zwanzigster Brief Eduard an Amanda Ich bin nun hier auf dem Gute meines Vaters , und habe zum erstenmal einen Busen voll Sturm in diese friedlichen Fluren gebracht . Hier war ich als Knabe - glücklich ohne es zu wissen , eine heitre Welt stand vor meinem Blick , mein Leben war Genuß und Thätigkeit . Hier war ich oft als Jüngling , mit Wunsch und Gefühl . Oefters weinte ich da an einem schönen Abend oder Morgen , Thränen , deren Quelle ich nicht kannte . Ach ! es waren schon damals Thränen der Sehnsucht , die ich Dir weinte , obwol ich Dich nicht kannte , einzige Amanda ! warum sah ich Dich damals nicht , warum verband uns nicht Ein Himmel , Eine Flur ? - Und als ich Dich endlich fand , als mich die Liebe mit Dir vereinigte , wie war es möglich , Dich wieder zu verlassen ? - Ich habe viel darüber nachgedacht , was mich ans Leben hält , und was überhaupt den Menschen so ans Leben fesselt , und ich weiß es , ich habe es gefunden , es ist die Liebe , einzig sie allein . Wenn ich aufhöre zu lieben , so höre ich auch gewiß auf zu leben . Nur Liebe oder Eigennutz sind die Bande , die alle menschliche Gesellschaft zusammen halten , und wenn ich mich in schwarzen Stunden der Selbstqual ungeliebt und ohne Liebe denke , so schaudert mir , und ich ergreife rasch Dein Bild oder Deine Briefe . - Ich bin jung , und habe wenig Leiden erprüft , aber doch nicht selten schmerzlich die Nichtigkeit aller Freude gefühlt . Meine lebhafte Phantasie zauberte mich in alle noch ungeprüfte Lagen bis zur Wirklichkeit hinein . Ehe ich Dich kannte , fühlte ich öfters unbeschreibliches Verlangen , banges Gefühl von Alleinsein . Die Natur war damals meine Geliebte . Wie oft bin ich auf die Knie gesunken , den Busen voll Sturm , das Auge voll Thränen , und habe die Blumen geküßt und die Erde ! - Dann schwärmte ich rastlos umher , und ich brauche Dir nicht zu sagen , daß es kein gemeiner Taumel , kein gewöhnlicher Durst nach Vergnügen war . Eine Art von Verzweiflung jagte mich , und bei allem Reichthum meiner Gefühle , dünkte ich mich arm . Da führte mein Genius Dich zu mir - und alles , was ich je empfunden , wiederholte sich schöner bei Dir . Der Sehnsucht Thräne , der Wehmuth Seligkeit , die tiefe Ehrfurcht , das stumme Entzücken , - das alles gab ich nun Dir , und Du warst reicher als die Natur , Du nahmst und gabst . - O ! Einklang der Seelen ! Mittheilung ohne Worte ! O ! selige , selige , selige Zeit ! - Gleich einer glücklichen Insel ragt sie aus dem Strom des Lebens hervor . Die Liebe leitete uns auf geheimnißvollem Weg dahin ; aber wir mußten sie verlassen , unser Weg hat weiter keinen Zusammenhang mit ihr , und einsam und getrennt treibt der Strom den öden Nachen hinab . - Was soll ich nun allein auf den dunklen Wellen , wo Du , leuchtendes Gestirn ! mir fehlst ? - Ach ! ich bin so kleinmüthig ! und das macht die Entfernung allein , die Entbehrung , die mich alles Sinnes und Muthes beraubt ! - Die Welt weicht von mir zurück . Leiser , und immer leiser verhallen in dem weiten All die Töne der Liebe , der Freude , unvermerkt löset sich ein Band nach dem andern , und an dem großen Accord menschlicher Wünsche und Freuden schließt sich der Ton meines Herzens nicht mehr an . Dein Brief thaut Balsam auf mein wundes Herz , und gräbt die Wunde doch tiefer . Ich denke mich bis zum Wahnsinn in alle verschiedenen Lagen hin , worinnen ich Dich so oft gesehn . Ach ! daß ich die Träume , die die Sehnsucht Deinem Auge entlockt , wenn Du einsam in die nächtliche Gegend blickst , nicht von Deinen Wangen küssen kann ! daß ich nicht mehr gegenwärtig bin , um die Musik Deiner Rede zu vernehmen , wenn Deine Lippen sich so anmuthsvoll bewegen , daß ich oft selbst das Hören darüber vergaß ! - Kann der todte Buchstabe mir ersetzen , was einst so lebensvoll , so göttlich vor mir stand ? - Nein ! meine Empfindung gleicht der Empfindung eines Greises , der aus dem Schatten der Ruhe noch einmal auf den schimmernden Blumenpfad seiner Jugend zurückblickt . Alles Glück liegt hinter ihm , und vor ihm , eine stille , leere , dunkle Gegend . Ein Plätzchen habe ich hier gefunden , heimlich zwischen Bergen und Gesträuch , dem Garten ähnlich , wo einst Engel zu mir herabstiegen . Hier will ich mir eine kleine Kapelle bauen , einfach , prunklos und mit weichem Boden , daß man leise geht , wie der verstohlne Tritt der Liebe . Ueber dem Altar hängt Dein Bild ; auf ihm liegt alles , was ich je in seligen Stunden von Bändern , Blumen und Briefen von Dir erhielt . Vier Säulen sind darinnen , der Phantasie , Erinnerung , Hoffnung und Liebe geweiht , und jede trägt das Gemälde einer Sonne aus der kurzen Blüthenzeit meines Glücks . Zuweilen muß ich auch einen Menschen mit mir dahin führen , um dort zu beten , denn welcher Genuß ist ungetheilt ? - Aber behutsam , sehr behutsam werde ich sein in meiner Wahl , und wol manches Jahr wird hingehen , daß keiner in den Tempel meiner Allgegenwärtigen tritt . Und wenn auch einer der Erste seines Jahrhunderts wäre , so müßte er dennoch geliebt , glücklich geliebt haben , wenn er mich begleiten dürfte . Aber große Menschen werden nicht ohne Liebe ; sie allein bringt uns den Vollkommnen näher . - Wäre nur meine Kapelle schon fertig , daß ich mich in den heissen Augenblicken der Unruhe und der Sehnsucht , dahin verbergen könnte ! Amanda ! ich bin in Verzweiflung ! - In meiner Zerstreuung hab ' ich vergessen , dem Boten , der Briefe in die Stadt trägt , diesen Brief an Dich mitzugeben . Das Aussenbleiben desselben wird Dich beunruhigen , und ich kann diesen Gedanken nicht ertragen . Ich lasse das schnellste Pferd satteln , und fliege in die Stadt , um die Post noch zu erreichen . O ! daß es so unbändig wäre und sich nicht halten ließe , und mich ohne Rast zu Dir hintrüge ! Ich bin wieder besser , meine Amanda , ich bin ganz gesund . - Ach ! was habe ich gelitten , daß ich Dich so lange in dieser Ungewißheit lassen mußte , aber die Krankheit übermannte mich mit unbeschreiblicher Stärke und Schnelligkeit ; ein heftiges Fieber raubte mir das Bewußtsein , und vergönnte mir nur selten einen leichten Augenblick ; ich habe viel phantasirt , und bin sehr glücklich gewesen . Ganz deutlich erinnere ich jetzt mich dessen , was meiner Krankheit vorher gieng , und ich will es Dir erzählen , weil ich Dir nichts verheelen darf . - Ich ritt , nachdem ich Dir zuletzt geschrieben , mit fliegender Eil , um noch vor Abgang der Post in der Stadt zu sein . Auf meinem Weg lag eine Fähre , die ich passiren mußte . Es war so früh , daß man auf der andern Seite niemand vermuthete , und ich mußte lange warten . Die Luft wehte kalt , der Himmel sah schwarz umzogen , und meine Ungedult war fürchterlich . Schon wollte ich mich in die Wogen stürzen und hinüberschwimmen , als ein alter Schäfer herbei kam , und mich gutmüthig festhielt . Er stellte mir die Gefahr bei dem herannahenden Sturm so lebhaft vor , daß ich einige Augenblicke lang schwankte , und ein kleines Gespräch mit ihm anknüpfte . Und hier - so bitter war meine Stimmung - war ich recht bemüht , diesem Menschen , der mit seinem Dasein zufrieden schien , das Traurige desselben mit wilder Lebhaftigkeit aufzudecken . In dieser öden Gegend , wo Stunden weit keine menschliche Wohnung , nur Sand und dünner Graswuchs zu sehen ist , mußte dieser Mensch zwei mal 24 Stunden lang - allein mit seinem Hund die Schaafe hüten , wo dann ein andrer ihn ablöste . Bitter fragte ich den Mann : Wie magst du nur das Leben ertragen ? - Aber er begriff mich nicht , und erzählte mir nur , wie er dann Einen Tag in seiner Hütte zubrächte , und mit seinem Weibe des kleinen Lohns sich freue , und sein Gärtchen bestelle . - Dies Gespräch machte mich noch ungeduldiger , und da die Fähre noch immer nicht gekommen war , so nahm ich keine Gründe mehr an . Ich verließ mich auf mein gutes Pferd und meine Kräfte , und wünschte , daß ein verzweifelter Kampf mit den , Wogen , dem Leben , das in manchen Augenblicken keinen Reiz mehr für mich hat , wiederum Werth geben möchte . - Glücklich erreichte ich das Ufer , und nun weiter nach der Stadt . Ich kam zu spät , und das brachte mein Blut noch mehr in Wallung ; eine unnatürliche Glut rann durch meine Adern ; ich fühlte die Krankheit , aber ich faßte die Idee , sie zu bekämpfen , und ihr durchaus nicht unterliegen zu wollen . Unverzüglich ritt ich wieder fort , durch eine dunkle , stürmische Nacht . Aber mir war wohl , sehr wohl . Das Ungewisse der Schatten , erhöhete meinen gespannten Zustand . Allmächtig , wie ein Gott , wandelte ich allein in einer unendlichen Welt . Die ganze Natur schien mir unterthan , ich fürchtete , ich hofte nichts ; Leben und Tod lag in meiner Hand . Auf einer unermeßlichen Nebelbahn kam mir ein ferner , freundlicher Lichtstrahl entgegen . Du warst es ; wie eine leuchtende Sonne nahtest Du mir , und wir stiegen höher , immer höher . - Gegen Morgen kam ich an das Wasser und dachte mit Vergnügen der gestern überstandnen Gefahr . Diesmal fand ich die Fähre und ließ mich gleichgültig übersetzen . Meine Verwandten erschracken , als ich nach Hause kam . Ich sprach unbeschreiblich viel in Prosa und Versen , mit der größten Lebhaftigkeit . Nach einigen Stunden gelang es ihnen , mich ins Bett zu bringen , und von diesem Augenblick an weiß ich wenig mehr . - Mehrere Wochen sind mir ohne helles Bewußtsein vergangen , doch war Dein Bild in allen meinen Träumen . Sie sagen : ich soll noch nicht ausser Gefahr sein , doch fühle ich jetzt meine Kräfte täglich mehr zurückkehren , und meine einzige Sorge ist Deine Bekümmerniß . Fürchte nur nichts mehr , Geliebte ! Du liebst mich und ich lebe . Vier und zwanzigster Brief Amanda an Eduard O Du bist krank , Eduard ! Du bist es noch immer ! Dein Brief trägt unverkennbare Spuren Deines zerrütteten Zustandes . Weh mir , daß ich so Dich wissen und entfernt von Dir bleiben muß ! Diese innre Nothwendigkeit bei aller äussern Freiheit ist das Schrecklichste , was sich fühlen läßt , ist die größte Qual meines Lebens ! - Ich möchte , wie Clärchen , als sie Egmont im Kerker weiß , und ihn nicht retten kann , ich möchte gebunden sein , an allen Gliedern gelähmt , lieber , als so frei herum gehn zu können , und doch fern von Dir bleiben zu müssen ! - O ! jetzt - bei dem heiligen Gefühl der Liebe , beschwöre ich Dich - schone Dein ! gedenke des liebenden Herzens , dessen Qualen Dein Werk sind . Verbanne alle Schwärmereien , bändige Deine Phantasie , bedenke , daß mit der Gesundheit auch die Freude , mit dem Leben die Hoffnung verfliegt . - Wie heftig bist Du in Allem - o ! sei ruhig , vertraue dem Herzen der Geliebten , der Du Alles bist , laß uns der Zeit vertrauen , die das Verworrene still lösen wird . Noch hab ' ich selten an unsre Zukunft gedacht , und wohin das alles wol führen sollte . Fragst Du den Strom , wohin er seinen Lauf zu nehmen gedenkt ? Allmächtig wogt er dahin , wie Naturgesetz und Kraft es ihm gebieten . - Wie nahe , wie lebendig hat mich noch heute Dein Andenken umschwebt ! einsam gieng ich in den dunklen Gängen des Gartens ! sehnsuchtsvoll breitete ich meine Arme aus , und nannte leise Deinen geliebten Namen . Ach ! da war es mir , als müßte ich Dich aus Deiner Ferne zu mir herüberziehen , und mir ward wohl und weh bei dieser Täuschung . - Und nun noch einmal , Eduard ! einzig Geliebter ! schone Dein Leben , Deine Gesundheit ! - Julie ist zurückgereist ; Albret ist krank ; ich bin allein - o ! wenn Du meine Unruhe kenntest ! Fünf und zwanzigster Brief Amanda an Julien Ich komme mit der alten Freundschaft und mit neuer Unruhe zu Dir , geliebte Freundin ! - Wohl uns , daß wir uns verstanden , uns aufs neue gefunden haben ! Der Sonnenstrahl der Nähe , hat alle die verhüllten Blüthenknospen der Jugendfreundschaft und Erinnerung , in unsern Herzen wieder aufgeschlossen ; ein neuer Lenz hat sich unserm Gefühl entfaltet , dessen heitern Himmel keine Mißverständnisse , keine Klugheit , keine kleinlichen Rücksichten getrübt haben , und unsre Herzen waren gegen einander noch rein und ohne Falsch , wie in den Tagen der Kindheit . Du hast mich weicher , fühlender - jugendlicher verlassen ; mich hast Du klärer , menschlicher , hoffnungsvoller zurückgelassen . Und nun vergönne mir den tröstenden Genuß der Mittheilung , und laß mich Dir sagen , was seit Deiner Abreise mit mir vorgegangen ist . Du weißt , daß Albret von einer heftigen Krankheit überfallen ward ; sein Zustand schien gefährlich . Ich that für ihn , was Dankbarkeit , was menschliches Gefühl , was mir mein Herz gebot , und er schien weicher und vertrauungsvoller gegen mich zu sein als je . Einst ließ er mich zu sich rufen . » Amanda , « sagte er mit schwacher Stimme , » mein Leben , ich fühle es , ist bald dahin . Willst du meine letzten Lebensstunden erheitern , und dir selbst die Ruhe deiner Zukunft sichern ? « - » O ! rede frei , « rief ich , schon ganz erweicht , » alles was ich kann , will ich gern , gern für deine Zufriedenheit thun ! - « » Du liebst Eduard , « fuhr er fort » diesen Jüngling , der heftig , ehrgeizig , unzuverlässig , undankbar ist , kurz alle Fehler der Jugend in hohem Maaß besitzt ; dein Glück , deine Ruhe , zertrümmert der Wilde unausbleiblich . Entsage ihm jetzt , da es noch Zeit ist , brich allen Umgang mit ihm ab ; versprich es mir , und du verbreitest Frieden über mein gequältes , hinsinkendes Leben ! - « Mein Herz zerfloß in tiefen Schmerz , und mein Auge in Thränen ; - ach ! es gelang ihm nur zu gut , alle Saiten meines Gefühls zu tiefer Trauer zu bewegen - aber ich war entschlossen . Jene rauhe Tugend , die Alles seinen Grundsätzen aufzuopfern befiehlt , mögen auch alle andre darüber zu Grunde gehen , kenne ich zwar nicht ; sie ist mir fremd ; aber diesen Betrug , diese Herabwürdigung dessen , was mir das Liebste , das Heiligste ist - O ! wie hätte ich ein solches Versprechen über meine Lippen bringen können ? - Nein ! sagte ich fest , und nur dieses einzige kann ich Dir nicht gewähren ! - Albret gab seinen Plan so leicht nicht auf ; er suchte alles hervor , was mich zu erschüttern vermochte , und nur spät überzeugte er sich , daß es vergebens war . » Nun wohl , « sagte er hierauf , » bist du seines Herzens , ist er des deinigen so gewiß , so kannst du nichts dabei wagen , wenn ich ihn auf eine , nicht allzu schwere Probe stelle ; und dies Verlangen wirst du mir , ohne Ungerechtigkeit , nicht unbefriedigt lassen können . Versprich mir nur vier Monate lang , ihm keine Zeile , kein Wort von deiner Hand lesen zu lassen , und dann entscheide selbst über ihn . Fühlt er wirklich so , wie du glaubst , was vermag eine so kurze Zeit , was vermöchte die größte Wahrscheinlichkeit , gegen die freudige Gewißheit seiner Liebe ? gegen sein Vertrauen zu dir ? « - Er fügte noch manches hinzu , und Julie - ich versprach es . Ich versprach es und werde es halten , was es mir auch schon jetzt kostet . Denn diese Probe , was soll sie ? - Verträgt sich die Klugheit einer solchen Prüfung mit der Einfalt , der heiligen Kindlichkeit der Liebe ? - Ach ! schon bin ich sehr unruhig ! Dem Sterblichen sollte Wahrheit über alles heilig sein ! Eine einzige Abweichung - und Du kannst die Folgen nicht berechnen . Kaum ist die Handlung geschehen , so geht ihre Wirkung ins Unendliche ; unaufhaltsam stürmen die raschen Mächte des Schicksals mit deiner That dahin , und nie bekommst Du sie mehr in Deine Gewalt ! Sechs und zwanzigster Brief Eduard an Barton Barton ! ich habe Dich beleidigt , schwer beleidigt - ich weiß es , und allen Deinen Briefen fühle ich meine Schuld und Deinen Kaltsinn an . Eigenmächtig , ohne Grund , entzog ich Dir mein Vertrauen . Du warst mir wenig mehr , weil mir Amanda Alles war . Vergiß es jetzt , ich selbst kann es Dir noch nicht erklären - und vielleicht kannst Du es besser als ich ; beurtheile mich im Ganzen , als Erscheinung , wie Du sonst wol thatest , und Du wirst sehen , es wird sich alles ausgleichen . Ich bin kaum genesen und es stürmt so vieles auf mich ein . Mein Vater ist hier , und hat mir Alles gesagt . Ich weiß es nun , daß er von Albret tödlich gehaßt wird , und aus welchen Gründen ; weiß es , daß dieser stolze , rachedürstende Mann seinen Groll auch auf mich übertrug , und daß mein Vater , der in seiner Nähe für mich fürchtete , sogar mein Leben in Gefahr glaubte , deshalb so schleunig , so unbiegsam auf meine Abreise drang . Seine Liebe erfreut mich , aber die Gefahr , worinnen er mich geglaubt , rührt mich weit weniger , als , wie ihr das furchtbare Gemüth dieses Mannes kennen , und es so gleichgültig zu ertragen vermochtet , daß Amanda bei ihm lebt . Wie ? habt ihr Herzen ? oder hat die Welt schon euren Sinn so eng zusammen gezogen , daß nur euer eignes Schicksal euch rühren kann , und ihr das Wohl und Weh eines fremden Wesens - o Gott ! und des vollkommensten - gelassen und unthätig , in seine eignen Hände gebt ? - Und ihr seid ja die bessern unter den Menschen ! - Doch davon hernach : jetzt das Wichtigste . Amanda schreibt mir nicht - was geht dort vor ? - das ist es , was ich von Dir wissen muß . Einer meiner dortigen Bekannten erzählt mir in seinem Brief ganz unbefangen , daß man sie sehr oft mit dem Grafen * * zusammen sehe ; daß seine heftige Leidenschaft für sie kein Geheimniß sei , und Amanda ihr Gehör zu geben scheine . Ich glühe , wenn ich mir das denke . Kanntest Du jemals diese Qualen der Eifersucht , die mir , wüthender Flammen gleich , verheerend durch die Seele zucken . - Warum vernichten sie ohne zu tödten ? - Und warum soll sie keine Freude mehr genießen , ohne mich : ihre ganze Existenz gedultig in die meinige auflösen ? - Kann ich , will ich diesen Seelenmord verlangen ? Ja ! ich darf Alles von ihr fodern , weil ich ihr Alles zu geben bereit bin ; mein Gefühl ist natürlich , ist gerecht ! - Ein heiliges Gesetz , daß Liebe nur Liebe - verlangt und giebt , liegt ihm zu Grunde . Ist sie mir nicht Alles ? Möchte ich nicht , von ihr getrennt , jede Freude nur darum genießen , um sie , treu aufbewahrt und verschönert , ihrer Phantasie wieder zu geben ? Vergleiche ich nun die stillen Aeusserungen Deiner Briefe damit , die auch ihrer oft in Verbindung mit dem Grafen erwähnen , so stoßen sie mir den Dolch ins Herz , und doch kann ich nicht sagen , daß du mir weh thust . Du schreibst mir kein Urtheil , nur trockne Wahrheit ; bloß die äußre Erscheinung , nichts von Vermuthung , selbst das nicht , wie es auf Dich wirkte . Das thust Du , eben weil Du weißt , wie tief es mich angeht . » Ich rathe niemand in Sachen des Gefühls , « sagtest Du einst , » denn ich kann so gut irren , wie der Andere . Aber ich stelle ihm die Sache hin , rein und natürlich , wie sie mir erscheint , um vielleicht durch eine neue Ansicht sein Urtheil unbefangen zu machen . « - Aber , Freund ! mit dieser kalten Klarheit richtest Du jetzt nichts aus , jetzt nicht gegen mein leidenschaftliches , gequältes Herz . Ich fodre Dein Urtheil , ganz bestimmt , Alles was Du von ihr , ihrem Wesen , ihren Verhältnissen und ihrer Liebe zu mir , denkst . - Ach ! daß ich so kalt , so fremd , so gemein , von ihr , von dem sprechen muß , was mir das Nächste , das Heiligste , das Unaussprechlichste war ! - Wie anders , wie ganz anders gestalten sich diese göttlichen Bilder , durch diesen Zweifel , diese unwürdige Verhandlung ! - Wie ! ich hätte vielleicht geträumt ? - und dies alles könnte enden , wie das Gemeinste endet ? und es wäre Wahn gewesen , Rausch des Vergnügens , kurz , irgend etwas , was man erklären kann , was ich so einzig , so göttlich in mir fühlte ? - O ! vielleicht haben meine letzten Briefe , oder die ihrigen , ein unglückliches Schicksal gehabt , und ein gemeiner Zufall verführt mich zu den frevelhaftesten Aeusserungen ! - Genug , schreibe mir bald und deutlich . Ich warte zwei Posttage auf Deinen Brief , und warte ich vergebens , so siehst Du mich vor Dir ! Sieben und zwanzigster Brief Eduard an Barton Gut ! ich habe nun Deinen Brief , und Du bist mit mir abgefunden . Du handelst rechtlich , und ob gleich ich Dich hier lieber fühlend hätte handeln sehen , so darf ich doch nichts dagegen sagen . - Du schreibst mir , daß Dich Albret einst aus einer der größten Verlegenheiten Deines Lebens befreit hat , daß Du ihm große Verbindlichkeiten schuldig bist , und damals den unverbrüchlichen Vorsatz gefaßt hast , niemals auf keine Veranlassung , und in keinem Verhältniß , gegen ihn zu handeln . Treue gegen Deinen Entschluß , und noch überdies , die Ueberzeugung , daß man sich nie in fremde Herzensangelegenheiten mischen dürfe , hielten Dich also ab , an meinem Verhältniß mit Amanda , auch nur entfernt , Theil zu nehmen , und alles was Du jetzt für mich thun konntest , war , daß Du Nanetten fragtest , ob ihr vielleicht der Grund von Amandas Schweigen bekannt sei ? - Und er war es ! - Amanda hat mir auf Albrets Bitte feierlich entsagt ! Sei der Bewegungsgrund welcher er wolle , sie hat mir entsagen können , was läßt sich dagegen einwenden ? - Und nicht von ihr selbst sollte ich dies erfahren - denn ich habe keinen Brief darüber von ihr , so unbegreiflich dies ist . Vielleicht , daß irgend ein Geheimniß hier verborgen ist , aber wie es auch sei - Nanette hat es ja von Albret selbst gehört . - Entsagt ! nein ! mein Stolz erwacht , und was es auch kosten mag , ich reiße Liebe und Hoffnung und Glück , auf ewig aus meinem Herzen ! In einigen Tagen wird mein Vater mit Privataufträgen des * * schen Hofs nach * * gehen . Er will , daß ich ihn begleiten , mancherlei Geschäfte übernehmen , und mich nun selbst mit Welt und Menschen bekannt machen soll ; und ich werde , so viel ich kann , mich in seine Wünsche fügen ; aber mein Sinn , meine Stimmung , treibt mich jetzt fast unwiederstehlich dazu , Kriegsdienste zu nehmen , und ich werde alles thun , um ihn für diesen Wunsch zu gewinnen . Sonderbar ist es mir zu Muthe , wenn ich jetzt an meine frühern Wünsche zurück denke , wo ich mir kein größer Glück denken konnte , als meines Vaters Freund zu sein , und viele Länder und Menschen kennen zu lernen . Und nun bin ich fast der Vertraute meines Vaters geworden ; ich sehe ihn , der sonst vor meiner Phantasie immer in heiliges Dunkel gehüllt war , ganz nahe und klar vor mir handeln ; nun ist der Augenblick gekommen , der sonst eine Gränze für alle meine Hoffnungen zog . Und wenn ich mich nun doch so voll Unruhe und Sehnsucht fühle , da erscheint mir der Mensch wie ein Wandrer , der einen Berg ersteigen will , und wenn er die eine Höhe , die er für die letzte hielt , erstiegen hat , so wächst der Berg vor seinen Augen , und er steigt mit steter Sehnsucht , so weit er kann , ohne je den Gipfel erreichen zu können . Unsre Wünsche verlieren sich ins Unendliche , wie alle unsre Vorstellungen ; denn wir können uns das Größte und das Kleinste , das Unbeschränkte und Beschränkteste nicht denken . Nur Einen Zustand im Leben giebt es , welcher Ruhe gewährt ohne Ersterbung , der das Unendliche umspannt , und alle Sehnsucht befriedigt . Es ist der kurze , glühende Sonnenblick , den eine höhere Sonne , vorübergehend , auf das dunkle , flüchtige Leben des Sterblichen wirft . Aber er geht vorüber , und alles sinkt ihm noch in tiefere Schatten ! - Ohne Hoffnung blicke ich in mein zukünftiges Leben hin ; das Glück liegt hinter mir , und ich lebe dafür nicht mehr . Und wofür denn sonst ? - zum Wohl des Ganzen soll ich wirken ? und weiß ich denn , worinnen dies eigentlich besteht ? zeige mir , wo ich das wahre Ziel zu suchen habe : - und wenn ich es nicht weiß , nicht wissen darf , so treibt mich eine ewige Nothwendigkeit , auch ohne mein Zuthun dahin . - Ach ! das hat mich schon öfters gequält ! - Rollt die Menschheit mit allen ihren äussern und innern Revolutionen , ewig wie ein ungeheures Rad , mit Nacht und Traum bedeckt , in dem Strom der Zeit dahin ? Das Rad rollt unablässig durch die Feuersäule hindurch , und was beschienen wird , erwacht auf einen Augenblick zum Leben , zum Bewußtsein . Aber alles eilt hindurch und schwindet in Nacht ; bis es einst vielleicht wiederum unter einer andern Gestalt eben so flüchtig den Feuerstrahl durchrollt . O ! dann wünscht ' ich trostlos , von diesem unendlichen , einförmigen , zwecklosen Reif herabspringen zu können , wäre es auch , um in das ewige Nichts zu versinken ! - Oder steigen wir auf der unermeßlichen Linie der Zeit einem vorgesteckten Ziel entgegen ? aber was es ist , und wo es endet ? - O ! warum streben unsre Wünsche ewig dieser Gränze zu , wo eine fremde Macht sie kalt zurückreißt ; warum können wir nicht , wie Mückenschwärme im Abendgold , uns des flüchtigen Sonnenblicks unbesorgt erfreuen , bis er verloschen ist ? Ich habe * * verlassen ; die Trennung von dieser Gegend , hat mich lebhaft an eine andre erinnert , und ein Augenblick hat mich belehrt , wie sehr mein Herz an seiner Liebe hängt . Beinah ' dünkte es mir unmöglich , diese Gegend zu verlassen , und mich noch weiter von ihr zu entfernen . Nein ! ich war zu rasch , und will nicht so von ihr getrennt sein ! Ich will schreiben , und Nanette den Brief zuschicken , da Du es nicht übernehmen kannst . Ich muß , ich muß sie wieder sehn , mit ihr leben ! - O ! ewig würde dies schöne Bild , wie ein verlornes Paradies , meiner Seele vorschweben , und alle Freuden durch seine Erscheinung in Qualen verwandeln , wenn ich nicht alles thäte , um es mit Wahrheit zu beleben ! - Wie ? ich sollte nie mit ihr glücklich sein ? unsre Bekanntschaft wäre ohne Zusammenhang mit unserm ganzen übrigen Leben , und die Harmonie unsrer Herzen nichts als der Traum einer erregten Phantasie ? - Und wie kann sie ohne mich glücklich sein ? - kein Andrer kann ihr das sein , keiner ihre Gefühle so verstehen wie ich , keiner sie so erwiedern ! öde und leer wird uns beiden das Leben , das uns so frisch , so verständlich , so blüthenvoll sein könnte . - Nein ! sie soll alles wissen was in mir vorgeht ; unser Glück will ich ganz in ihre Hände , in ihren Willen legen . Und wissen soll sie , welch ein Herz der Mann , an welchen sie das Schicksal band , im Busen trägt . Denn mich banden ja die Bedenklichkeiten nicht , welche Euch zurückhalten , und ich darf ihr frei sagen , daß Albret , als