nur unser Grauen . In jedem Zimmer lag ein toter Vogel , in manchem zwei , auch drei . In Sturmnächten hatten sie Schutz gesucht in den Rauchfängen , und immer tiefer nach unten steigend , waren sie zuletzt wie in eine Vogelfalle hinein geraten . Und hier vergebens einen Ausweg suchend , hin und her flatternd in dem weiten Gefängnis , waren sie verhungert . Spät am Abend mahlte sich unser Fuhrwerk wieder durch den Sand zurück . Es war kühl geworden und der Sternenhimmel gab auch dieser Öde einen poetischen Schimmer . Ich sah hinauf und freute mich des Glanzes . Aber in die heitern Bilder , die ich wachzurufen trachtete , drängte sich immer wieder das Bild von Schloß Kossenblatt hinein . Die weißen Wände starrten mich an , ich hörte das gespenstische Türenklappen und in dem letzten Zimmer des linken Flügels flog ein Vögelchen hin und her und stieß mit dem Kopfe an die Scheiben . Sein Zirpen klang wie Hilferuf . Und inmitten dieses Hilferufs wechselte das Bild und das Schloß stand in Flammen , und unsichtbare Hände trugen es ab und warfen es in das Feuer . Steinhöfel Valentin von Massow Valentin von Massow Valentin von Massow ward am 24. März 1793 zu Berlin geboren . Er erhielt eine sorgfältige Erziehung und teilte diese , sowie den Unterricht der Haus- und Privatlehrer , mit dem Grafen Friedrich Wilhelm von Brandenburg , dem späteren Ministerpräsidenten , dessen Erziehung König Friedrich Wilhelm der Dritte 1797 dem Obermarschall von Massow anvertraut hatte . Außer dem Grafen von Brandenburg war der zweite Bruder unseres Valentin , der spätere Hausminister von Massow , der einzige Gefährte seiner Knabenzeit . Dreizehn Jahre alt machte er als Junker im Regiment Rudorfhusaren die unglückliche Kampagne von 1806 mit , wurde bei Lübeck gefangen und auf Ehrenwort in die Heimat entlassen . Das band ihn bis zum Tilsiter Frieden . Nach dem Friedensschlusse seines Versprechens ledig , trat er ins Brandenburgische Husarenregiment und war im März 1812 mit unter den dreihundert Offizieren , die den Abschied nahmen , um nicht unter den Fahnen Frankreichs kämpfen zu müssen . Die Mehrzahl jener dreihundert trat bekanntlich in russischen Dienst . Unser Massow aber begab sich mit zwei gleichgesinnten Freunden : von Barner und von Scharnhorst ( Sohn des Generals ) nach England und von da nach Spanien . Er focht unter Wellington und wurde vor Burgos durch einen Lanzenstich in die Lunge lebensgefährlich verwundet . Er genas indes und kehrte 1813 nach Preußen zurück . Er trat hier bei den braunen Husaren ein , die damals der Oberst von Blücher , Sohn des Feldmarschalls , kommandierte , und machte in diesem Regimente die Kämpfe jenes schlachtenreichen Sommers und Herbstes mit . Am Schluß des Jahres ward er in den Generalstab versetzt . 1815 befand er sich im Hauptquartier des Fürsten Blücher , dessen Kommunikationen mit Wellington vor und während der Schlacht bei Belle-Alliance durch unsern Massow vermittelt wurden . Welch besserer Vertrauensmann hätte sich finden lassen als eben er , der schon drei Jahre früher unter den Augen des Herzogs gefochten hatte und dessen volle Kenntnis des Englischen ihn ohnehin empfahl . Der Niederwerfung Napoleons folgte bekanntlich eine Besetzung Frankreichs durch englische und preußische Truppen . Den Oberbefehl über dieselben führte Herzog Wellington , in dessen unmittelbare Umgebung unser Massow kommandiert wurde . Drei Jahre lang verblieb er in dieser Stellung , in der er sich die Zuneigung und das besondere Vertrauen des » Siegesherzogs « zu erwerben wußte . Die Berichte , die Massow während dieser drei Jahre von Paris und Cambray erstattete und die nicht nur militärischen , sondern auch allgemein politischen Inhalts waren , werden noch im großen Generalstabe aufbewahrt und gelten für ausgezeichnete Leistungen . Bei Ablauf der Okkupation nach Berlin zurückgerufen , ward er gegen Ende des Jahres 1818 zum Flügeladjutanten König Friedrich Wilhelms III. ernannt und stieg , in unmittelbarer Nähe des Königs verbleibend , von Stufe zu Stufe , bis er , nach langwieriger Krankheit , im Jahre 1843 seinen Abschied nahm und sich in die ländliche Stille von Steinhöfel zurückzog . Hier trieb er mit Eifer Landwirtschaft , erweiterte das Schloß , verschönerte den Park und steigerte den Wert des Familienerbes . Dabei war er in weiten Kreisen ein Tröster der Betrübten , ein Wohltäter der Leidenden , ein weiser Ratgeber aller , die ihm vertrauend ihr Herz öffneten . Die Ruhe ländlicher Zurückgezogenheit war ihm lieb geworden . Nur einmal noch ward er ihr entrissen , um auf kurze Zeit die Stille von Steinhöfel mit dem Lärm von London zu vertauschen . Der Eiserne Herzog war am 14. Oktober 1852 auf seinem Schlosse Walmer Castle bei Dover gestorben und auf den 15. November war sein feierliches Begräbnis festgesetzt . Fast alle europäischen Armeen schickten Deputationen , um » den Feldmarschall der sieben Reiche « auf seinem letzten Gange zu begleiten ; die preußische Deputation aber bestand aus Graf Nostiz , General von Scharnhorst und unsrem Massow , der in Veranlassung dieser Deputierung zum Generalleutnant ernannt worden war . So folgte dieser denn dem Sarge des großen Feldherrn , unter dessen Augen er vierzig Jahre früher zuerst das Hochgefühl des Sieges kennengelernt hatte , und neben ihm schritt General Scharnhorst , der , von gleichem Haß gegen die Napoleonische Familie erfüllt , mit ihm nach England gegangen war , um wo immer es sei , den Unterdrücker seines Vaterlandes zu bekämpfen . Beide waren der Fahne Wellingtons gefolgt , nun folgten beide seinem Sarge . Und welch Leichengefolge das ! Ein schönes Gedicht George Hesekiels hat diesen Zug beschrieben : – ein Leichengefolge schließt sich an , So wie ' s gehabt noch kein Untertan ! Von sieben Monarchen ist ' s deputiert , Für die er den Stab des Feldmarschalls geführt , Die Feldzeichen , die mit Trauerflor wehn , Vertreten die Trauer von sieben Armeen : Rußland , Preußen und Österreich Sie klagen heut mit dem britischen Reich , Niederland , Spanien und Portugal Begraben in London den Feldmarschall . Aus hundert Fahnen das Leichentuch , Das England um seinen Lord Herzog schlug , Der sich ein Grab in St. Paul ersiegt , Wo Nelson in Lorbeer begraben liegt . Massow , der durch Jahre hin dem » Old Duke « so persönlich nahe gestanden hatte , war in London mit besonderer Auszeichnung empfangen worden ; jetzt , nach der feierlichen Beisetzung , kehrte er aus dem Gewoge der Weltstadt in die ländliche Stille zurück . Aber eine tiefere Stille harrte seiner bereits . Es war beschlossen , daß er dem Siegesherzoge nach wenig mehr als Jahresfrist in die Ruhe des Grabes folgen sollte . Am 11. Januar 1854 erkrankte er und am 18. entschlief er als ein ernster und gläubiger Christ . Auf dem Kirchhofe zu Steinhöfel ruht er und ein Granitstein gibt die Daten seines Lebens und Todes . Er war nie vermählt . Steinhöfel fiel an seinen Bruder , den Hausminister , und nach dessen Ableben an den ältesten Sohn desselben , den Rittmeister Valentin von Massow . Steinhöfel ist ein schönes und reizend gelegenes Gut . Es liegt an der Stelle , wo der breite Sandgürtel , der sich nördlich von Fürstenwalde hinzieht , in ein frischeres und fruchtbareres Terrain übergeht . Das Schloß hat in der Schinkelschen Zeit eine Renovierung erfahren . Interessante , halb landschaftlich , halb architektonisch gehaltene Bilder von Fr . Gilly , die sich bis diesen Tag in einem der Wohnzimmer vorfinden , zeigen uns deutlich , wie die ursprüngliche äußere Anlage war . Die innere Einrichtung stammt aus der Zeit des Generalleutnants Valentin von Massow und seines Vaters des Obermarschalls . Nur unter den Porträts sind einige älteren Datums . Aus der gesamten Reihe derselben mache ich die folgenden namhaft : 1. Kabinettsminister von Blumenthal ; unter dem Großen Kurfürsten brandenburgischer Gesandter in Paris . 2. Feldmarschall von Flans , geb . 1664 , gest . 1748 , besonderer Liebling und Jagdgenosse Friedrich Wilhelms I. ( Diese beiden Porträts , namentlich das erstere , von vorzüglichem Kunstwert . ) 3. General von Massow , aus der Zeit Friedrich Wilhelms I. 4. von Massow , Minister unter Friedrich II. 5. Seine Gemahlin . 6. von Massow , Obermarschall unter Friedrich Wilhelm II. und III. 7. Seine Gemahlin . 8. von Massow , Hausminister unter Friedrich Wilhelm IV. 9. Seine Gemahlin . 10. Generalleutnant Valentin von Massow als junger Mann in Zivil . Außer diesen Porträts interessieren namentlich einige von Schinkel und Fr . Gilly herrührende , Schloß und Park von Steinhöfel in ihrer früheren Gestalt wiedergebende Gouachebilder . Sieben an der Zahl und zwar zwei von Schinkel , fünf von Gilly . Sie sind ohne Datum , doch läßt sich mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen , daß die Gillyschen Blätter zwischen 1795 und 1800 , die Schinkelschen um 1805 , gleich nach Schinkels Rückkehr aus Italien gemalt wurden . Die zwei Schinkelschen Bilder sind folgende : 1. La Maison du Vigneron et Vendange à Steinhoeffel . Es ist eine Spätnachmittags-Beleuchtung . Eine Gruppe rechts sitzt im Schatten der Bäume , auf das laubumrankte Winzerhaus aber , sowie auf den freien Platz davor , fällt ein mildes , heiteres Sonnenlicht . Winzer und Bäuerinnen tanzen einen Rund- und Ringelreigen . In der weinumrankten Vorhalle des Winzerhauses und auf der Treppe , die zu dieser Vorhalle hinaufführt , stehen plaudernde Paare und ein paar Fiedler , die zum Tanze spielen . Ein reizendes Bild . In seiner derb heiteren Stimmung niederländisch , in Beleuchtung und Farbenton italienisch und insofern allerdings einer gewissen realistischen Wahrheit entbehrend . 2. La Vigne de Steinhoeffel . Dies Bild ist ruhiger als das erste , aber vielleicht noch hübscher und anziehender . Es ist dasselbe Haus , nur mit dem Unterschiede , daß man mehr die Giebel-als die Frontseite sieht . Die Sonne geht eben unter und ein rotbrauner Ton liegt über dem Ganzen . Zwei Bäuerinnen kehren mit Fruchtkörben heim . An der sonnenbeschienenen , rotbraunen Gartenmauer steht eine kurzgeschürzte Winzerin in grünem Friesrock und rotem Mieder und reicht einem auf der niedrigen Mauer stehenden Winzer die abgeschnittenen schweren Trauben zu . Edeltannen und Silberpappeln im Hintergrund . Das Ganze in Auffassung und Beleuchtungston durchaus italienisch . Die fünf Gillyschen 67 Blätter haben mit den Schinkelschen nicht die gerinste Ähnlichkeit . Sie führen alle fünf die gemeinschaftliche Unterschrift : Vue de Steinhoeffel und zeigen 1. das Schloß , wie es sich vor etwa achtzig Jahren präsentierte , wenn man von der Dorfgasse her in den Park einbog ; 2. das Schloß vom Park aus ; 3. das japanische Häuschen im Park , nach dem Friedrich Wilhelm III. das Paretzer aufführen ließ ; 4. und 5. eine Baum- und eine Wasserpartie ( Kaskade ) aus dem Park . Wenn auf den zwei Schinkelschen Blättern saftgrün und rotbraun vorherrschen und ihnen Kraft und Frische geben , so sind auf den Gillyschen Blättern weiß und ein helles Wassergrün die vorherrschenden Farben . Die Schinkelschen machen den Eindruck moderner , sehr farbenkräftiger Aquarelle , während die Gillyschen wie Federzeichnungen wirken , die mit dünnen und unkräftigen Wasserfarben hinterher fein und sinnig getuscht wurden . Interessanter noch als diese Bilder und vielleicht überhaupt das Bemerkenswerteste , was sich an Kunstschätzen , bzw. Kuriositäten in Steinhöfel vorfindet , ist ein anderer einfacher Bilderrahmen , der statt eines Bildes ein vergilbtes Quartblatt Papier umfaßt . Dies Quartblatt Papier , auf beiden Seiten beschrieben ( weshalb der Rahmen hinten und vorn ein Glas hat ) ist das Konzept eines in Versen abgefaßten Briefes , den Kronprinz Friedrich von Königsberg aus im August 1739 an Voltaire richtete . Im einundzwanzigsten Bande der Oeuvres complètes , dem sechsten der » Correspondances « , findet sich dieser Versebrief abgedruckt . Ich stelle nun behufs eines Vergleiches den gedruckten Brief und die verschiedenen Versionen des Steinhöfeler Konzepts zusammen , zugleich eine Übersetzung hinzufügend , bei der ich auf eine Markierung der kleinen Unterschiede verzichtet habe . [ ... ] [ Der mehrspaltige Textvergleich kann hier nicht wiedergegeben werden . – D.B. ] Was uns an diesem beschriebenen Quartblatt am meisten interessiert , ist wohl der Umstand , daß uns dasselbe ( eben weil Brouillon ) in die Entstehungsgeschichte dieser und ähnlicher Versbriefe des Kronprinzen einführt und uns genau zeigt , wie er arbeitete . Es überrascht dabei einmal eine gewisse Strenge gegen sich selbst , die sich in den doppelten und dreifachen Varianten ausspricht , andererseits aber ein gewisses prosaisches » sich ' s bequem machen « , das die Reimworte nicht mit ahnungsvoller Sicherheit im Momente heraufbeschwört , sondern sie aufschreibt , um nun völlig nüchtern und nach Bedürfnis die Auswahl treffen zu können . So finden wir in kurzen und langen Kolumnen untereinander geordnet , erst : hyperbole , parole , dann pretendu , venu , parvenu , dann magnifique , rustique , implique , philosophique , intrique , musique , inique , poetique ; endlich aprouvé , depravé , annoncé , consumé alarmé etc. , Aufzählungen , aus denen ersichtlich wird , daß der Kronprinz in vielen Fällen nicht eine Hülle für den Gedanken , sondern einen Gedanken für die Hülle suchte . Übrigens arbeiten bekanntlich viele Poeten auf ähnliche Weise und so unpoetisch , auf den ersten Blick , dieser Weg erscheinen mag , so ist doch schließlich nicht erwiesen , daß derselbe wesentlich schlechter sei als ein anderer . Er erinnert an das Verfahren einzelner Maler , besonders guter Koloristen , die zunächst eine bloß harmonische Wirkung auf die Sinne bezweckend , nicht klare Gestalten , sondern Farben nebeneinander stellen . Farben , die dem Reim entsprechen . Form und Gedanke finden sich nachher . Wie sie sich finden , scheinbar zwanglos oder aber sichtlich erzwungen – davon hängt dann freilich das Gelingen oder Scheitern ab . Wir haben diesem umrahmten Quartblatt Papier wieder seinen Ehrenplatz an der Längswand des Bibliothekszimmers gegeben und treten nun aus dem kühlen schattigen Raum in den sonnbeschienenen Park hinaus . Es ist jener Mittagszauber , von dem es im Liede heißt : Vor Wonne zitternd hat die Mittagsschwüle Auf Tal und Höh in Stille sich gebreitet , Man hört nur , wie der Specht im Tannicht schreitet Und wie durchs Tobel rauscht die Sägemühle . Hier ist es nicht die Sägemühle , die rauscht , aber ein Bach , der , aus dem Felde kommend , über ein natürliches Wehr von Feldsteinblöcken niedersprudelt und schillernd in Regenbogenfarben in den hellbeleuchteten Park tritt . Weiterhin wird er ein Teich und die umstehenden Bäume werfen ihr Bild in die dunkelklare Tiefe . Durch den Park hin , südenwärts , ist eine Lichtung geschlagen und vor die lichte Öffnung schiebt sich in Dämmerferne der Hügelzug der » Rauenschen Berge « . Die scharf gezogene Kontur ihres Profils mahnt an südlich Land und blauen Himmel . Über den Teich hin fliegen Libellen , das einzig Lebende , das um diese Zeit noch flügg ' und munter ist . Denn ihre Flügel sind groß und ihre Leiber sind leicht . Ein seltsam Klingen und Tönen zieht durch die Luft , Jetzt ist die Zeit , wo tief im Schilf ein Wimmern Den Fischer weckt ... aber eh noch das Klingen ein bestimmter Klang geworden , fällt die Kirchglocke mit ihren zwölf Mittagsschlägen ein , der Mittagsspuk verfliegt und nur der Zauber der Schönheit und der Stille bleibt . Von Sparren-Land und Sparren-Glocken Prenden Prenden Es scheint ein langes , stilles Ach zu wohnen In diesen Lüften , die sich leise regen . Platen Otto Christoph war ein Lichterfeldescher Sparr . Wenn dieser Aufsatz , der einen kurzen Lebensabriß des Feldmarschalls beabsichtigt , dennoch den Namen des Nachbargutes Prenden als Überschrift trägt , so geschieht es , weil dieses Besitztum , mehr als irgendein anderes , mit dem Leben Otto Christophs verbunden ist . Es war sein Lieblingsaufenthalt und hier starb er , wie denn auch Prenden – nachdem das Elend des Dreißigjährigen Krieges den Sparrs ihren alten Besitz geraubt hatte – zuerst wieder als ein Kurfürstliches Geschenk in die Hände der Familie und zwar unseres Otto Christoph zurückgelangte . Otto Christoph von Sparr Otto Christoph von Sparr wurde mutmaßlich 1605 aus der Ehe Arndts von Sparr mit Emerentia von Seestedt 68 auf dem Schlosse zu Lichterfelde geboren . Die Jugend Otto Christophs hüllt sich in Dunkel . Ob er sich im Parke zu Lichterfelde oder im Garten zu Prenden – dessen Mitbesitzer sein Vater war – umher tummelte , ob er im Hause des letzteren oder in der benachbarten Hauptstadt erzogen wurde , was und wo er war , als die ersten jener Gewitterwolken heraufzogen , die dann dreißig Jahre lang über dem unglücklichen Lande stehen sollten – darüber verlautet nichts und wird auch in Zukunft wenig verlauten , denn es war eine eiserne Zeit , die wenig schrieb und am wenigsten bei Jugendgeschichten verweilte . Annehmen aber dürfen wir , daß die Erziehung unseres Sparr eine sorgfältige war , da wir im weiteren zu zeigen haben werden , daß er keineswegs jenen abenteuernden Naturen zugehörte , die , voll Mut und Rücksichtslosigkeit , auf dem Boden des Krieges rasch emporwuchsen , sondern umgekehrt in Wissenschaften glänzte , die ihn befähigten , Befestigungen zu leiten und Feldzugspläne zu entwerfen . Ein im Auftrage des Kurfürsten von ihm angefertigtes Memorial über » Kriegsführung gegen die Türken « ist ein Meisterstück einfach klarer Darstellung , und unter den verschiedenen Städten , an deren Befestigung er erfolgreich gearbeitet , werden Peitz , Hamm , Berlin und Magdeburg vornehmlich genannt . König rühmt von ihm , daß er fortgesetzt habe , was in der Kriegskunst siebzig oder achtzig Jahre vor ihm durch Rochus von Lynar begonnen worden sei . Wahrscheinlich um 1626 trat er , wie so viele andere Märkische vom Adel , in die Dienste des Kaisers . Den Forschungen Theodor von Mörners ist es geglückt , auch über diesen weitzurückliegenden Abschnitt einiges Licht zu verbreiten und unseren Otto Christoph , zumal während des letzten Jahrzehnts des Dreißigjährigen Krieges auf seinen Kreuz- und Querzügen in Pommern , in der Mark , im Westfälischen und am Rhein zu begleiten . Wir leisten aber darauf Verzicht , jenen Forschungen an dieser Stelle zu folgen und begnügen uns damit , hervorzuheben , daß unser Sparr die Lützener Schlacht wahrscheinlich als Kaiserlicher Hauptmann mitmachte . Fünf Jahre später erblicken wir ihn in bestimmterer Gestalt bei einem versuchten , aber mißglückten Sturm auf Stargard , und im selben Jahre noch ( 1637 ) als Kommandanten von Landsberg an der Warthe . Der Klagen über ihn , namentlich von seiten der Küstriner Regierung , waren damals viele : » Er habe die Regalien angetastet , sich das Kurfürstliche Metzkorn angemaßt , ohne Zahlung zu leisten , habe die Zollrolle bedroht , den Mühlenmeister unschuldig in Ketten gelegt und tausend Schafe aus der Kurfürstlichen Schäferei zu Kartzig weggetrieben . « Anklagen , die bei der sicherlich nicht angeborenen Rauf- und Raublust unseres Sparr nur aufs neue zeigen , wie der Krieg seine eigenen Gesetze hat , zumal der Dreißigjährige , dem ja Zeit gegeben war , seinen Kodex zu schreiben und einzubürgern . Endlich kam der Frieden , und Deutschland suchte sich wieder an einen Zustand zu gewöhnen , an den es kaum noch geglaubt hatte . Kurfürst Friedrich Wilhelm , dessen Jugend in das wildeste Treiben des Krieges gefallen war , nahm aus den Wunden und Wirren jener Zeit eine Lehre mit in den Frieden hinüber und zwar die : » daß ein Land verloren sei , das sich nicht selbst zu schützen wisse « .Und mit dieser Lehre zugleich die Überzeugung , daß dieser Schutz nur aus einem hervorwachse , aus einem schlagfertigen und zuverlässigen Heere . Unter diesem Gesichtspunkte begann er den Wiederaufbau seines verwüsteten Landes . An Soldaten war kein Mangel , aber sie waren mehr eine Last als ein Segen , solange die Führer fehlten , um ihnen Halt und Ordnung zu geben . Diese Einsicht führte von seiten des Kurfürsten zur Anwerbung von Generalen , die sich im schwedischen oder kaiserlichen Dienste ausgezeichnet hatten . Joachim Hasso v. Schapelow , George Derfflinger , Joachim v. Görtzke , Otto Christoph von Sparr , alle traten zu beinahe gleicher Zeit in die Dienste des Kurfürsten über und verblieben darin , reich geehrt durch ihren Krieges- und Landesherrn , bis an ihr Ende . Die Schicksale Görtzkes und Sparrs zeigen viel Übereinstimmendes . Beide reich begüterten Familien des Landes Barnim angehörig , verloren sie diese Güter während langer Kriegsläufte , kehrten endlich , nach zwanzig- oder dreißigjähriger Abwesenheit , in den Dienst ihres Landesherrn zurück und brachten es , an derselben Stelle fast wo sie geboren waren , zu neuem reichen Besitz und immer wieder wachsenden Ehren . Die Verhandlungen mit Sparr begannen 1649 und führten rasch zum Ziele . Aber erst 1651 erfolgte sein wirklicher Eintritt in das neugebildete Heer . Die nun folgenden Jahre seines kurfürstlichen Dienstes zerfallen in eine Kriegs- und Friedensepoche . Den Mittelpunkt jener , von 1651 bis 1657 , bildete der polnisch-schwedische Krieg . Wir werden bei den Ereignissen desselben einen Augenblick zu verweilen haben . In Schweden war Karl Gustav von Pfalz-Zweibrücken der Königin Christine als erwählter König gefolgt und nahm mit Leidenschaft die Idee auf , die seit fast einem halben Jahrhundert die schwedische Politik bestimmt hatte : die Gründung eines Baltischen Reiches . Pommern , Preußen und die jetzt speziell sogenannten Ostseeprovinzen sollten teils erst erobert , teils fester dem schwedischen Reich eingefügt werden . Es war eine Machterweiterung vor allem auf Kosten Polens , und Karl Gustav suchte sich dazu des brandenburgischen Beistandes zu versichern . Der Kurfürst lehnte jedoch , solange er noch freie Hand hatte , das ihm zugemutete Bündnis ab und zog in seinen preußischen Provinzen ein Heer zusammen , dessen nächster Zweck eine bewaffnete Neutralität war . In Wirklichkeit aber kam die Aufstellung dieses Heeres einem Bündnisse mit Polen gegen Schweden gleich . Das Heer selbst war ansehnlich . Es bestand aus 26800 Mann mit vierunddreißig Geschützen und hatte in Otto Christoph von Sparr seinen obersten Befehlshaber . So standen die Dinge im Sommer 1656 . Wenige Monate jedoch änderten die Sachlage . Dem raschen Vordringen Karl Gustavs hatte sich das schlecht gerüstete Polen fast ohne Widerstand unterworfen , Johann Kasimir war aus Warschau geflohen , und die schwedische Kriegswelle , wenig geneigt sich in ihrem Siegeslaufe hemmen zu lassen , schickte sich eben an , das vom brandenburgischen Heere besetzte Preußen zu überschwemmen . Jetzt war für den Kurfürsten der Moment gegeben , den Kampf gegen das herausfordernde Schweden aufzunehmen , aber voll Mißtrauen in seines Landes Kraft , das damals noch keine glänzende Kriegsprobe bestanden hatte , vermied er den angebotenen Kampf und löste das stille Bündnis mit Polen , um dafür in ein offenes Bündnis mit Schweden gegen Polen einzutreten . Was er ein Jahr vorher den schwedischen Bitten abgeschlagen hatte , gewährte er jetzt rasch und rückhaltlos den schwedischen Drohungen . Er gab dabei dem Gebote der Klugheit nach , vielleicht in stiller Voraussicht , daß die Stunde der Rückzahlung kommen und alte und neue Kränkung quitt machen werde . Der Kurfürst , von seinem Standpunkte aus , war im Rechte , politisch im Rechte , das Bündnis mit Schweden zu schließen ; die Polen aber hatten , von ihrem Standpunkte aus , mindestens ein gleiches Recht , dies Bündnis als Abfall anzuklagen . Und war es nun Entrüstung über eben diesen Abfall , oder war es das Gefühl einer verdoppelten Gefahr , gleichviel , dasselbe Volk , das sich beinahe widerstandslos niedergeworfen hatte , als das Kriegsgewitter über dasselbe hingezogen war , stand jetzt plötzlich aufrecht da , wie ein Ährenfeld , das der Sturm gebeugt , aber nicht gebrochen hat . Und so sahen sich denn die vereinigten Schweden und Brandenburger einem stärkeren Feinde gegenüber , als er vor seiner ersten Niederwerfung gewesen war . Die Zahl des in der Nähe der Hauptstadt aufgestellten polnischen Heeres wird verschieden angegeben und schwankt in den zeitgenössischen Berichten zwischen 40000 und 200000 Mann . Wahrscheinlich waren es 50000 , eher mehr als weniger . Am 28. Juli 1656 kam es zu der berühmten dreitägigen Schlacht von Warschau . Versuch ' ich es , gestützt auf ein zum Teil widersprechendes Material , ein einigermaßen übersichtliches Schlachtbild zu geben . Die Polen , so scheint es , hatten eine befestigte Hügelposition inne , zahlreiche Artillerie vor der Front , einiges Fußvolk am linken und rechten Flügel , und große Reitermassen im Zentrum , auf einem die ganze Stellung beherrschenden Plateau . Dies Plateau bildete den Schlüssel . Aber es erschien doppelt schwierig , sich desselben zu bemächtigen , da sich am Abhang ein dichtes Gehölz hinzog , das feindlicherseits mit den besten Fußtruppen besetzt worden war . Gehölz und Plateau deckten und unterstützten sich gegenseitig . Nur drei Wege boten sich für den Angriff : ein Frontalangriff gegen die beiden Flügel , oder eine Umgehung der feindlichen Stellung überhaupt , oder drittens eine Durchbrechung des Zentrums . Alle drei Wege wurden versucht . Das schwedisch-brandenburgische Heer – wahrscheinlich um etwas schwächer , als das Heer Johann Kasimirs – stand in entsprechender Dreiteilung dieser formidablen Position der Polen gegenüber . Der Angriff wurde beschlossen . Am rechten Flügel kommandierte Karl Gustav die Schweden , am linken der Kurfürst eine aus Schweden und Brandenburgern gemischte Truppe , im Zentrum aber hielt Generalfeldzeugmeister von Sparr mit zwei schwedischen und fünf brandenburgischen Regimentern , einschließlich der gesamten Artillerie . Unter ihm kommandierten Graf Josias von Waldeck und Joachim Rüdiger von der Goltz . Die Schweden trugen zur Unterscheidung ein Büschel Stroh am Hut , und das Feldgeschrei war : In Gottes Namen ! So begann die Schlacht . Am ersten Tage ( 28. Juli ) schritten der rechte und linke Flügel zum Angriff . Aber beide Angriffe , wiewohl mit größter Bravour und unter persönlicher Anführung von König und Kurfürst ausgeführt , wurden zurückgeschlagen . Die feindliche Hügelstellung , durch Redouten doppelt fest , schien uneinnehmbar . Am zweiten Tage versuchten die Schweden und Brandenburger eine Umgehung ; aber die Polen kamen den Angreifern zuvor , und nachdem , in veränderter Schlachtstellung , um eine Dorfgasse lang gekämpft worden war , kehrten beide Armeen in ihre früheren Positionen zurück . Dieses Scheitern aller Anstrengungen auf seiten der Verbündeten mochte den Mut der ohnehin siegessicheren Polen heben , und ihre zahlreiche Reiterei ging nunmehr zum Angriff über . Vom Plateau herabsausend , an dem Gehölz vorüber , in welchem der Hauptteil ihrer Infanterie steckte , suchten sie die Schlachtreihe der Verbündeten zu durchbrechen . Aber dieser Angriff wurde von dem Zentrum unter Sparr zurückgeschlagen und mißlang ebenso , wie am Tage vorher der schwedisch-brandenburgische Angriff auf die feindlichen Flügelpositionen mißlungen war . So kam der dritte Tag . Das Operieren mit den Flügeln war erfolglos geblieben . Es blieb also nur noch übrig , wenn man Verbrauchtes nicht wiederholen wollte , den Feind an seiner stärksten Stelle zu fassen : im Zentrum . Zu diesem Behufe war es unerläßlich , sich zuvörderst in Besitz jenes Gehölzes zu setzen , das sich am Fuße des dominierenden Plateaus hinzog . Ein Angriff auf dasselbe glich einem Verzweiflungscoup und Sparr erkannte die ganze Schwierigkeit desselben . Dennoch ging er vor und führte die Sache siegreich hinaus . Es ist sehr wahrscheinlich , daß er das im Walde versteckte Fußvolk durch konzentriertes Geschützfeuer zwang , sich hügelanwärts zu ziehen , und diesen Rückzugs- und Verwirrungsmoment benutzte , das gesamte Zentrum avancieren zu lassen . Infanteriekolonnen säuberten das Gehölz , während seine Kavallerie : fünf Schwadronen brandenburgische Kürassiere , bergan stürmte und die durch ihr eigenes Fußvolk bereits in Unordnung geratene polnische Reiterei nach kurzem Kampf über den Haufen warf . Einmal aus ihrer unangreifbar geglaubten Position herausgeschlagen , wandten sich die Polen zur Flucht und wurden teils in einen Morast , teils in die Weichsel getrieben . Viele der Flüchtigen ertranken . Die Verbündeten hielten andern Tags ihren Einzug in Warschau . Es war dies – beinahe zwanzig Jahre vor Fehrbellin , – der erste große Waffenakt der Brandenburger , die von diesem Tage an durch länger als ein Jahrhundert hin , nämlich vom 28. Juli 1656 bis zum 18. Juni 1757 , immer siegreich kämpften . Erst der Tag von Kolin brachte die Demütigung einer Niederlage . Wenn diese Waffentat nichtsdestoweniger halb vergessen ist , und jedenfalls nirgends im Herzen unseres Volkes fortlebt , so hat dies zunächst seinen Grund darin , daß alle Siege , bei denen kleinere Völker an der Seite eines größeren auftreten , immer nur dem letzteren als kriegerische Großtat angerechnet werden . Die Stärkeren verfahren dabei systematisch-absprechend und behaupten ihre Sätze so nachdrücklich und so beharrlich , daß das kleinere Volk schließlich selber glaubt , es habe eigentlich wenig oder gar nichts bei der Sache getan . Es kommt aber in dem vorliegenden Falle noch ein anderes hinzu : das ermangelnde Lokalinteresse . Fehrbellin liegt uns nah und Warschau liegt uns fern . Bis diese Stunde feiern wir Großbeeren und Dennewitz auf Kosten größerer und entscheidungsreicherer Aktionen , nur weil uns an beiden Tagen allerpersönlichst das Feuer auf den Nägeln brannte . Die Menschen sind Egoisten in allen Stücken . Auch in diesen . Die Beschreibungen der Schlacht von Warschau pflegen Sparrs und seines ausschlaggebenden Angriffs immer nur obenhin zu erwähnen , was uns , aus schon angeführten Gründen , eben nicht wundernehmen darf . Pufendorfs » De rebus a Carolo Gustavo gestis « kam den Schweden zugute , nicht uns , und im eigenen Lande entbehrten wir der Chronisten , die sich unsers brandenburgischen Feldherrn angenommen hätten . So müssen wir denn , was die hervorragende Mitwirkung des letzteren an der großen , dreitägigen Aktion angeht , uns mit einem mittelbaren Beweise begnügen , den wir am besten in den Auszeichnungen finden , die der Kurfürst von jenem Tage an für unseren Otto Christoph von Sparr hatte . Am 26. Juni 1657 wurde er zum Generalfeldmarschall ernannt und sein Gehalt auf eine für