ward diesem Wesen angebohren . An Verstand und Willen weit über ihn erhaben , ist es dennoch mit dem beseeligenden Irrthume begabt : es werde in beyden von ihm übertroffen . Was hat er zu fürchten ? Es ist die liebende Einfalt , der er sich übergiebt . Aber wie schrecklich wird er selbst nun aus diesem Traume erweckt . Statt heiterer , seeliger Stille , findet er leidenschaftliche Unruhe . Hört Foderungen , Klagen . - Ach ! Rechenschaft soll er geben von seinen Empfindungen . Man will sie wägen und prüfen . O Gott ! statt ertragen zu werden , soll er tragen . Er kann es nicht , sein ganzes Gefühl empört sich dagegen . Um seine Leiden aufs höchste zu bringen sieht er nun noch die Schönheit entfliehen . Die Schönheit , ohne die er die Weiblichkeit nicht denken kann , mit der er die ganze Weiblichkeit ausspricht . Es ist zu viel ! er muß sich rächen ! - Ach , er hat sich schon gerächt , er ist schon ein Tyrann , eh er es selbst nur ahnet . Die unglücklichen Weiber ! Hätten sie gestrebt liebenswürdig - der Liebe würdig - zu seyn , statt Liebe zu fodern ; sie hätten das , was sie wünschten , und vielleicht weit mehr noch erhalten . Sechs und zwanzigster Brief Wilhelmine an Julie Liebenswürdig ? - Hm ! nicht übel . Nun ja , mit dieser Kleinigkeit sind die Männer so ganz leidlich zufrieden . Freilich gehört dazu eine andre Kleinigkeit : die unverwelkliche Schönheit und Jugend . Unglücklicher Weise , hat es meiner theuern Freundin nicht beliebt , anzuzeigen , wie man sich diese Kleinigkeit erhalten , oder , wenn man sie nicht hat , die Götter zwingen kann , sie zu verleihen . Ja ! ja ! wer kann an alles denken ? - Ihr unglücklichen Geschöpfe , die ihr weder das Eine noch das Andre habt , verzweifelt nur . Mag eure Zahl Legion heißen , ihr seyd zum Elende gebohren . Vormals standet ihr noch in dem tröstlichen Wahne , ihr könntet den Männern durch Tugend ersetzen , was die Natur euch an Schönheit versagt hatte ; aber jetzt ! - euer Urtheil ist gesprochen ! So wie eure Schönheit verwelkt , hört ihr auf Weiber zu seyn . Dann sterben die Blumen ; aber euch zwingt die Natur zum martervollen Leben . Leitet nur den herabfahrenden Blitz zu euren Herzen . Oder , wenn er mit der Natur im tückischen Bunde , euch nicht treffen will , suchet nur in den Fluthen euer Grab . Die beste Welt bleibt dennoch die beste . Leb wohl ! Du hast mich erbittert . Ich glaube gar , ich kann aufhören Dich zu lieben . Du bist zu unsern Feinden , zu den Männern übergegangen , und fängst an , eben so methodisch zu .... pfuy ! das war häßlich . Ach ! da kommt mir ein glücklicher Gedanke ! Künftig werde ich statt häßlich , immer männlich setzen . Nicht wahr ? es ist eben so gleichbedeutend , wie schön und weiblich . Komisch wäre es , wenn das Häßlichste immer das Männlichste wäre . - Was meinst Du dazu ? Sieben und zwanzigster Brief Julie an Wilhelmine Ich meine , Wilhelmine , die da glaubt erbittert zu seyn , und die nie aufhören wird mich zu lieben , könne wohl , ein wenig ab- und zugerechnet , nicht so ganz Unrecht haben . Unter dieses Wenige gehört vorzüglich , alles was man den Windeln , Schnürbrüsten und Ausschweifungen zuschreiben muß . In der That , es wäre ungerecht , dieses sowohl , als mehreres , was Verzärtlung und Verwahrlosung der weiblichen Schönheit geraubt haben , auf die Natur zu werfen . Nimm dieß weg , Geliebte , und - so übertrieben es auch klingen mag - ich wage es , zu behaupten : daß es Dir schwer , ja vielleicht unmöglich werden soll , ein wirklich häßliches Mädchen zu finden . Reise nach H .... , gehe in das Haus der liebenswürdigen R .... , siehe hier zwanzig Mädchen , die unter ihrer Aufsicht doch nur seit ihrem siebenten , achten Jahre erzogen werden , und widersprich mir , wenn Du kannst . Wie schnell die Natur ersetzt und verbessert , wenn man ihr nur nicht zu anhaltend widerstrebt , geht beynahe in das Unglaubliche . Aber das alles rechtfertigt mich nicht in Deinen Augen . Dein liebevolles Herz empört sich gegen die Grausamkeit eines doppelten Todes . Du vergiebst mir nicht , daß ich die Weiblichkeit mit der Schönheit verschwinden lasse . Gleichwohl bestätigst Du , kurz darauf , dieß , und weit mehr . Ja es ist schrecklich ; aber es ist wahr : die Sinnlichkeit kann uns auch nicht einmal Augenblicke befriedigen . In dem gegenwärtigen müssen wir vor dem künftigen zittern . Welcher Gott wird uns helfen ? - In uns ist der Gott . » Erfülle deine Bestimmung « spricht er - aber suche dich über alles Sinnliche zu erheben . Dann bist du frey und seelig . Acht und zwanzigster Brief Wilhelmine an Julie Ach Du bist besser als ich ! das weiß ich wohl und habe es immer gewußt , so wie ich alles , was Du mir sagst , lange gefühlt habe . Darum wollte ich mich an Dich schließen , in Dir alles wiederfinden , hätte es gefunden . Geh ! geh ! Du hast doch nicht recht an mir gehandelt . Mein Verstand mag Dich rechtfertigen , mein Herz wird Dich ewig verklagen . Morgen will ich reisen . Neun und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Dieser Mensch bringt mich noch um , mit seiner glühenden Phantasie . Meinst Du , er verberge irgend eine Empfindung vor mir ? Mit einer Heftigkeit , mit einem verzehrenden Feuer spricht er sie aus , reißt mich hin , überwältigt mich . Oft habe ich , zu meinem eignen Schrecken , mich selbst , und alles , was ich zu fürchten hatte , vergessen . Wenn endlich meine innere Quaal aufs höchste steigt , meine Wuth über seine glühenden Schilderungen hervorbrechen will , ergreift er mich plötzlich mit seiner gewaltigen Liebe . Ich , ich selbst bin es nun , den er schildert . Mit allen meinen Leiden , mit allen meinen schrecklichen Fragen und Zweifeln . Im höchsten Erstaunen sehe ich ihn in das Innerste meines Herzens dringen , Gefühle entwickeln , für die ich bis jetzt keinen Namen hatte , Begebenheiten hervorrufen , die ich verworren nur ahnete . In dem Augenblicke , wo ich ihn dann mit meinen Händen zerreißen mögte ; weil er sie alle nennt , meine Marter , in dem Augenblicke fällt er ein mit seiner seelenerschütternden Klage . Mein Grimm löst sich in Wehmuth auf , er stürzt in meine Arme , und , ohne es zu wollen , drücke ich ihn fest an mein Herz . Aber ihn hier zu behalten , war mir unmöglich . Alle seine Bitten vermogten nichts , er mußte sich ergeben . Gleichwohl bestand er mit einem unerhörten Trotze darauf , sich nicht weiter als eine halbe Stunde von hier zu entfernen . Nun drohte ich mit meiner eignen Abreise . » Thue es - sagte er - und wenn Du bis an das Ende der Welt gehst ; ich folge Dir nach . « » Mir ? « - wiederholte ich mit Bitterkeit . » Ja Dir ! Meinst Du , ich könne ohne Dich , Du ohne mich leben ? - Wer versteht Dich , wer tröstet , wer liebt Dich wie ich ? « » Bestechungen ! « » Wehe Dir , wenn Du es glaubst ! « - » Ich werde schon Mittel finden . « - » Sie helfen Dir nichts . « » Was unterstehst Du dich ? - » Ich unterstehe mich , das Unmögliche unmöglich zu nennen . Mache was Du willst ! uns scheidest Du nicht . « » Uns ? « - » Ja ! uns . « » Sie meinst du . « » Wenn ich sie meinte ; würde ich es sagen . « » Du liebst sie . « » Nein , Dich liebe ich , sie bete ich an . « » Und das soll ich dulden ? « » Kannst Du es ändern ? « » Nicht in mein Haus ! « » Das verspreche ich Dir . « » Nicht in meinen Garten ! « » Auch das . « » Noch auf die Anhöhe ! « » Sie gehört Dir nicht . « » Ich werde sie kaufen . « » Ich habe sie schon gekauft . « » Das hast Du gethan , um sie zu sehen , um von ihr gesehen zu werden . « » Das Letzte ist nicht wahr , auch ist es unmöglich . « » Aber Du willst sie sehen . « » Ja , weil es Dir nicht schadet . « » Es beunruhigt mich . « » Und mich tödtet es , wenn ich sie nicht sehe . Was willst Du lieber ? « - » Du trotzest ! « » Nein . Das sagst Du nur , Du , glaubst es nicht . Sieh mich an ! ist es wahr , daß ich ohne sie nicht leben kann ? ist es wahr , daß es mir unmöglich ist , jemals etwas Schlechtes zu wollen ? ist es wahr , daß ich Dich liebe , daß ich mein Leben für Dich lassen würde ? « Ach ! dann sehe ich in sein großes , schwarzes Auge , und verstumme . Dreyßigster Brief Julie an Wilhelmine Wo bist Du jetzt , meine Geliebte ? Zürnst Du noch mit Deiner Julie ? Nein ! nein ! Du irrst Dich in Dir selbst . Weder Dein Verstand , noch Dein Herz klagt mich an . Wir lieben uns , und werden uns ewiglich lieben . Noch immer kann ich mich nicht von Deiner Abreise überzeugen . Mich dünkt sogar , Du wärest in meiner Nähe . Besonders wenn ich in den Garten trete , überfällt mich ein wunderbar sehnsüchtiges Wonnegefühl . Ach es ist der Duft von den vielen , köstlichen Pflanzen , der geheimnißvolle Schatten dieser hohen unnachahmlich schönen Bäume . Wirklich , unser Garten ist ein Paradies . Ob er gleich beynahe drey Viertelstunden im Umfange hat , wollte ihn mein lieber Mann doch noch durch eine benachbarte Anhöhe vergrößern . Aber sie ist leider schon verkauft , und so werden wir wohl Verzicht darauf thun müssen . Wie sonderbar ! sonst war ich mit so Wenigem zufrieden , hätte mich bey einem einzigen kleinen Blumenbeete überglücklich gefunden . Jetzt , seitdem von der Anhöhe gesprochen ist , denke ich nur immer : wie viel schöner unser Garten seyn müßte , wenn er sie mit umschlösse . Diese wunderliche Grille beherrscht mich sogar im Schlafe . Letzt dünkte mich , ich werde von einer unsichtbaren Kraft weit über die Mauer unsers Gartens gehoben , und plötzlich auf der Anhöhe niedergelassen . Es war eine andre Welt . Himmlische Kinder wandelten darauf . Ihr Gesicht blühte wie Rosen im Morgenlichte . Ein glänzendes Flügelpaar erhob sich über ihre Schultern . Schnell , wie Gedanken , eilten sie hin und her und streiften an meiner Wange vorüber wie Frühlingshauche . Jedesmal , wenn sie mich so berührten durchdrang mich ein unaussprechliches Wonnegefühl . Endlich flogen sie alle auf mich zu , schlossen mich in einen dichten Kreis , und tanzten mit unglaublicher Schnelligkeit um mich her . » Wir wechseln das Leben ! wir wechseln das Leben ! « - so sangen sie . Aber mit einem Male ward ich von einem kalten Hauche angeweht . Kein Tanz mehr , kein Gesang . Die Kinder standen unbeweglich . Ich eile auf sie zu , da sind sie plötzlich in Blumen verwandelt und ich erwache mit einer Art wehmüthig süßem Schauder . Unser Fenster stand offen , und der Duft eines großen Rosenstrauchs ward vom Winde in das Zimmer getrieben . Der kalte Schauder , die Blumen , das alles war also mehr als begreiflich . Gleichwohl finde ich noch immer wer weiß wie viel Wunderbares in diesem Traume , und eile , sobald ich in den Garten komme , zuerst nach dem Orte , wo ich die Anhöhe sehen kann . Hier sitze ich oft ganze Stunden , und denke nichts als den Traum . Dann ergreift mich eine Bangigkeit , eine Sehnsucht . - Letzt - kannst Du Dir etwas kindischeres denken ! - glaubte ich meinen Nahmen von dort her zu hören . Schnell springe ich auf , eile mit ausgebreiteten Armen durch das Gebüsch , und denke nicht eher an die Mauer , bis ich dichte davor stehe . Mit gefalteten Händen , als geschehe mir Wunder welch Unglück , kehre ich nun wieder um , und ein Strom unaufhaltbarer Thränen stürzt über meine Brust . Nicht wahr ? das sieht dem Wahnsinne sehr ähnlich . Gewiß , ich bin krank . Ich muß mit einem Arzte sprechen . Ein und dreyßigster Brief Reinhold an Olivier Gestern war T ... bey mir . Ich wollte meinen Augen kaum trauen . Seit er zum Günstlinge erhoben ist , habe ich ihn nicht gesehen . Seine hämischen Anmerkungen über Dich führten oft Streit herbey , und so war ich recht wohl damit zufrieden . Nun aber gestern überfällt er mich plötzlich mit einem ganzen Heere Schmeicheleyen und Freundschaftsversicherungen . Ich lächle , mache einen stummen Bückling über den andern und vertiefe mich so hartnäckig in die Zeremonien , daß ich ihn nach einer Viertelstunde ziemlich in die gehörige Entfernung bringe . Gleichwohl erfolgen nun eine Menge Hof-Stadtneuigkeiten , Erkundigungen nach Dir . - » Wie sich der König sehne Dich einmal bey sich zu haben . Wie es gar nicht artig sey , so spröde zu thun . Das alles würde Dir nichts helfen . Man könne Dich aufsuchen . « Ich erschrack , und fieng an zu sondiren . » Ja , ich selbst wisse am besten , wie viel an dem eigentlichen Frieden noch fehle . So still werde es nicht abgehen . Ein paar Feldzüge müsse man noch in den Kauf geben . Der König werde Dir das alles schon begreiflich machen und hoffe , Du werdest nicht aufhören , Dein Vaterland zu lieben . « » Darüber ist kein Zweifel ; - antwortete ich - aber mich dünkt , man könnte ihn in Ruhe lassen . Für ein Menschenleben hat er genug gethan , und die andern Herren sind ja auch keine Feinde vom Hinaufrücken . « » Ach ja ! wenn es nur auf das Rücken ankäme . « - » Nun das Andre wird sich auch finden ! « » Man hat ' s gesehen ! « - » Olivier ist kein Freund vom Kriege . « » Darüber erstaunt man . « » Mich dünkt ohne Grund . Er suchte Lorbeeren ; jetzt hat er mehr als er bedarf . « » Aber das Vaterland ! « - » Eben das Vaterland - sagt er - braucht Ruhe . « » Das Wort klingt komisch in seinem Munde ! - Männer , Frauen und Mädchen nannten ihn vormals den Unruhigen . « - » Die Zeiten ändern sich ; warum sollten sich die Menschen immer gleich bleiben ? « - Er antwortete mit seinem gewöhnlichen Faunenlächeln , umarmte mich , zu meinem großen Leiden , einmal über das andere , und empfahl sich mit einem Epigramm . Ich setze nichts weiter hinzu . Du selbst mußt am besten wissen was dabey zu thun ist . Rathen kann ich Dir nicht mehr ; aber nie werde ich aufhören , Dich zu lieben . Zwey und dreyßigster Brief Olivier an Reinhold Entweder sie wollen mich los seyn und da sie wissen , daß ich die Kugeln nicht fürchte , mich wieder darunter schicken , in der Hoffnung , eine werde doch treffen . Oder der König hat gerade Langeweile , erinnert sich der P ... schen Scenen mit Julien , und will die Komödie auf eine andere Art durchspielen . Wahrscheinlich trifft beydes zusammen , und da bin ich denn freylich vor einem Besuche nicht sicher . Hier lassen kann ich sie nicht ; aber wem soll ich sie anvertrauen ? - Reinhold Du liebst mich , Du hast es , auch wenn ich nicht daran glaubte , redlich mit mir gemeint . Reinhold ! willst Du sie in Schutz nehmen ? Dann lasse ich schnell mein Güthgen bey G ... in Stand setzen . Ich weiß wohl : Du darfst Dich nicht entfernen . Aber es liegt nur eine Viertelstunde von der Stadt . Da könntest Du doch täglich einen Gang hinaus machen . Ganz allein kann ich sie nicht lassen , noch weniger sie der Mutter übergeben . - Begreife wie ich Dich achte ! da ich Dich allen Andern vorziehe . Antworte mir bald . Ich kenne ihn . Bey seinen Grillen ist keine Zeit zu verlieren . Drey und dreyßigster Brief Reinhold an Olivier Alles ! nur das nicht . Frage nicht weiter . Es geht nicht . Und wenn Du mich auf die Folter spanntest ; ich würde Dir immer dasselbe antworten . Wie ? Warum ? kann ich Dir wahrhaftig nicht auseinander setzen . Genug ich weiß , es geht nicht . Achte mich nun weniger , entziehe mir ganz Deine Freundschaft . Ich muß es geschehen lassen . Aber ich wiederhole Dir noch einmal : es ist schlechterdings unmöglich . Nachschrift Du hast zwey Fälle angenommen ; aber wie , wenn es einen dritten gäbe ? Wenn sie Dich nicht entbehren könnten ? Dich wirklich haben müßten ? - Vier und dreyßigster Brief Reinhold an Olivier Hätte ich doch meinen Brief nicht abgeschickt ! Schnell muß ich Dir noch melden : daß die Königin ihrem Bruder entgegen reist und auf diese Weise den König begleitet . Sollte es nicht das Sicherste seyn , Julie nun bleiben zu lassen ? - Ich bin geneigt es zu glauben . Überlege es , und melde mir Deinen Entschluß . Fünf und dreyßigster Brief Olivier an Reinhold Das Sicherste ! Eine Falle ist es . Einladungen , Lockspeisen ! - Ich kenne das . Und sollte ich sie Antonelli übergeben , ich wollte es lieber ; als sie auf dem glatten Hofpflaster wissen . O wie viel leide ich ! Ich bin müde es zu denken . Oft will ich die ganze schreckliche Leidenschaft von mir werfen , die Freyheit , den Tod suchen ; aber dann sehe ich sie wieder und mein zerrissenes Herz kann nicht von ihr lassen . In Dich mag ich nun nicht weiter dringen . Gleichwohl muß Rath geschaft werden . Zwölf Meilen von hier ist ein Fräuleinstift . Ich will mit ihr davon sprechen . Aber gern muß sie es thun ; sonst ist es doppelt so schrecklich . Ach den ganzen Tag werde ich sie nicht sehen ! Aber die Nacht will ich hin zu ihr fliegen . - Zwölf Meilen ! - O Gott es geht nicht ! es ist zu weit ! Da kommt sie . Ich will sie fragen . Sie selbst soll wählen . Sechs und dreyßigster Brief Olivier an Reinhold Jetzt habe ich den Muth der Verzweiflung . Ich sehe es , für mich ist kein Glück mehr zu hoffen . Was wählte sie ? - Rathe es ! - Du erräthst es nimmermehr . » Liebste ! - sagte ich - wenn wir uns auf eine kurze Zeit trennen müßten , wenn Du hier nicht bleiben könntest ; welchen Aufenthalt würdest Du vorziehen ? « Sie behauptete für keinen entfernten Ort eine besondere Vorliebe zu haben . Es sey ihr hier so wohl . » Aber wenn du nun schlechterdings wählen müßtest und Dich ganz nach Deinem Geschmacke bestimmen könntest . « - » Nun - antwortete sie - dürfte es in der Nähe seyn ; dann würde ich das Häuschen auf der Anhöhe allen Andern vorziehn . « » Auf welcher Anhöhe ? « - fragte ich , denn ich wollte nicht glauben was ich gehört hatte . » Dort - sagte sie , und zeigte auf Antonelli ' s Wohnung - diese Gegend hat etwas unbeschreiblich anziehendes für mich . « Ich ließ sie nicht ausreden , stürzte fort , warf alles nieder , was mir in den Weg kam . Mir war als solle ich mir selbst entfliehn . Zum erstenmal in meinem Leben fühlte ich eine Art Unwillen gegen sie , der allmählig in Wuth übergieng . So stand ich vor Antonelli ' s Thür ohne zu wissen wie ich dahin gekommen war . » Wo ist er « - fragte ich - » Wo er immer ist « - antworteten die Leute , und zeigten nach dem Walde . Schon lange hatte ich vor ihm gestanden , hatte schon eine Menge Flüche zwischen den Zähnen gemurmelt , noch immer hatte er mich nicht bemerkt . Endlich wurden meine Flüche lauter , und ich riß ihm das Fernglas aus der Hand . Da schien er plötzlich aus einem Traume zu erwachen und umarmte mich trotz meiner Flüche . » Ein schönes Leben - sagte ich - den ganzen Tag so mit Gaffen hinzubringen . Der König kommt . Wo ist das , was ich Dir aufgetragen habe ? « Statt zu antworten , nahm er mich lächelnd bey der Hand , und führte mich zu einem Zelte , das er sich mitten im Walde hat aufschlagen lassen . Hier sah ich Karten , Risse , alles in der größten Ordnung , und weit mehr vorgearbeitet als ich gewollt hatte . » Wann ist denn das alles gemacht ? « - fragte ich - nachdem ich es mit Erstaunen untersucht hatte . » Wenn sie nicht da war . « » Woher weißt Du denn , wann sie kommt ? « » Ich fühle es . « » Du faselst ! « » Ich sage die Wahrheit . « » Du hast ihr Zeichen gegeben , die Flöte gespielt . « - » Niemals ! « » Nun , woher soll sie denn wissen , daß Du hier bist ? « » Sie weiß daß ich hier bin ? « - fragte er , und sein Gesicht verrieth wirklich das höchste Erstaunen . - » O sage mir ! - fuhr er fort , und drückte mir die Hände , und schmeichelte wie ein Kind - sage mir ! woher weiß sie es ? Hast Du es , hat es irgend jemand anders verrathen ? « » Gleichviel - antwortete ich verdrüßlich - genug sie scheint es zu wissen . « » Ach ! siehst Du ! - rief er - sie fühlt es wie ich . « Nun schrie ich laut auf vor Wuth , riß meine Hand aus der seinigen , stürzte den Berg wieder hinunter , und fand sie in Thränen . Ach , ich wollte ich wäre bey Dir . Du bist doch mein Einziges . Hier steh ich allein , verwaist . Sie haben mich ausgestoßen aus ihrem Bunde . Von einer höhern Macht hingerissen , vergessen sie mich und die Welt . O ich leide zu viel ! Ein Ende ! Ein Ende ! Sieben und dreyßigster Brief Reinhold an Olivier Dein Leiden zerreißt mir das Herz . Armer , unglücklicher Mann ! Mit allen Deinen Schätzen , mit allen Deinen Lorbeeren unglücklich . Ach warum mußt Du gerade jetzt diese Sehnsucht nach Liebe empfinden , jetzt , wo sich das Schicksal so grausam gegen Dich verschwöret . Solltest Du denn gar nicht zu retten seyn ? - - Hast Du niemals versucht , sie als Deine Kinder zu denken ? - in ihnen , durch ihre Liebe glücklich zu seyn ? - Du mußt es mehr als einmal in Deinem thatenreichen Leben gefühlt haben : wie schön , wie überschwänglich die Selbstüberwindung lohnet . Wenn ein hartnäckiger , listiger Feind Dich erbitterte , tausend Schwierigkeiten sich Deiner brennenden Ruhmsucht entgegen stellten , Du endlich nahe warst das Ziel zu erreichen , hat Dich da nicht oft Erbarmen mitten im Laufe zurückgehalten , und sind es nicht gerade diese Augenblicke , bey denen Du , wenn Dich alles Übrige anekelte , mit Wohlgefallen verweiltest ? - Gewiß ! Dein Schicksal liegt mir schwer am Herzen . Ich habe nur einen Wunsch : Dich mit Dir selbst einig zu sehen . Ich kenne nur eine Möglichkeit - doch , ich schweige . Aber das laß Dir sagen - denn wer wollte Dich um des augenblicklichen Schmerzens willen dem tückischen Irrthume preis geben - aufopfern wirst Du müssen , auf welche Seite Du dich wendest . Auch dann , wenn Du den Tod wählst , opferst Du auf . Wie viel ? - wer kann es bestimmen ! - Die große unergründliche Natur handelt nach unwandelbaren Gesetzen . Erbarmen ist ihr fremd . Hebst Du gewaltsam ihren Schleyer ; welche Macht kann Dich retten ? - So weit das Gedenkbare reicht , findest Du die schreckliche wieder . Darum gieb Dich duldend in ihre Hand . Dann wird sie sanft Dich erlösen . Du sagst : ich bin Dein Einziges . So entschließe Dich dann muthig , und schnell ! Komm an mein Herz ! Wir wollen meinen Olivier suchen . Vielleicht finden wir ihn wieder . Acht und dreyßigster Brief Olivier an Reinhold Er ist gefunden ! - Wohl ! ganz Recht ! eben weil ich im Tode noch aufopfere , will ich mir , was das Leben gewährt , noch erhalten . Ist kein Erbarmen zu hoffen ; warum soll ich mich erbarmen ? - Mag ich nun Schmerz hervorbringen ; ich selbst leide den höchsten . Ja ich habe mich schnell und muthig entschlossen . Ich selbst will sie nicht sehen ; aber dann soll auch kein männliches Auge sie erblicken . Anfangs wollte ich mich einem deutschen Klotze vertrauen ; aber ich sah bald , daß nur ein Südländer meine Leidenschaft begreifen konnte . Ich habe Einen gefunden , der mehr noch begreift als ich empfinde . Er soll sie bewachen . Ein menschenleeres Gütchen ist gekauft , das Haus mit einem Graben umgeben , und durch eine Zugbrücke geschützt . Drey fremde Mädchen habe ich zur Aufwartung kommen lassen , und hoffe der braune Wächter wird sie gehorchen lehren . Keine Anmerkungen ! ich bitte Dich ! Es war das Einzige was mir übrig blieb . Neun und dreyßigster Brief Reinhold an Olivier Nein ! keine Anmerkungen ! aber hier einen Brief von Wilhelminen . Sie glaubt , er würde durch mich am richtigsten besorgt werden . Das gute Mädchen weiß so vieles noch nicht . - Mein Schutzgeist verhüte nur , daß sie nicht nach Juliens Aufenthalt fragt . Ihre ganze Verachtung würde mich treffen ; wenn ich nicht mit Feuer und Schwerdt drein schlüge . Wäre sie hier , ich stünde Dir vor keiner zweyten Entführung . Das arme Mädchen hat sich nur immer an den Schein gehalten . Sie glaubte Dich frey , und Julie gefangen . Dich Du Unglücklicher ! Einen Sclaven der wüthendsten Leidenschaft frey ! - Vierzigster Brief Wilhelmine an Julie Ich bin in der Schweitz ; aber meine Erwartung ist nicht befriedigt . Blendender Schnee auf den Bergen , schneidende Luft in den Thälern , die Menschen eben so kalt und düster wie sie . O das alles ist mir fürchterlich zuwider ! Ewiger Zank unter den Hohen , ewige Klage unter den Niedern . Mangel bey allem Überfluß . Sclaverey bey allem Freyheitstrotz . Ach kein Feuer , keine Lebendigkeit ! Einsylbig , langweilig , das prosaischste Volk auf der Erde . ( So weit meine Wenigkeit sie gesehen hat . ) Ja ! donnernde Wasserfälle und schaurige Klüfte . Überhangende Klippen und stürzende Lavinen . Wer Lust hat erschlagen zu werden , der kommt hier schon recht . Ob ich das alles in einer andern Laune nicht anders gesehen haben würde ? Kann seyn ! aber ganz unwahr ist es nicht ; darauf kannst Du Dich verlassen . Nein ! nein ! mit dieser grausenden , zügellosen Natur kann ich mich nicht vertragen , mit diesen Menschen nicht sympathisiren . Was helfen mir die feisten Kühe und die üppigen Wiesen ? Was mir fehlt können sie mir nicht geben . Aber was fehlt mir denn ? - Nun , fürs erste will ich glauben : ein milderer Himmel , ein geistvolleres , lebendigeres Volk , Werke der unsterblichen Kunst , an denen sich mein Geist laben und erheben kann . Italien ! Italien ! da will ich hin . Antonellis Mutter ist da . Auch die will ich sehen . O was gäbe ich darum , daß sie arm wäre , oder sonst meiner Hülfe bedürfte ! Gewiß ! sie wird mich lieben ; denn ich werde ihr von dem Lieblinge erzählen . Wäre ich die Mutter dieses Sohnes ; Könige und Kaiser müßten mir weichen . Ach ! hätte ich nur ein Kind ! nur ein einziges Kind ! Ein solches Wesen , das ich mit Todesquaal mir erkauft , mit Lebensgefahr mir erhalten hätte ! - Ich wollte alles ! ja Dich selbst wollte ich darüber vergessen . Nur Geduld ! nur Geduld ! nur nicht gelächelt ! es wird sich alles finden ! - In Italien giebt es noch Menschen , die Liebe verstehen . Bauer , oder Bürger , einerley ! » Mein Freund - sage ich dann - gefalle ich dir ; so mögte ich wohl auf ein Jahr der fünf deine Frau werden . Sind wir glücklich ; so geben wir noch vier Jahre zu . Dann drey , dann zwey , und zuletzt hast du die Freyheit , dich alle Jahr von mir zu trennen . Aber in der