die Dächer der Häuser , die weite Stadt , so weit man sie übersah , schwammen in einem Blutroth . Wenn sie überrascht war , schien es nicht die Ueberraschung des Schrecks , sondern einer dämonischen Freude . Sie streckte ihren entblößten Arm hinaus in die kalte Luft , während diese Kälte sie doch nöthigte , die Enveloppe mit der andern Hand fester um Brust und Hals zu drücken . » Sehen Sie ! « - » Die Nebel zertheilen sich . Es wird ein schöner Herbsttag werden . « - » Der Tag der Vergeltung ! Er bricht an . Feuer und Blut gemischt . O ich könnte mich freuen , ein entzückendes Schauspiel , wenn die wogenden Flammen über die Dächer sausten , das Lied der Vergeltung heulend . Des neuen Attila Mission ist groß , und ich sehe , sie ist noch nicht zu Ende . Die Leichen sollen sich noch zu Bergen thürmen und das Blut in Strömen fließen , wo wir noch kein Bett dafür sehen . - Ei , Sie schaudern , das freut mich . So blutig roth , wie dieser Morgen - « Wandel schauerte wirklich , er zog den Mantel um die Brust : » Sie wissen , ich kann kein Blut sehen , Alles - Andre - nur kein Blut - « Die Gargazin schien sich an seiner Angst oder an seinem Schreck zu weiden : » Steigt Ihnen es auch zu Wangen ! - Wir werden Alle Blut sehen müssen , mein Herr von Wandel . Ohne das keine Erlösung aus diesem Dasein . Entweder stockt es , und wir gehen in Konvulsionen unter , oder es strömt in hellen Purpurquellen aus und das ist die leichtere . - Hören Sie die Trommeln wirbeln ? Wie muthig und froh gehen die Tausende dahin , wo die eisernen Würfel fallen . - Ja , das Spiel ist aus , der Ernst beginnt , mein Herr . Verspüren Sie keine Lust ? Hörten Sie ' s nicht singen : Im Felde , da ist der Mann noch was werth ! Regte es sich da nicht in Ihnen ? Hier ist er gar nichts mehr werth . « Welcher Dämon war in die Frau gefahren ? dachte der Legationsrath . » Um ins Feld zu ziehn , muß man - « » Muth haben , « unterbrach sie ihn . » Bewahre Ihr Genius oder Ihre Heiligen die Liebenswürdigste Ihres Geschlechts davor , eine Amazone zu werden ! « Sie schien ihn nicht zu hören . » So rottenweis sie fallen , Reihe um Reihe unter dem Kartätschenhagel stürzen , das Feld sich lichten zu sehen , für einen Feldherrn soll es ein Götterschauspiel bieten . Da , wenn er auf der Höhe hält , den Tubus in der Hand , sein Schlachtroß unbeweglich unter seinen Lenden , da soll Napoleon ein Gott sein . Ein Bewegen mit dem kleinen Finger , ein Seitenblick , ein Zucken mit der Lippe , die Adjutanten verstehen es , neue Bataillone wälzen heran , sie füllen die Lücken , um wieder - Lücken zu werden . - Ich kann die Frau da begreifen , wenn es wahr ist , was sie von ihr erzählen . Mit Menschenleben spielen wie mit Schachpuppen , warum soll es nicht zum Kitzel werden , dem man nicht widersteht . « » Die Unglückliche ! Sie wollte gewiß keine Verbrecherin werden . « - » Wer will das ! Sie wollte nur Glück um sich verbreiten , aber weil die Menschen eigensinnig sich ihres auf eigne Weise suchen , ward sie erbittert , bis - bis - Ja - weil sie nicht Muth hatte zu sündigen , darum ward sie Verbrecherin . Eine Philosophin - sie hat ihre Götter sich selbst geknetet , - weiß ich , aus welchem Koth ! - Wer den Gott des Lebens nicht kennt , seine Beseligung , dürstet doch nach einer anderen . Der Gott des Todes gewährt sie auch , und wem die großen Würgeengel nicht zu Kommando stehen , wie Bonaparte , lässt sich mit den kleinen genügen . Die Gemeinheit sagt , sie hätte es aus Rache gethan . Nein , ich vertheidige die Frau . Auch sie nur ein Werkzeug in seiner Hand . « - » Sie würde mit ihrer erlauchten Vertheidigerin schwerlich zufrieden sein . « - » Herr von Wandel wird sie allerdings besser vertheidigen , weil er sie besser kennt . « War das ein Basiliskenblick ? - Er wollte sprechen - aber er stotterte nur von Gott und reinem Bewusstsein . Wenn sie unschuldig , werde jener sie schützen , dieses sie trösten . » Reden Sie doch nur in Sprachen , die Sie verstehen . « herrschte die Fürstin ihn an . » Wenn Gott seine Zuchtruthe am Himmel aushängt für die Völker , straft er auch die Einzelnen . Merken Sie sich das , Herr von Wandel . Wenn Pestilenz , Krieg , Verderben in einem Lande ausbricht , kommt es nicht angeweht vom Winde , es bricht von Innen heraus , wie ein Geschwür von den faulen Säften . Merken Sie das . - Werden Sie noch hier bleiben ? Mich dünkt , hier ist nicht Ihres Weilens . Mich dünkt , Ihnen könnte Gefahr drohen . - Mich dünkt , man glaubt Sie zu kennen - « » Wer ? « - » Ich nicht , « rief mit Nachdruck die Gargazin . » Ich will nicht , mir graut , Sie kennen zu lernen . Die Akademie will Sie nicht , aber für Gelegenheit nach Rußland lassen Sie mich sorgen - ich könnte Ihnen eine Professur in Kasan verschaffen . « Der Legationsrath verneigte sich zum Abschied : » Die Luft dort ist mir zu streng . « - » Was fesselt Sie hier ? « - » Erlaucht wissen - « » Unmöglich - nein - abscheulich - das traue ich Ihnen doch nicht im Ernst zu . « - » Eine mariage de raison , weiter nichts . Wenn wir mit den Leidenschaften und Phantasien zu Rande sind , behält die Vernunft das letzte Recht . « - » Mir aus den Augen ! « - » Was that Madame Braunbiegler , Euer Erlaucht Zorn zu erregen ? « - » O mehr als abscheulich - widerwärtig - eine Versündigung gegen Geschmack , Gefühl , Aesthetik ! An einen trunkenen Silen konnte die Nymphe sich hängen , da war im Epheu holder Wahnsinn - aber das Thier , das im Schlamme der Gemeinheit sich wälzt , das wagten die Griechen selbst nicht - Und mit Bewusstsein , klar sehend - Mir aus den Augen - da ist die Treppe - wenden Sie sich nicht um - Ich will Ihnen nicht wieder ins Gesicht sehen - nie , nimmermehr ! « Wandel hatte sich noch tiefer verneigt und - er stand schon auf der Treppe . Da aber wandte er sich doch um . Es musste ein eigner Blick sein . Sie ward roth und blaß : » Erinnern Sie sich , « rief sie ihm nach , » daß Sie keine Zeile Schriftliches von mir in Händen haben . - Ich kenne Sie nicht . - Fort - hinunter - Scheusal - schneller ! « Er war symbolisch die Treppe hinuntergeworfen . Er machte sich keine Illusionen darüber . Aber warum ? - Weil er das ästhetische Gefühl der Fürstin verletzt ? Weil grade diese Rivalität ihren Schönheitssinn empörte ? - Ein höhnisches Lächeln schwebte auf seinen Lippen . Er litt zum ersten Male ungerecht . Er hatte nie im Ernst an die Heirath gedacht . War es nur eine Weiberlaune , welche plötzlich in ihr aufgestiegen , und hatte die Aufwallung einer Phantasie so lange , künstliche , wenn auch nie ganz feste Bande gesprengt ? Oder lag etwas Bestimmtes zu Grunde ? Mit jedem Schritte gewann die letzte Vorstellung an Gewicht . Eine fürchterliche Ueberzeugung , aus Kettengliedern zu einer Kette geworden . Er war nicht mehr , oder vielmehr , er galt nicht mehr , was er gegolten . Wer giebt einem fadenscheinigen Rock seine Wolle wieder ! Sein Kopf senkte sich , seine Füße wurden schwerer . Der frühe Morgen war ein Glück für ihn ; er begegnete keinen Bekannten . Der große Menschenkünstler hätte seine Aufregung nicht verbergen können . Dort stand er an der Ecke , zaudernd , drei Wege vor ihm , der eine führte zur Post . Seine rechte Hand griff unter den Rock , an die Stelle wo das Herz sitzt . Ob er dessen Pochen hörte , es unterdrücken wollte ? Ueber dem Herzen war aber auch die Brusttasche des Rockes , in dieser sein Taschenbuch , und in demselben steckte ein von allen Gesandschaften visirter Paß ins Ausland . Es waren auch vielleicht mehrere Pässe auf mehrere Namen . - Sein Sinnen in dem Augenblicke war , ob er nach der Post eilen , Extrapost nehmen , und die Stadt und das Land auf immer verlassen solle ? Vielleicht ließ er damit mehr hier zurück , als den Staub seiner Füße - seinen Namen . An einem andern Orte tauchte er unter einem andern neugeboren auf ; die Welt ist groß . Aber vor seinen Augen musste sie nicht so groß erscheinen , als er , mit den Zähnen die Unterlippe kneifend , vor sich hinstarrte . Auf der Landkarte , die sein Auge in der Luft vor sich zeichnete , sah er vielleicht Städte und Länder , die ihm schon verschlossen waren . Indem schallte Reitermusik die Straße herauf . Berittene Rekruten sangen das jetzt so beliebte : Frisch auf , Kameraden , aufs Pferd , aufs Pferd ! Ins Feld , in die Freiheit gezogen ! Sie schaukelten sich dabei , noch ungeschult , in toller Lustigkeit in den Sätteln . » Was ist diesen Bauernlümmeln Freiheit - was Vaterland ! « rief es in ihm . » Der Stock ihr Meister , und doch gehn sie muthig dem entgegen , dem sie nicht ausweichen können ; sie müssten denn desertiren . Und das Desertiren hat in diesem Lande mehr Gefahr , als - dem Feinde stehen . Ich will auch nicht desertiren . « Er ging weiter ; nicht nach der Post , aber doch schien er noch unschlüssig , wohin . War es Zufall , daß seine Schritte sich nach dem Hotel des französischen Gesandten lenkten ? Alles war hier in Thätigkeit , Packwagen standen unter dem offenen Thorweg ; aber auch eine Kutsche angespannt auf der Straße . Laforest wollte Abschiedsbesuche machen . Wenn Wandel hier angeklopft , würde er bereitwillig aufgenommen sein ; er ging unschlüssig bis an die Stufen , aber - er musste Gründe haben , weshalb er nicht anklopfte . Er ging rasch vorüber , und athmete auf . » Er ist doch nur ein Meteor ! « sprach er für sich . » Wenn er untersinkt , wo bleibt Napoleons Schweif ! « Wir glauben , daß Wandel sich hierin selbst belog . Er hatte andere Gründe , weshalb er Frankreich nicht mehr betrat . Er war auf eine Bank unter den Linden hingesunken . Zwei Morgenspaziergänger , die einen Brunnen tranken , setzten sich ebenfalls . Nachdem sie über die Wirkungen des Wassers sich des Längeren unterhalten , sprachen sie auch von der Lupinus und ihrer Verhaftung . Die Geschichte erhielt neue Wendungen . Sie war nach des Einen Konjektur eine geborne Giftmischerin aus Instinkt . Er wollte gehört haben , sie hätte schon in der Schule angegiftet , dann als fünfzehnjähriges Mädchen zuerst ihren Vater und darauf ihre Mutter komplet vergiftet . Die Zahl ihrer übrigen Opfer lasse sich gar nicht berechnen , und sie thue es ohne allen Zweck und Vortheil , nur weil es in ihrem Blut liege . Sie könne es nicht lassen . Der Andere wollte entgegengesetzte Nachrichten haben : sie sei eine wohlerzogene und treffliche Frau gewesen , aber die Neigung zu einem fremden Herrn habe sie aus Rand und Band gebracht . Sie hätte sich zuerst selbst vergiften wollen , weil er ihre Leidenschaft nicht erwidert , ihre Blicke nicht verstanden . Dann aber hätten sie sich verständigt , und der fremde Herr merken lassen , daß , wenn sie frei wäre , und nicht Manches sonst im Wege stände , er sie gern heirathen würde . Darauf hätte sie eine Pflegetochter und die Kinder ihres Schwagers vergeben . Bei der ersten sei es noch zur rechten Zeit gemerkt worden und man hätte sie aus dem Hause geschafft ; die Kinder wären daraufgegangen . Der fremde Herr hätte darauf gesagt : so sei es gar nicht gemeint gewesen , und er habe auf immer von ihr Abschied genommen . Da aber hätte sie grade schon auch ihren Mann vergeben gehabt , und wäre von der Alteration außer sich gerathen . Alles wäre ja umsonst gethan . » Ich weiß nicht , Herr Geheimsekretär , « sagte der andere Geheimsekretär , » ich weiß nicht , ob ich nicht den andern vornehmen Herrn auch bei den Ohren fasste . « - » Wird auch geschehen , « rief der Angeredete dem klugen Manne ins Ohr . » Gestern im Kasino hörte ich so etwas , unter uns gesagt , daß der Herr Regierungsrath von Fuchsius auf ihn vigilire . Es ist da was , - man weiß nur nicht , was - indeß man wird ja davon hören . « - Bald darauf klingelte es heftig in der Wohnung des Rath Fuchsius , auch noch in früher Morgenstunde , denn der Rath saß im Schlafrock und Pantoffeln beim Kaffee und Pfeife . Ein fremder Herr wünschte in einer dringenden Angelegenheit ihn zu sprechen , und ehe noch der Bescheid hinausging , war der Legationsrath eingetreten . Zwei fein gebildete Männer sind um den Anfang eines Gesprächs nicht verlegen , ohne das Wetter zu Hülfe zu rufen . Aber Wandel unterbrach den schönsten Fluß der Introduktion , bei der Fuchsius ihn nicht einmal gefragt , was ihm die Ehre des Besuches verschafft , indem er den Hut auf die Erde fallen ließ und , mit beiden Ellenbogen auf den Tisch sich stützend , die Hände gegen die Stirn drückte : » Mein Gott wozu das Alles ! - Sie wissen , warum ich hier bin . - Die Arme , Unglückselige ! - Sie sehen mich in unaussprechlicher Angst und Verwirrung - ich kann kaum meine Worte fassen - Verzeihen Sie , wenn ich Ungehöriges rede - Sie wissen aus eigner Anschauung , in wie naher Verbindung ich mit ihr stand - « » Um so schmerzlicher , kann ich mir denken , « entgegnete Fuchsius , » muß die Beschuldigung , welche die Dame trifft , einen edelgesinnten Freund berühren . « - » Ich danke Ihnen für diese schonende Sprache . Eine Bitte voraus - wenn sie schuldig ist , ich meine nach Ihrer Ansicht , gleichviel , ob es nur Ihre moralische Ueberzeugung ist , oder eine die sich auf Beweise gründet , erlauben Sie mir wenigstens , ihrem ältesten Freunde , sie in unserm Gespräch als eine arme , unglückselige Dulderin zu bezeichnen . « » Da der Jurist die Regel gelten lässt : Quilibet bonus praesumitur , donec contrarium probetur , versteht sich dieses Recht für einen so intimen Freund von selbst . « » Und nun , « sagte Wandel mit fester Stimme , - » ohne Umschweife , wie es sich unter Männern ziemt : was haben Sie über mich disponirt ? « - » Sie vergessen , daß ich mit der Diplomatie nichts mehr zu thun habe . « - » Mein Gott , wozu die Komödie ! bin ich ein fugae suspectus ? Haben Sie mich nicht in Ihrem Hause ? Mit einem Worte : werden Sie mich verhaften lassen ? « - » Ich - Sie ? - Das ist eine sonderbare Frage . Sind Sie denn angeklagt ? « - » Qui s ' accuse , wollen Sie damit sagen . Wohlan , ich betrachte mich als ein Angeklagter , und frage Sie offen heraus : habe ich mich als ein Surveillirter zu betrachten , oder habe ich die Captur zu gewärtigen ? Um Anordnungen wegen meiner Güter zu erlassen , liegt mir viel daran , es zu wissen , und ich würde Ihnen sehr dankbar sein , wenn Sie mir gradeaus Ihre Absicht mittheilten . « » Die Criminaljustiz schreitet bei uns nur im Fall dringender Verdachtsgründe zur Captur . « » Nun , sind das für Ihre Justiz nicht dringende Gründe , daß eines intimen Umganges mit der Geheimräthin das Gerücht mich bezüchtigt , und ich räume ein , es war mehr als Gerücht . Ich war fast täglich in ihrem Hause , ich führte ihre Geldgeschäfte , ich wusste um Dinge , die Niemand sonst weiß . Sie war eine nervös-hysterische Kranke , eines jener zartgestimmten Instrumente , die eine ganz besondere Behandlung erfordern , um nicht immer Disharmonien zu hören und von sich zu geben . Sie hatte einen Widerwillen gegen die Aerzte , welche sie nicht so zu behandeln verstanden , oder es nicht wollten . Ich musste ihr kleine sympathetische Mittel verschreiben ; es war oft Betrug dabei , das gestehe ich ganz offen , denn solche Kranke , die sich stets selbst täuschen , verlangen , auch von ihren Aerzten getäuscht zu werden . Im Verlauf der Zeit war sie auch damit nicht zufrieden , sie wollte selbst operiren . Wie ich auch dagegen mich sträubte , sie bestellte sich bei Herrn Flittner eine kleine Hausapotheke , und ich musste den Vermittler spielen . Herr Regierungsrath , alles das sind schon Verdachtsgründe , auf die ein gewöhnlicher Richter mit beiden Fäusten zugreifen würde . Aber - ich empfand eine Achtung für die seltene Frau , die mit jedem Tage wuchs , die , weil ich sie erwidert glaubte , zu einer Seelenharmonie ward . Ich hatte daran gedacht , wenn sie frei ward , um ihre Hand zu bitten , mein Interesse war daher des Geheimraths früher Tod ; er ist früher gestorben , als man erwartet , es heißt , nicht auf natürlichem Wege , ich war bis dahin , wenn nicht täglich , doch sehr oft , in ihrem Hause , im nächsten Verkehr mit der , welche man der Giftmischerei bezüchtigt , sie empfing Spezereien , wobei mein Name genannt ward - ich will mich auch gar nicht darauf berufen , daß ich grad in letzter Zeit seltener ansprach - ich hielt darauf wirklich um ihre Hand an , wollte also meinen Vortheil geltend machen . Nun , mein Herr , entscheiden Sie , ob das in Ihrem Lande dringende Verdachtsgründe sind . « Fuchsius hatte ihn fest angesehen : » Ich kehre die Frage um ; was würden Sie in meiner Lage thun ? Sie haben die Rechte studirt . « - » In Amerika ließe ich den Mann auf der Stelle verhaften . Ich erinnere mich eines ähnlichen Falles , wo ich als Friedensrichter so handelte . Es ergab sich nachher , er war unschuldig . Aber Sie müssen den amerikanischen Charakter , die besonderen Verhältnisse beachten . Standesrücksichten giebt es nicht ; die feineren Bezüge der Seelenkunde gehören dort nicht vor Gericht , nichts als die matter of fact . Ich weiß , ich stoße so oft an , indem ich mich in die europäischen Verhältnisse noch nicht wieder zurechtfinde . « - » Ich höre zum ersten Mal , daß Sie in Amerika waren , Herr Legationsrath . « - » Eine Vorahnung , was die Revolution uns bringen würde , trieb mich schon bei ihrem Ausbruch dahin , « sagte Wandel mit einem Seufzer . » Wäre ich doch nie zurückgekehrt ! Man muß gestehen , die Revolution hat mehr und Tieferes zerstört , als Königreiche und Fürstenthümer . « - - » Vielleicht auch dem nur den letzten Stoß gegeben , was längst in sich zerstört war , « sagte der Rath . - » Sehr wahr ! Eine tiefe Wahrheit , Herr Regierungsrath . Wenn ich der schlichten Sitten , der Natureinfalt gedenke in unserm Dorfe , nicht bei den Landbewohnern allein , auch in unserer Familie , wie sie traulich Abends unter den Lindenbäumen vor der Thür des reinlichen holländischen Hauses saßen und ihren Thee tranken bei der weißen Thonpfeife . Wer dachte bei diesen glücklichen Landbewohnern an das alte Herrengeschlecht der Vansitter . Und als ich zurückkehrte - « » Vansitter ! « wiederholte Fuchsius , und blickte mit einer nicht erkünstelten Verwunderung Den an , von dessen Lippen dieses Wort geflossen war . Wandel , der sich nicht aus seiner Ruhe bringen ließ , lächelte fein : » Ja , wie Ihnen wohl auch schwerlich geheim blieb , gehöre ich zu dieser , leider nur zu ausgebreiteten Familie . « - » Sie stammen aus Geldern ? « - » Wo die Familie herstammt , darüber befragen Sie die Heraldiker . Ja , ein großer Theil von Geldern , Yssel , glaube ich doch sogar mehrere der größeren friesischen Inseln , gehörten zu den Besitzthümern dieser alten sassischen Dynastien . Soll ich etwa stolz darauf sein ? Von der Herrlichkeit der Familie blieb nichts über als die Vansitter in Kopenhagen , und dies reiche Handlungshaus , welches vermuthlich Ihre Notiznahme veranlasst , ist schon längst durch eine Erbtochter in andere Hände übergegangen . Sic transit gloria mundi , mein Herr Regierungsrath . Die echten Abkömmlinge der Vansitter sind über die Erde zerstreut , wie Ihre Becker und Schulzen . Der Zweig , dem ich angehörte , war schon seit einem Jahrhundert aus den Niederlanden nach Dänemark übergesiedelt , aber den Grad meiner Verwandtschaft mit der großen Firma bin ich nicht im Stande Ihnen anzugeben , denn schon mein Groß-Oheim , der Gouverneur von Surinam , äußerte lachend : wenn man alle Vansitter in einen Sack würfe , würde Gott im Himmel selbst seine Mühe haben , sie wieder zu rangiren und Jeden an seinen Platz zu stellen . Ehe ich nach Amerika ging , hatte allerdings mein Vater mit seinem Bruder Moritz Wilhelm eine unserer Stammbesitzungen in Geldern , Wandel , von entfernten Vettern wieder erstanden . Aber lassen Sie mich davon schweigen , wie ich es nach meiner Rückkehr wiederfand . Nach der Schlacht von Gemappes war ' s geplündert , ecrasirt , die Särge meiner Vorfahren - doch genug davon ! Dennoch fand ich mich bewogen , wieder den Namen Wandel anzunehmen , mit welchem Recht , das interessirt Sie nicht - aber beruhigen Sie sich , ich hätte nöthigenfalls verbriefte Nachrichten über diese Berechtigung nachzuweisen , - aber das Motiv können Sie sich leicht denken . Nicht wegen des Vansitter , der von den holländischen Patrioten gehängt war , angeblich als preußischer Spion - der politischen Sphäre war ich längst fremd - aber ein anderer Vansitter hatte ja , - wars in Brüssel oder Brügge , die famose Entführungsgeschichte in der Familie Bruckerode - selbst bis in die amerikanischen Urwälder verfolgten mich die Zeitungen mit diesen saubern Familienerinnerungen . A propos , weiß man gar nicht , was aus diesem , meinem unglücklichen Vetter geworden ist ? « » Wer weiß von allen Opfern , die im Strudel der Revolution untergingen ! « - » Desto besser für ihn . Ich hörte einmal dunkel , er sei mit Napoleon nach Egypten gegangen , und in Syrien wie die andern Zurückgelassenen aus dieser Welt geschieden . Wie dem sei , er hat seine Thorheiten oder seine Vergehungen gebüßt , und so wenig ich auf meine altaristokratische Abkunft stolz bin , fühle ich mich verlegen durch die präsumtive Verwandtschaft mit einem Vaurien . Wir Alle , mein theuerster Regierungsrath , leben noch für die Gegenwart . Ihr und uns gehören wir an ; ein Thor , wer weiter hinaus will , und nun , Excus für die Abschweifung , zu unserer unglücklichen Geheimräthin zurück . - Hat sie wirklich noch nichts eingestanden ? « - » So nehmen Sie an , daß sie etwas einzugestehen hat ? « Wandel war aufgestanden . Er schien ein schweres Wort aus der Brust zu pressen : » Ja , wie die Dinge stehen , kann ich einer Vermuthung mich nicht erwehren . Und - offenherzig - kann man ein notorisches Faktum bestreiten ? Sie hat die ganze Schule an Königs Geburtstag nach den Zelten eingeladen ; sie hat sie dort bewirthet mit Kaffee und Kuchen : sie selbst bereitete den Kaffee , sie hatte den Zucker mitgebracht , den Kuchen zu Haus gebacken . Die Lehrer und Hunderte von Zeugen standen umher und sahen - « » Daß drei oder vier Kinder unwohl wurden und nach Hause gefahren werden mussten , weil sie sich den Magen überladen hatten . Alle sind wieder hergestellt . Das ist ein leeres Stadtgeschwätz . « - » Gott sei Dank ! Aber , unter uns , wir Beide waren im vorigen Jahre selbst Zeugen von der plötzlichen , unerwarteten gefährlichen Erkrankung der Kinder ihres Schwagers - « » Die ebenfalls auf dem natürlichsten Wege von der Welt erfolgte . « - » Das konnte sein , Herr Regierungsrath . Aber in Verbindung mit jenem nachfolgenden Faktum gewann die Sache für mich - ja , vor dem Richter ist es Pflicht , die innerste Ueberzeugung auszusprechen - sie gewann dadurch ein mehr als bedenkliches Ansehen . « Fuchsius blickte ihn verwundert an . » Mein Herr Regierungsrath , Hamlets Wort von dem zwischen Himmel und Erde hat eine Bedeutung , die wir mit unserer Philosophie nicht lösen . Erklären Sie mir den Instinkt der Kinder , der vielen jungen Mädchen , die ohne allen Grund , ohne ein denkbares Interesse , nur einem dunklen Triebe folgend , Feuer anlegen . Wie viele ähnliche , grauenhafte Erscheinungen zeigt die Kriminalgeschichte aller Völker , von sonderbaren Gelüsten , die zum Verbrechen , zur entsetzlichsten Atrocität sonst gut geartete Seelen antreiben . - Die Lupinus hat keine Kinder , ich weiß , wie der Mangel , die Sehnsucht danach auf Seiten ihres Gemüths hämmert . Sie springt Nachts aus dem Bette , wandelt umher , die Leuchter in der Hand - so sagten mir wenigstens ihre Kammermädchen - sie sucht an den Wänden und ruft : wo sind meine Kinder ! Die Magie der Natur lehrt uns die Wahlverwandtschaft der Gegensätze . War der Prozeß so undenkbar , daß sie plötzlich das tödtlich hasste , was sie liebte und entbehrte , daß sie die glücklichern Eltern , die sie beneidete , verfolgte ! Es ist ein schauerliches Geheimniß der Natur , eine Exception von der Regel , aber diese ganze Frau ist eine Anomalie . Angenommen dies , konnte ich sie nicht vertheidigen , vielleicht nicht mal entschuldigen , aber als mitfühlender Nebenmensch konnte ich an ihre That glauben und sie doch nicht verdammen . « » Ich kann Ihnen die Beruhigung geben , « sagte Fuchsius , » daß so wenig als die Schulkinder in den Zelten durch Kaffee , die der Lupinus durch die Chokolade vergiftet sind . « Wandel richtete sich auf , ein tiefer Athemzug schien ihn zu erleichtern und sein Gesicht klärte sich auf . Ehe Fuchsius sich dessen versah , fühlte er sich embrassirt : » Mein theuerster - Sie edler Mann , Ihr Wort ist Leben . Es hat eine Last , eine Angst , eine unbeschreibliche Angst von meinem Herzen gewälzt . Sie war rein , ich bin der Sünder , der das für möglich hielt , der mit seinem heillosen Argwohn - o Gott , ich weiß nicht , was ich rede - Dank , tausend Mal Dank , sie ist gerettet - « » Gemach , mein Herr ! « - » Sie ist für mich gerettet . Um das Uebrige kümmere ich mich nicht . « - » Es bleibt , dünkt mich , noch viel übrig . « - » Das Andre , ich bitte Sie - nicht wahr , sie soll auch ihren Hausknecht vergiftet haben , und ihren Mann mit Bücherstaub , und ein Attentat mit Trüffelwürsten , die sie ihrem Schwager Lupinus schickte . Erlauben Sie mir , daß ich darüber lache . Nach einer so ernsthaften Stunde fühlt man zuweilen das Bedürfniß . Nun inquiriren Sie , Liebster , so viel Sie wollen , wenn Sie mir nur sagen , sie hat keine Kinder vergiftet - « » Das sagte ich nicht unbedingt . « - » Bedingt oder unbedingt , mir gleich viel . « - » Man hat eine Substanz gefunden - « » Die wie Arsenik aussieht . Liebster Fuchsius , ich will Ihnen etwas zugeben , ich will sehr viel zugeben , es ist Arsenik . O es ist zum Todtlachen ! In den Bücherstaub soll sie ihn gemischt haben ! Nicht wahr ? Da muß sie ihn vorher im Mörser stampfen , reiben , ausschütten , in ein Behältniß , eine Schachtel füllen , damit gar nichts vorbeifällt ; dann muß sie es in eine Streusandbüchse thun und nun in die Stube schütten , schwenken , sprengen . Erlauben Sie mir , wenn das die Frau vermochte , ohne sich selbst zu vergiften , verdiente sie ein Prämium der Akademieen . « » Der Staub auf seinen Lieblingsbüchern ist untersucht und Hermbstädt hat Arsenik darin gefunden . « » Der gute Hermbstädt ! Verstehen Sie mich recht , ich zweifle gar nicht daran , ich wundre mich nur , daß Hermbstädt ihn gefunden hat . Ich will ihn finden , wo Sie wollen : da hier im alten Lederrücken des Stuhls , in Ihren Pantoffeln , Arsenik ist überall , selbst in Ihrem Blute . Es kommt nur darauf an , ihn zu sekretiren . Da rufen Sie mich , Theuerster , wenn Sie die Untersuchung nicht aufgeben , und Sie sollen das Wunder sehen , aus seinen schweinsledernen