleiben Sie zurück . Sie hatte die letzten Worte mit bebenden Lippen in tödtlicher Seelenangst gesprochen . Alonzo war einen Augenblick wie gelähmt , dann stürzte er ihr nach , drängte und stürmte alles aus seinem Wege , doch sie war fort , wie durch höhere Gewalt seinen Blicken entrückt . Nun erst war es entschieden in ihm , nun wußte er bestimmt , was er immer gewollt hatte . Blansche sollte , mußte sein werden und ginge auch Ruhe und Frieden und seiner Seelen Seeligkeit drüber zu Grunde . Immer stachelnder und angstvoller wards nun in ihm . - Der Weltklugheit zum Trotz wollte er mit Gewalt besitzen , was man ihm listig entzog . Frau von Saint Alban , der Herzog , seine Mutter - es bestürmte und drängte ihn alles so wunderbar , Haß und Pflicht , und mitten inne die fressende , verlangende Liebe - ein kühner Schlag mußte die dumpfe Wetterschwüle auf einemmal auseinander reissen , er mußte Athem schöpfen , er hielt es so nicht aus . Ganz ermattet setzte er sich an seinen Schreibtisch . Der angefangene Brief an Philipp lag vor ihm . Er durchlas das Geschriebene noch einmal . Es schwirrte ihm confus durch die Sinne , er griff nach einer Feder , seine Seele durstete nach Mittheilung , Worte , dachte er , müssen die pressenden Bande lösen . Er las laut , was er niederschrieb : » Ich weiß nicht , Philipp , wie mir ist , noch was aus mir werden soll ! Hätte mir ein Sterblicher gesagt , es wird ein Augenblick kommen , wo Don Alonzo de Mendez schwankend zwischen Ehre und Liebe und Pflicht dastehn und nicht wissen wird , welchen Weg er einschlagen soll , ein Blick hätte den Frevler vernichtet . Und jetzt - mein Gott , was wolltest du mit deiner Creatur , als du an geweihter Stätte das schöne Mädchen in meine Arme legtest und von da den Zunder in die offne Seele warfst ! Sollte ich löschen , ehe ich brennen fühlte ? heimlich dämmerte die Gluth herauf , schlich langsam durch die Adern , bis plötzlich alle Pulse rascher schlugen , die Flamme aufblitzte , Erinnerung , Bewußtsein , ein ganzes hingeträumtes Leben verschlang . Warum ich Ihnen das sage ? Sie müssen alles wissen . Ich habe Blansche wiedergesehen , lieber Philipp , sie ist unschuldig , unschuldig wie ein Lamm , das man zur Schlachtbank führt . Soll ich sie fallen sehen , wenn ich sie retten kann ? Mitten aus dem fahlen Dunst , der das arme Herz beengt , reiße ich sie heraus , verlassen Sie sich darauf . Fragen Sie mich , ob ich das Blut der Mendez mit meiner Feinde Blut beflecken wolle ? Feinde - Philipp ? Wie sagte Sie doch einmal ? ich erinnere mich ! der Haß ist von dieser Welt , aber die Gerechtigkeit ist Gottes . - Ja , ja , mein Leidens- und Liebesgefährte , der Haß ist von dieser Welt ! lassen wir ihn da sein blutig Wesen treiben . Haben Sie nicht selbst dem Engel Blansche Schwingen gegeben , daß er über das trübe nächtige Meer hinaus den Blick versöhnend zum Himmel trage ? Hat die Kunst dem Gedanken Dasein verliehen , soll das Leben zögernd zurückesteh ' n ? Ich weiß nicht , weßhalb mich vor Ihnen bangt . Dürfen Sie tadeln , was Sie selbst thaten ? Philipp , es giebt Winke und Stimmen in der Natur , die wir nicht überhören dürfen . Umsonst trifft nicht Eines zum Andern , das Schicksal will etwas , es zwingt uns , denn über nichts spottet der Himmel so als über menschliche Absicht . Sie haben es ja erfahren , was wundern Sie sich über Andre ! Sein Sie nicht weiser in Worten als Gefühlen . Gefühle allein sind wahr , alles andre ist todtes , angelerntes Gesetz . Was wissen wir auch von Gesetzen ! Jedweder trägt einen eignen Schlüssel zu diesem Hieroglyphen in sich . Das ist die göttliche Freiheit . Ich folge ihr , Philipp . Leben Sie wohl ! « Er siegelte mit einer Hast , als wäre ihm um die Antwort zu thun gewesen , und ermahnte seine Leute zu schneller Besorgung . Philipp war noch nicht allzufern bei seinem Regimente . Alonzo hätte ihn gern hier gehabt und auch wieder nicht . Ihm war doch etwas leichter , nachdem er geschrieben hatte , nachdem er denken konnte , es werde ein menschliches Wesen fühlen , wie ihm zu Muthe sei . Erhält ein gefürchtetes Uebel gleich Riesengröße und Gewißheit durch das Wort , so mildert Klage und Mittheilung das schon vorhandene gekannte Leiden . Alonzo kam sich gestärkt und fest durch den Schluß seines Briefes vor . Eines war seinem Willen doch auch schon wirklich gelungen , er hatte Blansche gesehen und gesprochen . Sie liebt ihn , über sie war er beruhigt . Alles andre mußte ja auch kommen , wenn er es nur ernstlich wollte . So durch sich selbst gehoben und zuversichtlich geworden , ging er noch spät , um Luft zu schöpfen nach den Elisaischen Feldern . Schon von fern sahe er die kleine silberne Muschel und die vier Apfelschimmel des Herzogs , sie hielt an der Barriere , niemand war darin , ein paar müßige Knaben standen auf dem Lackaienbrett und schaukelten an den Riemen . Alonzo beeilte seine Schritte , doch ehe er heran kommen konnte , winkte ein Bediente , der Wagen bog in eine Allee , Frau von Saint Alban und nach ihr Blansche an der Hand ihres jungen Vetters , Louis de Bocourt , stiegen hinein . Dieser stand noch am Schlage , und gab Blansche einen Strauß wilder Kräuter und Blumen , die sie sehr sorgfältig zusammenfaßte und ihn damit grüßend beim Abfahren vertraulich winkte . Louis ging langsam nach der Seite , wo Alonzo stand . Er bückte sich von Zeit zu Zeit nach kleinen unscheinbaren Gräsern oder Pflanzen und beachtete sie genau in allen ihren Fasern und Theilchen . Sein gutes , stilles Gesicht schien unter diesem Geschäft heiterer , sein Auge heller und von einem Strahl ruhiger und sicher gestellter Forschgier angenehm belebt . Er war jetzt dicht vor Alonzo getreten , ohne ihn zu sehen . Diesem war es lieb , einem Wesen zu begegnen , auf dem Blansches Augen freundlich geruhet hatten , er redete ihn an . Louis in seiner schüchternen , unendlich verbindlichen Höflichkeit , sagte etwas verlegen grüßend , o mein Gott ! ich wußte nicht - Frau von Saint Alban glaubte Sie längst abwesend von hier . Sie glaubte das , wiederholte Alonzo etwas trocken , mich dünkt sie hätte eine bessere Meinung von meiner Höflichkeit hegen sollen , da keine Ursach denkbar ist , weßhalb ich mich so unter ihren Augen wegstehlen sollte , ohne sie zuvor begrüßt zu haben . Doch , entgegnete jener achselzuckend , hat sie mir nicht anders gesagt , indem sie mit Bedauern und vieler Theilnahme und Liebe von Ihnen , mein Herr , sprach . Beide gingen einige Augenblicke schweigend neben einander , Louis etwas gedrückt , Alonzo etwas hoch und vornehm . Erst seit kurzem , hub dieser an , sind Sie in Ihr Vaterland zurückgekehrt ? - Ganz neuerlich , erwiederte Louis . Sie waren lange abwesend , fuhr Alonzo fort , Sie werden Ihre schöne Cousine kaum wiedergekannt haben . Auf des jungen Bocourt Gesicht schwebte eine rührende Freude , mit innigem Lächeln sagte er , ein recht liebes Mädchen habe ich in ihr gefunden , von ungemeinem Liebreiz und einer Unschuld und Durchsichtigkeit , die an die früheste Kindesreinheit der Menschen erinnert . Er sagte das so warm und wahr , so ganz ohne Bezug auf irgend etwas außer Blansche , daß Alonzo hingerissen , sich selbst vergessend ausrief : nicht wahr , Sie fühlen das ! O wer ist auch so unglücklich , dagegen verschlossen zu bleiben . Sie hat mir , fuhr jener an Eigenes denkend , fort , das Sinnbild der Lilien klar gemacht , und wie es immer solche Engel gab , die über Frankreich schwebten . Blansche ist ein Engel des Friedens und der Ruhe und erinnert zugleich an alles unbefangen Liebliche und Sinnvolle besserer Zeit , sie versöhnt mit einem Lande , das aus seinem Schoos solche Blüthen hervorgehen ließ . Alonzo sahe ihn groß an , ihn also versöhnt sie mit dem Vaterlande , dachte er , und mich entzweiet sie mit dem meinigen vielleicht auf ewig ! Ich habe , hub Louis nach kurzer Pause auf ' s neue an , geraume Zeit hindurch die Natur in ihrem leisen Verkehr mit der Pflanzenwelt begleitet , und hier ein heimathliches Verhältniß gefunden , das ich bei den Menschen so rein und unbestritten nicht antraf . Blansche nun scheint mir in diese Blumenwelt ganz entschieden zu gehören . Sie steht so rein und bestimmt vor mir da , daß gar kein Zweifel obwaltet , ja durch einen Zug geheimen Einverständnisses glaube ich die stille Natur in ihren verwandten Elementen ganz zu verstehen . Ich weiß nicht was sie thun oder sagen könnte , worüber ich unsicher an ihr würde . So genau , sagte Alonzo mit einem scharfen Blick , glauben Sie Blansche zu kennen ? Was man so eigentlich unter kennen versteht , entgegnete jener , möchte ich nicht sagen , es könnte sein , daß sie ganz anders zu handeln durch sich selbst bestimmt würde , als ich mir ' s vorgestellt hätte , doch sollte mich das nicht irre machen , ich würde sogleich wissen , daß es so sein mußte , dies zusammenklingende gleichartige Wesen kann sich selbst nicht untreu werden . Sie waren unter diesem Gespräch auf eine Brücke gekommen , ihre Wege schieden sich . Louis war einigermaßen blöde und beschämt , so viel geredet , sich so umständlich geäußert zu haben . Sein gutmüthiges Lächeln , die Art seiner schnell in sich zurücktretenden Verbeugung war auf gewisse Weise eine Entschuldigung dieser allzugroßen Freimüthigkeit . Alonzo wußte nicht recht , was er von ihm denken sollte . Er ging still vor sich hin und sagte sich selbst : was der da so trocken und schwerfällig hinspricht , ist das Größte , was ein Mensch von dem Andern sagen kann , solch ' Vertrauen ist göttlicher Art , es müßte den ganzen Menschen begeistern , er bleibt gelassen , er meinte es so nicht , er ist gelehrt , er zwängt alles , was er sieht , in ein System und classifizirt Blansche wie Augentrost und Rosmarin . Was will er von dir wissen , schöne Blansche ! dein Herz ist der Schlüssel zu deinem lieblichen Selbst , das aber soll mir keine Natur oder Kunstverwandschaft in aller Welt streitig machen ! Achtzehntes Kapitel Je mehr die Gluth eigener Leidenschaft in Alonzo anwuchs , je fester bauete er sein Glück und seine Hoffnungen auf Blansches Liebe . Er überzeugte sich ganz innig und unbezweifelt , daß die gleiche Qual , wie sehr sie diese auch zu bergen wisse , an dem armen Herzen nage , und sie endlich über jeden Widerstand hinaus in seine Arme treiben werde . Alles kam für ihn darauf an , Blansche geheim und ungestört zu sprechen . Er war so gewiß wie von seinem Dasein , daß sie der Gewalt seiner Worte nicht widerstehen werde . Er hatte es ihrer Angst , den bleichen , bebenden Lippen , dem feuchten Glanz der schönen Augen ja angesehen , wie all ' ihr Leben zum Herzen dringe , wie sie dieses nur unter trüben Schmerzen zügle . Was konnte er wollen , daß nicht auch ihr geheimer , schüchterner Wunsch war ! sie sollte das in seinen Armen fühlen , ihm unter leisen , heimlichen Schauern bekennen . Er rang und spähete nur nach Mittel sie zu sehen . In der Messe durfte er nicht hoffen sie zu finden . Frau von Saint