legte , » das geschieht ja niemals ; du kannst gar nicht zanken . « » Sieh Einer den kleinen Bösewicht ! « sprach lachend Herr Staiger ; und dabei zog er die Suppenschüssel etwas nach vorn , damit der Inhalt , von der Gluth des Feuers entfernt , nicht mehr so heftig sprudle . - » So , so , du meinst , ich könnte nicht zanken ! « » Nein , denn du sagst ja immer : wartet nur , Clara wird euch recht zanken . « » Nun , da werde ich es nächstens selbst lernen müssen , « meinte gutmüthig der alte Mann . » Denn wenn Clara einmal fort geht - « » Ah ! sie geht ja immer fort . « » Ganz richtig , Karl , « sagte der Vater ; » aber nächstens geht sie ganz fort und kommt gar nicht wieder . « » Wie , Papa ? « fragte erschrocken das Kind . » Clara käme nächstens einmal nicht wieder ? - aber doch zum Essen ? « » Nein , mein Sohn . « » Aber doch zum Schlafen ? « » Auch das nicht . « Dies gab dem Bübchen zu denken ; er schaute vor sich auf den Boden nieder , doch mußten seine Gedanken sehr unerfreulicher Art sein , und ohne weiter viel Worte zu verlieren und nachdem es ein paar Mal wehmüthig um seinen Mund gezuckt , brach er plötzlich in ein so lautes und anhaltendes Weinen aus , daß Herr Staiger alle Mühe hatte , ihn zu trösten , und ihm zuletzt gutmüthig , wie er war , versprechen mußte , daß , wenn er recht brav sei , Clara dableiben würde ; im andern Falle aber stehe er für gar nichts . Es war ein Glück , daß in diesem Augenblicke die kleine Schwester , aus der Schule kommend , hereintrat , um den Vater im Geschäft des Tröstens abzulösen ; denn Herr Staiger hatte eigentlich gar kein Talent darin und er pflegte in solchen Augenblicken gern allerlei zu versprechen , was ihm später , bei dem guten Gedächtniß des Bübchens für dergleichen Dinge , viel zu schaffen machte . Die kleine Marie war recht gut und sauber angezogen , ihre langen Zöpfe untadelhaft geflochten , und für Tafel und Bücher hatte sie von Clara eine Tasche erhalten , in welcher diese früher Schuhe und Weißzeug mit in die Tanzschule zu nehmen pflegte . Dieser neue und bessere Anzug hatte recht erhebend auf das Gemüth des kleinen Mädchens eingewirkt , sie trug ihr Köpfchen so hoch als möglich , sprach gern altklug und nahm sich mit einer gewissen Ostentation der Haushaltungsgeschäfte an . So auch heute sah sie bei ihrem Eintritte , nachdem sie ihren Büchersack abgelegt , sogleich nach , ob im Zimmer nicht etwas zu finden sei , was nicht in Ordnung wäre . Da nun das fremde Mädchen statt zu lesen , was sie auch nicht gekonnt hätte , aufmerksam bald Herrn Staiger , bald den Ofen betrachtete und dazu an dem Bilderbuche kaute , so verwies ihr das Marie , nahm ihr die Lektüre , wischte ihr die Nase und brachte ihr eine Puppe , mit welchem Tausch übrigens das Kind sehr zufrieden zu sein schien . Darauf ging sie nach dem Ofen , betrachtete die Kocherei , wobei die Versuche des Herrn Staiger in dieser Richtung von ihr ziemlich geringschätzend angesehen wurden . » Du hättest die Suppe nicht vom Kochen wegziehen sollen , Papa , « sagte sie , » sondern lieber mit dem großen Löffel den Schaum herunter nehmen , wie es Clara macht . « » Nun , wenn du es besser weißt , kleiner Hofmeister , so thu ' also , « bemerkte geduldig Herr Staiger , ohne von seiner Arbeit , die er wieder begonnen , aufzusehen . Um das Gesicht des Bübchens wetterleuchtete immer noch unverkennbar etwas Wehmüthiges , das sich steigerte , sobald die kleine Schwester an den Ofen trat ; denn er liebte es in dergleichen Fällen , gefragt zu werden , warum er weine . Dies geschah denn auch bald und Marie sagte : » Du hast wieder einmal geheult . « » Das habe ich auch , « entgegnete er . » Und warum denn ? « » Weil Papa gesagt hat , die Clara gehe fort und komme nicht mehr nach Haus zum Essen und auch nicht zum Schlafen . « » Und deßhalb weinst du so arg ? « fragte das Mädchen mit sehr ernstem Tone . » Wenn Clara wirklich fort geht , so ist es gut für sie und für uns Alle . Und darüber sollen wir nicht weinen . « » Aber dann habe ich ja Niemand mehr ! « heulte das Bübchen , worauf Marie mit sehr wichtigem Tone entgegnete : » So bin ich immer noch da , und auch ich kann bald kochen und dich zu Bett legen . « Von dem Bübchen aber wurde dieses Versprechen durchaus nicht als Trost aufgenommen , vielmehr schluchzte es stärker und sagte mit sehr kläglichem Tone : » Aber die Clara soll nicht fort - und dann hätten wir Niemand mehr - denn du bist gar nichts . « Herr Staiger sah sich abermals veranlaßt , mit Tröstungen und Versprechungen den Wortwechsel , der sich zwischen den beiden Geschwistern zu entspinnen schien , zu Ende zu bringen , und wollte dabei versuchen , dem Bübchen begreiflich zu machen , wie man auf dieser Welt nicht immer beisammen bleiben könne , wie er vielleicht nächstens nach dem Himmel abgehe , das Bübchen selbst in die Schule und Clara auch irgendwo hin , wo sie es gut hätte . Doch war er mit seiner Rede noch nicht weit gekommen , als sich die Thüre öffnete und Clara eintrat . Der alte Mann , zufrieden , nun nicht weiter sprechen zu müssen , sagte : » Es ist wie immer ein wahrer Segen , daß du kommst ; jetzt kannst du dich selbst mit ihnen abgeben . « Er wandte sich dann eilig seiner Schreiberei wieder zu und bemerkte deßhalb nicht sogleich das verstörte , bleiche Gesicht seiner ältern Tochter . Clara ging schwankend wie im Schlafe ; sie hatte die Augen auf den Boden geheftet , und erst , als sie in das Zimmer getreten war , erhob sie sie wieder und blickte die alten bekannten Gegenstände ringsum an , dann zuckte ein trübes Lächeln um ihren blassen Mund , sie schaute alsdann lange gen Himmel , und da sie zu gleicher Zeit die Hände faltete , so konnte sie ihren Thränen nicht verwehren , langsam über ihre Wangen hinab zu rollen . » Clara , meine gute Clara ! « rief das Bübchen , wobei es auf sie zusprang und ihre Kniee umfaßte ; » ich habe auch soeben geweint und um dich arg , arg geweint - so arg . Aber ich bin nicht unartig gewesen , gewiß nicht . « Clara zuckte zusammen , als sei sie aus einem tiefen Traume erwacht , und beugte sich auf das Kind nieder , hob sein liebes , unschuldvolles Gesichtchen zu sich empor und küßte es heftig und wiederholt . » Ja , er hat geweint , « sagte der alte Mann , wobei er aber fortfuhr zu schreiben ; » doch war sein Kummer wie gewöhnlich nicht weit her ; auch vermagst du ihn gleich zu lindern , meine gute Clara , wie du denn überhaupt nicht blos die Segenbringende der Familie , sondern auch unser Aller Trösterin - ein kostbarer Schatz bist , den wir gewiß Alle ungern verlieren werden . Aber , wie Gott will ! « » Amen ! « entgegnete die Tänzerin in einem Tone des tiefsten Wehes , und darauf blickte sie abermals gen Himmel . - » Und ich koche , liebe Schwester Clara , « sprach das kleine Mädchen wichtig thuend , » Papa hat die Suppe verschleimen lassen und der kleine Bub ' hat gar nichts gesagt . « » O ja , ich habe geschrieen , « erwiderte dieser trotzig . » Das kann ich bezeugen , « meinte Herr Staiger lächelnd . » Er hat geschrieen und ist dabei in vollem Eifer über sein Pferd gepurzelt . - Aber warum bleibst du an der Thüre stehen , liebe Clara , und legst deinen Hut nicht ab ? « » Ja - ja - so ! « versetzte die Tänzerin tief athmend . » Du bist bekümmert , mein Kind , « sagte der Vater , der seine Brille fester an die Augen drückte und nun seine Tochter erst recht betrachtete . » Du siehst blaß aus und hast geweint . - Nun ja , ich begreife das ; du kommst von einer armen , gestorbenen Freundin , und der Anblick hat dein gutes Herz so aufgeregt . Nun was macht denn die Madame - die Frau Tante ? - Gott verzeihe mir , aber das ist ein schlimmes Weib . Die arme Marie , da die Sache nun einmal geschehen , ist wahrhaftig besser daran , als hier auf der Welt . Aber beruhige dich , mein Kind . Komm ' , setz dich zu mir her . So alterirt warst du ja nie . Hast du vielleicht bis jetzt noch keinen Todten gesehen ? - Doch ! doch ! was red ' ich für Unsinn , und denke nicht mehr an unsere eigene arme , kleine Leiche ! Siehst du , so leicht ist man vergessen . « » Ja , man ist leicht vergessen , « erwiderte Clara mit leiser Stimme . Und als sie sich dem Tische näherte , an dem ihr Vater saß , legte sie Hut und Tuch ab , welches ihr die kleine Schwester dienstfertig abnahm und wobei das Bübchen nicht unterlassen konnte , einen Zipfel des Tuches mit der einen Hand anzufassen und tragen zu helfen , während er mit der andern sein hölzernes Pferd hinter sich drein schleifte . Clara stellte sich hinter ihren Vater , legte ihre beiden Arme auf seine Schultern und ihr Gesicht auf seinen Kopf - eine Stellung , die sie häufig annahm , wenn er mit ihr sprach und dazu Bewegungen mit den Händen machte , was er gern zu thun pflegte . Heute aber nahm sie ihren Platz absichtlich so , denn sie konnte ihre Thränen nicht zurückhalten , die jetzt , wo die allgemeine Liebe ihrer Familie ihr Herz erweichte und erwärmte , unaufhaltsam floßen . » Was sagte ich doch eben ? « fuhr Herr Staiger fort , indem er mit seinem Papiermesser hin und her fuhr . - » Richtig ! ich meinte , es sei am Ende für die arme Marie ein Glück , so unschuldig in den Himmel zu kommen . Gott verzeihe es ihrer Tante , aber durch deren schauerliches Leben hat doch der Ruf der armen Marie einen kleinen Schaden erlitten . Ach ! die Menschen sind so schlecht und bösartig ; glaube mir , Clara , ein Wort , eine Anspielung , ein seltsamer Blick , von Einem mit Beziehung gesagt oder gethan , wird von den Andern begierig aufgegriffen und vergrößert weiter erzählt . Und das unschuldigste Gemüth , einmal vom Gifte der Verleumdung angespritzt , erhält gewöhnlich Verwundungen , die ein ganzes langes Leben hindurch nicht mehr heilbar sind . « » O gewiß , o gewiß - gewiß , « sagte Clara . » Deßhalb aber auch hasse ich alle Verleumder , ärger als den Teufel , ärger als die Sünde . Und aus der Verleumdung entsteht oftmals die letztere , und eine reine Seele , die von schändlichen Klatschereien mit scheußlichem Gift und Geifer bespritzt wurde , fiel schon oftmals eben dadurch der Sünde anheim . Der Glaube an ihre Reinheit war verloren , die Liebe zu den Nebenmenschen erschüttert und die Stützen gebrochen , welche sie aufrecht erhielten , und da sank so ein unglückliches Geschöpf immer tiefer und tiefer . - Fluch über solche , die mit dem guten Namen ihres Nebenmenschen spielen und so oft ein ganzes Lebensglück zerstören ! « » Ja , ja , ein Lebensglück zerstören , « hauchte Clara . » Aber warum weinst du so heftig , liebe Clara ? « sprach der alte Mann , indem er sich halb umwandte . » Ich fühle deine heißen Thränen auf meinen Kopf fallen , dich haben doch meine Worte nicht betrübt ? - Wie wäre das möglich ? Dein Lebensglück fängt erst an aufzublühen ; gewiß , mein Kind , du stehst rein da , dein Ruf ist unbefleckt . Wer sollte sich an ihn wagen ? « » Vater ! Vater ! « entgegnete die Tänzerin mit leiser Stimme » und sie haben das doch gethan . « » Was ? - Gott im Himmel ! « erwiderte erschrocken der alte Mann . » Dir hätte man Uebles nachgesagt - dir , Clara ? - O nein , das ist unmöglich ! « » Es ist so , Vater ; ich komme soeben von der Marie , ich habe zum letzten Mal ihr Haar gemacht und den Kranz darin befestigt , den sie nie mehr ablegen wird . - O Gott ! o Gott ! « rief sie in lautes Weinen ausbrechend ; » warum bin ich nicht an ihrer Stelle , Warum hat sie mir nicht diesen Liebesdienst erzeigt ? « » Stille ! stille ! « sagte Herr Staiger ; » stille , Clara ! Die kleinen Kinder dort geben Achtung und wissen nicht , was das bedeuten soll . « Er faßte ihre beiden Hände und zog seine Tochter sanft hinter seinem Stuhle vor , damit er ihr in ' s Auge sehen konnte . » Du hast gelitten , arme Clara , « sprach er nach einer Pause kopfschüttelnd , » sehr , sehr gelitten . Das ist nicht mehr dein gutes , unbefangenes Gesicht ; sage deinem Vater , was es gegeben hat , ich kann dir rathen und vielleicht auch helfen . « » Helfen gewiß nicht , « erwiderte sie mit traurigem Lächeln ; » es ist Alles , Alles aus . O Vater ! es war aber auch zu schön ; es konnte nicht so kommen , wie ich es mir in entzückenden Träumen ausgedacht . « Herr Staiger nickte mit dem Kopfe , als wollte er sagen : ich verstehe . Dann fragte er : » Du hast Arthur gesehen ? « » Ja , Vater . « » Doch nicht bei jener Frau Becker ? « » Doch , Vater , er war da , und die Frau sagte , er sei ein Bekannter von ihr . « » Hm ! hm ! Das will mir nicht besonders gefallen . - Und dann ? « Clara schlug in Erinnerung des Schrecklichen , was sie gehört und das sie nun wiederholen sollte , ihre Hände vor das Gesicht und brachte alsdann mühsam nach einer kleinen Weile hervor : » Arthur sagte mir , zwischen uns sei Alles zu Ende , er lasse mich fallen , tief , tief hinab fallen . Ach ! und er hat Recht : bei seinen Worten stürzte ich so tief darnieder , daß Alles um mich her schwarz und traurig ist , - so tief hinab , daß ich nicht einmal mehr weiß , ob es noch einen Himmel gibt . « » Kind ! Kind ! « erwiderte der alte Mann , » das sind ja schreckliche Reden ! - Aber was sagte er dir eigentlich ? « » Er sprach viele , viele Worte , aber ich hörte nur immer und immer fort , daß es mit uns Beiden aus sei , und sah , wie er die Hände gegen mich ausstreckte , als wollte er mich weit von sich stoßen . - Ah ! « seufzte sie und ein Schauder durchflog ihren Körper . Das Bübchen hatte sich unterdessen näher geschlichen , hatte Clara ' s Knie umfaßt und schon einige Zeit , ohne daß es Jemand bemerkt , ebenfalls heftig geweint . Jetzt schluchzte es aber so laut , daß der alte Mann aufmerksam werden mußte und das Kind sanft von seiner Schwester wegzog . » Du mußt nicht so weinen , Karl , « sagte er ; » was hast du denn ? « » Die Clara weint ja auch , « entgegnete das Bübchen , » und es ist doch wahr , was du vorhin gesagt ; sie weint , weil sie fortgehen soll . Nicht wahr , Clara , du willst fortgehen ? « » Nein , mein Kind ! « rief das Mädchen , wobei sie ihre Arme um den Hals des kleinen Bruders schlang ; » ich gehe nicht fort , gewiß nicht , ich bleibe bei euch ; will auch nicht mehr weinen , denn ich kann vielleicht doch wieder froh werden . Ihr liebt mich ja Alle , unveränderlich und treu , und wißt es , daß ich eure gute , gute Clara bin . « Während dem war an die Thüre geklopft worden , ohne daß es die Gruppe am Tische des Vaters gehört hatte . Nur das kleine Mädchen , das in großer Wichtigkeit mit ihrem Kochlöffel am Suppentopfe stand , hatte es vernommen und keck » herein ! « gerufen . Die Thüre öffnete sich und Mademoiselle Therese trat in das Zimmer . Sie war wie immer sehr elegant gekleidet ; doch lag in der Art , wie sie heute ihren langen Shawl um sich herum gezogen , ja man hätte sogar glauben können , in der Weise , wie sie ihren Hut aufgesetzt hatte , noch etwas Herausfordernderes als gewöhnlich . Sie trug ihren Kopf so hoch als möglich , blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen , als sie Clara und ihren Bruder weinen und den alten Herrn sehr ernst vor sich niederblicken sah . Sobald Clara die Eingetretene bemerkte , versuchte sie ihre Augen zu trocknen , ja sie lächelte , als sie der schönen Tänzerin entgegen trat und als sie sagte , sie freue sich über ihren Besuch . Therese machte dem Herrn Staiger eine freundliche Verbeugung , nickte den Kindern zu und zog dann , ohne weitere Umstände zu machen , Clara mit sich in die Fensternische , wo sie zu ihr mit gedämpfter Stimme sprach : » Du weißt , mein Kind , ich bekümmere mich sonst nur um anderer Leute Sachen , wenn man mich dazu auffordert . Diesmal aber gehe ich von dieser Regel ab und du wirst mir eine Frage erlauben . - Du warst vorhin bei der Becker ? « » Ja , « sagte Clara . » Da sahst du Herrn Arthur Erichsen ? - Er hat dich schlecht behandelt , wie die Becker sagte , denn er stürzte wie ein Wahnsinniger fort und du bliebst in Thränen zurück . Ja , in Thränen , « sprach sie heftiger , als Clara das verleugnen zu wollen schien ; » sie fließen noch , gestehe es mir , er hat dich schlecht behandelt . - Herr Gott im Himmel ! soll denn diesen Leuten Alles ungestraft hingehen ? « Damit schlug sie ihre feinen Handschuhe heftig zusammen . » Armes Mädchen ! Was kann man von dir Uebles denken ? - Du , die Beste von uns Allen ! - Nun , « fuhr sie sonderbar lachend fort , » das wäre gerade nicht zu viel gesagt , aber du , so gut und brav , daß sich sämmtliche Mädchen der Residenz ein Muster daran nehmen könnten ! - Sage mir um ' s Himmels Willen , Kind , was ist denn vorgefallen ? Gib mir Erlaubniß und ich setze ihm seinen Kopf zurecht . Ich will mit ihm reden . « » O nein , nein ! um Gotteswillen nicht ! « bat Clara . » Was es gab , das kann für jetzt nur in meinem Herzen verschlossen bleiben ; später will ich es dir vielleicht sagen . « » Später , wenn wohl Alles verloren ist , « entgegnete Therese wegwerfend . » Clara , du bist zu gut und zu eigensinnig ; es wäre mir eine Freude gewesen , einmal mit den Herren anzubinden , - denn , « fuhr sie mit entschlossenem Tone fort , » mit einem Andern aus der Familie habe ich ein sehr ernstes Wort zu reden . « » Ich bitte dich , liebe Therese , « versetzte Clara , » laß das gut sein . Glaube mir , ich danke dir für deine Theilnahme . Aber - über das , was er mit mir sprach , läßt sich kein Wort weiter verlieren . « Die Andere zuckte heftig mit den Achseln , warf den Kopf empor und sagte : » Du hast meinen guten Willen gesehen , und ich nehme dir auch gar nicht übel , daß du mich abweisest . Das magst daraus entnehmen , wenn ich dich versichere , daß ich zu jeder Zeit bereit sein werde , für dich einzutreten , - denn , « setzte sie mit sanfter , fast weicher Stimme hinzu , » ich habe dich sehr lieb , meine gute Clara . Wenn ich dich so ansehe , so denke ich mir immer : so hätte ich auch werden mögen . - Bah ! ' s hat anders kommen sollen , und ich halte mich noch immer viel zu gut für diese miserable Welt . « Damit legte sie ihre beiden Hände auf Clara ' s Haar , drückte einen langen Kuß auf deren kalte Stirne und war gleich darauf ebenso plötzlich verschwunden , wie sie gekommen war . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Marie hatte unterdessen den Tisch gedeckt , den Bruder und das fremde Kind daran gesetzt , Beiden einen weißen Lappen umgebunden , damit sie sich beim Essen nicht schmutzig machen möchten , und sagte nun mit sehr wichtigem Tone : » Jetzt ist die Suppe fertig ! Auch braucht Niemand mehr Salz dazu zu thun , denn ich habe zwei große Löffel voll hinein geworfen . « Fünfter Band Zweiundsiebenzigstes Kapitel . Mademoiselle Therese . Sobald es im Hause des Kommerzienraths Erichsen auf der großen Schwarzwälder Uhr Zwei schlug , erschien der alte Bediente mit dem Kaffee , und es war der Mann darin so pünktlich , daß ihn Arthur einmal antraf , Kaffeebrett und Tasse in der Hand , mit den Augen geduldig dem Lauf des Zeigers folgend , der noch circa eine halbe Minute bis zu der angegebenen Stunde zu laufen hatte . - Es hatte also heute zwei Uhr geschlagen , zu gleicher Zeit waren auch Bedienter und Kaffee erschienen , doch war es bereits halb Drei und Niemand von der Familie , selbst nicht einmal der Kommerzienrath , der sonst diesem Augenblicke sehnsüchtig entgegen sah , hatte daran gedacht , das Aufgestellte zu berühren . Die Kommerzienräthin saß in ihrer Sophaecke wie gewöhnlich , aber noch aufrechter und unbeweglicher als sonst . Mit den grauen und harten Zügen ihres Gesichts , aus denen die lange , spitze Nase drohender als je hervortrat , mit ihrem einfachen Kleide von einer Farbe , die ebenfalls in ' s Gräuliche spielte , hatte sie sehr viel Aehnlichkeit mit einer Versteinerung . Ja sogar ihre Augen hafteten fest auf einem Fleck in der andern Ecke des Zimmers , und ihre knöcherne Hand , die auf dem Tische lag , obgleich offenbar bereit zum Trommeln , hielt sich doch noch ruhig und hatte nur die Finger weit ausgespreizt . Marianne saß neben ihr in der anderen Ecke ; die Arme über die Lehne gelegt und die Hände gefaltet , den Kopf tief gesenkt , schien sie in ernste Betrachtungen versunken und sich gar nicht um die Anwesenden zu bekümmern . In einem Fauteuil am Fenster lag der Kommerzienrath , aber sein Aeußeres zeigte nicht wie sonst um diese Stunde Ruhe und Behaglichkeit . Sein Gesicht war etwas aufgedunsen und mehr als gewöhnlich geröthet , seine Unterlippe hing schlaff herab , und zu gleicher Zeit hatte er die Augenbrauen hoch empor gezogen , was seinem gutmüthigen Gesichte einen ganz eigenthümlichen Ausdruck gab . Hinter ihm stand der Doktor , die Arme fest verschlungen und blickte so finster , als es sein offenes und freundliches Gesicht nur erlaubte , auf seinen Schwager Alfons , der , beide Hände auf den Rücken gelegt , in dem weiten Zimmer auf- und abspazierte , und sich dabei offenbar in weit behaglicherer Gemüthsstimmung befand als alle Uebrigen . Er sprach , während er so einher schritt , wobei er die Augen auf den Boden heftete und nur erhob , so oft er sich umwandte , um alsdann Eines der Anwesenden eine Sekunde lang anzuschauen . » Eine Scheidung , « sagte er , » hat immer etwas Unangenehmes für die Familie , in welcher dergleichen vorkommt ; und ich würde schon aus dem Grunde Alles anwenden , um die Geschichte zu verhindern . - Ich weiß wohl , « wandte er sich an Eduard , » daß bei Madame bis jetzt alle Mühe vergeblich war ; aber man muß ihr begreiflich machen und deutlich sagen , daß bei einer Scheidung vor den Augen der Welt immer einiger Makel auf beiden Theilen haften bleibt . « » Deine Reden wären recht schön , « erwiderte der Doktor , » wenn du es nur einmal lassen könntest , sie mit den ewigen Gehässigkeiten zu untermischen ; daß die Scheidung für mich und meine armen Kinder allerdings ein Unglück ist , weiß ich wohl , aber was dadurch für ein Makel auf meinen Namen fallen soll , begreife ich nicht . « » Aber ich begreife es , « sprach streng die Kommerzienräthin , und ihre Finger zuckten leise ; » von dem Mann wird man sagen : er war ein unordentlicher Mann , vielleicht ein unsolider Mann ; und über die ganze Familie zuckt man die Achseln und spricht : es ist doch nichts Rechtes dahinter . « » O Mama , « entgegnete der Doktor , » Sie sehen zu finster ; in der Welt kommt so Manches vor , wovon man heute vielleicht spricht , morgen aber denkt Niemand mehr daran . « Die Räthin hustete leise , dann versetzte sie : » Das ist darnach , wem so etwas passirt . Bei einer Familie , die Schimpf und Schande gewohnt ist , da thut freilich ein bischen mehr auch nicht viel . Aber bei einer Familie , wie die unsrige « - dabei erhob sie ihre Stimme und ihre Hand bewegte sich - » einer Familie , die in ihrem Thun und Lassen klar wie der Tag dastand , die noch nie Gelegenheit gab , gehässig über sich sprechen zu machen , da schimpfirt so etwas , wie wenn man die Augen verliert oder die Nase aus dem Gesicht . « » Nun , eine kleine Schmarre haben wir schon auf die Backen bekommen , « sagte hämisch Herr Alfons . Die Räthin wandte mit einer steifen Bewegung den Kopf nach ihm herum ; ihre scharfen , grauen Augen schienen ihn durchbohren zu wollen und die erhobene Nase drückte deutlich aus : sprich weiter ! Das that denn auch der Schwiegersohn und bemerkte : » Nun , ich dachte nur an den Skandal bei der Probe lebender Bilder . Das war nur eine kleine Ouverture , der vielleicht noch Manches nachfolgt . « » O ja , « meinte der Doktor , » der vielleicht noch Manches nachfolgt . « Marianne erhob ihren Kopf und wechselte einen Blick mit ihrem Bruder . Darauf seufzte das arme Weib tief auf und versank wieder in ihre Betrachtungen . » Und du kannst dich wahrhaftig nicht arrangiren , Eduard ? « fragte der Kommerzienrath mit verdrießlichem Ton und matter Stimme . » Ich versichere dich , das Fragen und Schwätzen über diese leidige Angelegenheit ist nicht zu ertragen . Sogar auf der Börse muß ich davon hören . « » Sogar auf der Börse ! « wiederholte würdevoll die Räthin . » Das kann dem Kredit des Hauses schaden . « Sie trommelte leicht auf dem Tische , aber nur wenige Takte ; dann saß sie wieder so steif und unbeweglich da wie vorhin . Alfons spazierte einige Male im Zimmer auf und ab , wobei ihn übrigens nichts besonders Unangenehmes zu beschäftigen schien , seine Mundwinkel zuckten und seine Hände rieben sich behaglich an einander . - » Was nun die andere Sache anbelangt , « meinte er nach einer Pause , » so befahlen Mama , sie ebenfalls zur Sprache zu bringen . « Die Räthin nickte mit dem Kopfe , und der Doktor schaute so plötzlich und fragend auf Alfons , daß dieser genöthigt war , ihm sagen : » Es betrifft Arthur ' s höchst kuriose Geschichte . Er macht ja kein Geheimniß mehr daraus , und wie ich aus seinen Reden zu entnehmen glaubte , ist es ihm sogar nicht unangenehm , wenn man darüber verhandelt . « » Ihn soll der Teufel holen ! « seufzte der Kommerzienrath mit ziemlich erzwungenem Zorn , wofür ihm aber ein strenger Blick seiner Gemahlin zu Theil wurde . - » Es ist aber auch nicht zu sagen , « fuhr der geplagte Bankier fort , » was man nicht Alles erleben muß . Ich hab ' das satt und will meinem Herrn Sohn zeigen , wo er her ist . Alle Wetter ! das ging mir ab . Eine - eine - Tänzerin ! - Wie heißt die Person doch ? « Die Räthin wandte ihm majestätisch das Gesicht zu und sprach : » Ich hoffe , du bist weit genug gegangen in deinen Reden ; du wärest freilich im Stande , sogar den Namen