mir im Grunde wenig Ehre machen würde ; genug , Lais selbst scheint zu merken , daß sie an einen jungen Mann gerathen ist , den Hermes mit dem berühmten Kräutchen Moly78 , das alle Bezauberung unkräftig macht , bewaffnet hat , und ich denke wir wollen noch sehr gute Freunde werden . Ueberdieß war auch hier keine Ursache zur Eifersucht ; ich sahe keinen Begünstigten ; und wie hätte ich mich darüber ärgern sollen , gerade so viele Nebenbuhler zu sehen als Personen zugegen waren ? Das wird nun einmal in den nächsten zehen oder zwanzig Jahren nicht anders seyn . Alles kommt darauf an , nicht ob man ihr gefallen will ( wer wollte das nicht ? ) , sondern ob man ihr gefällt , und das muß man den Göttern und ihrer Laune anheimstellen . Ausschließliche Anmaßungen an ein solches Wesen machen zu wollen , wäre , nach meiner Vorstellungsart , als wenn Einer Sonne und Mond für sich allein behalten wollte . Wenn ich auch die Macht des großen Königs79 besäße , ich würde schwerlich thöricht genug seyn , ein solches Unrecht an ihr und an mir selbst zu begehen . Wer wäre berechtigt frei zu seyn , wenn ein so hoch von der Natur begünstigtes Weib es nicht seyn sollte ? Und wie wenig müßte der seinen eigenen Vortheil kennen , der , wenn er es auch vermöchte , die Liebesgöttin zu seiner Sklavin machen wollte ? Wir brachten einen Theil der Nacht mit den gewöhnlichen Ergötzlichkeiten zu , womit die Griechen ihre Symposien zu würzen pflegen . Die schöne Lais hat verschiedene niedliche junge Sklavinnen , die mit Fertigkeit tanzen , singen und auf allen Arten von besaiteten Instrumenten spielen . Die Unterhaltung wechselte bald mit muntern Gesprächen , bald mit Musik und mimischen Tänzen ab , und die Dame des Hauses selbst war so gefällig , oder ( wie es einige von uns nannten ) so grausam , uns zum Abschied mit einer wahren Sirenenstimme ein süßes Liedchen von Anakreon zu singen , wobei vermuthlich jedermann eben dasselbe fühlte , was Odysseus als der einladende Zaubergesang der Töchter des Achelous über die Wellen zu ihm herüber schallte ; und im Weggehen versicherte mehr als Einer , daß er die Erlaubniß zu bleiben mit dem Schicksal der Unglücklichen , die in die Klauen jener mörderischen Sängerinnen geriethen , nicht zu theuer erkauft gehalten hätte . Daß ich keiner von diesen war , kannst du mir auf mein Wort glauben . Es hatte sich zufälligerweise gefügt , daß ich an diesem Tage den Ring am Finger trug , in welchen ich die Haare meiner Korinthischen Unbekannten hatte fassen lassen ; und so konnt ' es nicht wohl fehlen , daß ich Gelegenheit fand , ihr meine Hand , als wie von ungefähr , nahe genug zu bringen , daß sie ihr durch den Druck einer Feder aus dem Kasten des Rings heraufgebrachtes Geschenk erkennen konnte . Ein leises Erröthen und ein lächelnder Blick , der unsre alte Bekanntschaft zu gestehen schien , versicherte mich dessen , und mehr verlangte ich für dießmal nicht . 14. An Ebendenselben . Diesen Morgen zog mich , ich weiß nicht was - oder vielmehr , ich wußte sehr wohl was - in das anmuthige Platanenwäldchen , das die Gränze zwischen dem Landgute meines Wirths und den Gärten der schönen Lais zieht . Es stände jetzt nur bei mir , lieber Kleonidas , dir weiß zu machen , daß ich so gut wie mein alter Sokrates einen kleinen Dämon in meinen Diensten habe , und das noch dazu mit dem Vorzuge , daß der meinige , anstatt mich ( wie der Sokratische ) bloß abzumahnen wenn ich etwas nicht thun soll , mir z.B. ganz vernehmlich zuflüsterte : wenn du in das Platanenwäldchen gingest , würdest du einer schönen Nymphe begegnen , die vermuthlich so wenig vor dir davon liefe als du vor ihr . Ich will aber ehrlich mit dir verfahren , und nicht mehr aus mir machen als sich gebührt ; und so kannst du dir die Sache , wenn du willst , ganz natürlich vorstellen . In beiden Fällen wird das Nämliche herauskommen . Denn kurz und gut , als ich auf meinem Spaziergange an die Gartenhecke unsrer Nachbarin kam , sah ich sie durch eine halb offne Thür , in einem zierlichen Morgenanzug , beschäftigt einige so eben aufbrechende Rosen im Gebüsch abzuschneiden , und dazu eines von Anakreons Liedern auf die Rose halb zu singen , halb zu sumsen , wie man zu singen pflegt , wenn man nur sich selbst zum Zuhörer hat . Sie erblickte mich sogleich , indem ich mit der dreisten Schüchternheit , die mir ( wie die Mädchen sagen ) so wohl ansteht - vermuthlich weil etwas Kunst dabei ist - gleichsam ungewiß , ob ich es wagen dürfe weiter zu gehen , in der Thür stehen blieb . Sie kam mir einige Schritte entgegen . Du scheinst , fiel sie mir ins Wort , da ich eine Entschuldigung zu stottern anfing , mit einer Gabe zu glücklichen Würfen geboren zu seyn , Aristipp . Wer hätte gedacht , daß wir uns in weniger als zwei Jahren zu Aegina wiedersehen würden ? - Und das in einem so reizend aufblühenden Rosengebüsche , setzte dein Freund hinzu . - » Glaubst du auch an Vorbedeutungen ? « - Wenn sie meinen Wünschen entgegenkommen , ja . - » Da du dich nun einmal ( versetzte sie lächelnd ) eben so unschuldig , wie ich glauben will , als ehmals zu Korinth , in mein Gebiet verirrt hast , würde mir ' s übel ziemen dich unbewirthet zu entlassen . Ich will das Frühstück in die Myrtenlaube dort bringen lassen , und wir setzen uns zusammen und schwatzen die Morgenstunden vorbei , wenn du nichts Angenehmeres zu versäumen hast . « Meine Antwort kannst du leicht errathen , Kleonidas ; aber was du vielleicht nicht errathen hättest , war , daß es unvermerkt Mittag und Abend wurd , ohne daß wir eher ans Abschiednehmen dachten , bis uns die untergehende Sonne daran erinnerte . Das Benehmen meiner schönen Wirthin war munter , offen und absichtlos , immer anständig und edel , ohne Ziererei und Ansprüche , und doch zugleich so traulich , als ob wir nicht anders als Freunde seyn könnten . Mit Einem Worte , du kannst dir nichts Liebenswürdigeres denken als sie , und keinen glücklichern Sterblichen als mich , der , im Genuß des Gegenwärtigen gänzlich befriedigt , keinen Augenblick Zeit hatte zu denken daß noch viel zu wünschen übrig sey , und ( was dir vielleicht unglaublich scheinen mag ) auch nicht durch die leiseste Begierde daran erinnert wurde . Dieß ist , denke ich , die natürliche Wirkung der vollkommenen Schönheit , wenigstens auf einen Menschen meiner Sinnesart ; und hätten die Grazien nicht so viel Reiz und Anmuthendes über alles was sie sagt und thut , bis auf die leiseste Bewegung der Falten an ihrem Gewand , ausgegossen , ich glaube ich könnte Jahre lang täglich um Lais gewesen seyn , ohne jemals aus dem süßen Schlummer , worin ihr Anschauen meine Sinne ließ , aufzuwachen . Seltsam wirst du sagen ; aber so ist ' s ! Oder vielmehr , so war und blieb es - rathe wie lange ? - Beim Poseidon ! Vier ganzer Sommertage lang ; und ohne einen zufälligen Umstand , der dir die Sache zu gehöriger Zeit begreiflich machen wird , dürften es vielleicht , Amor und Aphrodite verzeihen mir ' s ! eben so viele Wochen oder Monate gewesen seyn . Daß neu angehende Freunde , wovon der eine aus Cyrene und der andere aus der Pelopsinsel kommt , einander ihre Geschichte erzählen , versteht sich von selbst . Die meinige war bald abgethan , wiewohl Lais nicht glauben wollte , daß ich noch so sehr Neuling sey , als ich , mit völliger Wahrheit wie dir bekannt ist , zu seyn vorgab , oder vielmehr mit Bescheidenheit andeutete . Die ihrige war indessen nicht viel reicher an Abenteuern ; und da du das Beste an ihrer Erzählung , den Zauberklang ihrer Stimme und den Geist ihrer Augen entbehren mußt , so will ich sie so kurz als möglich zusammenfassen . Lais wurde zu Hykkara in Sicilien geboren . Sie erinnerte sich , daß sie in einem großen Hause auferzogen wurde , und daß ihr zwei Sklavinnen zu ihrer Besorgung zugegeben waren . Sie war ungefähr sieben Jahr alt , als sie das Unglück hatte ( ich nenn ' es Glück , und du wirst mir ' s nicht verdenken ) , bei Eroberung und Zerstörung ihrer Vaterstadt durch den bekannten Athenischen Feldherrn Nikias , vermöge des barbarischen Rechts des Sieges , das unter unsern Völkern zu ihrer Schande noch immer gilt , in die Sklaverei zu gerathen , und mit andern Kindern ihres Alters an den Meistbietenden verkauft zu werden . Leontides , ein reicher Korinthischer Eupatride , kaufte sie , und bezahlte sie beinahe so theuer , als ein marmornes Mädchen von einem Polyklet oder Alkamenes . Dieser Leontides war immer ein großer Liebhaber aller schönen Dinge gewesen ; und wiewohl er im Dienste der Paphischen Göttin bereits grau zu werden begann , oder vielmehr eben deßwegen , kam er auf den Gedanken , sich an der kleinen Laidion Trost und Zeitvertreib für seine alten Tage zu erziehen . Er ließ ihr also Unterricht in allen Musenkünsten und überhaupt eine so liberale Erziehung geben , als ob sie seine Tochter gewesen wäre , ergötzte sich in der Stille an ihren schnellen Fortschritten , und belohnte sich selbst zu rechter Zeit für alles , was er auf sie gewandt hatte , so gut als Gicht , Podagra und Hüftweh es erlauben wollten . Dagegen betrug auch sie sich so gefällig und dankbar gegen ihn , und leistete ihm die Dienste einer Krankenwärterin etliche Jahre lang mit so viel Sorgfalt , Geschicklichkeit und gutem Willen , daß er ihr seine Erkenntlichkeit nicht stark genug beweisen zu können glaubte . Sie lebte in seinem Hause als ob sie seine Gemahlin wäre , schaltete nach Belieben über sein Vermögen , und durfte sich der Freiheit , die er ihr geschenkt hatte , um so unbeschränkter bedienen , da er Ursache zu haben glaubte , sich auf ihre Klugheit und Bescheidenheit zu verlassen . In dieser Lage befand sie sich , als ich , durch den bewußten Zufall , eine Art von Aktäon ( wiewohl mit besserm Glück ) bei ihr zu spielen berufen wurde ; und der plötzliche Einfall , sich auf Unkosten eines zudringlichen Unbekannten eine kleine Lust zu machen , wobei sie selbst nichts zu wagen sicher war , hätte einer lebhaften jungen Sicilianerin , welche die schönste Blumenzeit ihres Lebens einem abgelebten gichtbrüchigen Liebhaber aufzuopfern sich gefallen ließ , von meinem runzligen Freunde Antisthenes selbst nicht übel gedeutet werden können . Bald nach dieser Begebenheit starb der alte Leontides , und hinterließ seiner schönen Wärterin die Freiheit zu leben wie und wo sie wollte , nebst einer beträchtlichen Summe an baarem Gelde und dem zierlichen Landsitz zu Aegina , der zwar von keinem großen Ertrag , aber durch seine reizende Lage und die Schönheit der Gebäude und Gärten beinahe so einzig in seiner Art ist , als seine Besitzerin in der ihrigen . Die schöne Wittwe des Korinthischen Eupatriden befindet sich nun , wie du siehest , in einer Lage , die derjenigen ziemlich ähnlich ist , in welche Prodikus seinen jungen Hercules auf dem Scheidewege80 setzt . Zwey Lebenswege liegen vor ihr , zwischen welchen sie , wie sie selbst glaubt , wählen muß . Soll sie , kann sie , bei diesem lebhaften Bewußtseyn einer Schönheit und einer Zaubermacht , die ihr , sobald sie will , alle Herzen und alle Begierden unterwirft , bei solchen Talenten und einem Triebe zur Unabhängigkeit , dessen ganze Stärke sie in ihrer vorigen Lage kennen zu lernen Gelegenheit hatte , sich entschließen , mit Aufopferung ihrer Freiheit und ihres ganzen Selbst an einen Einzigen , das ist , mit Gefahr einer ewigen Reue , sich in die venerable Gilde der Matronen einzukaufen ? - oder soll sie , mit Verzicht auf diesen ehrenvollen Titel , sich auf immer der reizenden Freiheit versichern , nach ihrem eignen Gefallen glücklich zu seyn , und glücklich zu machen wen sie will . Es müßte einem Paar hochweiser Zottelbärte komisch genug vorgekommen seyn , wenn sie , hinter unsrer Myrtenlaube verborgen , eine junge Dame wie Lais , und einen schwarzlockigen wohlgenährten Philosophen von zweiundzwanzig Jahren , mit einer zwischen Pythagorischer Sophrosyne81 , Sokratischer Ironie , und Aristophanischer Leichfertigkeit leise hin und her schwebenden Miene , in der ernstlichsten Conferenz über diese Frage hätten behorchen können . Nichts müßte ihnen lustiger vorgekommen seyn , als das anscheinende Vertrauen der jungen Schönen zu der Weisheit eines beinahe eben so jungen Freundes , dessen eigenes Interesse bei der Sache stark genug in die Augen fiel , um ihr seinen Rath auf jeden Fall verdächtig zu machen . Das Wahrste bei dieser Berathschlagung war indessen , daß die schöne Lais recht gut wußte , wozu sie sich bereits entschlossen hatte . Vermuthlich war es ihr mehr darum zu thun , mir ihre eigene Art über diese Dinge zu denken mitzutheilen , als sich in der Meinung , daß ich sie nicht anders als billigen könne , zu bestärken . Dieß glaubte ich in ihren Augen zu lesen , da sie , nachdem sie das Problem besagtermaßen gestellt hatte , sich auf einmal mit der treuherzigen Frage an mich wandte : was räthst du mir nun , Aristipp ? - Sage mir deine Meinung ohne Zurückhaltung , und , wenn du die Forderung nicht unbillig findest , so unbefangen , als ob du der Mann im Monde wärest , und einer Bewohnerin des Hesperus rathen solltest . Was du von mir verlangst , schöne Lais ( antwortete ich ihr ) , ist eben nicht ganz so leicht als du zu glauben scheinst . Indessen wär ' es mir wenig rühmlich , wenn ich schon zwei Jahre um den weisesten aller Menschen ( mit der Delphischen Priesterin zu reden ) gewesen wäre , und nicht wenigstens eine Hand voll brauchbarer Maximen auf die Seite gebracht hätte , womit ich mir und andern bei Gelegenheit aushelfen könnte . Eine dieser Maximen ist : wenn ich um Rath gefragt werde , immer zu rathen was mir wirklich für die fragende Person das Beste scheint ; aber zugleich ehrlich zu gestehen , daß , wofern ich selbst auf irgend eine Art dabei betroffen bin , immer auch , mit oder ohne klares Bewußtseyn , einige Rücksicht auf meine eigene Wenigkeit dabei genommen wird . So würde ich z.B. wenn ich dächte , daß eine geheime Vorliebe zu dem ehrsamen Matronenstande in deinem schönen Busen schlummere , und ich selbst etwa der Glückliche sey , mit dem du deine Freiheit in die Schanze zu schlagen Lust hättest , nicht umhin können dich vor mir zu warnen , weil in diesem Falle Zehn gegen Eins zu wetten wäre , daß es uns beide gereuen würde , mich dir gerathen , dich mir gefolgt zu haben . Eine andere meiner Lebensmaximen ist , meine Handlungen so wenig als möglich von den Meinungen andrer Leute abhangen zu lassen . Ich müßte mich sehr irren , wenn diese Regel nicht auch für dich gemacht wäre . Endlich ist auch bei mir festgesetzt , daß die Person den Stand , nicht der Stand die Person adeln muß . Ich sehe keine Unmöglichkeit , warum ein junges Frauenzimmer von deinen seltenen Vorzügen , in der unabhängigen Lage worein dich dein alter Patron gesetzt hat , unter dem Schutz der Grazien nicht so viel Freiheit , als ihr selbst zuträglich ist , mit einem gehörigen Betragen , dem die Welt ihren Beifall nie versagt , sollte vereinigen können . Mein Rath , schöne Freundin , wäre also - mit mehr oder weniger Rücksicht auf meine Maximen , wenn du willst , zu thun was dir dein Herz und deine Klugheit eingeben . Ich bin mit deinem Rath vollkommen zufrieden , weiser Aristipp , versetzte sie mit einem Lächeln , wie die Augen der Liebesgöttin lächeln mögen , wenn ihr Blick von ungefähr in einen Spiegel fällt . Höre mich also an , mein Freund ; denn ich will mich dir so unzurückhaltend erklären , wie Personen meines Geschlechts kaum mit sich selbst zu reden pflegen . Ich habe noch so wenig Gelegenheit gehabt die Stärke oder Schwäche meines Herzens aus Erfahrung kennen zu lernen , daß es Vermessenheit wäre , wenn ich , wie der Sohn der Amazone82 beim Euripides Amorn und seiner Mutter Trotz bieten wollte . So weit ich mich indessen kenne , scheint es nicht als ob die Leidenschaft , die der besagte Dichter an seiner Phädra so unübertrefflich schildert , jemals mehr Gewalt über mich erhalten werde , als ich ihr freiwillig einzuräumen für gut finde ; und ich wünsche vor jeder andern Thorheit so sicher zu seyn , als vor dem lyrischen Einfall , aus Liebe zu irgend einem Phaon der schönen Sappho den Sprung vom Leukadischen Felsen nachzuthun . Bei allem dem gestehe ich gern , daß ich den Umgang mit Männern eben so sehr liebe , als mir die Unterhaltung mit den Griechischen Frauen vom gewöhnlichen Schlage unerträglich ist . Du weißt vermuthlich , wie wenig bei der Erziehung der Griechischen Töchter in Betrachtung kommt , daß sie auch eine Seele haben , und daß die Seele kein Geschlecht hat . Sie werden erzogen um so bald als möglich Ehfrauen zu werden ; und der Grieche verlangt von seiner ehlichen Bettgenossin nicht mehr Geist , Talente und Kenntnisse , als sie nöthig hat , um ( wo möglich ) schöne Kinder zu gebären , ihre Mägde in der Zucht zu halten , und die Geschäfte des Spinnrockens und Webestuhls zu besorgen . Ist sie überdieß sanft , keusch und eingezogen , trägt sie wie die Schnecke ihr Gynäceon83 immer auf dem Rücken , und verlangt von keinem andern Manne gesehen zu werden als von ihm , läßt sich an und von ihm alles gefallen , und glaubt in Demuth , daß es keinen schönern , klügern und bravern Mann in der Welt gebe als den ihrigen : so dankt er den Göttern , die ihn mit einem so frommen tugendsamen Weibe beschenkt haben , ist höchlich zufrieden , und hat wahrlich Ursache es zu seyn . Vor der langen Weile , die ihm eine so fromme und tugendreiche Hausfrau machen könnte , weiß er sich schon zu verwahren . Er sieht sie so wenig als möglich : und verlangt er einen angenehmern weiblichen Umgang , so hält er sich irgend eine liebenswürdige Gesellschafterin auf seinen eigenen Leib , oder bringt von Zeit zu Zeit einen Abend mit seinen Freunden in Gesellschaft von Hetären zu . Und wie könnt ' es anders seyn , da unsre ehrbaren Frauen , von aller männlichen Gesellschaft zeitlebens ausgeschlossen und auf den Umgang mit ihren Mägden , Schwestern , Basen und Nachbarinnen eingeschränkt , aller Gelegenheit sich zu entwickeln , und die Eigenschaften , wodurch man gefällt und interessant wird , zu erwerben schlechterdings beraubt sind ? - Was bleibt also einer jungen Person meines Geschlechts , wenn sie mit der Gabe zu gefallen und einem Geiste , der sich nicht in den engen Raum eines Frauengemachs einzwängen lassen will , von Mutter Natur ausgestattet worden ist , was bleibt ihr anders übrig , als entweder sich selbst und das ganze Glück ihres Lebens der leidigen Landessitte aufzuopfern ; oder die Freiheit mit allen Arten gebildeter und liebenswürdiger Männer Umgang zu haben ( als das einzige Mittel wie sie selbst entwickelt und gebildet werden kann ) , dadurch zu erkaufen , daß sie sich gefallen läßt - zu einer Classe gerechnet zu werden , die der weise Solon zwar durch einen schonenden Namen gewissermaßen zu Ehren gezogen hat , die aber doch sowohl durch ihre Bestimmung als den Charakter und die Sitten des größten Theils ihrer Mitglieder von einem unheilbaren Vorurtheil gedrückt wird , und mit einem Flecken behaftet ist , den alle Vorzüge einer Korinna , Sappho und Aspasia nicht auszulöschen vermögen . Oder könntest du mir einen andern Weg , dem gemeinen Schicksal der frommen und tugendhaften Frauen und - der tödlichen Langweile ihres Umgangs zu entgehen , zeigen , Aristipp ? Ich . Wo wolltest du einen Gemahl finden , der dich für das unendliche Opfer , das du ihm bringen müßtest , entschädigen könnte , wenn er auch wollte , und von dem du gewiß wärest , er werde es immer wollen ? Sie . Wenigstens wirst du mir zugeben , daß ich einiges Recht hätte , auch von ihm ein größeres Gegenopfer zu verlangen , als er mir vermuthlich zu bringen geneigt wäre . Und gesetzt er wär ' es , glaubst du wohl , selbst ein Gott und eine Göttin könnten , von jeder andern Gesellschaft entfernt , einander lange alles seyn ? Ich wenigstens bin mir meines Unvermögens , eine solche Zweisiedlerei in die Länge auszuhalten , vollkommen bewußt . Gute Gesellschaft , oder was in Griechenland wenigstens eben so viel ist , Männergesellschaft , ist für mich ein unentbehrliches Bedürfniß . Ich habe zu wohl erfahren , was es ist , mit einem einzigen Manne und mit lauter Weibern zu leben , um das Experiment zum zweitenmale zu machen ! - Es ist also fest beschlossen , Aristipp , ich werde meine Freiheit behalten , und mein Haus wird allen offen stehen , die durch persönliche Eigenschaften oder Talente berechtigt sind eine gute Aufnahme zu erwarten . Ich . Gegen diesen heroischen Entschluß kann niemand weniger einzuwenden haben als ich . Aber - freilich wirst du - wie du selbst sagtest - in der Welt - Sie . Nur heraus mit dem Worte ! - Für eine Hetäre passiren ? Vermuthlich . Aber warum sollt ' ich mich über das Vorurtheil , das auf diesem Namen liegt , nicht hinwegsetzen ? Jeder Stand in der Gesellschaft hat gewisse Vorurtheile gegen sich . Unsre ehrbaren Matronen passiren , im Durchschnitt genommen , für Gänse und Elstern , oder , falls sie Verstand genug dazu haben , für Heuchlerinnen , die Tag und Nacht auf nichts als Ränke sinnen , wie sie ihre Männer hintergehen , und die Vortheile des Hetärenstandes mit der Achtung , die dem Frauenstande gebührt , zugleich nutznießen wollen ; und wenn man die Komödiendichter hört , so ist noch die Frage , ob eine Person von Geist und feinem Gefühl nicht mehr Ehre davon habe , eine so seltne Hetäre wie Aspasia oder Thargelia84 zu seyn als eine Matrone , wie unter jedem Hundert , nach der gemeinen Meinung , wenigstens drei Fünftel sind . Hier oder nirgends tritt der Fall ein , mein Freund , wo ich sehr Unrecht hätte , meine Entschließung von der Meinung anderer Leute abhängen zu lassen . Ich liebe den Umgang mit Mannspersonen , aber als Männer sind sie mir gleichgültig . Ich kenne sie , denke ich , bereits genug , um die Stärke und den Umfang der Macht zu berechnen , die ich mir ohne Unbescheidenheit über sie zutrauen darf . Ich weiß was sie bei mir suchen ; und da es bloß von mir abhängt , sie durch so viele Umwege als mir beliebt im Labyrinth der Hoffnung herumzuführen , so verlass ' dich darauf , daß keiner mehr finden soll , als ich ihn finden lassen will ; und das wird für die meisten wenig genug seyn . Kurz , du sollst sehen , Aristipp , wie bald die allgemeine Sage unter den Griechen gehen wird , es sey leichter die Tugend der züchtigsten aller Matronen in Athen zu Falle zu bringen , als einer von denen zu seyn , zu deren Gunsten die Hetäre Lais ( weil sie doch Hetäre heißen soll ) sich das Recht Ausnahmen zu machen vorbehält . Sie sagte dieß mit einem so reizenden Ausdruck von Selbstbewußtseyn und Muthwillen , daß es mir beinahe unmöglich war , nicht auf der Stelle die Probe zu machen , ob ich vielleicht unter diese Ausnahmen gehören könnte : aber die Furcht , durch ein zu rasches Wagestück mein Spiel auf immer zu verderben , zog mich noch stark genug zurück , daß ich Meister von mir selber blieb . Solltest du , sagte ich , indem ich eine ihrer Lilienhände , die in diesem Augenblick auf ihrem Schooße lag , etwas wärmer als der bloßen Freundschaft zukommt , mit der meinigen drückte , solltest du wirklich hartherzig genug seyn , ein so grausames Spiel mit uns Armen zu treiben , als du dir jetzt einzubilden Belieben trägst ? - Hartherzig ? versetzte sie mit spottendem Lächeln , ihre Hand schnell unter der meinigen wegziehend , indem sie sich eben so schnell von der Bank , wo wir saßen , aufschwang und wie eine Göttin vor mir stand ; zum Beweise , daß ich es wenigstens nicht für dich bin , lass ' dir ein für allemal rathen , Freund Aristipp , keine Kunstgriffe bei mir zu versuchen . Unser Verhältniß ist von einer sehr zarten Art ; ich erlaube dir den Augenblick zu belauschen , aber hüte dich , ihm zuvorzukommen ! Beinahe sollt ' ich denken , schöne Lais ( erwiederte ich ) , du seyst bei dem weisen Sokrates in die Schule gegangen - » Wie so ? « - Weil die Lehre oder Warnung , die du mir so eben gibst , die nämliche ist , die ich ihn einst einer jungen Hetäre zu Athen geben hörte . - » Du scherzest , Aristipp ; wie käm ' ein Mann wie Sokrates dazu , sich mit dem Unterricht einer Hetäre abzugeben ? « - Du kennest ihn noch wenig , schöne Lais , wie ich sehe . Kein Sterblicher ist freier von Vorurtheilen als er , und das Geschäft seines Lebens ist , allen Arten von Personen , unbegehrt und ohne auf ihren Dank zu rechnen , Unterricht und guten Rath zu geben . Er lehrt einen Gerber besseres Leder machen , einen Tänzer gefälliger tanzen , einen Maler geistreicher malen , einen Hipparchen seine Reiter und Pferde besser abrichten : warum sollte er nicht auch eine unerfahrne aber schöne und lehrbegierige junge Hetäre zur Virtuosin in ihrer Kunst zu machen suchen ? - » Du erregst meine Neugier ; wolltest du mir wohl das Vergnügen machen , mir alles zu erzählen , was du von dieser sonderbaren Begebenheit noch im Gedächtniß hast ? « - Sehr gern ; ich erinnere mich noch eines jeden Wortes , wiewohl es schon über Jahr und Tag ist , daß sie sich zugetragen hat . Einer von den Unsrigen , Kleombrotos von Ambracien , ein junger Schwärmer , wenn je einer war , erzählte uns , er habe so eben durch einen glücklichen Zufall Gelegenheit gehabt , das schönste Mädchen in Athen zu sehen , und zwar , wie nicht jedermann sie zu sehen bekomme ; denn sie sitze eben einem Maler als Modell . Da er nicht aufhören konnte , von der Schönheit dieser jungen Person als einer unaussprechlichen Sache zu reden , sagte Sokrates endlich lächelnd : wenn das ist , so könntest du uns den ganzen Tag davon sprechen , ohne daß wir ein Wort mehr wüßten als zuvor ; denn von einer unaussprechlichen Sache einen Begriff durchs Ohr zu bekommen , ist unmöglich . Da wäre also , sagte dein naseweiser Freund Aristipp , kein andres Mittel uns zu überzeugen , daß Kleombrotos nicht zu viel gesagt habe , wiewohl er eigentlich nichts gesagt hat , als daß wir selbst hingingen und mit eignen Augen sähen . So gehen wir denn , sagte Sokrates . Kleombrotos führte uns also alle , so viel unser gerade um den Meister waren , nach der Wohnung der schönen Theodota , mit welcher er durch seinen Freund , den Maler , schon bekannt war ; wir wurden gefällig empfangen , stellten uns in bescheidener Entfernung um den Künstler her , und sahen - was zu sehen war . - War das Mädchen wirklich so schön ? unterbrach mich Lais im Ton der vollkommensten Gleichgültigkeit - In der That , antwortete ich in eben dem Ton , schön genug , daß sie mit allen Ehren die Stelle einer von deinen drei Grazien einnehmen könnte . Schmeichler ! sagte sie , indem sie mir einen leichten Schlag auf die Schulter gab ; ich unterbreche dich nicht wieder . Als der Maler aufgehört , und die schöne Theodota sich in ein Nebengemach begeben hatte , um ihren Anzug wieder in die gewöhnliche Ordnung bringen zu lassen , warf Sokrates , in einem ihm ganz eigenen unnachahmlichen Mittelton zwischen Scherz und Ernst , die Frage auf : ob wir , die Zuschauer , der schönen Theodota für die Erlaubniß ihre Schönheiten in einen so genauen Augenschein zu nehmen , oder Theodota nicht vielmehr uns für die Beschauung , Dank schuldig sey ? und entschied sie , nach Maßgabe des ihr oder ihnen wahrscheinlich daraus zuwachsenden Vortheils oder Nachtheils , zu Gunsten der Zuschauer . Immittelst hatte er , seiner Gewohnheit nach , mit seinen weit hervorragenden scharf blickenden Augen das Innere des ganzen Hauswesens ausgekundschaftet ; und als Theodota wieder sichtbar ward , machte er ihr sein Compliment über den reichen und glänzenden Fuß , auf welchem alles bei ihr eingerichtet sey . Das alles setzte er hinzu , muß dich viel Geld kosten , und ein so großer Aufwand setzt ein großes Vermögen voraus . Du hast ohne Zweifel ein schönes Landgut ? - Keine Erdscholle , antwortete Theodota etwas schnippisch . - » Also vermuthlich ein Haus , das dir ansehnliche Renten abwirft ? « - Auch das nicht , erwiederte sie , indem sie ein