in ihm . Sein heftiges Begehren nach mir erklärt sich leicht hieraus . Wenn er mit seiner mächtigen frühreifen Phantasie den kleinen spärlichen Kreis seiner Erfahrungen durchläuft , so ist ihm sein Aufenthalt bei mir der reichhaltigste Punkt . Das Einfache reizt ihn nicht mehr , weil es zu innig und zu schmerzlich mit ihm verwebt ist . Schmerzlich sage ich , weil er an ihm ermüdet ist . Je einfacher das Leben eines phantastischen Gemüts ist , je drückender wird ihm seine Umgebung ; seine Anlage zu erfinden wird vielfältiger gereizt , und weil die Sache , an der er bildet , ihm nie entgegenkömmt , sondern er ewig an seinem Zusatze zusetzen muß , um weiterzukommen , ermüdet er eher . Um eine grade Linie können mehrere Wellenlinien gezogen werden als um die Wellenlinie . Eusebio hat sich sein Dasein schon so sehr mit den Gewinden seiner Phantasie umschlungen , daß er die einfache Linie nicht mehr kennt , und gleichsam in den selbstgesponnenen Netzen seiner Einbildungskraft gefangen liegt . Ich würde schon zu Ihnen und dem kleinen Insassen meines Herzens gekommen sein , wenn ich Godwi , Ihren Gast , nicht vermeiden müßte , denn wir sind uns beide gleich gefährlich . Sie haben mich gelehrt , meine Handlungen nach allgemeinen Gesetzen um der Ruhe und Gesetze willen zu beschränken , ohne deswegen meine Art zu fühlen , welche die Eigentümlichkeit meines Zusammenhangs mit der Natur bestimmt , zu erdrücken - und auch ohne dies ist es mir nie möglich gewesen , mich wie eine Bürgerin in die freie Welt hinein zu heucheln , das Gepräge meiner Seele ist zu tief , es konnte nicht erlöschen , und ich bin schon insoweit vor der Verfolgung der Bürgertugend geschützt , als man von mir , als einer reichen Engländerin , sonderbare Streiche prätendiert . Doch dies hat mich nicht bestimmt , Godwin zu lieben , nicht , ihn von mir zu weisen . Ich habe das erste gemußt und das zweite gewollt . Er ist einer der wenigen , die , bei großer Macht in sich , dennoch nichts von ihrer Kraft entbehren können , weil ihnen ein ebenso großes Leben entgegenliegt . Das Leben liegt vor solchen Menschen wie ein erzhaltiges Gebirg , sie müssen hindurch , und alles gewinnen , aber die Kunst des Bergmanns und des Scheidekünstlers ist ihnen versagt , sie müssen die Strahlen des Lebens in dem Brennpunkte ihres Herzens vereinigen , um , eine einzige Glut vor sich herwerfend , sich eine Bahn durch die Goldadern zu glühen , wo andre mit tausend Hammerschlägen sich kaum den Schacht eines Grabes erarbeiten zwischen emporgeworfenem Schutte , der Pyramide ihrer Endlichkeit . Hier im Lande klettern die Kinder an diesem Denkmale des Vaters in die Höhe , um sich in der Kunst des Sturmlaufens im Dienste des Vaterlandes zu üben . Ich habe ihn von mir gedrängt aus Liebe zu ihm . Er ist zu sehr für das Ganze , und mit zuviel Kraft ausgerüstet , als daß ich ihn hätte unterstützen dürfen , sich im Einzelnsten , in mir zu verlieren . Er ist nicht für mich gewesen ; wo hätte ihn sein Engel besser hinführen können als in Ihre Arme , wo alle meine Unruhen entschlummert sind ? Lieben sie Ihren Gast , wie Abraham den Engel liebte , der ihm verkündigte , daß ihm ein Sohn auf der Schwelle des Lebens stehe . O ich bin sehr stark geworden , ich werde der Zeit nicht vorgreifen , auch nicht für Sie . Es wäre zuviel , wenn ich vor Ihnen entwickelte , was ich ahnde , beinah versichert bin . Die lose entwurzelte Eiche würde mit allen den einsamen Reben , die sich innig an ihr hinaufschlingen , hinabstürzen über den Berg Gethsemane ihres Lebens , und von neuem in den Gräbern ihrer Freude wurzeln . Ich glaube fast ganz , daß die Ahndungen Ihrer Freuden eintreffen werden , aber dann werden Sie nicht vor Freuden sterben , Sie werden leben und Jahre mit unendlich tiefen Stunden . Groß und reichlich ist der Tisch des Herrn , und jeglicher hat seinen freudigen Wein neben sich stehen , und wie er trinkt , so genießt er . Später , früher und zu früh ergreifen die Gäste den Becher . Viele nippen sparsam vom Rande , und wahrlich ihre Höflichkeit ist dem Wirte und seinem Reichtum ein Schimpf , scheinen sie doch aus der Provinz , aus irgend einer Marktflecken-Welt des Universums hier zu Tische , und wollen fast genötigt sein . Dies sind die determiniertesten Herren , in jedem Augenblicke bereit und geschickt , nach einer kurzen kräftigen Rede für die Tugend auf der Henkerbühne zu sterben , und träfe jeden seine Geschichte nach seiner Anlage , so wären diese Leutchen ein ausgesuchtes Chor von Revolutionsopfern , und an ihnen allein würden alle Exempel statuiert . Sie treten mit beiden Füßen auf dem Laster herum , und tragen auch die haltbarste Moral so ab , daß man die Fäden zählen kann . Ohne allen Begriff für eine edle Natur , kämpfen sie sich an der Tugend zu Tode . Ihre Herzensgüte sieht ihnen zu den Augen heraus , wie ein fauler Hausherr , der immer in der Schlafmütze am Fenster liegt . Andere Gäste fassen zu derb zu , sie leeren den Kelch zu schnell , und trinken sich krank in Gesundheiten , übersättigt sitzen sie am Mahle , wie ein nüchternes Übelbefinden nach einem tollkühnen Rausche ; es sind genialische Renommisten , Sklaven der Freigeisterei , und meistens Parvenus im Leben . Sie wollten das Mahl begeistern , und fressen die Begeisterung , und viele unter ihnen , die sich Philosophen nennen , haben keinen andern Wunsch , als ihren eignen Magen zu verschlingen ; sie gehen stolz in so weiten Schuhen , daß sie in den Schuhen gehen , mit denen sie gehen ; zu gar nichts können sie gelangen , weil sie alles sind , ohne irgend etwas zu haben , und sollten nur sich selbst umarmen lernen . Viele sitzen noch mit zu Tische , auch wohl welche , die den Spargel verkehrt essen , oder witzige Devisen zum Munde führen , und so alle Arten . Doch unten am Tische , wer hat die stillen Kinder vergessen , die Lieblinge des Wirtes , die ruhig harren , und mit dem Vorwurfe des Unrechts das Mahl nicht stören wollen , und seine Freude ? Man gebe ihnen den wohlschmeckenden Kuchen , und den süßen freundlichen Wein des Nachtisches , daß sie fröhlich von dannen gehen . Die Gäste verlassen den Tisch , sie gehen nach Hause , oder werden nach Hause geführt , so wie jeglicher getrunken hat . Wenige und auch Sie , freundlicher Greis , stehen am Ausgange , sie haben das Ihrige nicht genossen , und teilen es fröhlich dem Übermäßigen und Unmäßigen mit , daß jener nicht hungernd von dannen gehe , und dieser nicht leer . - O ! Ihre Freuden , Werdo , haben Sie sich selbst gepflanzt , wie die Reben um Ihre Hütte . Sie haben sie auf einen Boden gepflanzt , den Sie selbst erst urbar machten , Sie haben sie erzogen . Dankbar werden sie sich um Ihre wankenden Kniee schmiegen , Sie werden Ihre zitternden Schritte nicht mehr fühlen , wenn Sie durch diesen Frühling wandeln . Grüne blühende Lorbeern schlingen sich durch die silbernen Locken des größten Helden des Friedens , sanft umschatten sie Ihren nackten Scheitel , und leise sinkt dann die Abendsonne Ihres Lebens in das stille ruhige Meer befriedigter Hoffnung hinab . Doch wieder auf Ihren Gast zu kommen : wie gefällt er Ihnen , hat er Sie nicht erheitert ? Sprechen Sie mit ihm über mich ; doch nicht eher , als Sie merken , daß sein Umgang mit Tilien bedeutender wird , denn ich bin versichert , daß er sie schon liebt , oder doch lieben wird . Sie werden ihn dann sehr überraschen , und gewiß eine Seite ganz an ihm kennen lernen . Es ist schwer , diesen jungen Menschen ganz zu beurteilen , denn sein ganzes Wesen wird durch Eindrücke beherrscht , und der , welcher vor ihm steht , muß nur zu oft falsch über ihn denken , wenn er ihn und nicht sich zu sehen glaubt . Nur das reinste und einfachste Wesen , nur ein Weib ohne Träne und ohne Flitter wird ihn begreifen , und lieben . Er ist der Spiegel der trübbarsten und beweglichsten Flut , und nichts als ein Spiegel . Wie die Welt vor ihm liegt , so sieht sie ihm aus den Augen , das grüne Blatt , das auf ihm schwimmt , ruht auf seinem eigenen Abbilde , und der unendlich hohe Himmel , der auf ihn herniederblickt , sinkt seinem Bilde entgegen , das aus seiner Tiefe heraufschwebt . Stehen Sie ruhig vor ihm , und Sie werden sich selbst verschönert sehen , und fällt eine Träne in den Spiegel , so werden Sie Ihr Bild in den Kreisen der Fläche zerrissen sehen . Er kann nur durch Liebe , die heftigste , ruhigste Liebe , in der ihm die schönste Menschlichkeit göttlich dünkt , ruhig und unendlich viel werden . - Ich bin während vierzehn Tagen mit ihm zusammen gewesen , und habe nicht mehr getan als ihn geliebt und mich von ihm lieben lassen . Seine Schmeicheleien habe ich sanft zurückgewiesen , seine Offenherzigkeit in schwachen Stunden ohne Neugierde freundlich angehört , und mich mit den Schwingen seiner Hoffnungen gefächelt , wenn die Glut seiner bilderreichen Phantasie mich erhitzte . - Vierzehn Tage habe ich ihm gestohlen , und meine weibliche Eitelkeit glaubte ihm noch ein großes Geschenk gemacht zu haben . Als ich einstens , unruhig über sein langes Außenbleiben , abends nach Tische mich an meinen Schreibtisch setzte , und in meinen älteren Papieren herumsuchte , fand ich mich wieder in jenen Zauberstrudel von Eitelkeit und Torheit zurückgezogen , aus dem Sie mich in England wie ein guter Geist herausführten . Sie hatten damals alle meine Papiere in Päcktchen zusammen gebunden , und ich die Überschrift gemacht . Ich habe heute aber erst bemerkt , daß auch Sie die Päcktchen damals überschrieben haben . Nun fing ich an , meine und Ihre Überschrift zu lesen : » Briefe voll wahrer Liebe , voll Uneigennützigkeit des Lords Wallmuth , der meine Gesinnungen und mein Herz schätzte . « Ihre Überschrift - » dessen Bekanntschaft also itzt von Ihnen erst gesucht werden sollte , weil Sie itzt erst den Entschluß fassen , ein Herz und Gesinnungen zu haben . « Ich schämte mich , und las weiter : » Bemerkungen über einzelne Tage in einem Umgange mit Lord Derby und Chevalier Rosier , Beweise meiner innigen Freude über die untadelhafte Reinheit und den Geschmack meines Umgangs mit diesen beiden reizenden Männern . « - » Freude eines phantastischen Kindes über Schneeflocken , Seifenblasen und Tagtierchen , denen man keine Minute stehlen darf , weil es ihre Jahrzehnde sind . « Wehe mir , mein Freund bleibt lange aus ! » Süße Stunden des Trostes in meiner mühsamen Arbeit , keine eitle Törin mehr zu sein , Resultate meines Umgangs mit Karl von Felsen . « - » Sonnenfleckchen , Minutenlichter , die ich , mit dem Spiegel meiner Toilette , einer Sonne und der Welt , die sie erwärmen sollte , gestohlen habe , um sie durch die langweilige Nacht meiner Moralität hüpfen zu lassen . « - O ! das war zuviel , lieber Werdo , müssen Sie mich noch einmal mit Ihrem kalten Ernste beschämen - so tief hat die Torheit in mir gewurzelt , daß ihre Narbe noch zeichnen muß . Karl von Felsen und Godwi , steht ihr nach Jahren noch in der Parallele ? Ich erwachte aus meinem Traum , tief rührte mich die Entheiligung Ihres Angedenkens , ganze vierzehn Tage hatte ich Sie und Ihre Lehren vergessen . - Ich konnte ihn nun kaum mehr erwarten , den Armen , den ich betrogen hatte , und so sehr beschämend mir es war , ihn mit solcher Sehnsucht erwartet zu haben , so süß war mir es jetzt , die Minuten zu zählen , bis ich seinen leisen Tritt vernehmen würde . Es ist eine sonderbare Empfindung , in der nämlichen Handlung rückwärts Reue und vorwärts Freude zu empfinden . Ich gab mir alle Mühe , mich bei meinem guten Vorsatze fest zu erhalten , ich verließ meine Stube , die nur zu viele Bequemlichkeiten zur Liebe hat , seufzend blickte ich nach dem wunderheimlichen Sopha , der Wiege so mancher süßen Annäherung , trat in die Bibliothek , verhüllte meinen Busen , damit mein Herz nicht zutage liege , setzte mich auf einen unbequemen Stuhl , und legte das letzte Päcktchen Briefe vor mich auf den kalten Marmortisch . Es war Nacht geworden , ich sah auf die Bildsäule der Pallas , der ernste spröde Umriß der Hohen stach schwarz von der letzten Dämmrung des Tages ab , und ich hatte mich schon so ziemlich mit der Idee beruhigt , daß ich auch so eine Pallas wäre . Der leise Schritt meines Freundes gleitete durch den Hof , er trillerte ein italienisches Liedchen , und ich erwachte aus meiner Metamorphose . Einen großen Sprung mußten meine Gedanken machen , wie Sie wohl meinen , um ihn zu erreichen ? - O der Schwachheit ! nein , nicht einen Schritt , ich hatte die ganze Zeit an seine liebenswürdige Gestalt , sein süßes Geschwätze gedacht , und recht mitleidig überlegt , ob ich dem armen Jungen denn gar nichts erlauben sollte . Ich hatte alles vergessen , Sie und mich - der Kuß , den er mir raubte , hatte den ganzen stolzen Tempel meiner Weisheit zusammengestürzt . Der Kontrast war so groß , daß er mich stärkte . Ich nahm alle meine Gewalt zusammen , und bat ihn , gleich den andern Tag wegzureisen . Er kniete vor mir , und bat auch ; nun mußte ich befehlen , und er reiste . Ich weiß nicht , wie ich es anfing , daß er mich nicht verstand . O er hätte ohne vielen Scharfsinn bemerken können , daß mir mein Befehl soviel Mühe kostete als einem jungen Fürsten sein erstes Todesurteil . Ich bemerkte sehr deutlich an seinem stummen Erstaunen , daß er von mir so etwas gar nicht erwartet hätte . Er konnte mich nicht begreifen und meine Kälte an diesem Abende noch weniger zu seiner größern Kühnheit passen . Mit einem rührenden Ernste fragte er mich : » Habe ich Ihre Liebe verscherzt ? « und ich antwortete ihm mit einer Lebhaftigkeit , die mich zur Lügnerin und Heldin machte : » Nein , ich habe sie Ihnen genommen . « Er verließ die Stube . - Er wohnte in meinem Hause , das hätte ich früher schreiben sollen , und warum ich es so spät als möglich sagte , ist , weil ich die Falten auf Ihrer Stirne fürchtete . Ich will mich nicht entschuldigen , er ist bei Ihnen , Sie werden den Reiz und die Empfänglichkeit , die Mäßigkeit und die Entsagung gerecht zusammenstellen . Er war nach seiner Stube gegangen , es war zehn Uhr , und ich bemerkte , daß ich zu lange ohne Licht mit ihm zusammen gewesen war . Und war dies nicht noch mein Glück ? Hätte ich ihn gesehen , hätte ich gesehen , wie alles an ihm Bitte , mächtiges Bitten gewesen , o ich hätte ihm nicht widerstanden . Wer ist der große Mensch ? der auftreten kann und sagen : » Ich habe eine Handlung mit meiner Kraft vollendet , die mir Mühe und Überwindung kostete . Ich habe alle meine Leidenschaften bekämpft , und habe mir den süßesten Genuß geraubt , der sich mir aufdrang , kein Zufall hat mich begünstigt , der Zufall , die Umstände waren meine Gegner , und doch habe ich gesiegt . Hier seht mein Auge , ich habe es ausgerissen , um nicht zu sehen , was vor mir stand . « O du großer Mensch , ich bin nicht im äußersten Grade mit dir verwandt . Und du magst wohl einsam und allein ohne deinesgleichen in der Welt stehn , denn du kannst alle entbehren und alle benutzen . Du bist kein Glied des Ganzen , und unnütz . Unglücklich kannst du nicht sein ; was soll dir denn deine Macht ? Aber groß kannst du allein sein . Wenn du Gutes tust , so tust du es frei und unabhängig , selbst gegen deinen Genuß - Wo ist denn nun hier wieder das Verdienst ; ist es dir nicht leicht , nicht schmeichelhaft , so zu handeln , o wo ist irgend ein Verdienst ? Keine Größe ohne Selbstüberwindung - auch du kannst nicht fortdaurend groß sein , du bist es nur bis zur Tat , und diese tötet deinen ganzen Ruhm - Wo soll ich sie denn finden , die Größe ? sie ist ja nie da . Ich saß so verlassen , so trostlos auf meiner Stube , ich wollte ihn bitten lassen , wiederzukommen . Ich greife im Finstern nach der Klingel , die vor mir auf dem Tische stand , und ergreife das Päcktchen Briefe . Ihre Aufschrift brannte mir unter den Fingern , und ich hätte fast einen Schrei getan , wie der Geizhals , dem ein Schalk im Gewande eines Geistes statt des versprochenen Hecketalers eine glühende Münze in die Hand drückt . Ich klingelte , man brachte Licht , und ich setzte mich nieder , an meinen unglücklichen Liebhaber zu schreiben . Ich schrieb , und las nachher meinen Brief , der mir ein Meisterstück von Überwindung schien . Ich entdeckte ihm versteckt unsre Verwandtschaft , rechtfertigte mein Betragen , bat ihn wegen meiner Liebe um Verzeihung , schilderte ihm meine Gründe nochmals so dringend , als ich konnte , und sah am Ende des Briefs wohl ein , daß ich ihn ihm nicht geben konnte , weil er unsern Plan , meine Geschichte verborgen zu halten , augenblicklich zunichte gemacht haben würde . Aber der schöne durchdachte Brief voll Selbstüberwindung sollte umsonst geschrieben sein ? - Nein - ich oder vielmehr meine Eitelkeit , ( wenn man uns trennen kann ! ) machten die Sache noch viel reizender . Die Liebe sagte mir : » Giebst du ihm den Brief , so mußt du ihn nochmals sehen , und dann ist dies keine Schwachheit , dann ist es Notwendigkeit ; « aber die kalte Vernunft drohte mit Ihrem Unwillen , lieber Werdo ! - ich wollte einen andern schreiben , da schlug es drei Uhr des Morgens , um sechs Uhr reist er ab , es ist zu spät - ich sann , und eine alte etwas vernachlässigte Freundin benutzte meine Verwirrung , sich wieder ihrer Rechte zu bemeistern , die Abenteuerlichkeit mischte sich ins Spiel , sie entschied . Ich entschloß mich , in seine Stube zu schleichen und den Brief in seine Brieftasche zu stecken . Die Adresse wurde abgeändert in : » Ich bitte meinen lieben Freund , diesen Brief nicht eher zu eröffnen , bis ich es ihm melde . Molly . « Ihn nochmals zu sehen , und das Heimliche bei der Sache , spannte meine Neugierde bis zur Angst . Es war alles so stille , ich hörte mein Herz doppelt schneller pochen , als das Pendul der Uhr . Die Zeit eilte in mir , und außer mir wollte es gar nicht vier Uhr werden . Ich schlich so leise , so bange mit meinem Briefe über den Hof nach dem Gartenhause , wie Emma mit ihrem Eginhard durch den Schnee ; wenn meine Diener mich bemerkten - wie die Hähne schon krähen - die Rosse stampfen - es ist früh und duftig - der Hofhund , o wenn er nur keine unzeitigen Anstalten zur Wachsamkeit macht - so , nun bin ich vorüber . Seine Vorhänge sind noch vorgezogen . Ich wurde von meiner Bangigkeit gleichsam schwebend die Treppe hinaufgetragen , alles war mir so leicht und schwer , so nachgebend und widerstrebend , so dumpf elastisch , wie die Handlungen im Traum . Ich trat vor die Türe der Stube , zitterte , wankte hinein , und wollte , ohne mich nach ihm umzusehen , wieder wegschleichen , wenn ich den Brief in die Brieftasche gesteckt hätte , aber dabei blieb es nicht . Ich stand vor dem Schlafenden , und schämte mich vor ihm , ich war hingewurzelt , er seufzte , meine Träne fiel auf seine Wange , und mein leiser Kuß schwebte über den sanft geöffneten Lippen . Es war die schwächste Minute meines Lebens , und nichts wollte mir den letzten kleinen Stoß geben , daß ich hinab in die tollkühnste und süßeste Umarmung gesunken wäre . O ich hätte weinen können vor Unwillen , daß die Schwäche so schwach ist , daß sie mich nicht in seine Arme werfen konnte , und nicht zurück von der Stelle bewegen . Wie ein Schwindelnder am Rande der Tiefe , der nimmer fällt und nimmer zurückweicht , stand ich da . Nun krachte ein Stuhl , ich sehe um mich , der Bediente saß auf dem Stuhle , er erwachte , rieb sich die Augen , öffnete sie etwas unmäßig , und grüßte mich etwas überlaut . Ich gab ihm Geld , und bat ihn zu schweigen , wenigstens bis sein Herr weg sei . Ich weiß nicht , was ich nachher dachte und tat , als ich wieder glücklich unten war ; um zehn Uhr fand ich mich in meinem Wagen , es regnete stark , und mein Kutscher bat mich , wieder nach Hause zu fahren . Ich habe gesiegt , und daß ich so unwillig auf diesen Sieg bin , ist mir sein Wert , es ist das Gefühl der Größe meines Kampfs . Er ist weg , nicht ohne Tränen , ich bin zurückgeblieben mit dem Bedürfnisse nach einem Menschen wie er . Der Abschied war in der Dämmerung , und das ist mir Stärke gewesen . Hätte ich lesen können , was in seinen Zügen geschrieben stand , ich hätte nicht widersprechen können . Seine Gestalt zerrann in der Scheidestunde aller Gestalten , er schied in der Dämmrung des Abends , und so ist ihm ein Übergang gewesen von meinem deutlichen Besitze zum Vermissen . Ich schied in der Dämmerung des Morgens , und nun scheint mir der leere Tag in die Augen . Ich bin nicht mehr zu bewegen , so erregt bin ich , ich träume auf meinem Sopha , das ich so spröde abends verlassen hatte , und das sich mit allen Erinnerungen bitter an mir rächt . Auf das eine Kissen hat er mit Stecknadeln meinen und seinen Namen verschlungen gesteckt . Ich mag mich gar nicht mehr ankleiden . Es verbreitet sich eine allgemeine Nachlässigkeit über mich , und meine Umstände scheinen mir wie Grenzen , die ihren Inhalt suchen , und sich ewig selbst durchkreuzen . Immer will sich noch kein Genuß aus mir heraus über diese Welt verbreiten , das gewöhnliche Leben ist mir wie ein ewiges Halbdunkel , es reizt zur Handlung und zerstört den Raum dazu . Nacht ! Nacht ! du undurchdringliche , ewige , du liebende Geliebte , du Gipfel der unendlichen Tiefe , du Ruhe der Vollendung . - Meine Liebe zu diesem Menschen war kunstlos , und mehr als die Kunst , denn die Kunst kann mich nicht trösten . Allgemeine Träumereien über die Kunst sind mir am zulänglichsten , ich bringe dann mit , was ihr fehlt zum Leben , die Liebe , aber sie endigen sich leider meistens mit Sehnsucht nach ihm und sind der Weg meiner Pflicht zu meiner Sünde . Wer mit einer solchen Tätigkeit in dem Herzen der Natur liegen kann wie ich , dem genügen ihre einzelnen Sinne nicht , die in das Leben wie winkende Denkmale hingestellt sind . Und was ist das Herz der Natur anders als die Minute , wo sich die Arme umschlingen und alle Trennung ein Einziges wird , und was ist die Umarmung der Liebe anders als der geistigste und körperlichste Gedanke des Lebens , wo alles nur die Kraft wird , zu bilden , ohne zu reflektieren , das Objektivste ohne Bewußtsein , das Kunstwerk der Genialität ? Wenn wir die Kunst nur kennen , so werden wir auch Künstler werden können - ! Ja es giebt auch gesunde Kinder der Ehe , aber die Kinder der Liebe sind genialischer , und schöner , und fähiger . Ich will umarmt sein , indem ich mich selbst umarme . Ewig kehre ich an den Ähnlichkeiten der sogenannten Kunst im Einzelnen zu jener Sehnsucht eines Umgangs mit einem Höheren , wie an dem Anblick schöner Zerstörung in verfloßne Zeit der Jugend und Fülle des Werks , zurück . Dort scheint mir der Sinn des Wortes zu liegen , das nur noch silbenweise um mich tönt , als wäre nur noch eine Silbe der Zeit da , die es ausspricht . Das Element ist in dem ganzen Raume verbreitet , aber tief unter den Bergen rauscht die kristallene Woge , in einsamen Klüften dringt sie noch im Quelle rein aus dem Grabe der Jahrtausende . O ihr werdet sie nimmer zwingen , in den häuslichen Brunnen zu dringen , ihr werdet sie nicht durch die Fontainen eures Marktes künstlich dem Himmel entgegentreiben , höchstens zum Schauspiele könntet ihr sie gebrauchen , wenn ihr sie leiten könntet , denn das Geschlecht ist wahrlich zu krank , um das Reine zu ertragen . Mir steht die Musik , die Malerei und Bildnerei und die Poesie itzt da wie eine Relique des Ganzen , das die Liebe ist , und das mir auch die meinige immer war . Ich habe das alles umfaßt in Einem , der das alles im Einzelnen nicht war . Der Tempel ist über mir zusammengestürzt , und mein Gebet , das so frei und unwillkürlich an dem Gewölbe der Kuppel sich in Worte ründete , durch die Räume der erhabenen Säulenordnung in Takte zerklang und in ihren Kronen liebliche Tonspiele umarmte , ist mit dem Echo zertrümmert . Am freien Himmel hallt es nicht wider , und mein Dienst trauert wortlos und ewig in sich selbst zurückesinnend an den schönen Trümmern , die alle zu Altären geworden sind . Soll ich Opfer bringen ? Ein Opfer ist keine Liebe , es müßte sich sonst selbst entzünden . O dieses Nachsehen , und dieses Nachhallen ! Wenn ich Musik mache , so ist mir jeder einzelne Teil so traurig wie ein Brief an eine ferne vertraute Welt , die mich mißversteht , weil sie den Takt meines Herzens , meinen Blick , das Bild des Vorgetragenen in meiner Phantasie , die Schwäche der Maschine und die Tyrannei des Hebels nicht sieht , den mein Körper so ungeschickt zwischen mich und meine Äußerung hinlegt ; und doch ist dieses Stammeln , dieser Kampf zwischen Wollen und Können ein Muß , dem der Vorzug einzelner Töne vor einer weiten stillen Öde wenig Reiz giebt , denn der Starke ist lieber tot , als er tändelt . Doch spiele ich , ich spielte anfangs fremde Erfindung . Das dauerte nicht lange , es war mir , als schriebe ich an die ferne Welt , um an der Unzulänglichkeit schuldlos zu sein , aus einem Briefbuche ab , und schämte mich . Als mich mein Freund begleitete , fand ich in dem Einstimmen seiner Flöte in meine Akkorde wenigstens das scheinbare freie Schaffen der Liebe zu ähnlichen Gegengenüssen , wie das Schachspiel ein geistreiches Gespräch scheinen kann . Wer seine Flötenuhr akkompagniert , oder mit sich selbst Schach spielen mag , der muß mehr Kraft als Stoff haben , und das habe ich nicht . - Ich phantasierte , und sprach mich ganz aus , aber bald hemmte mich die sonderbare Empfindung , ich würde selbst ein wildes gestaltloses Lied , das ewig aus sich selbst ringt , und nie wieder in sich zurückkehrt : dies war mir schrecklich , ich erschien mir wie eine kalte Bildsäule , die in der fortstrebendsten Leidenschaft ewig ruht , ohne Ruhe zu sein , und auch dies war fürchterlich . - Habe ich denn nichts , wenn man mir nichts giebt , und bin ich denn nichts , wenn ich nicht durch die Augen eines andern gesehen werde ? Kein Genuß ohne Auswechselung ; ich hatte gesungen , und niemand hatte mich gehört . Der Ton , der nicht gehört wird , ist nicht da , ich hörte mich nicht mehr , denn ich sang mich . Ich sang dann in öffentlichen Konzerten und berauschte mich in der allgemeinen Stille . Es war keine Eitelkeit , es war das Gefühl , als breite ich mich über alle aus , mit weiten tausendfachen Armen , indem ich mich aus mir selbst in eine große Höhe verfolgte , und wenn ich mich in diesem Zustande in einem Bilde aussprechen sollte , so war ich der Strahl eines Springbrunnens , der aus der Mitte eines Bassins emporsteigt , sich in den Sonnenstrahlen spiegelt , und wieder zurückfällt . Es freute mich , daß ich Reize genug besitze , mir selbst alles geben zu wollen , und doch noch die Menge zu rühren . Da aber ihr Beifall im Händeklatschen über mich herfiel , war der schöne Traum geweckt . Sie schienen mit Gewalt aus sich herauspochen zu wollen , was ich in sie hineingesungen hatte . Die Männer hatten allein geklatscht , ich verachte die Galanterie wie gemachte Blumen , und will keinem mehr gefallen . Der scheinbare Umriß der Musik , sein ewiger Wechsel , und dabei doch die Sklaverei gewisser Verwandtschaften , Fesseln , denen man nie entgeht , und die , wegen ihres Spielraums , doch