über beides , es gar nicht für übel gethan , wenn er ihr von seinen Gedanken über echten weiblichen Werth eine kleine Eröffnung machte . - Sie haben , sagte er , viel verloren , Madam ; Sie hatten eine sehr vortreffliche Schwiegermutter . - Freilich war sie im Grunde nur Hausfrau ; aber mehr zu seyn , kam ihr auch nie in den Sinn : der Mann , glaubte sie , gehöre der Welt ; die Frau , dem Mann und den Kindern . Das war so der ehemalige alte Glaube , worin man die Töchter erzog , und wobei nun freilich die Mädchen nicht so fein und niedlich wie jetzt , aber dafür desto braver und wirthschaftlicher , und einem Manne der an sein Fortkommen dachte , desto lieber und werther wurden . Der alte Lyk sagte mir oft , dass er diese herrliche Frau als seinen besten Segen von Gott betrachte , und dass er ohne sie bei weitem nicht in so guten Umständen seyn würde , als er es wäre . Er liebte und achtete sie ungemein ; auch wohl mit deswegen , weil sie ihm viele Ehre machte : denn sie galt in der ganzen Stadt für die beste und erfahrenste Wirthinn , und war für unsre Weiber , in jeder häuslichen Angelegenheit , das allgemeine Orakel . - Dabei war sie nichts weniger , als peinlich , oder gar mürrisch : Sie hätten sehen sollen , Madam , mit wie einnehmender Freundlichkeit sie den Gästen entgegen kam , die der alte Lyk fast jedesmal von der Börse mit sich brachte ; wie sie sich freuen konnte , wenn bei der Bewirthung , die immer nur bürgerlich , aber reichlich und anständig war , ihre Gerichte schmeckten , und wenn , die kleine Gesellschaft während dem Essen recht gesprächig , recht laut ward . Sie fragte dann mit den Augen ihren Mann , der alle ihre Blicke verstand ; und sobald er gewinkt hatte , war sie in zwei , drei Sprüngen zum Keller hinunter , und holte selbst von dem besten alten Rheinwein herauf , der uns dann noch beredter , noch fröhlicher machte . - Sehn Sie , Madam ! Mit so einer liebreichen , frohen , wirthschaftlichen , Hausfrau waren wir damaligen Männer über und über zufrieden , und nannten sie , wie sie ' s auch wirklich war , unsern Schatz und unser Herz ; heut zu Tage , wo sich der bürgerliche Ton immer mehr in den adlichen , auch wohl hie und da in den fürstlichen hinaufzieht , wären das gemeine , abgeschmackte Ausdrücke : da nennt man , glaub ' ich , die Frau mein Kind ; aber ich weiss doch kaum , wen ich glücklicher preisen soll , ob den ehemaligen Mann mit dem Schatze , oder den jetzigen mit dem Kinde . - Doch Sie verzeihen , Madam ; ich plaudre da ein Langes , ein Breites , und weiss selbst nicht , wozu ? Denn dass andre Zeiten andre Sitten bringen , ist ja natürlich . - In dieser Art von Standrede auf die verstorbene Schwiegermutter fand sich wieder so manches Empfindliche , dass die Witwe den Zweck ihres Besuchs nun völlig aufgab , und sich Herrn Stark auf der Stelle würde empfohlen haben , wenn nicht ein jäher Schwindel , in welchem Alles vor ihren Augen zu taumeln und zu tanzen anfing , ihr das Aufstehen verboten hätte . Gleichwohl musste sie dieses Aufstehen versuchen , als sie sich plötzlich von zwei weiblichen Stimmen begrüssen hörte , worunter sie die der Doctorinn sogleich unterschied . Die liebe Neugier hatte diese und die Mutter herbeigeführt : die eine , um zu erfahren wie es stände , und um nöthigenfalls die Witwe zu unterstützen ; die andre , um eine Person näher kennen zu lernen , die ihrem Sohne so verpflichtet , und wie man ihr nicht verborgen hatte , zugleich ihm so werth war . Mein Gott ! was ist Ihnen ? rief die Doctorinn aus , die den Zustand der Witwe auf den ersten Blick erkannte , und ihr rasch entgegensprang , um sie zu halten . - Wohl gar in Ohnmacht ? fragte erschrocken Madam Stark ; und : Nimmermehr ! rief verwundert der Alte ; während die Kranke aus den Armen der Doctorinn auf das Canapee glitt , und plötzlich ohne Athem und Farbe , wie eine Leiche , dalag . Die Doctorinn rief nun laut um Hirschhorngeist ; die Mutter eilte in die Küche nach frischem Wasser ; Herr Stark holte Hofmannischen Liquor ; und in kurzem war auch Monsieur Schlicht und das ganze Haus in Bewegung . - Endlich war Madam Lyk in so weit wieder hergestellt , dass sie sich getraute , zu Fuss und ohne Begleitung nach Hause zu kommen . Aber das gab niemand zu , und am wenigsten der alte Herr Stark , der sich überhaupt so gütig und herzlich benahm , dass die Witwe an seiner Gesinnung gegen sie ganz wieder irre ward . Er liess einen Wagen holen , in welchen , nach seiner Anordnung , die Doctorinn zuerst hineinstieg , um , während man der Witwe von aussen nachhülfe , ihr von innen die Hand zu reichen . Auch Monsieur Schlicht , der trotz seines Alters noch sehr berührig und kraftvoll war , musste hinein , mit der Anweisung : sobald der Wagen hielte , herauszusteigen , um Madam Lyk den Arm zu bieten , aber ja , wenn sie wieder schwächer würde , erst Hülfe aus dem Hause zu rufen , und sich nicht zu viel auf eigene Kraft zu verlassen . - Nun ? fragte der Alte , sobald er sich mit der Mutter wieder allein sah : kannst du mir sagen , was das hiess ? was das vorstellen sollte ? Ich für mein Theil verstehe kein Wort . - Die Frau kömmt am frühen Morgen gegangen , und reisst mich aus meinen Geschäften : ich denke nicht anders , als sie will Wechsel auf England oder auf Holland kaufen ; aber am Ende - was hat sie bei mir zu thun ? - In der Welt Gottes nichts , als in Ohnmacht zu fallen . - Ist das etwa jetzt neuer Ton ? Macht man zu London und zu Paris solche Morgenvisiten ? Wie du nun bist ! sagte die Alte . Ein Frauenzimmer wandelt ja leicht etwas an . Ein Frauenzimmer ! - Warum denn aber dich und die Doctorinn nicht ? Je nun - eine ist ja nicht , wie die andre . Mutter ! - Wenn alle die Weiber , die den ganzen Tag , mit Roman und Komödie in der Hand , auf dem Sopha liegen , oder die auch den Morgen am Putz-und den Abend am Spieltisch vergeuden ; wenn sie hübsch , wie du und die Doctorinn , von früh bis spät auf den Beinen wären , um sich in ihrer Wirthschaft herumzutummeln : ich wette , wir würden von keinen Krämpfen und Schwindeln und Ohnmachten , und wie das Zeug alles heisst , weiter hören . - Zwar einmal - er drohte ihr erst mit dem Finger , und nahm dann ihre dürre , welke Hand , um sie zu liebkosen - einmal spieltest du mir auch einen Streich ; da war ich in rechtschaffner Angst . - Doch das war auf dem Bette der Ehren , bei der Niederkunft mit der Tochter ; und für so eine Ohnmacht alle mögliche Hochachtung ! Die hat denn doch Hand und Fuss . Böser Mann ! sagte die Alte , mit einer Miene die halb schmunzelte und halb schmollte : lass doch solche Dinge nun aus dem Kopf ! Das sind ja alte Geschichten . XXII . Bald nach dem Mittagessen erschien der Doctor : theils , um sich nach der Gesundheit , theils - oder wohl eigentlich und hauptsächlich - um sich nach der Gesinnung des alten Herrn zu erkundigen . Er fragte fast in einem Athem : Wie befinden Sie Sich ? und : Wie gefiel Ihnen die Witwe ? Auf das Erste , lautete die Antwort : Wohl ! und auf das Zweite : Nicht übel ! Sie werden gefunden haben , dass es eine sehr feine Frau ist . Nicht wahr ? Fein ? Je nun ja ! Wie Sie wollen . Figur und Gesichtchen sind ganz erträglich . - Es lässt sich schon denken , wie so eine Frau einen schwachen , thörichten Mann hat so weit bringen können , sich um ihretwillen zu Grunde zu richten . - Der Doctor , der sich einer günstigern Antwort versehen hatte , war ein wenig betreten . Indessen hielt er es nicht für gut , in gerader Richtung über den Strom zu schwimmen . - Sie ist zugleich von sehr sanfter Art ; meinen Sie nicht ? Sie scheint es . Die Weiberchen scheinen Manches , Herr Sohn . Aber sind doch Manches auch wirklich ? Wie man das nimmt . - Was sie jedesmal sind , sind sie wirklich . Heute dies , morgen das . Mein Gott ! Sie sind doch auch sehr gegen die Weiber . Für sie , für sie , Herr Sohn ! - Ich schätze , an dem lieben Geschlechte nicht bloss die Tugenden , sondern auch die Schwachheiten ; aber wohl gemerkt ! diese mit jenen verbunden . Die Welt- und die Modeweiber , die nur die Schwachheiten , aber nicht die Tugenden , und eben darum jene im höchsten Grade haben ; die , Herr Sohn - wie Sie schon längst gemerkt haben können - sind mir zuwider . Und zu diesen , glauben Sie , gehöre die Lyk ? Ob noch jetzt ? kann ich nicht sagen . Ich bin Arzt in dem Hause . - Da wissen Sie Bescheid um ihre Gesundheit . Ja . Aber auch wahrlich um ihre Denkungsart , ihre Sitten , ihren Charakter . - Ein Arzt hat manchen geheimen , vertraulichen Augenblick mit den Weibern . So ? - Und das sagen Sie mir so frei ins Gesicht ? Warum nicht ? - Mir , dem Vater von Ihrer Frau ? - Wenn ich nun der es wieder sage ? Gerne ! gerne ! In Gottes Namen ! Der muntre , freudige Ton des Doctors rührte den Alten , und er ergriff seine Hand . - Lieber , guter Doctor , sagte er , Sie und meine Tochter machen zusammen ein braves , ein herrliches Paar . - Gott erhalte euch so ! Ich habe ja ausser euch keine Freude . - Er hatte grosse Lust auf den Sohn zu kommen , dessen noch fortdaurendes Flussfieber ihm sehr zu missfallen anfing ; allein der Doctor liess ihn nicht los von der Witwe . Nehmen Sie einmal an , sagte er , dass die Frau wirklich ist , was sie scheint : sanft , liebreich , nachgebend , gefällig ; - wäre da der unsinnige Aufwand im Lykischen Hause nicht auch ohne sie zu erklären ? Liesse sich ' s nicht denken , dass eine so geartete Frau ihre eigene Neigung dem eitlen , auf lauter Pracht und Vergnügen erpichten Manne hätte aufopfern können ; dass sie sich bloss durch ihn , ohne den mindesten innern Trieb , von einer Gesellschaft zur andern , einem Balle zum andern , hätte fortreissen lassen ? Die Wirthschaft aber ging nach der Heirat erst an . - Natürlich ! Denn da wird das Haus erst ein Haus . Die Frau erst macht es dazu . Und der ganze Aufzug - der Staat - die glänzende Equipage - das Alles scheint mir mehr auf weibliche , als auf männliche Neigung zu deuten - Kam aber doch lediglich von dem Manne . Hm ! - Zwar sind manche Männer Weiber , und ärger als Weiber . - Das mein ' ich ! Und dann , liebster Vater : was hätte die Tochter eines armen Landpredigers - denn das ist die Lyk - was hätte ein Mädchen , das weder Vermögen noch Aussteuer in ' s Haus brachte , für grosse Ansprüche machen können ? Ungeheure ! Das verstehn Sie nur nicht . - Die Waare der eitlen Weiber hat keinen bestimmten Preis , aber in ihren eigenen Augen einen unermesslichen Werth . Wenn für so ein Figürchen oder ein Lärvchen - und oft für noch weniger , für ein bischen Geschwätz oder Geziere - ein Baron seine Baronie , oder ein Graf seine Grafschaft vertändelt ; so haben sie dabei noch immer verloren , sich noch immer zu wohlfeil weggegeben : denn mit eben diesen - Herrlichkeiten oder Armseligkeiten - hätten sie ja ein ganzes grosses Fürstenthum unter kaiserlichen Sequester bringen können . Wir reden hier aber von keiner Buhlerinn , sondern von einer Frau - Alle Achtung ! Und deren Glück oder Unglück , Ehre oder Schande , hängt ja so innig mit Glück oder Unglück , Ehre oder Schande des Mannes zusammen . Wird denn das überlegt ? - Hier wahrlich , hier ward es sehr überlegt . - Dass sich Anfangs das junge , unerfahrne , in der Welt noch ganz neue Landmädchen in den Strom von Vergnügen kopfüber hineinstürzte , und nur an den jetzigen süssen Genuss , nicht an die künftigen herben Folgen dachte : das hoff ' ich , wird ein Menschenkenner , wie Sie , eben so leicht verzeihn , als begreifen . - Aber das Ding währte fort - immer fort - ohne Ende . Bloss durch Schuld des Mannes , mein lieber Vater . - Die Frau ward schwanger und kränklich , und ich war nun fast täglich im Hause . Wie oft bezeugte sie mir ihre Sättigung , ihren Überdruss , ihren Ekel ! Wie herzlich wünschte sie sich das geräuschlose , häusliche , thätige Leben zurück , woran sie von jeher gewöhnt war ! Aber dazu ihren Mann zu bereden , war keine Hoffnung ; denn gleich ihr erster Versuch , ihn umzustimmen , erregte seinen heftigsten Zorn . Sie liebte den Mann ; sie war schwach ; sie war der Armuth wegen , worin sie zu ihm gekommen war , scheu und blöde : Er dagegen - war stolz , gebieterisch , auffahrend , gegen die Liebkosungen und die Thränen der Frau wenig empfindlich . Ich sah das nur zu sehr , als er von ihrer Mutterliebe das Opfer forderte , den künftigen Säugling nicht mit eigener Brust zu ernähren . Und auch das liess sie gut seyn ? gab nach ? Was sollte sie machen ? - Der Alte schüttelte missbilligend mit dem Kopfe . Die Wirthschaft ging indess ihren Gang immer fort , immer dem Abgrunde zu ; und es musste doch wahrlich grosses Vermögen da seyn , dass der Mann seine Verschwendung ganze Jahre lang durchsetzen konnte . Das war auch ; das war ! rief der Alte . Ungemeines Vermögen ! Indess ward die Frau durch manche Beispiele gewarnt ; sie ahnte traurige Folgen : allein da das Gesicht des Mannes heiter blieb , so verschloss sie , mit ihrer gewohnten Furchtsamkeit , alle Besorgnisse in ihr Herz . - Endlich , als wirkliche Verlegenheiten eintraten , denen nur der äusserst vorteilhafte Verkauf des Gartens ein Ende machte , wirkte sie , durch die nachdrücklichsten , zärtlichsten , wehmüthigsten Vorstellungen , wenigstens einige kleine Einschränkungen aus , und für die Zukunft Versprechungen , die aber nur zu bald wieder vergessen wurden . Wäre nicht noch zu rechter Zeit der Tod in ' s Mittel getreten ; so hätte sie wahrscheinlich den vollen Bruch des Hauses , und tiefe , bittre Armuth erlebt . Nur wahrscheinlich ? Sagen Sie : gewiss und unfehlbar ! - Aber , dass die Schuld so ganz nur des Mannes gewesen wäre , nicht ihre eigne - - ich gestehe Ihnen , Herr Sohn , das will mir gar nicht recht in den Kopf . Ich habe Nachrichten , die anders lauten , ganz anders . Von wem ? - Ich bitte Sie , lieber Vater - Von - - Von dem Wolf in der Fabel , hätte er sagen können ; denn eben , als schon der Name ihm auf den Lippen schwebte - - XXIII . Trat Herr Specht in das Zimmer , und ward von dem Doctor sogleich als derjenige Mann , an den er sich halten müsste , auf ' s Korn genommen . Es sei nun , dass die süsse Miene und die schmeichlerischen Demüthigungen des Herrn Specht , oder dass gewisse Äusserungen des Schwagers , die ihm noch dunkel im Gedächtniss schwebten , diesen Verdacht bei ihm , rege machten . Herr Specht setzte mit wichtiger Miene einen grossen Beutel Geld auf den Tisch : äusserst froh , wie es schien , dem liebwerthesten Herrn Pathen seine bisherige Schuld bei Heller und Pfennig abtragen zu können . - Er hatte bei einer kleinen Speculation mit Waaren , die gerade damal gesucht wurden , ein ansehnliches Sümmchen gewonnen ; er eilte also , sich durch Abbezahlung die Geldquelle zu reinigen , die er bei längerer Vernachlässigung leicht einmal hätte verstopft finden können . - Ei potz , potztausend ! sagte der Alte , indem Herr Specht den Beutel ausschüttete : das ist ja gewaltig viel Geld ! Das ist ja ein Reichthum , wie des Mannes im Evangelium ! Wo hat Er das Alles her ? Hehehe ! Liebster , bester Herr Stark ! Wie Sie doch immer so gerne spassen ! - Reichthum ? Daran fehlt viel . - Lieber Gott ! - Aber man thut denn das Seinige ; und wenn ein Körnchen zum andern kömmt , sagte einmal der Herr Pathe , und immer neue Körnchen dazu - - Ja , sieht Er ? Da wird am Ende ein Haufen . Das ist ganz richtig . - Indessen zählte Herr Specht munter fort , und sah sich dann und wann nach dem Sohne um , den er diesmal eben so gern , als sonst ungern , hätte kommen sehen , um sich einmal in seinem Glanze vor ihm zu zeigen . - Die Summen wurden richtig befunden , das Geld wieder eingesackt , und die eingerissnen Papiere zurückgegeben . Nun ! sagte der Doctor - weil ich sehe , dass Sie mit Ihrem Geschäfte fertig sind , mein Herr Specht - wie geht ' s Ihnen ? wie befinden Sie Sich ? Specht , unter tiefer Verbeugung , wobei sein Kopf eine Art von Schneckenlinie beschrieb , dankte tausendmal für gütige Nachfrage , und versicherte : er sei wohl . Und zu Hause - die Frau Liebste ? die Kinder ? Alles , alles wohl , mein verehrtester Herr Doctor . Nun , das ist schön ; das erfreut mich . - Wie sieht ' s denn jetzt in Ihrer Nachbarschaft ans ? Was macht Madam Lyk ? Hehehe ! Die lebt denn immer so fort , ganz im Stillen . - Wie ' s einer Witwe denn auch nicht anders ziemt . Ganz im Stillen . Vormal war es dort nicht so stille . Da war gewaltiger Lärm . Ach , das sagen nur der Herr Doctor noch einmal ! Lärm bei Nacht , wie bei Tage . Keinen Augenblick hatte man Ruhe . - Das war ein Geschrei , Gefahre , Gelaufe , Getümmel ; und wenn Ball oder Maskerade war , ein Gefiedel , Geflöte , Geblase , Gepauke - man hätte mögen von Sinnen kommen . Meine Frau hat dabei in dem einen Wochenbette was Rechts gelitten . Sie nahm es dem Herrn nicht so sehr übel , als der Madam , dass man so gar keine Rücksicht hatte , und so schnell nach ihrer Niederkunft ein solches Spectakel anfing . - Sie konnte seitdem die Frau nicht mehr ansehn . - Es war auch wirklich recht gottlos . Freilich ! Die kurzen sechs Wochen über hätte man sich schon ein wenig still halten können . - Aber ob denn die Wirthschaft nicht bald wieder angehen wird ? Damit hat ' s denn wohl so seinen Haken . - Er kniff das eine Auge ein wenig , und glaubte Wunder , wie verschlagen er aussähe . Wie so ? - Der Mann ist doch lange genug unter der Erde . Die grosse Trauer ist aus . Das wohl ; aber - - Er schob den Daumen der rechten Hand ein paar mal über den Zeigefinger , und zuckte dabei die Achseln . - Wo einmal das fehlt , mein lieber Herr Doctor - - Ja , das ist wahr ; da fehlt Alles . - Und aufgeräumt mag die Frau unter den Beuteln des alten Schwiegervaters ein wenig haben ; das will ich glauben . Ein wenig ? Hehehehe ! - Aber wenn nur noch etwas , auch nur noch ganz wenig da ist ; ein kleines , unbedeutendes Restchen : - solche Menschen , die einmal in der Jugend nicht rechnen gelernt haben , sind wie vom Bösen besessen . Sie haben nicht eher Ruhe noch Rast , als bis sie Alles , schlechterdings Alles , auch den letzten Pfennig durchgebracht haben . Erst müssen die Gerichtssiegel an Kisten und Kasten kleben ; eher ist kein Aufhören bei ihnen . Ja , das kann auch hier noch so kommen . Ich widerspreche keinen Augenblick , mein Herr Doctor . - Der Alte , der sehr wohl merkte , wo der Doctor hin wollte , hatte sich im Rücken des Herrn Specht auf seinen Sorgenstuhl gesetzt , und hielt sich ganz ruhig . - Eins wüsst ' ich nur für mein Leben gerne , hob der Doctor wieder an : nicht , wer von beiden Theilen allein und ausschliessend ; - denn dass beide nicht viel getaugt haben , ist mir gewiss - aber wer wohl so am meisten und vorzüglich , an dem ewigen Schmausen und Tanzen und Tollen in dem Hause Schuld gewesen ist : ob die Frau , oder der Mann ? Die Frau ! die Frau , mein lieber Herr Doctor ! Doch ? - Sie sind freilich der nächste Nachbar ; Sie können das wissen . So wie die Frau nur den Fuss ins Haus setzte , ging ' s los . Ja , das sagt man . - Aber ich habe neulich ein paar recht wackre Männer über die Frage streiten hören , und da meinte der eine : dieser Umstand beweise wenig , beweise nichts ; es sei ganz und gar nicht die Frau , sondern - was ich nun freilich für übertrieben halte - einzig und allein der Mann gewesen , der allen den Unfug getrieben . Ach , wer das auch mag gesagt haben , mein liebwerthester Herr Doctor - mit aller Hochachtung von ihm gesprochen - Nehm ' Er Sich in Acht , sagte der Alte aus seinem Hinterhalte . Red ' Er nicht allzuviel ! Wie so ? wie so , mein bester Herr Pathe ? Ich hatte nichts Böses im Sinne . - Die Frau ist von Ansehn recht artig , und ich mögte fast sagen , schön - was ich mich zwar zu Hause bei Leibe nicht dürfte merken lassen , hehehe ! - und da , meint ' ich , könnte einer der jungen Herren , die immer um sie herum waren - - Sich in sie vergafft haben ? rief der Alte mit Lachen ; jaja ! - Und so einer will denn nichts auf sie kommen lassen . Das ist begreiflich . - Ich selbst kenne einen sonst braven Mann , der sich gewisser vertraulicher Augenblicke mit allerlei Damen rühmt ; und eben der - - Der wird ' s seyn , sagte Herr Specht : der wird ' s seyn ; ganz gewiss ! Der Alte und der Doctor lachten von Herzen , und Herr Specht blieb ihnen sein Hehehe ! auch nicht schuldig . - Er trocknete sich die thränenden Augen , und versicherte , dass er nirgend in der Welt so froh sei , als bei dem liebwerthesten Herrn Pathen . Aber , nahm der Doctor wieder das Wort : nun einmal im Ernst , lieber Herr Specht ! - Dass Sie keinen Grund zu Ihrer Behauptung haben sollten , lässt sich von einem so vernünftigen Manne wie Sie , nicht wohl denken . Vermuthlich hat einmal , in einem vertraulichen Abendstündchen , der selige Lyk Ihnen geklagt , dass er mit dem Wildfang von Frau gar nicht fertig zu werden , sie gar nicht zu bändigen wisse . Geklagt , mein Herr Doctor ? Mir ? In einem vertraulichen Abendstündchen ? So vor der Thüre , mein ' ich . - Bei einem Pfeifchen . - Da schwatzen ja Nachbarn wohl eins zusammen . Ach mein Gott , lieber Herr Doctor ! Wo denken Sie hin ? - So ein vollwichtiger Mann bei der Börse , so ein angesehener Kaufherr ; der sollte sich gegen mich kleinen Anfänger so herabgelassen , so erniedriget haben ? - Nein , da ist nur unser einziger Herr Stark , der gegen jedes Kind freundlich ist , und der auch den kleinsten Bürger etwas gelten lässt ; den Ruhm hat er ganz allgemein . - Sehr verbunden ! sagte der Alte . Die andern Herrn - es scheint ihnen schon zu viel , unser Einen nur ansehen zu sollen . Der höflichste , unterthänigste gute Morgen wird mit einem Wesen erwiedert , mit einer Miene - - Er quälte sich , eine recht stolze , recht verachtende anzunehmen ; aber einmal ging in sein Gesicht , ausser der Spechtischen Original-Miene , keine andre hinein . Nun , dann merke ich schon - dann haben , gewiß die Handlungsdiener , oder Andre im Hause , die um die Sache Bescheid wussten , ein wenig geplaudert . Die Handlungsdiener ? - Ja mein Gott ! das sind nun vollends die rechten . Die sind , wo möglich , noch ausgeblas ' ner , als ihre Herrn , oder wenigstens unerträglicher ; denn mit allen ihren hohen Salairs - was sind sie ? - Diener , sagt meine Frau , weiter nichts . Unser Einer , sagt sie , wenn er auch nur schmale Bissen isst , schneidet sie doch von seinem eigenen Brote ; aber ein solcher Miethling - - keinem zu nah gesprochen ! setzte er furchtsam hinzu - Alles wahr ! Alles schön , mein Herr Specht ! Aber ich habe damit immer noch keine Antwort . - Sie wissen die Gesinnung der Frau und ihren Hang zum Verschwenden nicht durch den Mann , nicht durch Vertraute des Hauses ; und woher denn sonst ? - muss ich Sie fragen . Durch Ohrenbeichte , sagte der Alte ein wenig bitter , weil er schon merkte , dass ihn Specht hintergangen habe . - Die Lyk ist heimlich katholisch , und dieser Specht ist ihr Pater . Ach um Gottes willen ! rief Specht , indem er mit wahrhaft protestantischem Schrecken zurücktrat : wenn das der Herr Hauptpastor hörte ! oder gar meine Frau ! - Ich ein Pater ? Das Lachen der beiden Herrn , das zwar bei dem Alten ein wenig verstimmt klang , brachte ihn bald wieder zu sich . - Nein ! sagte er : mein Herr Doctor : was ich weiss , das weiss ich aus sehr erlaubter und sehr zuverlässiger Quelle . Nun ? - Darf man denn nicht erfahren - - Kaum , dass ich Herrn Stark von der tollen Wirthschaft im Lykischen Hause die erste Nachricht brachte ; so rief der Herr Pathe sogleich : das kömmt von der Frau her ! Das ist die neue Modewirthschaft der Weiber ! Da geht nun wieder einmal , unter Tanzen und Frohlocken , ein Haus , und ein so herrliches Haus zu Grunde . - Und als ich das bei Tische wieder erzählte , sagte meine Frau augenblicklich : Er hat Recht , der Herr Pathe ! Er hat ganz Recht ! Ja so - allerliebst ! - Und da schoben Sie denn nachher jede ähnliche Ausschweifung ganz getrost der Frau auf den , Hals ? Lieber Gott ! Wie denn anders ? - Meinem Herrn Pathen muss ich doch glauben ; denn der hat Erfahrung - o , der kennt die Welt ; der weiss Alles . Ist Er toll ? fragte der Alte , indem er , zu grossem Schrecken des armen Specht , sich voll Unmuths aus seinem Sessel aufhobt . Liebster , bester Herr Pathe - - Wahrlich ! das wird lustig , sagte der Doctor . Sie , mein lieber Vater , haben die Sache von Herrn Specht , und Herr Specht hat die Sache von Ihnen . Der Doctor bekam einen sehr unfreundlichen , und der Pathe , der wie versteinert dastand , einen ganz vernichtenden Blick . - Er ist - murmelte der Alte zwischen den Zähnen - mit allen seinen Höflichkeiten und Reverenzen - - Hier begriff er sich noch , riss den Geldbeutel mit Heftigkeit zu sich , und ging davon . XXIV . Sie sehen den Lohn der Welt ! - sagte der Doctor , indem das Schweisstüchlein des Herrn Specht in voller Bewegung war ; - das ist nun der Dank für alle Ihre mühsamen Gänge und Ihre gegebenen Nachrichten ! Mein Herr Doctor ! rief Specht , und drehte dabei die Augen gen Himmel : - Wenn ich nicht so unschuldig bin , wie ein neugeborenes Kind - - O das sind Sie ! Das will ich Ihnen bezeugen . Wenn nicht der Herr Pathe Alles , Wort vor Wort , so gesagt hat , wie ich ' s da wieder sagte - Er legte zu einer feierlichen Betheurung die Hand auf die Brust . - Keine Schwüre , Herr Specht ! Ich glaube Ihnen , eben um Ihrer Unschuld willen . - Mein Schwiegervater hat Alles gesagt , was Sie ihn sagen liessen ; vielleicht noch mehr : aber wissen Sie auch , warum ? -