vom Bau des menschlichen Körpers , von den Kräften der Luft , des Wassers und Feuers mehr gewußt , als die atomistische Physik des achtzehnten Jahrhunderts ! Lucinde dachte bebend an Paula ... Die Frau aber mit den silbernen Locken , die sich von der Hitze des Zimmers lösten und lang in ihren Ueberwurf hinunterglitten , den sie jetzt öffnen mußte , erwiderte plötzlich scharf und bestimmt : Die heilige Hildegard war im Gegentheil beinahe eine Vernunftgläubige ! Alles horchte auf ... Wie so ? fragte der Außerordentliche , stutzig über den Muth der Interpellation und ein in dieser Gesellschaft gebrauchtes anstößiges Wort ... Monika erwiderte : Jede Zeit hat ihre eigene Art , den Antheil für edlere Dinge auszudrücken . Was in unserm Jahrhundert die Philosophie ist , war vor achthundert Jahren das Christenthum ... Bitte ! Erlauben Sie ! unterbrach der Professor hocherstaunend ... Aber ein Glück für den Vater , daß dieser in einem hintern Zimmer am Whisttische saß . Sonst hätte er erlebt zu hören , daß die allgemeinste Spannung über die gelehrte muthige Frau seinem Sohn , seinem Stolz , ein zischendes St ! rief - und das in einem Kaufmannssalon ... Frau von Hülleshoven fuhr bei der im Zimmer eingetretenen lautlosen Stille fort : Wenn eine Zeit voll Barbarei der Wunder bedarf , um sich dem göttlichen Weltplan zu fügen , so geschehen auch Wunder . Der Mensch macht seine eigenen Thaten dann selbst dazu und läßt immer nur Gott die Ehre . Die Eingebungen einer Hildegard kamen aus der Sphäre , ja geistigen Sprache her , die damals allein verstanden wurde und allein wirkte . Das Christenthum in der Bedeutung , wie wir es jetzt zu citiren pflegen , ist dabei ganz unwesentlich ! Das ist ja offene Ketzerei ! warf der Gegner dazwischen , lächelnd freilich und noch verbindlich ... Aber wieder mußte er erleben , daß ihm gezischt wurde . Man zischte auch über das harte Wort gegen eine Dame ... Nennen Sie es , wie Sie wollen ! fuhr mit einem eigenthümlich bittern Lächeln die jugendliche Sprecherin fort . Ich verweise Sie nur auf die vielen Bestätigungen , die Hildegard für meine Behauptung gegeben hat . Sie hat bei ihren Visionen immer nur das praktische Leben und die Besserung der Sitten im Auge gehabt . Hildegard war eine kleine schwächliche Person , immer kränklich , jedenfalls von einer somnambulen Anlage ... Gräfin Paula ist schlank wie eine Tanne ! warf Terschka hinein , artig - doch offenbar in der Absicht , Monika zur Mäßigung zu mahnen ... Diese fuhr jedoch fort : Hildegard sah Erscheinungen , Engel und sie heilte . Aber ihre Visionen waren von einer strafenden und ermahnenden Tendenz . Ihre Heilungen erfolgten nicht ohne Beistand ihrer Kräuterkunde und die Beobachtung des menschlichen Körpers . Sie ermahnte den Papst , der kranken Kirchenzucht zu helfen . Sie gerieth in Streit mit dem Erzbischof von Mainz über die Beschuldigung , einen Excommunicirten auf dem Gottesacker ihres Klosters bestattet zu haben . Sie machte sogar Reisen . Daß sie dabei nur die Klöster besuchte , lag im Charakter einer Zeit , wo es noch keine Victoria-Hotels gab und eine Frau mit einigen weiblichen Begleiterinnen nicht auf Ritterburgen übernachten konnte . Die Klöster waren für jene Zeit vortrefflich . Sie waren die Herbergen , die Gasthöfe jener Zeit . Sie besuchte Paris . Denken Sie sich eine Reise nach Paris in jener Zeit ! ... Eine Reise nach Paris für eine Frau ! Auf einer Reise nach Paris würde man jetzt allerdings nicht mehr in Klöstern absteigen ! warf eine Stimme hinter der sich mehrenden dichten Gruppe ein ... Nück ' s Stimme ! sagte sich Lucinde , als alles lachte ... Sie und die Sprecherin waren der Mittelpunkt geworden und Terschka ' s Augen ließen weder von ihr , noch von Monika ... Monika fuhr in dem Gemurmel der Freude , den volksthümlichen Nück zugegen zu wissen , fort : Wie vernünftig , wie praktisch diese Heilige war , beweist auch der Umstand , daß sie zwar bis in ihr achtzigstes Jahr Wunder verrichtet haben soll , aber im Tode gänzlich damit aufhörte ... Ein Geflüster und Lächeln ... Bitte ! unterbrach der Professor der gläubigen Naturwissenschaften . Der Erzbischof von Mainz verbot der Todten ausdrücklich , noch Wunder zu verrichten ! So viel Ghibellinen hatte Piter eingeladen , daß jetzt sogar die Welfen über diese Aeußerung mitlachen mußten ... Man muß das anders erklären ! erwiderte Monika , während der Außerordentliche sich im Kreise rundum schaute und strafende Blicke nach allen Seiten austheilte . Es wäre manchmal sehr schön , wenn man die Reize des Niederwaldes und die Aussicht vom Victoria-Hotel auf Rüdesheim auch den Engländern in Bingen verbieten könnte . Der Zudrang zum Grabe der Heiligen wurde so groß , daß man den daraus entstehenden Unordnungen steuern mußte . Deshalb verbot der Erzbischof der todten Aebtissin die Wunder . Und die Heilige erschien dann dem Erzbischof von Mainz und erklärte ihm , sie wollte ihm auch noch im Tode gehorsam sein . Das war aber lediglich eine Ironie der vortrefflichen Frau ; sie hatte ihr Lebtag so viel Aerger mit den Vorgesetzten der mainzer Erzdiöcese gehabt , daß sie ihnen auch noch im Tode gelobte , ihren Willen zu thun . Ein schallendes Gelächter brach aus ... Die Entrüstung des Außerordentlichen steigerte sich so , daß sie jetzt schon von Johannen , seiner Verlobten , heimlich beschwichtigt werden mußte ... Lucinde , die nur ruhig beobachtete , würde mehr aufgethaut sein , wenn sie nicht fast physisch gefühlt hätte , wie Nück , den sie nicht sah , sie beobachtete ... Aber , fuhr die scharfe Frau zur Mehrung ihres Triumphes fort , aber auch wahrhaft liebende und geistvolle Freunde hat die Aebtissin gehabt ! Das müssen Sie schon darum zugeben , weil sie des Lateinischen unkundig war , nur im magnetischen Zustande etwas davon wegbekam und doch soviel Schriften gerade in dieser Sprache hinterlassen hat . Ein einfacher Beichtvater , von dem die Welt nur weiß , daß der Treffliche Pater Gottfried hieß , war ein so treuer Freund ihrer Seele , daß er alles niederschrieb , was sie in den Wolken gesehen zu haben vermeinte , und es dann noch später mit ihr ausarbeitete . Dieser bescheidene Mönch war also noch etwas mehr , als Goethen sein Eckermann . Er war der Geist einer Frau , die keinen Körper , nur eine Seele gehabt zu haben scheint . Gottfried selbst stand unter dem Eindruck ihrer Bezauberung . Er hörte seine Freundin , die auf dem Bette lag , phantasiren . Sie dictirte ihm die Briefe an die , die ihren Rath begehrten . Sie sprach deutsch und sein Ohr hörte und seine Feder schrieb Latein . Er übersetzte nichts , er schrieb die Gesichte seiner Freundin gleich in seiner geistigen Muttersprache nieder . Das war gerade so , wie Plato den Sokrates Dinge sagen läßt , die er nie gesprochen und die Plato darum doch nicht log . Aus Sokrates ' Geiste dichtete Plato seine Dialogen ; die Dichter lügen nicht , wenn sie auch noch soviel erfinden . Oder glauben Sie nicht , daß Sokrates somnambul war ? Jeder große Geist ist somnambul . Jeder Genius hat einen Dämon wie Sokrates . Jeder Heroe handelt unzurechnungsfähig . Diese Hildegard war die einzig mögliche Diotima des Mittelalters . Aber welche Thorheit , wenn man noch jetzt in ihrer alten Sprache lallen wollte ! Ich möchte wol wissen , wenn man die Gräfin Paula fragte , was Hildegard gefragt wurde , als der Dechant Philipp von Köln an sie schrieb , ob sie in ihren Visionen nichts über den kölner Klerus gesehen hätte ? ... Ueber den kölner Klerus ? rief man durcheinander ... Lucinde lachte mit in den Chor hinein . Sie fühlte Schadenfreude - über eine Gegnerin Paula ' s ... Gewiß , gewiß ! sagte Monika . Die Nonne von Dülmen hätte schwerlich auf diese Frage wie Hildegard geantwortet ! Sie hätte ohne Zweifel alle Domherren von Köln für künftige Heilige erklärt ! Ein neuer Sturm ... Aber Hildegard ? Was sagte sie denn ? drängte man ... Die Zahl der Umstehenden nahm immermehr zu ... Hildegard antwortete zuvörderst : Der ewige Gott , der da ist , war und sein wird , wird alle Runzeln der Zeit ausglätten ! Wer ist dieser Gott ? fährt sie fort . Die Sonne ist das Licht seiner Augen , der Wind sein Gehör , die Luft sein Geruch , der Thau sein Geschmack . Der Mond ist Gottes Uhr , die Sterne sind sein Denken , denn in ewigen regelmäßigen Kreisen dehnt sich alles Denken ... Hat wol die Nonne von Dülmen jemals die Gottheit so erhaben definirt ? Sie sah nur Nägelmale und blutende Heilandswunden ! Eine Todtenstille trat ein ... Man würde Hildegard jetzt für eine Pantheistin erklären ! bemerkte Terschka vermittelnd , während der Außerordentliche vor Staunen und Befremdung über diese Sprache in aller Blicken zu lesen suchte ... Noch mehr ! fuhr Monika unerschrocken fort . Die heilige Hildegard war Vulkano-Neptunistin , schon achthundert Jahre vor den Theorieen Cuviers über die Bildung der Erdrinde . Sie sagt an jener Stelle , Gott spräche : Steine hab ' ich aus Feuer und Wasser gegossen und die Erde aus Feuchtigkeit und Keimkraft dargestellt . Ich habe Gewölbe ausgeweitet , welche die Körper tragen , um dieselben her befindet sich die Feuchtigkeit zu ihrer Befestigung . Hätten die Wolken nicht das Feuer und das Wasser , so würden sie wie Asche sein ... In das Erstaunen der Zuhörer und der Bewunderung vor dieser seltsamen , jetzt fast feierlichen jungen Frau , mischte sich wieder von hinterwärts her die helle und scharfe Frage aus der Menge : Aber bitte , bitte ! Was sagte sie über die kölner Geistlichkeit ? Lautes schallendes Lachen ... Es war wieder die Stimme des geliebten , populären Redners ... Lucinde sah ihn nicht ... Sie vergleicht die Würde der Geistlichkeit zuerst den höchsten Erscheinungen in der Natur ! fuhr Monika fort und eklipsirte den Außerordentlichen heute bis zur vollständigen Nullität . Abel , Noah , Abraham , Moses , alle wären Priester gewesen , sagte Hildegard , und hätten in Gottes Haushaltplan der Schöpfung eine große Rolle durchgeführt ; die vier Propheten wären wie die vier Weltgegenden zu betrachten , die die Erde begrenzten . Und die kölner Geistlichkeit - nun von der , sagte sie , die - ich wiederhole wörtlich - die - blase schlecht auf der Posaune der Gerechtigkeit ... Die Erinnerung an die Baßposaune erzeugte ein fortgesetztes Gelächter . Denn selbst die Welfen waren mit den jetzigen Kundgebungen ihres plötzlich über den Kirchenstreit eingeschüchterten Kapitels nicht im mindesten einverstanden ... Eine Posaune , fuhr Monika , als die Zuhörer sich beruhigt hatten , fort , ist ein so erhabenes Instrument , daß es seine Intervallen haben muß . Bei aller Verehrung vor dem Talente , das uns vorhin die süßesten Arien auf ihr vorgetragen hat , würden Sie doch von diesem erhabenen Instrument keinen Walzer hören wollen ( Piter hatte allerdings gerade einen Strauß ' schen Walzer auf der Baßposaune als die Girandole des Abends und den Uebergang zum gemüthlichen » Ulk « bestellt gehabt ) . Die kölner Geistlichkeit aber blies sozusagen die Posaune der Gerechtigkeit in diesen Sechszehntelnoten , d.h. wie die Heilige sagt , » ohne Einhaltung passender Zeiten « und manchmal gar nicht und manchmal im » Uebermaße « und manchmal heftig und dann ganz abbrechend , kurz ohne jede wahre musikalische Empfindung ... Ein allgemeines beifälliges Murmeln deutete an , daß man diese Ungleichmäßigkeit des priesterlichen Wirkens vollkommen verstand ... Sie will sagen , fuhr Monika fort , ihr übt euer Amt gedankenlos , seid streng aus Gewohnheit , verhängt Strafen ohne zu überlegen , wie die Fälle sind ! Ihr seid , schreibt sie , eine finsternißathmende Nacht , ein Volk , das aus Ueberdruß an zu vielem Licht nicht länger darin wandeln mag ! ( » Ueberdruß an zu vielem Licht « - Lucinden fiel ein Schlaglicht - auf den gefangenen Klingsohr . ) Sie tadelt die kölner Handwerksmäßigkeit in der Uebung des Priesteramts . Auch die Sünden der Leidenschaft fehlten nicht und doch wolle man daselbst » die Ehre der Heiligkeit ohne Anstrengung « gewinnen . Sie vermißt das reine Feuer und den Duft der Lieblichkeit ... Das Gemurmel wurde so groß , daß der Außerordentliche sich dem Beifall anschließen mußte und sogar für die Bemerkung : Und vergessen Sie nicht , gnädige Frau , daß die Heilige selbst in Köln gewesen ist ! Beifall erntete ... Um so mehr also ! ergänzte Monika . Und sollte man nicht glauben , daß sie schon die Neigung der Kölner für Männergesang und Carneval gekannt hat , wenn sie - ich bitte die lieblichen Sänger von vorhin um Vergebung - sagt : » Ihr aber seid schon durch jeden fliegenden weltlichen Ruhm überwunden , sodaß ihr euch sogar als singende Possenreißer hinstellt ! « Bravissima ! rief glücklicherweise das ganze Quartett selbst ; es war vom Erfolg seiner Lieder im höchsten Grade befriedigt ... Moppes gab das Signal ... Monika sprach auch so lächelnd , daß sie nicht verwunden konnte ... Ihre grauen Locken hatten etwas so lieblich Elegisches , daß jeder entwaffnet war ... Terschka freilich wurde immer unruhiger und wechselte wieder Blicke mit Lucinden , die aufs neue durch Nück ' s Stimme erschreckt wurde ... Und die Kaufleute ! Die Kaufleute ! rief Nück , gleichsam den Uebermuth der Kaufleute , die hier so viel auf Kosten anderer lachten , strafend ... Sie spricht nur von der Geistlichkeit ! fuhr Monika fort . Die Pfründen wirft sie ihnen ' vor , wenn sie sagt : » Wegen eures Reichthums unterweist ihr eure Untergebenen nicht und gestattet nicht einmal , daß sie bei euch Belehrung suchen , indem ihr sprecht : Alles können wir nicht ausrichten ! « Wiederum ein schallendes Gelächter ... Selbst der Kanonikus war vom Spieltisch vorgekommen , zog in dem allgemeinen Jubel seine Dose und fand die Moral auch jetzt im höchsten Grade noch anwendbar . Denn wie oft war nicht gerade erst kürzlich bei der Ernennung eines so jungen Domherrn , wie Bonaventura , in der engeren Curie gesagt worden : » Alles können wir nicht ausrichten ! « ... Die Commerzienräthin stand in der Nähe . Sie war vielleicht die einzige , die nicht wußte , wovon die Rede war , aber sie lachte mit , da sie den Kanonikus lachen sah . Ich will die dann folgenden Rügen gegen die mangelnde Sittlichkeit der kölner Geistlichen nicht wiederholen ! fuhr Monika fort . Auch sind mir die Ausdrücke entfallen . Nur die ganz besonders überraschenden , die ich noch kürzlich las , weil meine Reise mich auch nach Köln führen soll , prägte ich mir mit Vorliebe ein . So macht sie der kölner Geistlichkeit den Vorwurf der diplomatisirenden Nachgiebigkeit ... Aha ! murmelten die Fanatiker ... Das Predigen und Lehren , das starke Zeugen für Gottes Gesetz wäre dort nicht an der Zeit mehr ! Aha ! Aha ! Ja , daß die Heilige dann den Kölnern die Reformation prophezeit , ist allbekannt ... Wie ? fragten die Ghibellinen staunend ... Unter den Welfen verbreitete dies Stichwort sofort eine ängstliche Stille . Terschka winkte Monika ... Aber sie fuhr fort : Nein ! Nein ! Fürchten Sie nichts ! In diesem Punkt ist die heilige Hildegard so beschränkt wie die Nonne von Dülmen und wahrscheinlich auch wie - die » Seherin von Westerhof « ... Terschka wurde immer unruhiger und sprach mit seinen flammenden Augen : Mäßigung ! Mäßigung ! Trotz des Schweigens , das nun eintrat , fuhr Monika fort : Wo ist jetzt wol eine Ekstatische , die so den Papst , die Erzbischöfe , die Domherren und Priester strafte , wie diese Aebtissin ! Aber leider - in Einem war sie schwach . Sie lebte in einer Zeit , wo es der Ketzer schon genug gab , in einer Zeit , wo man die Albigenser und Waldenser in Frankreich und in den piemontesischen Thälern mit Feuer und Schwert vertilgte . Die Glaubensgerichte konnten nur den ketzerischen Lehren , aber bekanntlich nicht den vortrefflichen Sitten der Ketzer beikommen . So ergibt sich Hildegard in diese Gewißheit , daß auch die künftige große Reaction gegen die kölner Geistlichkeit zwar vom Teufel ausgehen , aber ein außerordentlich klug gewähltes Gewand tragen würde . Sie sagt , das Volk würde diesen gemäßigten , in Zucht und Ehren lebenden neuen Predigern allerdings anhängen . Der Teufel stünde mit verborgenem Leuchter , daß man ihn nicht sehen könne , und spräche : Ha , ha ! Da glauben sie immer , ich müßte in Gestalt von Thieren , von Drachen oder von Fliegen kommen ! Aber ich mache mich auch einmal den Propheten » ein wenig ähnlich ! « Nun will ich machen , daß man tugendhaft nicht blos scheinen , sondern auch sein kann und doch nicht in Gott lebt ! Und ehe man noch über die Schärfe dieser Reden sich sammelte , wiederholte Monika : Tugendhaft sein , nicht etwa blos scheinen , sondern sein , und doch nicht von Gott stammen ! Monika wollte die Verurtheilung dieser Verblendung . Aber der Außerordentliche rief : Das ist ja ein erhabenes Wort ! Das ist ja die Selbstherrlichkeit Ihrer Philosophie ! Trefflich ! Trefflich ! Darin findet die Heilige die künftige Hölle der kölnischen Geistlichkeit ! Die scheinbare Logik der Kirchenverbesserung ist es ja , die scheinbare Tugend ihrer Bekenner , die scheinbare Aehnlichkeit mit den Propheten , die scheinbare Größe der , wie man sich rühmt , reiner erkannten Schrift , dies ewige Frösteln in der gemäßigten Temperatur des Rationalismus , das zu sehen , das der Menschheit genügend finden zu sollen , ja allerdings das kann und muß für jede rechtgläubige Seele schon auf Erden die Hölle sein ! In ein Murmeln der Ghibellinen hinein entgegnete Monika : O häufen Sie nicht soviel Schmach über das arme kleine kranke Mütterlein , das da in seiner binger Klosterzelle so Großes und so Entsetzliches träumend lag ! Wer weiß , ob ihr treuer , mit ihr alt gewordener Freund , der Benedictiner Gottfried nicht zitterte vor dem , was sie sah und er gehorsam der Hocherleuchteten nachschreiben sollte ! Immer hatte sie den schönsten , liebenswürdigsten Wahrheitsdrang , den es nur in einem Frauenherzen geben kann , aber daß sie vor einem andern Lehrsatze erschrickt , als dem , in dem sie unterrichtet wurde , das ist die Unreife ihrer Zeit . Und daß sie noch so gerecht ist und dem Teufel einräumt , ein so guter Schauspieler zu sein ! Die Ketzer sind tugendhaft , sagt sie , aber traut dieser Tugend nicht ! Diese Tugend stammt nicht einmal aus Verstellung - das schreibt sie wörtlich - nein , der Teufel gab den Albigensern und Waldensern , die Innocenz III. mit Feuer und Schwert vertilgt wissen wollte und deren er allein bei Schloß Castellungo im Piemontesischen Hunderte verbrennen ließ , die Kraft , wirklich tugendhaft zu sein , wirklich die Sitte der Frauen zu schonen , wirklich enthaltsam zu sein , aber - der Teufel erfüllte nur die » Luft mit solchen Geistern « , daß sie sagten : O wir sind heilig und vom Heiligen Geiste durchgossen ! Das Volk wird sich , fährt sie fort , an ihrem Wandel erfreuen , wird ihnen folgen ; sie werden sogar die guten Streiter der rechtgläubigen Kirche schonen , hören Sie , schonen d.h. diese Unglücklichen werden , wenn sie einmal ein klein , klein wenig Macht haben , gegen Andersdenkende liebevoll und tolerant sein ... aber alle diese Beweise von Milde und Güte sieht die arme kleine unglückliche gebrechliche Frau nur als Lügen an ; alles muß der Teufel gemacht haben , alles , alles , was sie beinahe schon liebt , schon bewundert ! Ist das nicht entsetzlich ? Die Albigenser und Waldenser wurden mit Feuer und Schwert vernichtet , sie starben in den Flammen mit einem Hosianna , sie waren liebevolle Väter , treue Gatten , zärtliche Gattinnen , aufopfernde Mütter , gehorsame Kinder ; aber - daß sie alles das waren , das hatte der Teufel nur so in die Luft » gezaubert « ! Gezaubert ! Das die Welt glauben zu machen , war von Seiten Roms gewiß die größte Zauberei ! Die junge Frau hatte sich erhoben ... Zwar stand ihr die Leidenschaft , mit der sie ihre Ueberzeugungen aussprach , herrlich schön ... Ihr Auge blitzte voll göttlichen Feuers ... Ein Zug des Schmerzes um die beredten Lippen gab ihrem Vortrage und der Geltendmachung ihrer Kenntnisse soviel Ueberzeugtes und Ueberzeugendes , daß sie die Königin des Abends gewesen wäre , wenn nicht eine ängstliche Stille ihrer Rede gefolgt wäre , alles auseinander ging und Terschka , aufspringend , bemüht gewesen wäre , wenigstens scherzend die Stimmung wieder in den für diese Stadt und solche Gesellschaft angemessenen Geist hinüberzulenken . Sie sind krank ! flüsterte er ihr heimlich zu ' ; dann rief er mit schnell sich fassender Geistesgegenwart : Gnädige Frau , das erinnert mich ja ganz an eine Aeußerung Ihres Fräuleins Tochter ! Fräulein Armgart bekam durchs Loos an dem Teppich für den Domherrn von Asselyn einen Theil zu sticken , auf dem ein häßlicher Drachenkopf abgebildet ist . Erst war sie darüber ganz außer sich ! Hernach sagte sie , daß sie den Drachenkopf schon ganz lieb gewonnen hätte und sie nun wohl einsähe , wie man sich so auch durch längern Umgang an den Teufel gewöhnen könnte ! Der noch gebliebene Kreis ging auf Terschka ' s gute Laune ein und rasch fuhr er fort : Ja , meine Damen ! Das wird ein Prachtstück werden ! Es ist , wie gesagt , eine Vision der Gräfin ! Der Körper des heiligen Liborius wurde aus Frankreich hierher herübergebracht zum Geschenk von Kaiser Ludwig dem Frommen . Dem Schrein voraus , erzählt die Legende , zog wunderbarerweise ein Pfau , der sich der feierlichen Procession angeschlossen hatte und nicht weichen wollte . Der Vogel des Stolzes wurde der Vogel des Triumphes . In der Vision der Gräfin ist er riesengroß und schlägt ein majestätisches Rad durch alle Himmel und über die Erde und über die Hölle . Der Regenbogen ist es , den die letzten Augen seines Schweifes bilden . In den Ecken sitzen geflügelte Löwen und Leoparden und tief unterwärts Drachen und Lindwürmer . Nach Comtesse Paula sollte der Pfau , der der Verherrlichung des heiligen Liborius gewidmet ist , auf seinem Haupte die dreifache Krone tragen . Da man aber vom hochwürdigsten Sitz des Heiligen Vaters leicht ein unehrerbietiges Bild darin hätte sehen können , substituirte man als Haupteszierde des Pfauen ein Kreuz ... In dem Geplauder fing man an sich zu zerstreuen ... Eine Furcht vor einer so über alles Maß hinausgehenden Meinungsäußerung wie bei Monika schien sich der Meisten bemächtigt zu haben und der Außerordentliche triumphirte ... Da es zum Souper zu gehen schien , erhob sich auch Lucinde , die sonst in der Laune war , zu jedem Fiasco , das jemand machte , schadenfroh zu lachen ... Die Gräfin las den Dante ! sagte sie zu Monika und suchte durch ein Lächeln die hier verfehlte Wirkung ihrer Vertheidigung der Reformation zu zerstreuen ... Mit Ihnen ! ergänzte Terschka , sich schnell einmischend ... Sie hatte allerdings mit Paula zusammen italienisch gelernt ... Lieben Sie Dante ? fuhr Terschka fort ... Lucinde schüttelte den Kopf ... Es war ihr in ihrem Leben von Klingsohr so viel über Dante gesprochen worden , daß sie ihn schon deshalb nicht mochte ... Recht , mein Fräulein ! sagte Monika , bitter lächelnd über die Welt der Vorurtheile . Auch ich mag ihn nicht , diesen finstern Italiener ... Der Professor kam , um den Wirth zu machen , mit Tellern und offerirte verbindlich und ironisch ... Wen ? fragte er ... Wen mögen Sie nicht leiden ? Dante , Dante ! sagte Terschka ... Wie ? lautete ein ironisches Erstaunen ; Dante nicht , der - den Päpsten doch fluchte ? Sie lieben ihn also ! Und warum ? entgegnete Monika und stellte den Teller sich zur Seite auf einen nahe stehenden Tisch , da sie nicht essen mochte und sich zum Gehen rüstete ... Weil Dante für seine Zeit der größte aristokratische Dichter war ! Und für unsere Zeit ist er der katholischste ! Damit entschlüpfte er triumphirend ... Ich mag ihn nicht , grollte Monika düster vor sich hin , während Terschka einen Tisch arrangiren wollte und sie zurückhielt ... Fast wäre sie geblieben , als sie aus Lucindens Munde durch folgende Worte überrascht wurde : Ich finde an Dante peinlich , sagte das ihr jetzt erst auffallende schöne junge Mädchen , wie er sich müht , Martern zu ersinnen , die er seine Gegner erleiden läßt ! Weil ihn seine Mitbürger aus Gründen nicht mochten , ruft er die Fremden zu Hülfe , will Italien mit Feuer und Schwert von den Ghibellinen und den Deutschen verwüstet haben und läßt alles , was ihm persönlich oder seinem Princip misgünstig scheint , in der Hölle gemartert , gesotten und gebraten werden . Eine grellere Einbildungskraft hat es noch nie an einem Dichter gegeben , als sich hinzusetzen und zu grübeln ) welche Qualen dem oder jenem seiner Feinde einst zu Theil werden würden ! Und wen wirft er nicht alles in seine Hölle ! Einen Brutus , einen Cato , einen Cassius ! Ueberall wittert er Unordnung in seinem Sinn und Freiheit und was darunter die florentinischen Gilden verstanden haben mögen , die nur seinen hohen Werth nicht anerkannten , nicht seine gelehrten Verse mochten , in die er , wie er sagte , seine Feinde lebendig einmauern wollte . Beatrice liebte er , nur um ein Ideal für seine Phantasie zu haben ; im Leben und als Person war sie ihm völlig gleichgültig . In der That , wenn ich die wie mit Gift geschriebenen Verse Dante ' s lese , diese lang hingezogen sich ringelnden Terzinenschlangen und Molche , diese dem Verstand abgequälten Bilder und Allegorieen , zu denen man , um sie zu verstehen , dicke Commentare lesen muß , so könnt ' ich mich wie eine welfische Löwin fühlen , die mit dem demokratischen Haß eines Vorstehers der florentinischen Schustergilden dem Adler der Ghibellinen den Kampf anbieten könnte . Ich sympathisire dann mit den Mönchen , die auf den Zinnen der italienischen Mauerthürme gegen die Ghibellinen kämpften - Ein Savonarola war unter ihnen ! fiel Monika voll Staunen und gesteigerter Theilnahme ein ... Pötzl , der Träger der Bologneser , unterbrach eine fast leidenschaftliche Annäherung Monika ' s und sprach heimlich mit Lucinden ... Monika fuhr inzwischen fort : Und da muß ich wieder Mutter Hildegard eine wunderbare und liebliche Poetin nennen . Die blickt auch in die Hölle , aber sie schmort und kocht und foltert die Gottlosen doch nicht so greulich , wie dieser Dante , dessen Bild mit seiner langen Nase und dem dicken über die Kapuze gezogenen Lorberkranz ich nie sehen kann , ohne an ein altes Weib zu denken ... Lucinde wurde zur Commerzienräthin abgerufen , die bei ihrem fortwährenden Patrouilliren und dem dutzendmal wiederholten Worte : » Haben Sie denn auch ein Glas ? « naturgemäß jetzt überall auf Pitern zurückkommen mußte . Das Muttergefühl und die Sorge der Hausfrau siegte über die Liebe zu den Bolognesern und zu den Hausfreunden und zu hundert Fremden , mit denen sie Conversation begann und nach fünf Worten wieder abbrach . Lucinde bekam den bestimmtesten , ja von » Verzweiflung « dictirten Auftrag , eine Recherche nach der jetzt constatirten » ja furchtbar ängstlich werdenden und ein Unglück ahnen lassenden « Abwesenheit Piter ' s anzustellen . Sie mußte sich besinnen , daß sie hier im Hause eine Dienende war ... Monika sah , daß Terschka ihr einige Schritte folgte ... Wer ist das schöne , seltsame Mädchen ? fragte sie , als er zurückkehrte ... Sie stand allein und Terschka nützte seinen Vortheil . Zwar machte er ihr ernstliche Vorwürfe , doch wurden sie von der Glut seiner Huldigungen gemildert ... Monika hörte nur wenige seiner Worte , riß sich los und trat wie fliehend aus dem Zimmer ... Der Abend rauschte und wogte dahin ... 8. Die Worte der geistesstarken jungen Frau , die Widersprüche zweier Pole im Katholicismus - die größte Abhängigkeit und doch eine eigenthümliche Freiheit - hatten Lucinde in alle Gedankenreihen gestürzt , die ihr vorzugsweise schon oft bei Serlo ' s Memoiren entstanden waren ... Aber mehr , mehr als alles , was sie zu einer würdigen Denkerhöhe , zu der auch sie so viel Berechtigungen in sich trug , emporheben und ihr den oft bitter errungenen , aber tiefinnerlich beglückenden Stolz , in solcher Höhe einsam zu stehen wie Alpenhäupter , erhaben über die alltägliche Denkweise der Menge , hätte einflößen können , quälte sie ihr eigenes Geschick ... Paula - Bonaventura - Hildegard - der Benedictiner Gottfried - alles das überwältigte und lähmte jeden Aufschwung ... Ein großer Unterschied zwischen Monika und Lucinden ! Monika eine Frau und liebend das Gute um des Guten willen . Lucinde ein Mädchen - den meisten ihrer Gesichtspunkte fehlte Ernst und Festigkeit und das Gute liebte sie nur , weil das Gute in den meisten Fällen das Klügere ist . Monika entsagte schon lange dem Leben und stellte sich entschieden auf sich selbst . Lucinde suchte einen Anhalt . Nicht von Hause aus saß Neid in ihrer Brust , aber er nistete sich mit der Zeit durch ihr Unglück ein . Die Unglücklichen sind neidisch . Sie werden sich immer sagen , daß sie sich ebenso berechtigt glauben zum Glück wie die Glücklichen .... Seltene , Edelste deines Geschlechts , ich habe dich lieb , ich bewundere dich , nimm