doppeltem Sinne . Wie sehnlich wünschte sie den Gatten weg ; denn die Luftgestalt des Freundes schien ihr Vorwürfe zu machen . Aber das , was Eduarden hätte entfernen sollen , zog ihn nur mehr an . Eine gewisse Bewegung war an ihr sichtbar . Sie hatte geweint , und wenn weiche Personen dadurch meist an Anmut verlieren , so gewinnen diejenigen dadurch unendlich , die wir gewöhnlich als stark und gefaßt kennen . Eduard war so liebenswürdig , so freundlich , so dringend ; er bat sie , bei ihr bleiben zu dürfen , er forderte nicht , bald ernst bald scherzhaft suchte er sie zu bereden , er dachte nicht daran , daß er Rechte habe , und löschte zuletzt mutwillig die Kerze aus . In der Lampendämmerung sogleich behauptete die innre Neigung , behauptete die Einbildungskraft ihre Rechte über das Wirkliche : Eduard hielt nur Ottilien in seinen Armen , Charlotten schwebte der Hauptmann näher oder ferner vor der Seele , und so verwebten , wundersam genug , sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander . Und doch läßt sich die Gegenwart ihr ungeheures Recht nicht rauben . Sie brachten einen Teil der Nacht unter allerlei Gesprächen und Scherzen zu , die um desto freier waren als das Herz leider keinen Teil daran nahm . Aber als Eduard des andern Morgens an dem Busen seiner Frau erwachte , schien ihm der Tag ahnungsvoll hereinzublicken , die Sonne schien ihm ein Verbrechen zu beleuchten ; er schlich sich leise von ihrer Seite , und sie fand sich , seltsam genug , allein , als sie erwachte . Zwölftes Kapitel Als die Gesellschaft zum Frühstück wieder zusammenkam , hätte ein aufmerksamer Beobachter an dem Betragen der einzelnen die Verschiedenheit der innern Gesinnungen und Empfindungen abnehmen können . Der Graf und die Baronesse begegneten sich mit dem heitern Behagen , das ein Paar Liebende empfinden , die sich nach erduldeter Trennung ihrer wechselseitigen Neigung abermals versichert halten , dagegen Charlotte und Eduard gleichsam beschämt und reuig dem Hauptmann und Ottilien entgegentraten . Denn so ist die Liebe beschaffen , daß sie allein recht zu haben glaubt und alle anderen Rechte vor ihr verschwinden . Ottilie war kindlich heiter , nach ihrer Weise konnte man sie offen nennen . Ernst erschien der Hauptmann ; ihm war bei der Unterredung mit dem Grafen , indem dieser alles in ihm aufregte , was einige Zeit geruht und geschlafen hatte , nur zu fühlbar geworden , daß er eigentlich hier seine Bestimmung nicht erfülle und im Grunde bloß in einem halbtätigen Müßiggang hinschlendere . Kaum hatten sich die beiden Gäste entfernt , als schon wieder neuer Besuch eintraf , Charlotten willkommen , die aus sich selbst herauszugehen , sich zu zerstreuen wünschte ; Eduarden ungelegen , der eine doppelte Neigung fühlte , sich mit Ottilien zu beschäftigen ; Ottilien gleichfalls unerwünscht , die mit ihrer auf morgen früh so nötigen Abschrift noch nicht fertig war . Und so eilte sie auch , als die Fremden sich spät entfernten , sogleich auf ihr Zimmer . Es war Abend geworden . Eduard , Charlotte und der Hauptmann , welche die Fremden , ehe sie sich in den Wagen setzten , eine Strecke zu Fuß begleitet hatten , wurden einig , noch einen Spaziergang nach den Teichen zu machen . Ein Kahn war angekommen , den Eduard mit ansehnlichen Kosten aus der Ferne verschrieben hatte . Man wollte versuchen , ob er sich leicht bewegen und lenken lasse . Er war am Ufer des mittelsten Teiches nicht weit von einigen alten Eichbäumen angebunden , auf die man schon bei künftigen Anlagen gerechnet hatte . Hier sollte ein Landungsplatz angebracht , unter den Bäumen ein architektonischer Ruhesitz aufgeführt werden , wonach diejenigen , die über den See fahren , zu steuern hätten . » Wo wird man denn nun drüben die Landung am besten anlegen ? « fragte Eduard . » Ich sollte denken , bei meinen Platanen . « » Sie stehen ein wenig zu weit rechts , « sagte der Hauptmann . » Landet man weiter unten , so ist man dem Schlosse näher ; doch muß man es überlegen . « Der Hauptmann stand schon im Hinterteile des Kahns und hatte ein Ruder ergriffen . Charlotte stieg ein , Eduard gleichfalls und faßte das andre Ruder ; aber als er eben im Abstoßen begriffen war , gedachte er Ottiliens , gedachte , daß ihn diese Wasserfahrt verspäten , wer weiß erst wann zurückführen würde . Er entschloß sich kurz und gut , sprang wieder ans Land , reichte dem Hauptmann das andre Ruder und eilte , sich flüchtig entschuldigend , nach Hause . Dort vernahm er , Ottilie habe sich eingeschlossen , sie schreibe . Bei dem angenehmen Gefühle , daß sie für ihn etwas tue , empfand er das lebhafteste Mißbehagen , sie nicht gegenwärtig zu sehen . Seine Ungeduld vermehrte sich mit jedem Augenblicke . Er ging in dem großen Saale auf und ab , versuchte allerlei , und nichts vermochte seine Aufmerksamkeit zu fesseln . Sie wünschte er zu sehen , allein zu sehen , ehe noch Charlotte mit dem Hauptmann zurückkäme . Es ward Nacht , die Kerzen wurden angezündet . Endlich trat sie herein , glänzend von Liebenswürdigkeit . Das Gefühl , etwas für den Freund getan zu haben , hatte ihr ganzes Wesen über sich selbst gehoben . Sie legte das Original und die Abschrift vor Eduard auf den Tisch . » Wollen wir kollationieren ? « sagte sie lächelnd . Eduard wußte nicht , was er erwidern sollte . Er sah sie an , er besah die Abschrift . Die ersten Blätter waren mit der größten Sorgfalt , mit einer zarten weiblichen Hand geschrieben , dann schienen sich die Züge zu verändern , leichter und freier zu werden ; aber wie erstaunt war er , als er die letzten Seiten mit den Augen überlief ! » Um Gottes willen ! « rief er aus , » was ist das ? Das ist meine Hand ! « Er sah Ottilien an und wieder auf die Blätter , besonders der Schluß war ganz , als wenn er ihn selbst geschrieben hätte . Ottilie schwieg , aber sie blickte ihm mit der größten Zufriedenheit in die Augen . Eduard hob seine Arme empor : » Du liebst mich ! « rief er aus , » Ottilie , du liebst mich ! « und sie hielten einander umfaßt . Wer das andere zuerst ergriffen , wäre nicht zu unterscheiden gewesen . Von diesem Augenblick an war die Welt für Eduarden umgewendet , er nicht mehr , was er gewesen , die Welt nicht mehr , was sie gewesen . Sie standen voreinander , er hielt ihre Hände , sie sahen einander in die Augen , im Begriff , sich wieder zu umarmen . Charlotte mit dem Hauptmann trat herein . Zu den Entschuldigungen eines längeren Außenbleibens lächelte Eduard heimlich . O wie viel zu früh kommt ihr ! sagte er zu sich selbst . Sie setzten sich zum Abendessen . Die Personen des heutigen Besuchs wurden beurteilt . Eduard , liebevoll aufgeregt , sprach gut von einem jeden , immer schonend , oft billigend . Charlotte , die nicht durchaus seiner Meinung war , bemerkte diese Stimmung und scherzte mit ihm , daß er , der sonst über die scheidende Gesellschaft immer das strengste Zungengericht ergehen lasse , heute so mild und nachsichtig sei . Mit Feuer und herzlicher Überzeugung rief Eduard : » Man muß nur Ein Wesen recht von Grund aus lieben , da kommen einem die übrigen alle liebenswürdig vor ! « Ottilie schlug die Augen nieder , und Charlotte sah vor sich hin . Der Hauptmann nahm das Wort und sagte : » Mit den Gefühlen der Hochachtung , der Verehrung ist es doch auch etwas Ähnliches . Man erkennt nur erst das Schätzenswerte in der Welt , wenn man solche Gesinnungen an Einem Gegenstande zu üben Gelegenheit findet . « Charlotte suchte bald in ihr Schlafzimmer zu gelangen , um sich der Erinnerung dessen zu überlassen , was diesen Abend zwischen ihr und dem Hauptmann vorgegangen war . Als Eduard ans Ufer springend den Kahn vom Lande stieß , Gattin und Freund dem schwankenden Element selbst überantwortete , sah nunmehr Charlotte den Mann , um den sie im stillen schon soviel gelitten hatte , in der Dämmerung vor sich sitzen und durch die Führung zweier Ruder das Fahrzeug in beliebiger Richtung fortbewegen . Sie empfand eine tiefe , selten gefühlte Traurigkeit . Das Kreisen des Kahns , das Plätschern der Ruder , der über den Wasserspiegel hinschauernde Windhauch , das Säuseln der Rohre , das letzte Schweben der Vögel , das Blinken und Widerblinken der ersten Sterne : alles hatte etwas Geisterhaftes in dieser allgemeinen Stille . Es schien ihr , der Freund führe sie weit weg , um sie auszusetzen , sie allein zu lassen . Eine wunderbare Bewegung war in ihrem Innern , und sie konnte nicht weinen . Der Hauptmann beschrieb ihr unterdessen , wie nach seiner Absicht die Anlagen werden sollten . Er rühmte die guten Eigenschaften des Kahns , daß er sich leicht mit zwei Rudern von einer Person bewegen und regieren lasse . Sie werde das selbst lernen , es sei eine angenehme Empfindung , manchmal allein auf dem Wasser hinzuschwimmen und sein eigner Fähr-und Steuermann zu sein . Bei diesen Worten fiel der Freundin die bevorstehende Trennung aufs Herz . Sagt er das mit Vorsatz ? dachte sie bei sich selbst . Weiß er schon davon ? vermutet ers ? Oder sagt er es zufällig , so daß er mir bewußtlos mein Schicksal vorausverkündigt ? Es ergriff sie eine große Wehmut , eine Ungeduld ; sie bat ihn , baldmöglichst zu landen und mit ihr nach dem Schlosse zurückzukehren . Es war das erstemal , daß der Hauptmann die Teiche befuhr , und ob er gleich im allgemeinen ihre Tiefe untersucht hatte , so waren ihm doch die einzelnen Stellen unbekannt . Dunkel fing es an zu werden ; er richtete seinen Lauf dahin , wo er einen bequemen Ort zum Aussteigen vermutete und den Fußpfad nicht entfernt wußte , der nach dem Schlosse führte . Aber auch von dieser Bahn wurde er einigermaßen abgelenkt , als Charlotte mit einer Art von Ängstlichkeit den Wunsch wiederholte , bald am Lande zu sein . Er näherte sich mit erneuten Anstrengungen dem Ufer , aber leider fühlte er sich in einiger Entfernung davon angehalten ; er hatte sich festgefahren , und seine Bemühungen , wieder loszukommen , waren vergebens . Was war zu tun ? Ihm blieb nichts übrig , als in das Wasser zu steigen , das seicht genug war , und die Freundin an das Land zu tragen . Glücklich brachte er die liebe Bürde hinüber , stark genug , um nicht zu schwanken oder ihr einige Sorgen zu geben ; aber doch hatte sie ängstlich ihre Arme um seinen Hals geschlungen . Er hielt sie fest und drückte sie an sich . Erst auf einem Rasenabhang ließ er sie nieder , nicht ohne Bewegung und Verwirrung . Sie lag noch an seinem Halse ; er schloß sie aufs neue in seine Arme und drückte einen lebhaften Kuß auf ihre Lippen ; aber auch im Augenblick lag er zu ihren Füßen , drückte seinen Mund auf ihre Hand und rief : » Charlotte , werden Sie mir vergeben ? « Der Kuß , den der Freund gewagt , den sie ihm beinahe zurückgegeben , brachte Charlotten wieder zu sich selbst . Sie drückte seine Hand , aber sie hob ihn nicht auf . Doch indem sie sich zu ihm hinunterneigte und eine Hand auf seine Schultern legte , rief sie aus : » Daß dieser Augenblick in unserm Leben Epoche mache , können wir nicht verhindern ; aber daß sie unser wert sei , hängt von uns ab . Sie müssen scheiden , lieber Freund , und Sie werden scheiden . Der Graf macht Anstalt , Ihr Schicksal zu verbessern ; es freut und schmerzt mich . Ich wollte es verschweigen , bis es gewiß wäre ; der Augenblick nötigt mich , dies Geheimnis zu entdecken . Nur insofern kann ich Ihnen , kann ich mir verzeihen , wenn wir den Mut haben , unsre Lage zu ändern , da es von uns nicht abhängt , unsre Gesinnung zu ändern . « Sie hub ihn auf und ergriff seinen Arm , um sich darauf zu stützen , und so kamen sie stillschweigend nach dem Schlosse . Nun aber stand sie in ihrem Schlafzimmer , wo sie sich als Gattin Eduards empfinden und betrachten mußte . Ihr kam bei diesen Widersprüchen ihr tüchtiger und durchs Leben mannigfaltig geübter Charakter zu Hülfe . Immer gewohnt , sich ihrer selbst bewußt zu sein , sich selbst zu gebieten , ward es ihr auch jetzt nicht schwer , durch ernste Betrachtung sich dem erwünschten Gleichgewichte zu nähern ; ja sie mußte über sich selbst lächeln , indem sie des wunderlichen Nachtbesuches gedachte . Doch schnell ergriff sie eine seltsame Ahnung , ein freudig bängliches Erzittern , das in fromme Wünsche und Hoffnungen sich auflöste . Gerührt kniete sie nieder , sie wiederholte den Schwur , den sie Eduarden vor dem Altar getan . Freundschaft , Neigung , Entsagen gingen vor ihr in heitern Bildern vorüber . Sie fühlte sich innerlich wiederhergestellt . Bald ergreift sie eine süße Müdigkeit und ruhig schläft sie ein . Dreizehntes Kapitel Eduard von seiner Seite ist in einer ganz verschiedenen Stimmung . Zu schlafen denkt er so wenig , daß es ihm nicht einmal einfällt , sich auszuziehen . Die Abschrift des Dokuments küßt er tausendmal , den Anfang von Ottiliens kindlich schüchterner Hand ; das Ende wagt er kaum zu küssen , weil er seine eigene Hand zu sehen glaubt . O daß es ein andres Dokument wäre ! sagt er sich im stillen ; und doch ist es ihm auch schon die schönste Versicherung , daß sein höchster Wunsch erfüllt sei . Bleibt es ja doch in seinen Händen ! und wird er es nicht immerfort an sein Herz drücken , obgleich entstellt durch die Unterschrift eines Dritten ? Der abnehmende Mond steigt über den Wald hervor . Die warme Nacht lockt Eduarden ins Freie ; er schweift umher , er ist der unruhigste und der glücklichste aller Sterblichen . Er wandelt durch die Gärten ; sie sind ihm zu enge ; er eilt auf das Feld , und es wird ihm zu weit . Nach dem Schlosse zieht es ihn zurück ; er findet sich unter Ottiliens Fenstern . Dort setzt er sich auf eine Terrassentreppe . Mauern und Riegel , sagt er zu sich selbst , trennen uns jetzt , aber unsre Herzen sind nicht getrennt . Stünde sie vor mir , in meine Arme würde sie fallen , ich in die ihrigen , und was bedarf es weiter als diese Gewißheit ! Alles war still um ihn her , kein Lüftchen regte sich ; so still wars , daß er das wühlende Arbeiten emsiger Tiere unter der Erde vernehmen konnte , denen Tag und Nacht gleich sind . Er hing ganz seinen glücklichen Träumen nach , schlief endlich ein und erwachte nicht eher wieder , als bis die Sonne mit herrlichem Blick heraufstieg und die frühsten Nebel gewältigte . Nun fand er sich den ersten Wachenden in seinen Besitzungen . Die Arbeiter schienen ihm zu lange auszubleiben . Sie kamen ; es schienen ihm ihrer zu wenig und die vorgesetzte Tagesarbeit für seine Wünsche zu gering . Er fragte nach mehreren Arbeitern ; man versprach sie und stellte sie im Laufe des Tages . Aber auch diese sind ihm nicht genug , um seine Vorsätze schleunig ausgeführt zu sehen . Das Schaffen macht ihm keine Freude mehr ; es soll schon alles fertig sein , und für wen ? Die Wege sollen gebahnt sein , damit Ottilie bequem sie gehen , die Sitze schon an Ort und Stelle , damit Ottilie dort ruhen könne . Auch an dem neuen Hause treibt er , was er kann ; es soll an Ottiliens Geburtstage gerichtet werden . In Eduards Gesinnungen wie in seinen Handlungen ist kein Maß mehr . Das Bewußtsein , zu lieben und geliebt zu werden , treibt ihn ins Unendliche . Wie verändert ist ihm die Ansicht von allen Zimmern , von allen Umgebungen ! Er findet sich in seinem eigenen Hause nicht mehr . Ottiliens Gegenwart verschlingt ihm alles ; er ist ganz in ihr versunken , keine andre Betrachtung steigt vor ihm auf , kein Gewissen spricht ihm zu ; alles , was in seiner Natur gebändigt war , bricht los , sein ganzes Wesen strömt gegen Ottilien . Der Hauptmann beobachtet dieses leidenschaftliche Treiben und wünscht den traurigen Folgen zuvorzukommen . Alle diese Anlagen , die jetzt mit einem einseitigen Triebe übermäßig gefördert werden , hatte er auf ein ruhig freundliches Zusammenleben berechnet . Der Verkauf des Vorwerks war durch ihn zustande gebracht , die erste Zahlung geschehen , Charlotte hatte sie der Abrede nach in ihre Kasse genommen . Aber sie muß gleich in der ersten Woche Ernst und Geduld und Ordnung mehr als sonst üben und im Auge haben ; denn nach der übereilten Weise wird das Ausgesetzte nicht lange reichen . Es war viel angefangen und viel zu tun . Wie soll er Charlotten in dieser Lage lassen ! Sie beraten sich und kommen überein , man wolle die planmäßigen Arbeiten lieber selbst beschleunigen , zu dem Ende Gelder aufnehmen und zu deren Abtragung die Zahlungstermine anweisen , die vom Vorwerksverkauf zurückgeblieben waren . Es ließ sich fast ohne Verlust durch Zession der Gerechtsame tun ; man hatte freiere Hand ; man leistete , da alles im Gange , Arbeiter genug vorhanden waren , mehr auf einmal und gelangte gewiß und bald zum Zweck . Eduard stimmte gern bei , weil es mit seinen Absichten übereintraf . Im innern Herzen beharrt indessen Charlotte bei dem , was sie bedacht und sich vorgesetzt , und männlich steht ihr der Freund mit gleichem Sinn zur Seite . Aber eben dadurch wird ihre Vertraulichkeit nur vermehrt . Sie erklären sich wechselseitig über Eduards Leidenschaft , sie beraten sich darüber . Charlotte schließt Ottilien näher an sich , beobachtet sie strenger , und je mehr sie ihr eigen Herz gewahr worden , desto tiefer blickt sie in das Herz des Mädchens . Sie sieht keine Rettung , als sie muß das Kind entfernen . Nun scheint es ihr eine glückliche Fügung , daß Luciane ein so ausgezeichnetes Lob in der Pension erhalten ; denn die Großtante , davon unterrichtet , will sie nun ein für allemal zu sich nehmen , sie um sich haben , sie in die Welt einführen . Ottilie konnte in die Pension zurückkehren , der Hauptmann entfernte sich wohlversorgt ; und alles stand wie vor wenigen Monaten , ja um so viel besser . Ihr eigenes Verhältnis hoffte Charlotte zu Eduard bald wiederherzustellen , und sie legte das alles so verständig bei sich zurecht , daß sie sich nur immer mehr in dem Wahn bestärkte : in einen frühern , beschränktern Zustand könne man zurückkehren , ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins Enge bringen . Eduard empfand indessen die Hindernisse sehr hoch , die man ihm in den Weg legte . Er bemerkte gar bald , daß man ihn und Ottilien auseinanderhielt , daß man ihm erschwerte , sie allein zu sprechen , ja sich ihr zu nähern , außer in Gegenwart von mehreren ; und indem er hierüber verdrießlich war , ward er es über manches andere . Konnte er Ottilien flüchtig sprechen , so war es nicht nur , sie seiner Liebe zu versichern , sondern sich auch über seine Gattin , über den Hauptmann zu beschweren . Er fühlte nicht , daß er selbst durch sein heftiges Treiben die Kasse zu erschöpfen auf dem Wege war ; er tadelte bitter Charlotten und den Hauptmann , daß sie bei dem Geschäft gegen die erste Abrede handelten , und doch hatte er in die zweite Abrede gewilligt , ja er hatte sie selbst veranlaßt und notwendig gemacht . Der Haß ist parteiisch , aber die Liebe ist es noch mehr . Auch Ottilie entfremdete sich einigermaßen von Charlotten und dem Hauptmann . Als Eduard sich einst gegen Ottilien über den letztern beklagte , daß er als Freund und in einem solchen Verhältnisse nicht ganz aufrichtig handle , versetzte Ottilie unbedachtsam : » Es hat mir schon früher mißfallen , daß er nicht ganz redlich gegen Sie ist . Ich hörte ihn einmal zu Charlotten sagen : Wenn uns nur Eduard mit seiner Flötendudelei verschonte ! Es kann daraus nichts werden und ist für die Zuhörer so lästig . Sie können denken , wie mich das geschmerzt hat , da ich Sie so gern akkompagniere . « Kaum hatte sie es gesagt , als ihr schon der Geist zuflüsterte , daß sie hätte schweigen sollen ; aber es war heraus . Eduards Gesichtszüge verwandelten sich . Nie hatte ihn etwas mehr verdrossen ; er war in seinen liebsten Forderungen angegriffen , er war sich eines kindlichen Strebens ohne die mindeste Anmaßung bewußt . Was ihn unterhielt , was ihn erfreute , sollte doch mit Schonung von Freunden behandelt werden . Er dachte nicht , wie schrecklich es für einen Dritten sei , sich die Ohren durch ein unzulängliches Talent verletzen zu lassen . Er war beleidigt , wütend , um nicht wieder zu vergeben . Er fühlte sich von allen Pflichten losgesprochen . Die Notwendigkeit , mit Ottilien zu sein , sie zu sehen , ihr etwas zuzuflüstern , ihr zu vertrauen , wuchs mit jedem Tage . Er entschloß sich , ihr zu schreiben , sie um einen geheimen Briefwechsel zu bitten . Das Streifchen Papier , worauf er dies lakonisch genug getan hatte , lag auf dem Schreibtisch und ward vom Zugwind heruntergeführt , als der Kammerdiener hereintrat , ihm die Haare zu kräuseln . Gewöhnlich , um die Hitze des Eisens zu versuchen , bückte sich dieser nach Papierschnitzeln auf der Erde ; diesmal ergriff er das Billet , zwickte es eilig , und es war versengt . Eduard , den Mißgriff bemerkend , riß es ihm aus der Hand . Bald darauf setzte er sich hin , es noch einmal zu schreiben ; es wollte nicht ganz so zum zweitenmal aus der Feder . Er fühlte einiges Bedenken , einige Besorgnis , die er jedoch überwand . Ottilien wurde das Blättchen in die Hand gedrückt , den ersten Augenblick , wo er sich ihr nähern konnte . Ottilie versäumte nicht , ihm zu antworten . Ungelesen steckte er das Zettelchen in die Weste , die , modisch kurz , es nicht gut verwahrte . Es schob sich heraus und fiel , ohne von ihm bemerkt zu werden , auf den Boden . Charlotte sah es und hob es auf und reichte es ihm mit einem flüchtigen Überblick . » Hier ist etwas von deiner Hand , « sagte sie , » das du vielleicht ungern verlörest . « Er war betroffen . Verstellt sie sich ? dachte er . Ist sie den Inhalt des Blättchens gewahr worden , oder irrt sie sich an der Ähnlichkeit der Hände ? Er hoffte , er dachte das letztre . Er war gewarnt , doppelt gewarnt ; aber diese sonderbaren , zufälligen Zeichen , durch die ein höheres Wesen mit uns zu sprechen scheint , waren seiner Leidenschaft unverständlich ; vielmehr , indem sie ihn immer weiter führte , empfand er die Beschränkung , in der man ihn zu halten schien , immer unangenehmer . Die freundliche Geselligkeit verlor sich . Sein Herz war verschlossen , und wenn er mit Freund und Frau zusammenzusein genötigt war , so gelang es ihm nicht , seine frühere Neigung zu ihnen in seinem Busen wieder aufzufinden , zu beleben . Der stille Vorwurf , den er sich selbst hierüber machen mußte , war ihm unbequem , und er suchte sich durch eine Art von Humor zu helfen , der aber , weil er ohne Liebe war , auch der gewohnten Anmut ermangelte . Über alle diese Prüfungen half Charlotten ihr inneres Gefühl hinweg . Sie war sich ihres ernsten Vorsatzes bewußt , auf eine so schöne , edle Neigung Verzicht zu tun . Wie sehr wünschte sie , jenen beiden auch zu Hülfe zu kommen ! Entfernung , fühlte sie wohl , wird nicht allein hinreichend sein , ein solches Übel zu heilen . Sie nimmt sich vor , die Sache gegen das gute Kind zur Sprache zu bringen ; aber sie vermag es nicht ; die Erinnerung ihres eignen Schwankens steht ihr im Wege . Sie sucht sich darüber im allgemeinen auszudrücken ; das Allgemeine paßt auch auf ihren eignen Zustand , den sie auszusprechen scheut . Ein jeder Wink , den sie Ottilien geben will , deutet zurück in ihr eignes Herz . Sie will warnen und fühlt , daß sie wohl selbst noch einer Warnung bedürfen könnte . Schweigend hält sie daher die Liebenden noch immer auseinander , und die Sache wird dadurch nicht besser . Leise Andeutungen , die ihr manchmal entschlüpfen , wirken auf Ottilien nicht ; denn Eduard hatte diese von Charlottens Neigung zum Hauptmann überzeugt , sie überzeugt , daß Charlotte selbst eine Scheidung wünsche , die er nun auf eine anständige Weise zu bewirken denke . Ottilie , getragen durch das Gefühl ihrer Unschuld , auf dem Wege zu dem erwünschtesten Glück , lebt nur für Eduard . Durch die Liebe zu ihm in allem Guten gestärkt , um seinetwillen freudiger in ihrem Tun , aufgeschlossener gegen andre , findet sie sich in einem Himmel auf Erden . So setzen alle zusammen , jeder auf seine Weise , das tägliche Leben fort , mit und ohne Nachdenken ; alles scheint seinen gewöhnlichen Gang zu gehen , wie man auch in ungeheuren Fällen , wo alles auf dem Spiele steht , noch immer so fortlebt , als wenn von nichts die Rede wäre . Vierzehntes Kapitel Von dem Grafen war indessen ein Brief an den Hauptmann angekommen , und zwar ein doppelter , einer zum Vorzeigen , der sehr schöne Aussichten in die Ferne darwies ; der andre hingegen , der ein entschiedenes Anerbieten für die Gegenwart enthielt , eine bedeutende Hof- und Geschäftsstelle , den Charakter als Major , ansehnlichen Gehalt und andre Vorteile , sollte wegen verschiedener Nebenumstände noch geheimgehalten werden . Auch unterrichtete der Hauptmann seine Freunde nur von jenen Hoffnungen und verbarg , was so nahe bevorstand . Indessen setzte er die gegenwärtigen Geschäfte lebhaft fort und machte in der Stille Einrichtungen , wie alles in seiner Abwesenheit ungehinderten Fortgang haben könnte . Es ist ihm nun selbst daran gelegen , daß für manches ein Termin bestimmt werde , daß Ottiliens Geburtstag manches beschleunige . Nun wirken die beiden Freunde , obschon ohne ausdrückliches Einverständnis , gern zusammen . Eduard ist nun recht zufrieden , daß man durch das Vorauserheben der Gelder die Kasse verstärkt hat ; die ganze Anstalt rückt auf das rascheste vorwärts . Die drei Teiche in einen See zu verwandeln , hätte jetzt der Hauptmann am liebsten ganz widerraten . Der untere Damm war zu verstärken , die mittlern abzutragen und die ganze Sache in mehr als einem Sinne wichtig und bedenklich . Beide Arbeiten aber , wie sie ineinanderwirken konnten , waren schon angefangen , und hier kam ein junger Architekt , ein ehemaliger Zögling des Hauptmanns , sehr erwünscht , der teils mit Anstellung tüchtiger Meister , teils mit Verdingen der Arbeit , wo sichs tun ließ , die Sache förderte und dem Werke Sicherheit und Dauer versprach ; wobei sich der Hauptmann im stillen freute , daß man seine Entfernung nicht fühlen würde . Denn er hatte den Grundsatz , aus einem übernommenen unvollendeten Geschäft nicht zu scheiden , bis er seine Stelle genugsam ersetzt sähe . Ja er verachtete diejenigen , die , um ihren Abgang fühlbar zu machen , erst noch Verwirrung in ihrem Kreise anrichten , indem sie als ungebildete Selbstler das zu zerstören wünschen , wobei sie nicht mehr fortwirken sollen . So arbeitete man immer mit Anstrengung , um Ottiliens Geburtstag zu verherrlichen , ohne daß man es aussprach oder sichs recht aufrichtig bekannte . Nach Charlottens obgleich neidlosen Gesinnungen konnte es doch kein entschiedenes Fest werden . Die Jugend Ottiliens , ihre Glücksumstände , das Verhältnis zur Familie berechtigten sie nicht , als Königin eines Tages zu erscheinen . Und Eduard wollte nicht davon gesprochen haben , weil alles wie von selbst entspringen , überraschen und natürlich erfreuen sollte . Alle kamen daher stillschweigend in dem Vorwande überein , als wenn an diesem Tage , ohne weitere Beziehung , jenes Lusthaus gerichtet werden sollte , und bei diesem Anlaß konnte man dem Volke sowie den Freunden ein Fest ankündigen . Eduards Neigung war aber grenzenlos . Wie er sich Ottilien zuzueignen begehrte , so kannte er auch kein Maß des Hingebens , Schenkens , Versprechens . Zu einigen Gaben , die er Ottilien an diesem Tage verehren wollte , hatte ihm Charlotte viel zu ärmliche Vorschläge getan . Er sprach mit seinem Kammerdiener , der seine Garderobe besorgte und mit Handelsleuten und Modehändlern in beständigem Verhältnis blieb ; dieser , nicht unbekannt sowohl mit den angenehmsten Gaben selbst als mit der besten Art , sie zu überreichen , bestellte sogleich in der Stadt den niedlichsten Koffer , mit rotem Saffian überzogen , mit Stahlnägeln beschlagen und angefüllt mit Geschenken , einer solchen Schale würdig . Noch einen andern Vorschlag tat er Eduarden . Es war ein kleines Feuerwerk vorhanden , das man immer abzubrennen versäumt hatte . Dies konnte man leicht verstärken und erweitern . Eduard ergriff den Gedanken , und jener versprach , für die Ausführung zu sorgen . Die Sache sollte ein