verbunden hatten , die mich beunruhigt . Ich fürchte , Ihr gehört zu denen , welche durch die Kriegsjahre Verluste erlitten haben . Paul stellte das nicht in Abrede . Er gestand dem Freunde vielmehr , daß der Fall großer russischer Häuser , mit denen er und sein Compagnon gemeinsam gearbeitet und für die sie demgemäß Verpflichtungen übernommen hätten , sie stark angegriffen habe . Es blieb uns in dem Augenblicke , da der Krieg ausbrach , eben nur die Wahl , uns selbst gleichfalls für zahlungsunfähig zu erklären , sagte er , oder mit Hintansetzung jeder anderen Rücksicht unsern Gläubigern gerecht zu werden . Das Letztere ist geschehen . Unser Vermögen ist dabei aber in dem Grade zusammengeschmolzen , in welchem unser Credit gewachsen ist . Er sprach das mit großer Gelassenheit , obschon seine freie Stirn sich etwas verdüsterte . Der Hauptmann wollte wissen , wann Tremann die Nachricht erhalten und warum er nie davon gesprochen habe . Ich erhielt die Nachricht am Tage vor der Schlacht an der Katzbach , entgegnete Paul , und den Arm in seines Freundes Arm legend , sagte er : Wir standen einander damals noch nicht so nahe , daß ich Dir es hätte sagen mögen , und ich bin es auch gewohnt , dergleichen mit mir selber abzumachen . Ich versichere Dich aber , ich habe oft mitten im Gewühle des Kampfes , mitten in den blutigen Gefechten mit Sorge , ja , mit Angst an die Möglichkeit meines Todes gedacht , und es wird Dir eben so gewesen sein ; denn den Tod nicht fürchten , den Tod verachten kann nur derjenige , dessen Leben für keinen anderen Menschen Werth hat . Wem sagst Du das ? rief Steinert aus , und seine Augen feuchteten sich bei der Erinnerung , wie oft seine Gedanken im Gefechte sich zu Weib und Kind gewendet hatten . Paul ließ sich jedoch nicht unterbrechen . Das Prahlen mit der Todesverachtung ist mir immer als eine elende Lüge oder als das unwillkürliche Zugeständniß großer Unfähigkeit und großer Selbstsucht erschienen , fuhr er fort . Wir sind jetzt hier Alle in der Lage gewesen , unser Leben für die Befreiung unseres Vaterlandes in die Schanze zu schlagen ; das hat mich aber nicht gehindert , es stets zu wünschen , daß das meinige aufgespart bleiben möge ; denn es liegt viel auf mir und ich habe Pflichten gegen geliebte Menschen zu erfüllen . Die russischen Geschäfte sind von unserm Hause auf meinen Antrieb unternommen worden und haben große Vortheile gebracht , bis sie dann plötzlich weit mehr als die Hälfte unseres Vermögens verschlungen haben . Seba ist an Reichthum gewöhnt , Davide in demselben , ohne daß sie eigenes Vermögen hätte , aufgewachsen , und der alte Flies hat ein langes Leben damit zugebracht , seinen Besitz und seine kaufmännische Stellung zu begründen . Sie sind sammt und sonders wohlthätig und mittheilsam ; sich zu beschränken , würde ihnen allen schwer fallen , und es war auch bis jetzt noch keine Veranlassung dazu . Wo Credit , Arbeitskraft und Einsicht in die Verhältnisse der Zeit vorhanden sind , braucht man nicht ängstlich zu sein : sie sind Vermögen und übertragen oder verwandeln sich mehr oder weniger schnell auch wieder in greifbaren Besitz . Unser Credit hat sich , weil wir alle diese Krisen überstanden haben , wie gesagt , erhalten ; aber mit siebenzig Jahren hat man die rasche Entschlossenheit , den sicheren , schnellen Ueberblick nicht mehr , deren der Kaufmann nicht entrathen kann , und ein Kaufmann im großen Style war mein alter Wohlthäter niemals . - Er machte eine kleine Pause und fügte dann hinzu : Du siehst also , daß ich nach Hause gehen muß , und es scheint mir nicht , als ob man uns Freiwilligen dabei große Schwierigkeiten in den Weg zu legen denke . Steinert wollte wissen , auf welche Weise Jener um seinen Abschied eingekommen sei . Paul sagte , er habe vorläufig nur einen Urlaub auf drei Monate begehrt ; nach Verlauf derselben werde man voraussichtlich so weit mit den Friedensverhandlungen vorgeschritten sein , daß man die Landwehr in die Heimath entlassen werde , und dann gehöre ohnehin Jeder wieder sich und seinem bürgerlichen Berufe . Steinert sah das als richtig ein und beschloß , das gleiche Verfahren für sich einzuschlagen ; nur wegen seines Sohnes konnte er zu keinem Entschlusse kommen . Aber auch hier gab Paul den Ausschlag . Er rieth , den Jüngling vorläufig noch im Heere zu lassen , namentlich wenn das Regiment , wie es den Anschein hatte , in Paris verbleiben sollte . Dein Sohn , sagte er , wird hier des Französischen vollständig mächtig , lernt die Welt , die Menschen kennen und sieht und hört , was ihm später auf Eurem Dorfe nie geboten werden kann . Laß ihn bis zum völligen Frieden im Regimente und dann übergieb ihn mir . Meinst Du , daß er Kaufmann werden soll ? fragte Steinert mit einer gewissen Aengstlichkeit . Paul lachte trotz des Ernstes ihrer Unterhaltung hell auf . Und Du willst Dich über die Vorurtheile des Adels beklagen , rief er , während Dir selbst der Kastengeist so tief im Blute steckt , daß der bloße Gedanke , ein Adam Steinert könne etwas Anderes werden , als ein Landwirth , oder etwas Anderes thun , als in Eurer Provinz den Boden bauen , Dich schon unheimlich berührt ? Ihr kommt noch dahin , Euch Adam Steinert der Vierundvierzigste zu nennen , wie unsere kleinen Fürsten , wenn Ihr so fortfahrt , wie bisher . Aber sei unbesorgt , er soll den Acker bauen , wie Du selbst , nur vorläufig nicht den Eurigen . Steinert antwortete nicht gleich ; denn kein älterer Mann erträgt es willig , sich von der besseren Einsicht eines jüngeren zurecht gewiesen zu sehen . Indeß Paul besaß die auf Erfahrung und auf verständiges Selbstvertrauen gegründete Kraft , die Menschen leicht von dem Richtigen zu überzeugen und , weil er immer Herr über sich selber war , auch ohne daß er es suchte und wollte , Herrschaft über Andere zu gewinnen . So währte es denn nicht lange , bis Steinert , den kleinen Unmuth überwindend , die Frage aufwarf : Und was willst Du mit ihm machen ? Ihn nach Amerika hinüberwerfen . Zu welchem Zwecke ? Damit er vor allen Dingen das Gehorchen verlernt ! Steinert verstand nicht , was Tremann damit sagen wolle ; dieser war also genöthigt , sich deutlicher zu erklären . Es ist mir an Deinem Sohne aufgefallen , sagte er , daß er bei unverkennbar guten Anlagen unselbständig ist , und das ist nicht seine , sondern seines Lebensweges Schuld . Du bist ihm ein wackerer Vater gewesen , hast ihn streng zum Gehorsam erzogen , und das erste Kindesalter hat das nöthig , denn in ihm muß der vernünftige fremde Wille die eigene mangelnde Vernunft ersetzen . Aber Eure Schulen , wie sie jetzt sind , fordern ebenfalls unbedingten Gehorsam von dem Knaben ; Alles ist vorausbestimmte Regel , Alles vorausgesehen , der ganze Weg von der Kindheit bis zum reiferen Jünglingsalter für Alle derselbe , für Alle unwandelbar festgestellt ; das schadet der freien Entwicklung der Persönlichkeit . Nun ist er aus der Vormundschaft des Vaterhauses und der Schule noch in das Heer getreten , wo abermals fremder Wille seine Schritte vorgezeichnet hat und Gehorsam seine erste Pflicht gewesen ist . Er kennt also noch gar nichts Besseres , als pünktliches Unterordnen unter einen fremden Willen , und eben darum fühlt er auch die Neigung , in einer lebenslänglichen Unfreiheit und Dienstbarkeit zu bleiben , wo diese , wie im Heere , mit einem gewissen äußern Glanze und in die Augen fallenden Auszeichnungen verbunden sind . Gönne ihm denn die Zeit , einmal gelegentlich den Druck der Abhängigkeit zu empfinden , gönne seiner Jugend auch den Triumph , mit unsern Truppen den feierlichen Siegeseinzug in die Heimath zu theilen , und dann wollen wir weiter von der Sache sprechen und sehen , ob wir ihm die Lust am Dienen nicht abgewöhnen können . Wir Steinert ' s haben so lange gedient , meinte der Vater , daß .. Daß es endlich Zeit war , sich frei zu machen , fiel ihm der Andere in die Rede , weil er befürchtete , daß Adam ' s Empfindlichkeit noch nicht völlig überwunden sei , und daß Dein Sohn sehr unrecht thun würde , freiwillig auf die Vortheile zu verzichten , die Deine rüstige Entschlossenheit ihm bereitet hat . Er weiß , daß ich im Vereine mit dem englisch-amerikanischen Hause , in dem ich früher gearbeitet habe , Landankäufe in Amerika gemacht habe und noch zu machen denke , die verwerthet werden sollen . Dabei können wir junge Leute , die , wie Dein Sohn , in der Landwirthschaft aufgewachsen und bei ihr hergekommen sind , verwenden , und er kann , indem er unseren Absichten dient , sich die Grundlagen eines selbständigen Vermögens erschaffen , mit dem er sich dann später in der neuen oder in der alten Welt auf die eigenen Füße stellen mag , auf denen jeder Mann denn doch am besten steht . Diese Aussicht will ich ihm eröffnen , ehe ich gehe , vorausgesetzt , daß sie Deinen Ansichten nicht widerspricht , und ich müßte mich in dem braven Burschen irren , wenn nicht endlich in ihm das Verlangen nach Selbständigkeit den Sieg über die Freude an den blanken Epaulettes davontragen sollte . Steinert drückte dem Freunde die Hand . Du bist sehr gut , sagte er , denn selbst mit Sorgen beladen , sorgst Du Dich um Andere , und während Du eigene , schwere Vermögensverluste zu ersetzen hast , denkst Du daran , das Vermögen Dritter zu begründen . Wie soll ich Dir das danken ? Danken ? wiederholte Paul ; davon kann ja in dieser einfachen Angelegenheit gar nicht die Rede sein . Sieh ' , fuhr er dann , nachdem sie eine Weile schweigend neben einander hergegangen waren , in seiner Rede fort , sieh ' , das dünkt mich so schön am Leben , daß für denjenigen , der geneigt ist , die Verhältnisse einfach zu nehmen , sich Alles einfach macht oder doch mit leichter Mühe zurechtlegen läßt , wenn der Mensch nur erst begriffen hat , daß sein Vortheil und der Vortheil aller Anderen gleichbedeutend sind . Zu dieser Einsicht gelangt aber Niemand so leicht und so sicher , als der Kaufmann , der durch tägliche Erfahrung darüber belehrt wird , wie sein Wohlstand auf den Wohlstand Anderer begründet ist , und wie er den seinen nicht vermehren kann , wenn er das allgemeine Capital des auf der Erde vorhandenen Besitzes nicht vergrößern hilft . Es ist für mich schon lange eine Ueberzeugungssache , daß klug und gut in gewissem Sinne gleichbedeutend sind , und daß man immer das Gute thut , wenn man das von den praktischen Verhältnissen Gebotene befördert . Im großen Sinne ein Kaufmann zu sein , ohne seinen sittlichen Werth dadurch zu erheben , scheint mir fast unmöglich . Man sollte an die Richtigkeit dieses Satzes glauben , meinte der Andere , wenn man Dich vor Augen hat , und doch , daß ich Dir es ehrlich gestehe , haben der Glückswechsel und die Unsicherheit der Zustände , wie sie sich im Handel kundgeben und wie Du sie an Dir selber jetzt erfahren müssen , etwas , das mich gegen den Handel einnimmt und mich , wie ich einmal geartet bin , unfähig gemacht haben würde , ihn zu betreiben . Von einem Tage zum andern neue Plane zu schmieden , beständig über Erfolg und Mißlingen im Ungewissen , fortwährend mit seinem Sinne auf die Verhältnisse der ganzen Welt gerichtet zu sein , wäre meine Sache nicht . Ich muß den festen Grund und Boden unter meinen Füßen fühlen , ich will es nur mit ihm und mit den natürlichen Ereignissen , die Gott uns schickt , zu thun haben , will der Erde abgewinnen , was sie mir zu bieten hat , und mit langsamer Beharrlichkeit die Hindernisse überwinden , die sich mir entgegenstellen , die Wunden heilen , die mir , wie Dir und Andern , durch diesen Krieg geschlagen worden sind . Zum Kaufmanne muß man geboren sein ; in unserem Blute liegt es nicht ! Als ob es in dem Blute läge , aus dem ich stamme , als ob ich von dem Freiherrn von Arten oder von meiner armen Mutter die Einsicht und die Ueberzeugungen vererbt erhalten hätte , aus denen ich lebe ! hätte Paul entgegnen mögen . Aber er hielt den Ausruf vorsichtig zurück . Er wußte , daß er hier an der Grenze stehe , über welche hinaus der Andere ihm nicht zu folgen vermochte , weil er , aufgewachsen in den Ueberlieferungen eines alten Familiengeistes und nicht vollständig gebildet , nicht fähig war , aus dem Kreise herauszutreten , in dem er sich rüstig zu bewegen gewohnt war , und eben so unfähig , sich über sich selber zu erheben und , von sich absehend , sich in der Allgemeinheit wiederzuerkennen . Sie hatten während dessen Paul ' s Quartier erreicht , und Adam verließ den Freund , weil dieser , wie er es nannte , noch seine Post zu besorgen , das heißt die Briefe zu schreiben hatte , mit denen er , seit er nach dem zweiten Einzuge der Alliirten in Paris wieder zu einer gewissen Ruhe gelangt war , die Verbindung zwischen sich und seinem Handelshause und seinen Geschäftsfreunden unterhielt , um auch aus der Ferne den Betrieb der von ihm eingeleiteten neuen Unternehmungen zu fördern . Zweites Capitel Es war spät am Abende , als Paul das Siegel auf den letzten seiner Briefe drückte . Ein Courier , welchen der Feldmarschall in der Frühe des nächsten Morgens in die Heimath entsenden wollte , hatte die Beförderung dieser Briefe zugesagt , und Paul hatte eben seine Feldmütze aufgesetzt , um das Packet , der Sicherheit wegen , selbst in die Kanzlei des Feldmarschalls zu tragen , als ihm unten vor der Thüre seiner Behausung der Postbote ein Schreiben aushändigte , das durch eine Estafette für ihn aus Berlin angekommen war . Er trat in das Haus zurück , um den Brief zu lesen . Er war von Seba geschrieben und enthielt nichts als die Worte : » Unser theurer Vater ist von einem Schlaganfalle getroffen , man gibt wenig Hoffnung für seine Erhaltung . Er äußert , so weit er sich verständlich machen kann , das Verlangen , Dich zu sehen . Ist es möglich , so kehre heim , wenn auch nur , um wieder fortzugehen . Davide und ich sind wohl . « Paul las den Brief noch einmal durch , dann steckte er ihn ein , warf sich in den ersten Wagen , dessen er habhaft werden konnte , und befahl , ihn zu dem Commandirenden seines Regiments zu fahren . Aber weder sein General noch sein Adjutant waren in ihrer Behausung anzutreffen , und Paul wollte abreisen , gleich abreisen , und doch nicht ohne Urlaub seine Fahne verlassen . Einen Augenblick stand er unentschlossen da ; dann hieß er den Kutscher , ihn nach dem Schlosse hinzufahren , in welchem der König von Preußen Quartier genommen hatte . Es war , wie er wußte , ein großer Empfang bei dem Könige angesagt , alle anwesenden Fürsten waren eingeladen , der Feldmarschall konnte dort nicht fehlen . Seine Uniform und sein Rang bahnten Paul den Weg . Er wendete sich an einen der dienstthuenden Offiziere und verlangte in dringenden Geschäften mit dem Fürsten Feldmarschall persönlich zu sprechen . Man führte ihn durch verschiedene Galerieen und Säle und hieß ihn warten . Der ganze vordere Flügel des Schlosses schimmerte in dem Lichtglanze des Festes . Er sah durch die geöffneten Thüren in der Ferne eine große Gesellschaft sich bewegen , reiche Uniformen , prächtig geschmückte Frauen gingen hin und wieder , fröhliche Musik schlug in grellem Gegensatze zu seiner Stimmung an sein Ohr . Die Secunden , die Minuten dehnten sich ihm furchtbar aus , und doch war es nichts Unerwartetes , was er erfahren hatte , nichts , was ihn unvorbereitet fand . Er hatte sich es oft gesagt , daß sein alter Freund dem Ziele des Daseins nahe sei , ja , er hatte bei den neuen Unternehmungen , in welche er sich eingelassen , stets darauf gerechnet , daß er allein sie durchzuführen haben werde . In mancher einsamen Stunde , an manchem Bivouakfeuer hatte die Sorge ihn beunruhigt , wie die Geschäftsführung möglich sein würde , sollte Herr Flies vom Tode fortgerafft werden , ehe der Krieg beendet und er selber seiner eigentlichen Thätigkeit zurückgegeben sein werde . Und doch war es nicht das , was ihn so ängstlich den Zeiger der Uhr verfolgen ließ . Nicht um Geld und Gut , nicht um Handel und Erwerb war es ihm zu thun in diesem Augenblicke : er wollte sein Theil haben an Seba ' s Schmerz , an Daviden ' s Kummer , er wollte sie mit ihnen gemein haben , den letzten Blick und das letzte Wort des Mannes , den auch er wie einen Vater liebte . Mitternacht war vorüber , als der Feldmarschall rasch und mit festem Schritte , gefolgt von einem Adjutanten , in den Saal trat . Er hatte beim Spiele gesessen , als man gekommen war , ihn abzurufen , und seine zusammengezogenen buschigen Brauen zeigten den Unmuth über die unwillkommene Störung . Wer sind Sie , was wollen Sie ? fuhr er den Wartenden an , während er ihn mit dem scharfen Blicke seiner grauen Augen musterte . Mein Name ist Tremann , ich bin Theilnehmer des Eurer Durchlaucht wahrscheinlich bekannten Handlungshauses Flies und habe seit dem Frühjahre achtzehnhundertdreizehn als Freiwilliger unsere Feldzüge mitgemacht . Ich weiß , ich weiß ! unterbrach ihn , sich erinnernd , der Fürst , und durch den Anblick des Eisernen Kreuzes günstiger für den Sprechenden gestimmt , fügte er hinzu : Sie haben Ihr Kreuz bei Bar sur Aube erhalten , Sie waren verwundet ! Was haben Sie zu melden ? Nichts , als daß ich mir den Zutritt zu Eurer Durchlaucht mit einer Unwahrheit verschaffte , weil ich eine Vergünstigung zu fordern habe . Herr ! Reitet Sie denn der Teufel , daß Sie mich dazu um Mitternacht aus des Königs Sälen rufen lassen ? fuhr der Alte auf und wollte sich mit einem neuen und noch derberen Fluche entfernen , aber Paul ' s Anruf hielt ihn zurück . Ich muß Eure Durchlaucht bitten , mich zu hören , sagte er mit solcher Festigkeit , daß der Feldmarschall sich auf ' s Neue zu ihm wendete . Nothwendige Geschäfte in der Heimath hatten mich schon vor einigen Tagen bestimmt , um einen dreimonatlichen Urlaub nachzusuchen ! Er ist mir noch nicht ertheilt worden , und ich erhalte in diesem Augenblicke die Nachricht von der tödtlichen Erkrankung meines Compagnons ! Meinen Regiments-Chef habe ich nicht finden können , und ich muß fort , noch in dieser Nacht fort , denn man verlangt meine Rückkehr und ich erkenne sie als dringend nöthig ! Geben Sie mir den Urlaub , dessen ich bedarf ! Ist nicht meine Sache ! rief der Fürst . Sehen Sie zu , wie Sie Sich selber helfen ! - und abermals wollte er sich entfernen . Das wird schnell gethan sein , entgegnete Paul , sich leicht verneigend ; nur werden Eure Durchlaucht morgen den Namen des preußischen Majors , der aus Ihrer eigenen Hand sein Eisernes Kreuz als Ehrenzeichen empfangen hat , als den Namen eines Deserteurs am Schandpfahle lesen können , denn ich gehe noch vor Tagesanbruch fort ! Der Feldmarschall wendete sich zu ihm zurück . Er war der Mann , jede Art von Entschlossenheit zu schätzen . Und wenn ich Sie verhaften lasse ? fragte er , indem er Paul , wie es seine Weise war , mit seiner starkknochigen Hand am Rockknopfe faßte und nahe an ihn herantrat . So werden Durchlaucht schuld daran sein , wenn ich meinen persönlichen Verpflichtungen nicht eben so wie meinen Pflichten gegen den König und das Vaterland genügen kann ! entgegnete er , und ohne dem Feldmarschall Zeit zu einer Antwort zu lassen , fügte er hinzu : Der Lieutenant von der Marwell geht in drei Stunden als Eurer Durchlaucht Courier von hier ab ! Geben Sie mir den Urlaub , den ich brauche , und dem Lieutenant die Weisung , mich mit sich zu nehmen . Ich bin des Courier-Reisens aus früheren Zeiten wohl gewohnt ! Der Feldmarschall schien in seinen Erinnerungen nachzuspähen . Tremann , Tremann ? wiederholte er , ich habe den Namen schon vorher gehört ! Sind Sie der Tremann , durch dessen Hände vor dem Kriege ein Theil unserer Briefe nach Rußland gegangen ist ? Derselbe , Eure Durchlaucht . Da muß man ihm das Desertiren doch unmöglich machen , sagte der Fürst , sich lächelnd zu seinem Adjutanten wendend , denn der wäre capabel und beginge solchen Streich ! Ist ein Stück Papier zur Hand ? Der Adjutant zog seine Brieftasche hervor und riß ein Blatt aus derselben . Der Fürst setzte in die unterste Ecke desselben mit Bleistift seinen Namen und reichte es dem Adjutanten . Schreiben Sie ihm darüber , was er haben will , und der Marwell soll ihn mir vom Halse schaffen , damit er mir nicht wieder die Partie verdirbt ! Er ging mit freundlichem Gruße an Paul vorüber . Drei Stunden später hatte dieser das glänzende Paris verlassen und fuhr an der Seite des preußischen Couriers durch die warme Sommernacht der deutschen Grenze zu . Er hatte Berlin nicht wiedergesehen , seit er heimlich mit Herrn von Werben aus der Stadt geflohen war . Der Truppentheil , welchem er angehörte , hatte im ersten Feldzuge die Hauptstadt nicht berührt und war achtzehnhundertvierzehn noch am Rheine gewesen , als man die Landwehren auf das Neue zu den Fahnen gerufen hatte , weil Napoleon von Elba zurückgekehrt war und noch einmal die Brandfackel des Krieges über dem kaum beruhigten Welttheile angezündet hatte . Je näher Paul der Heimath kam , um so banger bewegten Furcht und Hoffnung ihm das Herz . Werde ich ihn noch finden ? fragte er sich immer wieder , wenn seine Gedanken eine Weile eine andere Richtung genommen hatten , und es kamen Augenblicke , in denen er dem Schicksal grollte , daß es ihn so , eben so , zu den Seinigen wiederkehren lasse . Er war noch jung genug , um ungern und schwer von seinen Hoffnungen zu scheiden , und er hatte an den Tag , an welchem er inmitten der Landwehr , an der Spitze des Zuges , den er in mancher Schlacht geführt , in die Hauptstadt einziehen würde , oft mit freudigem Vorgefühle gedacht . Dann hatte er sich beschieden , darauf Verzicht zu leisten ; aber daß er in solcher Sorge , unter der Pein einer solchen Ungewißheit aus dem Felde wiederkehren solle , dünkte ihn doch hart . Es war früh am Morgen , als der Feldjäger den leichten Reisewagen vor der Thüre des Flies ' schen Hauses halten ließ . Das Schlafzimmer des Hausherrn lag nach der Straße hinaus - die Vorhänge waren heruntergelassen , die Fenster offen . Was bedeutete das ? War Alles vorüber , oder war der Kranke so weit genesen , daß man ihm wieder die Wohlthat der sommerlichen Luft und Wärme zukommen lassen durfte , während man ihn vor dem grellen Lichte noch zu hüten hatte ? - Das Herz klopfte ihm , als stände er wieder vor dem Feinde , und er stand ja auch vor ihm , vor dem Feinde alles Lebens , vor dem Tode ! Mit raschem Griffe nahm er das wenige Gepäck , welches er mit sich führte , von dem Wagen herunter und eilte in das Haus . Die schwarze Kleidung des Dieners sagte ihm Alles . Er fragte nach den Frauen . Man wies ihn nach dem Gartensaale . Seba und Davide saßen bei dem Frühstücke . Als Paul in die Thüre trat , fuhren sie beide erschreckend auf . Man hatte ihn so früh nicht zurückerwarten können . Mehr als drei Jahre waren vergangen , seit sie einander nicht gesehen hatten . Mitten in der Lust eines Festes war er von ihnen gegangen , nun fand er sie im Hause des Todes in tiefer Trauerkleidung wieder . Ich komme zu spät ! - das war alles , was er sagte . Seba gab ihm nur mit leiser Neigung des Hauptes Antwort . Ihr fehlte die Kraft zum ruhigen Worte , und sie wollte ihren Schmerz durch lauten Aufschrei nicht entweihen . Er nahm sie an sein Herz , er küßte ihre Stirn , ihren Mund , er ließ sie weinen , und sie weinte so sanft , so still , als wisse sie sich nun sicher und geborgen vor allem Unheil . Als sie sich , seine beiden Hände zuversichtlich drückend , emporrichtete , trat er an Davide heran , und jetzt erst , da er aus Daviden ' s hellen Augen die Thränen auf die Wangen niederrollen sah , fingen auch die seinigen zu fließen an . Liebe Davide ! rief er leise , aber es bebte eine unaussprechliche Bewegung durch sein Herz und ein beseligendes Feuer durchströmte sein ganzes Wesen . Er hatte ihre Hände ergriffen und blieb schweigend , in ihren Anblick versunken , vor ihr stehen . Wie oft , wie oft hatte er an sie gedacht , wie oft hatte er sie vor sich gesehen wie an dem Abende , an dem er sich auf dem Balle von ihr getrennt hatte ! Nun war er wieder da , und sie stand vor ihm - dieselbe wie sonst , und doch so anders und so viel schöner , als er sie je gedacht ! Liebe Davide ! wiederholte er noch einmal , und sie lehnte sich freiwillig an seine Brust , und er fühlte , wie ihre Lippen leise das Eiserne Kreuz berührten , das er auf derselben trug . Mit einer Glücksempfindung , deren er das Menschenherz nicht für fähig gehalten hatte , schaute er in ihr Antlitz , in die Augen , die sich voll sehnsüchtiger Liebe zu ihm erhoben ; aber war es die Achtung vor dem Schmerze Seba ' s , war es ein Zartgefühl , welches ihn hinderte , sich in dem Hause der Trauer einer Freude hinzugeben , oder war es das Bewußtsein , daß dieses schöne Wesen aufhören werde , für sich selber zu bestehen , sobald er es sich angeeignet habe , er vermochte nicht , es in seine Arme zu schließen . Er war befriedigt durch Daviden ' s bloßen Anblick , beruhigt durch ihre lang entbehrte Nähe und voll großer Freude durch die feste Ueberzeugung , daß zwischen ihr und ihm gar nichts zu sagen sei , daß lautere Klarheit zwischen ihnen herrsche und Einer sich der Liebe des Andern , obschon nie ein Wort davon gesprochen worden , so völlig sicher fühle , wie der unzerstörbaren Gemeinsamkeit ihrer ganzen Zukunft . Er drückte und küßte ihre Hand , dann gehörte er wieder Seba an , und Davide verstand ihn ohne Worte . Es verging eine geraume Zeit , ehe sie zum rechten Sprechen kommen konnten . Sie mußten sich erst darein finden , daß sie nicht mehr zu Vieren , daß sie nur ihrer Drei in diesem Saale , an diesem Tische bei einander waren . Die verheerendsten Kriege , der Tod von Millionen Menschen , der Sturz der Mächtigen und der Sieg der Gebeugten hatten nichts geändert in diesem stillen Raume . Die chinesischen Blumen auf der Tapete hatten ihre Farben voll bewahrt , die fremdartigen , gemalten Vögel guckten mit ihren starren Augen noch gerade so wie vor dem Kriege von der Decke des Gartensaales herab . Das silberne Theegeräth , die Tassen von sächsischem Porzellan , sie waren für Paul wie für Davide mit ihren schönen Frucht- und Blumen-Zierrathen in ihrer Kindheit Gegenstände der höchsten Bewunderung gewesen , standen wie seit Jahren und Jahren auf der weißen Damastdecke , und doch war das alles nicht mehr dasselbe . Denn des Vaters große Tasse nahm nicht mehr die alte Stelle in der Mitte der Geräthschaften ein , man hatte sie fortgetragen , wohl verwahrt , weil der Vater sie nicht mehr brauchte , weil der Vater nicht mehr da war , weil zwei gute Augen sich geschlossen hatten für immerdar . Kommt , rief Seba endlich , sich zum Frühstückstische wendend , kommt , Paul hat es nöthig , etwas zu genießen ! - Aber es fehlte das Gedeck für ihn . Gib ihm des Vaters Tasse ! sagte Seba . Davide holte sie aus dem Eckschranke herbei . Dem Hausherrn ! stand darauf . Dem Hausherrn ! sagte Seba kaum hörbar , während sie mit bebender Hand die Tasse vor dem Heimgekehrten niedersetzte , und allen Dreien stürzten bei dem Anblicke dieses unscheinbaren Geräthes die Thränen aus den Augen , und in allen Dreien stieg sie noch einmal empor , die uralte Klage , daß des Menschen Dasein dahinfährt wie ein Traum und ein Schlaf , daß des Menschen Leben vergänglicher ist , als die vergänglichen Dinge und die zerbrechlichen Geräthschaften , die er geschaffen und deren er sich bediente . Es kam Paul vor , als sei erst jetzt sein alter Freund gestorben , da man für ihn die Tasse reichte , aus welcher , so lange Jener gelebt , nie ein Anderer getrunken hatte . Er fühlte es in diesem kleinen Zeichen sinnlicher , deutlicher , als in all den Tagen , daß er jetzt das Haupt der Familie sei , in welcher er Schutz und Liebe gefunden , seit er denken konnte , und mit einem schmerzlichen , aber ihn