bei mir gehalten wurden , ward entweder über das Werk eines großen Meisters , das wir denselben Tag gesehen hatten , gesprochen , oder es stellte einer unter uns , der eine Arbeit vollendet hatte , sie zur Beurteilung auf , oder man las auch wohl einen alten Dichter laut vor . Mitten in den ernsthaftesten Beschäftigungen entstand dann nicht selten , zur großen Verwunderung aller Anwesenden , ein plötzlicher lauter Lärm und Zank zwischen mir und meiner Frau , wovon niemand den Grund erraten konnte . Gewöhnlich war es aber nichts anders , als daß sie mir , von den andern unbemerkt , ein Gesicht geschnitten , das mir , wie sie wohl wußte , verhaßt an ihr war ; dies beantwortete ich ihr dann mit einer impertinenten Gebärde , die sie nicht leiden konnte , so ging es eine Zeitlang hin und her , ohne daß es die andern bemerkten , bis wir dann laut aufeinander losfuhren . Natürlich endigte der Krieg ebenso lustig , als er entstanden war . Unsre Haushaltung bestand aber herrlich , zur Erbauung und Belustigung aller Angehörigen . Ich hätte füglich eine lange Reihe Jahre in denselben Beschäftigungen und denselben Freuden hinbringen können , aber eine geheime Unruhe im innersten Gemüt , ein Treiben nach einem unbekannten Gut ließ es mich selten rein genießen , daß es mir doch eigentlich recht wohl ging . Ich wünschte mir einen größern Wirkungskreis , es kam mir oft ganz verkehrt vor , daß ich Kraft und Jugend einer einseitigen Ausbildung hingegeben ; es dünkte mir lächerlich , daß ich soviel angewendet hätte , um mich frei zu machen , und nun diese errungne Freiheit doch nicht in ihrem ganzen Umfang benutzte . Mein Bestreben schien mir kindisch und zwecklos , weil ich immer mehr inne ward , daß ich eigentlich gar kein Talent zur Malerei hatte ; dennoch war es mir wieder gar nicht möglich , mich loszumachen , so wenig von meiner Lebensweise , als vom Anblick und dem Studium der großen Wunder der Kunst . In manchen Stunden beunruhigte es mich wieder , nichts über meine Geburt und meine Eltern zu erfahren , ich mußte bei jedem Schritt , den ich unternehmen wollte , befürchten , daß ich meiner eigentlichen Bestimmung entgegenarbeite . Oft fühlte ich mich zu diesen unruhigen Betrachtungen geführt , doch konnte ich mich nicht lange einer trüben Stimmung überlassen , meine Freunde sowohl als alle meine Übungen führten bald wieder Vergessenheit alles Grams herbei . Endlich ward mir von meiner Kleinen die nahe Aussicht zur Vaterwürde verkündet . Wie soll ich euch beschreiben , wie mir ward bei dieser Nachricht ! Es geschah eine plötzliche Revolution in mir . Alles , was ich bis dahin geglaubt , gedacht , gefürchtet , gehofft , geliebt und gehaßt hatte , nahm eine andre , gleichsam glänzendere Gestalt in mir an . Jetzt wußte ich , was ich wollte ; ich dachte nicht mehr an ein entferntes Glück , ich hatte meine Bestimmung gefunden . Doch mich selbst verlor ich völlig dabei aus den Augen , auf das Kind bezog ich alles : ich dachte unaufhörlich an die Art , wie ich es erziehen , wie ich für sein Glück sorgen , und wie ich in diesem Kinde erst meine Kindheit genießen wollte , die mir selbst so getrübt worden war . Was ich von Kenntnissen besaß , suchte ich zu ordnen und festzuhalten , um es dann nützen zu können , dabei strengte ich mich mehr als gewöhnlich an , immer neue zu sammeln . Meine Einkünfte , um die ich mich sonst nie bekümmert hatte , berechnete ich jetzt mit großer Genauigkeit ; jedes Goldstück , das ich beiseitelegen konnte , erhielt im voraus seine Bestimmung zum Besten des Ankömmlings . Lange Reden hielt ich an die Mutter , als sie mit einigen Einschränkungen unzufrieden war , die ich einführen wollte , in denen ich ihr Sinn für ihre neue große Würde zu geben versuchte . Ich merkte es nicht in meinem Eifer , daß sie sie mit großem Leichtsinn aufnahm . Einigemal war ich gegen meine Freunde , die sich eines Lächelns und leichten Spottes über meinen gutmütigen Enthusiasmus nicht enthalten konnten , ernsthaft aufgebracht : sie schwiegen und sahen mir gelassen zu . Kein rauhes Lüftchen durfte die Mutter anwehen , ich bekümmerte mich um jede Regel der Diät , ich dachte nur daran , sie in der besten und ruhigsten Stimmung zu erhalten , und vermehrte durch meine Ängstlichkeit ihre Ungeduld , so daß ich unaufhörlich von ihren Launen litt . Was habe ich nicht angewandt , sie vom Tanze abzuhalten , dem sie mit großer Leidenschaft ergeben war ! Geliebt hatte ich sie wohl eigentlich nie , aber jetzt fühlte ich wahre Zärtlichkeit für sie ; sie war mir heilig . Wie weit aber war sie von diesen Gefühlen entfernt , die mich so entzückten ! Ich war genötigt , eine Reise nach Florenz vorzunehmen , um eine angefangne Arbeit dort zu vollenden . Ich arbeitete mit solchem Eifer , daß ich in zwei Monaten vollendete , wozu ich sonst noch einmal soviel Zeit gebraucht hätte . Ich erhielt eine ansehnliche Summe , und eilte zurück zu meinen Freunden . Ich fand meine Kleine etwas blaß bei meiner Zurückkunft , ich erkundigte mich ängstlich nach ihrem Befinden , ihre Antwort befriedigte mich nicht , indessen schob ich es in meiner Freude auf ihren Zustand , denn sie war übrigens wohl und fröhlicher , mutwilliger , als ich sie verlassen hatte . Wir saßen bei Tische , ich erzählte , fragte , überließ mein Herz den schönsten Eindrücken der Freude . Endlich fragte ich sie so schonend als nur möglich , wie es zuging , daß ihr Wuchs noch so unverändert wäre , ich hätte nicht geglaubt , sie noch so schlank zu finden ? Meine zärtlichen bescheidenen Fragen wurden mit lautem Gelächter beantwortet ; ich ließ nicht ab , sie ward übel gelaunt , einige heftig ausgestoßne Worte vermehrten meine Besorgnis , ich drang in sie , endlich ... sie hatte meine Abwesenheit benutzt ... sie hatte sich durch künstliche Mittel von dem Zustande befreit . - Die lange Beschwerde , ... die ewige Sorgfalt ward dem leichtsinnigen Geschöpfe sträflich zur Last ... sie fürchtete für ihre Schönheit ! ... Gott ! ich werde noch jetzt ganz verwirrt , wenn ich mich daran erinnere ... Ich verlor alle Fassung , alle Gewalt über mich ... Atem und Sinne vergingen mir ... meiner selbst nicht mehr mächtig , warf ich mein Messer , das ich in der Hand hatte , mit solcher Gewalt zu ihr hinüber ... es hätte sie auf der Stelle töten müssen , hätte die Wut mich nicht blind gemacht ; es blieb über ihrem Kopf tief in der Wand stecken . Von meiner Wildheit erschreckt , schrie sie laut auf , und verließ eilends das Zimmer , ich war unvermögend , ihr zu folgen . « - » O Florentin « , sagte Juliane , » wie fürchterlich erscheinen Sie mir ! Sie hätten eine Mordtat begehen können ! « - » Wie ! war nicht sie eine hartherzige , treulose , widernatürliche Mörderin ? Mich , mich hatte sie höchst unbarmherzig gemordet ! Still nur davon , und erlaubt , daß ich ende . - Die Treulose hatte auf der Stelle das Haus verlassen , ich sah sie nicht wieder . Ein gewisser Kardinal hatte sich ihrer angenommen . Wie ich nun erfuhr , hatte Se . Eminenz , die übrigens ein Muster der Frömmigkeit für ganz Rom war , ihr schon längst nachgestellt , und wahrscheinlich während meiner Abwesenheit seine Absicht erreicht . Ein heftiger Blutsturz , den ich gleich nach jenem Auftritt bekam , drohte meinem Leben . Ich war zerstört , konnte meine Kraft , meine Fröhlichkeit und meinen Trieb zur Arbeit nicht wiederfinden . Die Lust zu reisen kam mir wieder an , ich durfte es aber nicht wagen , wegen meiner angegriffenen Gesundheit . Ich mußte bei jeder etwas heftigen Bewegung Blut auswerfen . An dem Mädchen rächte ich mich weiter nicht ; dem Kardinal konnte ich es aber doch nicht so hingehen lassen ; ich machte einige Verse , in denen ich ihn eben nicht schonte . Es war Witz und Bitterkeit genug darin , sie kamen bald in Rom herum . Meine Geschichte war bekanntgeworden , man erriet den Dichter , und zugleich die Eminenz . Er mochte es wahrscheinlich durch aufmerksame Diener erfahren haben , und für seinen Heiligenschein besorgt geworden sein . Ich suchte nun diese Begebenheit zu vergessen , und strengte mich an , meine alte Lebensweise wieder einzuführen , als ganz unerwartet ein Billett von meiner treulosen Schönen an mich kam . Aus einem Rest von Anhänglichkeit für mich , riet sie mir , so geschwind als möglich Rom zu verlassen . Se . Eminenz wären äußerst aufgebracht auf mich , und hätten beschlossen , mich auf die Galeeren zu schicken , ich wäre also keinen Tag sicher in Rom . Se . Eminenz hätten ihr versichert , ich hätte diese Strafe verdient , nicht allein wegen des boshaften Pasquills , wofür er sich niemals rächen würde , das er mir auch schon von Herzen vergeben habe , sondern sowohl wegen der abscheulichen Absicht sie zu ermorden , nachdem ich sie gewaltsam verführt habe , als auch wegen meiner Irreligiosität , und des gottlosen Planes , eine heidnische Sekte zu stiften , zu welchem Ende ich geheime Zusammenkünfte mit jungen Künstlern gehalten habe , wobei wir lästerliche Reden gegen den katholischen Glauben ausgestoßen , und verschiedene heidnische Gebräuche eingeführt hätten . Überdies wäre ich schon längst verdächtig , und ein Gegenstand der Aufmerksamkeit für die Polizei , weil von auswärts her von gewissen Leuten Nachfrage nach meiner Aufführung geschehen sei ; ich müßte mich also schon längst verdächtig gemacht haben . - Denkt euch ! denkt euch diesen Abgrund von Absurdität ! Es lag mir nichts daran , mich zu verteidigen , ich hätte es leicht gekonnt . Es war mir gleichgültig , wo ich lebte , Italien war mir aber verhaßt . Ich verließ Rom noch in derselben Stunde . Weil ich die Bewegung des Fahrens nicht ertragen konnte , ging ich zu Fuß nach Civita Vecchia , einige von meinen guten Gefährten gingen mit mir bis dahin . Hier schiffte ich mich nach Marseille ein . Dort war die Luft , und die ruhige Einförmigkeit meines Lebens meiner Gesundheit so zuträglich , daß ich in einigen Monaten wieder völlig hergestellt war . Auf wiederholte Briefe an Manfredi bekam ich keine Antwort . In der Folge erfuhr ich , daß sein Regiment die Garnison verändert habe , und meine Briefe wahrscheinlich nicht an ihn gelangt waren . Damals glaubte ich aber zu meinem tiefsten Schmerz , er habe sich von mir gewandt . Ich schrieb dies dem Marchese zu , der wahrscheinlich den Nachrichten aus Rom zufolge eine schlechte Meinung von mir bekommen , und sie seinem Sohn mitgeteilt hätte . An den Marchese selbst schrieb ich also nicht , ich glaubte seine Antwort vorher wissen zu können . Nun durchwanderte ich einsam einen großen Teil von Frankreich ; die schönen Träume und Bilder waren von mir gewichen , die sonst auf jeder neuen Reise vor mir herflogen . Mein Herz hatte sich verschlossen , und so blieb ihm auch alles verschlossen . Ich lebte vom Porträtmalen . Hatte ich mir an einem Orte einiges Geld erworben , so reiste ich weiter . Manches zog mich an , aber nirgends wurde ich festgehalten . Allenthalben fand ich dieselben Gewohnheiten , dieselben Torheiten wieder , denen ich soeben entgehen wollte . Ein Vorurteil hing am andern , und an dieser Kette sah ich die Welt gelenkt und regiert . Allenthalben fand ich Sklaven und Tyrannen ; allenthalben Verstand und Mut unterdrückt und gefürchtet , Dummheit und niedrige Gesinnung beschützt von denjenigen , denen sie wieder als Pfeiler diente . Ich trieb mich in Paris umher , es war mir nach und nach ein gar schlechter Spaß geworden , Gesichter aller Art für bare Bezahlung zu konterfeien , und für dieses sündlich erworbene Geld ein leeres törichtes Leben weiter hinauszuspinnen , und die Erfahrung immer zu wiederholen , daß ich nirgends hinpasse . An einem öffentlichen Ort kam ich zufällig in ein Gespräch mit einem englischen Manufakturisten , der auf Frankreich schimpfte , und mir die englische Freiheit rühmte ; mir fiel das Versprechen ein , das ich meinen Lords in Rom gegeben hatte , - in wenigen Tagen war ich in London . Hier fand ich nur den einen Lord , der andre , der den Nobile getötet hatte , wohnte auf seinem Landsitz . Eine Zeitlang lebte ich nun mit jenem im Zirkel der Londoner Eleganz . Ich fand aber keine Lust an ihren Routs und Punsch und tollen Wetten , worin sie den Ehrgeiz des guten Tons setzten . Die Gesellschaft ihrer Frauen erfreute mich nicht ; ihre Fabriken , Manufakturen , ihr Geld , ihr Hochmut , ihre Nebel und ihre Steinkohlen machten mich traurig und schwermütig . Und ihre Freiheit , die mir so oft gepriesene ? ... Ich war bei einer Debatte im Unterhause zugegen ... und nun war ich bestimmt entschlossen , und es bleibt unwiderruflich dabei , ich gehe zur republikanischen Armee nach Amerika . Es muß jenen Menschen gelingen , sich freizumachen , da sie nicht von falschem Schimmer geblendet sind , den man ihnen anstatt des echten Goldes aufdringen will . Meine Kraft und meine Tätigkeit sei ihnen geweiht . Bei diesem Gedanken erwachten Mut und Freudigkeit wieder in mir , für die amerikanische Freiheit fechten , dünkte mir ein würdiger Endzweck . Ich setzte einen Tag fest , an dem ich wieder nach Frankreich wollte . Den Tag vorher hatten meine Londoner Herren ein Pferderennen , zu dem sie mich mitzogen ; ich folgte mit einigen andern den Rennern , mein Pferd stürzte , ich ward heftig heruntergeschleudert ; ohne es zu achten , stieg ich wieder auf , fühlte mich aber , nach einer kurzen Anstrengung ihnen zu folgen , so angegriffen , daß ich mich nach Hause mußte bringen lassen . Meine Brust war durch den Fall aufs neue verletzt worden , ich war krank , allein und verlassen . Mein Geldvorrat war erschöpft , was noch übrig war , reichte kaum hin , mich wiederherzustellen . Um dieses zu beschleunigen , wollte ich einige Zeit auf dem Lande leben ; die Luft in London war mir höchst schädlich . Sobald ich es nur wagen durfte , soweit zu gehen , machte ich mich auf , um meinen Lord auf seinem Landhause zu besuchen , und mich bei ihm völlig zu erholen . In seinem mit der gewöhnlichen Pracht der englischen Landpaläste errichteten Wohnsitz fand ich alles in bunter , lauter Freude und Lustbarkeit . Der Lord hatte sich vor wenigen Tagen mit einer reichen Erbin vermählt , und man war noch sehr mit den Festen beschäftigt . Ich kam zu Fuß , war matt , bleich und im Kostüm eines Fußgängers . Ich mußte lange stehen , eh ' ich jemanden fand , der mich Sr. Herrlichkeit melden wollte . Es gab eine Zeit , wo ich es nicht so geduldig abgewartet hätte , aber ich war krank , und mein Geist gebeugt . Des Stehens im lärmenden Vorsaal endlich müde , schickte ich eine Karte mit meinem Namen hinein , und setzte dazu , ich wäre im Garten . Ich ging wirklich dahin und setzte mich auf die erste Bank , die ich fand . Bald darauf kam auch der Lord mit einem wahren Festtagsgesicht , das immer länger ward , je näher er mir kam , und mein Aussehen und meinen Aufzug gewahr ward . Seine ganze Haltung schwebte zwischen Erstaunen und Verlegenheit . In jeder andern Stimmung hätte mich Se . Herrlichkeit sehr belustigt , jetzt war es mir aber ganz gleichgültig ; es war ein schöner warmer Herbsttag , der Sonnenschein tat mir wohl , ich legte mich bequem auf den schönen Sitz und ließ den Lord sich wundern und nicht begreifen . Seine Fragen beantwortete ich ihm zur höchsten Notdürftigkeit ; er wußte bald , wie es gegenwärtig mit mir stand , und mein Begehren , einige Zeit lang bei ihm auf dem Lande zu wohnen . Nach einigem Husten und Räuspern , und einem sehr bedeutenden Spiel mit Uhrkette und Hemdkrause , erzählte er mir endlich : während seiner Rückreise nach England sei sein Vater plötzlich gestorben , und habe viel Schulden und die Güter in Unordnung gelassen . Auch er habe nach gemachter Rechnung , auf seinen Reisen weit mehr ausgegeben , als ihm eigentlich erlaubt gewesen . Schon auf dem Punkt , ganz ruiniert zu sein , habe er seine gesammelten Schätze der Kunst und die größten Seltenheiten alle verkaufen müssen , was doch nicht zugereicht habe , ihn wieder in Ordnung zu bringen ; er sei aber jetzt so glücklich gewesen , eine sehr reiche Frau zu finden , durch deren Vermögen er sich wieder in den Stand gesetzt sähe , seinen alten Glanz anzunehmen . Er finde sich überaus glücklich ; nur auf das Glück , seinen alten Freunden öffentlich viel zu sein , müsse er Verzicht tun ; heimlich könne er aber manches für sie tun . Seine Anverwandten und die Familie seiner Gemahlin , die jetzt zu seinem Glück alles getan habe , müsse er durchaus hierin schonen , und ihnen nicht das Zutrauen nehmen , daß er von seiner Neigung zur Verschwendung geheilt sei , wovon sie immer noch einen Rückfall befürchten . Da sie nun seinen Aufenthalt in Italien als den Hauptgrund seines Verderbens ansähen , so sei ihnen alles verdächtig , was von dort herkomme , besonders alle Künstler , und was damit zusammenhänge . Jetzt sei die ganze Familie noch in seinem Hause zu den Vermählungsfesten versammelt , und er sowohl als ich würden viel von ihrer Übeln Laune und ihrem Verdacht zu leiden haben , wenn er mich als Künstler und Bekanntschaft aus Italien bei ihnen einführen wollte ; das , was er mir schuldig sei , was ich für ihn getan , komme in keinen Betracht bei ihnen , da er jene Geschichte mit einigen andern Umständen erzählt habe , und sie nur die Summe berechneten , die er an jenem Abend im Spiel verloren . Seine Freundschaft und ewige Dankbarkeit sei noch immer dieselbe für mich ; ich sollte nur erst eine andre Toilette machen , und in einem Wagen oder zu Pferde bei ihm ankommen , dann wollte er mich unter fremdem Namen , als Graf oder Marquis vorstellen , unter diesem Titel könnte ich eine Zeitlang , wie zum Besuch , bei ihm bleiben . Alsdann wollte er mir eine bequeme Gelegenheit , nach Frankreich zu reisen , verschaffen , und mir einige sehr gute Empfehlungen dorthin mitgeben . Sollte ich mich aber nicht in diese Maßregeln fügen können , so möchte ich wenigstens nicht die kleinen Beweise seiner Dankbarkeit und Freundschaft verschmähen , und erlauben , daß er sich zum Teil der großen Verbindlichkeiten entledige , die er mir habe . Wo ich auch wäre , sollte ich mich seiner erinnern , und immer auf seine Freundschaft rechnen . Währenddessen hatte der großmütige Lord einen Geldbeutel hervorgezogen und ihn neben mir auf die Bank hingelegt . Als ich merkte , daß er nichts mehr zu sagen hatte , und irgendeine Antwort erwartete , stand ich auf , setzte meinen Hut gelassen auf , wandte mich und ging hinaus , ohne ein Wort zu sagen . Überdies war auch eben die Sonne untergesunken . Wie lange er mir nachgesehen haben mag , weiß ich nicht . Mir war leichter , da ich hinausging , als da ich hereintrat . Der Auftritt hatte meiner Laune ganz wohl getan , mir war so leicht wieder zu Sinn , als seit lange nicht ; es war mir , als hätte ich eine große Rechnung im Leben abgeschlossen , und könnte nun auf neues Konto wieder anfangen . Ich genoß im nahen Gasthofe einiger ruhigen Stunden , in denen ich überlegte , was ich nun tun wolle ? Zur Armee konnte ich noch nicht , ich hätte bei meiner angegriffenen Gesundheit das Soldatenleben nicht ertragen , es ging überdies zum Winter . Ich ging zurück nach London , verkaufte meine überflüssigen Habseligkeiten , und so mit recht frischem heiterm Sinn , der nicht wenig dazu beitrug , daß ich bald wieder Kräfte und Gesundheit erlangte , verließ ich England und schüttelte den Staub von meinen Füßen , als ich wieder zu Calais anlangte . Im südlichen Frankreich hoffte ich zuerst meine Gesundheit wiederzuerlangen , ich beschloß also hinzuwandern und den Winter unter jenem milden Himmel abzuwarten . Den Fußreisen fing ich an vielen Geschmack abzugewinnen ; es gibt keine lustigere und abenteuerlichere Art zu reisen , wenn es einem eben nicht darauf ankömmt etwas später an das Ziel seiner Reise zu gelangen , oder wenn man , was noch schöner ist , seiner Reise kein Ziel zu setzen braucht . Freilich mußte ich nun wieder zum Porträtmalen meine Zuflucht nehmen , um durchzukommen . Es ward mir aber schwerer und zuletzt ganz unmöglich , eine Kunst , die die Göttin , das Glück und die Gefährtin meiner schönen und glücklichen Tage gewesen war , im Unglück als Magd zu gebrauchen . Ich behalf mich oft lieber äußerst kümmerlich , litt manchen Tag lieber wirklich Not , ehe ich mich dazu entschloß . Ich half mir sinnreich genug , und auf unzählige Weisen durch ; eine der angenehmsten war mir darunter , als Spielmann von Dorf zu Dorf versorgt zu werden . Auf meiner Wandrung machte ich zufällig die Bekanntschaft eines Schweizers , der mit seiner kranken Frau den Winter in Frankreich zubringen wollte , um sie wenigstens so lang als möglich zu erhalten , da keine Hoffnung zu ihrer völligen Wiederherstellung war . Sie starb während des Winters , und er , der über ihren Verlust sehr trauerte , bat mich , ihm auf seiner Rückreise nach Basel Gesellschaft zu leisten . Ich nahm es gern an , ich hatte die Schweiz noch nicht gesehen . Um sich zu erheitern , reiste er nicht geradezu nach Basel , wo er wohnte , sondern begleitete mich vorher auf meinen Zügen in den Alpen . Ich machte einige gutgelungene Zeichnungen , die er behielt . Unter diesen Beschäftigungen verstrich wieder der Sommer ; nun ging ich mit ihm nach Basel , wo ich durch ihn in einigen artigen Häusern bekannt ward . Die Härte des Winters hielt mich lang in Basel , währenddem gab ich Unterricht im Zeichnen und Malen . Einigen liebenswürdigen Menschen dort habe ich gar vieles zu verdanken , ohne daß sie es vielleicht ahnden . Auf ihren Rat , und durch ihr Lob aufmerksam gemacht , lernte ich Deutsch und einige eurer guten Dichter kennen . Sie gaben mir glückliche Stunden , und rechtfertigten meine Vorliebe für die Deutschen . Ich ward durch sie bewogen noch erst durch Deutschland zu reisen , und mich noch länger den Stürmen eines Ungewissen Lebens hinzugeben , eh ' ich zu meiner Bestimmung gelange . Sobald man nur hoffen durfte , daß die Kälte nicht mehr zurückkehren würde , habe ich mich von Basel aufgemacht ; ich habe einige schöne Teile von Deutschland durchreist , und fühle mich so gestärkt an Leib und Seele , daß ich nun meinen Entschluß gewiß auszuführen gedenke . Mich treibt etwas Unnennbares vorwärts , was ich mein Schicksal nennen muß . Es lebt etwas in mir , das mir zuruft , nicht zu verzagen , und nicht bloß zu leben , um zu leben , ich muß meinen Endzweck , ich muß das Glück , das ich ahnde , wirklich finden . - Ihr wolltet es so , meine guten Freunde , da habt ihr also die Erzählung meiner wichtigsten Begebenheiten . Es sind wunderliche Bilder der Vergangenheit in mir rege geworden , bei denen ich mich vielleicht zu lange aufgehalten habe , sie haben sich meiner bemeistert . Laßt es geheim zwischen uns bleiben , was ich euch erzählt habe . Es gibt Menschen , die das , was man ihnen sagt , selten so nehmen , wie man es sagt , und wie man es genommen haben will , sondern aus eigner Bewegung noch ganz etwas anders dahinter suchen und vermuten . Der Himmel gebe , daß euch meine Erzählung keine Langeweile gemacht , und daß ihr jetzt nicht übler von mir denkt als vorher . « Beide versicherten ihn ihrer freundschaftlichsten Teilnahme , und daß er ihnen vielmehr jetzt noch werter geworden sei . Sie unterhielten sich noch mit ihm über diese und jene Begebenheit , die ihnen aufgefallen war . Juliane erkundigte sich genauer nach den Namen , Verhältnissen und den Personen , die darin vorkommen . - » Fragen Sie mich nicht um dergleichen Zufälligkeiten , liebe Juliane , sie gehören nicht auf die entfernteste Weise zu mir , und von mir sollte ich Ihnen erzählen ! Hinz oder Kunz , es ist einerlei . Wenn es Ihnen so um den deutlichen Begriff der Persönlichkeit zu tun ist , so können Sie sich Personen nach Ihrer Bekanntschaft dazudenken , man findet sehr leicht passende Vorbilder . Und nun , bevor wir uns auf den Rückweg machen , lassen Sie uns noch erst tiefer ins Gebirge hineingehen , dort von dem Gipfel eines Bergs , den ich kenne , ist eine Aussicht , die ich , eh ' die Sonne untergeht , zeichnen und Ihnen , lieben Freunde , als ein Gastgeschenk und ein Andenken dieses Tages zurücklassen will . Die Sonne steht nicht mehr hoch , es hat sich ein kleiner Wind erhoben , und Sie können ohne Beschwerde gehen , Juliane . « - Jene waren es wohl zufrieden , man machte sich auf den Weg , und im Gehen sagte Florentin : » Jene Aussicht habe ich aus einem ganz besondern Grund zum Abzeichnen ersehen . Man sieht von dort ein Haus , das mich durch seine Bauart und eine Ähnlichkeit in der Lage an eine lustige Geschichte erinnert , die ich euch noch erzählen will . Ihr mögt euch meiner dabei erinnern , wenn ich fern bin , und ihr die Zeichnung beschaut in friedlichen Tagen . Als ich in Venedig war , ließ ich mich in einer der schönen Nächte mit einigen Leuten auf dem Golfo herumfahren . Wir machten Musik , und waren voller Mutwillen und Lust . Einer unter ihnen hatte eine gute Freundin , die in einem Landhause nicht weit vom Ufer wohnte , es fiel ihm ein , ihr eine Musik unter ihrem Fenster zu bringen , und er bat uns ihn zu begleiten : wir willigten ein , und stiegen ans Land . Die Musik ward gebracht , und so gnädig aufgenommen , daß man uns alle einlud ins Haus zu kommen , um Erfrischungen einzunehmen . Der gute Freund ging sogleich hinein , wir andern entfernten uns bescheiden , nachdem wir einen Ort bestimmt hatten , an dem wir uns wieder zusammenfinden wollten . Wir zerstreuten uns ; was die andern anfingen weiß ich nicht ; ich ging am Ufer des Golfo entlang , freute mich über die entzückende Aussicht , die in glänzendem Mondlicht vor mir lag , und hörte dem Gesang der Gondoliere zu , und der verschiedenen Musik auf den Gondeln , die hin und her schwammen . So fortwandelnd , sah ich mich auf einmal vor einem Gitter , das ein anmutiges Blumenparterre umschloß , von dem die Gerüche die Luft um mich her durchwürzten . Am andern Ende des Parterrs , dem Gitter gegenüber , war ein Haus sichtbar mit einem Balkon , der nur wenig von der Erde erhöht war , auf demselben standen die Türen offen , die nach einem Zimmer zu führen schienen , aus dem ein helles Licht schimmerte , und der Gesang einer weiblichen Stimme , von einer Gitarre begleitet , erscholl . Das Ganze zog mich hinlänglich an , um mich etwas näher umzusehen . In einem Augenblick sprang ich über das Gitter , und stand dicht vor dem Balkon , wo ich das ganze Zimmer hinter demselben übersehen konnte . Es war ein niedlich gebauter Salon , der so geschmackvoll und zugleich prächtig dekoriert war , als ich es selten gesehen habe . Besonders zog meine Blicke ein schöner Fußteppich an , mit grünem Grund , auf den zerstreute Rosen eingewirkt waren , der sich gegen die glänzenden mit Gold verzierten Wände sehr schön ausnahm . Das Ganze ward von einem kristallnen Kronleuchter zauberisch beleuchtet . Eine schöne junge Frau , im leichtesten zierlichsten Gewande , die schwarzen Haare oben auf dem Kopfe zusammengeknüpft , ging singend auf diesem Teppich mit leichtem Fuß umher , in ihrem Arm ruhte die Gitarre , die sie mit vieler Anmut spielte . Einige große Spiegel an der gegen mir überstehenden Wand vervielfachten das Bild der reizenden Gestalt im Vorüberschweben . Ich war wie festgebannt , ich konnte mich nicht satt sehen . Sie legte die Gitarre hin , und zog eine Schelle , ein Lakai in reicher Livree trat herein und brachte Erfrischungen , sie setzte sich nun auf den Sofa dicht am offnen Balkon und verzehrte einige Orangen , die sie erst mit großer Zierlichkeit schälte . Die unbedeutendste Bewegung gefiel mir an ihr . Ich mußte es wagen , sie zu sprechen , das war gewiß . Ohne mich lange zu besinnen , sang ich halb leise einige Verse auf dieselbe Melodie , die sie soeben gesungen hatte . Ich konnte sie genau dabei beobachten : erst war sie erschrocken , dann staunte sie , zuletzt ward sie aufmerksam , ich hörte auf und seufzte tief . Einen Augenblick besann sie sich , dann trat sie auf den Balkon heraus ; sie