, ganz gewiß ! - und doch entsank ihr wieder der Muth , als sie allein war ... Nicht der religiöse Grund , den sie seither alle Tage gegen diese Gesellschaft vorgeschützt hatte , fehlte ihr , sie stand an ihren Ofen gelehnt in vollständigster Toilette . Treudchen war eine ganze Stunde bei ihr gewesen und hatte sie geschmückt wie eine Braut - etwa eine Braut , die sich zu einer Zeit vermählt , wo sie um irgendeinen Anverwandten zu trauern hat . Ihr Kleid , bestehend aus einem leichten , wallenden , aschgrauen Stoff mit reichem schwarzen Spitzenbesatz , war ein Geschenk der Commerzienräthin . Das dunkelbräunliche Incarnat der offenen Arme und des Halses wurde durch diese Farbe gemildert , die auch ihre ganze , einer Creolin ähnliche Erscheinung minder scharf heraustreten ließ . Das Haar war nach vorn einfach getheilt , nach hinten sammelte es sich in zwei schweren runden Flechten , die in Kreisform aufgebunden , von einem schwarzen Sammetgewinde bedeckt waren . Unter den beiden Rundungen der Flechten quollen hinter jedem Ohr bis in den Nacken vier Locken hervor . Es war zum ersten mal wieder , daß sich Lucinde wie seit lange nicht gegeben hatte ; sie hatte es in der Gewalt , aufzufallen oder ganz zurückzutreten . Der reiche Spitzenbesatz am obern Rande des Kleides erlaubte in bloßem Halse zu erscheinen . Auch war der obere Arm von einem offenen Spitzengehänge halb verdeckt . Die kleine Juwelenschnalle auf einem schwarzen Sammetband , das den Hals bedeckte , war ein Weihnachtsgeschenk der Frau Oberprocurator . Ein Armband von einem als Schlange ausgearbeiteten blutrothen Korallenzweige , reich mit Goldverzierung , hatte sogar Piter geschenkt . Silbergraue lange Handschuhe lagen auf der Sophalehne . Sie waren schon von ihr anprobirt gewesen und wurden wieder ausgezogen . Treudchen hatte Lucinden schon fast bis an den Eintritt in den Saal begleitet und wieder war sie zurückgegangen . Treudchen durfte oben beim einfachen Thee ihrer Herrschaft nicht fehlen ; sie mußte Schlag acht Uhr von ihrer Gönnerin sich trennen und konnte ihr : Bitte ! Bitte ! Gehen Sie doch ! Ach ! die Menschen werden Augen machen ! nicht öfter wiederholen ... Die Furcht , die Lucinden zurückhielt , unter die Menschen zu treten , beruhte auf dem Gefühl , daß sie sich in einer Weise elektrisirt fühlen würde , die ihrer ganzen bisherigen Haltung und wahren Stimmung widersprach . Nur mit Noth erwehrte sie sich schon lange der Huldigungen , die bei dem regen Verkehr im Kattendyk ' schen Hause nicht fehlen konnten . Im Personal des Bureau gab es Blicke , die sie verfolgten ; unter Piter ' s Freunden , in den Kirchen , auf der Straße erregte sie Aufsehen . Oft auch schon meldete sich in ihrem Blut die Zeit von Hamburg und Kiel . Nicht , daß sie eine gewöhnliche Gefallsucht gehabt hätte , nicht , daß ihre Sinne glühten - ihre Sinne schienen kalt . Ihr erster » Kindskopfwahn « , wie sie ihn nannte , der sie hatte bestimmen können , mit Oskar Binder nach Amerika gehen zu wollen , hatte ihr eine ganze Gattung von Männern verleidet . Wenn sie sich sagen mußte : An welchen Fäden hing schon oft deine Zukunft ! und sie sich gestehen durfte , daß sie in alle diese Lagen fast ohne Bewußtsein und wie nur von einem Instinct der Selbsterhaltung und einer das Höchste anstrebenden Zukunft geführt wurde , bangte ihr vor dem Gedanken , jemals wieder so nahe an Abgründe zu treten ... Klingsohr , dessen dauernde Anwesenheit in dieser Stadt , mögliche Beziehung zu Bonaventura sie oft in Verzweiflung brachte , Klingsohr war ein Phantast gewesen . Die merkwürdige Erscheinung , daß die Verirrung , die diesen beinahe rettungslos dem Trunk zugeführt hätte , mit einer Abneigung gegen Frauen verbunden zu sein pflegt , zeigte sich schon in Kiel , wo er moralisiren konnte . In jener schauerlichen Nacht auf Schloß Neuhof bestanden seine Zärtlichkeiten im Knieen wie vor einem Gnadenbilde , im Küssen der Locken , des Kleides , in Eingebungen einer Phantastik , die seinem Wesen entsprach , dem Leben nicht in der Wirklichkeit , sondern im Erträumten und Schattenhaften . Jérôme von Wittekind berührte Lucinden nicht . Sie war ihm eine Erscheinung aus dem Reiche der Märchen . Klingsohr ' s Entmannung , wie wir seinen Zustand nennen möchten , war nicht die Verrücktheit des tollen Kammerherrn und des Paters Ivo , nicht die Empfindung glühender , nur sich beherrschender Liebe , sondern das Bedürfniß , das er mit seinen hamburger Freunden theilte , sich auf den Trümmern der Unschuld ein letztes » reines Gnadenbild « , eine Madonna , eine Laura , eine Beatrice zu dichten ... Sie fürchtete sich vor der Gesellschaft , weil in ihrem Innern ein Vulkan tobte . Sie glaubte nicht länger sich verleugnen zu können . Unterdrückte sie auch seit Monaten ihren Spott , ihren Humor , selbst ihre Kenntniß des Pianos , nur um nicht in Versuchung zu kommen , ein Allegro zu spielen , so wußte sie , was in ihrer Brust wuchs und ausbrechen mußte und nicht länger zu halten war . Daß man immermehr ihrem vergangenen Leben nachspüren würde , erfüllte sie mit dem Gelüst , sich vertheidigen zu wollen . Halt aber an dich ! Halt an dich ! sagte sie sich oft und das aus Furcht , daß sie plötzlich so nicht mehr fort konnte . So andächtig besuchte niemand die Messe , so für unwürdig der Communion erklärte sich niemand ( freilich mußte sie sich den Genuß versagen , da sie seit der geschilderten Scene nicht wieder beichtete ) , so sittsam blickte niemand auf der Straße nieder , so bescheiden äußerte sich niemand in Gesellschaft , so geringschätzend sprach niemand von seinen Ansprüchen auf Anerkennung , so gelassen gab sich niemand einer etwaigen Anspielung auf sein früheres Leben preis . Sprach man selbst bei Frau Walpurga von jener schönen Stadt mit den Wachparaden und den berühmten Wasserkünsten , ja sogar von dem Aufenthalt der ermordeten Frau von Buschbeck daselbst , von bösen Dienstherrschaften , von leichtsinnigen jungen Commis , von dem dunkeln Geiste , der auf dem Hause Wittekind-Neuhof ruhte , von dem Mönche Sebastus , der noch immer in der Stadt verweilte und das alte Profeßhaus der Jesuiten nicht verlassen durfte , von seinem Vater , dem Deichgrafen , von dem gefangenen Küfer Stephan Lengenich , von einer nahe bevorstehenden Auflösung des Kronsyndikus , von dem Stiefvater des Domherrn von Asselyn , ja von Hamburg , Kiel ; und plauderte selbst der » gemüthliche « Pötzl einmal von einer Schauspielerin namens Konstanze Huber , die die Jungfrau von Orleans nur bis zum dritten Act durchgeführt hatte - was war ihr das alles ! Sie saß - und nähte - oder las dabei - , sie erhob sich auf jeden Wunsch der Commerzienräthin oder Johannens , ließ ihr goldenes Kreuz aus der Brust gleiten und sprach mit leiser und zurückhaltender Stimme von den geistlichen Exercitien und der Wallfahrt , die die Commerzienräthin für die glückliche Entbindung ihrer Tochter Hendrika und die rechtgläubige Taufe ihres Enkelkindes gelobt hatte ... Mit Beredsamkeit sich vertheidigen , gewährt oft ein schönes Schauspiel ; mit Beredsamkeit sich anklagen kann ein schöneres sein . Schweigen aber , schweigen , um sich zu vertheidigen , ist Heldengröße ; und schweigen vollends , schweigen um sich anzuklagen , Märtyrerglorie ... Was sind alle diese Vergehen , lag in Lucindens Mienen , deren ihr mich anklagt , wenn die Seele , wie der Rhein , der unter dem Bodensee hindurchzieht , aus geringen und unbedeutenden Anfängen nach kurzer Läuterung wieder und dann wie groß und majestätisch hervorbricht ! Aus der Fremde that sie wie nur in die Heimat gekommen , aus der Lüge zur Wahrheit , aus dem Irrthum zur Erkenntniß . In der großen Gemeinschaft der Kirche durfte kein Gläubiger zu dem andern sagen : Deine Vergangenheit schändet dich ! Die Tag- und Jahresgebete , die Abendandachten , der Rosenkranz , der englische Gruß , die Anbetung des allerheiligsten Sakraments , das heilige Meßopfer , alles das ist eine Kette , die zu Leibeigenen Gottes und durch das Erlösungswerk zu Kindern seiner Liebe macht . Lucinde kannte diese Formeln . Sie waren an sich für sie todt ; sie belebten sich aber - im Hinblick auf eine Entscheidung , die endlich kommen mußte - kommen sollte . Der Mann , den sie ein Jahr lang in der Stadt , wo sie katholisch geworden , angebetet , den sie zwei Jahre vergebens zu vergessen gesucht hatte , den sie in St.-Wolfgang , in Kocher am Fall , hier mit glühend aufschlagenden Flammen des Herzens wiedersah , wollte jetzt nach Westerhof reisen zu Paula . Sie wußte das seit einigen Tagen und da hatte sie erklärt , zu dieser Gesellschaft , fehle ihr die Stimmung . Gebeten hatte man sie , sich zu überwinden ... Wol stand sie in ihrem kleinen , schon von ihr und Treudchen sofort wieder aufgeräumten Zimmer wie ein Wesen , das nicht schüchtern eintreten konnte bei so auffallender Erscheinung . Es riß und zog auch in der That an ihr , die Wahrheit ihrer Natur zu enthüllen . Wie hob sie ' s , den gesenkten Kopf zurückzuwerfen , zu lachen , die acht schönen Locken im Nacken zu schütteln , die freie , gescheitelte Stirn zu erheben , statt Wehmuth um die Lippe Stolz und Bitterkeit zu zeigen , aus den Augen das Feuer einer unter der Asche drohend glimmenden Leidenschaft hervorbrechen zu lassen ... War sie nicht wie auf der Flucht ? Wie gehetzt von Gespenstern ? Nie , nie liebt ' ich diesen Klingsohr , der jetzt hier vielleicht gegen mich zeugt ! hätte sie in die Welt , in die Messe hinausrufen mögen , wenn sie Bonaventura celebrirte . Im » Kirchenboten « des Beda Hunnius , mit dem sie ihre Correspondenz nach der Katastrophe des Kirchenfürsten hatte abbrechen müssen , las sie die » Stufenbriefe « . Klingsohr schrieb sie allerdings nur für Lucinden . Es waren Empfindungen , wie sie Abälard , nach der ruchlosen That seiner Feinde , an Heloise geschrieben haben konnte ... Aber wenn nun Bonaventura gar nach Westerhof ging ! Nach Schloß Neuhof , Kloster Himmelpfort , wo ihre ganze Vergangenheit mit ihm zusammentreffen konnte ... Täglich mußte sie von der » Seherin von Westerhof « hören ! ... Selbst der kühle Benno konnte nicht in Abrede stellen , daß vernünftige Menschen von Paula ' s Visionen und Heilungen mit Bewunderung sprachen . Jetzt wollte Bonaventura nach St.-Libori reisen und - darüber war kein Zweifel - einen Seelenbund erneuern , der fürs Leben geschlossen wurde , wenn Paula , wie man vermuthete , nach dem Verlust ihres Processes den Schleier nahm ... Lucinde kannte die Glückseligkeit , die den heiligen Franz von Sales mit Frau von Chantal vor und nach der Stiftung des Ordens der Visitandinen verband . Sie wußte , daß Fénélon , der sanfteste der Priester , Seelenbündnisse mit Madame Guyon und Fräulein von Maisonfort hatte . Sie wußte , daß selbst der strenge , so trockene und pedantische Bossuet von einer Frau von Cornuan , deren Geistesbildung etwa der der Commerzienräthin Kattendyk gleichkam , in einer Weise belästigt wurde , die zuletzt trotz alles ihm von dieser Frau verursachten Aergers ihm zum Bedürfniß werden konnte , also , wie Lucinde gelegentlich bitter vor sich hinsprach - ebenso gut wie die Ehe war ... Ein Wort , das der Außerordentliche einmal sprach , nun würde mit dem Domherrn von Asselyn auf Schloß Westerhof der wahre » Doctor ekstaticus « erscheinen , machte sie zittern vor Eifersucht ... Stündlich stand sie auf dem Sprunge zu Bonaventura und ihm zu rufen : Reise , doch erst morde mich ! An demselben Abend war sie damals die » Jerichorose « gewesen . Sie verstand zum ersten mal gewisse durchbohrende Blicke des Oberprocurators , eines Mannes , vor dem sie sich anfangs entsetzt hatte , weil er ihr gewesen wie ein Gebilde von Eis . Alles scharf , kantig , schneidend an ihm . Doch fiel ein Sonnenstrahl nach dem andern auf diese Erscheinung und ließ sie immermehr in allerlei Regenbogenfarbenlicht , wenn auch wie aus tausend Eiskrystallen , leuchten . Der Mensch ist ja merkwürdig ! sagte sie sich . Und als sie alles vernommen , was die Welt von Dominicus Nück wußte , als sie ihn vor Gericht den Mörder vertheidigen sah , der ihm selbst schon einmal hatte aus Leben gehen wollen , als sie den Blick beobachtete , mit dem Nück die vielbesprochene Prise verweigerte , erschien ihr seine Häßlichkeit , sein Cynismus , seine Charakterkraft überraschend . Klingsohr ' s Narben im Antlitz hatten sie nie gestört . Wie war sie nicht in düstere Lebenslabyrinthe eingedrungen ! Sie wußte , daß jener in Serlo ' s Papieren erwähnte Advocat , der bei dem Strafgericht des Bruders Hubertus über den Pater Fulgentius nicht zu entfernt gestanden , der hingerichtete Mörder ihrer Hauptmännin war . Schaudernd überliefen sie die Rückerinnerungen an alles , was sie von den Verirrungen des menschlichen Geistes schon in Erfahrung gebracht . Die Leichenschminkerin stand ihr oft mit Blumen wieder vor einer Todten und redete : Bist du nun auch erlöst , armes Weibchen ? Lache , lache , armes Kind , das zu gut war für diese Erde ! ... Diesem Nück konnte sie seit der » Jerichorose « nicht mehr begegnen , ohne daß es ihrem Innersten war , wie dem Knaben im Erlkönig . Sie sah sich fortgerissen in Nacht und Wind und stieß einen Hülferuf aus vor einer Hand , die unsichtbar sie umfing ; ein Leids fühlte sie , das ihr angethan , ein so tiefes Weh , daß nur das einfache Vorüberstreifen des grauen Mannes an ihr , sein Blick zu ihr empor nöthig war , um sie einer Ohnmacht nahe zu bringen . Gespenstisch war schon die Stille , die eintrat , wenn sein magisches Wesen vorübergezogen . Noch mehr ! Schon seit mehreren Tagen war ihr seltsam gewesen , daß eine Frau , die immer höchst elegant gekleidet neben ihr in der Messe auf einem der gemietheten Stühle kniete , sie anredete , am Tage darauf sie sogar verfolgte auf einem Gange , den sie in die Rumpelgasse machen wollte . Eine Jüdin , Namens Veilchen Igelsheimer , hatte in den ehrerbietigsten Ausdrücken an sie geschrieben , sie kenne , wie sie wisse , den Pater Sebastus . Der Aermste säße krank und elend und zwar um ihretwillen in einer Haft , aus der ihn weder die jetzt machtlose geistliche Behörde erlösen könnte , noch die weltliche erlösen wollte ; ob sie nicht ihre einflußreichen Verbindungen , besonders die Fürsprache des Oberprocurators Nück in Anspruch nehmen wollte , um den Unglücklichen vielleicht freizubekommen oder wenigstens ihm die Rückkehr nach dem Kloster Himmelpfort zu ermöglichen , worein die weltliche Behörde der vielen Untersuchungen wegen , in welche auch der Pater verwickelt wäre , nicht willigen wollte , oder ob sie vielleicht sonst etwas Durchgreifenderes zur Erlösung des Armen ersinnen könnte ; sie möchte ihr die Ehre gönnen und sie unter ihrem armen Dache besuchen ... Dieser Brief hatte Lucinden vollends aufgeregt . Klingsohr zurück nach Kloster Himmelpfort ? Zugleich mit dem ihm vielleicht schon lange nahe stehenden Bonaventura ? O daß eine Vergangenheit so furchtbar lastend auf dem Weibe ruht ! ... Sie hatte die Zuschrift der Jüdin mündlich beantworten wollen ... Da war ihr die fremde Dame nachgegangen und ermuthigt durch die verdächtigen Umgebungen der Rumpelgasse , sprach sie Lucinden in einer Weise an , die diese so erschreckte , daß sie ihren Vorsatz , die Jüdin zu besuchen , aufgab . Die Frau sagte ihr Schmeicheleien über ihre Schönheit . Sie lud sie zu sich ein , forderte sie sogar auf , sofort bei ihr Chocolade zu trinken . Lucinde wies die Frau zurück . Wer stellt dir so nach ? Wer verdächtigt dich ? ... Endlich noch mehr ! Heute plauderte Treudchen von der offenbar ganz gleichen Bekanntschaft , die auch sie mit einer sie verfolgenden Frau gemacht hätte ... Treudchen erzählte , daß der fromme Pfarrer Rother , der die Frau vor seinem Hause auf sie warten gesehen , ihr jede Beziehung zu ihr verboten hätte . Auch wäre sie von ihr seitdem unbehelligt geblieben ... Warum gehst du nur so oft zu diesem Pfarrer ? fragte Lucinde sinnend ... Denken Sie sich , das fragte mich neulich jemand anderes auch ! Der Herr Oberprocurator ! ... Die Pfarrei vom Berge Karmel liegt frei auf dem Platz und wie ich oben beim Pfarrer bin , zeigt er mir in der Ferne noch einmal die Frau , wie sie an einer Ecke gerade mit dem Oberprocurator spricht ... Mit Nück - ? Mit Herrn Nück ! Und heute früh begegne ich ihm und da sagt ' ich ihm , daß ich ja so gern auch bei den Damen auf dem Römerwege bin , weil ich meine Geschwister im Waisenhause habe ... Lucinde hörte der Erklärung kaum zu ; denn Nück , Nück im Gespräch mit jener Frau ! Dies Bild weckte ihr eine Vorstellung , die sie eiskalt überlief ... So unwürdig denkt dieser Mann - ? Gehört auch er zu jenen » Bemitleidenswerthen « , denen es eine unheilbare Krankheit geworden , an Frauentugend nicht mehr glauben zu können ? Muß es nicht elend in einer Seele aussehen , die vielleicht ein unwiderstehliches Bedürfniß der Liebe hat und den trügerischen Schein davon nur auf solchem Wege finden kann ? ... Oder stellt man dir Fallen und wiederholt sich der alte Unglaube an das , was du dir doch - » bei alledem « konnte sie selbst hinzufügen - bewahrt hast ? ... Da kam denn Josephine Nück und Lucinde mußte sich sagen : Freilich , ein Mann von Geist und Leidenschaft und ein solches Weib ! Düstere Falten zog die Stirn , die sich nun unter dem rauschenden Gewühl heiter und sorglos zeigen sollte ... Nachdem hatte Treudchen so viel von der großen Begebenheit des Hauses , vom Zank mit Delring zu erzählen , daß das Gespräch von diesen dunkeln Gegenständen abkam ... Lucinde mochte die » obere Gesellschaft « nicht . Hendrika hatte die Abneigung aller Frauen gegen sie , eine Abneigung , die Lucinde für einen Beweis der » Gewöhnlichkeit « erklärte . Delring war ihr der Repräsentant jener » blonden « norddeutschen Weise , die ihr soviel Schmerzen und Demüthigungen bereitet hatte . Sie stellte ihn in die Reihe der hamburger » Respectabeln « . Sie vermied seine » kalten « » wasserblauen « Augen , die ganz den Tausenden von Augen glichen , vor deren tugendhafter Kritik sie sich einst nach dem Tode Jérôme ' s von Wittekind in der Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carstens und seiner plattdeutschen Schwestern hatte drei Tage lang verbergen müssen . Das Rufen und Klingeln und der zunehmende Lärm im Hause unterbrach zuletzt alles weitere Gespräch mit Treudchen und mit sich allein ... Endlich brach sie alles , was sie bestürmte , ab , faßte sich Muth , zog ihre Handschuhe an , nahm ihr Bouquet und schlüpfte in das vordere Zimmer , wo im lebhaftesten Gespräche Herren standen , die sogleich Chaine machten , um die überraschende Erscheinung hindurchzulassen . Der erste , der sich der hohen Gestalt » erbarmte « - denn Erbarmen kann man wol die erste Begrüßung und Anrede eines in menschenüberfüllte Räume Neueintretenden nennen - , war der alte Pötzl , der die beiden Bologneserhündchen , die bei der Gesellschaft nicht fehlen konnten , unterm Arm hielt . Auch der Medicinalrath , ein kleiner dicker Herr , sprang hinzu und nun wäre alles zurückgewichen vor dieser königlichen und fremdartigen Gestalt , wenn nicht Frau Nück , die am feucht beschlagenen Fenster saß , sie erblickt und sogleich nur für sich in Beschlag genommen hätte , um sie hinter den Gardinen zu fragen , ob sie noch immer so echauffirt aussähe ? ... Ein Flor von Jugend und Schönheit und Pracht der Toiletten war zugegen ... Dennoch machte Lucinde einen Eindruck , der die Aufmerksamkeit aller auf sie gezogen haben würde , wenn nicht gerade jetzt der Stolz der Stadt , das berühmte Moppes ' sche Quartett , intonirt und die Stimmung des Flügels mit einem angegebenen Accord in Einklang gebracht hätte . Alles rannte , um zum Sitzen zu kommen . Die Krystalle in den Kronenleuchtern wackelten vor dem Sturm . Alles mußte still sein ... nur der Außerordentliche sprach über die Baßposaune noch seinen Satz aus . Er widersetzte sich einer natürlichen Erklärung des Wunders , daß die Mauern von Jericho durch Posaunen wären niedergeblasen worden . Denn Beamte aus dem ghibellinischen Heerlager , rationalistische Zweifler , fehlten keineswegs und der alte Herr de Jonge hatte für seinen leider abwesenden Sohn die Neckereien übernommen . Während man mit Fanatismus dem Außerordentlichen zischte und Lucinde sich still für sich selbst sagte : Vielleicht bestanden die Mauern von Jericho aus nichts , als Gärten von Rosen ! und nach dem Manne der echauffirten Frau sich umschaute , die neben ihr saß und die Ueberfüllung mit Menschen verwünschte , die nicht einmal möglich machte Pitern zu entdecken , entfaltete sich das Bouquet des Abends . Waren es auch nur immer dieselben » Gute Nacht ! « und dieselben » Schlaf wohl ! « und dieselben humoristischen » Speisezettel « , die die Sänger vortrugen , die Thatsache stand fest : Beim letzten Hauche konnte man den entsprechenden Accord des Flügels anschlagen - und nicht um eine Viertelnote waren diese jungen Kaufleute in ihrem Vortrag gesunken , worüber die alten regelmäßig in Enthusiasmus ausbrachen . Wie regierten sie aber auch mit strenger Gewalt die Musikzustände der Stadt ! Wie bestimmten sie den Erfolg jeder Oper , jeder neuen Messe ! Was sie verwarfen oder guthießen , fiel oder stand in der öffentlichen Meinung . Lucinde blieb hinter den Gardinen und beobachtete ... Sie kannte solche Gesellschaften nur aus Kiel und aus der Zeit ihres dreijährigen Wirkens im orthopädischen Institut , wo es genug vornehme Beziehungen gegeben hatte ... Die Wonne des Entzückens machte niemanden lebendiger , als die Commerzienräthin . Glich sie schon sonst in ihrem ganzen Leben einem jener kleinen Würmchen , die auf einer flachen Tafel hin- und herrennen , stutzen über nichts , links und rechts schwenken und da wieder hinlaufen , wo sie eben hergekommen sind , wie erst heute ! Trotzdem daß ihr Kopfputz , eine Art Turban mit purpurrothen Sammettroddeln und goldenen Fransen , ihr die feierliche Haltung eines Schlittenpferdes vorschrieb , drängte sie sich durch alle Bravis und Dacapos , durch alle Erfrischungen und Staats- und Kirchengespräche hindurch mit wiedererwachtem Jugendmuth . Blieb auch ihr Shawl an einigen Frackknöpfen der Herren , an einigen der aufgestellten Rhododendren oder am Kettchen eines neuen Halsbändchens ihrer Hunde hängen , sie war überall und nirgends und zuletzt auch bei Lucinden , die sie hervorzog und auf die Stirn küßte . Sie flüsterte ihr zu : Wie lieb ' ich Sie ! Aber ich muß Sie vorstellen ! Und noch ehe sie eine Antwort bekam , war sie schon wieder bei einer andern Gruppe und eigentlich suchte sie auch nur immer Pitern und sagte das auch laut . Aber obgleich die Gesellschaft schon zwei Stunden beisammen war , entbehrte doch niemand den Schöpfer dieses brillanten Abends . Die jungen Herren , seine Freunde , hatten mit den jungen Damen zu thun und der Außerordentliche machte die Honneurs des Hauses , so klein er war , mit einer Entschiedenheit , die imponirte . Wiederum hatte man in einer Extra-Arie die berühmte Schule und die Bocktriller der Sängerin bewundert ... Lucinde war endlich von dem beschlagenen Fenster erlöst , aus Umgebungen , wo sich einige Beamte und gemäßigte Commerzienräthe , die einen ghibellinischen Orden im Knopfloch trugen , durch den Gesang der Primadonna nicht hatten hindern lassen , von den Zeitläufen zu flüstern ... Pamphlete , die in Belgien gedruckt waren , wurden erwähnt ; Vorgänge im Kapitel spannten ihre Neugier ; der Severinusverein hatte mit einem evangelischen Handwerkerverein gestern eine blutige Schlägerei gehabt ; Plakate in einem eigenthümlichen alten Drucke , » Himmelsbriefe « , waren von den Straßenecken abgenommen worden ; die Worte : Rom , Gesandtschaft , wiener Staatskanzlei fielen ... Lucinde konnte nicht verweilen , da sie der Gegenstand allgemeiner Neugier wurde und aus einer Vorstellung in die andere kam . Sie selbst suchte nur Benno . Als sie hörte , der fehle und wäre schon nach Witoborn , entsank ihr jede Kraft und Sammlung ... Denn mitten unter all diesen Huldigungen blieb , was sie auch an Männern sah , nur Grund zur Vergleichung - mit Dem , für den sie leben und sterben wollte ... Die Commerzienräthin zog sie in einen Kreis , wo sich eine lebhafte Debatte entsponnen hatte ... Eine Dame , der sie hier vorgestellt wurde , saß in einem kleinen Eckdivan , umgeben von einer Anzahl Herren und Damen , die sich ebenso an der Erscheinung wie an der Conversation dieser Frau zu erfreuen schienen . Sie trug ein hellfarbiges , mit seidenen Streifen durchwebtes einfaches Tüllkleid und darüber eine große schwarze Atlasmantille , mattblau gefüttert , fast wie einen Shawl , aber auch wieder wie eine herabhängende Toga , mit Schnüren auf der Brust und an den Aermelöffnungen . Die ebenfalls blaue Auslage des rundgezackten schwarzen Kragens verdeckte fast den Hals und gab diesem eine eigenthümliche Einfassung , wie wenn er neckisch sich in ihm versteckte . Das Merkwürdigste für alle Umstehenden war der Kopf dieser schönen Frau , der halb der Jugend , halb dem Alter angehörte . Aus einem Halbhäubchen von schwarzem Flor , besetzt mit blauen Blumen , quollen eine Anzahl grauer Locken hervor . Die Commerzienräthin sprach von » der Frau Baronin « . Daß Lucinde vor Armgart ' s Mutter stand , mußte sie sich erst selbst allmählich entnehmen . Lucindens Erscheinen fiel auch hier auf . Jemand , der der Dame am nächsten saß , sprang sogleich auf und bot ihr zuvorkommend seinen Sitz . Ein paar feurig durchbohrende Augen warf er dabei auf Lucinden , die erröthete . Der Gefällige vergaß fast , daß er es war , der das Wort führte und daß alle bisher an seinem Munde gehangen hatten . Mit einer fremdartigen Betonung , aber außerordentlich geläufig und einschmeichelnd erzählte er Vorgänge , die Lucinde sogleich als auf die Gräfin Paula sich beziehend erkannte . Das waren Wetterschläge in ihr Herz ... Die Lage des Camphausen ' schen Processes war ihr geläufig genug , um zu begreifen , daß der Sprecher jener Bevollmächtigte der wiener Erben , Herr von Terschka war , jener Terschka , der einst schon in Kiel sie gesehen und damals durch eine Debatte über ihre Nase die nächtliche Scene mit dem Kronsyndikus veranlaßt hatte ... Terschka wiederum , in dessen Ohr noch bei dem Worte : Fräulein Lucinde Schwarz ! die Bezeichnung : Eine ultramontane Emissärin ! von der Villa der Gebrüder Fuld nachklang und der sich seitdem gleichfalls auf die Tage von Kiel besonnen hatte , Terschka begleitete alles , was er sprach , mit Blicken , die sich zwischen Lucinden und Monika theilten . Monika saß in tiefem Ernst und spielte zerstreut mit ihrem Fächer . Terschka war vor wenig Stunden angekommen , um noch die Gräfin vor ihrer Weiterreise zu begrüßen . Ohnehin zu spät eingetroffen , mußte er in dieser Nacht wieder zurück ... In seinem ganzen Wesen lag die Elasticität der Aufregung , die für Monika vollkommen verständlich gleichsam ausdrückte : Auch nur eine Stunde in deiner Nähe verweilt - und ich bin überreich belohnt ! In dem Bericht über die außerordentlichen Heilungen , die man Paula verdankte , fiel bei Erwähnung der Gesichte , die Paula sähe , das Wort : Der Teppich , auf dem der Domherr von Asselyn als Archipresbyter zu Sanct-Libori nächstens die erste Messe lesen wird , stellt eine Vision der Gräfin vor . Der sogenannte Philosoph von Eschede , Doctor Laurenz Püttmeyer , hat diese Vision gezeichnet und vierundzwanzig Stiftsdamen und Freifräulein der Umgegend stickten bisher Tag und Nacht daran . Das Ganze ist jetzt vollendet und sieht sich an wie eine Offenbarung Dante ' s ... Für Lucinden lagen in jedem Worte dieses Berichts durchbohrende Nadeln und Stacheln des Neides und der Eifersucht ... So würden wir ja , nahm eine ihr wohlbekannte Stimme die Rede auf , die Erscheinung der heiligen Hildegard noch einmal haben , die bekanntlich schon ebenso viel von der Natur wußte , wie Alexander von Humboldt , und noch dazu in einem viel wahreren Geiste ... Der Sprecher war der Außerordentliche . Mit einem artigen Gruße an Lucinden hatte er sein : » Bekanntlich « gleich im Ton als » unbekannterweise « gegeben und fuhr deshalb docirend fort . Er ahnte nicht , daß zufällig eine anwesende Person im Leben jener Heiligen , deren » Physik « seit einiger Zeit durch die Bekenner der » frommen Naturwissenschaften « bekannter geworden , sehr heimisch war ... Sie kennen Bingen , meine Herrschaften ? fuhr der Professor mit hochliegender Stimme fort . Sie kennen den höchst vortrefflichen Scharlachberger der Beste Klopp und die Lokalerinnerungen an Kaiser Heinrich IV. ? In der Nähe dieser gegenwärtigen Victoria-Hotels und Bellevues lag sonst das Kloster Disibodenberg , dessen Aebtissin vor achthundert Jahren Hildegard gewesen ist , die Tochter eines adeligen Vasallen der Grafen von Sponheim . Schon im dritten Lebensjahre hatte sie Visionen . Sie gab ihr Erbe auf , schenkte es der Kirche , wurde Benedictinernonne und lebte schon hienieden im Geruch der Heiligkeit . Sie sah den Himmel offen , heilte , that Wunder , schrieb , ohne die Sprache gelernt zu haben , im entzückten Zustande Latein . Sie war eine Gotterleuchtete , die nach allen Richtungen hin Spuren ihres Geistes zurückließ . Ich nenne nur ihre Einsichten in die Naturwissenschaften . Sie hat