doch erhebenden Gefühle schloß er die beiden Frauen noch einmal an sein Herz . Er war kein Heimathloser mehr , er stand nicht mehr einsam in der Welt . Sein Leben ward ihm noch wichtiger , er ward sich selbst mehr werth , weil er sich für das Glück der Menschen , die ihm die Theuersten waren , als nothwendig fühlte . Die drei Jahre waren an Seba nicht spurlos vorübergegangen . Sie hatte sich viel gesorgt , viel durchgemacht , denn es hatte der Arbeit und der Anstrengungen für sie , wie für alle die Frauen der Hauptstadt und des Landes , mehr als genug gegeben , welche die Pflege der verwundeten und kranken Krieger in den überfüllten Hospitälern über sich genommen hatten . Die Fältchen an den Augenwinkeln , die leisen Furchen auf ihrer schönen Stirn hatte Paul früher nicht an ihr bemerkt , und wie das Sonnenlicht nun von der Seite über ihren Scheitel fiel , sah er , daß hier und da ein silberweißer Faden auf ihrem schwarzen Haar erglänzte . Er konnte sich des Erschreckens nicht erwehren . Wie lange war es denn her , daß er Seba an jenem Ball-Abende , an dem des Grafen Gerhard Worte ihn zuerst wieder an seine Mutter und an seine Abstammung gemahnt hatten , in aller Schönheit ihrer Jugend vor sich gesehen hatte ? Und nun ergraute schon ihr Haar , nun kam die Reihe bald an sie ! Es that ihm in der Seele weh , denn wo der Tod in einen eng verbundenen Menschenkreis getreten ist , wird man so ängstlich . Jeder möchte in dem Antlitze des Andern lesen können , auf wie lange er ihm noch gegönnt ist , man möchte zusammenrücken , um sich selber die entstandene Lücke zu verbergen , man möchte sich fester , man möchte sich für immer an einander schließen , und man kann sich es bei allem besten Willen nicht vergessen machen , daß kein menschliches Verhältniß unzerstörbar , daß Alles dem Vergehen unterworfen , Alles nur im Augenblicke unser ist , und daß unser sicherer Besitz einzig in der Benutzung dieses Augenblickes und in dem Gedanken der durchlebten Vergangenheit beruht . Dieses Augenblickes wollte man genießen , man wollte sich gemeinsam der gehabten Ereignisse erinnern . Hatte man doch so tausendfältig oft gewünscht : O , daß er hier wäre ! daß ich sie jetzt bei mir hätte ! Und wie man nun beisammen saß , hatte man sich nichts zu sagen , weil Jeder nur das Nothwendige und Rechte gethan zu haben meinte , und das Nothwendige und Rechte sich einfach und unauffällig in das allgemeine Thun einfügt . Paul hatte die Feldzüge mitgemacht , aber das hatten Hunderttausende gethan ; er hatte sich tapfer und muthig erwiesen , Andere waren darin nicht hinter ihm zurückgeblieben . Seba hatte mit Selbstverläugnung pflegend und helfend in den Hospitälern gearbeitet , das war nur natürlich gewesen . Ihr Vater war gestorben , ihr Vermögen theilweise verloren gegangen : indeß es weinten unzählige Familien in wahrer Noth um ihre Väter und Versorger , und die kleinen Begegnungen , die wechselnden Ereignisse , deren man sich zu erinnern hatte , kamen in diesen ernsten Stunden des Wiedersehens neben den großen Erschütterungen und Erfahrungen , welche man durchgemacht hatte und in sich nachzittern fühlte , einem Jeden zu geringfügig vor , um ihrer zu gedenken und ihrer zu erwähnen . Man war stiller als jemals bei einander , bis Paul sich erhob , um sich , wie er sagte , umkleiden und im Comptoir seine Ankunft melden zu gehen . Es war ein eigenes Gefühl , mit dem er aus dem Gartensaale in die Zimmer eintrat , welche er neben demselben früher bewohnt hatte . Alles lag und stand , wie er es verlassen hatte . Damals freilich war es winterliche Nacht gewesen und das Vaterland hatte unter der Knechtschaft fremder Tyrannei geseufzt , und jetzt leuchtete die helle Sommersonne durch die im Lufthauche spielenden Blätter und Deutschland war frei und sich selber wiedergegeben worden . Aber so warm Paul ' s Herz auch schlug , wenn er Daviden ' s und der Zukunft an ihrer Seite dachte , kam er sich doch plötzlich viel älter geworden vor . Er hatte den Krieg immer als ein Unglück , als ein furchtbares , wenn auch in diesem Falle unvermeidliches Uebel betrachtet und den Frieden oft sehnlich herbeigewünscht , der ihn seinem Berufe und seinem Geschäfte wiedergeben sollte . Jetzt aber war es ihm unheimlich in den stillen , nach dem Hofe hin gelegenen Räumen des Comptoirs , es erschreckte ihn , als er den Geschäftsführer mit seiner unerschütterlichen Gleichmüthigkeit genau auf demselben Platze und in derselben gebückten Stellung wie vor drei Jahren , die eingegangenen Briefe durchsehend , vor sich erblickte , als er den alten Kassirer gerade so , wie er es vor drei Jahren und vor jenen zwanzig Jahren gethan , die Geldrollen über den Zahltisch werfend und die Banknoten musternd wiederfand . Ein Chronometer , den Seba ihm bald nach seiner Rückkunft aus Amerika geschenkt hatte , stand auf seinem Tische . Er war , wie der Datumzeiger es auswies , wenig Tage , nachdem Paul Berlin verlassen hatte , abgelaufen . Damals war er achtundzwanzig Jahre alt gewesen , jetzt stand er im einunddreißigsten . Er trat an den Spiegel und betrachtete sich . Das war sonst nicht seine Sache , obschon er wußte , daß er ein schöner Mann sei . Die Uniform dünkte ihm etwas sehr Bequemes zu sein . Er fand sie einfach , zweckmäßig und kleidsam . Sie gefiel ihm heute sehr , und er gefiel sich auch in ihr . Der treue , ehrliche Rock ! sagte er zu sich selber , während er das Eiserne Kreuz von demselben losmachte , um es zu verschließen , und den Rock ablegte , um ihn nicht wieder anzuziehen . Noch vor wenig Tagen hatte er gegen Werben die Freiheit seines kaufmännischen Standes , im Gegensatze zu der Abhängigkeit des militärischen Dienstes , hoch erhoben und Steinert es zugesagt , daß er dessen Sohn in die Bahn des bürgerlichen Lebens zurückführen werde , und jetzt überfiel ihn selber eine Angst vor der Ruhe und Stille , eine Scheu vor der Gleichmäßigkeit der täglich sich wiederholenden bürgerlichen Arbeit . Vorhin , als Davide sich ihm an das Herz gelegt , hatte ihn die Ahnung ergriffen , wie das Weib sich selber in der Liebe verloren gehe , nun schreckte sein dem Menschen eingeborenes Verlangen , sich in seiner Eigenheit und Freiheit zu erhalten , vor der Aussicht und vor der Nothwendigkeit zurück , sich künftig nicht mehr als nur für sich selber bestehend betrachten zu dürfen , künftig leisten und thun zu müssen , was er im Grunde bisher nur freiwillig gethan hatte , künftig keine Freiheit des Wollens und des Dürfens mehr vor sich zu haben , wenn er einmal aus einem allein stehenden Manne sich zum Gatten einer Frau , zum Begründer und Beschützer einer Familie gemacht haben werde . Als hätte ein Zauber sie heraufbeschworen , so deutlich traten urplötzlich alle die anmuthigen Begegnungen , alle die hübschen , kleinen Abenteuer und artigen Erlebnisse ihm vor die Seele , welche er als Junggeselle auf seinen vielen Reisen und während seiner Feldzüge gehabt hatte , und er konnte sich eines Seufzers nicht erwehren , wenn er dachte , daß dies nun für ihn zu Ende sein , daß für ihn zum Unrecht werden solle , was ihm bisher eine so reizende Unterhaltung gewesen war . Freilich , er liebte Davide , aber es war keine jener heftigen , unwiderstehlichen Leidenschaften , die er für sie fühlte . Er hegte für sie die zuversichtliche Neigung , die sich nur durch ein langes Beisammensein und durch die Erkenntniß bildet , daß man in allen Fällen auf einander zählen könne . Jung , wie er Davide verlassen , hatte er doch schon ihre Selbstbeherrschung , ihre Festigkeit und ihre Güte bei den verschiedensten Anlässen erprobt , und die Wahrhaftigkeit ihres Herzens , die Unschuld , mit der sie ihm ihre Liebe kund gab , ohne daß er ihr jemals von der seinigen gesprochen hatte , machten sie ihm eben so theuer , als ihre Schönheit sie ihm begehrenswerth erscheinen ließ . Seit Jahren hatte er sich gesagt , daß Davide einst seine Gattin werden müsse , er hatte sich darauf gefreut wie auf den Preis am Ende des errungenen Zieles , wie auf eine letzte Lebenserfüllung . Nun er sich derselben nahe glauben durfte , bangte ihm vor der schwersten aller Aufgaben , vor dem Ausharrenmüssen ; und er konnte des beklemmenden Gefühles nicht gleich Meister werden , das ein Jeglicher empfindet , wenn er nach einem viel bewegten , wechselvollen Dasein plötzlich in alte , fest begründete Lebensverhältnisse einzugehen und zurückzutreten hat . Die Tage der Jugend und der Ungebundenheit sind nun vorüber ! rief er , und es war , als ob das unwillkürlich ausgesprochene Wort ihn auch von der augenblicklichen Verwirrung befreie , die ihn befangen hielt . Denn er richtete sich in seiner schönen Kräftigkeit empor und fügte mit plötzlich erheiterter Stirn und gewandeltem Sinne hinzu : So lange hat man für sich selbst gelebt ; es ist Zeit , nun für die Andern zu leben ! Laß uns sehen , was man für sie werth ist und vermag ! Er hatte inzwischen seine bürgerliche Kleidung angelegt und trat an das Fenster . Heißer Sonnenschein , warmer Blumenduft strömten ihm entgegen . Er blieb einen Augenblick am Fenster stehen und sah in den Garten hinaus . In der Ferne gingen die beiden Frauen vorüber . Sie tragen den Kranz nach dem Monumente , dachte Paul , und er , der sich so eben noch vor dem Gleichmaße der Tage und vor allem , was sich mit unausgesetzter Regelmäßigkeit zu wiederholen hatte , gescheut , fühlte sich von der beharrlichen Treue gerührt , mit welcher Seba die freiwillig übernommene Liebespflicht erfüllte . Es ist eine geringfügige Handlung , sagte er sich , einmal einen Blumenstrauß auf einen Denkstein niederzulegen ; aber durch ein halbes Menschenleben dem Andenken der Hingegangenen die gleiche Erinnerung zu weihen , während man den Pflichten gegen die Lebenden eben so treulich genügt , an jedem Tage den gleichen Weg zu gehen , immer dieselbe kleine Sorge zu tragen , das macht die an sich geringfügige That zu einem das Herz befriedigenden Cultus . Und es sollte nicht dasselbe mit aller unserer Arbeit sein , wenn wir sie , von ihrer Nothwendigkeit wie von ihrem Nutzen überzeugt , mit Liebe und für geliebte Menschen thun ? Er schaute den beiden schönen Gestalten mit Vergnügen nach , wie sie langsam durch die Wege gingen . Es freute ihn , daß er sie wieder sehen konnte , daß er sie heute , morgen , immer wieder sehen würde . Selbst als die Gebüsche unter den Tannen die Frauen seinem Auge entzogen hatten , verweilte er noch an dem Fenster . Die Stille , die über dem Garten ausgebreitet lag , war ihm etwas Neues geworden und erquickte ihn . Er hatte auf so vielen Schlachtfeldern gestanden und sie tönten noch unvergessen in sein Ohr : der Donner des Geschützes , der Weheruf der Verwundeten , das Röcheln all der Sterbenden , die in fremder Erde unter ungeschmückten Gräbern ruhten . Friede , Friede ! rief er und schlug die Hände unwillkürlich , wie beim Gebet in seinen Kindertagen , in einander , Friede und Beharren und Bleiben hier bei den geliebten Menschen , und leben und schaffen mit ihnen und für sie ! Freien und gehobenen Sinnes verließ er seine Zimmer , um gleich an diesem Morgen , gleich in dieser Stunde seine Arbeit zu beginnen . An der Thüre des Comptoirs wendete er sich noch einmal um und blickte durch die Seitenfenster nach dem Garten hinaus . Seba und Davide saßen vor dem Gartensaale , mit Nähterei beschäftigt , bei einander . Aber Paul ging nicht zu ihnen . Er konnte es ja später thun , denn er blieb jetzt hier , und sie waren ihm zu eigen . Was war gegen eine solche Gewißheit aller überraschende Reiz des Zufalles ? Er wiegte sich in dem beglückenden Gefühle dieser Sicherheit , und ihrer wie seiner selbst gewiß , kehrte er , ein reifer Mann , aus dem Felde zu seinem bürgerlichen Berufe zurück . Drittes Capitel Arbeit , unausgesetzte , ernste Arbeit , das war es , was es jetzt galt , aber Paul war des Arbeitens von Jugend auf zu sehr gewöhnt , um sich in der Arbeit , sobald er ihr nur wiedergegeben wurde , nicht schnell wieder einzuleben und heimisch zu fühlen . Er fand die Verhältnisse des Handlungshauses , dessen alleiniger Inhaber er jetzt war , besser und schlechter , als er es erwartet hatte . Das Flies ' sche Vermögen , obschon es durch die während der letzten Krisen gebrachten Opfer bedeutend zusammengeschmolzen war , blieb noch immer beträchtlich genug , um Seba über jede Nahrungssorge zu erheben und ihr , der Alleinstehenden , die gewohnte breite und reichliche Lebensweise zu gestatten ; aber die Erfahrungen der letzten Jahre hatten den Vater ängstlich gemacht , und sein Testament setzte also fest : Erstens , daß Seba ' s Vermögen ganz und gar aus dem Geschäfte gezogen und in Hypotheken angelegt werden sollte ; zweitens , daß es , falls Seba sich nicht etwa noch zur Eingehung einer Ehe entschließe , nach ihrem Tode an mildthätige Stiftungen übergehen solle , damit in ihnen des Vaters Name und sein Andenken erhalten bliebe , wenn sie nicht durch die Erben seines Blutes in die Zukunft übertragen und fortgepflanzt würden . Es war gegen diese letztwilligen Verfügungen nichts zu sagen . Sie entsprachen dem vorsichtigen und vorsorglichen Charakter des Gestorbenen , und sie waren durchaus im Sinne des Judenthums , das Fortpflanzung des Namens durch die Nachkommenschaft für eine der größten Segnungen erkennt . Nichts desto weniger trafen diese Bestimmungen alle Betheiligten recht schwer . Seba sah sich durch dieselben in der freien Verfügung über das Vermögen beschränkt . Sie konnte es nicht verschmerzen , daß ihr die Möglichkeit entzogen worden , Davide , die sie als ihr Kind betrachtete und liebte , einst auch zu ihrer Erbin einzusetzen , und für Paul wurde die Fortführung eines auf große eigene Hülfsquellen begründeten Geschäftes äußerst schwierig , da diese ihm eben in einer Zeit entzogen wurden , in welcher , bei der Seltenheit des Geldes , eben mit Geld , wie Paul es seinem Freunde auseinander gesetzt hatte , mehr als sonst zu machen und zu leisten war . Auch schwankte er einen Augenblick , was er beginnen sollte . Wollte er sich das Leben erleichtern und sich bescheiden , so mußte er auf seine großen Plane für lange , ja , wahrscheinlich für immerdar verzichten ; denn was jetzt noch möglich war , konnte nach wenig Monaten schon weit schwerer , nach Jahren völlig unausführbar sein . Er mußte sich damit begnügen , langsamer für sich und die Seinigen ein mehr oder weniger ausreichendes Einkommen zu schaffen und , im engeren Handelsverkehre ein nützliches Mitglied , sich nur in kleinerem Kreise bewegen ; oder er mußte , was er von eigenem Vermögen noch besaß , darangeben , seine Zahlungsfähigkeit in auffälliger Weise bei der Regulirung des Flies ' schen Vermögens darzuthun und , den daraus entspringenden Credit benutzend , seine ganze Kraft aufbieten , um mit den fremden Capitalien so viel zu erwerben , daß er den Darleihern ihr Darlehen wohl verzinsen , durch den Gewinn-Ueberschuß sich ein neues , eigenes Vermögen schaffen und sich wieder in die Höhe bringen konnte ; und er stand nicht lange an , welchen Weg er einzuschlagen habe . Er hatte mit seinem väterlichen Blute die Neigung zu herrschen ererbt , aber auch von dem dienstbaren Sinne seines mütterlichen Geschlechtes war viel auf ihn übergegangen , und eben deßhalb fand er in dem von ihm gewählten Berufe auch jetzt wieder seine vollkommenste Befriedigung . Denn keinem anderen Stande ist es wie dem Kaufmanne gegeben , eine große Herrschaft auszuüben und weithin in die Ferne und in die Zukunft wirksam und bestimmend einzugreifen , während er sich für Andere nützlich macht . Paul hatte sich in dem großen amerikanischen Hause , in welchem er gearbeitet hatte , früh daran gewöhnt , die Bedürfnisse und Aussichten der ganzen Welt in das Auge zu fassen ; die Jahre vor dem Kriege hatten ihn in Europa mit verschiedenen Männern bekannt gemacht , welche als Diplomaten die Vermittlung und Ausgleichung zwischen den verschiedenen Völkern und den verschiedenen Fürsten zu ihrer Aufgabe hatten , und sein von Natur auf das Große gerichteter Sinn hatte dadurch den Ueberblick und die Verbindungskraft gewonnen , die zu durchschauen vermochten , wie und wo der Vortheil Aller Vortheil für den Einzelnen verspricht , und wie der Einzelne es anzufangen habe , der Gesammtheit zu dienen , indem er seinen eigenen Vortheil und Nutzen wahrnimmt . Ueberall war in Europa Geld nothwendig . Man brauchte Geld , um die aus Mangel an Bestellungen wie aus Mangel an Arbeitskräften während des Krieges in ' s Stocken gerathenen Fabriken wieder in Gang zu bringen ; man brauchte Geld , um das Inventarium auf den zum Theil völlig ausgeraubten Gütern zu erneuern , man brauchte Geld an allen Ecken und Enden ; und Geld zu schaffen , den Regierungen wie den Privatpersonen Geld zu schaffen , ihnen die Unterbringung ihrer Anleihen möglich zu machen , war eine der unerläßlichsten Nothwendigkeiten , wenn der Friede die Mittel haben sollte , herzustellen , was der Krieg vernichtet hatte . Die großen Bankhäuser , die unternehmenden Kaufleute mußten ihre Hände dazu bieten , das Geld in den fernsten Gegenden flüssig zu machen und es dahin zu leiten , wo es in diesem Augenblicke am dringendsten gebraucht ward , und weil das Geld sich in dieser Weise am höchsten verwerthen ließ , wurden in anderen Gegenden mancherlei Unternehmungen unterlassen oder eingestellt , für deren Fortführung später das Geld wieder nach seinen Ausgangspunkten zurückgeleitet werden mußte . Darauf hatte Paul sein Auge gerichtet und seine Plane angelegt , und darauf hin hatte er schon seinen Freund Steinert verwiesen , als dieser ihn über die Zukunft seines Sohnes zu Rathe gezogen hatte . Niemals hatte Paul von seinem Berufe größer gedacht , als jetzt , und niemals hatte er die schweren Sorgen und Aufregungen desselben lebhafter zu empfinden gehabt , als in dem nächsten Winter , in dem er Seba ' s Vermögen aus dem Geschäfte herauszuziehen und nach dem Willen ihres Vaters , der Paul mit dieser Aufgabe betraut hatte , festzustellen hatte , während er seinen Credit bis auf das Aeußerste anspannen mußte , um die Unternehmungen möglich zu machen , die er nach den verschiedensten Seiten hin in Angriff nahm . Die Tage vergingen ihm in Arbeit , die Nächte oft in Sinnen und in Sorgen . Er bemerkte es nicht , daß seine Stirne ihre Heiterkeit , daß seine Augen ihren hellen Glanz verloren , er hatte nicht Zeit , an sich zu denken und auf sich zu achten ; nur Seba sah es und Davide sah es , und ihr ängstlich liebevoller Blick war der Lohn seiner Arbeit , sein Trost und seine Freude , wenn er nach des Tages Last und Plage sich am späten Abende ein Ausruhen bei den Seinen gönnte . Als der Herbst und der Winter herangekommen waren , bewegte sich in der Hauptstadt überall , wo man nicht um Gefallene zu trauern hatte , eine glänzende Geselligkeit . Man schien sich des für Europa wiedergekehrten Friedens erfreuen , der ausgestandenen Leidensjahre in Zerstreuungen vergessen zu wollen , aber in dem Flies ' schen Hause gingen die Tage ihren stillen , regelmäßigen Gang . Seba , die mit ihren vierzig Jahren noch immer schön zu nennen war , weil ihre Schönheit nicht nur in dem Reize der Jugend und der Farben , sondern in dem Adel der Formen und dem durchgeisteten Ausdrucke ihres Antlitzes bestanden hatte , war um ihres Vaters willen immer nur wenig in Gesellschaften gegangen , und während des Krieges hatte auch Daviden nicht danach verlangt , da sie mit ihrer stillen Liebe und mit den Sorgen um den entfernten Geliebten beschäftigt gewesen war . Jetzt vollends trugen beide Frauen nach zerstreuendem Menschenverkehre noch weit weniger Verlangen . Es kam aber dadurch in dem häuslichen Beisammensein bald ein Friede über die drei eng verbundenen Mensachen , daß es ihnen war , als hätten sie von Anbeginn so mit einander gelebt , ja , daß selbst die gewaltigen Ereignisse , die an ihnen vorübergegangen waren und in denen sie , so viel an Jedem von ihnen gewesen , mitgewirkt hatten , davor weit in die Ferne zurücktraten . Sie erfuhren , was man nach großen Eindrücken immer an sich wahrnimmt , daß unser Verhältniß zu den Außendingen und Ereignissen , man möchte sagen , unser perspectivisches Verhältniß zu ihnen , ein wunderbar wechselndes ist . Die ersten Tage nach einem großen Erlebnisse , nach einem großen Verluste dehnen sich für uns in unbegreiflicher Weise aus ; die Wochen und Monate , welche diesen ersten Tagen folgen , verschwinden uns in eben so unbegreiflicher Weise . Erst vierzehn Tage ist es her ? hatten die Zurückgebliebenen nach des Vaters Tode sich gefragt . - Schon acht Monate ist es her , seit wir in Paris einzogen ? Schon vier Monate , seit der Vater todt ist und ich wieder zu Euch heimgekommen bin ? rief Paul oft mit Verwunderung aus , als der Herbst mit seinen Regentagen angebrochen war und die ersten Schneestürme von dem Garten her um die Fenster des Zimmers sausten , in welchem sie die letzten Abendstunden bei einander zu sitzen pflegten . Davide hatte sich Paul bald nach seiner Rückkehr anverlobt , aber auch dieses Erlebniß war ohne besondere Scenen , ohne besondere Aufregungen an den Dreien vorübergegangen . Seba hatte , seit Paul wieder in Europa lebte , immer den heimlichen Wunsch gehegt , diese beiden ihr theuren Menschen verbunden zu sehen , und ihre Herzen hatten sich denn auch in ruhiger Liebe , in sicherstem Vertrauen zu einander gefunden . Selbst daß Davide noch Jüdin war , kam nicht störend in Betracht . Von der Abneigung , von dem angestammten oder vielmehr anerzogenen Widerwillen , welche die meisten anderen Völker gegen die Juden hegen , konnte bei Paul gar nicht die Rede sein , denn er war frei von dem Ballast angeerbter Vorurtheile . Wahre Güte und Liebe waren ihm in seiner Kindheit von Niemandem als von einer Judenfamilie zu Theil geworden . Ihr dankte er seine erste Erziehung , ihr jene Aufklärung seiner Gedanken , die bei jedem Menschen in der ersten Jugend vorgenommen werden muß , um nachhaltig wirksam zu sein . Das Haus dieser Judenfamilie hatte der Heimathlose durch sein ganzes Leben als den Hafen vor Augen gehabt , zu dem er wünschend und hoffend seine Blicke hingewendet hatte . Sein langer Aufenthalt in Amerika war dann zu einer Schule der Duldsamkeit für jede Art von religiöser Ueberzeugung für ihn geworden , und er hatte um so weniger ein religiöses Bedenken irgend einer Art in seinem Innern zu bekämpfen , da er ohne jedes kirchliche Bekenntniß aufgewachsen war . Was er vor seiner Flucht aus Europa in der Schule von der biblischen Geschichte erlernt , was er damals von den Dogmen des Christenthums und von den Erzählungen der Evangelisten gewußt hatte , war für ihn nicht weniger mythisch , wenn auch weniger lebendig gewesen , als die Erinnerungen an die alte Götterwelt der Griechen und der Römer . Da er zur Zeit , in welcher er aus Europa entfloh , über seine Jahre groß und kräftig gewesen war , hatte man ihn für älter gehalten , als er war , und Niemand hatte sich jemals die Mühe genommen , daran zu denken , ob er in irgend einer Religion unterrichtet worden sei und ob er ein kirchliches Glaubensbekenntniß abgelegt habe oder nicht . Mit der Neugier der Jugend war er , wenn man ihm in Amerika am Sonntage seine Stunden für den Kirchenbesuch frei gegeben hatte , bald in diese , bald in jene Kirche gegangen , hatte dem Gottesdienste der verschiedensten Culte zugesehen , bis er , dieses Anschauens müde , den Kirchenbesuch , zu dem er im Weißenbach ' schen Hause ohnehin nicht angehalten worden war , und den er Seba niemals üben sehen , endlich ganz und gar aufgegeben hatte . Er war nicht confirmirt worden , er hatte nie das Abendmahl genossen , er hätte nicht zu sagen vermocht , welchem Bekenntnisse er angehöre , hätte sein Taufschein es nicht ausgewiesen , daß er in die christlich evangelische Kirchengemeinschaft aufgenommen sei ; und mit Davide war es ziemlich derselbe Fall . Denn wie die religiösen Verhältnisse sich in unsern Zeiten ausgebildet haben , wählt der Mensch seine Religion nur in den seltensten Fällen frei und selbstständig : er wird in ihr geboren und nimmt sie als Familien-Ueberlieferung in sein eigenes Leben mit hinüber . Davide hatte mit dem Judenthume nicht mehr Zusammenhang , als ihr Verlobter mit dem Christenthume ; aber ihre Begriffe von Recht und Unrecht , ihr Streben nach dem Guten , ihre Verehrung vor dem Großen und Erhabenen , ja , alle ihre moralischen Anschauungen und sittlichen Ueberzeugungen waren ihnen Beiden frühzeitig von derselben Hand und aus derselben lautern Quelle zugekommen , und das öftere und längere Zusammenleben in den Jahren , welche dem Kriege vorausgegangen waren , hatten dazu gedient , den Einklang zwischen Seba und ihren beiden Pflegekindern , wie sie Paul und Davide zu nennen liebte , vollständig herauszubilden . Sie waren durch und mit einander unablässig in ihrer Entwicklung vorgeschritten . Die weitreichenden socialen Ansichten , welche Paul erworben , hatten Seba vielfach aufgeklärt , ihre inneren Erfahrungen waren ihm , so weit ein Mensch dem anderen mit seinen Erfahrungen nützen kann , zu Gute gekommen , und zwischen ihnen Beiden war Davide in einer Atmosphäre der Wahrheit und der Verständigkeit so unangefochten aufgewachsen , daß sie die Möglichkeit besessen hatte , sich zu dem Gleichmaß und zu der ruhigen Seelenschönheit zu entfalten , welche Seba einst an der Baronin Angelika bewundert und für sich selbst in jenen Tagen so unnachahmlich gefunden hatte . Weil Seba noch um ihren Vater trauerte , verzichtete das junge Paar darauf , seine Verlobung den Freunden bekannt zu machen , und man benutzte diese Zeit , Davidens Uebertritt zur christlichen Kirche , ohne welchen ihre Ehe mit Paul eine Unmöglichkeit gewesen sein würde , einzuleiten . Die Zeit war aufgeklärt , denn die Freiheitskriege , in denen Männer und Jünglinge aller Bekenntnisse einmüthig in Reih und Glied gestanden hatten , um das Joch der Fremdherrschaft von dem Vaterlande abzuwerfen , hatte selbst den Beschränkten und Kurzsichtigen , wenigstens für den Augenblick , die Erkenntniß gegeben , daß man die gleiche Vaterlandsliebe hegen , die gleiche Ansicht über die Ziele der Menschen haben könne , ohne den Glauben an die kirchlichen Lehrsätze mit einander zu theilen , und es hatte also in der Stadt , in welcher ein Fichte seine Reden an das deutsche Volk und Schleiermacher seine moralphilosophischen Predigten gehalten hatte , keine Schwierigkeit , einen Geistlichen zu finden , der sich willig zeigte , der jungen , in den Grundsätzen einer reinen Moral und einer liebevollen Hingebung an das Ideale auferzogenen Jüdin die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft zu bewilligen , wenngleich sie Manches , das die protestantischevangelische Kirche zum Glaubenssatz erhoben hat , nur als geschichtlichen Mythus anzusehen vermochte . Weder Davide , noch einer der beiden ihr verbundenen Menschen hatten dabei Kämpfe in sich zu bestehen oder große äußere Hindernisse zu überwinden ; denn wo die Grundanlage in der Natur eines Menschen gesund ist , wo die Verhältnisse , in denen er sich bewegt , auf Wahrheit gegründet sind , und wo sein Thun und Streben sich im richtigen Zusammenhange mit der Zeit befinden , der er angehört , da vollziehen alle Wandlungen sich sehr einfach und unmerklich , da geschehen seine eigene Entwicklung und das Wachsen seiner äußeren Glücksumstände meist so allmählich und so still wie die Entfaltung eines Keimes zu seiner Blüthe und zu seiner Frucht . Nicht das täglich Werdende , nur das Gewordene stellt in solchen gesunden und natur- und zeitgemäßen Verhältnissen sich dem beobachtenden Blicke dar , und es hat immer seine Bedenklichkeiten , wenn das Leben eines Menschen oder einer Familie viel von sich sprechen macht , oder die Aufmerksamkeit der Außenwelt durch ungewöhnliche Vorgänge auf sich zieht . Es war nicht zum Verwundern , daß Seba sich in diesem Jahre so einsam hielt , nicht zum Verwundern , daß Paul früher als die Anderen alle aus dem Feldzuge heim kam und zu seinen Geschäften wiederkehrte . Man hatte immer erwartet , daß Davide Christin , daß sie die Gattin Tremann ' s werden würde . Daß dieser , an einen größeren , weiteren Handelsverkehr gewöhnt , die Geschäfte des Hauses ausdehnen und in neue Bahnen leiten würde , das hatte man mit derselben Sicherheit vorausgesehen . Wie schwer er aber arbeitete , mit welchen Sorgen er zu kämpfen hatte , darüber sich zu äußern oder gar sich zu beklagen , das war nicht seine Sache . Man sah ihn immer gleichmäßig ruhig in selbstgewisser Zusammengefaßtheit , und das gemessene Vertrauen , das er in sich selber setzte , gab auch Anderen das Zutrauen zu ihm und seinen Unternehmungen , ohne welches diese letzteren eine Unmöglichkeit geworden wären . Viertes Capitel Paul Tremann war schon lange seinen Geschäften wiedergegeben und der Friede war längst geschlossen , als der Justitiarius des freiherrlich von Arten ' schen Hauses noch immer vergebens die Rückkehr des jungen Freiherrn forderte , für den es unter den obwaltenden Umständen nicht schwer gewesen sein würde , sich einen Urlaub zu verschaffen oder , da er bei einem der