wirklich nicht , erwiederte er und ging dann schweigend auf und nieder . Luise erwartete mit klopfendem Herzen , daß er das vorige Gespräch wieder anknüpfen und auf ' s neue in sie dringen sollte . Allein Julius sagte kein Wort . Sie selbst hatte nicht den Muth , wieder anzufangen . Ueberdem war der rechte Augenblick vorüber , und so blieb es zwischen Beiden still , bis Mehrere hinzukamen und im Allgemeinen ein leidliches Gespräch in den Gang brachten . Ein flüchtiger Blick zeigte Fernando die Wolken auf Julius Stirn und Luisens trübe , gesenkte Augen . Er neigte sich daher zu Emilien und redete auf ' s neue angelegentlich mit ihr . Werner trat zu Stein , der in einem alten Buche , das er in jenem Schreine fand , verblichene , kaum noch kenntliche , Holzschnitte betrachtete . Die Worte darunter schienen häufig gelesen , denn zwischen den feinen Blättern lagen mehrere Zeichen , Goldfäden , auch Stückchen farbiger Stoffe , die wohl eine längst vertrocknete Hand da hinein gelegt hatte . O lassen Sie sehn ! rief er , als Reinhold eben ein Blatt umschlagen wollte und er die Worte in kunstreich gezirkelten Buchstaben las : Von getreuer und sittsamer Minne . Die Andren näherten sich nach und nach auch . Man ward begierig , die Bedeutung der Bilder zu wissen . Eine innre Ehrfurcht vor den alten , ehrenwerthen Gestalten , ja vor dem Buche selbst , das wie ein edler , fremder Geist mitten unter ihre neue Ansichten und Gefühle trat , verscheuchte jede Spötterei . Man drang in Stein , die kleine Geschichte vorzutragen , und er , ohne sich lange bitten zu lassen , fing sogleich an : Von getreuer und sittsamer Minne . » Ein sehr edler und schöner Ritter hatte sich in die Tochter des Königs verliebt , die unter allen fürstlichen Jungfrauen weit und breit , nicht allein als die anmuthigste und liebreizendste , sondern auch als die sittigste und in aller wohlanständigen Geschicklichkeit erfahrenste , berühmt war . Wie nun die Liebe von keiner Macht in der Welt Gesetze annehmen will , half es auch ihm nichts , daß er sich die Schwierigkeiten , ja die Thorheit eines solchen Beginnens , unablässig vor Augen stellte . Jemehr er sich schalt , um desto mehr entbrannte er in den gewaltigen Flammen , von denen sein ganzes Gemüth durchhitzt war , und es hätte wohl noch ein frühes Ende mit seinem Leben genommen , wenn ihm nicht ein günstiger Zufall , ( so deren viele , sagt man , im Solde des Liebesgottes stehn sollen , ) zu Hülfe gekommen wäre . Auf einem großen Jagen nämlich , als er sich in den tiefsten Wald begeben hatte , um seinen schwermüthigen Gedanken nachzuhängen , begab es sich , daß er auf die Prinzessin traf , indem sie durch ihren scheuen Zelter weit von dem ganzen Hofgefolge auf ungebahnten Wegen fortgerissen ward . Er that dem wilden Thiere Einhalt , und nachdem er die schöne Jungfrau herabgehoben hatte , wollte sie sich nicht wieder der einmal bestandnen Gefahr anvertrauen , sondern zog es vor , sich von dem jungen Helden zu Fuß nach dem Schlosse heimgeleiten zu lassen . In dem dunkelgrünen , sonnendurchblitzten Laubholz schlug dem Ritter das Herz immer höher und höher ; er sing an zu bedenken , daß , wenn es doch einmal umgekommen sein müsse , der Schrecken ein schnellres und leichteres Ende bescheere , als der Gram , und daß er lieber an der Grausamkeit seiner Dame , als an der eignen Zaghaftigkeit sterben wolle . Deshalben begann er erst mit stotternder , dann mit überströmender Zunge und weinenden Augen , der Schönen sein Leid zu klagen . Sie gedachte ihn anfänglich zum Schweigen zu verweisen , aber weil der einsame Weg so gar lang währte , konnte sie letztlich das Heben und Senken ihrer zarten Brüstlein , das Erröthen ihrer Wangen , das Blitzen ihrer Augen sich und dem Ritter nicht länger verbergen . Sie gestand ihm , daß sie vor allen Männern auf der ganzen Erde nur ihn allein mit herzlicher Treue meine , und hiermit zu ihrem Verlobten auserwähle . Als sich nun der Liebhaber recht versann , daß er nicht etwa dergleichen blos im Traum , oder sonst in phantastischen Gesichtern erblicke , sondern in der That die schöne Königstochter ihm ihre Liebe gewähre , dachte er vor Freuden zu sterben , wie noch wenige Stunden früher vor Herzeleid . Kaum aber daß er sich ein wenig erholt hatte , so schlug er eine Menge Mittel vor , wie sie beide recht bald zu dem ehrlichen Ziel ihres Liebhabens in einer vergnügten Ehe gelangen möchten . Die kluge Jungfrau aber sagte : Laßt es uns wohl bedenken , mein herzlieber Herr Adelhof , ( denn also war der Ritter bei seinem Taufnamen geheißen , ) daß wir auf ein gar ängstliches und gefährliches Unternehmen ausgehn . Mein Vater , wie Euch nicht fremd sein kann , ist gar ein ernster und hochtrachtender Herr , eines recht fürstlichen Heldengemüthes , der nimmermehr zugeben wird , daß seine Tochter einem Vasallen zu Theil werde , es sei denn , daß sich dieser durch unerhörte Thaten den regierenden Häuptern gleich zu stellen wisse . Nun aber habe ich das gute Vertrauen zu meinem Gott ( wohl spürend , daß meine Liebe keusch und rein , und seines heiligen Schutzes werth sei ) , daß er Euch eine Gelegenheit geben wird , Euern schon erprobten Rittermuth zum Heil des Königs und des lieben deutschen Landes auf eine solche Weise leuchten zu lassen , daß Euch meine Hand als ein billiger Ehrenpreis nicht versagt werden mag . Wollet deshalb damit zufrieden bleiben , süßer Freund , daß meine unsterbliche Seele , nächst Gott , Euch allein angehört , und in Geduld stehen , bis sich eine günstigere Zeit offenbart . Auch wollet nichts von heimlichen Zusammenkünften oder dergleichen Leichtfertigkeiten begehren , sintemal das Euerm eignen künftigen Eheweib eine große Schmach sein würde . Unter dergleichen liebevollen , doch frommen , Gesprächen waren sie zu dem Schloß gekommen , wo der König eine große Freude über die Rettung seiner Prinzessin Tochter bezeugte , ohne nur im geringsten zu ahnen , was sie im Walde mit dem Ritter Adelhof könne verabredet haben . Von diesem Tage an lebten die beiden jungen Leute in aller züchtigen Liebe und Ergötzlichkeit unterschiedliche Monden hintereinander sonder Störung fort . Wenn es auch bisweilen geschah , daß bei dem Ritter , wie es der Männer Art ist , ein ungeduldiges Feuer aufgehn wollte , so wußten doch alsbald die sittigfreundlichen Blicke der Jungfrau die ungestüme Lohe dergestalt zu bezähmen , daß nur ein stiller , labender Schein daraus übrig blieb , dessen niemand als sie selbst wahrnehmen mochte . Der Ritter ward mit jedem Tage frömmer und linder gegen Menschen sowohl als jede andre Creaturen , und wenn er einen deutsamen Gruß von seiner Herzliebsten gewonnen hatte , schien es gar , als lächle der Himmel selbst aus allen Zügen seines Antlitzes . Ein so recht paradiesisches Erquicken jedoch kann auf unsrer Erde nicht von langem Bestand sein . Es verbreitete sich nach kurzer Zeit das Gerücht , als habe der König seine Tochter an einen benachbarten Prinzen verlobt , welcher auch gleich darauf selbst an den Hof kam , öffentlich in den Farben der schönen Jungfrau prangend , und überhaupt weder seine Werbung noch die Begünstigung des Brautvaters im geringsten verhehlend . Wie da dem armen Ritter Adelhof zu Muth gewesen sei , kann leichtlich ein jeder selbst ermessen , sofern er nur einmal die ergötzlichen und doch auch oft so schmerzlichen Blumenketten der Minne getragen hat . Wenn dem Ritter auch kein Zweifel an die Beständigkeit seiner tugendhaften Liebschaft in den Sinn kam , so wußte er doch auch recht gut , wie weit eines gekrönten Königs Arm reiche , und wie schwer es halten müsse , durch einen so hartnäckigen und vielfach unterstützten Willen zu brechen . Doch tröstete er sich damit , daß es auch kein Leichtes sei , getreuer Liebe einen Kampf abzugewinnen , und daß seine Gegner daher wenigstens eben so schwieriges Spiel vorfänden , als er . Entschlossen , das Alleräußerste mit tausend Freuden zu wagen , trachtete er nur darnach , wie er seiner geliebten Prinzessin von diesen Gedanken Nachricht geben und gehörige Abrede treffen möchte . Auf einem Turniere , das man dem fremden Brautmann zu Ehren angestellt hatte , gebrauchte sich der Ritter Adelhof so männlich , daß man ihm vor allen Anwesenden den Preis zuerkennen mußte , und zugleich die Ehre , am Abende den Reihen mit der Prinzessin zu beginnen . Das war es eben , was er so eifrig gesucht hatte , und während nun die Musik recht kunstreich und gewaltig durch den Saal schmetterte , er aber mit zierlichgemessenen Schritten neben der Jungfrau hertanzte , nahm er Gelegenheit , ihr auf eine geschickte Weise zuzuflüstern , wie er Willens sei , sie am folgenden Abend zu entführen , der Hoffnung , daß sich jenseit des Meeres Sicherheit und ein bessres Glück antreffen lasse . Sie aber entgegnete voller Schrecken : Wie sollte ich ein so großes Uebel thun , und als eine unverehelichte Magd heimlich mit Dir aus dem Hause meines Vaters wegziehn ! - Adelhof sagte mit herzlichem Bedauern : ich merke leider schon , wo das hinaus will . Die Pracht des Fremden hat Dein Gemüth befangen , und Du möchtest des armen Edelmanns nun gern entledigt sein . - Nicht also , sprach die Jungfrau . Keinem andern Mann als Dir will ich jemals angehören , aber auch ein reines , fleckenloses Weib bleiben , so weit es einem sündigen Menschenkinde möglich ist . - Ach , bedenke Dich wohl , was du thust , sagte der Ritter . Du stößest ein getreues Herze von Dir , denn wenn Du nicht einwilligest , mit mir von hinnen zu ziehn , so erwähle ich mir selbst die Verbannung aus diesen Landen , allen glatten Worten unvertrauend , die so übel mit der That zusammenstimmen . - Was recht und ehrlich ist , soll geschehn , mehr aber nicht , sagte die Jungfrau , und damit hatte eben der Tanz ein Ende genommen . Sie mußten von einander gehn , ohne daß sie die Gelegenheit finden konnten , ihre Angelegenheiten des weitern zu besprechen . Der Ritter sah die Jungfrau wohl bisweilen flehend an , in Hoffnung , irgend eine günstigere Entscheidung aus ihren Augen zu schöpfen ; aber ob sich diese gleich vielmals mit recht perlenglänzenden Thränen füllten , wiegte sich doch das schöne Haupt dabei leise verneinend hin und her , daraus wohl abzunehmen stand , wie es bei dem einmal gefaßten Entschluß bleibe . Sich selbst und Alle scheltend , die jemals ihr Vertrauen auf das eitle Gemüth eines Weibes gesetzt , verließ der Ritter den Tanz , in Willens , mit dem frühsten Morgen davon zu reiten , je weiter je lieber , von einer Gegend , wo es ihm mit seinen liebsten Wünschen so widerwärtig gegangen war . Deßungeachtet kamen ihm mit dem hellen Morgenrorh andre Gedanken zurück . Er meinte , wie doch immer Licht aus Nacht entsprieße , möge es auch wohl mit seinen Schicksalen ergehn , die Jungfrau habe sich vielleicht ihr furchtsames Verweigern schon längst gereuen lassen , und es komme nur auf einen kühnen Versuch an , sie für seinen Entwurf zu gewinnen . Dieses Vertrauens voll , richtete er Alles zur Reise ein , ohne sich dabei einer lebendigen Seele anzuvertrauen , erhandelte auch unter anderm Vorwand einen leichten Zelter mit bequemem Geschirr für seine schöne Genossin , und harrte ganz allein , die beiden Rosse am Zügel , unter ihren Fenstern , bis er an dem Lampenschimmer vermerken konnte , sie sei nun von dem Nachtmahle zurück gekehret und allein in ihrem Gemach . Da begann er folgende Verse zu singen : Nicht allzuhoch die Fensterwand , Strickleiter in des Liebsten Hand ; Ein Wink aus Liebchens Fensterlein , So stiegt die seidne Trepp ' hinein , Und will sie dran hernieder gleiten So können , eh ' der Morgen graut , Von stiller Nacht allein beschaut , Zum Meerstrand die Verliebten reiten . Er sah wohl , daß sich die Schöne dem Fenster zu nähern schien , und sang deshalb in froher Hoffnung fort : Was ist der ächten Minne gleich ? Nicht Fürstenthum , nicht Königreich . Zwei Herzen fromm , zwei Herzen treu , Sie ziehn sich an in süßer Scheu , Mit Mond und Stern im frohen Bunde Wird ihnen Nacht zum heitern Tag , Das Waldesgrün zum sichern Dach . O Liebchen komm , gut ist die Stunde . Die Jungfrau stand an dem Schieber , es war schon , als wolle sie das Fenster öffnen ; aber mit einemmale ließ sie den Vorhang herunter rollen und floh zurück . Der Ritter sang mit weinenden Augen : O schwacher Sinn ! O falsches Herz ! Du wählst und giebst für Freude Schmerz ! Warst doch allein all ' meine Lust , Trug nur Dein Bildniß in der Brust , Und soll Dich nun so gar entbehren , Trüb scheiden , der so fröhlich kam . Ach Gott , erstärk ' nur meinen Gram , So wird er früher mich verzehren . Es kam ihm vor , als sähe er durch die Vorhänge , wie die Prinzessin mit vor den Augen gehaltnen Händen heftig weine , ja als vernähme er ihr leises Schluchzen ; plötzlich aber löschte sie ihr Licht und es ließ sich keine Regung in dem dunklen Zimmer mehr vernehmen . Da riß er in wildem Unmuth den Zügel von des Zelters Hals und jagte ihn von sich , während er auf seinen Streithengst sprang und diesen mit wilden Sporenstößen in den Wald hinein trieb . Eine lange Zeit hindurch zog er in fremden Landen umher , in solchen am liebsten , wo man gar nichts von der lieben deutschen Muttersprache verstand , auf daß er nur von aller Erinnerung an die Jungfrau befreit werden möchte . Ja , so oft sie ihm des Nachts in Träumen vorkam , pflegte er am folgenden Tage recht geflissentlich Festlichkeiten oder Gefechte aufzusuchen , um seine Betrübniß gleichsam in derlei ungestümen Meeren zu ertränken . So geschah es , daß er endlich am Hofe einer italischen Fürstin bekannt ward , die von allen Hofleuten sowohl , als auch von den kunstreichsten Bildhauern und Malern für die schönste Person auf der ganzen Welt gehalten ward . Der Ritter Adelhof meinte , wenn er deren Minne verdienen könne , sei er auf ' s beste an der Königstochter gerächt , und müsse es ihr zum absonderlichen Kummer gereichen , ihren verstoßnen Liebhaber so glänzend entschädigt zu wissen . In dieser Absicht strebte er nach allen Kräften , die Gunst der schönen Italienerin zu gewinnen ; da er aber ( wie sich leichtlich denken läßt ) eine große Schaar von mannlichen und schönen Mitwerbern vorfand , konnte er sich nie vergewissern , wie er eigentlich bei der Dame stehe , ob er gleich täglich auf das freundlichste empfangen ward , ja sich sogar mancher sehr günstigen Blicke und Worte zu rühmen hatte . Viele Ritter und Herren , denen es auf gleiche Weise erging , wurden endlich eins , die Schöne um eine bestimmte Erklärung anzugehn , und wenn sie auch noch von keiner bestimmten Wahl hören wollte , sie doch wenigstens um die Aufgabe irgend einer That oder eines Geschenkes zu bitten , wodurch man des Glückes ihrer Minne theilhaftig werden könne ; des vergeblichen Harrens und Seufzens , wie aller fortdauernden Ungewißheit , sei man nun einmal durchaus überdrüssig . Man brachte ihr auch diese Willensmeinung vor , obgleich mit den allerzierlichsten und verbindlichsten Worten , welche sich nur erdenken lassen . Die Schöne aber entgegnete den versammelten Werbern : Ihr Herren , meine Antwort wird kurz sein , wie Ihr Euch denn die Aufgabe leicht selbst hättet machen können , wenn irgend etwas Wahres an Eurer Bewundrung meiner Schönheit zu finden wäre . Ist die Gestalt , in welche es dem Himmel beliebt hat , mich zu kleiden , so gänzlich makellos , als Ihr zu glauben vorgebt , wie ist es dann noch Keinem eingefallen , daß einer solchen auch ein makelloses Gewand gebühre ? Was ich aber bis jetzt von Seide , Stoff , Leinen , Flor und irgend andern Kleidungsstücken gesehn habe , trug beständig irgend einen Mangel an sich . Auf dann , Ihr Werber , mir ein Gewebe sonder Fehl zu verschaffen , und wem es damit gelingt , der soll mich in eben diesem Kleide zur Trauung führen . Die Ritter standen eine Zeitlang bestürzt , vermeinend , man würde ihnen eher ein kühnes Wagstück aufgegeben haben , als das Erkiesen eines tadelfreien Gewebes , worauf sich die Wenigsten von ihnen verstehn mochten . Demohngeachtet grübelten sie nicht allzulange ; wollten sie die Braut haben , so mußten sie nach deren Willen tanzen , weshalb sie auch mit dem nächsten Tage nach allen vier Weltgegenden hinauszogen . Der junge Deutsche Weigand Adelhof nahm seine Richtung noch weiter gegen Mittag , des Glaubens , wie die Lüfte klarer , die Flüsse heller , die Sonnenstralen lichter würden , müßten auch die Werke aller Menschenkinder an Zierlichkeit und Zartheit zunehmen . Ein heilsames Verirren brachte ihn jedoch bald darauf in dunkler Nacht zu der Hütte eines Klausners , der ihn gastlich aufnahm , und während des mäßigen Mahles ungefragt durch ihn selbst ( wie denn das der Jugend Art zu sein pflegt ) von seiner Reise und ihrem Ziel umständlich benachrichtigt ward . Ei , rief der Siedler am Ende der Geschichte aus , Ihr kommt mir vor wie ein sehr thörichter Gesell . Nicht allein , daß Ihr Eurer Spinne selbsten die Gewebe zutragt , darin sie Euch desto besser fangen möge , sucht Ihr auch das noch auf ganz verkehrten Wegen ! Seid Ihr ein geborner deutscher Edelmann und wißt noch nicht , daß in Eurem Land fast einzig und allein die rechte ernste Freudigkeit und Treue , vermöge deren man kunstreiche Arbeiten verfertiget , daheim sind ? Halte dafür , Eure fremden Nebenbuhler wissen besser Bescheid , und haben gewiß sämmtlich ihre Richtung nach der deutschen Gränze genommen . Herr Adelhof schämte sich sehr , daß er dieser Zurechtweisung bedurfte , und machte sich in aller Frühe und Eilfertigkeit auf den Weg nach Deutschland . In der That war er auch kaum einige Tage lang in dem guten Lande Tyrol , als er schon von einer wundersamen Frau hörte , welche Gewande zu weben und zu sticken verstehe , dergleichen man in der ganzen weiten Welt nicht finde . Sie wohne , sagte man ihm ferner , bei einer alten Hirtenfrau im Gebirge , welche ihr vor etwa zwei Jahren aus Erbarmen , fast ungern , Obdach gestattet habe , nun aber sich durch die Arbeiten der Fremden in einen großen Wohlstand versetzt befinde . Das meiste ihres reichlichen Gewinnstes wende jedoch die fromme Weberin auf Capellen und Kirchen , deren sie schon unterschiedliche in dem sonst wilden Thale mit aller Pracht und Zierlichkeit habe erbauen lassen . Sie selbst führe ein wahres Klosterleben , und erlaube nur ihrer alten Wirthin den Eintritt in ihre Zelle . Der Ritter , voller Ungeduld , das Ziel seines Suchens zu erreichen , kam noch selben Abends vor der Meierei der Hirtenfrau an , von welcher die Klause , darin die gottesfürchtige Fremde ihr einsames Wesen trieb , etwa fünfhundert Schritt oder mehr entlegen sein mochte . Die alte Wirthin nahm ihn zwar anfänglich ganz willig auf , als er aber sein Begehren nur kund zu thun anfing , unterbrach sie ihn sogleich , versichernd , die Gedanken daran könne er sich auf alle Weise vergehn lassen . Es seien schon viele reiche und edle Herren in der nämlichen Absicht hier gewesen ; da habe die fromme Dame erklärt : um kein Geld , noch Gut , noch Ehrenbezeigung , wolle sie die Hand für die Befriedigung solch toller Eitelkeit anlegen , die sich ja in der That an Uebermuth den Einfällen vergleiche , womit ehemals Feien und andre böse Heidinnen die Welt geplagt hätten , wie man davon manche furchtbare Geschichte vernehme . Der Ritter Adelhof ward zwar über diese Weigerung sehr bestürzt , jedoch wollte er nicht minder als seine Nebenbuhler versucht haben , und drang daher in die Alte , sein Anbringen doch wenigstens der Dame vorzutragen . Man müsse alles zu seinem Glücke aufs fleißigste anstellen , meinte er ; niemand wisse , was grade ihm aufgehoben sei , und schlage es auch alsdann gänzlich fehl , so dürfe man doch nicht auf sich selber schelten . Die Alte konnte ihm hierin nicht gänzlich Unrecht geben , und verfügte sich daher nach der Klause , wobei sie indeß beständig den Kopf als in vielem Zweifeln schüttelte . In der höchsten Verwundrung aber kam sie zurück , so schnell es ihre wenigen Kräfte erlaubten , die Hände zusammenschlagend , und ausrufend : Ihr thut wahrhaftig wohl , Eurer Fortuna zu vertrauen , denn Ihr seid ein unstreitiges Glückskind . Zum erstenmale , seit ich die fromme Dame kenne , hat sie ihren Entschluß geändert . Sobald ich Euren Namen und Begehr vorgetragen hatte , entgegnete sie : sag ' ihm , daß ich in diesem Augenblick an die Arbeit gehe , daß ein tadelfreies Gewebe binnen neun Tagen vollendet sein soll , und daß er so lange bei Dir herbergen mag , um es alsdann gleich mitzunehmen und seiner wunderschönen Braut zu überbringen . Störe mich aber in dieser Zeit mit keinem Worte . Ich bedarf eines frommen , gesammelten Gemüthes und vieles Betens , um eine solche Arbeit zu Ende zu führen . Der Ritter wunderte sich selbst über die unvermuthete Gewährung seiner Wünsche ; da ihn aber eine große Ungeduld nach Welschland zurück trieb , dachte er nur daran , es ins Ungewisse stellend , woher ihm ein so großes Glück aufgegangen sei , und ergab sich während der langen neun Tage fast in einem fort dem Zeitvertreib des Jagens , wie es denn einem so rüstigen und vornehmen Herrn auch wohl geziemte . Eines Abends kam er ganz spät aus dem Forste zurück , und , indem ihn sein Weg zufälliger Weise an der Klause vorbei führte , hörte er darin singen . Er stand neugierig still und vernahm folgende Worte : O schwacher Sinn ! O falsches Herz ! Du wählst und giebst für Freude Schmerz . Warst doch allein all ' meine Lust , Drug nur Dein Bildniß in der Brust , Und soll Dich nun so gar entbehren , Trüb scheiden , der so fröhlich kam . Ach Gott , erstärk ' nur meinen Gram , So wird er früher mich verzehren . Er wußte nicht , ob er wache oder träume , denn ihm waren diese Verse , welche er am Abende seines Abschieds von der Königstochter gesungen hatte , noch wohl im Sinn geblieben . Nach Endigung des Liedes hörte er die Dame bitterlich weinen und sagen : o mein herzallerliebster Freund , wie großes Unrecht hast Du mir mit solchen Klagen gethan , und wie viel besser passen sie nun für mich . Damit ward sie wieder stille , und man vernahm nichts mehr , als den Gang des fleißig angeregten Webestuhls . Es ward dem Ritter unheimlich zu Muth ; er mußte beinah glauben , daß die Königstochter vielleicht gestorben sei , und ihm nun mit gespenstischem Treiben verfolge , denn wie sollte sie lebendig , von Vater und Bräutigam weg , allein in dieses Gebirge gekommen sein , und wem hinwiederum war das Abschiedslied bekannt , als ihm und ihr ? - In solcher Zweifelhaftigkeit verging ihm die Nacht , und auch ein Theil des folgenden Tages , ohne daß er sich der Klause wieder näher gewagt hätte , als er aber im Forste einen Jäger antraf , mit dem er schon vor einem Paar Tagen Bekanntschaft gemacht hatte , konnte er nicht umhin , ihn wegen der Königstochter zu befragen , ob man nicht in deutschen Landen höre , wie lange sie schon mit dem Fürsten verheirathet sei , und wie es ihr mit ihm ergehe ? Ei mein Gott , wißt Ihr das nicht ? sagte der Jäger . Da ist an keine Heirath zu denken , und wer weiß , ob das schöne Fräulein nicht längst in Noth und Elend vergangen ist . Der König bestand wohl auf diesen Eidam , sie aber soll einen Andern im Herzen getragen haben , oder der Bräutigam war ihr sonst zuwider . Da gebot ihr der König kraft seiner väterlichen sowohl als herrschaftlichen Gewalt , sie solle sich des nächsten Sonntages in der Kirchen einstellen , geschmückt , wie es einer fürstlichen Braut gezieme . Sie kam auch dem Befehl mit allem Gehorsam nach , vom Priester aber befragt , entgegnete sie laut vor allem Volke , wie sie zwar wohl wisse , daß sich keine Magd ohne Vergunst ihres Vaters verehelichen dürfe , daß sie aber auch ein so heiliges Sakrament , als die Ehe , nicht durch eine lieblose , aus weltlichen Rücksichten gegebne , Einwilligung , entweihen könne . Bitte derohalben um Erlaubniß , dieser Verbindung überhoben zu sein , und sich erst dann einem Gemahl zu ergeben , wenn solcher , als ein vom Himmel beschiedner , dem Willen ihres Herrn Vaters und ihrem eignen Gemüthe gleich angenehm sei . - Alle Leute verwunderten sich und erfreuten sich über die sittsame Festigkeit , mit welcher sie diese Worte vorzubringen wußte . Der Bräutigam aber ritt im Zorne davon , und der König zog seine Hand gänzlich von ihr ab . Sie könne heirathen wem sie wolle , erklärte er feierlichst , solle sich aber bei Todesstrafe nicht länger an seinen Hoflager sehn lassen . Nachdem sie mit demüthigen Thränen auf ' s unterwürfigste Abschied genommen , hat zum größten Leidwesen der Unterthanen Niemand erfahren können , wohin sie gekommen sei , ob sie noch zu den Lebendigen , oder schon lange zu den Todten gehöre . Hiermit schloß der Jäger seinen Bericht , und Adelhof , von einem heißen Reumuth durchdrungen , dachte nur daran , wie er seine verkannte und verlaßne Geliebte , ( denn als solche erkannte er nun die fromme Weberin wohl ) nach Gebühr an ihm selbst rächen wolle . Als daher die Alte nach Verlauf der neun Tage ihm das Gewand einhändigte , bat er , sie möge , da ihm die Dame doch so gnädig gewesen sei , ihr noch seine Bitte um mündliche Empfehlung und Danksagung vortragen . Die Alte berichtete zurück , wie die schöne Dame sehr betrübt gewesen sei , und nach einem schweren Seufzer gesagt habe : Herr Gott , auch das noch ! aber er mag nur kommen . Adelhof fand sie in tiefe Schleier gewickelt , in welchen sie ihm unerkannt zu bleiben meinte ; er aber ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder , und während er ihr seinen Dolch darreichte , sprach er : Wollet zu der mir erzeigten Huld auch noch die fügen , schöne Königstochter , einem thörichten , undankbaren , aber bereuenden Jüngling mit Euern Händen den verdienten Tod zu geben , und ihm solchermaßen zur Ruhe zu verhelfen . Ich habe schwer an Euch gesündigt , und wohl wissend , wie ich Eurer gänzlich unwerth bin , erbitte ich mir nur noch diese einzige Milderung meines Elends . Sie aber schlug die Schleier zurück , und , ihn in all ihrer Schönheit und Frömmigkeit anlächelnd , sagte sie : willkommen sei , mein süßer Freund und Gemahl . Mein Vater hat mich der Schuldigkeit entbunden , die mich von Dir geschieden hielt . Hast Du mich nun noch lieb , so ist mein Leid in Freude verwandelt , und wir wollen als liebevolle Eheleute mit einander leben , das Eine jedoch bedungen , daß Du aller Klag ' und Schmähung gegen meinen Herzgeliebten , den edlen Ritter Adelhof , entsagst . - Hierauf breitete sie ihm ihre zarten Arme entgegen , und er , sie umfangend , sagte : O lieber , getreuer Gott , wen Du auf Erden froh , im Himmel selig haben willst , dem gieb zur Geleiterin eine fromme deutsche Frau . Der welschen Fürstin ward fortan unter den Beiden nicht mehr gedacht , und nach langem , freudvollen Ehestande hinterließen sie ein zahlreiches und höchst ruhmwürdiges Geschlecht . « Als Stein geendet hatte , legte er das Buch schweigend aus der Hand . Niemand redete . Manchem hatte die Erzählung Langeweile gemacht , Andren riefen jene einfache Töne alter fester Zeit wehmüthige Vergleiche mit der zerfallnen , zerstückelten , Gegenwart herauf . Luise allein lebte ganz in den vorübergeführten Begebenheiten . Diese stille Sicherheit , im schwersten Kampf zwischen Neigung und Pflicht , dies reine Wollen und Vollbringen , ja die ganze prunklose Tugend altdeutscher Sitte , der ungetrübte Spiegel einer jungfräulichen Seele , warf einen so klaren Schein zurück , daß sie scheu in sich zurückbebte . Ich will fliehen , dachte sie , weit weg von hier , zu dem Grabe meiner Mutter . Ach meine Mutter ! sie schlug die schönen Augen gen Himmel , rufe mich zu dir , sagte sie leise , wo keine Sünde ist , und kein Verbrechen dein schwaches Kind irre leitet ! Wollen wir noch einen Gang im Freien machen ? sagte die Baronin aufstehend . Die Luft wird Allen nach dem gestrigen Tanze wohlthun . Sie hatte nicht viel auf die Vorlesung geachtet , ihr lagen andre Dinge im Sinne , daher sie auch , sobald sie einige Schritte mit Luisen vorausgerückt war , anhub : Wir verlassen Sie diesen Nachmittag , liebes Kind , es ist Zeit , glauben Sie mir , auch für Emilien !