. Du schweigst ? sagte dieser ; vielleicht hat dich die hohe Schönheit deiner neuen Gönnerinn bestochen , und ein unbewahrtes Herz widersteht solchem Zauber wohl nicht leicht . Zwar begreife ich kaum , wie sie neben Miranda gefährlich seyn könne . Rodrich glaubte hier eine Schlinge zu sehen , um sein verborgnes Gefühl aufzudecken , und sagte gleichgültig : warum wollen wir Vergleiche anstellen ? Ich hörte ja eher von dir , daß jedes in sich schön sey , und man das Urtheil nicht durch Verrückung des Standpunktes verwirren müsse . Du hast Recht , erwiederte Stephano , eine Vergleichung ist hier so unmöglich , wie ein Verein dieser Gemüther . Ich glaubte dich nur für das ganz Entgegengesetzte nicht so empfänglich . Das ändert freilich viel . Unser Interesse ist getheilt , und du wirst mich so wenig verstehen wollen , als ich dir verständlich seyn kann . Nimm es nicht so ernstlich , sagte Rodrich einlenkend , aber gestehe mir , daß ihr Schicksal hart ist , und nichts den menschlichen Stolz so empört , als die Verletzung angeborner Rechte . - Wer kann , erwiederte Rodrich , im steten Wechsel des Lebens das Fliehende aufhalten wollen . - Und wie darf der Einzelne mit dem Schicksal rechten , da seit Jahrtausenden das ewige Spiel wiederkehrt und der verschollne Name ganzer Geschlechter , deren ehemalige Größe mit dem Staub ihrer Gräber verwehete , in die spurlose Vergangenheit sinkt . Flüchte nicht so zu dem Allgemeinen , sagte Rodrich , wenn das Leiden beschränkter Gegenwart uns nahe tritt . Dieser Blick darf den Menschen wohl über sich selbst erheben , aber die lebendige Theilnahme soll er nicht ersticken . Was nennst du so ? fragte Stephano . Wo das scheinbare Uebel Segen bereitet , da kann ich die augenblicklichen Schmerzen lindern , die fortlaufende Kette der Begebenheiten aber niemals eines einzelnen Vortheils wegen zerreißen wollen . Jedes Uebel , entgegnete Rodrich , ist von deinem Standpunkt aus scheinbar , und darf das kurzsichtige Menschenauge bestimmen , wie nahe oder fern das erwartete Ziel sey ? Ist es nicht frech , so zermalmend hinzutreten und der weinenden Menge neue Blüthen aus den zusammengestürzten Trümmern zu verheißen ? Wie warm du die Rechte der Menschheit vertrittst , sagte Stephano , seit ein schönes Auge beredt in das deine sahe . Aber vergiß nicht , daß du kurz zuvor über dumpfes Hingeben , Beschränktheit des Willens und Armuth kräftiger Gedanken klagtest , daß dir die hergebrachte Weise erdrückend schien , und daß dein Urtheil , durch individuelle Beziehungen bestochen , einseitig ausfällt . Und kannst du die alte Ordnung herstellen , ohne die neue zu zertreten ? Und welches blutige Zeichen müßtest du über ein Land aushängen , das dich gastlich aufnahm , das Miranda ' s milder Sinn beherrschen wird ? Ist Miranda gewisse Erbin des Reichs ? fragte Rodrich schnell . Nicht ohne Widerstand , sagte Stephano , aber ich habe auf dich , wie auf die Bessern , gerechnet , und ich gelobe es fest , diesem hohen Ziele mein lebendigstes Streben , ohne irgend eine anderweitige Rücksicht , zu weihen . Rodrich bewunderte , wie Stephano , sich selbst täuschend , die Herzensschwäche hinter Vaterlandsliebe verberge . Indessen konnte er nicht leugnen , daß er sich ihm wahr zeigen wolle , und er schwankte , ob er diese Offenheit nicht durch die freieste Hingebung vergelten , und jedes Mißverständniß lösen müsse , als eine Botschaft des Grafen ihn eilends dahin abrief . Er hatte dem edlen Beschützer lange nur die gewohnte Achtung gezeigt , zu welcher sein äußeres Verhältniß ihn zwang , ohne ihm die dankbare Liebe zu beweisen , die in den ersten Augenblicken sein Herz erfüllte . Er schämte sich jetzt , vor ihm zu erscheinen , und trat mit einiger Verlegenheit in dasselbe Zimmer , wo er das Schwerd und die heilige Weihe seines Standes empfing . Der Graf trat ihm , wie damals , heiter entgegen , und sagte nach den ersten Begrüßungen : junger Freund , Sie wissen , ich lasse jeden seinen Weg gehen , ohne daß es mir , selbst bei denen die mir näher sind , einfiele , das Schicksal spielen , und ihnen eine eigenmächtige Richtung geben zu wollen , indessen glaube ich ohne Anmaßung sagen zu können , daß mir der Ihrige nicht gefällt . Der innere Mißmuth leitet sie abwärts , mit halbem Herzen thut man auch nur das Halbe , und der Soldat braucht mehr als ein Anderer frischen Lebensmuth , um sich selbst anzugehören . Das Gewöhnliche darf ihn nicht ermüden , weil es zu dem Außerordentlichen führt ; und wo die rechte Lust und Heiterkeit nicht obenauf schwimmen , da wird der Bodensatz des Gemeinen die schwerfällige Kraft bald erdrücken . Auch im Kriege ist es nicht viel anders . Das Seltene und Große läuft einem auch hier nicht bei jedem Schritt entgegen , und muß man sich oft durch langweiliges , mühseliges Harren hinschleppen , ehe der erste Augenblick eintritt . Freilich , setzte er beruhigend hinzu , als Rodrich beschämt zur Erde sah , freilich bedarf der Eine einen größern Wirkungskreis als der Andere , und so wird Sie die nahe Aussicht des Krieges freuen ! Des Krieges ? fragte Rodrich , aus allen drückenden Gefühlen plötzlich emporgerissen . O mein edler Wohlthäter , Sie sollen mich noch freudig in Ihre Arme schließen , und es nicht bereuen , den Jüngling großmüthig beschützt zu haben , der alle Gluth eines lebendigen Lebens der Ehre und der Dankbarkeit weihete . Wann und wohin ziehen wir ? fragte er mit verlangenden Blicken . So weit sind wir noch nicht , erwiederte der Graf lächelnd . Es ist nur von der Aussicht , nicht von der Gewißheit des Krieges die Rede ; eine größere Macht bedroht die Selbstständigkeit des Staats , der Herzog kennt die Würde seines Namens und ehrt sein Volk . Er ist zu jedem Widerstande bereit . Wir erwarten nur das Ende einer Unterhandlung , deren Zweck abzusehen ist , um dem Feinde entgegen zu gehen . Die Grenzregimenter haben bereits geheime Ordre sich marschfertig zu halten , und ich werde Sie mit Aufträgen zu einem unsrer Generale schicken , der bei der jetzigen Lage der Dinge einen bedeutenden Posten hat . Er ist mein Freund , und seine Bekanntschaft mag Ihnen einmal ersprießlich seyn , wenn im Laufe der Dinge sich manches ändert , und meine Hand Sie nicht mehr schützen kann . Rodrich ergriff die theure Hand und drückte sie gerührt an die Brust . Mein Sohn , sagte der Graf , ich hoffe , du bist meines Vertrauens werth , und meine zärtliche Vorliebe soll mich nicht getäuscht haben . Zügle dein strebend Gemüth und bewache dich in dunklen Augenblicken . Das Größeste bist du fähig zu leisten , aber das Kleine geht unbeachtet an dir vorüber , und darum hüte dich vor der steilen Höhe , der du so kühn , ja ich möchte sagen , so frech entgegen fliegst . Die mitgetheilte Nachricht sollte dich aus deiner dumpfen Gleichgültigkeit aufschrecken , du bist aber so gespannt , daß ich vor meinem Geheimnisse fürchte . Darum sammle dich , und reise morgen in aller Frühe . Heute Abend erhältst du die nöthigen Instruktionen . Die Reise soll dir , denke ich , in jeder Art gut seyn . Ach , mein Vater , sagte Rodrich , wie demüthigt mich diese Güte , und wie zerrinnen meine hochfliegenden Plane vor dieser ruhigen Klarheit , und der Sicherheit eines so schuldlosen Gemüthes ! Ich bin wohl recht unglücklich , daß mein Gefühl so oft in mich zurückgedrängt ward , und der starre Trotz die mildesten Regungen gefangen nahm . Mir ist davon in manchen Stunden eine Kälte geblieben , die mich oft selbst geschreckt , und die nur solcher Liebe weicht . Der Graf umarmte ihn , und bat ihn zu Rosalien zu gehen , die gern von Miranda und der Gesellschaft diesen Abend hören wollte . Er fand sie äußerst matt , durch Erschöpfung entstellt , neben der Gräfinn sitzen , die bemühet war , aus verschiednen vor ihr liegenden Büchern , eine leichte fast spielende Unterhaltung aufzufinden . Mit großer Geduld nahm sie ein Heft nach dem andern zur Hand , wenn Rosaliens unruhige Blicke die innere Langeweile verkündigten , und lächelnd , wie der Genius des Lebens , verhieß sie ihr von jedem Neuen Genuß . - Das ist noch mein größtes Elend , sagte die Kranke bei Rodrichs Eintritt , daß ich zu dem Geist- und Herzertödtendsten meine Zuflucht nehmen muß , um die innere Angst los zu werden . So lange ich den Schmerz liebte , war ich eine seelige Martyrerinn . Jetzt ist das weit anders . Eine rechte Sehnsucht nach dem freudigen Leben der Jugend drängt und quält mich . Ich möchte die Fesseln eignen Unvermögens zersprengen , und mich der Lust der Welt hingeben . Die Briefe , ach die unglückseeligen Briefe , haben mich so verwirrt . Seitdem führen mich alle Träume in jenen Zauberkreis zurück , und mir ist , als müsse ich das Fliehende erjagen . Seraphine glaubte wirklich in diesem unstäten Verlangen die ersten Regungen rückkehrender Lebenslust zu entdecken , und freuete sich Rodrichs Ankunft , dessen frühere Neigung ihr wie dem Grafen frohe Hoffnung einflößte . Aber in Rodrichs Innerem wogten die aufgefaßten Bilder unruhig durcheinander , und die verworrenen Anklänge hemmten jedes stille Ineinanderfließen der Gefühle . Jetzt insbesondere , da sich die helleste Ferne vor ihm aufthat , und alle ängstigenden Rücksichten vor einem freien , beweglichen Leben schwanden , jetzt fühlte er sich in der Nähe dieser gestörten Natur gedrückt , und die Zuckungen ohnmächtigen Schmerzes legten sich erkältend an sein Herz . So kam es denn , daß er , ohne sonderlich auf Rosaliens Worte zu achten , einzig um quälende Gedanken zu verscheuchen , von Theresens Bekanntschaft , ihren Umgebungen und dem Eindruck des Ganzen sprach . Seraphine stimmte seinem Lobe bei , und setzte hinzu , daß ihr nichts so auffallend gewesen sey , als wie die Prinzessinn bei der fast verschwindenden Weichheit ihres Charakters , ihrer kleinen Zauberwelt diese Haltung und Einheit gegeben habe . Freilich , sagte sie , spricht alles die zarteste Milde aus , aber auch diese hat ihren bestimmten Charakter , und man vermißt in ihrem ruhigen Schein den Mangel an großen Gegenständen nicht , da das Ganze weder farblos noch peinlich ist , und in sich einen großen Reichthum hat . Es ist kaum zu begreifen , wie sie hier so sicher geht , da sie oft im Leben durch zu zärtliches Nachgeben ein Ansehen von Willenlosigkeit erhält , das Mancher mißbraucht . Vor allen , sagte Rodrich , ist mir diese Nachsicht bei Elwiren auffallend gewesen , deren flache Unterhaltung sie nicht einmal zu ermüden schien . Nun Elwiren nehme ich in Schutz , sagte die Gräfinn , das ist ein zierliches Wiesenblümchen , das an seinem Platz unendlich reitzend seyn würde . Sie hat nur das Schicksal anzuklagen , welches sie in diese Kreise versetzte . Ein Anflug halber Bildung , wie der Wunsch neben Miranda nicht ganz zu verschwinden , heben sie zuweilen über sich selbst hinaus . Sonst ist sie die Güte , die Sanftmuth selbst , und die ganz eigne Liebenswürdigkeit ihres wohlwollenden Gemüthes bricht frei hervor , sobald der Wunsch zu glänzen nicht mit der innern Unzulänglichkeit kämpft . Es ist überall schwer , den Punkt anzugeben , wo man eigentlich steht , vorzüglich denen , die nicht zu den höhern Stufen gehören . Und was ist denn am Ende hoch und niedrig ? wir sind mit dieser Rangordnung sehr schnell bei der Hand , indem wir uns selbst unbedingt auf die Spitze stellen . Rodrich war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt , um irgend einen Gedanken fest ins Auge zu fassen , am wenigsten , um ihn ruhig zu bestreiten , nur schien ihm Seraphine mehr wohlwollend als zärtlich , und ihr Urtheil eher durch friedliche Gesinnungen , als durch klare Einsicht bestimmt zu seyn . Schon in frühern Streiten mit Alexis , erkannte er diese behagliche Ruhe , die sich so gern mit allen befreunden , und die scharfe Ecke aus dem Leben verbannen mögte . Es fehlte ihr keineswegs an Besonnenheit , aber sie drängte das Störende hinweg , und haßte nichts so sehr , als die schwerfälligen Gemüther , welche bei jeder Mangelhaftigkeit stehen bleiben , und für welche die Sonne nur scheint , wenn sich kein Wölkchen am Himmel blicken läßt . Es fiel ihr sehr selten oder nie ein , sich in den innern Zusammenhang der Dinge zu versenken , und die Bedeutung eines Übels aufzusuchen ; sondern sie eilte leicht darüber hinweg , und Wenige standen vielleicht so fest in der Gefahr . Er hatte dies wohl eher im nähern Umgange erkannt , und sich willig dem reitzenden Leichtsinn hingegeben . So ließ er es denn auch jetzt geschehen , daß sie seine Meinung bestritt , während er selbst ungewiß war , ob er nicht vielleicht wirklich zu hohe Anforderungen im Leben mache , und zu wenig auf die verschiedene Natur und das seltsame Gemisch menschlicher Gefühle achte . Erwägen Sie noch , fuhr die Gräfinn fort , daß die Augenblicke so ungleich sind , und daß es Zeiten giebt , in welchen der Erhabenste recht jämmerlich dasteht , so wird im Ganzen Ihre Bewunderung weniger gespannt , und Ihr Tadel milder seyn . Rodrich ergriff diesen Gedanken begierig . Er hatte sich dem Grafen gegenüber beschämt gefühlt , und es vermieden , tiefer in sich selbst zurückzugehen . Die wechselnden Eindrücke dieser Tage hatten ihn zu den leidenschaftlichsten Ausbrüchen hingerissen . Er erkannte sich selbst nicht mehr in der unstäten Sehnsucht , dem Abstoßen und Hinneigen seines Herzens , und flüchtete gern zu der allgemeinen Gebrechlichkeit , um die eigne Schwäche zu entschuldigen . So blickte er beruhigt in Seraphinens Augen , die ganz unbefangen alle Vorgefühle höhern Strebens , das kindliche Anstaunen wie die erhebende Bewunderung einzelner großer Erscheinungen in Anspruch nahm , um das Gleichgewicht Leben im herzustellen . Rosalie , die während dessen ermattet eingeschlafen war , lächelte jetzt im Traume , und sagte halblaut , sieh Ludoviko , wie uns Fernando winkt ; ach er ist wieder ein Kind geworden , und spielt wie ehemals mit bunten Steinchen , die in seinen Händen Blumen werden , um die Braut zu kränzen . Siehst du den Stern in seiner Brust , wie er sich hin und her bewegt , und die Strahlen sein schönes Gesicht verklären ? Sie hatte die Augen geöffnet , als sie die letzten Worte sprach , und beide überfiel ein Schauer , und sie gedachten der Erscheinung im Waldschlosse , wie sie sich langsam aufrichtend , eine Bewegung machte , als flechte sie Blumen durch das Haar . Seraphine reichte ihr eilend stärkende Essenzen , und führte sie an ein geöffnetes Fenster , wo sie kaum die frische Luft anwehete , als sie tief athmete und sich von einem ängstigenden Traume loszumachen schien . Bald verlangte sie aus dem Zimmer , und zu Miranda gebracht zu werden . Die Gräfinn machte sogleich die nöthigen Anstalten , und Rodrich verließ sie in einem Zustand , der ihn aufs neue aus seiner kaum gewonnenen Ruhe aufschreckte . Am folgenden Morgen trat er , mit den Aufträgen des Grafen versehen , seine Reise in aller Frühe an . Als er durch die einsamen Straßen ritt , wo schon längst kein Wagen mehr rollte , und die laute Freude zu stilleren Genüssen flüchtete , blickte er wehmüthig auf die armen Menschen , die das drängende Bedürfniß schon wieder zu dem mühseligen Tagewerk jagte und deren ärmliches Ansehen wunderlich gegen die Pracht der Gebäude abstach . Er fühlte sich leichter , als ihn sein Weg endlich an den Gärten vorüberführte , und die wohlhabenden Besitzer den Reichthum überschauend , seinen Morgengruß im behaglichen Wohlseyn erwiederten . Je weiter er kam und die blühende Ebene sich vor ihm aufthat , je freier ward ihm um ' s Herz , und wie sein Pferd lustig forttrabte , und die Morgenluft ihn so erfrischend anwehete , fühlte er sich zu jedem Geschäfte freudig gestimmt . Er sah recht , wie er thätig in ' s Leben eingreifen und die träge Ruhe von sich verscheuchen müsse . Alles , was ihn in dieser Zeit gedrückt , alle Fieberschauer , die seine kränkliche Heftigkeit entzündet hatten , alles schwand vor dem hellen heitern Leben der Natur . Im freiesten Spiel seiner Kräfte sagte er froh : unter steter Anstrengung , muß der Mensch den Genuß des Augenblicks erringen ! Was sich ihm so ungesucht aufdringt , und während es den Sinnen schmeichelt , die lebendigste Kraft gefangen nimmt , das widersteht dem Uebersättigten , und die innere Lust erkrankt in trüben Bildern . Sich so recht in die wogende Fluth zu tauchen , zu wagen und zu wirken , die verschlossenen Quellen des Lebens zu eröffnen und im Fluge das Glück zu erhaschen , das zog ihn unwiderstehlich in die Welt , das reitzte ihn zum freudigen Kriegerleben . Und jetzt erweiterte sich so ungehofft der beschränkte Kreis seines Wirkens . Die ersten Schritte waren gethan , und er sah in Gedanken die reiche , gehaltvolle Zukunft . Was konnte nicht alles geschehen , wenn der rechte Ernst die Herzen entflammte , die oft bei einer flüchtigen Anregung kräftig schlugen . Jede bessere Aufwallung seiner Cameraden kam ihm jetzt ins Gedächtniß . Er liebte sie alle , seit er hoffen konnte , an ihrer Seite zu fechten und die gleiche Lust und Gefahr mit ihnen zu theilen . Selbst an Stephano konnte er ohne Bangigkeit denken , und es reuete ihn fast , ihn diesen Morgen nicht aufgesucht und durch einen freundlichen Abschied den störenden Eindruck des gestrigen Gesprächs ausgelöscht zu haben . So wohlwollend hatte er noch nie auf die Menschen geblickt , die ihm alle in dem erheiterten Sinn gut und liebreich erschienen . So ritt er , durch freudige Bilder fortgezogen , immer schneller und schneller , als ihm sein Diener eine schön gebauete Capelle zeigte , die sich hinter dunklem Gebüsch auf einem Hügel erhob . Die Sonne stand in voller Pracht über der glänzenden Kuppel und die nahe stehenden Silberpappeln zitterten wie tausend lichte Flämmchen in ihrem Schein . Er betrachtete sie noch aufmerksam , als die Messe eingeläutet ward , und der helle Klang durch Berge und Klüfte wiederhallte . In dem Augenblick vernahm er auch einen volltönigen Gesang und ein Trupp geschmückter Landleute ging aus einem nahen Dörfchen den Weg zur Kirche hinan . Vier Knaben mit langen Blüthenzweigen und blendend weißen Tüchern , die sie hoch in der Lust flattern ließen , eröffneten den Zug , in ihrer Mitte ging eine Jungfrau mit einem neugebohrnen Kinde , dessen bunte Deckchen mit Blumen und Bändern geziert , den lustigsten Anblick gewährten . Hinter ihnen kamen Männer und Frauen im schönsten Festtagsputz , Crucifixe und Heiligenbilder tragend , die sie in frommer Andacht zum Himmel erhoben und bei jedem Schlusse des Chors ein freudiges Halleluja aus voller Brust anstimmten . - Rodrich hatte seit der Flucht aus dem Kloster nie eine Kirche besucht . Jene düstre Erinnerungen verschlossen sein Herz für die Seligkeit heiliger , hingebender Andacht . Nur einmal hatte er die Entzückungen des Gebets erkannt . Wie ein himmlisch Licht hatte es seine Seele durchdrungen , hingerissen , aufgelöst in Wonne hauchte er sein ganzes Wesen in einem unaussprechlichen Ton der Liebe aus . Was konnte ihm jenen Augenblick zurückführen , der das Ende seines Lebens hätte seyn sollen ! Wie konnten schaale Gebräuche ihn erheben , deren tägliche Wiederholung seine Kindheit so unbarmherzig trübten ! Mit wahrer Bitterkeit hatte er sich davon abgewandt , und es sorgfältig vermieden , sein Inneres durch so gehässige Gefühle zu zerreißen . Hier in der Einsamkeit rührte ihn der einfache Gesang zum erstenmal , und als die frommen Knaben sich naheten , wiederholte er unwillkührlich die Worte des Liedes , bis ihn der Ton immer mehr fortriß , und er sich plötzlich am Eingange der Capelle befand . Er stieg vom Pferde und trat in das weite herrliche Gebäude . Ein schöner Greis mit glänzenden Silberlocken stand vor dem Hochaltar , vor welchem drei weiße Grabsteine eingesenkt waren . Auf einem derselben kniete die Mutter mit dem Kinde , das von ihren Lilienarmen umringt , hell und verheißend über die Gräber hinaus sah ! Rodrich hatte sich dem Altar gegenüber an ein Monument gelehnt , hinter welchem herbeigelaufene Kinder leise Versteck spielten . Er betrachtete jetzt das steinerne Bild näher , das ihn halb verdeckte und erkannte bald den Tod in der Gestalt eines schönen Jünglings , dessen umgewandter Fackel , Blumen wie einem Füllhorne entströmten , während sich auf den Mohnstengeln Genien in einem Schlangenreise wiegten . Rodrich glaubte , dies Denkmal müsse Beziehung auf die Grabsteine haben , und als er dorthin sah , war es gerade , daß der Geistliche das Kind aus des Mädchens Arm nahm und es schwebend über den Weihkessel hielt . Die vielfachen Bilder verwirrten sein Inneres . Er glaubte , die Gräber hätten sich aufgethan , und die Jungfrau träte mit dem Jesuskinde hervor , und reiche der harrenden Zeit noch einmal die ewigen Blüthen des Lebens . Und als die Einsetzungsworte gesprochen , und Alles andächtig zur Erde sank , da kniete er weinend nieder , denn er sah die unaussprechlichen Martern , und den Erlöser am Kreutz ; ihm war , als stehe das Elend und der Hohn und die Schmach schon bereit , ihn zu empfangen ; ach , und die verkannte Liebe brach nun so plötzlich hervor , daß er sich lange nicht fassen konnte , als die Knaben schon ihr Lied angestimmt und die muntre Schaar an ihm vorüberzog . Sein Diener , den indessen weniger heilige Dinge beschäftigten , ging unruhig mit den Pferden unter den Bäumen auf und ab , und da er die Kirche leer sah und merkte und sein Herr nicht kam , so wagte er es , sich zu nahen und den Kopf durch eine Seitenthür zu stecken , als die Pferde plötzlich ungewöhnlich stampften und wieherten , worauf Rodrich erschrocken aus seinen Träumen aufsprang , und durch ein Versehen den losgehakten Degen mit großem Geräusch die Stufen des Monuments herunter fallen ließ . Der Capellan , der eben sein stilles Gebet geendet , sahe verwundert umher , und als sich Rodrich entschuldigend nahete , sagte er heiter : es geht den Kriegern nicht anders , die einmal fromm seyn wollen , die Welt ruft sie auf tausend Weisen zurück , und rächt ihr augenblickliches Vergessen durch irgend einen Hohn der Kirche . Rodrich ließ sich bald in ein weitläuftigeres Gespräch mit ihm ein , und eilte , ihn nach der Bedeutung des Denkmals und der Gräber zu fragen . Hier , sagte der Geistliche ernst , ruhen drei Herzen neben einander , die sich im Leben durch Haß und Liebe verfolgten . Es waltet oft ein furchtbares Verhängniß über den Sterblichen , der es erkennt und geängstet in die Arme der Tugend flüchtet , aber die losgelassenen Wünsche ziehen ihn fort und fort ins Verderben . Die Erbauerinn dieser Capelle , fuhr er fort , war aus fürstlichem Stamme . Ihr leidenschaftlicher Sinn umfaßte alles mit einer Heftigkeit , die sich bald in der Neigung zu einem schönen Knaben offenbarte , den ihr Vater im Pallast erziehen ließ . Sie war nicht fest genug , diese Liebe auf Kosten des väterlichen Zornes geltend zu machen ; daher beugte sie sich in die Nothwendigkeit , und das lockende Dunkel des Geheimnisses barg und nährte ihre Flammen . Wie denn aber Sicherheit und Gefahr oft Hand in Hand gehen , so nahete sich ihr die letzte , ehe sie es ahnete . Die Entdeckung ihrer Liebe ließ ihr die Wahl zwischen dem Kloster oder der Hand eines vornehmen Verwandten . Der heitre Strom ihres Lebens war getrübt , ihr Glück zertrümmert , und dennoch schauderte ihr vor der Einsamkeit . Sie willigte also , nach den ersten Ausbrüchen des Schmerzes , in die vorgeschlagne Verbindung . Ihr Geliebter wandte sich still von dem Schauplatz der seligsten Erinnerungen und opferte ohne Klage ihrer Ruhe alle gehofften Freuden . So verstrichen mehrere Jahre , während denen ihr verwöhntes Herz zwischen Pflicht und unbefriedigter Sehnsucht schwankte . Ein einziges Kind , das in der verzehrenden Gluth ihrer Liebe aufwuchs , erregte unaufhörlich ihre Sorgen , und wenn sie sich einen Augenblick den seligen Genuß seines Anschauens gewährte , so erschrack sie über die sorglose Ruhe und ahnete irgend ein Unglück , das sie zu beschleichen drohe . Ihren Gemahl betrachtete sie wie das gewaltige Schicksal , das mit eisernen Schritten auf ihrem Wege hin und her gehe . Daher erschreckte sie sein Anblick jedesmal , und sie erkrankte endlich bei der wachsenden Reitzbarkeit ihrer Sinne . - Ihre Familie , die das Uebel von körperlicher Schwäche herleitete , bot jedes Mittel zu ihrer Herstellung vergeblich auf . Aerzte und Heilige scheiterten an der innern Unzugänglichkeit dieser zerrütteten Natur . Sie ward nach und nach immer stiller und man sah sie nur zuweilen mit ihrem Kinde im Arme zu einem nahen Kloster wallen , wo sie unter eifrigem Gebet oft mehrere Stunden zubrachte . Einst als sie dort in der heftigsten Anstrengung vor einem Heiligenbilde kniete , sank sie ohnmächtig nieder , und wie sie die Augen aufschlug , stand ihr Geliebter an ihrer Seite . Sie breitete sehnend die Arme aus , allein ihre Frauen , durch dies plötzliche Uebel erschreckt , trugen sie ins Freie , wo sie in der süßesten Verwirrung alles um sich her anstaunte , und selbst nicht zu unterscheiden wußte , ob ihr jenes Gesicht im Traume , oder wirklich erschienen sey . Von diesem Augenblick an genaß sie . Die wiederkehrenden Blüthen ihrer Schönheit , die Milde und die Weichheit in ihrem Betragen , alles täuschte ihre Freunde über den wahren Zustand ihres Herzens , das durch neue Hoffnungen belebt , eine verderbliche Liebe hegte . Das Kloster betrat sie nie mehr , wohl aber umfingen sie die dunklen Schatten dieser Bäume jeden Abend , in deren Geflister sie die Vergangenheit hervorrief . Einst saß sie hier bis spät in der Nacht , da trat der schöne Jüngling reich geschmückt vor sie hin . Schweigend sanken sie einander in die Arme , und keins wagte die entzückende Stille zu unterbrechen . Da stürzte ihr Gemahl aus dem Dickicht , und nach einem kurzen lautlosen Kampfe sanken beide zu Boden . Starr und todt lagen sie auf derselben Stelle , die nun ihr Grab geworden . Ich fand die Unglückliche ohne Zeichen des Lebens wie eingewurzelt an einen Baum gelehnt , während die kleine Viormona ruhig zu ihren Füßen schlief . Viormona ! rief Rodrich aus , und seine Augen trafen die Inschrift des Leichensteins , die ihm bald sagte , daß jene wundervolle Gestalt , die ihn so unwiderstehlich fortriß , aus dem bittern Streit der quälendsten Gefühle hervorging . Diese lebt in Glanz und Herrlichkeit , sagte der Greis , und weiß wohl wenig von den Leiden ihrer Mutter , die nur noch ein Jahr lebte , in welchem sie die prächtige Villa niederreißen und diese Capelle erbauen ließ , die nun alle drei in ihrem Schooße birgt . Rodrich konnte sich von dem Anblick der Gräber und der seltsamen Gedanken nicht losreißen , ob ihn gleich der Geistliche , durch Berufsgeschäfte abgehalten , bald verließ , und die Winke und das halblaute Flistern seines Dieners ihn zur Fortsetzung der Reise mahnten . Alle Schmerzen , alle Kämpfe eines ganzen Lebens , sagte er betrübt , sinken so schnell in die Vergessenheit , daß sie nur noch bei äußeren Anregungen in dem Gedächtniß eines verlebten Greises wieder erwachen . Was die Unglückliche liebte und litt , das ruhet mit dem armen herzen in der Erde . Ach , und Niemand , selbst die verwaiste Tochter ahnet ihre Qualen ! Es konnte ihn nicht trösten , das nun alles vorüber , und das Leben wohl nur ein langer Traum sey . Dies spurlose Vorüberziehen einer großen Gegenwart war ihm schmerzlich , und er konnte lange seine vorige Stimmung nicht wiederfinden . Als er endlich wieder zu Pferde und auf dem Wege war , fragte ihn Felix , ob er nicht lieber bei der großen Hitze in das Dorf einkehren wolle , um etwas zu genießen , was ihnen dort nicht fehlen könne , weil der Gastwirth , wie er von den Vorüberziehenden erfahren , heute das Kindtaufsfest feiere , und die allgemeine Lust sicher groß seyn werde . Rodrich sehnte sich wirklich nach Erholung , und nahm den Vorschlag an . Da sie nun den schmalen Fußsteig zwischen den Weinbergen hinritten , die vollen Trauben lockend aus dem Laube winkten und die Wirklichkeit sich in tausend üppigen Gestalten wieder vor seinen Augen verdichtete , dachte er daran , daß er fast hier wieder , wie so oft im Leben , den Genuß des Augenblicks für eine ungewisse Zukunft hingegeben hätte , ohne zu erwägen , daß sich die verschmähete Freude dann gern in der getäuschten Erwartung räche . Er war jetzt in das Dorf eingeritten , wo ihm fast aus jedem Hause Gesang und Musik entgegen schallte . Vor einem derselben war das Mädchen aus der Kirche beschäftigt , in einer weit vorgebaueten geräumigen Epheulaube Tische und Stühle zu ordnen , während ein kleiner Mann ihr zur Seite alles verbessernd musterte , und sie zur Eile antrieb . Felix sagte mit großer Zuversicht , dies sey ohnfehlbar der Gasthof , und er möchte nur getrost hier absteigen . Rodrich trat unter das grüne Dach , und bat das Mädchen , welches ihm in der Erinnerung noch so heilig vorschwebte , bescheiden um Milch und Früchte .