zu diesem Ende mit ihm in Unterhandlungen , und so bald er eingesehen hatte , daß für ihn selbst nichts dabei zu wagen sey , bestimmte er den Erbprinzen , seine Genehmigung zu geben . Es gewann für den großen Haufen der Hofleute das Ansehen , als sey eine Versöhnung zwischen dem Erbprinzen und seiner Gemahlin erfolgt , weil ich darauf bestand , daß der Erbprinz , um den Schein zu retten , uns begleiten sollte , und er sich wirklich dazu hergab . Doch , von dem Nachmittag des zweiten Tages an , waren wir uns ganz selbst überlassen , und so wenig um die Folgen unserer Isolirung bekümmert , daß wir nur daran dachten , wie wir recht angenehm leben wollten . Ein ziemlich hoher Berg lag zwischen der Hauptstadt und dem Lustschlosse , und mehr bedurfte es nicht , uns glauben zu machen , daß wir von der ganzen Welt geschieden in dem Paradiese selbst lebten . Die Lage des Lustschlosses war die reizendste , die man sich denken kann . Auf einer Anhöhe gelegen , war es rechts durch unabsehbare Wiesen und links durch einen dunklen Tannenwald begränzt . Vorn dehnte sich ein geräumiger Garten aus , den man anzubauen nicht vernachlässigt hatte , und in welchem eine zahlreiche Orangerie neben den Treibhäusern hin ihre Wohlgerüche verbreitete . Hinten war ein dicht verwachsener Park mit zahmen Wildprett angefüllt , und an den Park lehnte sich eine Meierei mit hohen Lindenbäumen bepflanzt . Der Aufenthalt war über alle unsere Ertwartungen romantisch und bequem . Ihn durch nichts zu verderben , hatten wir von der Dienerschaft nur diejenigen mitgenommen , die uns unentbehrlich waren . Ein halb geöffneter Wagen mit zwei Pferden war unsere einzige Equipage ; aber auch von ihm wollten wir nur selten Gebrauch machen . Unsere Genüsse sollten zugleich einfach und ausgesucht seyn ; und dazu war vor allen Dingen nöthig , daß der Tisch nie befrachtet , die Bibliothek hingegen mit allen den Dichtern angefüllt war , die uns jemals entzückt hatten ; denn da die Wirklichkeit uns einmal verhaßt war , so wollten wir ihr auf allen möglichen Fittigen entfliehen . Unser Leben sollte , wenigstens für den nächsten Sommer , ein wahres Idyllenleben seyn , und um diese Idee immer gegenwärtig zu haben , nannte mich die Prinzessin in eben dem Augenblick Chloe , wo sie mir gebot , sie selbst Daphne zu nennen . Es fehlte uns beiden nicht an Erfindungskraft . Die ersten Morgenstunden wurden im Garten oder im Park verlebt , wo wir mit irgend einer leichten Arbeit in der Hand , mehr empfindend als denkend , uns nach allen Richtungen hin bewegten . Ward die Sonnenhitze uns allzustark , so begaben wir uns in einen Pavillon , wo wir abwechselnd vorlasen . Der Anfang wurde mit Gesners Idyllen gemacht ; allein wir legten sie bald zurück , weil es uns vorkam , als ob der größte Reiz , den sie gewähren könnten , nicht in den Gemälden , sondern in der Einfassung enthalten sey . Ich hatte seit ungefähr einem halben Jahre einen Theil meiner Muße auf das Studium der spanischen Sprache und schönen Literatur gewendet , und die Prinzessin mit dieser Liebhaberei angesteckt . Indem wir frühere Fortschritte gegenwärtig zu unserem Vergnügen benutzen wollten , verfielen wir auf die Diana des Montemayor , und machten sehr bald die Entdeckung , daß dies Meisterstück der sogenannten Schäferpoesie ohne Gleichen dasteht , und allen modernen Idyllendichtern zum Muster dienen muß , wofern der wahre Dichter eines Musters bedarf . Das dritte Buch der Diana , welches die Geschichte der unglücklichen Belisa enthält , bezauberte uns vor allen ; wir wurden nicht müde es zu lesen und wieder zu lesen , bis wir ganz davon durchdrungen waren . Bezauberte uns Montemayors Einfachheit , so entzückte uns Boscan ' s und Garcilaso ' s kunstreiches Genie nicht minder . Es kam uns vor , als ob der Strom der Gedanken und Empfindungen in diesen Dichtern etwas ganz Eigenthümliches habe , wodurch er von Anfang bis zu Ende aufs innigste zusammenhange und immer nur Ein Erguß sey . Noch andere spanische und italiänische Dichter wechselten mit diesen ab . War die Lektüre geendigt ; so kehrten wir in das Lustschloß zurück , wo wir , im rechten Flügel , der lachendsten und unabsehbarsten Aussicht gegenüber , zu Mittag aßen , und uns auf diese Weise selbst das Materielle vergeistigten . Nur die einfachsten Gerichte durften auf unserer Tafel erscheinen , und junges Geflügel war die einzige Fleischspeise , die wir uns erlaubten . Die schwülen Mittagsstunden wurden verschlafen , oder verträumt , wofern dieser Ausdruck auf Personen anzuwenden ist , welche gewissermaßen nie aus ihrem Traum erwachten . Gegen Abend fuhren wir aus . Die ganze umliegende Gegend wurde von uns besucht , und wo wir Gelegenheit fanden , unsere liebenden Gefühle zu ergießen , da blieb sie nicht unbenutzt . Ein leichtes Abendessen empfing uns bei unserer Zurückkunft , und unmittelbar darauf erfolgte jener süße Schlummer , den Gesundheit und Unschuld geben . In diesem Kreislauf von Beschäftigungen und Vergnügen verstrich ein Tag nach dem andern , bis ein Schreiben von dem Kammerherrn des Erbprinzen mir zu verstehen gab , daß ich die Achtung für den Schein , auf welcher ich vor meiner Abreise in Beziehung auf die Prinzessin so nachdrücklich bestanden , seit meiner Ankunft auf dem Lustschlosse in Beziehung auf den Prinzen ganz aus den Augen gesetzt hätte . Der Vorwurf war gerecht ; und wie schwer es uns auch fallen mochte , aus unserer Idyllenwelt , wär ' es auch nur auf wenige Stunden , herauszutreten , so mußte doch irgend etwas geschehen , den begangenen Fehler wieder gut zu machen . Ungefähr vierzehn Tage nach unserer Ankunft auf dem Lustschlosse fuhren wir also in die Hauptstadt zurück , um an dem Hofe zu mittag zu essen , und unmittelbar darauf in unsere Einsamkeit zurückzukehren . Ich befürchtete bei dieser Gelegenheit , daß die Erbprinzessin alle die Ungeduld beweisen würde , welche dann einzutreten pflegt , wenn wir uns von geliebten Formen losreissen müssen ; allein meine Befürchtung war sehr überflüssig , und ich bemerkte jetzt zum erstenmale , wie meine Freundin , seit ihrer förmlichen Wiedervereinigung mit mir , eine Ruhe gewonnen hatte , die sich durch nichts stören oder unterbrechen ließ . Ein Seufzer aus der äußersten Tiefe der Brust , so bald wir das Stadtthor im Rücken hatten , war alles , was zum Vorschein trat , um ihre Liebe für Freiheit , Offenheit und Unschuld zu beurkunden ; und als wir an Ort und Stelle angekommen waren , drängte sich das Geständniß hervor : daß sie nur an meiner Seite glücklich leben könne . Derselbe Besuch wurde alle vierzehn Tage wiederholt , und zur Abwechselung erhielten wir auch wohl auf einige Stunden die Ehre , von dem Herzog oder dem Erbprinzen selbst besucht zu werden . So wie aber die Zeit vorrückte , fingen wir an , den Winter zu fürchten , den wir uns als diejenige Jahreszeit dachten , in welcher die künftige Freiheit durch die drückendste Sklaverei erkauft werden müßte . Wohlmeinender , liebender und schuldloser konnten schwerlich zwei andere Wesen seyn ; allein dies alles rettete uns nicht vor der Langenweile , der Kränkung und dem Argwohn . Mit unseren Eigenschaften mußten wir das Schicksal mancher anderer Weiber theilen , die nur deswegen verkannt werden , weil man ihre Eigenthümlichkeit nicht zu begreifen vermag . Den Klang des Silbers kann man nur durch Silber erforschen ; und eben so bedarf es einer sympathetischen Seele , um den wahren Gehalt eines edlen Gemüths kennen zu lernen . Warlich nicht alle Weiber sind lächerlich , die in die Regionen der Kunst und des Schönen streben . Wie können sie es vermeiden , wenn ihre bescheidensten Ansprüche auf die Wirklichkeit unerfüllt bleiben ? Zuletzt will jede von uns , die nicht von der Wiege an verdorben ist , nur ihren rechtmäßigen Theil an häuslicher Zufriedenheit ; aber wenn auch dieser versagt wird , bleibt dann etwas anderes übrig , als das wirkliche Glück durch ein eingebildetes zu ersetzen ? Manche , die von einem bösen Dämon getrieben zu werden scheint , so lange sie disseits der Schwelle ihres Hauses verweilt ; manche Andere , welche nur in der schönen Kunst lebt und alle ihre Nerven zerreisset , um als Schriftstellerin zu glänzen , würden , wenn sie an den rechten Mann gekommen wären , das baare Gegentheil von dem geworden seyn , was sie jetzt sind . In der Begränztheit der meisten Männer liegt für Weiber , die nur einigermaßen einer Entwickelung fähig sind , eine zur Verzweiflung treibende Kraft . Das Weib will bewahren , was es instinktmäßig für sein Herrlichstes erkennt , die Weiblichkeit ; aber durch die Einseitigkeit des Mannes aus sich selbst heraus getrieben , schwärmt es umher , die verlorne Stütze zu suchen , und findet es sie nicht in der Kunst , so muß es Ruhe in der Zerstörung seines Wesens finden . So endigen die meisten . Unaufhaltbar näherte sich der Winter . Wir mußten unser Paradies verlassen und in die Hauptstadt zurückkehren . Die Verhältnisse am Hofe waren noch dieselben ; aber das Gemüth der Erbprinzessin hatte durch den Aufenthalt auf dem Lustschlosse eine Verwandlung erfahren , welche nicht ohne Folgen bleiben konnte . So lange ihr Gemahl die einzige Stütze war , die es für sie gab , mußte sie sich ihm , wenn gleich gegen ihren Willen und gegen alle ihre Neigungen , unaufhörlich nähern ; und da konnte es denn nicht fehlen , daß sie zurückgestoßen und einmal über das andere beleidigt wurde . Jetzt , wo sie in mir , oder vielmehr in ihrer Liebe für die schöne Kunst , eine Stütze gefunden hatte , jetzt war ihr der Gemahl so gleichgültig , als ob er gar nicht vorhanden gewesen wäre . Der Erbprinz mochte sich hierüber nicht wenig wundern ; aber selbst dann , wenn er über diese Verwandlung gar nicht nachdachte , mußte es ihm sehr empfindlich seyn , daß er in seiner Gemahlin keinen Gegenstand des Hasses mehr hatte , während er eines solchen für seine anderweitigen Verhältnisse bedurfte . Immer ruhig , immer gelassen und heiter , ohne irgend eine Spur von beleidigtem Stolze zu zeigen , und ohne irgend einen Anspruch zu bilden , wodurch sie den Neigungen ihres Gemahls in den Weg getreten wäre , stellte sich die Erbprinzessin beständig in den edelsten Formen dar , eben so sehr ein Gegenstand der Verzweiflung für denjenigen , der ihr etwas anhaben wollte , als der liebenden Huldigung für Alle , welche unbefangenen Gemüthes auf sie hinblickten . Dies mußte zu neuen Entwickelungen führen ; ich sah es vorher und zitterte vor dem Ausgange , aber ich begriff den ersten Anfang nicht eher , als bis er gemacht war . Von den Eigenschaften seiner Schwiegertochter bezaubert , und , weil eben diese Schwiegertochter mit allem Glanze der Gesundheit und Schönheit bisher unfruchtbar geblieben war , nicht ohne Sorge für seine Descendenz , wollte der Herzog von den Ursachen belehrt seyn , welche den Erbprinzen und dessen Gemahlin von einander entfernt hielten . Da fehlte es nun nicht an Personen , welche , sich der Erbprinzessin annehmend , alle Schuld auf das Verhältniß schoben , worin ihr Gemahl noch immer mit seiner ersten Geliebten stand . Der Herzog war vor der Vermählung seines Sohnes von diesem Verhältnisse unterrichtet gewesen , hatte sich aber gar nicht träumen lassen , daß es noch immer fortdauerte . In Harnisch gesetzt durch die Entdeckung , wozu man ihm verholfen hatte , hielt er es für seine Pflicht , diesem Unwesen auf dem Wege der Gewalt sogleich ein Ende zu machen . Ohne also auf die Individualität seines Sohnes die mindeste Rücksicht zu nehmen , und ohne irgend eine von den Folgen , welche dieser Schritt nach sich ziehen konnte , schärfer ins Auge zu fassen , ertheilte er Knall und Fall den Befehl , daß Fräulein von M ... nicht nur die Hauptstadt , sondern sogar seine Staaten innerhalb vier und zwanzig Stunden räumen sollte . Ich würde alles aufgeboten haben , diesen Streich abzuwenden , wäre ich davon unterrichtet gewesen ; allein er fiel so plötzlich , daß er bereits vollendet war , als ich die erste Nachricht davon bekam . Wie sehr ich auch wünschen mochte , daß es für die Erbprinzessin eine wahre Ehe geben möchte , so sah ich doch sehr deutlich ein , daß die Gewalt sie nie herbeiführen werde . Mir war daher sehr übel zu Muthe , als mich der Herzog einige Tage darauf zu sich berufen ließ , und mir erklärte , daß , nachdem von seiner Seite alles geschehen sey , um ein gutes Verhältniß zwischen der Erbprinzessin und seinem Sohne zu begründen , er nun auch von mir erwartete , daß ich das Meinige thun würde , um die Sachen in das gehörige Geleis zu bringen . So mußte freilich der Herzog sprechen , der , weil er im Besitz der Gewalt war , alles nur in dem Lichte der Pflicht betrachten konnte ; allein so konnte derjenige nicht sprechen , der das Wort zum Räthsel hatte und zu beurtheilen verstand , welche Hindernisse in der Erbprinzessin zurückblieben , nachdem alle Hindernisse in dem Erbprinzen aus dem Wege geräumt waren . Ich versicherte - und gewiß mit Wahrheit - daß es nie an mir gelegen habe , den Erbprinzen in dem Besitz seiner liebenswürdigen Gemahlin beglückt zu sehen ; ich fügte aber zugleich hinzu , daß man es der Zeit überlassen müsse , diejenige Vereinigung der Gemüther hervorzubringen , ohne welche eine Ehe nicht denkbar sey . » Das sind Chimären , « erwiederte der Herzog . » Was bedarf es hier der Zeit ? Die Erbprinzessin ist hübsch ; mein Sohn ist nicht häßlich . Daraus folgt , daß sich beide lieben können . Ich bin zufrieden , wenn ich vor meinem Tode einen wackern Enkel habe . « Gegen eine solche Sprache läßt sich nie etwas einwenden , und ohne dem Herzog noch irgend eine Bemerkung zu machen , welche seine Logik kompromittirt hätte , entfernte ich mich mit dem Versprechen , daß ich für die Erfüllung seiner Wünsche alles thun würde , was in meinen Kräften stände . Die Erbprinzessin war gegen die Maaßregel ihres Schwiegervaters so gleichgültig geblieben , als ob sie tausend Meilen von ihr entfernt genommen worden wäre . Das Einzige , was sie dabei zu befürchten schien , war , daß der Prinz , der gewaltsamen Richtung folgend , welche sein Vater ihm gegeben hatte , sich ihr wieder nähern könnte . Sie war weit davon entfernt , ihn zu hassen ; allein sie war eben so weit davon entfernt , ihn zu lieben . So theuer waren ihr seit Jahr und Tag ihre Beschäftigungen geworden , daß sie keinen anderen Wunsch hatte , als sich selbst überlassen , d.h. ganz ungestört zu bleiben . Ich , meiner Seits , stand als die Urheberin dieser Vorliebe für das Schöne da , die sich ihrem ganzen Wesen so tief eingefugt hatte . Nie hatte ich eine andere Absicht gehabt , als ihr einen temporären Ersatz für das zu geben , was sie entbehren mußte . Wenn das , wobei ich immer nur an ein pis aller gedacht hatte , vermöge der Vortrefflichkeit ihrer Anlagen , etwas ganz Anderes geworden war - wer konnte die Schuld tragen , wenn sie nicht von eben diesen Anlagen übernommen wurde ? Wie achtungswerth , ja wie liebenswürdig sogar , die innere Nothwendigkeit seyn mochte , worin die Prinzessin meinen Blicken erschien ; so konnte ich mir doch nicht verhehlen , daß diese Nothwendigkeit eben so eisern sey , als jede andere . Denn wie die Ideale , in welchen sie lebte und webte , wieder aus ihr verdrängen ? So lange sie in ihrem bisherigen Geleise blieb , war für die Wünsche des Herzogs nichts von ihr zu hoffen . Es würde mir nichts gekostet haben , mein eigenes Werk in ihr zu zerstören , weil ich wohl einsah , daß es zerstört werden mußte , wenn die Prinzessin wieder in ihr emporkommen sollte ; allein wie diese Zerstörung einleiten ? Ich verzweifelte , so oft ich hierüber nachdachte ; ich verzweifelte um so mehr , weil ich mich selbst genug kannte , um das Nothwendige in mir in einigen Anschlag zu bringen . Da aber von meiner Seite irgend Etwas geschehen mußte , so glaubte ich nicht besser zum Ziele kommen zu können , als wenn ich mich mit dem Kammerherrn des Erbprinzen zur Wiedervereinigung der beiden fürstlichen Personen verbände . Ich ging von der Voraussetzung aus , daß er , als ein Mann von Verstand , vor allen Anderen mich verstehen müsse , so bald ich ihm über das Wesen der Prinzessin die Aufschlüsse gäbe , die Niemand geahnet hatte . Ehe aber diese Aufschlüsse erfolgten , sondirte ich ihn über die Gesinnungen des Erbprinzen in Beziehung auf dessen Gemahlin . Was ich erfuhr , entsprach meinen Wünschen und übertraf alle meine Erwartungen ; denn der Kammerherr sagte mir geradezu , daß der Erbprinz durch die Maaßregel seines Vaters zwar politisch beleidigt , aber nicht menschlich gekränkt worden sey , da er es schon seit längerer Zeit darauf angelegt habe , sich aus der Klemme zu ziehen , worin er sich bisher befunden . Er fügte hinzu , der Erbprinz würde schon seit mehreren Monaten zu seiner Gemahlin zurückgekehrt seyn , hätte diese ihn nicht eine niederschlagende Gleichgültigkeit blicken lassen , wodurch sein Stolz nothwendig hätte geweckt werden müssen . Ich rückte hierauf mit meinen Aufschlüssen über das Wesen der Erbprinzessin hervor . Der Kammerherr sah mich bei dieser Analyse mit so großen Augen an , als ob von den sieben Wundern der Welt die Rede gewesen wäre . Unstreitig verstand er mich nicht , ob er sich gleich das Ansehn gab , als hätte er dies längst vermuthet . » Indem nun , « fuhr ich fort , » die Kräfte so einander entgegen wirken , begreifen Sie sehr leicht , daß unser Plan , in so weit er auf Vereinigung des Erbprinzen mit seiner Gemahlin abzweckt , nur auf einem einzigen Wege durchgetrieben werden kann . Alles ist verloren , wofern die Individualität beider gleich sehr respektirt wird . Von dem , was die Pflicht gebietet , kann hier gar nicht die Rede seyn ; denn hat sie nicht immer geboten und ist sie nicht immer unter die Füße getreten worden ? Sie müssen von der Voraussetzung ausgehen , daß die Neigungen Ihres Herrn die Erbprinzessin in die Form hineingedrängt haben , worin sie jetzt erscheint , und alles aufbieten , was in Ihren Kräften steht , den Erbprinzen so zu stimmen , daß er keine unzeitigen Ansprüche an die Gemahlin macht , die das Weib in ihr verwerfen muß . Meine Sache wird es seyn , die Erbprinzessin aus dem geistigen Schwerpunkt , in welchem sie versunken ist , wieder heraus zu heben und den Engel in ihr von neuem zu verkörpern . Gemeinschaftlich müssen wir dahin arbeiten , den Erbprinzen in eine Achtung zu setzen , die er bis jetzt noch nicht gefunden hat . Da ich mich nie über ihn erklärt habe , so kann ich , ohne mich mit mir selbst in Widerspruch zu bringen , alles Gute von ihm sagen . Sorgen Sie ihrer Seits dafür , daß es mir dazu nicht an Veranlassung fehle . Wir Weiber achten an den Männern nichts so sehr , als die staatsbürgerlichen Tugenden , und ich stehe Ihnen dafür , daß ich die Prinzessin in den Prinzen verliebt mache , so bald dieser aufhört , seine Bestimmung nur von Seiten der Genüsse zu schätzen , welche damit verbunden sind . Über kurz oder lang tritt er an die Stelle seines Vaters ; bewegen Sie ihn doch , sich dazu in jeder Hinsicht vorzubereiten . Ganz neue Gefühle müssen in der Erbprinzessin erwachen , wenn sie , welche nie abfiel , sondern nur verdrängt wurde , wieder an den Gemahl angezogen werden soll . « Entwürfe dieser Art können nur dann gelingen , wenn sie zwischen einer Palatine und einem Kardinal von Retz verabredet werden . Ich sage wohl nicht zu viel , wenn ich behaupte , daß der veredelte Geist der Palatine auf mir ruhete , als ich diese Vorschläge that ; aber der Kammerherr war weit davon entfernt , ein Kardinal von Retz zu seyn . Es war seine Legalität , was ihn unfähig machte , mit mir vereinigt zu wirken . Gegen den Zweck hatte er nichts einzuwenden ; eben so wenig konnte er die Mittel mißbilligen ; die Moralität unseres Entwurfs war über allen Zweifel erhaben . Aber woher den Muth nehmen , seinem Herrn eine Richtung zu geben ! Dies war die Klippe , an welcher alles scheitern mußte ; und ich gestehe , daß , wenn ich diese Klippe geahnet hätte , ich meinen ganzen Entwurf für mich behalten haben würde . Der große , wenn gleich sehr verzeihliche , Fehler , den ich beging , bestand darin , daß ich Verstand und Genie verwechselte . Ich glaubte an dem Kammerherrn einen tüchtigen Gehülfen gefunden zu haben , weil er ein Mann von Verstand war ; aber ich bedurfte eines Mannes von Genie , und davon war , genau genommen , keine Spur in dem Kammerherrn . Mochte er noch so sehr versichern , daß er mich vollkommen verstanden habe ; er konnte meine Idee nur verderben . Da meine Operationen von denen des Kammerherrn abhingen ; so war ich auf nichts so aufmerksam , als auf das Betragen des Prinzen gegen seine Gemahlin . Gewisse Modifikationen in demselben zeigten mir an , daß eine Unterredung statt gefunden haben müsse ; aber diese Modifikationen hatten noch keinen so bestimmten Charakter , daß ich mit Sicherheit auf den Gehalt der Unterredung zurückschließen konnte . Mir schlug das Herz vor Ungeduld ; in mehreren Billets zeigte ich dem Kammerherrn an , daß keine Zeit zu verlieren sey . Dieser mochte seiner Seits den besten Willen von der Welt haben ; da er aber seiner Einsicht unterlag , so konnte er sein Geschäft nur verderben . Unfähig , einen solchen Charakter , wie der der Prinzessin nun einmal war , zur Anschauung zu erheben , und sich unstreitig einbildend , daß das , was wir erreichen wollten , sich auf mehr als einem Wege erreichen lasse , gab er seinem Herrn lauter solche Anschläge , daß dieser sich in der Achtung der Prinzessin noch weiter zurücksetzen mußte . Soll ich das Betragen des Prinzen mit Einem Worte charakterisiren , so muß ich sagen , daß es ein galantes war . Was in aller Welt konnte aber die Prinzessin mehr empören , als dieses Gemisch von Ehrerbietung und Verachtung , zusammengehalten durch Heuchelei und Niederträchtigkeit ? Sie hätte zu den allergemeinsten Naturen gehören müssen , wenn ihr der Prinz auf diesem Wege achtungswerth geworden wäre . Auch fühlte sie sich tief verwundet ; und ob sie gleich kein Wort fallen ließ , wodurch sie ihren inneren Zustand offenbaret hätte , so zeigte doch eine gewisse unbeschreibliche Traurigkeit , wie heftig der Schmerz war , der ihr Innerstes durchwühlte . Es lag am Tage , daß der Kammerherr sich nicht hatte von der Idee losreissen können , die er von der Gebrechlichkeit des weiblichen Geschlechts hatte ; und wollen wir ihm hier Vorwürfe darüber machen , daß er in dieser Hinsicht auf Einer Linie mit den meisten Männern stand , welche nie begreifen können , wie es außer ihrer Realität noch eine andere geben könne ? Es versteht sich von selbst , daß ich neutralisirt war , so bald die Sache diese Wendung genommen hatte ; denn ich hatte mich nur zur Nachhülfe anheischig gemacht , und diese konnte nicht statt finden , so bald das ganze Werk verdorben war . Dies war indessen etwas , wovon sich der Kammerherr nicht überzeugen konnte . Da er sich einem so schwierigen Geschäfte einmal unterzogen hatte , so wollte er dies auch mit Verstand gethan haben . Hierüber fand kein Capituliren mit ihm statt ; und weil ich ungern zankte , so blieb ich weit davon entfernt , ihm auch den glimpflichsten Vorwurf zu machen . Er selbst trat mit Vorwürfen hervor , so bald er sah , daß die Sache , anstatt von der Stelle zu rücken , nur schwerkräftiger und schlimmer wurde . Mir war hierbei sehr übel zu Muthe ; denn ich sah sehr deutlich ein , daß ich mich in die fatalste Lage von der Welt gesetzt hatte . Es konnte nämlich nicht fehlen , daß ein Ungewitter von Gemeinheit über meinem Haupte losbrach , sobald die von mir zuerst entworfene Wiedervereinigung des Erbprinzen mit seiner Gemahlin nicht wirklich erfolgte . Was blieb mir aber , wenn dies durchaus geschehen mußte , anderes übrig , als entweder meinem Gehülfen den Prozeß machen , oder meinem ganzen Wesen zu entsagen und der Prinzessin eine Gemeinheit aufdringen , die mir selbst fremd war , und die sie ewig verabscheuen mußte ? Zu beidem war ich gleich unfähig ; ich konnte daher nur die Hände in den Schooß legen , und den Donner , der mich vernichten sollte , voll Ergebung erwarten . In der That , mein Geschlecht ist in jeder Hinsicht sehr übel daran . Werden die Plane eines Biedermannes vereitelt , so darf er sich deshalb rechtfertigen , und je kräftiger er die Wahrheit sagt , desto mehr ehrt man seine Tugend . Ein edles Weib hingegen kann die allertriftigsten Gründe der Rechtfertigung haben ; sie darf davon immer nur innerhalb der Schranken der Weiblichkeit Gebrauch machen , wenn sie nicht alles verlieren will . Wie viele weibliche Thränen würden unvergossen bleiben , wenn dem weiblichen Geschlecht die Sprache des Gemüths gestattet wäre ! Was ich mit so viel Bestimmtheit vorhergesehen hatte , blieb nicht lange aus . Die ganze Schuld des Mißlingens fiel auf mich zurück , ob ich gleich nicht dahin gelangt war , auch nur einen Finger in der Sache selbst in Bewegung setzen zu können . Es kam nur noch darauf an , sich das Wie zu erklären . Man erschöpfte sich in Vermuthungen über die Natur meines Verhältnisses mit der Prinzessin ; und da es unmöglich war , das Wort zum Räthsel zu finden , so machte man es wie immer : das Heiligste wurde bis zur Scheußlichkeit entheiligt . Man sprach ganz laut von Lastern , die uns selbst dem Namen nach unbekannt waren . Und welche Bewegungsgründe legte man mir unter ! Nach Einigen hatte ich es darauf angelegt , die Mätresse des Prinzen zu werden ; nach dem Urtheil Anderer war ich damit umgegangen , den Kammerherrn zu erobern , um , nach dem Tode des Herzogs , gemeinschaftlich mit ihm das Land zu regieren . Ein Paar Familien , welche seit hundert und funfzig Jahren im Besitz großer Vorrechte waren , und sich steif und fest einbildeten , daß von der Behauptung dieser Vorrechte nicht nur die Wohlfahrt des Herzogthums , sondern auch die des ganzen heiligen römischen Reichs abhange , nannten mich eine Verderberin der guten Sitten , weil ich eine Fremde war und meine Gesellschaftsdamen-Stelle nicht ihrer Großmuth verdankte . Der Herr Hofcapellan , auf dessen Intriguen ich nicht hatte eingehen wollen , vereinigte sich mit den Übrigen , und eröffnete den förmlichsten Kreuzzug gegen mich , indem er über den Text predigte : Es ist besser , daß Einer umkomme , denn daß das ganze Volk verdorben werde . Rache , Neid und Bosheit liehen der Verleumdung ihre Waffen , um mich zu Grunde zu richten , und nie wirkte eine Verschwörung , in welcher nichts verabredet war , conzentrirter . Hätte man wenigstens die Erbprinzessin verschont ! Doch um mich zu stürzen , glaubte man die ganze Hölle in Bewegung setzen zu müssen . Verworren und dumpf hallten zu der Prinzessin und zu mir die Gerüchte herüber , die man auf unsere Kosten verbreitete . Was sollte , was mußte geschehen , um das Ungewitter abzuleiten ? Ich gestehe , daß es Augenblicke gab , in welchen ich mich zermalmt fühlte ; aber diese Augenblicke gingen um so schneller vorüber , weil meine Liebe für die Prinzessin immer die Oberhand behielt . Noch hatte sie kein Wort von dem Entwurf erfahren , welcher zwischen dem Kammerherrn und mir zu ihrer Wiedervereinigung mit dem Erbprinzen war verabredet worden . Ich hielt es für meine Pflicht , sie gegenwärtig damit bekannt zu machen , weil in diesem Entwurfe alle die Unfälle eingewickelt lagen , die seitdem über uns zusammengeschlagen hatten . Sie lächelte , als meine Erzählung geendigt war . » Mein Wille war rein , « fuhr ich fort ; » meine Absicht edel ; meine Mittel auf die herrliche Natur meiner Freundin berechnet . « » Dies ist es nicht , « erwiederte die Prinzessin , » was mir ein Lächeln abdringt ; ich lächle nur darüber , daß meine Mirabella auch nur einen Augenblick an die Besieglichkeit der Gemeinheit glauben konnte . Doch was geschehen ist , läßt sich nicht ändern , fuhr sie fort ; und die Hauptsache ist und bleibt , welche Maaßregeln wir ergreifen müssen , um aus diesem Kerker ins Freie zu kommen ? Was meinen Sie ? « Ich sah es der Prinzessin an , daß sie große Lust hatte , mein Geschick zu theilen ; allein dies war etwas , das ich aus allen Kräften , wenigstens für den Augenblick , abwenden mußte . Ich sagte ihr also : Ich nähme mit Freuden die ganze Schuld auf mich , und würde mich darüber an Ort und Stelle schon zu verantworten wissen . Da man es nur auf meine Entfernung anlegte , so wollte ich auch die Einzige seyn , welche das Terrain räumte , ein noch größerer Triumph wäre zu viel Ehre für