zum Ziel . Man sah so viel Schönes in ihr werden , sie entwickelte mit jedem Worte , mit jeder That , eine Zukunft aus sich hervor , welche in eine Welt voll Liebe und Wohlwollen zurückwies . Man ward an nichts Einzelnes bei ihr erinnert , aber man fühlte sich so ganz , so vollständig , so bereit , den jungen , frischen Lebensweg mit ihr einzuschlagen . Adalbert vergaß , daß er je etwas Widerwärtiges erfahren habe , wenn er bei dem guten Kinde war . Und er war viel um sie , denn es blieb auf der ganzen Reise bei der frühern Einrichtung , obgleich seine Gesundheit zum Theil wiederhergestellt war , und er sehr wohl freie Luft , und anhaltende Bewegung ertragen konnte . Die Tante war einmal an die Art und Weise gewöhnt , der leichte Gang des Gesprächs , die kleinen Neckereien , der Gesang , ja das liebliche Wechselspiel aufkeimender Neigung , alles erfreute sie . Ueberdem fand sie es langweilig , daß Frauen und Männer , auf einer ohnehin beschwerlichen Reise , so ängstlich geschieden , die Tage von einander verträumen sollten ! Und an einen Umtausch mit Antonien gegen eine der andern Frauen , war bei des Herzogs Gesinnung nicht zu denken . So kamen sie denn , auf eigene Weise gestimmt und verstimmt , endlich in Basel an . Man hatte , von Bern aus , die nöthigen Vorkehrungen getroffen . Der Marquis , wie der Herzog , fanden wohl eingerichtete Wohnungen . Und ob beide Familien gleich durch ein paar Straßen von einander getrennt waren , so fühlte Adalbert diesen Zwischenraum sehr störend . Antonie hingegen athmete freier . Alles verhielt sich nun anders ! Beziehungen und Verhältnisse waren gleichmäßig vertheilt , ihre Einwirkung auf sein Gemüth blieb gehindert , hier riß der Morgen nicht ein , was der Abend aufgebauet , hier mußte das Schicksal erfüllen , was es verheißen hatte ! In der volkreichen , bequem gelegenen Stadt , fanden sich viele Ausgewanderte zusammen . Mehrere Bekannte aus der Pariser Welt stießen leicht zu einander . Dem Herzog war der Anblick eines Mitbürgers im Auslande , unter diesen Umständen , ein Stich ins Herz . Er vermied jeglichen , so gut sichs thun ließ . Die Baronin häkelte sich an alles an , was ihr die Vergangenheit zurückrief , und bauete sich aus jedem morschen Bruchstück auch ein Stückchen alte Welt zusammen , sie wußte recht gut , was es damit zu bedeuten habe , aber es sah doch so aus , wie sonst , und war hübsch und bestechlich . Das Neue , pflegte sie wohl zu sagen , muß erst aus mir herauswachsen , und ich hinein altern . Jetzt ist es noch so unbequem ! Unter denen , welche ihr aus den ehemaligen Kreisen am meisten zusagten , war der Chevalier Cerane . Er hatte viel gereist , viel gesehen , viel erfahren , war von schneller Umsicht , großer Gewandheit , leicht , und überall , zu Hause , trug einen Abriß jeglicher Wissenschaft und Kunst in sich , und behauptete in jedem Augenblick ein freundlich , harmlos Gemüth . Man sah ihn fast immer in Gesellschaft zweier Damen , von denen die Präsidentin als die ältere , Wittwe ; Viktorine , ihre Nichte , aber noch verheirathet war . Ohne einer von beiden mit besonderer Neigung zugethan zu sein , war er durch Gewohnheit an sie gefesselt . Vertrauet mit ihrem Ideengange , ihrer Vorliebe für diese oder jene Lebensansicht , eingepaßt in Takt und Maaß ihrer Gesprächsformeln , wußte er stets , wo er einzugreifen , wie weit er zu gehn habe . Zudem war die Präsidentin Schriftstellerin , hatte einen scharfen , genauen Blick für das Einzelne , wußte dies leicht aufzufassen , und nicht ohne Witz zusammenzustellen , ihre Miniaturbildchen waren daher , der Aehnlichkeit wegen , immer interessant , um so mehr , da sie alle den Farbeton bekannter , und nur zu sehr vermißter Umgebungen trugen . Viktorine , jung , elegant , im Gemisch origineller Eitelkeit , mit Entsagung und Hingebung drappirt , warf sich der Welt als ein interessantes Räthsel in den Weg , an welchem sich der Chevalier den Kopf zu zerbrechen schien , ob er sie gleich vollkommen auswendig wußte . So waren die drei Personen einander unentbehrlich geworden . Der Baronin gereichte es zu besonderer Lust , sie um sich zu versammeln , sie ihre Kunststückchen machen zu laßen ; und hatte Viktorine gleich manches gegen die unbefangene Wahrheit dieser Frau , gegen das rasche Aussprechen ihres Gefühls , einzuwenden , ärgerte sie ihr festhaltender Blick , der sich dieser , unwillkührlich , bis auf den Grund fremder Gemüther senkte , so fand sie sich dennoch durch ihre Auszeichnung geschmeichelt , und , der Eigenliebe nichts zu vergeben , überredete sie sich , die Baronin suche ihren Umgang , die still erzogenen Nichten zu bilden . Antonie sah indeß streng und kalt , wie ein altes Steinbild , das man zufällig in einen modernen Gesellschaftssaal geschoben hätte , in jene Kreise hinein . Sie trug nichts in sich , was sie mit dem Fremden verbinden konnte . Die Welt lag ihr fern , was sie von Menschen kannte , war ihr nur durch Beziehungen lieb , und das einzige Wesen , in welchem Leben und Schmerz und Seeligkeit zusammenflossen , das trat ihr , wie die eigene Seele , weit aus dem hellen , dreisten Lichtscheine zurück . Mit Marien war es schon anders . Ganz Glück , ganz Freude , im Gefühl still empfundener , still getheilter Liebe , hätte man sie eher mit den lieben Frauen Bildchen vergleichen können , die so selig bescheiden aus dem goldenen Rahmen , wie aus der freundlichen Schranke weiblichen Genügens , hervorblicken . Ihr Verhältniß zu Adalbert , das schweigend von ihr , wie von allen , außer Antonien und dem Herzoge , anerkannt ward , schied sie zwar von den Uebrigen , allein da ältere und reifere Personen sich stets an der zarten Entwickelung kindlicher Menschen erfreuen , und glückliche Liebe immer einen himmlischen Zauber über solche verbreitet , die sie in sittiger Verborgenheit hegen , so behauptete Marie doch unwillkührlich einen erfreulichen Platz in der Gesellschaft ; vorzüglich räumten ihr diesen grade diejenigen Frauen ein , welche den schmalen Paß , der sie in die Matronenkreise hinüberführt , schon zur Hälfte hinter sich hatten , und das mühsam bezwungene Herz noch an jenen Nachklängen bestechlich erweichten . Die Männer hingegen , denen eine Verlobte oder bestimmt Liebende meist uninteressant wird , gaben Antonien , des Abentheuerlichen ihrer Erscheinung wegen , größere Aufmerksamkeit . Wie still , wie untheilnehmend sie auch dasaß , ihr lautloses Erscheinen , einzelne tief hervorgeholte Worte , ihr dunkelglühendes Auge , das langsame Schreiten durch die Zimmer hin , und wieder die jähe Hast in Mienen und Geberden , die bei einzelnen Vorfällen heiter wie elektrische Funken durchbrachen , alles an ihr übte die Magie des Unbegreiflichen , der selten irgend ein Gemüth widersteht . Der Chevalier besonders sah mit einer Art leidenschaftlicher Neugier auf sie hin . Sie gehörte zu dem Wenigen , was er nicht bequem in seiner eigenen Stellung zur Welt erfassen konnte , und doch so gern verstanden , mit vielem andern , was er besaß , in Uebereinstimmung gebracht hätte ! Er näherte sich ihr deshalb , und fühlte leise in sie hinein , welche Satte er anzuschlagen habe ? Antoniens kürzlich zurückgelegte Reise gab sehr natürliche Veranlassung , das Gespräch zu eröffnen . Sie äußerte sich gern darüber , sie trug jene Bilder immer in ihrer Seele , von dem Uebergange über den Bernhard , den steilen einsamen Pfaden , den gewaltigen Riesenmassen , an denen sich diese hinwinden , von der Großheit und tiefsinnigen Ruhe der Natur in den unterhalb liegenden Thälern , redete sie mit Liebe und Rührung . Der Chevalier hatte nicht sobald ihr Hinneigen zu großen Naturgegenständen entdeckt , als er sie geschickt auf das , was er in der Art gesehen und erfahren , auf seine Reisen , auf seinen Aufenthalt in den Amerikanischen Inseln , zu lenken wußte . Er besaß die Gewandheit aller der Menschen , die sich mehr bei dem Gesehenen als dem dabei Empfundenen aufzuhalten pflegen , und jenes in anschaulicher Deutlichkeit und eigenthümlichem Farbentone außer sich hinzustellen wissen . Antonie hörte ihm aufmerksam zu Nichts von allem , was er schilderte , war ihr fremd , es war , als rede er von ihrer Heimath , er riß sie aus der träumerischen Gegenwart heraus , in welcher ihr alles dämmernd und unklar erschien , sie folgte ihm willig zum fremden tief hallenden Strande , die Natur war dort eine andere , auch ihr Geschick ward dort ein anderes , Adalbert war um sie , bis dahin waren sie geflüchtet , das trügerische Europa weit hinter sich lassend , nun Durchzogen sie die gewaltigen Wälder , über ihnen ein fremder Himmel , in seinen Gezelten schweift der mächtige Riesengeier in weit gezogenen Kreisen , fremde Stimmen schlagen an ihr Ohr , ungeheure Thiere sehen bedrohlich auf sie hin , ein ungekannt Geschlecht scheint sich ihrer zu verwundern , allein mit dem Geliebten in der fremd belebten Wüste brennen ihre Herzen in der Tropen ewigen Gluth zusammen . Antonie war ganz Ohr , ganz inneres , unaussprechlich heißes , flammendes Leben ! So fanden sich denn beide aus ganz verschiedener Ursach , in ganz entgegengesetzter Richtung des Innern , äußerlich stets zusammen . Es blieb nicht unbemerkt , man lächelte und spottete freundlich darüber . Und wirklich hatte sich der Chevalier , indem er ein Gemüth auf großen Umwegen ergründen wollte , in diesem verloren , und die Herrschaft über sich selbst auf eine Weise eingebüßt , wie es denen immer geht , welche sich an etwas wagen , was über ihre Kräfte hinaus reicht . Schon konnte er nicht von Antonien getrennt sein , ohne eine lebhafte Unruhe zu empfinden , die so merklich aus der gezwungenen Haltung seines Gesprächs , aus dem mühsamen Abwenden seiner Blicke von der Thür wo sie einzutreten pflegte , aus allen den kleinen Bewegungen hervorleuchtete , welche ein erfahrenes Auge niemals übersieht , daß die Baronin ihre herzliche Freude daran hatte . Denn ihr konnte es nicht ganz entgehn , was Antonie , obgleich dunkel , doch ihr vernehmlich , ahnden ließ . Sie sah jetzt einen Ausweg aus dieser entstehenden Verwirrung , und lobte sich im Stillen den Zauber geselligen Verkehrs , der leicht und freudig das Störende ausgleiche , wenn die Einsamkeit jede Anregung mit ängstigender Gewalt anpacke , und alles so einzeln und deshalb so ungeheuer hinstelle . Fröhlich wie sie war , dachte sie nur an Frohes . Kleine gesellige Feste waren ihr von je eine liebe Unterhaltung , und jetzt riefen sie ihr die Zeit zurück , wo die Menschen in Ruhe und Sicherheit , sich selbst , ihrer Regierung , und ihrem Gott vertrauend , mit dem Leben ein heiteres Spiel trieben . Die Ruhe war wenigstens in ihrer Nähe scheinbar begründet . Der Herzog weniger stürmisch , von Zeit zu Zeit sogar häuslich in ihrer Mitte , der Marquis , in der Gesellschaft eines niedersächsischen Arztes , dessen Bekanntschaft er gemacht , wohl unterhalten , alles hatte ein zufriedenes Ansehn . Sie erinnerte sich jetzt , daß sie in diesem Jahre das Fest der heiligen drei Könige zu feiern vergessen , daß sie dies nicht vorbei gehn lassen , daß sie es nachfeiern müßten . Alle stimmten ihr bei , es ward zum Tage Maria festgesetzt . Die lustige Königswahl , welche an diesem Feste , in ganz Frankreich , durch das ohngefähre Zufallen einer , in einen Kuchen hineingebackenen , Bohne , scherzhaft getroffen , und für einen Abend behauptet wird , gab schon vorher Stoff zu mancher Lust und mancher Neckerei . Der Tag kam . Das Loos entschied für den Chevalier . Ihm blieb die Wahl einer Königin . Er besann sich einen Augenblick , dann reichte er Antonien nicht ohne Rührung die Hand . Antonie hatte anders gewünscht , anders gehofft , Einer konnte ihrer Meinung nach , hier nur König sein ! Das Loos hatte sich vergriffen . Sie sah zögernd umher , sie erwartete , alle sollten fühlen wie sie ! eine Gegenwahl schien ihr natürlich . Aber statt dessen drängte man sie , dem Herrscher zu folgen , ihr Herz stäubte sich selbst gegen das augenblickliche Spiel , und sie schritt neben dem fremden , ihr aufgedrungenen Mann , mit unbeschreiblichem Stolz und wahrhaft königlicher Miene einher . Alle huldigten ihr , und Adalbert neigte , als ihr vom König erwählter Hofmarschall , halb scherzhaft , halb in überraschender Aufwallung , ein Knie vor der schönen Gebieterin . Während dem Abendessen ward die Freude , wie immer , ungebundener . Der Wein entfesselte manche Zunge . Die kurze Lust steigerte sich mit jedem Augenblick , es schien , sie wolle ihr Maaß auf lange Zeit erschöpfen . Adalbert sang mit sehr schöner Stimme Kriegslieder , er saß neben Marien , Antonien gegenüber , er trank rasch und viel , unter stetem Sprechen und Singen . Mienen und Geberden waren unendlich beredet . Er schien Antonien etwas sagen zu müssen , sagen zu wollen , er machte oft eine Bewegung zu ihr hin , doch der Herzog , ebenfalls vom Weine angeregt , verließ fast Antoniens Sessel nicht . Endlich hoben sie die Tafel auf . Adalbert nahete sich Antonien , er zog sie leise in ein Fenster , und , die glühenden Finger auf ihre Hand gelegt , sagte er heimlich flüsternd , meine Freundin , meine Königin , ein Wort von Ihren Lippen kann zwei Menschen beglücken , wollen Sie es sprechen ? Antonie , unfähig zu reden , die Gluth seiner Finger wie heiße Zangen an ihrem Herzen fühlend , athmete kaum . Adalbert riß unruhig ihre Hand an seine Brust , und sagte nun heftig und schnell : Antonie , Sie haben Gewalt über meinen Vater , ich liebe Marien mehr wie mein Leben , sagen Sie ihm , daß er mir sie gebe , ich kann sonst nicht in Europa bleiben , sie allein kann mich mit dem Schicksale versöhnen , ich fliehe sonst in einen andern Welttheil , der Sohn geht ihm für immer , sagen Sie ihm das Antonie , für immer verloren ! O ! meine schöne Schwester , reden Sie , reden Sie für mich ! Wollen Sie ? Antonie hatte längst nichts mehr gehört , sie sah nur die Bewegung seiner Lippen , sein Athem berührte sie , sie war wie eine Träumende und erwiederte Gedankenlos auf sein wiederholtes Fragen , ein dumpfes Ja . Der Herzog hatte sie , wie den Sohn , genau beobachtet , er trat zu ihr , als jener sie verließ . In seiner Seele war nur ein Gedanke . Er fragte zärtlich : Ist alles richtig ? seid Ihr einig ? Antonie sah ihn krankhaft lächelnd an , und wiederholte ihr freudloses Ja . Voll Entzücken eilte er nun zu Adalbert , drückte ihn ungestüm an die Brust , und als dieser fast erstaunt fragt , habe ich Ihre Einwilligung ? - fällt er ihm heftig in die Rede , und bekräftigt seine Zusage mit einem heilig gegebenen Worte . Doch , gelähmt vor Schreck , bleibt er stumm , als auch Marie seine Hand faßte und beide Glückliche sich umarmen . Das Wort war gegeben . Pflicht und Ehre waren Bürge geworden . Er hatte nichts mehr zu sagen . Wie ein großer Mißgriff sah ihn der ganze Abend an . Das Unvermeidliche war nicht zu vermeiden . Er fühlte das tief , und stand noch in sich versunken , als sich der Marquis , die Baronin , alle um ihn versammelten , und Adalbert , der sich nicht kannte , der alles schon beendigt , sein Glück vollkommen gesichert wissen wollte , ihm anlag , Heute , noch diesen Abend , die Trauung vollziehn zu laßen . Der Herzog nickte bejahend mit dem Kopfe . Ein Geistlicher war zur Stelle , die Tante flocht Marien das kleine Orangenbouquet durch das Haar , Adalbert brachte Antonien , welche sich auf dergleichen verstand , die beiden verbundene Ringe Mariens , mit der Bitte , sie geschickt von einander zu lösen . Ohne Verwunderung blicken zu laßen , ja ohne Theilnahme irgend einer Art , empfing sie die Ringe . Sie trat damit zum Licht , und , eine kleine Zange aus einem Portefeuille nehmend , brach sie hin und her an der Verbindung . Sie schien selbst nicht zu wissen , was sie thue , denn plötzlich brachen beide Ringe entzwei , und das Stiftchen was sie zusammenhielt , flog weit davon . Im selben Augenblick drang es wie ein helles Lachen aus Antoniens Brust , sie sank nieder zur Erde und blieb bewußtlos liegen . Der Deutsche Arzt , welcher zugegen war , und die Unglückliche schon längst theilnehmend betrachtete , sprang auf sie zu , und trug sie zum Zimmer hinaus . Doch Adelbert war Heut durch nichts zu erschrecken , durch nichts zu stören , er sorgte schnell für zwei andere Ringe und die Ceremonie ward ohne Antonien , doch nicht ohne bange , ängstigende Vorgefühle , vollzogen . Drittes Buch Zwölftes Kapitel Der Arzt saß indeß bei Antoniens Bett , und that behutsam einige leise Fragen an sie , welche sie langsam und mit großer Anstrengung beantwortete . Ueberhaupt schien ihr Zustand ganz dem ähnlich , welchen die Aebtissin früherhin mit so großer Bewegung erwähnte . Der vorsichtige Mann trug Sorge , sie vor jedem Ueberfalle , vor jeder unwillkommenen Störung , zu bewahren . Er verweigerte selbst den Freunden allen Zutritt , und senkte , was er unwillkührlich erfahren , gewissenhaft in die verschlossene Tiefen seiner Seele . Doch konnte er es so wenig wissen , als verhindern , daß sich Alexis in der Nacht unbemerkt auf sein Brettchen warf , das nur durch eine dünne Bretterwand von Antoniens Lager getrennt war . Und erst viel später traten die Vorstellungen hervor , welche das Kind wie im Traume berührten . Als es darauf am folgenden Morgen in Adalbert Tag ward , besannen sich auch die Andern , und erschraken fast über den gestrigen Taumel , der , so unvorbereitet , eine wirkliche , bleibende That veranlaßte . Die ruhig-gesetzliche Klarheit um sie her schob die Erinnerung ihrer raschen Freude in den Hintergrund , und , wie ein Vorwurf , wie eine Warnung , reiheten sich Antonie , ihr Zusammenstürtzen , der helle Schrei , der ihrer Brust entfuhr , der Vorfall mit den Ringen , an den bleichen Saum der Nacht , und schienen in den hellen Tag herüber zu sehen . Adalbert allein blieb heiter . Ihm war , wie Jemand , der von einem ersehnten Gute träumt , mit Bangigkeit erwacht , und sich plötzlich im Besitz desselben sieht . Das Ziel seiner Wünsche schien erreicht Er wollte sein Dasein nur dauernd begründen . Tausend Plane flogen ihm durch den Sinn . Frankreichs Schicksal konnte nicht lange unentschieden bleiben . Seiner Rückkehr dahin lag , bei gemäßigterer Verfassung , nichts im Wege . Er hatte für die Freiheit mit strengem Eifer , mit Auszeichnung , gefochten , sich allein ruchloser Willkühr entzogen . Alle natürliche Bande zwischen dem Vaterlande und ihm waren unzerschnitten , und konnten sich in jedem Augenblicke enger zusammenziehn . Er hatte das nie so angesehen , nie so empfunden . Früher erwartete er , alles annoch Bestehende werde zusammenbrechen , und aus dem allgemeinen Umsturz solle das Neue und Bessere hervorgehn ; jetzt glaubte er an ein mögliches Zurücktreten der überströmenden Willenskraft , er hoffte auf eine weise , begütigende Hand , welche die Gränzen aufs neue scharf und bestimmt ziehe . Alle konnten noch glücklich , noch zufrieden werden ; er rechnete darauf mit einer Zuversicht , wie sie nur der Glückliche kennt . Marie theilte seine Hoffnungen , ihr häuslichansiedelnd Gemüth schuf sich in Gedanken schon all die freudige Wirksamkeit , die ein heimathliches Eigenthum der thätigen Frauenliebe bereitet . So innig froh durch Besitz und Hoffnung , empfingen beide junge Gatten ihre glückwünschenden Freunde . Mariens Gesichtchen glänzte wie der Schmelz des Frührothes . Sie war nur durch Eines beunruhigt . Die Schwester gab ihr Sorgen , und Niemand wußte recht , wie es mit ihr stehe ? Endlich trat der Arzt in das Zimmer . Ein jeder bestürmte ihn mit Fragen . Der Chevalier war kaum noch Herr seiner Ungeduld . Er trug die Gewißheit dessen , was Antoniens Uebelbefinden zum Grunde lag , dunkel in sich , die innere Angst sagte ihm etwas , das er nicht sogleich verstehn mochte . Jetzt erschien ihm der ernste deutsche Mann wie ein rettender Engel . Er hoffte , dieser solle etwas anders , etwas ganz Gewöhnliches , über jenes Ereigniß sagen , er flüchtete sich mit seinen Sorgen schon dahinter , als dieser , die Ungeduldigen höflich abwehrend , seinen Platz neben der Baronin nahm , und mit seiner gewohnten Besonnenheit sagte : Der Arzt besonders soll bescheiden in der Beurtheilung solcher Fälle sein , welche nicht in der aufgedeckten Folgereihe wirkender Motive und Ursachen liegen , da seine Wissenschaft , vielleicht mehr als jede andere , mit der geheimnißvollen , unerforschten , Natur verkehrt . Er darf so wenig einzelne Anklänge zu ausgesprochenen Worten umbilden , als sie überhören wollen . Er soll stets mit stillem , tief in das Innere zurückgehenden Sinn beobachten , aber weder die Sucht , etwas Außerordentliches aufgefunden zu haben , noch der kleinliche Kitzel , Entdeckungen Anderer verspotten zu wollen , darf ihn auf Nebenwege verlocken . Die heilige Ehrfurcht gegen das Wesen der Dinge erlaubt kein allzudreistes Hervortreten , und deshalb ist dem Arzt besonnenes Schweigen unerläßliche Pflicht . Hiermit schwieg er wirklich , und niemand gewann sogleich den Muth zu erneueter Frage . Die Baronin allein , ob er gleich ihre eigenste Meinung ganz unleugbar aussprach , wollte es dennoch hierbei nicht bewenden laßen . Es schien ihr zuviel laut geworden zu sein , um es so unberührt bei Seite zu legen . Sie selbst hatte gestern in der Ueberraschung manches über Antoniens wunderbares Wesen , die inneren Offenbarungen , welche sie früherhin schmerzhaft durchzuckten , und alle in ihr erspäheten Eigenthümlichkeiten , fallen lassen , sie wollte jenen Aeußerungen das Abentheuerliche benehmen , indem sie dem Arzt zwang , umständlicher auf das Vorliegende einzugehn . Deshalb sagte sie : wie sehr Sie im Allgemeinen recht haben , empfindet niemand deutlicher als ich . Doch thut es im Einzelnen öfters Noth , daß des Erfahrenen Urtheil schwankende Vorstellungen berichtige , da Irrthümer und Abwege ja allein daraus entstehn , daß wir auf keinem sichern Grunde Fuß gefaßt , und nur auf flüchtigen Erdschollen unsere systematische Gebäude aufgethürmt haben . Sie fuhr jetzt fort , manches kluge Wort über Antonien zu reden , und alles zur Sprache zu bringen , was sie selbst über diese wußte . Es ist unleugbar , erwiederte der Arzt , nach einigem Besinnen , und wir dürfen es wohl mit Zuversicht behaupten , daß , wie in allem organischen Leben Wechselbeziehungen statt finden , diese sich auch unter den Menschen , sowohl gegenseitig , als der bewußtlosen Natur gegenüber , offenbaren . Was hier nun jedesmal das Vermittelnde ist , ob ein Aeußeres , oder ein Inneres , ob beides zugleich ? der sinnvolle , denkende Beobachter wird es prüfen , ohne gleichwohl seinen Muthmaßungen den Stempel der Unfehlbarkeit aufzudrücken . Vieles , das sehen wir wohl , soll dem Einzelnen dunkel bleiben , was über seinen Zeitmoment hinaus liegt . Die ganze Menschheit reift immer erst langsam in eine große Idee hinein , und diese entwickelt sich während dem durch das Leben selbst aus ihrer Wurzel rein heraus . Die Natur macht uns den Umgang mit ihr nicht allezeit leicht . Sie verkündet sich dem Einen heut , und scheint sich dem Andern Morgen zu widersprechen . Sie wirft uns große Phänomene wie Räthsel in den Weg . Der Mensch soll sich daran wagen , aber ich wiederhole es , mit Ehrfurcht und Bescheidenheit , was zu dreist , zu plötzlich , an das Licht gerissen wird , dem ergeht es wie solchen alterthümlichen Schätzen , welche lange Zeit der Erde Schooß verbarg , sie zerbröckeln an der jähen Luftberührung . Und sicher , wir graben auch nur versunkene Schätze aus . Durch ähnliche Wechselbeziehung , sagte die Baronin , welche lange in tiefen Gedanken da saß , würden die oft bestrittenen Wirkungen der Sympathie und Antipathie plötzlich berichtigt sein , und wie diesem , das Knarren einer Thür , das Schneiden in Kork , das Reiben zweier Metalle aneinander , jenem aber , der Duft einer Blume , die Ausdünstung eines Thieres , Uebelkeiten und physische Schmerzen geben , so dürften Blick , Ton , Mienen und Geberdensprache , ja die bloße Atmosphäre eines Menschen , anziehende oder abstoßende Gewalt über einen Dritten ausüben können , und Neigung oder Abneigung würde ein Gemüth beherrschen , ehe es sich selbst davon Rechenschaft zu geben wüßte . Sehr traurig , - fuhr sie fort , bleibt es , wenn solche Zufälligkeiten über ein Leben entscheiden sollen . Zufälligkeiten , erwiederte der Arzt , dürfen wir wohl nichts nennen , was durch innere Nothwendigkeit begründet ist . Alles , was die Individualität eines Menschen so , oder so bestimmt , geht aus dem Zusammenhang des Ganzen hervor , und selbst dasjenige , was von außen hereinwirkend , als zufällig betrachtet wird , bekommt erst durch die innere Gegenkraft seine bleibende Richtung . Man kann nicht immer sagen , wie das Störende entstanden sei , allein wir empfinden dessen trüben Grund in dem Eindruck , welchen es auf uns macht . Das Fürchterliche hierbei ist , fiel der Chevalier ein , daß man den Außendingen eine unumschränkte Gewalt über sich einräumt , und es den Umständen überlassen bleibt , ob zwei Wesen in Conflikt gerathen sollen , welche ohne äußere Vermittelung wohl nie von einander gewußt hätten . Er seufzte bei diesen Worten unwillkührlich , und schien sich seinem bedrohlichen Geschick hinzugeben . Vergessen wir nicht , erwiederte der Arzt , daß die Natur ein Wechselgespräch mit uns führt , und daß die Vernunft auch eine Stimme hat ! Die Vernunft ! rief der Chevalier , ist sie in oder außerhalb dem Zusammenhange des Ganzen begriffen ? Im ersten Fall , wird sie nicht von der ganzen Folge nothwendiger Fortentwickelungen mit bestimmt werden ? Oder , wo wollen sie ihr sonst ihren Platz anweisen ? Gewiß , nahm die Baronin hier rasch das Wort , ist die Vernunft in jedem Lebenskreise eingeschlossen , aber wie ein Auge , das alle Verhältnisse zusammenfaßt , und zu dem innern Spiegel zurückführt , ruht es mitten darinne ; jeder Mensch ist wie ein kleiner Weltherrscher anzusehen , und da keiner dieser Lebenskreise für sich allein ist , sondern alle , wie ein Nürnberger Ei , in einander gefügt sind , so lernt das Auge erst einen , als den Familienkreis , überschauen , dann geht es weiter und weiter , und umfaßt die Welt . Wie leicht wird uns bei einem erweiterten Horizont , und wie sehnen sich alle danach ! Sie werden mir aber doch nicht streiten , unterbrach sie der Chevalier , daß diese Erweiterung sowohl durch Raum- als Zeitverhältnisse hedingt ist , und daß individuelle , wie allgemein geschichtliche , Entwickelungen hier das ihre thun . Wie oft , rief er , durch das Gewicht eigener Erfahrung unterstützt , wird dies innere Auge , um Ihr Gleichniß beizubehalten , von undurchdringlichen Nebeln umschleiert , die so nothwendig , wie unwillkührlich , aus dem Kampf des Lebens erwuchsen . Wo , ich bitte sie , bleibt da die Freiheit der Vernunft ? In sich selbst , entgegnete der Arzt , in dem Vermögen , sich nach Innen zu dem höchsten Wesen zu flüchten , an ihm zu stärken , von ihm zu erfahren , was wir wollen und müßen ! Der Chevalier schüttelte ungläubig den Kopf , als Antonie bleich und schwach , auf Marien gestützt , in das Zimmer trat . Man begegnete ihr sehr liebreich , ohne sie gleichwohl durch zudringliche Fragen oder ein unruhig beeiferndes Entgegenkommen zu quälen . Es gewann sogar das Ansehen , als lasse man der Unterhaltung den einmal begonnenen Lauf . Antonie schien wenig auf die Uebrigen zu merken , sie setzte sich neben Marien ins Fenster , und arbeitete ruhig an einem Haargeflecht , das sie mit großer Sauberkeit zu ordnen verstand . Zuweilen blickte sie auf , und hauchte einen flüchtigen Kuß auf Mariens Stirn ; Viktorine ging mit der Präsidentin das Zimmer auf und ab , der Herzog stand düster auf Antonien sehend , dieser gegenüber , die Andren redeten eifrig , vorzüglich faßte der Chevalier den Faden immer wieder auf , sobald die Unterhaltung einen Augenblick stockte , und da diese von dem Besondern auf das Allgemeine hinauslief , so schien man den Gegenstand ein für allemal erschöpfen zu wollen . Adalbert war auch hinzugetreten . Man kam , wie gewöhnlich , von Einem in das Andere ; und das gemeinsame Gebiet der Ahndungen , Träume und Vorgefühle , ward nach allen Richtungen durchzogen . Einige , welche das Allgemeine bestritten , stellten gleichwohl , unwillkührlich fortgezogen , einzelne Thatsachen in einem Gemisch von Unglauben und innerer Scheu als sonderbare Zufälligkeiten auf . Man sprach hin und her , über die Möglichkeit wechselseitiger Einwirkung aus der Ferne . Mehrere bezweifelten sie , andere , unter ihnen der Arzt , meinten , der Punkt lasse sich schwerlich angeben , wo noch Mittheilung möglich sei , insbesondere , da man die Agenten keinesweges kenne , welche vermittelnd wirken , und die verschiedenen Naturen solche auf eigenthümliche Weise fordern und finden müssen . Der Marquis entschied