ein Christ war , und zu jener Zeit mit seinen Truppen in Syrien stand . Junia , obwohl nicht mehr in der Blüthe der Jugend , besaß Reize genug , um den bejahrten Helden zu fesseln . Er warb um ihre Hand . Fest entschlossen nur ihrer Pflicht zu leben , schlug sie diesen Antrag aus . Jetzt richtete Demetrius sein Auge auf mich , mein Aeußerliches schien ihm die Eigenschaften zu versprechen , die er von seiner Gattin verlangte . Er fing an unser Haus zu besuchen . Mein Vater ward um diese Zeit kränklich . Langes Unglück und heftige Leidenschaften hatten seine Kräfte aufgerieben , er erholte sich nicht , und welkte vor der Zeit dahin . Die Sorgfalt , mit der mein Vater gepflegt wurde , ließ den Demetrius vielleicht für sein herannahendes Alter gleiche Treue erwarten ; er entschloß sich , und ließ durch Apelles um mich werben . Meinem unglücklichen Vater , der seinen Zustand und die Verlassenheit seiner Familie nach seinem Tode kannte , erschien dies Anerbieten als das höchste Glück , das er hiernieden noch zu erwarten hatte . Er willigte sogleich ein , und nur , nachdem Alles zwischen ihm und Demetrius richtig geworden war , ließ er mich rufen , und verkündigte mir mein Schicksal . Ich erschrak , ich beschwor meinen Vater , sein Wort zurückzunehmen . Nie gewohnt , unsern Bitten zu weichen , war es auch diesmal vergebens , und nur die Heiligkeit und Unauflöslichkeit des Ehebandes unter den Christen konnte mich bestimmen , diesen letzten Versuch zu machen , von dem ich mir im Voraus wenig versprach . Ich wurde krank . Junia und Theophron besuchten mich treulich , ihnen vertraute ich meine Leiden . Junia , eingedenk der Seligkeit ihrer Ehe , und fest überzeugt , daß sie mir in einer so ungleichen Verbindung nicht werden könnte , bot sich an , mit meinem Vater zu sprechen ; auch Theophron und Apelles verhießen mir ihren Beistand . Sie thaten , was sie konnten - nie wird es ihnen mein Herz vergessen . Es war fruchtlos . Nun , da jedes Mittel , meinen Vater umzustimmen , versucht , und vergeblich befunden war , unternahm es Junia , mein Herz auf den wichtigen Schritt , den ich zu thun hatte , mit Kraft und Entschlossenheit vorzubereiten ; und der würdige Theophron goß so viel Beruhigung in meine zagende Seele , daß ich nach einigen Tagen gefaßt genug war , den Willen meines sterbenden Vaters zu vollziehen , und mich für die Meinigen zu opfern . So wurde ich Demetrius Frau , und habe noch bis jetzt keine Ursache gehabt , einen Schritt zu bereuen , den mir die vergeltende Vorsicht durch das emporsteigende Glück meiner beiden Brüder , und die Beruhigung meiner Eltern , die mit frohen Aussichten für ihre Kinder ruhig starben , belohnt hat . Nach meines Vaters Ableben , als man seine Schriften durchsuchte , fanden sich alle meine Briefe an dich , die er durch den Freigelassenen , der mein Vertrauter war , aber den Zorn meines Vaters fürchtete , in die Hände bekommen , und nie abgesandt hatte . So wie nun dieser Mann mir mit Thränen gestand , war ein tiefer Haß Schuld an diesem Verfahren , den der Entschlafene gegen deinen Vater trug , indem er ihm , wo nicht einen Theil an seinem Unglück selbst , doch eine unverzeihliche Läßigkeit im Abwenden desselben , beimaß . Nun wußte ich auch , warum ich durch fünf Jahre nichts mehr von dir gehört hatte ! Zwar beruhigte mich der Gedanke , daß du keinen von den Vorwürfen verdientest , die ich dir oft in bittern Stunden gemacht hatte : aber desto deutlicher sah ich ein , daß eine so lange Trennung und gänzliche Unwissenheit über mein Schicksal auch das kleinste Band gelöset haben mußte , das dich vielleicht noch an mich band . Ueberdies war ich die Gattin eines Andern , und eine Christin . Bei uns sind die Ehen keine bürgerlichen Verträge , es sind heilige Bündnisse , durch hohe Eide vor dem Altar des Ewigen versiegelt , durch Priestershand geschlossene Verbindungen für ' s ganze Leben , ein heiliges Versprechen , sich nie zu verlassen , Glück und Unglück mit einander zu theilen , und keine Scheidung findet Statt , als nur durch den Tod . Hier ist nicht blos förmliche Untreue , hier ist auch jede zärtliche Empfindung für einen andern Gegenstand Verbrechen , und in der Brust einer christlichen Gattin darf kein anderes Bild leben , als das des Gatten , den ihr der Himmel gegeben hat . Das Alles mußte ich dir sagen , Agathokles ! damit du mein Betragen seit dem ersten Augenblicke unsers Wiedersehens verstehen , und richtig beurtheilen könnest . Dein Brief hat mich gerührt und erschüttert . Glaube nicht , Freund meiner Jugend ! daß es mir gleichgültig ist , ob der edelste Sterbliche , den ich je kannte , mich noch seiner Liebe werth hält oder nicht : aber eben so sehr muß es mir am Herzen liegen , mich sowohl in seinen Augen zu rechtfertigen , als jeden Versuch zu machen , den Schmerz , der ein so edles Gemüth ergriffen , zu mindern , und die Kräfte , die in ihm liegen , hervorzurufen , damit es ein unabänderliches Schicksal gelassen ertrage . Denke , mein Freund ! an die Lehren der weisen Heiden , die wir einst mit einander bewunderten ; erinnere dich der Vorsätze , die du damals oft mit glühender Seele faßtest , alle äußerlichen Zufälligkeiten , aber zuerst dich selbst zu besiegen . O , daß ich dir noch dringendere Aufforderungen , die meine Religion mir bietet , sagen dürfte ! Wenn es einen Theil deiner Beruhigung ausmachen kann , über meine Lage unbesorgt zu seyn , so wisse , daß du dir von meinem Loose , als Frau des Demetrius , falsche Begriffe machest . Ich bin nicht unglücklich verheirathet , mein Gemahl achtet und ehrt mich ; das wird dir die Art bezeugen , wie man mir im Hause begegnet . Liebe kann ich nicht fordern ; glaube aber meiner Erfahrung , sie ist zu unserem Glücke nicht nothwendig , und ich bin mit meinem Schicksale zufrieden . Nur Ein Wunsch bleibt mir jetzt übrig , der - auch dich ruhig zu wissen . Glaubst du dies durch deine Entfernung bewirken zu können , so thue die nöthigen Schritte . Geh , mein Freund ! - Verlaß einen Ort , der zu vielen Anlaß zur Unruhe , zu quälenden Erinnerungen für dich enthält ! Laß mich dann , wenn es dir gelungen ist , deine Ruhe herzustellen , aus der Ferne diese tröstliche Nachricht vernehmen , und sey versichert , daß sie nicht wenig zu meiner Zufriedenheit beitragen wird . Leb ' wohl ! Antworte mir nicht auf diesen Brief . Es ist weder nöthig , noch gut , daß wir oft von unsern Gefühlen mit einander reden . Gott , der unser Schicksal auf so unbegreifliche Weise geführet , und unser Wiedersehen gewiß aus weisen Absichten veranstaltet hat , wenn wir es gleich jetzt nicht einsehen , wird dich auf deinen Wegen leiten und schützen . Auch mein heißes Gebet wird dir überall folgen , und wenn einst der höchste , der einzige Wunsch , dessen mein Herz noch fähig ist , erfüllt werden sollte , wenn die Lehren der Kirche , in denen ich Beruhigung gefunden habe , auch in deiner Seele Eingang finden könnten : o Agathokles ! wie wollte ich den schmerzlichen Augenblick unsers Wiedersehens preisen , und die Leiden segnen , die er mich kostete ! Leb ' wohl ! Das ist Larissens Brief . Es war mir eine süße , eine traurige Beschäftigung , ihn für dich abzuschreiben ; es war mir ein Trost , aus so manchen Stellen zu ahnen , zu errathen , daß sie mich nicht vergessen hat ; daß sie mich vielleicht eben so heiß liebt , als ich sie ! - aber antworten darf und kann ich nicht . Was sollte ich ihr auch sagen ? Ich kann nichts , als meinen unendlichen Verlust fühlen , der in jeder Zeile , in der sich dieser reine Sinn , diese himmlische Güte abmalt , mir schrecklicher erscheint . Aber welche Religion muß das seyn , die dem Menschen solche Begriffe von Pflicht , und einer zarten weiblichen Seele so viel Kraft , ihr treu zu bleiben , ertheilt ? Ich verabscheue sie in diesem Augenblicke ; denn sie raubt mir jede Hoffnung - und ich muß sie im nächsten bewundern . Leb ' wohl , Phocion ! Wenn ich mich gesammelt habe , wenn ich wieder klar zu denken vermag und erst eine weite Strecke zwischen mir und der Ewigverlornen sich ausdehnt , schreibe ich dir wieder . Fußnoten 1 Apamäa , eine Stadt in Syrien . 20. Larissa an Junia Marcella . Edessa , im Junius 301 . Es hat dem Himmel gefallen , meine Junia ! mich auf eine schwere Prüfung zu setzen . Ich darf nicht klagen ; denn die Begebenheiten sind zu außerordentlich , als daß ich nicht deutlich die Spuren seiner Führung darin erkennen sollte . Es ist sein Wille , diese Leiden über mich zu verhängen , diese strengen Pflichten von mir zu fordern . Ich darf nicht fragen , warum ? Ich muß nur still tragen , kämpfen , und leisten , was ich kann . Soll ich in dem Streit bestehen , so wird Gott mir Kräfte dazu geben . Soll ich untergehen : o dann willkommen , du letzte süße Stunde ! die so vielen Schmerzen ein Ende machen , und mir eine schönere Welt eröffnen wird , wo es kein Verbrechen ist , die reine Tugend zu lieben , und ein schwaches Herz nicht aus alt gewohnten süßen Banden reissen zu können ! Als ich dir das letzte Mal geschrieben hatte , nahm ich mir vor , die Gegenwart desjenigen , den ich weder lieben durfte , noch vergessen konnte , so viel möglich zu vermeiden . Ich hielt den schweren Vorsatz treu durch fünf Tage . Am Morgen des sechsten brachte mir der treue Anicetas , der mir noch aus meines Vaters Haus gefolgt ist , sehr geheimnißvoll einen Brief . Ich stand eine Weile an , ob ich ihn nehmen sollte . Endlich erkannte ich , wie aus dunkler Erinnerung , die Züge der theuern Schrift . Er war von ihm ! Ich bebte - noch einmal drang der Zweifel , ob ich auch von ihm einen Brief annehmen dürfte , in mein Herz . Aber der Gedanke an die tiefe Kränkung , der ich ihn aussetzte , und , laß es mich dir gestehen , Junia , das heiße Verlangen , zu wissen , was er mir sagen würde , überwog jede Bedenklichkeit . Ich nahm den Brief , ich verschloß mich in mein geheimstes Zimmer , und las , und fand , was sich mit Flammenzügen in mein Herz grub , was weder Thränen , noch Kämpfe , noch Zeit je verlöschen werden , die feste Ueberzeugung , von dem edelsten aller Menschen mit eben der Treue und Wärme , wie vor acht Jahren , geliebt zu seyn , aber auch die Gewißheit , daß er durch diese Liebe und unser Schicksal unaussprechlich unglücklich sey . Er schmeichelte sich mit Hoffnungen , er suchte sie auch meiner Brust einzuflößen , er zürnte über meine Kälte , er wollte fliehen . O meine Junia ! Welch ein Brief ! Wenn die Gewißheit , geliebt zu seyn , mich mit süßen Gefühlen überströmte , so beugte der Gedanke an seine Leiden meine Seele bis zur Verzagtheit nieder . Agathokles unglücklich ! Was kann die Tugend für Lohn hienieden hoffen , wenn er leidet ? Aber soll sie denn überhaupt ihren Lohn hier finden , oder auch nur erwarten ? Nirgends auf der ganzen Erde sehen wir eine Veranstaltung , die dem Tugendhaften den Lohn seiner edlen Thaten zusicherte . Nur das Christenthum lehrt uns , an eine Einrichtung glauben , die die Vorsehung ganz rechtfertiget . Sie öffnet uns eine andere Welt , einen würdigen Schauplatz , wo die verschlungenen Knoten unsers Schicksals entwirret , und die anscheinenden Mißverhältnisse zwischen Tugend und Glück in die schönste Harmonie aufgelöst werden . Dorthin , o du Freund meiner Jugend ; dorthin muß ich dich verweisen , dort werden wir uns finden , dort dürfen wir - Was bin ich im Begriffe zu sagen ? O Junia ! Darf ich denn auch nur diesen Gedanken und Wünschen Raum geben ? Darf ich , die Frau eines Andern , fremde Flammen in meiner Brust nähren ? O Junia , Junia ! Ich bin tief gesunken , ich sündige immer fort , ich erkenne meine Strafbarkeit , und habe doch nicht Kraft , mich zu besiegen ! Aber ich wollte dir ja erzählen . Sieh , meine Geliebte ! so zerrüttet ist mein Gemüth , daß es mir Mühe macht , meine Gedanken in Ordnung zu halten , und bei dem zu bleiben , was ich mir vorgesetzt hatte . Als ich den Brief gelesen hatte , fühlte ich die Nothwendigkeit zu antworten ; aber was ? und in welchem Ton ? Ich durfte auf keine Weise ihn in mein Herz blicken lassen , und doch konnte ich unmöglich mit der Kälte antworten , die die Vernunft von mir gefordert hätte . Ach ! konnte ich denn so gleichgültig und vorsetzlich ein Herz verletzen , das so warm und treu für mich schlug , das so edel war , und ohnedies so tief verwundet ? Lies die Abschrift des langen Briefes , den ich nach zehn mißlungenen Versuchen endlich in der zweiten Nacht nach Empfang des seinigen mühsam und unter tausend Thränen zu Stande gebracht habe . Ich glaube , er ist zweckmäßig , er soll ihm die ganze Rettungslosigkeit unserer Lage , aber auch meine und seine Pflicht vorstellen , und ihn auffordern , stark - ach Junia ! stärker zu seyn , als seine unglückliche Larissa . Ich habe mir vorsetzlich keine Klage über meine häuslichen Verhältnisse erlaubt , vielmehr habe ich gesucht , den Gedanken in ihm zu nähren , daß ich zufrieden sey . Ich glaube , das ist überhaupt meine Schuldigkeit . Demetrius kann diese Schonung von mir fordern , und dann denke ich auch , es wird den Freund meiner Jugend beruhigen , es wird ihn trösten , wenn er mich , nicht unglücklich weiß . Aber , was ist es , Junia ! daß diese Rücksicht mich weit mehr antreibt als jene ? Daß der Gedanke , pflichtmäßig zu handeln , mir weniger süß ist , als der , ihm Freude zu machen ? Ist das auch recht ? Soll mir meine Pflicht nicht das Heiligste und Erste seyn ? Ach , es ist leider nicht ! Rebellisch empört sich mein Herz gegen die vereinten Stimmen der Vernunft und der Religion . Ich liebe , ich liebe mit glühender Seele ; ich habe , so lange ich lebe , nie ein anderes Bild in meiner Brust getragen , nie für einen andern Mann eine zärtliche Regung empfunden , als nur allein für ihn , für ihn , dem mein ganzes Wesen gehört - und ich bin die Frau eines Andern . O schrecklich , schrecklich ! Was soll ich thun , Junia ? Wer , hilft mir , mich vor mir selbst zu retten ? Am Abend desselben Tages . Als ich heut Morgens so weit gekommen war , mußte ich abbrechen , weil mein Gemüth zu zerrüttet war , als daß ich weiter hätte schreiben können . Seitdem hat anhaltende Arbeit und Gebet meinen Geist ein wenig beruhigt , und ich setze meine Erzählung fort . Den Tag darauf , als ich die Antwort an Agathokles abgesandt hatte , und mit schwerem Herzen hoffte - ach , daß ich das hoffen muß ! - er würde Gelegenheit finden , seinen Vorsatz auszuführen , und sich zu entfernen , kündigte mir Demetrius meinen Landsmann , als Gast , zur Tafel an . Die wenige Achtsamkeit , die er auf seine häuslichen Umgebungen , und auch auf mich zu richten gewohnt ist , war diesmal mein Glück ; sie entzog seinen Augen den Schrecken , den mir seine Nachricht verursachte , und ich hatte Zeit , mich zu fassen , und hielt mich für ziemlich vorbereitet , als er ein paar Stunden darauf , mit Agathokles an der Hand , in den Speisesaal trat . Ach , es war ein Wahn ! Der Anblick des Gegenstandes so vieler Liebe , so vieler Leiden , raubte mir beinahe die Besinnung - wenigstens im ersten Augenblicke , das Vermögen , zu sprechen . Agathokles feste Stimmung beschämte mich . Er nahte sich mir mit aller Ruhe und Freundlichkeit eines alten geschätzten Bekannten , und sprach heiter und gesetzt mit mir . Mein Mann schien nach seiner Art vergnügt über unser Zusammentreffen , er war gesprächiger als gewöhnlich , man brachte die Speisen , und wir legten uns zu Tische1 . Agathokles zeigte eine Selbstbeherrschung , eine Kraft , die nach dem , was vorgefallen war , nach den Briefen , die wir gewechselt hatten , meine höchste Verwunderung erregte , an der meine Schwäche sich stärkte . Ich erhob mich endlich so weit , daß ich im Stande war , an den leichten Gesprächen der Geselligkeit Theil zu nehmen . O Junia ! Was ist das für eine Heldenseele ! Sie war mein - und ich habe sie auf ewig verloren ! Von nun an werde ich Agathokles vielleicht noch öfters sehen müssen . Ob er sich entfernen kann , oder wird , ist mir jetzt unmöglich zu erfahren ; denn ich kann und wollte auch um Alles in der Welt nicht , mit ihm darüber sprechen . - Und Demetrius , der , trotz seiner rauhen Außenseite , für wahres Verdienst nicht unempfindlich ist , zeichnet ihn vor allen seinen Offizieren aus , er gibt seiner Entschlossenheit , seinem Eifer öffentlich das schönste Zeugniß , und zieht ihn in den engen Kreis seiner Vertrauten , der so beschaffen ist , daß jeder seine Berufung dazu wohl als eine Ehre betrachten kann . Das ist nun der schwerste Theil meiner Prüfung , das ist ' s , worüber ich dir im Anfange meines Briefs so bitter klagte . Ach , ich wollte ja gern Alles anwenden , was in meiner Macht steht , um mein Herz zu beruhigen , und es nach und nach in das verlassene Geleise seiner Pflichten zurückzuführen ; aber sehen - sehen muß ich ihn dann nicht immer , nicht aus jedem Munde sein Lob hören , nicht den Ton seiner Stimme , die Schönheit seiner Seele , die sich in jedem Worte , jedem Zuge malt , täglich im Innersten meines Herzens fühlen . Er ist stark , unbegreiflich stark ; das kann ich nicht ! Ach wir Weiber sind in dieser Rücksicht gar unglückliche Geschöpfe . Wenn der Mann im Waffengetümmel , im Geschwirre des Gerichtssaals , im Drange der Geschäfte Augenblicke genug findet , wo seine Leidenschaft schweigt , weil sie schweigen muß ; wenn eben diese anstrengenden Geschäfte , alle seine Geisteskräfte auffordernd , seiner Phantasie keinen Spielraum lassen , und alle auf ein würdig großes Ziel gerichtet , durch diese Thätigkeit ihn ergötzen , und zerstreuen , was bleibt uns übrig ? In der Einsamkeit des Gemachs , nur von dienenden Geschöpfen umringt , schweift am Webstuhl und Spindel , der Geist ungehindert umher , und jedes schmerzliche Gefühl hat recht lange und ungehindert Zeit , sich in unsere Brust einzugraben . Selbst Gebet und Lesen beschäftigt , nur halb , und mitten im würdigen Fluge der Andacht , oder auf dem Fittige eines schönen Gedankens entflieht der verwirrte Sinn zu dem Gegenstand , auf den alles Würdige und Schöne eben erst recht hinweiset . Einige Tage später . Wenn ich nur eine Freundin , einen Rathgeber hier um mich hätte , der meinem Herzen das wäre , was du und Theophron mir in Apamäa waren ! An deiner Stärke würde ich mich halten ; sein himmlischer Sinn würde den meinigen von der Erde und den irdischen Gegenständen , an denen er strafbar hängt , abziehen , ich würde Kraft zu meiner Pflicht , und in der Ausübung derselben die Beruhigung finden , die meine jetzige Stimmung unmöglich gewähren kann . O sollte denn der Ewige ein Wohlgefallens daran haben , mich Arme ganz sinken zu lassen , und mir in einer Lage , wo ich so gar nichts zu meiner Rettung thun kann , auch alle fremde Hülfe entziehen ? Meine erste Hoffnung auf Agathokles Entfernung ist ganz verschwunden . Demetrius Zuneigung zu ihm , und mehrere militärische Verhältnisse haben sie unmöglich gemacht . Dann hoffte ich auf die Zufälle des Kriegs , auf die Nothwendigkeit , daß mich Demetrius vom Schauplatz der Waffen werde entfernen müssen . Auch dies schlug bis jetzt fehl . Zwar sind mehrere kleine Gefechte vorgefallen , zweimal , sind die Unsrigen vorgerückt , aber im Ganzen bleibt die Lage der Dinge immer dieselbe , und jeder Vorfall trägt auf ' s Neue nach seiner Art bei , meine Kämpfe zu erschweren . So war die Scene , die gestern vorfiel . Agathokles kam mit Demetrius aus einem kleinen Gefechte zurück ; beide waren leicht verwundet , und mir wurde die Sorge auferlegt , sie zu verbinden und zu pflegen . Wie mir da zu Muthe war , das verlange nicht von mir zu hören . Hier versagte auch seine Stärke , und sein dunkel glühender Blick , der , während ich vor ihm stand , mein thränenvolles Aug ' entdeckte , und erschütternd in mein Innerstes drang , enthüllte auch mir die ganze Tiefe seines Herzens . Ich fing an zu zittern , ich war so außer mir , daß ich mich setzen mußte . Mein Mann schalt mich ; der Anblick des Blutes , glaubte er , habe diese Erschütterung hervorgebracht . » Du mußt , dich überwinden lernen , « rief er ; » eine Soldatenfrau muß Blut sehen können : komm , verbinde meine Wunde . « Ich stand auf , ich entschuldigte mich , und knieete gefaßter hin , um seinen Fuß zu verbinden . Ich mochte meine Sachen ziemlich geschickt gemacht haben : denn er lobte mich zuletzt . Wie es aber war , das wüßte ich in jenem Augenblicke der Verwirrung selbst nicht . Als ich aufstand , und mich nach Agathokles umsah , sah ich ihn am Fenster stehen , die Stirn fest daran gedrückt . Er hörte meine Annäherung nicht , ich hatte den Verband um seinen Finger noch nicht vollendet , und das mußte ich doch . Ich redete ihn an . Wie erschrocken fuhr er empor , und , ach Junia ! ich glaubte eine Thräne in seinem Auge zittern zu sehen . Die meinigen fingen sogleich an hervorzuquellen . » Komm , Agathokles ! sagte ich so gefaßt als möglich , ich muß deine Hand ganz verbinden . « Er folgte mir zu dem Tische , auf dem das Geräthe lag , er setzte sich wieder vor mir hin , ich ergriff seine Hand , sie zitterte wie die meinige . Jetzt schlug er seine Augen auf mich , ich hatte nicht die Kraft , diesem Blicke zum zweitenmale auszuweichen . Ich wandte mein Auge nicht ab , ich ließ es ihm in Thränen schwimmend sagen , was in meinem Herzen vorging . Er faßte meine Hand , und drückte sie an seine Brust . Jetzt brachen meine Thränen so ungestüm hervor , daß ich nicht mehr sehen konnte , was ich machte ! Er schlug den Arm um mich , und sagte leise : O meine Larissa ! wie ist es möglich , dir zu entsagen ? Ich zitterte , daß mir die Sprache versagte . Der Gedanke an Demetrius Gegenwart , an die Möglichkeit , daß er uns gesehen haben könnte , fiel schreckend auf mich . Ich sah mich um , er stand zum Glücke abgewendet , aber Agathokles verstand meine Bewegung . Er zog seinen Arm schnell zurück , sein Blick sank nieder , er hielt mir still die wunden Finger hin , und ich endigte mein Geschäft . Schmerzt es dich noch sehr ? fragte ich ihn , als ich fertig war , und hielt seine Hand in meinen Beiden . Jetzt nicht , antwortete er , und sein Blick erklärte mir den Sinn dieser Worte . Er drückte meine Hand noch einmal , und ging schnell aus dem Zimmer . Auch ich raffte mein Geräthe zusammen , und eilte durch die andere Thüre fort in mein Gemach , wo heiße Thränen dem schmerzlichen und seligen Andenken dieser Scene floßen . Und solche Auftritte stehen mir noch unzählige bevor ! Ich sehe keine Rettung ; denn Demetrius , der sehr strenge Begriffe von den Pflichten einer Gattin hat , und an tausend kleine häusliche Bequemlichkeiten gewohnt ist , fordert durchaus , daß ich ihn begleite , so lange als es mit meiner persönlichen Sicherheit bestehen kann . Ich habe von Weitem versucht , ihn von diesem Vorsatze abzubringen ; aber die Heftigkeit , mit der er sich äußerte , zeigte , wie sehr ein offenbarer Widerspruch ihn aufbringen würde . Das darf ich denn nicht wagen ; denn ich kenne aus Erfahrung die Wirkungen seines Zornes , und auch , dies abgerechnet , ist es meine Pflicht , ihn zu begleiten , so lange er es fordert ; denn ich habe es ihm vor Gott geschworen . Indessen fallen öfters auch schreckende Ereignisse vor . Schon zweimal wurde ich - und zwar das eine Mal mitten in der Nacht von einem gräßlichen Lärmen geweckt . Ein Offizier trat unangemeldet in mein Zimmer , und kündigte mir auf Demetrius Befehl an , daß ich mich fertig machen sollte , in einer Stunde mit allen meinen Leuten aufzubrechen ; denn der Feind nähere sich , Demetrius sey ihm schon mit den Truppen entgegengegangen , da man aber den Ausschlag des Gefechtes nicht wissen könne , so fordere es meine Sicherheit , mich zu entfernen . Ich war so erschrocken , daß ich mich kaum fähig fühlte , die nöthigen Befehle zu geben . Ach , waren nicht Demetrius und Agathokles in Todesgefahr ? Und konnte nicht jeder Augenblick mir einen von ihnen entreißen ? Nachdem aber Alles in Bereitschaft war , und ich nur auf den letzten Befehl harrte , verkündigte mir ein fröhlicher Tumult , und der Schall unserer Tuben2 , die Rückkehr der Sieger . So ging diesmal die drohende Gefahr an mir vorüber . Aber wird es immer so seyn ? O Junia ! Es ist kein kleiner Zusatz zu meinem Leiden , beständig für das zittern zu müssen , was mir das Liebste auf der Welt ist . Fußnoten 1 Die Alten saßen nicht , sondern lagen auf Ruhebetten um ihre Tische herum , und meistens drei und drei auf einem Lager , so , daß drei Seiten des Tisches besetzt , die vierte für den Vorschneider offen blieb . 2 Tuba war eine Art von Blasinstrument , wie unsere Posaunen oder Trompeten , deren sich die Römer im Felde bedienten . 21. Agathokles an Phocion . Lager vor Nisibis , im Aug . 301 . Es ist eine lange Zeit verflossen , seit mein letzter Brief dich von der wunderbaren und traurigen Wendung meines Schicksals unterrichtet hat . Seitdem sind viele schmerzhafte Stunden vergangen , und in durchwachten Nächten ist mancher fruchtlose Versuch zur Bekämpfung einer Leidenschaft gemacht worden , die mit jedem Tage neu genährt , und allzu reizend unterhalten , endlich jedes ohnmächtigen Widerstandes spottet . Feindselig hat das Geschick sich wider mich verschworen ; von allen Seiten umstellt es mich mit unausweichbaren Netzen , in denen ich mich verwirren , in denen ich fallen muß . Habe ich denn irgend eine verborgene Schuld meines eigenen Herzens , oder eine alte meines Geschlechtes abzubüßen , daß , wie in den Dichtungen der Tragiker , die Eumeniden mich rächend verfolgen , und das Fatum sein Opfer zürnend fordert ? Nur zwei Auswege sehe ich offen , wie mein verworrenes Schicksal sich lösen kann - nur zwei - und Einer ist finsterer , als der Andere . Aber , wenn hier das Bewußtseyn verlorner Unschuld , zertretener Pflicht den Gefallenen für kurze Seligkeit endlos foltert : so öffnet dort nach wenig durchkämpften Stunden sich hinter dem finstern Vorhang eine hoffnungsreiche Aussicht in eine lohnende Welt . Schuld oder Tod ! Wie kann das denkende Wesen zweifelnd anstehen ? Von allen Seiten umgeben mich hier Menschen und Grundsätze aus einer Sekte , die ich bisher , angesteckt von den Vorurtheilen unserer Schulen , und unsers öffentlichen Lebens , als ängstlich , die Kraft des Menschen lähmend und lächerlich schwärmend verachtete . Ich lebe unter Christen , ich lerne ihr System , ihre Lehrsätze genauer kennen , und es liegen Begriffe , Ansichten , Hoffnungen darin , die nicht blos dem blinden Glauben , die selbst der vorurtheilfreien Vernunft groß , edel , und höchst Wahrscheinlich erscheinen müssen . Tief aus der Natur des Menschen geschöpft , auf seine mächtigsten Triebe gebaut , und mit seinen edelsten Kräften wirkend , steht ihr System da , und scheint , so weit ich es kenne , nichts als das deutlich ausgesprochene Resultat dessen , was unsere Weisen seit Jahrhunderten , zweifelnd und ahnend , in unzusammenhängenden Sätzen vortrugen . Wo diese in Dämmerung irrten , zeigt jene ihren Anhängern volles Licht ; lehrt jene sie mit kindlicher Zuversicht glauben , und wer auch nicht von den Ihrigen ist , fühlt sich hingerissen und versucht , den Trost zu ergreifen , den sie anbietet . Es ist eine Zukunft , eine Vergeltung nach dem Tode , und unser Schicksalsgewebe wird erst dort