und einen St. Sebastian , der wie ein Stachelschwein voll Pfeile steckte , mitgebracht ; sie liebt solch Zeug und sollte es mir gut bezahlen . Nun müssen Sie sich nicht wundern , daß die Polacken Christum und dabei alle die heidnischen Satans , Jupiter , Apollo und wie sie alle heißen , anbeten ; das ist bei den Polacken nicht anders ; das Volk frißt Ihnen alles unter einander ; die beste Schüssel bei dem Landvolke ist immer Sauerkohl mit brennenden Talglichtern darin : ein verfluchtes Fressen . Ja , wo blieb ich doch stehen - also trat ich zur Prinzessin herein , und wie ich herein trat , fragte mich die Prinzessin verwundert : Mein lieber Kommerzienrat , war niemand im Vorzimmer , der Ihnen gesagt hat , wir wollten allein sein ? - Hat nichts zu sagen , antwortete ich , inkommodieren Sie sich gar nicht um mich alten Mann , genieren Sie sich gar nicht in Redensarten ; ich habe denn doch mehr gesehen in der Welt , ich habe zwar heute viel verloren - und dabei dachte ich an meine Bilder und weinte bitterlich , daß mir die Tränen piperlings die Backen herunterliefen . - Die Prinzessin weinte mit und wollte mich trösten ; sie sagte , daß sie eben der Prinzeß Thorixene die geheime Geschichte der unglücklichen Wenda habe erzählen wollen . - Ich bat , sie möchte immer erzählen , wenn es auch mich nicht unterhielte , so hätte ich alter ehrlicher Schweizer genug in meinem alten Kopfe zu denken , was wohl bedacht sein müsse ; auch könnte ich mir die Zeit wohl vertreiben , wenn sie mir etwas zu essen vorsetzen wollte ; ich hätte im Vorbeigehen in der Küche noch eine gute gespickte angeschnittene Kälberkeule liegen sehen ; von dem Tee knurre es mir im Leibe , ich wäre ihn nicht gewohnt und dabei die Rührung , mir würde ganz miserabel ; wenigstens möchten sie mir ein paar Eidotter hineinrühren . Sie wußte schon alles , was mir gut schmeckte , stand auch wirklich von ihrem Teezeuge auf , und mußte mitten in ihrer Betrübnis einen gnädig lächelnden Blick auf mich werfen ; ich aber fuhr fort und sagte : Ich kann nicht begreifen , was die vornehmen Leute von dem Tee haben ; es ist schlabbrig Zeug , macht keinen satt und froh und kostet doch auch viel bei jetziger Zeit . Wie sie nun aufgestanden war , setzte ich mich auf das atlassene kleine Sopha , wo sie gesessen hatte , und die Prinzessin Thorixene meinte , sie würden dann nicht Platz behalten . Sein Sie ohne Sorge , antwortete ich , wir rücken hübsch zusammen ; ich alter Schweizer mag gerne Abends ein bißchen einnicken und da ist es mir hier schon begegnet , daß ich mit dem Stuhle umgeschlagen bin , und das macht Ihnen nur Schreck , wenn erzählt wird . - Die Prinzessin brachte ihre Hunde mit ; was die Köter mich anbellten und beschnüffelten , weil ich den Morgen einen Hering in der Tasche gehabt hatte ; die führten sich recht schlecht auf . Ich fragte die Prinzessin , wie sie das leiden könne , ich wäre doch ein Mensch und wollte mir so was nicht unterstehen . - Nun , Gott sei gelobt , da wird die Suppe hereingetragen ; es sind doch liebe , liebe Leute , die Herren Bediente , daß sie so was nicht auf dem Wege halb auffressen , ich würde es sicher so machen . « Achtes Kapitel Prediger Frank Gespräch über die bürgerlichen und religiösen Verhältnisse der Liebe Wirklich war der Tisch gedeckt worden und die Suppe aufgetragen ; die Gräfin bezeugte dem Baron ihre ausgezeichnete Zufriedenheit und der Graf trat mit einem fremden Geistlichen herein , als er ihr eben die Hand küßte . Der Graf war nicht eifersüchtig , aber diese Vertraulichkeit mit dem nichtswürdigen Menschen war ihm verhaßt ; er stellte ihr sehr ernsthaft den Fremden , als den Prediger Frank aus der Nachbarschaft vor : ein evangelischer Geistlicher , der um die Landwirtschaft der Gegend große Verdienste hatte , der als ein guter Erzähler in der Gegend bekannt war und den der Graf diesmal als Gegengift gegen die beiden lächerlichen Personen der Gräfin geholt hatte . Die Gräfin begrüßte ihn kalt und wendete sich gleich wieder zu dem Baron , und zu seinen Gesellen , und sagte ihnen Artigkeiten . Der Graf nahm den Baron beiseite und sagte ihm ergrimmend : er möchte sich doch gefälligst im Augenblicke gleich und ohne Säumnis mit seinen beiden Gesellen fortscheren . Der Baron wiederholte das ganz laut zur Gräfin und sagte : » Nun sehen Sie wie er ist , ich glaube , wenn ich nicht gleich ginge , schmiß er mich die Treppe hinunter ; kann ich mich wohl bei gesunder Vernunft dem Herunterschmeißen aussetzen ; das kostete mir wenigstens ein paar Taler an Salben und Pflastern ; viel lieber bezahle ich mein Mittagsessen in der Dorfschenke ; nach Tische kommen wir wieder . Um euer Essen ist es mir gar nicht zu tun , aber ihr seid Leute , mit denen sich ein vernünftig Wort reden läßt , ihr seid gerade wie ich ; hab ich nicht recht , wir passen allein zu einander in der ganzen Gegend . « - Ohne eine Antwort abzuwarten , lief er zwischen seinen beiden Stelzen , so ragte er über beide hinaus , ohne einen Gruß aus dem Zimmer . Die Gräfin machte dem Grafen , ohne sich vor dem Fremden zurück zu halten , eine Menge Vorwürfe , wie er ihr aus Grillen den einzigen Umgang auf dem Lande verdränge , der ihr erträglich sei ; er sollte doch einmal die hochgepriesenen adligen Wirtinnen der Nachbarschaft betrachten , wie feist dumm oder mager zänkisch sie alle in dem elendesten Lebenskreise sich herumtummelten . Der Graf antwortete nicht , aber ihn kränkte es tief , daß sie mit solchem Hochmute sich über einen würdigen häuslichen Kreis hinaussetze , dessen ernste Pflichten zu erfüllen sie weder Mut noch Geschick habe , dessen Unterhaltung zu verstehen ihr Kenntnis alles einzelnen ländlicher Haushaltung abgehe . Der Fremde war ernst und wenig beredt ; er sprach einiges mit dem Grafen von der Universitätszeit , die ihm noch mit jugendlichem Reize vorschwebte , und fragte nach einem Studenten Hollin , der nach seiner Zeit eines gewaltsamen Todes gestorben . - Der Graf sagte ihm , daß er selbst dabei gegenwärtig gewesen und gar lange in tiefe Betrübnis dadurch versetzt worden sei , ob er ihm gleich nicht näher bekannt gewesen ; von einem seiner Freunde , der wahnsinnig im Kloster gestorben , habe er dessen Papiere erhalten , die er noch wie ein Heiligtum bewahre . - Der Prediger bat um die Mitteilung ; denn er nehme recht herzlichen Anteil an dem jungen Manne . - Die Gräfin fragte neugierig nach der Geschichte . - DER GRAF : » Sie ist sehr lang , nach Tische will ich sie ausführlich aus den Papieren erzählen , die in meinem Zimmer liegen ; kurz gesagt , sein Unglück war Folge der Eifersucht und ich habe mir seit der Zeit zugeschworen nie eifersüchtig zu sein . « - DIE GRÄFIN : » Das ist nicht artig , keine Leidenschaft ist uns Frauen so schmeichelhaft wie die Eifersucht . « - DER PREDIGER : » Bei einem Liebhaber geb ich es zu , bei einem Manne ist es aber sehr schmerzlich . « - DER GRAF : » ... Mehr aber war Hollins Schicksal durch ein Hinaussetzen über bürgerliche und religiöse Verhältnisse in der Liebe zerrüttet . « - DIE GRÄFIN : » Bürgerliche Verhältnisse in der Liebe ? « - DER PREDIGER : » Steht nicht in der Bibel : Gott ist die Liebe , und wer in der Liebe lebt , der lebt in Gott ? « - DER GRAF : » Ich kenne und ehre den Sinn , in welchem dir , liebe Dolores , die Allgewalt und Oberherrschaft der Liebe deutlich geworden ist , sie hat ohne Anstoß unser Glück begründet ; aber , lieber Herr Prediger , Gottes Liebe ist nicht des Menschen Liebe zum Menschen . « - DER PREDIGER : » Sie bestreiten eine Hauptstütze meines Systems , das Durchdringen der göttlichen Liebe in der menschlichen . « - DER GRAF : » Nicht gegen die Möglichkeit dieses Durchdringens streite ich , aber nur das eine weiß ich gewiß , daß dieses Göttliche darin selten rein von menschlich irdischer Beimischung ist , die täuschend das himmlische Feuer nachzuahmen weiß , besonders in unsrer Zeit . « - DIE GRÄFIN : » Hast du an mir diese Erfahrungen gemacht , so beleidigst du mich , hast du das an andern gefunden , so kann ich eifersüchtig werden und warum bist du böse auf unsere Zeit , leben wir nicht alle darin ? « - DER GRAF : » Sei nicht eifersüchtig auf die Toten , sie sind nicht zu beneiden , so lange uns das Leben grünt ; ich habe dir so oft gesagt , daß ich wenig selbst erfahren und das meiste der Offenherzigkeit andrer danke . Auch bin ich nicht frech , unsre Zeit schlimmer zu nennen als jede andre ; aber das weiß ich , sie trägt der Vorzeit schwere Sünde , und diese abzubüßen ist ihr hohes Verdienst . « - - DER PREDIGER : » Und eben darum ist ihr die Liebe zum Troste gegeben , aber leider vertraut sie ihr nicht . « - DIE GRÄFIN : » Wie kann sie ihr auch vertrauen , da gleich drei Leute , die hier beisammen , so verschieden von ihr denken . « - Aus den Betrachtungen , die nun von allen Seiten eintrafen , setzen wir hier eine Übersicht zusammen : Von der Liebe in unserer Zeit Wie arm ist unsere Zeit in der Liebe , denn sie ist ihrer selbst ungewiß . Der einzelne achtet sich reicher an Vertrauen , als seine Zeit und achtet sich groß , sich ihr zu entziehen . Aber keiner vermag es , seiner Zeit zu entfliehen , wie noch keiner seine Mutter verleugnen konnte , ehe er geboren . Was bleibt dem stolzen einsamen Flüchtling zwischen Himmel und Erde ; bleibt er sich selbst ? Die Jugend eilt und bald folgen ihr die stolzen Erinnerungen . Mit den Gesängen seines Übermutes erhält der Jüngling die Blumen eines empfundenen Frühlings ; aber das Lied verhallt und die Zeugen seines Glückes verwelken . Was ist fest in dir , dauernd , ruhig ? Der Freude Schmerz , der Hoffnung Sehnen ermüden endlich doch in dem abwechselnden Tanze deiner Träume , wenn die Musik noch lange nachklingt . Was bleibt dir , müde Seele ? wo ist der Glanz der Augen , die Fülle der Gedanken , die nahe Freude , die Hoffnung der Ferne ? Dir bleibt Entsagung , Erinnerung , aber du selbst bleibst dir nicht . Darum sind alle Gebüsche , die mit uns groß wurden , ihr vertrauter Schatten von girrenden Tauben durchflattert , dem verständigen Manne nicht deswegen allein heilig , weil sie Erinnerung der unbemerkt verschwebenden Jugend sind ; der holde Traum will ihm wieder kehren und er möchte den Glanz des Frühlings in der drückenden Glut des Sommers wieder erkennen . Er fühlt wohl : So ist der Frühling und so ist er auch nicht . - Und erwacht ihm im schönen Herbste der Fruchtbaum , dessen Frucht er schon genossen , zu neuer Blüte , und spinnt der blinkende Reif ihn noch blütenreicher ein , dann fühlt er wohl in Augenblicken , der Tod sei die reichste Blüte , denn er sei gewiß : sei Frühling , Sommer , Herbst ; aus ihm komme alles . Wenn dich der eingewurzelte Baum so trösten konnte , du einsamer Mensch , warum sind die freien Menschen dir nur zur Qual , zum Vorwurf ; fürchte dich selber , sonst hast du nichts zu fürchten ; denn es ist nicht gut , daß der Mensch allein sei . Die Lilie erhebt ihr hohes weißes Haupt , aber des Menschen Haupt , das unter ihr ruhet , erhebt sich nicht wieder ; jede Lilie scheint aber der andern gleich , die im vorigen Jahre abblühte , ist es gleich eine andere ; denn sie deuten auf einander und leben durch einander fort : so der fromme Mensch , der in der Gesinnung seines Volkes und mit ihm fort lebt , treu seinen Vätern in Tat und Glauben ; er kennt den Tod nicht und braucht ihn nicht unter Blüten zu verstecken . Vertraue deinem Volke in der Liebe und im Tode : das ist der Glaube , das wird zur Tat . Wer seines Volkes Glauben im Glücke leichtsinnig vergißt , in der Not verläßt , den wird Gott in seiner letzten Not vergessen und in seinem Glücke verloren gehen lassen . Hat unsre Zeit , hat unser Volk einen Glauben ? wehe ihnen ! wenn sie keinen haben ; aber sie erkennen noch heilige Schriften und heilige Gebräuche . Da stehet geschrieben , die Ehe soll ehrlich gehalten werden , die Übertreter richtet Gott und schlägt sie in ihrer Blüte darnieder , daß sie nicht Frucht bringen des Verderbens . Sage keiner , daß ihn Gott versuche , daß er allein sei ; wo zweie in seinem Namen versammelt sind , da ist er mitten unter ihnen . Ein jeglicher wird versucht , wenn er von seiner eignen Lust gelocket wird ; darnach , wenn die Lust empfangen hat , gebieret sie die Sünde , die Sünde aber , wenn sie vollendet ist , gebieret sie den Tod . Irret nicht , lieben Brüder . Frank , der am meisten dabei geredet und am wenigsten gesagt hatte , fuhr fort : » Sie werden meine lange Rede mit meinem Alter und meinem Stande entschuldigen ; ich lehrte schon an der Schule , als Sie , Herr Graf auf die Universität kamen , wenigstens zwölf Jahre sind wir unterschieden . « - » Doch sind Sie noch unverändert jugendlich in Farbe und Bewegung ; ich würde Sie für jünger halten « , meinte der Graf . - » Bei uns regelmäßig Beschäftigten greifen die Lebensalter nicht voraus in einander « , meinte der Prediger , » meist nach bestimmten Perioden , die auch wohl durch eine Krankheit bezeichnet sind , treten wir die großen Stufen hinunter ; durch gleiche Ordnung hört manches Mühsame auf , beschwerlich zu sein ; wir kennen auf dem Lande wenig Anstrengungen , die alle unsre Kräfte forderten , und darum werden Sie auch bei Kriegen und andern Ereignissen , die den gewohnten Verkehr stören , dort eine Menge unerklärlicher Krankheiten und Sterbefälle finden ; ja ich muß gestehen , daß selbst die Einführung der Wechselwirtschaft in unserer Gegend , an der ich eifrig arbeite , manchen alten Landwirt dahingerafft hat ; mich beruhigt dabei , daß er in seinem Berufe gestorben . « - Die Gräfin machte ihm Vorwürfe darüber , ob es wohl eines Menschenlebens wert sei , daß etwas gehackte Früchte mehr gebaut worden ; er lehnte dies ab , indem er bewies , daß eben dadurch viel mehr Menschen künftig gut leben könnten . Der Tisch wurde inzwischen aufgehoben , der Graf führte seine Frau und seinen Freund in eine angenehme Weinlaube hinter dem Schlosse , die als ein großes grünes Dach von wenigen Säulen unterstützt , an welchen der Weinstock aufrankte , ein eigenes Sommerhaus bildete , in welches die Sonne durch die zackigen Blätter gar angenehm auf die kleinen Trauben blickte . Bequeme Sitze , Birkwasser , Rheinwein und Zucker wurde von den Bedienten gebracht ; der Graf zeigte dem Prediger in der Gegend umher einzelne Denkmale und erzählte deren Geschichte . Die Gräfin trat mit Berichtigungen dazwischen ; sie hatte alles durch die Ilse schon genauer kennen gelernt , als der Graf , ungeachtet er dort aufgezogen war und vieles geschaffen hatte . Der Graf schwieg und der Prediger bat ihn , nicht länger die Erzählung vorzuenthalten , die er bei Tische versprochen . Der Graf entfernte sich einige Augenblicke , dann kam er mit einem großen Paket von mancherlei Papieren zurück ; ehe er diese geordnet , füllte der Prediger die Stille mit einer pathetischen Anrede , die er irgend einmal auswendig gelernt zu haben schien . PREDIGER : » Ihr geliebten hochgefeierten Musensitze , wie goldene Luftschlösser scheint ihr zuweilen in mein dunkles einsames Pfarrzimmer , und meine Augen gehen unter in dem Glanze . Aber hier von der Höhe eines freien reichen altritterlichen Schlosses , darf ich schon zu euch hinblicken , ihr goldenen Berge , auf denen die Musen rings auf Apollos Leier horchen , jede ihr Eigenes dabei denkend in sich ; alles scheint mir hier so nahe an der Seite des Musenfreundes , an der Seite der Schönheit . Wie glänzet der Roßquell in den Abendstrahlen , es wiehert das Flügelroß ... « ( Wirklich wieherte in diesem Augenblicke des Grafen Rappe , der in der grünen Koppel alle Anstrengungen des vorigen Tages vergessen hatte . ) » Nur ein Trunk alter Lust , nur ein Jubelgesang alter Stimmung , und ich bin wieder derselbe , dem die Zeit , wie ein Vogel in höchster heller Lufthöhe mit gleichen Flügeln schwebend , stille zu stehen schien . Dieses Glas trinke ich dir zu , Mutter aller Musen , Erinnerung , du wunderbare Schicksalsgöttin alles inneren Lebens , aller Gedanken ; denn wer die Töchter gewinnen will , der muß es mit der Mutter halten . Wie so ganz gegenwärtig wird mir die erste Bekanntschaft mit Hollin in H. ; wie zeichnete er sich als Redner der Studenten bei dem glänzenden Morgenfeste aus , das von der Universität in dem Botanischen Garten zur Feier des ersten Besuches unsres Königs und der schönen Königin gegeben wurde ; sein Anstand , seine tiefe Stimme , das männlich Vollendete seines Wesens nahmen alle Zuschauer für ihn ein ; auch die hohen Herrschaften dankten ihm gnädig . Jedermann mußte ihm gut sein , so gar kein böser Hinterhalt war hinter seinen Augen möglich , die so lebendig mitsprachen , daß seine Seele wie in einem Glashause dachte , wo jedermann zuschauen konnte , ohne daß er etwas davon ahndete . Darum sahen die Mädchen meist nieder , wenn er sie anblickte , und die älteren Frauen in ungefährlichen Jahren lachten ihm alle freundlich entgegen ; er hatte sein Teil erwählt , er gab wenig auf sie acht und mich zerstreute bald die mannigfaltige Pracht des Hofes und der Frauen , die farbig unter den farbigen Zelten wie unter hohen Blumen saßen , die sie geboren , und mit ihnen an den hohen Bäumen noch zu schweben schienen . Auch mich ergriff der allgemeine Verkehr , auch ich sah ihn nicht wieder in dem allgemeinen Jubel , der sich immer nach dem Hofe drängte und von ihm zurück strömte . Der König fragte mit Weisheit nach den Bedürfnissen der Stadt und der Universität , rühmte das zarte Ehrgefühl , die gute freie Lebensart der Studenten , ihre Begeisterung für Kunst , Wissenschaft und Vaterland . Die Früchte des Landes und die fremden Früchte des Gartens , Ananas , Melonen und Feigen wetteiferten in Fülle , Süße und Saftigkeit ; der Wein wurde reichlich geschenkt , daß selbst der Boden von seinem Opfer duftete ; doch vor allem war herrlich der Gesang wackerer Jünglinge und Mädchen , deren Chöre abwechselnd , die Luft einander zuschmeichelnd , sie mit Wollust erfüllten . In diesem Jubel sah ich Hollin zum letztenmal ; der Hof zog fort und die Stadt schien mir ausgestorben ; alle junge Leute hatten sich in die zwei Hofdamen verliebt und das Unbedeutendste , was sie gesagt , wie sie sich getragen , wiederholten wir einander . « Unterdessen hatte der Graf alle Papiere in Ordnung gebracht , und er begann die Geschichte ohne alle Umständlichkeit , indem er ihr gleich einen Titel gab . Neuntes Kapitel Hollins Liebeleben 2 » Hollin und Odoardo kamen denselben Tag auf eine Schule , gewannen einander sogleich lieb und veranlaßten dadurch , daß ihnen der Rektor ein gemeinschaftliches Zimmer anwies , das sie auch bis zu ihrem Abgange nach der Universität mit einander bewohnten . Jener war dem letzteren an Alter , Vermögen und Talent überlegen ; diese Überlegenheit war alte Gewohnheit und machte keinen Riß durch ihre Freundschaft . Sie versuchten sich mit einander in allem , was das Schulleben mit sich führt ; sie präparierten sich miteinander , brateten heimlich einander Kartoffeln , schlugen gemeinschaftlich ihre Feinde auf andern Schulen , hielten sich zusammen heimlich einen Renommistenanzug , in welchem sie abwechselnd Kömodie und Kaffeehaus besuchten ; sie waren auf der ganzen Schule unter dem Namen Kastor und Pollux bekannt ; Odoardo , der früher schlimme Jahre bei seinem armen Vater zugebracht hatte , welcher Doktor in G. war , hatte mehr Bewußtsein dadurch , mehr Vorsicht und Klugheit gewonnen , war dadurch eine Art wohltätiger Hofmeister Hollins , der ihn von tausend Unbesonnenheiten zurückhielt ; in allem übrigen lebten sie so in einander über , daß die Lehrer Mühe hatten ihre Handschriften zu unterscheiden . Die Vormünder schickten Hollin nach H. , der Vater berief Odoardo nach G. ; beides war ihren vereinigten Bemühungen unabänderlich , weil jeder vom andern die Abänderung erwartet hatte ; sie trennten sich mit tausend Schmerzen und fühlten doch erst nachher , was sie an einander verloren hatten . Als sie von einander Abschied nahmen , sagte Odoardo : Dies ist ein Augenblick , wo wir uns trennen , vielleicht kommt ein Augenblick , wo wir uns wiedersehen , gewiß aber einer , wo wir uns hinlegen und nicht wieder aufstehen ; und erinnerte seinen Freund daran in seinem ersten Briefe und an manches andre Traurige : wie ihre kleine Schulwelt hinter ihnen bis auf die Namen , die sie in ihre Bänke eingeschnitten , bald vernichtet sein werde ; dabei erinnerte er sich , wie er als Kind fest geglaubt , er werde ewig leben , bis sein liebster Spielkamerad , ein Hund , sich in der Morgensonne aufgestreckt , still geworden und gestorben sei ; - von der Universität schrieb er nichts . Ganz anders beschrieb Hollin seine Gedanken bei dem Anblicke der Universität : Himmel , welch ein Gefühl , als ich die ersten Spitzen der Türme und immer mehr , endlich die ganze herrliche Freistatt der Jugend aus der Ebene hervortreten sah . Noch ist er nicht verhallt in mir , der innere Ruf nach Freiheit , der mich als Kind schon zum kühnen Spiele auftrieb . Ringt nicht jedes Wesen nach Licht und Freiheit , Keime , Blüten , Vogelbrut , selbst die stummen Fische verlassen im Sonnenscheine ihr Element und schlagen sich empor und rauschen über seine Fläche hin . Und wir , frei aufgerichtet zur Mittagssonne , die wir unsre Erde in Luft und Wasser umkreisen und durchstreifen dürfen , sollten die Fülle der schwellenden Kraft und Freude im trägen Kleinmute des Bürgerlebens eindämmen . Der Wagen schien mir unerträglich langsam fortzuschleichen , wie die Zeit auf unsern Schulbänken . Bald kam eine Schar in ritterlicher Kleidung mit Helm und Schwert , bewillkommte uns zutraulich , ohne uns zu kennen , lud uns gastfrei zum Mahle ein und verbrüderte sich mit uns : verbrüdert uns nicht alle menschliche Gestalt , ist nicht die Liebe frei und ist es nicht der innerste Drang des Menschen , alles liebevoll zu umfassen und in sich aufzunehmen . - Im nächsten Briefe erzählte er seinem Freunde , daß er in eine Landsmannschaft aufgenommen , einer der besten Fechter geworden sei ; daß er sich bemühe ihnen dagegen seinen Sinn für alles Tiefe in der Philosophie mitzuteilen . Warnend schreibt Odoardo von seiner Universität : Mir ist alles hier unerträglich einförmig bis auf die untergeschobenen , auswendig gelernten Einfälle . Ein paar lächerliche Namen , ein Dutzend Scherze über Dinge des täglichen Gebrauchs , dieselbe Manier arme Leute zu beleidigen , die sie nicht fürchten , viel Erzählungen ehemaliger Tapferkeit und nachahmenden Mut aus Furcht vor der Schande ; das hab ich schon entdeckt . Wer nicht platt ist , wird aberwitzig genannt , wer Poesie liebt , ein Kraftgenie , wer einen andern als den hergebrachten Spaß treibt , von dem heißt es , er wolle etwas vorstellen . In den Gesellschaften ist stummes eitles Hofmachen , alles in ernsthafter Wichtigkeit ; haben sie dann etwas Wein genossen , so werden sie grob , nach ihrer Art genialisch , und sagen den Frauen Unanständigkeiten ; diese fliegen verstört auf und werden von ihren Beleidigern nach Hause geführt . Dann gibt ' s Schlägereien , selbst zwischen Freunden , die einander alles verziehen haben ; zum Glück kommt selten was dabei heraus . Von dem unsinnigen Lernen sage ich kein Wort , die meisten tun nichts als Heftschreiben . Hollin hatte sich mit solcher Lust in die Studentenwirtschaft geworfen , daß ihm sehr bald ein Vorsteheramt seiner Landsmannschaft übergeben wurde . Eine große Streitigkeit zwischen Landsmannschaften und Orden entzweite damals die Universität ; er nahm heftig die Partei der erstern , weil er darin wenigstens keinen solchen Trennungsgrund wie in den Orden fand , die notwendig , weil alle daran teilnehmen konnten , im ewigen Kampfe unter einander bleiben mußten . Alles sollte durch einen Zweikampf zwischen beiden Parteien ausgeglichen werden ; er wollte für alle fechten , das erfüllte ihn mit Freude ; nur das Unbestimmte des Kampfes bewegte ihn ; hätte er sich bestimmt einen Arm , einen Fuß abhauen lassen dürfen , es wäre ihm lieber gewesen . Er kam früh auf das Dorf , wo gekämpft werden sollte . Freunde und Feinde unterhielten sich wie gewöhnlich von Nebensachen ganz frei . Vor allen gewann er einen gewissen Lenardo aus G. ganz ungemein lieb , der aus Hang zur Unabhängigkeit von seinem Vater , der ihn dort einschränken wollte , ohne Abschied nach H. abgereist war . Offen ohne Zweck , lustig aus Bedürfnis und darum dem Weine , dem Spiele , den Mädchen ergeben ; fleißig zum Scherz , mutig ohne es zu wissen , nie Beleidiger , fast immer Versöhner beim Weine ; mit allen Gutfreund , mit keinem insbesondere , hatte er so viel Bekanntschaften gestiftet , so viel Brüderschaften getrunken , so viel Trennungen erfahren , daß er in jedem neuen Bekannten zehn alte wieder begrüßte und wiederfand , ohne es zu wissen . Er war immer der einzige ohne Stammbuch , der sich in allen Stammbüchern fand ; immer von Memorabilien umgeben , der aber keine einzige behielt , dem die vergangene Zeit ganz vergangen . Witz hörte er gern von andern , um Gelegenheit zum Lachen zu haben , er selbst hatte den Witz nur im Trunke ; rasch im Wetten , aber selten glücklich , weil er wenig genau hörte ; glücklich im Spiele , gewann er doch selten , weil er nur im Unglücke wagte ; leichten Weibern sehr willkommen , war er doch selten geneigt , den Umständen einer etwas vornehmeren Verbindung sich zu unterziehen ; die schnellere Entscheidung bei den unteren Klassen machte ihm mehr Genuß ; in den Künsten zeigte er stets ein vorwiegendes dramatisches Talent . So ist er noch jetzt , und so war er ; denn er gehört zu den unveränderlichsten Menschen , unversehrt , ob er gleich zehn verschiedene Weine an einem Abende aufeinander setzt . Dies wurde sein Gegner ; sie umarmten sich erst , dann schlugen sie sich ; Lenardo wurde sehr bald schwer in den Leib verwundet . Hollin hätte sich in seinen Hieber stürzen mögen ; doch der Wunsch seinem Freunde zu helfen , trieb ihn zu Pferde nach der Stadt einen Wundarzt zu holen ; dem Mediziner , der gegenwärtig , fehlte es an Geschick , er hatte mit seinem Bindezeuge bloß figuriert . Als dieser ankam und den Verwundeten , der an einem Ofen halb gebraten und halb erstarrt lag , von dem drückenden Verbande der Schnupftücher befreit hatte , und mit der Sonde auf und nieder fuhr in der Wunde , da hing Hollin wie ein loser Stein über dem Abgrunde ; endlich hielt ihn die Hoffnung fest , und die Hoffnung ließ ihn nicht zu Schanden werden ; die edlen Teile im Innern waren unverletzt . Ohne Ermüdung wachte er in den kalten Nächten bei dem Freunde , und der Zufall machte ihn bald mit allen Lebensverhältnissen Lenardos bekannt . Er mußte an dessen Schwester Marie schreiben , sie möchte sein böses Verhältnis mit dem Vater ausgleichen ; dabei rühmte er ihm die Schwester als unendlich liebevoll und gut . Hollin hatte einen jugendlichen Hochmut gegen die Weiber ; aus Mangel an Umgang mit ihnen hielt er sie kaum für Menschen ; insbesondre hatte er gegen alle moderne Sitten derselben aus einigen Darstellungen in Komödien neuerer Zeit einen bestimmten Abscheu ; was er von Liebe wußte , war nur im allgemeinen empfunden , nie bei einer einzelnen entdeckt . Lenardo sprach mit ihm , ob er ein Mädchen heiraten sollte , die ihm recht gut sei , und viel Geld habe , er wäre dann auf einmal aus seiner Schuldenlast . Hollin fand das frevelhaft , behauptete , wenn es überhaupt eine Ehe geben dürfe , so müsse sie das Band zweier Liebenden sein ; der Liebe gehöre jede Hingebung , und alle äußeren Verhältnisse müßten vor ihr verschwinden : ein Hingeben ohne Liebe sei Unzucht ; wer mit dem Feuer der Haushaltung die Liebesfackel anzünden wolle , der werde darin wie im höllischen Feuer verbrennen und nur aus dieser Unnatur , die häufig sogar aus Pflicht getrieben würde , entstehe alle sinnlose Ausschweifung der Männer und die feile Liebe . « - » Da hat er einmal nicht ganz recht ! « rief die Gräfin eifrig . - » Sie haben recht « , entgegnete der Prediger ; » ich leugne