gebeugt zur Erde - kriechend wie ein Wurm - die Ahnung der Unsterblichkeit , mit ihr sie selbst auf ewig verloren ! ! Bei diesem entsetzlichen Gedanken hörte ich ein durchdringendes Geschrei . Ach ich hatte es selbst ausgestossen , und ein unaussprechlicher Schmerz meine ganze Brust eingenommen . Ich kann das Alles nicht mehr so mit ansehen . Herzliebste Mutter ! ich führe aus , was ich jetzt denke . Ja , ich führe es aus , und Niemand soll es mir wehren . Stephani an seine Verwandten . Mehrere Tage verflossen , und ich vermochte nicht , mich über die kleinmüthige Trauer , welche meine ganze Seele umfangen hatte , zu erheben . Endlich sah ich sie wieder , und , was ich für unmöglich hielt , ihr Gesicht war in einem noch höheren Grade veredelt . Oft hatte ich bei rohen Menschen bemerkt , daß der Schmerz ihre Züge veredle . Allerdings mußte es kein leidenschaftlich hervorbrechender , sondern ein gehaltener Schmerz seyn . Nur bei der Unübertrefflichen schien es mir ungedenkbar . Aber so wie ihre Gestalt über Andere erhaben ist , so ist es ihr Schmerz . Es ist kein menschlicher , der Erde zugewandter . Was ich dem Fürsten sagte : daß ich keinen andern Trost , als in der Kunst zu erwarten habe , ist mir jetzt noch wahrer , als damals . Ich werde immer überzeugter , daß kein Mann sich der ausschliessenden , noch weniger der leidenschaftlichen Liebe dieses wunderbaren Mädchens zu erfreuen haben werde . Aber ein viel innigeres , thätigeres Mitleid , als Menschen sonst gegen einander empfinden , scheint ihr Herz zu beleben und gänzlich zu erfüllen . Der Leidendste ist immer derjenige , welcher sie am meisten beschäftigt , und es scheint mir jetzt , da ich sie näher kenne , nur ein lächerlicher Dünkel , wenn ich mir je mit etwas Mehrerem schmeichelte . Mein Wortwechsel mit dem Fürsten , der ihr , da sie im nächsten Zimmer war , nicht verborgen bleiben konnte , schien sie tief zu bewegen . Um meinetwillen , glaubte ich Thor ! - Aber gestern wurde von zwei Familien gesprochen , die ihre Kinder , den einzigen Sohn und die einzige Tochter , für einander bestimmten ; nun aber plötzlich zerfielen , und ihr Versprechen zurücknahmen . Der Vater des jungen Mannes war der Beleidiger , und der Erste , welcher sein gegebenes Wort brach . Um so tiefer fühlte sich der Andere gekränkt . Und damit sich kein Zweifel erhebe , ob er , als der Aermere , die Beleidigung vielleicht verschmerze , und die Tochter dennoch für eine mögliche Versorgung aufspare , schickte er sie augenblicklich ins Kloster . Bei dieser Nachricht gab sich der junge Mann zwei gefährliche , doch nicht tödliche Messerstiche in die Brust , und wehrte sich gegen das Verbinden mit allen noch übrigen Kräften , bis der Vater ihm versprach , den Beleidigten um Verzeihung zu bitten , und noch einmal förmlich um das Mädchen anzuhalten . Der Sohn nahm jetzt die Hülfe des Arztes an ; wurde aber nach seiner völligen Genesung von dem Vater wegen seiner Leichtgläubigkeit verlacht , und dadurch bis zum Wahnsinn erbittert . Er verschwand , und Niemand wußte , oder weiß , wohin . Diese allerdings schreckliche Begebenheit , im Tone der Stadtneuigkeiten von einem Bekannten mitgetheilt , hat mich , ich sehe es , ganz aus Margarethens Herze verdrängt . Mit unbeschreiblicher Angst forscht sie täglich nach dem Aufenthalte des jungen Mannes , nach dem Namen des Klosters , wo das Mädchen eingesperrt ist , und da all ihr Forschen vergebens bleibt , hat sie sich endlich an den Fürsten gewandt . Mathilde versichert : daß Margarethe weder den jungen Mann , noch sonst Jemand aus der Familie kenne , daß ihr aber dieses lebhafte und ungewöhnlich thätige Mitleid schon oft bemerkbar , und bei einer in sanfter Fröhlichkeit durchlebten , und von keinem Schmerze irgend einer Art getrübten Jugend , fast unbegreiflich sey . Sie ist eine höhere Natur - sagte Bernhard - und nur dadurch wird Manches begreiflich , das weder in ihrer Erziehung , noch in den auf sie wirkenden Umständen gegründet ist . Ich bin begierig - setzte er , mit einem Seitenblicke auf mich , hinzu - ob es einem Manne gelingen wird , ihr Herz ganz für sich zu gewinnen . - Oft bin ich geneigt , es zu glauben ; dann aber scheint es mir wieder zweifelhafter , als jemals . Ich erwiederte keine Sylbe , sondern ging mit zerrissenem Herzen in meine Werkstätte . Ergriff dann aber , beim Anblicke des Bildes , den Pinsel zum erstenmale wieder , mit nie gefühlter Begeisterung , und vollendete in einem Tage , was ich für die Arbeit mehrerer Wochen gehalten hatte . Rosamunde an Ludovika Arnoldi . Warum bliebst du nicht bei uns Geliebte ? Dein Scherz : du reisest bloß , um Briefe von uns zu bekommen , hat uns wenig getröstet ; und Jedermann behauptet : du habest dich wenigstens zehn Jahre zu früh dem allgemeinen Beifalle entrissen . Von Stephani kann ich dir wenig melden ; denn ich habe ihn in mehreren Wochen nicht gesehen . Er soll mit einem grossen Gemälde , wahrscheinlich noch mehr mit dem Originale , dem Mädchen , mit welchem der Fürst mir einst drohete , beschäftigt seyn . Wie unaussprechlich elend hätte ich werden können ; wäre ich länger über den Charakter dieses Mannes im Zweifel geblieben . Wehe auch ihr , der unglücklichen ! wofern sie ihr Herz an ihn hängt , und sich die Möglichkeit , ihn fest zu halten , erträumt . Er liebt das ganze Geschlecht , und zwar tiefer und leidenschaftlicher , als irgend ein Mann . Wird er auch jetzt von ihrer hohen Einfalt angezogen , so kann er doch als Künstler den Sinn für Mannigfaltigkeit nicht verlieren . Ja , dieser Sinn muß sich bei hellerem Blick und höherer Vollendung nur immer mehr entwickeln . Gerade als Künstler wird er sich zu vielem berechtigt glauben , was mit der Treue schwerlich bestehen kann . Gott sey gelobt ! ich bin aus seinem Zauberkreise gerettet , und habe das , was mir in hellen Augenblicken das Wünschenswürdigste war , seine Achtung behalten . Da ich ihm weder mein Herz noch mein Schicksal Preis gegeben , hat mich auch seine Aenderung nicht erbittert , und ich kann gegen ihn und seinen Ruhm immer gerecht bleiben . Diejenige , welcher er jetzt huldigt , wird nun auch eine gewisse Celebrität erhalten . Ihr Bild ist zu einem Altarblatte bestimmt . Nur auf diese , oder auf eine ähnliche Weise , ist es möglich , daß eben diese Berühmtheit , zu welcher sie durch ihn gelangt , ihr nichts bei ihm schade . Denn so weit ich die Männer kenne , ist die Berühmtheit nächst dem Alter , der Häßlichkeit und der Kränklichkeit , derjenige Fehler , welchen sie am empfindlichsten rächen , und vielleicht hat es , seit Männer leben , kaum zehn gegeben , welche wahrhaft groß genug waren , eine grosse Frau zu ertragen . Allerdings ist Berühmtheit und Grösse keinesweges gleichbedeutend , und manche göttlich grosse Frau hat kaum ihren nächsten Verwandten für das , was sie war , gegolten . Diese Grösse können die Männer gar wohl ertragen ; um so mehr , da man sie benutzen kann , ohne sie anzuerkennen . Wie dem auch sey ! ich habe nur kurze Zeit gelitten , und meine Ruhe ist von neuem gesichert . Ich habe das Grab meiner Schwester besucht , und mir von neuem die Ursache ihres Todes vergegenwärtigt . Die Klagen über meine Freundlichkeit , Höflichkeit und - Kälte sind darauf nur bitterer geworden . Warum aber klag ' ich nicht ? Hab ' ich kein Herz ? und ist es nicht schmerzhafter , ewig von einer Liebe schwatzen zu hören , die keine ist , als ohne Aufmunterung um eine zu werben , welche man im Kurzen nicht mehr die Kraft hat zu erwiedern ? In der Zeit , wo er wirbt - sagst du vielleicht - weiß das kein Mann . Glaube mir ! er weiß es ; oder kann es mit einiger Aufmerksamkeit auf sich selbst wissen , und ist er dieser Aufmerksamkeit nicht fähig ; so bringt er schuldlos dasselbe Leiden hervor , als hätte er absichtlich betrogen . Und so ist dann nicht besser für die Männer gesorgt , als wenn sie sich mit ihrer Liebe dahin wenden , wo sie auf gleiche Weise erwiedert , und Niemand beim Tausche vervortheilt wird . Genug ! und mehr , als genug , von einer Sache , die längst unter uns abgemacht ist . Meine Rosen blühen wieder in schöner Stille um mich her , die Kunst reicht mir wieder die schwesterliche Hand , und wenn du kommst , findest du mich wieder in meinem Paradiese . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Wo soll ich anfangen , ihr Alles , was mir begegnet ist , zu schreiben ? Wegen einer sehr traurigen Begebenheit , welche sich in diesen Tagen zutrug , ging ich zum Fürsten . Ein abscheulicher Vater hatte die einzige Tochter ins Kloster gesperrt , damit ein anderer nur nicht glauben sollte , er werde eine von ihm empfangene Beleidigung vergessen , und das unglückliche Mädchen dem Sohne des Feindes dennoch geben . Der Andere , noch abscheulicher , brach hohnlachend sein dem Sohne feierlich gegebenes Versprechen , dem Beleidigten Friede und Freundschaft anzubieten , und das Mädchen noch einmal zu erbitten . Nur unter dieser Bedingung hatte sich der Sohn zwei gefährliche Wunden , die er sich in der Verzweiflung mit dem Messer gemacht hatte , verbinden lassen , und verließ nun , nach entdecktem Betruge , wahnsinnig das väterliche Haus . Ach , man erzählte dieses , wie man alles Andere erzählt , und das Herz wollte mir brechen vor Angst und Entsetzen . Ich lief zu der trostlosen Mutter , die so , wie der Sohn , von dem Vater verlacht wurde , und auf ihr Flehen , ihn aufsuchen zu lassen , keine Antwort erhielt , als : daß der Narr , wenn er ausgerast habe , schon wiederkehren werde . Eben so unerbittlich war der Vater des Mädchens ; dessen Aufenthalt vor der Mutter , wie vor dem Gesinde , ein unerforschliches Geheimniß blieb . Ich schloß die Nacht kein Auge , und ging den folgenden Morgen zum Fürsten . Er schien erstaunt , mich zu sehen ; hörte mir aber aufmerksam zu ; und befahl in meiner Gegenwart : die beiden Väter unverzüglich zu ihrer Pflicht anzuhalten . Auch wurden von seinen Leuten sogleich Boten nach dem jungen Manne , wie nach dem Mädchen geschickt . Mit unbeschreiblich gütigem Gesichte wandte er sich dann zu mir , und sagte : ists nun so recht , Gretchen ? - Gott lohn ' es Ihnen tausendfältig , gnädigster Herr ! - antwortete ich - Die armen geretteten jungen Leute werden es Ihnen ewig danken . Siehst du Gretchen - sagte er - ohne dich könnte mir das Gott nun nicht lohnen ; denn ich würde es nicht haben thun können , und auf die Weise bin ich dir mehr Dank schuldig , als du mir . Gnädigster Herr ! das denken Sie nur so aus lauter Güte ; Hätt ' ich es Ihnen nicht gesagt , so hätt ' es ein Anderer gethan , und Alles würde geschehen seyn , wie es nun geschah . Du irrst ! meine Hofleute haben andere Dinge zu treiben . Und hätten sie davon gesprochen ; so würde es , wo nicht mit höfischem Lächeln , doch mit höfischem Bedauern gewesen seyn . Sie aber , gnädigster Herr ! hätten doch Alles gesehen , wie es ist . Du gutes Herz ! Säh ' ich Alles , wie es ist , so wäre ich da , wohin ich strebe , aber lange nicht bin . Laune , Arbeit , und Etwas , das mich vielleicht zu sehr beschäftigt , trübt nur gar zu oft meinen Blick . Um so mehr bedürft ' ich eines Auges , wie das deinige . Ach , gnädigster Herr ! - rief ich - Sie haben in meinem Herzen gelesen ! Wie meinst du das , Gretchen ? -fragte er , mit einer sonderbaren Heftigkeit . Gnädigster Herr - sagte ich - ich bin mit lauter guten Menschen umringt : aber noch hab ' ich es nicht gewagt , Jemanden zu vertrauen , was ich Ihnen jetzt sagen werde . O , Gretchen ! was ist es ? verschweige mir nichts ! Nein , gnädigster Herr ! denn ich weiß , daß Sie Alles gütig aufnehmen , und wenn es auch sonderbar ist , doch entschuldigen ; daß Sie - ach , wie soll ich es sagen ? Ja ! daß Sie weiter und besser sehen , als Andere , und daß sie , wenn auch nicht Diesen und Jenen , doch überhaupt die Menschen mehr lieben , als Andere , und sie gern alle glücklich machen möchten . Gretchen ! Gretchen ! wie klingt das aus deinem Munde ! Willst du mich stolz machen ? Ach , glauben Sie nur so was nicht , gnädigster Herr ! Aber , wessen das Herz voll ist , des geht der Mund über . O , Gretchen ! - rief er , und drückte meine Hand fest an sein Herz - Wie sagtest du ? Sage , ich bitte dich ! sage das noch einmal . Ich will es noch hundertmal sagen - rief ich eben so laut - Wessen das Herz voll ist , des geht der Mund über ! Ja gnädigster Herr ! mein Herz ist voll von Ihrer grossen Güte und Menschlichkeit , und ich kann Gott nicht genug danken , daß ich zu Ihnen gekommen bin ; denn sonst wüßte ich nun nicht , ob mich Jemand verstände . Und das weißt du von mir ! Ich also verstehe dich besser , als andere ? O Gretchen ! - fuhr er fort , ergriff abermals meine Hand , und seine Augen standen voll Thränen - dies wird ein wichtiger Tag ! Vielleicht der wichtigste meines Lebens , gnädigster Herr ! Vollende Gretchen ! Sage Alles ! wenn es dann wahr ist , daß ich dich besser verstehe . Ja , gnädigster Herr ! Sie verstehen mich besser , weil Sie höher stehen , als Alle , und die allgemeine Noth besser überschauen können . Worüber erstaunen Sie , gnädigster Herr ? Ich habe es schon lange eingesehen , daß das so ist , und nicht anders seyn kann . Wie gut die Menschen , welche mich umgeben , auch sind , ist es ihnen doch nicht möglich , Jedermann zu helfen . So sind sie dann gezwungen , sich gegen Leiden zu verhärten , und denken gar bald : was hilft ' s ? durch uns wird ' s nicht besser . Auch dann denken sie so , wenn ' s gar oft besser würde . Sie aber , gnädigster Herr ! haben die Macht in Händen , und darum denken Sie das nicht , und können es nicht denken . Er sah ganz bedenklich und betroffen vor sich nieder . Das machte mich irre , und ich schwieg eine Weile . Dann aber fuhr ich herzhaft fort : Gnädigster Herr ! ich bin so glücklich , habe Alles , was mein Herz wünscht ; aber ich kann dieses Glück nicht länger mehr tragen . Wie ! - rief er , und es kam mir vor , als ob sich sein Gesicht gänzlich verfinsterte . Da fürchtete ich , er möchte , wie gewöhnlich , plötzlich böse werden , und fiel schnell vor ihm nieder . Nein ! gnädigster Herr ! - sagt ' ich noch einmal - ich kann nicht mehr so still dem Leiden der Menschen zusehen . Ich muß hinaus und ihnen helfen . Vor allen Andern habe ich mich geschämt das zu sagen ; vor Ihnen brauche ich mich nicht zu schämen . Sie begreifen was ich meine , und gingen , so wie ich , wären Sie durch Stand und Pflicht nicht gebunden . Stehe auf ! - rief er - stehe auf ! ich bin nicht , wofür du mich hältst . O ja , Sie sind es ! und darum werden Sie mir auch meine Bitte gewähren . Welche ? Es giebt Klöster , gnädigster Herr ! ... O glauben Sie nur nicht , daß ich mich in Mauern einsperren will ! Aber es giebt Klöster , in welchen man das nicht nöthig hat . Meines Wissens nicht . Wohlan , so stiften Sie eins ! nur mit dem Unterschiede , daß die Nonnen ausgehen und helfen können , wo sie wollen . Und du ? Ich komme in dieses Kloster , kann helfen , wo ich will , kann die Menschen bitten ; in Liebe und Einigkeit zusammen zu halten , ohne mich zu schämen , oder von den Leuten verlacht zu werden . Das war deine Bitte ? Ja , gnädigster Herr ! das war meine Bitte . Du willst nicht bei mir bleiben ? Ich komme täglich zu Ihnen , berichte Ihnen Alles , was ich gesehen , gehört , fordre sie auf zur Hülfe . Kein Tag , keiner wird vergehen , ohne eine schöne , menschliche Handlung , ohne getrocknete Thränen , ohne gestillete Seufzer . Ein himmlisches , ein göttliches Leben werden wir führen . Wir ? Ja wir ! wer sonst , wenn wir es nicht führen . Wir ! weißt du auch , wer du bist ? O , ich weiß es ! aber bei Ihnen darf man vergessen , wer man ist . Vergessen ! O du ! o knie nicht mehr ! Was denken Sie nun gnädigster Herr ? Warum soll ich nicht knien ? Ach Gott ! geben Sie nur solchen Vorstellungen nicht nach , sonst schäme ich mich vor Ihnen , wie vor den Andern , und aus der ganzen Sache wird nichts . Nun ging er mit grossen Schritten auf und ab , und sagte kein Wort mehr . Da schlug die Glocke aber zwölf , und ich durfte nicht länger mehr warten . Leben Sie wohl , gnädigster Herr ! - sagt ' ich nun - Ich muß fort ; denn die Kinder kommen jetzt zu Hause , und stürmen sonst gleich zu der Frau Präsidentin , und plagen sie gar zu sehr . Morgen aber , wenn Sie es erlauben , komme ich wieder , und höre , ob Sie mir meine Bitte gewähren . Den andern Tag kam ich wieder , und da ich unangemeldet hineintreten darf , hatte er mich nicht bemerkt , und saß in tiefen Gedanken . Mir wurde bange ; denn er sah finster aus , und ich hatte nicht das Herz , ihn anzureden . Endlich bemerkte er mich , und kam sehr freundlich auf mich zu . Du da , Gretchen ? - sagte er - plötzlich , wie eine Erscheinung ! Eben so plötzlich sah ich dich diese Nacht ; aber mit einem glänzenden Flügelpaare . Du erhobst dich in die Lüfte , ich wollte dir folgen , sank aber bald ermattet auf die Erde zurück . Ich erwachte in einer trüben Stimmung , die mir bis zu dem Augenblicke , wo ich dich sah , geblieben ist . Glauben Sie denn auch an Träume , gnädiger Herr ? Wie du willst ! Ich glaube daran und glaube nicht daran . Aeusserlich weiß ich gewaltig viel dagegen vorzubringen ; innerlich bin ich vielleicht abergläubischer , als irgend ein Anderer . Das ist sonderbar ! Sonderbar und natürlich , wie so vieles in der Welt , wie du selbst , Gretchen . Wie ich ? Ja gewiß ! du bist die sonderbarste und dann doch die natürlichste Erscheinung meines ganzen Lebens ! Ei mein Gott , gnädiger Herr ! wie sollte das zugehen ? Sage selbst , Gretchen ! bist du wohl so , wie andere Mädchen ? denkst du wohl an Männer , ihnen zu gefallen ? Auch nur an einen Einzigen , ihn zu besitzen ? so zu besitzen , wie die Frau den Mann ? Ei , mein Gott ! das ist wirklich sonderbar ! Woher wissen Sie denn das ? Ich weiß es , weil ich dich beobachte . Lange habe ich geglaubt , du machest mit Stephani eine Ausnahme ; jetzt glaub ' ich es nicht mehr ; denn ich sehe dich von Anderer Leiden noch tiefer , als von den seinigen erschüttert . Ja , du willst das Haus , wo er ist , verlassen , und dein Leben fremden Unglücklichen widmen . Oder irrte ich ? war es nicht so ? O nein , gnädigster Herr ! Sie irrten nicht . So war es . Ich sag ' es ja ! es begreift und versteht mich kein Mensch so , wie Sie . Auch nicht Stephani ? Das weiß ich nicht ; denn wir haben , so lange wir uns kennen , gar wenig mit einander gesprochen . Aber wenn es auch wäre , so hat er doch nicht die Macht , mir ausführen zu helfen , was Noth thut . Also nur wegen der Macht ziehst du mich vor ? Ach , gnädigster Herr ! ist denn hier von einem Vorzuge die Rede ? - Ich liebe ihn unbeschreiblich , ich liebe und achte Sie eben so unbeschreiblich . Kann das nicht mit einander bestehen ? Aber du sagtest mir einst , es komme dir vor , als sey Stephani dein Verwandter , du denkest unaufhörlich an ihn , und wenn hundert Meilen weit ein Kraut wüchse , was ihm helfen könnte , du würdest es holen . Ja gewiß , gnädigster Herr ! und das thät ' ich auch jetzt , wenn er es bedürfte . Bedarf er es nicht mehr ? Ich glaube nicht . Er scheint durch Rosamunde nicht mehr zu leiden , scheint in seiner Kunst ganz glücklich zu seyn . Betrübt ihn noch etwas , so ist es , glaube ich , wenn er , ohne es zu wollen , Sie , gnädiger Herr ! erzürnt . Weswegen aber glaubst du wohl , daß ich mit ihm zürnen könne ? Ach ; ich begreif ' es nicht ! Wohlan ! so erfahre es dann ! Deinetwegen zürne ich mit ihm . Grosser Gott ! meinetwegen ? - Ja , deinetwegen . Er glaubte Rosamunden zu lieben , und sieht , daß er irrte . Er glaubt jetzt dich zu lieben - wie , wenn er nach einiger Zeit auch sähe , daß er irrte ? - Was könnte das schaden , gnädiger Herr ? Was es schaden könnte ! - Es würde dich unglücklich machen . O glauben Sie das nicht , gnädigster Herr ! Es wäre ja nur ein Irrthum , und wenn ich das weiß , wie kann es mich unglücklich machen ? Was wäre ein Irrthum ? Daß er mich nicht mehr zu lieben glaubte . Denn sollte es wahr werden , so müßte ich schlecht und böse werden . Aber würde es auch ohnedem wahr , so kommt es ja , so lange man auf Erden ist , nicht darauf an , wie sehr man geliebt wird ; sondern , wie sehr man liebt , und geliebt hat . Bei dem allwissenden Gott , das Erhabenste und Göttlichste , was ein Mensch sagen kann ! Wer lehrte dich das ? O , gnädigster Herr ! - rief ich lachend - so Etwas weiß man aus sich selbst ; das braucht man nicht zu lernen . Du weißt es aus dir selbst . Wer sonst noch ? - Viele ! aber sie vergessen es , und denken an tausend andere Dinge , die sie für wichtiger halten . Gäben sie aber nur Acht , wie unglücklich es sie macht , daß sie immer dieses und jenes wünschen , was sie entweder gar nicht , oder nur dadurch , daß sie schlechter werden , erhalten können ; wie bald würden sie inne werden : daß Lieben die Hauptsache auf Erden , und alles Uebrige ohnedem nur Tand ist . O , Gretchen ! warum bist du nicht für einen Thron geboren ? Ei , gnädiger Herr ! weil ich mich nicht auf ihn schicke . Soll ich dir beweisen , daß du dich auf ihn schickst ? Das müßten Sie - rief ich wieder lachend - wunderlich anfangen ! Ganz natürlich fang ' ich es an . Ich setze dich darauf . Da würden die Leute was zu lachen bekommen . Das Lachen würde sich geben ; denn die Lacher würden es mit mir zu thun haben . Dann hätten sie aber schon gelacht . Würde dich das abhalten ? Lieber Gott , gnädiger Herr ! warum sollen wir von Sachen sprechen , die ja gar nicht möglich sind ? Ja , sie sind möglich ! - rief er - ich werde sie möglich machen ! aber du selbst mußt es wollen . Ich verstand ihn immer noch nicht , und sagte ganz verwirrt und betäubt : mein Gott ! was muß ich denn wollen ? Du mußt mein , ganz mein werden wollen . Dann setz ' ich dich dahin , wo du Tausende beglücken kannst . Doch schmerzen würd ' es mich , wenn nur das dich bestimmte . Wie mir nun wurde , herzliebste Mutter ! kann ich gar nicht sagen . Ich sah nichts mehr , das Herz stand mir ganz still , und ich würde gefallen seyn , hätte mich der Fürst nicht auf einen Sessel gebracht . Er sagte mir nun noch vielerlei ; aber ich verstand nichts mehr , und man mußte mich zu Hause und ins Bette bringen . Als ich mich wieder erholte , saß die Frau Präsidentin vor meinem Bette , und schien sehr bekümmert zu seyn . Ich sah es ihr an , daß sie mich gern fragen wollte , und dann doch wieder Bedenken trug zu fragen . Darum sagt ' ich ihr nun gleich Alles , und wie Angst und Schrecken mich so betäubt haben , daß ich nichts mehr von mir selbst gewußt . Daß du über diesen Antrag erstaunen konntest - sagte sie - begreife ich wohl ; aber woher dieses gewaltige Schrecken ? - Ach , liebste Frau Präsidentin ! - antwortete ich - Sie kennen ja den Fürsten ! wie leicht er aufgebracht wird . - Wenn ich nun seinen Antrag nicht annehme , wird der arme Herr Stephani Alles büssen müssen . Ah , jetzt begreif ' ich ! Für Stephani ist dir bange . Sey unbesorgt . Der Fürst ist ein sehr edler Mensch . Sey ganz offen gegen ihn . Er wird deinem Herzen keine Gewalt anthun . Hast du einen andern Mann gewählt , er wird , wie viel Ueberwindung es ihm auch kostet , er wird die Wahl billigen . Liebste Frau Präsidentin ! - rief ich - ich habe ja gar keinen Mann gewählt , und werde auch keinen wählen ! Sie sah mich nun ganz erstaunt und betroffen an , und sagte weiter kein Wort . Ich aber konnte vor Unruhe nicht mehr im Bette bleiben , und bat sie , da ich ja gar nicht krank sey , wieder aufstehen zu dürfen . Nur mit Mühe willigte sie darein ; kaum aber war ich wieder ordentlich angekleidet , als man den Fürsten meldete . Liebste Mutter ! es ist Nacht , der Bote kommt morgen früh 6 Uhr , und ich muß schliessen . Sey sie aber nur ganz unbesorgt . Gott schützt mich auf allen Wegen , und seine heiligen Engel werden über sie wachen , und vor aller Kümmerniß bewahren . Mir , herzliebste Mutter ! wird es immer gut gehen : das glaube sie nur festiglich . Stephani an seine Verwandten . Franz kam ausser Athem zu mir herein mit der Nachricht : Gretchen sey vom Fürsten krank zu Hause gebracht , und liege im Bette . Es schien mir unglaublich ; denn ich hatte sie noch niemals krank gedacht . Doch eilt ' ich voll Zweifel und Schrecken zu Mathilden ; aber in dem Augenblicke wurde der Fürst gemeldet und trat fast zu gleicher Zeit mit mir ins Zimmer . Er schien äusserst bewegt , auch da noch , als Mathilde ihm versicherte : Gretchen sey wieder auf und vollkommen hergestellt . Ich hatte nicht den Muth , ihn anzureden , und auch er blickte nur seitwärts und verstohlen nach mir hin . Bis endlich Fränzchen Farben und Pinsel ebenfalls mit der Nachricht brachte : Gretchen sey schon wieder auf , habe wieder ganz rothe Wangen , und wir können wieder malen . Alle Einwendungen halfen nichts , er zog mich fort , und der Fürst folgte nach . Nach langem Stillschweigen fragte dieser endlich : Weiß sie noch nichts von dem Bilde ? Ich glaube nicht . Und das Kind schweigt wirklich ? Franz nickte schalkhaft mit dem Kopfe und zeigte nach der Gegend , wo auch er abgebildet ist . Das Gemälde ist fertig . Nicht ganz . Wann denkst du es zu vollenden ? Gewiß zum heiligen Feste , Hast du Antwort von Pisa ? Nein . Aber ich zweifle nicht , daß man die Bedingungen annehmen werde . Man soll mich augenblicklich benachrichtigen . Ich werde nicht ermangeln . Ich wünsche , daß sie das Bild zuerst in der Kirche an dem ihm bestimmten Orte sehe . Ich schwieg . Oder hast du es anders beschlossen ? Ich beschliesse nichts mehr über dieses Bild . Doch scheinst du etwas zu fürchten . Vielleicht eine zu starke Erschütterung bei Margarethen . Ich will sie vorbereiten . Ich schwieg abermals , kurz darauf trat sie in das Wohnzimmer und er verließ