aber inständigst um keinen so leichtfertigen Gesang . Nein , sagte Klingsohr , ich werde mich wohl hüten so frevelhaft von euren Geheimnissen zu reden . Sagt selbst , was ihr für ein Lied haben wollt . Nur nichts von Liebe , riefen die Mädchen ein Weinlied , wenn es euch ansteht . Klingsohr sang : Auf grünen Bergen wird geboren , Der Gott , der uns den Himmel bringt . Die Sonne hat ihn sich erkohren , Daß sie mit Flammen ihn durchdringt . * Er wird im Lenz mit Lust empfangen , Der zarte Schoß quillt still empor , Und wenn des Herbstes Früchte prangen Springt auch das goldne Kind hervor . * Sie legen ihn in enge Wiegen In ' s unterirdische Geschoß . Er träumt von Festen und von Siegen Und baut sich manches luft ' ge Schloß . * Es nahe keiner seiner Kammer , Wenn er sich ungeduldig drängt , Und jedes Band und jede Klammer Mit jugendlichen Kräften sprengt . * Denn unsichtbare Wächter stellen So lang er träumt sich um ihn her ; Und wer betritt die heil ' gen Schwellen , Den trift ihr luftumwundner Speer . So wie die Schwingen sich entfalten , Läßt er die lichten Augen sehn , Läßt ruhig seine Priester schalten Und kommt heraus wenn sie ihm flehn . * Aus seiner Wiege dunklem Schooße , Erscheint er in Krystallgewand ; Verschwiegener Eintracht volle Rose Trägt er bedeutend in der Hand . * Und überall um ihn versammeln Sich seine Jünger hocherfreut ; Und tausend frohe Zungen stammeln , Ihm ihre Lieb ' und Dankbarkeit . * Er sprützt in ungezählten Strahlen Sein innres Leben in die Welt , Die Liebe nippt aus seinen Schalen Und bleibt ihm ewig zugesellt . * Er nahm als Geist der goldnen Zeiten Von jeher sich des Dichters an , Der immer seine Lieblichkeiten In trunknen Liedern aufgethan . * Er gab ihm , seine Treu zu ehren , Ein Recht auf jeden hübschen Mund , Und daß es keine darf ihm wehren , Macht Gott durch ihn es allen kund . * Ein schöner Profet ! riefen die Mädchen . Schwaning freute sich herzlich . Sie machten noch einige Einwendungen , aber es half nichts . Sie mußten ihm die süßen Lippen hinreichen . Heinrich schämte sich nur vor seiner ernsten Nachbarin , sonst hätte er sich laut über das Vorrecht der Dichter gefreut . Veronika war unter den Kranzträgerinnen . Sie kam frölich zurück und sagte zu Heinrich : Nicht wahr , es ist hübsch , wenn man ein Dichter ist ? Heinrich getraute sich nicht , diese Frage zu benutzen . Der Übermuth der Freude und der Ernst der ersten Liebe kämpften in seinem Gemüth . Die reizende Veronika scherzte mit den Andern , und so gewann er Zeit , den ersten etwas zu dämpfen . Mathilde erzählte ihm , daß sie die Guitarre spiele . Ach ! sagte Heinrich , von euch möchte ich sie lernen . Ich habe mich lange darnach gesehnt . - Mein Vater hat mich unterrichtet , Er spielt sie unvergleichlich , sagte sie erröthend . - Ich glaube doch , erwiederte Heinrich , daß ich sie schneller bey euch lerne . Wie freue ich mich euren Gesang zu hören . - Stellt euch nur nicht zu viel vor . - O ! sagte Heinrich , was sollte ich nicht erwarten können , da eure bloße Rede schon Gesang ist , und eure Gestalt eine himmlische Musik verkündigt . Mathilde schwieg . Ihr Vater fing ein Gespräch mit ihm an , in welchem Heinrich mit der lebhaftesten Begeisterung sprach . Die Nächsten wunderten sich über des Jünglings Beredsamkeit , über die Fülle seiner bildlichen Gedanken . Mathilde sah ihn mit stiller Aufmerksamkeit an . Sie schien sich über seine Reden zu freuen , die sein Gesicht mit den sprechendsten Mienen noch mehr erklärte . Seine Augen glänzten ungewöhnlich . Er sah sich zuweilen nach Mathilden um , die über den Ausdruck seines Gesichts erstaunte . Im Feuer des Gesprächs ergriff er unvermerkt ihre Hand , und sie konnte nicht umhin , manches was er sagte , mit einem leisen Druck zu bestätigen . Klingsohr wußte seinen Enthusiasmus zu unterhalten , und lockte allmählich seine ganze Seele auf die Lippen . Endlich stand alles auf . Alles schwärmte durch einander . Heinrich war an Mathildens Seite geblieben . Sie standen unbemerkt abwärts . Er hielt ihre Hand und küßte sie zärtlich . Sie ließ sie ihm , und blickte ihn mit unbeschreiblicher Freundlichkeit an . Er konnte sich nicht halten , neigte sich zu ihr und küßte ihre Lippen . Sie war überrascht , und erwiederte unwillkührlich seinen heißen Kuß . Gute Mathilde , lieber Heinrich , das war alles , was sie einander sagen konnten . Sie drückte seine Hand , und ging unter die Andern . Heinrich stand , wie im Himmel . Seine Mutter kam auf ihn zu . Er ließ seine ganze Zärtlichkeit an ihr aus . Sie sagte : Ist es nicht gut , daß wir nach Augsburg gereist sind ? Nicht wahr , es gefällt dir ? Liebe Mutter , sagte Heinrich , so habe ich mir es doch nicht vorgestellt . Es ist ganz herrlich . Der Rest des Abends verging in unendlicher Fröhlichkeit . Die Alten spielten , plauderten , und sahen den Tänzen zu . Die Musik wogte wie ein Lustmeer im Saale , und hob die berauschte Jugend . Heinrich fühlte die entzückenden Weissagungen der ersten Lust und Liebe zugleich . Auch Mathilde ließ sich willig von den schmeichelnden Wellen tragen , und verbarg ihr zärtliches Zutrauen , ihre aufkeimende Neigung zu ihm nur hinter einem leichten Flor . Der alte Schwaning bemerkte das kommende Verständniß , und neckte beyde . Klingsohr hatte Heinrichen lieb gewonnen , und freute sich seiner Zärtlichkeit . Die andern Jünglinge und Mädchen hatten es bald bemerkt . Sie zogen die ernste Mathilde mit dem jungen Thüringer auf , und verhehlten nicht , daß es ihnen lieb sey , Mathildens Aufmerksamkeit nicht mehr bey ihren Herzensgeschäften scheuen zu dürfen . Es war tief in der Nacht , als die Gesellschaft auseinanderging . Das erste und einzige Fest meines Lebens , sagte Heinrich zu sich selbst , als er allein war , und seine Mutter sich ermüdet zur Ruhe gelegt hatte . Ist mir nicht zu Muthe wie in jenem Traume , beym Anblick der blauen Blume ? Welcher sonderbare Zusammenhang ist zwischen Mathilden und dieser Blume ? Jenes Gesicht , das aus dem Kelche sich mir entgegenneigte , es war Mathildens himmlisches Gesicht , und nun erinnere ich mich auch , es in jenem Buche gesehn zu haben . Aber warum hat es dort mein Herz nicht so bewegt ? O ! sie ist der sichtbare Geist des Gesanges , eine würdige Tochter ihres Vaters . Sie wird mich in Musik auflösen . Sie wird meine innerste Seele , die Hüterin meines heiligen Feuers seyn . Welche Ewigkeit von Treue fühle ich in mir ! Ich ward nur geboren , um sie zu verehren , um ihr ewig zu dienen , um sie zu denken und zu empfinden . Gehört nicht ein eigenes ungetheiltes Daseyn zu ihrer Anschauung und Anbetung ? und bin ich der Glückliche , dessen Wesen das Echo , der Spiegel des ihrigen seyn darf ? Es war kein Zufall , daß ich sie am Ende meiner Reise sah , daß ein seliges Fest den höchsten Augenblick meines Lebens umgab . Es konnte nicht anders seyn ; macht ihre Gegenwart nicht alles festlich ? Er trat ans Fenster . Das Chor der Gestirne stand am dunkeln Himmel , und im Morgen kündigte ein weißer Schein den kommenden Tag an . Mit vollem Entzücken rief Heinrich aus : Euch , ihr ewigen Gestirne , ihr stillen Wandrer , euch rufe ich zu Zeugen meines heiligen Schwurs an . Für Mathilden will ich leben , und ewige Treue soll mein Herz an das ihrige knüpfen . Auch mir bricht der Morgen eines ewigen Tages an . Die Nacht ist vorüber . Ich zünde der aufgehenden Sonne mich selbst zum nieverglühenden Opfer an . Heinrich war erhitzt , und nur spät gegen Morgen schlief er ein . In wunderliche Träume flossen die Gedanken seiner Seele zusammen . Ein tiefer blauer Strom schimmerte aus der grünen Ebene herauf . Auf der glatten Fläche schwamm ein Kahn . Mathilde saß und ruderte . Sie war mit Kränzen geschmückt , sang ein einfaches Lied , und sah nach ihm mit süßer Wehmuth herüber . Seine Brust war beklommen . Er wußte nicht warum . Der Himmel war heiter , die Flut ruhig . Ihr himmlisches Gesicht spiegelte sich in den Wellen . Auf einmal fing der Kahn an sich umzudrehen . Er rief ihr ängstlich zu . Sie lächelte und legte das Ruder in den Kahn , der sich immerwährend drehte . Eine ungeheure Bangigkeit ergriff ihn . Er stürzte sich in den Strom ; aber er konnte nicht fort , das Wasser trug ihn . Sie winkte , sie schien ihm etwas sagen zu wollen , der Kahn schöpfte schon Wasser ; doch lächelte sie mit einer unsäglichen Innigkeit , und sah heiter in den Wirbel hinein . Auf einmal zog es sie hinunter . Eine leise Luft strich über den Strom , der eben so ruhig und glänzend floß , wie vorher . Die entsetzliche Angst raubte ihm das Bewußtseyn . Das Herz schlug nicht mehr . Er kam erst zu sich , als er sich auf trocknem Boden fühlte . Er mochte weit geschwommen seyn . Es war eine fremde Gegend . Er wußte nicht wie ihm geschehen war . Sein Gemüth war verschwunden . Gedankenlos ging er tiefer ins Land . Entsetzlich matt fühlte er sich . Eine kleine Quelle kam aus einem Hügel , sie tönte wie lauter Glocken . Mit der Hand schöpfte er einige Tropfen und netzte seine dürren Lippen . Wie ein banger Traum lag die schreckliche Begebenheit hinter ihm . Immer weiter und weiter ging er , Blumen und Bäume redeten ihn an . Ihm wurde so wohl und heymathlich zu Sinne . Da hörte er jenes einfache Lied wieder . Er lief den Tönen nach . Auf einmal hielt ihn jemand am Gewande zurück . Lieber Heinrich , rief eine bekannte Stimme . Er sah sich um , und Mathilde schloß ihn in ihre Arme . Warum liefst du vor mir , liebes Herz ? sagte sie tiefathmend . Kaum konnte ich dich einholen . Heinrich weinte . Er drückte sie an sich . - Wo ist der Strom ? rief er mit Thränen . - Siehst du nicht seine blauen Wellen über uns ? Er sah hinauf , und der blaue Strom floß leise über ihrem Haupte . Wo sind wir , liebe Mathilde ? - Bey unsern Eltern . - Bleiben wir zusammen ? - Ewig , versetzte sie , indem sie ihre Lippen an die seinigen drückte , und ihn so umschloß , daß sie nicht wieder von ihm konnte . Sie sagte ihm ein wunderbares geheimes Wort in den Mund , was sein ganzes Wesen durchklang . Er wollte es wiederholen , als sein Großvater rief , und er aufwachte . Er hätte sein Leben darum geben mögen , das Wort noch zu wissen . Siebentes Kapitel Klingsohr stand vor seinem Bette , und bot ihm freundlich guten Morgen . Er ward munter und fiel Klingsohr um den Hals . Das gilt euch nicht , sagte Schwaning . Heinrich lächelte und verbarg sein Erröthen an den Wangen seiner Mutter . Habt ihr Lust mit mir vor der Stadt auf einer schönen Anhöhe zu frühstücken ? sagte Klingsohr . Der herrliche Morgen wird euch erfrischen . Kleidet euch an . Mathilde wartet schon auf uns . Heinrich dankte mit tausend Freuden für diese willkommene Einladung . In einem Augenblick war er fertig , und küßte Klingsohr mit vieler Inbrunst die Hand . Sie gingen zu Mathilden , die in ihrem einfachen Morgenkleide wunderlieblich aussah und ihn freundlich grüßte . Sie hatte schon das Frühstück in ein Körbchen gepackt , das sie an den Einen Arm hing , und die andere Hand unbefangen Heinrichen reichte . Klingsohr folgte ihnen , und so wandelten sie durch die Stadt , die schon voller Lebendigkeit war , nach einem kleinen Hügel am Flusse , wo sich unter einigen hohen Bäumen eine weite und volle Aussicht öffnete . Habe ich doch schon oft , rief Heinrich aus , mich an dem Aufgang der bunten Natur , an der friedlichen Nachbarschaft ihres mannichfaltigen Eigenthums ergötzt ; aber eine so schöpferische und gediegene Heiterkeit hat mich noch nie erfüllt wie heute . Jene Fernen sind mir so nah , und die reiche Landschaft ist mir wie eine innere Fantasie . Wie veränderlich ist die Natur , so unwandelbar auch ihre Oberfläche zu seyn scheint . Wie anders ist sie , wenn ein Engel , wenn ein kräftigerer Geist neben uns ist , als wenn ein Nothleidender vor uns klagt , oder ein Bauer uns erzählt , wie ungünstig die Witterung ihm sey , und wie nöthig er düstre Regentage für seine Saat brauche . Euch , theuerster Meister , bin ich dieses Vergnügen schuldig ; ja dieses Vergnügen , denn es giebt kein anderes Wort , was wahrhafter den Zustand meines Herzens ausdrückte . Freude , Lust und Entzücken sind nur die Glieder des Vergnügens , das sie zu einem höhern Leben verknüpft . Er drückte Mathildens Hand an sein Herz , und versank mit einem feurigen Blick in ihr mildes , empfängliches Auge . Die Natur , versetzte Klingsohr , ist für unser Gemüth , was ein Körper für das Licht ist . Er hält es zurück ; er bricht es in eigenthümliche Farben ; er zündet auf seiner Oberfläche oder in seinem Innern ein Licht an , das , wenn es seiner Dunkelheit gleich kommt , ihn klar und durchsichtig macht , wenn es sie überwiegt , von ihm ausgeht , um andere Körper zu erleuchten . Aber selbst der dunkelste Körper kann durch Wasser , Feuer und Luft dahin gebracht werden , daß er hell und glänzend wird . Ich verstehe euch , lieber Meister . Die Menschen sind Krystalle für unser Gemüth . Sie sind die durchsichtige Natur . Liebe Mathilde , ich möchte euch einen köstlichen lautern Sapphir nennen . Ihr seyd klar und durchsichtig wie der Himmel , ihr erleuchtet mit dem mildesten Lichte . Aber sagt mir , lieber Meister , ob ich recht habe : mich dünkt , daß man gerade wenn man am innigsten mit der Natur vertraut ist am wenigsten von ihr sagen könnte und möchte . Wie man das nimmt , versetzte Klingsohr ; ein anderes ist es mit der Natur für unsern Genuß und unser Gemüth , ein anderes mit der Natur für unsern Verstand , für das leitende Vermögen unserer Weltkräfte . Man muß sich wohl hüten , nicht eins über das andere zu vergessen . Es giebt viele , die nur die Eine Seite kennen und die andere geringschätzen . Aber beyde kann man vereinigen , und man wird sich wohl dabei befinden . Schade , daß so wenige darauf denken , sich in ihrem Innern frey und geschickt bewegen zu können , und durch eine gehörige Trennung sich den zweckmäßigsten und natürlichsten Gebrauch ihrer Gemüthskräfte zu sichern . Gewöhnlich hindert eine die andere , und so entsteht allmälich eine unbehülfliche Trägheit , daß wenn nun solche Menschen einmal mit gesammten Kräften aufstehen wollen , eine gewaltige Verwirrung und Streit beginnt , und alles über einander ungeschickt herstolpert . Ich kann euch nicht genug anrühmen , euren Verstand , euren natürlichen Trieb zu wissen , wie alles sich begiebt und untereinander nach Gesetzen der Folge zusammenhängt , mit Fleiß und Mühe zu unterstützen . Nichts ist dem Dichter unentbehrlicher , als Einsicht in die Natur jedes Geschäfts , Bekanntschaft mit den Mitteln jeden Zweck zu erreichen , und Gegenwart des Geistes , nach Zeit und Umständen , die schicklichsten zu wählen . Begeisterung ohne Verstand ist unnütz und gefährlich , und der Dichter wird wenig Wunder thun können , wenn er selbst über Wunder erstaunt . Ist aber dem Dichter nicht ein inniger Glaube an die menschliche Regierung des Schicksals unentbehrlich ? Unentbehrlich allerdings , weil er sich das Schicksal nicht anders vorstellen kann , wenn er reiflich darüber nachdenkt ; aber wie entfernt ist diese heitere Gewißheit , von jener ängstlichen Ungewißheit , von jener blinden Furcht des Aberglaubens . Und so ist auch die kühle , belebende Wärme eines dichterischen Gemüths gerade das Widerspiel von jener wilden Hitze eines kränklichen Herzens . Diese ist arm , betäubend und vorübergehend ; jene sondert alle Gestalten rein ab , begünstigt die Ausbildung der mannichfaltigsten Verhältnisse , und ist ewig durch sich selbst . Der junge Dichter kann nicht kühl , nicht besonnen genug seyn . Zur wahren , melodischen Gesprächigkeit gehört ein weiter , aufmerksamer und ruhiger Sinn . Es wird ein verworrnes Geschwätz , wenn ein reißender Sturm in der Brust tobt , und die Aufmerksamkeit in eine zitternde Gedankenlosigkeit auflöst . Nochmals wiederhole ich , das ächte Gemüth ist wie das Licht , eben so ruhig und empfindlich , eben so elastisch und durchdringlich , eben so mächtig und eben so unmerklich wirksam als dieses köstliche Element , das auf alle Gegenstände sich mit feiner Abgemessenheit vertheilt , und sie alle in reizender Mannichfaltigkeit erscheinen läßt . Der Dichter ist reiner Stahl , eben so empfindlich , wie ein zerbrechlicher Glasfaden , und eben so hart , wie ein ungeschmeidiger Kiesel . Ich habe das schon zuweilen gefühlt , sagte Heinrich , daß ich in den innigsten Minuten weniger lebendig war , als zu andern Zeiten , wo ich frey umhergehn und alle Beschäftigungen mit Lust treiben konnte . Ein geistiges scharfes Wesen durchdrang mich dann , und ich durfte jeden Sinn nach Gefallen brauchen , jeden Gedanken , wie einen wirklichen Körper , umwenden und von allen Seiten betrachten . Ich stand mit stillem Antheil an der Werkstatt meines Vaters , und freute mich , wenn ich ihm helfen und etwas geschickt zu Stande bringen konnte . Geschicklichkeit hat einen ganz besondern stärkenden Reiz , und es ist wahr , ihr Bewußtseyn verschafft einen dauerhafteren und deutlicheren Genuß , als jenes überfließende Gefühl einer unbegreiflichen , überschwenglichen Herrlichkeit . Glaubt nicht , sagte Klingsohr , daß ich das letztere tadle ; aber es muß von selbst kommen , und nicht gesucht werden . Seine sparsame Erscheinung ist wohlthätig ; öfterer wird sie ermüdend und schwächend . Man kann nicht schnell genug sich aus der süßen Betäubung reißen , die es hinterläßt , und zu einer regelmäßigen und mühsamen Beschäftigung zurückkehren . Es ist wie mit den anmuthigen Morgenträumen , aus deren einschläferndem Wirbel man nur mit Gewalt sich herausziehen kann , wenn man nicht in immer drückendere Müdigkeit gerathen , und so in krankhafter Erschöpfung nachher den ganzen Tag hinschleppen will . Die Poesie will vorzüglich , fuhr Klingsohr fort , als strenge Kunst getrieben werden . Als bloßer Genuß hört sie auf Poesie zu seyn . Ein Dichter muß nicht den ganzen Tag müßig umherlaufen , und auf Bilder und Gefühle Jagd machen . Das ist ganz der verkehrte Weg . Ein reines offenes Gemüth , Gewand [ t ] heit im Nachdenken und Betrachten , und Geschicklichkeit alle seine Fähigkeiten in eine gegenseitig belebende Thätigkeit zu versetzen und darin zu erhalten , das sind die Erfordernisse unserer Kunst . Wenn ihr euch mir überlassen wollt , so soll kein Tag euch vergehn , wo ihr nicht eure Kenntnisse bereichert , und einige nützliche Einsichten erlangt habt . Die Stadt ist reich an Künstlern aller Art. Es giebt einige erfahrne Staatsmänner , einige gebildete Kaufleute hier . Man kann ohne große Umstände mit allen Ständen , mit allen Gewerben , mit allen Verhältnissen und Erfordernissen der menschlichen Gesellschaft sich bekannt machen . Ich will euch mit Freuden in dem Handwerksmäßigen unserer Kunst unterrichten , und die merkwürdigsten Schriften mit euch lesen . Ihr könnt Mathildens Lehrstunden theilen , und sie wird euch gern die Guitarre spielen lehren . Jede Beschäftigung wird die übrigen vorbereiten , und wenn ihr so euren Tag gut angelegt habt , so werden euch das Gespräch und die Freuden des gesellschaftlichen Abends , und die Ansichten der schönen Landschaft umher mit den heitersten Genüssen immer wieder überraschen . Welches herrliche Leben schließt ihr mir auf , liebster Meister . Unter eurer Leitung werde ich erst merken , welches edle Ziel vor mir steht , und wie ich es nur durch euren Rath zu erreichen hoffen darf . Klingsohr umarmte ihn zärtlich . Mathilde brachte ihnen das Frühstück , und Heinrich fragte sie mit zärtlicher Stimme , ob sie ihn gern zum Begleiter ihres Unterrichts und zum Schüler annehmen wollte . Ich werde wohl ewig euer Schüler bleiben , sagte er , indem sich Klingsohr nach einer anderen Seite wandte . Sie neigte sich unmerklich zu ihm hin . Er umschlang sie und küßte den weichen Mund des erröthenden Mädchens . Nur sanft bog sie sich von ihm weg , doch reichte sie ihm mit der kindlichsten Anmuth eine Rose , die sie am Busen trug . Sie machte sich mit ihrem Körbchen zu thun . Heinrich sah ihr mit stillem Entzücken nach , küßte die Rose , heftete sie an seine Brust , und ging an Klingsohrs Seite , der nach der Stadt hinüber sah . Wo seyd ihr hergekommen ? fragte Klingsohr . Über jenen Hügel herunter , erwiederte Heinrich . In jene Ferne verliert sich unser Weg . - Ihr müßt schöne Gegenden gesehn haben . - Fast ununterbrochen sind wir durch reizende Landschaften gereiset . - Auch Eure Vaterstadt hat wohl eine anmuthige Lage ? - Die Gegend ist abwechselnd genug ; doch ist sie noch wild , und ein großer Fluß fehlt ihr . Die Ströme sind die Augen einer Landschaft . - Die Erzählung eurer Reise , sagte Klingsohr , hat mir gestern Abend eine angenehme Unterhaltung gewährt . Ich habe wohl gemerkt , daß der Geist der Dichtkunst euer freundlicher Begleiter ist . Eure Gefährten sind unbemerkt seine Stimmen geworden . In der Nähe des Dichters bricht die Poesie überall aus . Das Land der Poesie , das romantische Morgenland , hat euch mit seiner süßen Wehmuth begrüßt ; der Krieg hat euch in seiner wilden Herrlichkeit angeredet , und die Natur und Geschichte sind euch unter der Gestalt eines Bergmanns und eines Einsiedlers begegnet . Ihr vergeßt das Beste , lieber Meister , die himmlische Erscheinung der Liebe . Es hängt nur von euch ab , diese Erscheinung mir auf ewig festzuhalten . - Was meynst du , rief Klingsohr , indem er sich zu Mathilden wandte , die eben auf ihn zukam . Hast du Lust Heinrichs unzertrennliche Gefährtinn zu seyn ? Wo du bleibst , bleibe ich auch . Mathilde erschrak , sie flog in die Arme ihres Vaters . Heinrich zitterte in unendlicher Freude . Wird er mich denn ewig geleiten wollen , lieber Vater ? - Frage ihn selbst , sagte Klingsohr gerührt . Sie sah Heinrichen mit der innigsten Zärtlichkeit an . Meine Ewigkeit ist ja dein Werk , rief Heinrich , indem ihm die Thränen über die blühenden Wangen stürzten . Sie umschlangen sich zugleich . Klingsohr faßte sie in seine Arme . Meine Kinder , rief er , seyd einander treu bis in den Tod ! Liebe und Treue werden euer Leben zur ewigen Poesie machen . Achtes Kapitel Nachmittags führte Klingsohr seinen neuen Sohn , an dessen Glück seine Mutter und Großvater den zärtlichsten Antheil nahmen , und Mathilden wie seinen Schutzgeist verehrten , in seine Stube , und machte ihn mit den Büchern bekannt . Sie sprachen nachher von Poesie . Ich weiß nicht , sagte Klingsohr , warum man es für Poesie nach gemeiner Weise hält , wenn man die Natur für einen Poeten ausgiebt . Sie ist es nicht zu allen Zeiten . Es ist in ihr , wie in dem Menschen , ein entgegengesetztes Wesen , die dumpfe Begierde und die stumpfe Gefühllosigkeit und Trägheit , die einen rastlosen Streit mit der Poesie führen . Er wäre ein schöner Stoff zu einem Gedicht , dieser gewaltige Kampf . Manche Länder und Zeiten scheinen , wie die meisten Menschen , ganz unter der Botmäßigkeit dieser Feindinn der Poesie zu stehen , dagegen in andern die Poesie einheimisch und überall sichtbar ist . Für den Geschichtschreiber sind die Zeiten dieses Kampfes äußerst merkwürdig , ihre Darstellung ein reizendes und belohnendes Geschäft . Es sind gewöhnlich die Geburtszeiten der Dichter . Der Widersacherinn ist nichts unangenehmer , als daß sie der Poesie gegenüber selbst zu einer poetischen Person wird , und nicht selten in der Hitze die Waffen mit ihr tauscht , und von ihrem eigenen heimtückischen Geschosse heftig getroffen wird , dahingegen die Wunden der Poesie , die sie von ihren eigenen Waffen erhält , leicht heilen und sie nur noch reitzender und gewaltiger machen . Der Krieg überhaupt , sagte Heinrich , scheint mir eine poetische Wirkung . Die Leute glauben sich für irgend einen armseligen Besitz schlagen zu müssen , und merken nicht , daß sie der romantische Geist aufregt , um die unnützen Schlechtigkeiten durch sich selbst zu vernichten . Sie führen die Waffen für die Sache der Poesie , und beyde Heere folgen Einer unsichtbaren Fahne . Im Kriege , versetzte Klingsohr , regt sich das Urgewässer . Neue Welttheile sollen entstehen , neue Geschlechter sollen aus der großen Auflösung anschießen . Der wahre Krieg ist der Religionskrieg ; der geht gerade zu auf Untergang , und der Wahnsinn der Menschen erscheint in seiner völligen Gestalt . Viele Kriege , besonders die vom Nationalhaß entspringen , gehören in diese Klasse mit , und sie sind ächte Dichtungen . Hier sind die wahren Helden zu Hause , die das edelste Gegenbild der Dichter , nichts anders , als unwillkührlich von Poesie durchdrungene Weltkräfte sind . Ein Dichter , der zugleich Held wäre , ist schon ein göttlicher Gesandter , aber seiner Darstellung ist unsere Poesie nicht gewachsen . Wie versteht ihr das , lieber Vater ? sagte Heinrich . Kann ein Gegenstand zu überschwänglich für die Poesie sein ? Allerdings . Nur kann man im Grunde nicht sagen , für die Poesie , sondern nur für unsere irdischen Mittel und Werkzeuge . Wenn es schon für einen einzelnen Dichter nur ein eigenthümliches Gebiet giebt , innerhalb dessen er bleiben muß , um nicht alle Haltung und den Athem zu verlieren : so giebt es auch für die ganze Summe menschlicher Kräfte eine bestimmte Grenze der Darstellbarkeit , über welche hinaus die Darstellung die nöthige Dichtigkeit und Gestaltung nicht behalten kann , und in ein leeres täuschendes Unding sich verliert . Besonders als Lehrling kann man nicht genug sich vor diesen Ausschweifungen hüten , da eine lebhafte Fantasie nur gar zu gern nach den Grenzen sich begiebt , und übermüthig das Unsinnliche , Übermäßige zu ergreifen und auszusprechen sucht . Reifere Erfahrung lehrt erst , jene Unverhältnißmäßigkeit der Gegenstände zu vermeiden , und die Aufspürung des Einfachsten und Höchsten der Weltweisheit zu überlassen . Der ältere Dichter steigt nicht höher , als er es gerade nöthig hat , um seinen mannichfaltigen Vorrath in eine leichtfaßliche Ordnung zu stellen , und hütet sich wohl , die Mannichfaltigkeit zu verlassen , die ihm Stoff genug und auch die nöthigen Vergleichspunkte darbietet . Ich möchte fast sagen , das Chaos muß in jeder Dichtung durch den regelmäßigen Flor der Ordnung schimmern . Den Reichthum der Erfindung macht nur eine leichte Zusammenstellung faßlich und anmuthig , dagegen auch das bloße Ebenmaaß die unangenehme Dürre einer Zahlenfigur hat . Die beste Poesie liegt uns ganz nahe , und ein gewöhnlicher Gegenstand ist nicht selten ihr liebster Stoff . Für den Dichter ist die Poesie an beschränkte Werkzeuge gebunden , und eben dadurch wird sie zur Kunst . Die Sprache überhaupt hat ihren bestimmten Kreis . Noch enger ist der Umfang einer besondern Volkssprache . Durch Übung und Nachdenken lernt der Dichter seine Sprache kennen . Er weiß , was er mit ihr leisten kann , genau , und wird keinen thörichten Versuch machen , sie über ihre Kräfte anzuspannen . Nur selten wird er alle ihre Kräfte in Einen Punkt zusammen drängen , denn sonst wird er ermüdend , und vernichtet selbst die kostbare Wirkung einer gutangebrachten Kraftäußerung . Auf seltsame Sprünge richtet sie nur ein Gaukler , kein Dichter ab . Überhaupt können die Dichter nicht genug von den Musikern und Mahlern lernen . In diesen Künsten wird es recht auffallend , wie nöthig es ist , wirthschaftlich mit den Hülfsmitteln der Kunst umzugehn , und wie viel auf geschickte Verhältnisse ankommt . Dagegen könnten freylich jene Künstler auch von uns die poetische Unabhängigkeit und den innern Geist jeder Dichtung und Erfindung , jedes ächten Kunstwerks überhaupt , dankbar annehmen . Sie sollten poetischer und wir musikalischer und mahlerischer seyn - beydes nach der Art und Weise unserer Kunst . Der Stoff ist nicht der Zweck der Kunst , aber die Ausführung ist es . Du wirst selbst sehen , welche Gesänge dir am besten gerathen , gewiß die , deren Gegenstände dir am geläufigsten und gegenwärtigsten sind . Daher kann man sagen , daß die Poesie ganz auf Erfahrung beruht . Ich weiß selbst , daß mir in jungen Jahren ein Gegenstand nicht leicht zu entfernt und zu unbekannt seyn konnte , den ich nicht am liebsten besungen hätte . Was wurde es ? ein leeres , armseliges Wortgeräusch , ohne einen Funken wahrer Poesie . Daher ist auch ein Mährchen eine sehr schwierige Aufgabe , und selten wird ein junger Dichter sie gut lösen . Ich möchte gern eins von dir hören , sagte Heinrich .