sich einen Feldzugsplan entworfen , und dabei ihrer Freundin Wundel gedacht . - » Richtig , « sprach sie zu sich selber , » die soll es ausbaden ; was brauche ich die Wundel zu schonen . Und wenn er ihr auf den Leib geht , da soll sie sehen , wie sie sich herauslügt . - Ich wußte gleich , « wandte sie sich an Arthur , » daß das eine delikate Sache sei , glauben Sie mir , Herr Baron , « - dabei faltete sie ihre Hände und blickte gen Himmel - » Unsereins hat auch Gewissen ; und ich hatte immer das Vergnügen , die Familie Staiger als eine anständige Familie zu kennen . - Gott ! die Clara , der arme Aff , wie mußte sich abplagen , damit ihre Geschwister nur etwas zu beißen hatten . « » Weiter ! « sprach Arthur finster . » Sie kam oft daher . « » Zu Ihnen ? « » Eigentlich zu der unglücklichen Marie . Ach Gott ! Herr Baron , Sie kennen ja wohl das Unglück , das uns betroffen , heute roth - morgen todt ! - Da liegt sie im Nebenzimmer und sie erweisen ihr die letzte Ehre . « - Hier holte sie ihr Schnupftuch hervor und fing auffallend heftig an zu weinen . - » O du lieber Gott im Himmel ! « schluchzte sie , » daß ich das erleben mußte ! Meine arme Marie ! mein Stolz , meine Stütze ! - Aber mich soll der Himmel bewahren , Herr Baron , daß ich Sie mit meinen Klagen aufhalten will . Gewiß nicht ; ich bezwinge meinen Schmerz . « Dies schien auch der Frau Becker leicht zu werden , denn ein paar Sekunden nach diesem Erguß waren ihre Augen wieder vollkommen trocken , ihr Gesicht gänzlich beruhigt . - » Also ich hatte zu viel Gewissen , « fuhr sie fort , » die Sache mit dem Mädchen auf eigene Hand zu unternehmen . « » Und wer half Ihnen ? « fragte Arthur dringend . » Von Helfen ist eigentlich nicht die Rede , « erwiderte listig das schlaue Weib ; » sondern ich übergab die ganze Sache einer Bekannten . « » Und darf ich Sie um den Namen dieser Bekannten ersuchen ? « » O gewiß ! warum nicht ! Nur bitte ich , Herr Baron , daß ihr nichts geschieht . « » Nein , nein - wer ist ' s ? « » Es ist die Frau Wundel ; sie wohnt in der Balkenstraße Numero vierzig . « » Ah ! im gleichen Hause . « » Ganz richtig , wo auch Clara wohnt . « » Und die hat das Geschäft geleitet ? « » Sie konnte es am besten , da sie sich auf gleichem Boden mit der Familie Staiger befindet . « » Richtig ! o du mein Gott ! Das war gut überlegt . Da konnte man Stunde um Stunde arbeiten . Wenn ich es auch nicht begreife , so fange ich doch an , die Fäden dieses Gewebes zu verstehen . « » S - s - st ! « machte Frau Becker ; » man kommt . « Die Thüre des Nebenzimmers öffnete sich langsam und - Clara trat herein . Siebenzigstes Kapitel . Marie und Clara . Ob das Erschrecken Arthurs bei ihrem Anblick oder das Erstaunen des jungen Mädchens größer gewesen , als Beide sich nun so auf einmal hier Auge gegen Auge gegenüber standen , ist wohl schwer anzugeben . Aus Beider Herzen stiegen seltsame Gedanken , aus dem seinen bittere , traurige , und auch ihre Ueberraschung war keine frohe zu nennen . - » Was macht er hier , « dachte sie , » in dem Hause , das ich nur scheu und zitternd betreten , einzig und allein in der edlen Absicht , der dahin geschiedenen Freundin den letzten Liebesdienst zu erzeigen ? « Er biß heftig auf seine Lippen , indem er zu sich sagte : » Ah ! es ist Alles so , wie ich erfahren ; sie geht hier ein und aus . « Obgleich Madame Becker aus dem vorhergehenden Gespräch wohl entnommen , daß er ein Interesse an dem Mädchen nahm , so hatte sie doch keine Ahnung davon , wie genau Beide mit einander bekannt seien , und hielt es auf alle Fälle für schicklich , » den Herrn Baron - einen ihrer Bekannten « der Tänzerin vorzustellen . Zuerst wollte Arthur gegen den Titel eines Bekannten protestiren und hätte es vor ein paar Tagen noch lachend und eifrig gethan , jetzt aber , von der Untreue und Schlechtigkeit Clara ' s überzeugt , dachte er : » Ei , das wird mich in ihren Augen nicht heruntersetzen , und es soll mir ganz gleichgiltig sein , ob ich auf diese Art vor ihr kompromittirt werde . « Die Vorstellung der Madame Becker und der plötzliche Anblick Arthurs hier in diesem Hause hatten aber auf das junge Mädchen erschreckend gewirkt ; sie war , jedoch unmerklich , zusammen gezuckt , ein tiefes , unerklärliches Weh durchzog ihr Herz , und ihr Gesicht , ohnedies heute nicht frisch und rosig wie sonst , sah bleich und erschreckt aus . Ihm waren das Beweise ihrer Schuld , und wenn sich auch seine Hand unter dem Tische krampfhaft zusammenballte , so bezwang er sich doch , stand lächelnd auf und sagte , indem er eine leichte Verbeugung machte , es freue ihn sehr , die schöne Tänzerin , Fräulein Clara Staiger - hier so unverhofft zu sehen . Dem Mädchen war dieser Ton und der kalte Blick , womit er begleitet war , freilich räthselhaft ; daß er unter diesem Besuche hier im Hause etwas Anderes vermuthen könnte , fiel ihr gar nicht ein ; sie begriff nicht , daß Arthur im Stande wäre , ihr reines Herz , das sie ihm so offen hingelegt , zu verkennen . Und da sie sich rein wußte , frei von jeder Schuld , so bezog sie ihrerseits wieder sein verändertes Benehmen auf seine Verlegenheit , daß sie ihn hier bei der Madame Becker gesehen ; denn er hatte ihr ja nie gesagt , daß er diese Frau kenne . Viel weiter dachte dieses reine , arglose Herz natürlich nicht . Uebrigens war es für alle Drei ein peinlicher Moment ; sogar Madame Becker hatte ihre gewohnte Sicherheit verloren und meinte ziemlich linkisch , der Herr Baron möchten doch nur Platz behalten und sich vor der Fräulein Clara gar nicht geniren . - » Ach ! « seufzte sie und machte dazu einen neuen , aber gänzlich vergeblichen Versuch , ihren trockenen Augen einige Thränen zu entpressen , » sie war mit meiner armen Marie wie ein Leib und eine Seele . « Arthur , der es nicht über sich vermochte , wie er es im ersten Augenblicke gewollt , das Zimmer schnell und stürmisch zu verlassen , wollte auch etwas sagen und erkundigte sich nach dem schrecklichen Vorfalle im Theater , von dem er ja selbst Zeuge gewesen und über welchen er von seinem Bruder die beste Auskunft erhalten hatte . Es war ihm auch ganz recht , als ihm Madame Becker ein Langes und Breites darüber erzählte , und wenn er dabei , scheinbar mit gespannter Aufmerksamkeit , an ihren Lippen hing , so zeigte doch sein mühsames , ungestümes Athemholen , sowie das Umherirren seiner Augen , daß sein Geist mit ganz anderen Sachen beschäftigt sei . Clara fühlte das wohl und sie folgte angstvoll seinen wilden Blicken , und wenn hie und da einer derselben sie traf , so zuckte sie wiederholt zusammen und schlug ihre Augen nieder . » Ja , Herr Baron , « sagte die Becker schluchzend , » so traf mich dieses entsetzliche Unglück . Hier aus dieser Stube ging das arme Mädchen heiter und wohl , in voller Gesundheit , und ein paar Stunden nachher brachten sie sie sterbend zurück . Du Gott im Himmel ! womit habe ich das verdient ! « Arthur zuckte die Achseln und bat die Frau in der höflichsten Art , ihre Thränen gefälligst trocknen zu wollen und ihren Schmerz zu mäßigen . Er brachte auch allerlei Gemeinplätze vor , als : das Schicksal nehme nun einmal seinen traurigen Lauf , was beschlossen , sei nicht zu ändern , Alles in der Welt , selbst das Entsetzlichste , sei am Ende doch zu etwas gut - und bei diesen letzten Worten blickte er nach Clara , die ihre Hände gefaltet hielt und leicht mit dem Kopfe schüttelte ; denn so kalt hatte sie ihn nie sprechen gehört . » Haben Sie die Marie gekannt ? « fragte Madame Becker nach einer Pause , während welcher sie ihre Thränen getrocknet hatte . » O ja , ich erinnere mich ihrer , ich sah sie häufig ; es war ein schönes , blühendes Mädchen . « » Das war sie , « sagte eifrig die Frau , » und jetzt , da sie todt daliegt , ach ! ganz todt , ganz todt , sollte man das nicht glauben ; man meint , sie schlafe nur . Wenn es Ihnen keinen Schauder macht , Herr Baron , etwas Todtes zu sehen , so sollten Sie wirklich hinein gehen und sich das arme Kind betrachten . « » Warum sollte mir der Anblick von unser aller Ende unangenehm sein ! « erwiderte der junge Mann mit leiser Stimme . » Wenn es Ihren Schmerz nicht zu sehr wieder aufregt , so würde ich Sie bitten , mich hinein zu führen . « » Ach ja , es wird meinen Schmerz sehr aufregen , « versetzte die Frau mit affektirter Bewegung . » Ach ! der Anblick des armen bleichen Gesichtes bringt mich noch unter den Boden ! « » Wenn es dem Herrn - - gleichgiltig wäre , « meinte schüchtern die Tänzerin , » so würde ich ihn zu Marie hinein führen . « » Ah ! das wollten Sie ? « sagte Arthur mit einem schrecklichen , fast lustigen Tone . » Gewiß , ich nehme Ihre Begleitung an . Der Himmel soll mich bewahren , den Schmerz dieser unglücklichen Frau zu vergrößern ! « Clara neigte still ihr Haupt und schritt ohne ein Wort zu sprechen in das Nebenzimmer . Arthur folgte ihr . Es war dasselbe , aus dessen Fenstern in der gestrigen Nacht der schwache Lichtschimmer auf die Straße hinaus gezittert hatte ; der Docht in der kleinen Lampe , welche ihn erzeugt , brannte auch heute noch ; man hatte vielleicht vergessen , das Licht auszulöschen oder man hatte sein mattes Aufflackern und ersterbendes Zusammensinken hier im Zimmer der Todten für passend erachtet . Auf einer Erhöhung am Boden lag die Leiche des jungen Mädchens , weiß gekleidet , die wachsbleichen Hände gefaltet ; um den Kopf hatte sie einen Kranz von weißen Blüthen und rings um sie her lagen Blumen , bald einzeln , bald in Bouquets zusammen gebunden . Man hatte die arme Marie noch nicht in ihr letztes trauriges Haus gelegt , und wenn man sie so betrachtete , wie sie auf den weißen Kissen dalag , so hätte man auch der Frau draußen wirklich Recht geben können , als sie sagte , man glaube , das Mädchen schlafe nur . Obgleich ihr bleiches Gesicht schon jenen eigenthümlichen aschfarbenen Ton angenommen hatte , so war doch von der Röthe ihrer Wangen etwas übrig geblieben , ungefähr wie der leichte Schimmer inmitten einer weißen verwelkten Rosenknospe . Auch die Lippen sahen noch frisch und roth aus , und die Augenlider hatten nichts Eingefallenes und Starres ; sie schienen leicht herabgesunken und zeichneten sich nur scharf ab durch die langen schwarzen , seidenartigen Haare der Wimpern . Wenn auch Arthur durchaus von keinem Gefühl des Schauders ergriffen war , so zog sich doch sein Herz wie krampfhaft zusammen , als er neben der Mädchenleiche stand ; ja , als er sah , wie sich Clara über sie niederbeugte und ihre kalte Stirn küßte , athmete er kürzer und immer kürzer , ein leichtes Frösteln überflog seinen Körper und demselben folgten wohlthätige heiße Thränen . Ja , heute waren sie für ihn wohlthätig und beruhigend , es waren ja nicht mehr die Thränen des Hasses und der Wuth , die er gestern Nacht geweint , auflösende Wehmuth und Trauer hatten sich seines Herzens bemächtigt , und wenn er auch ebenso tief fühlte , was er verloren , so dachte er weniger an seinen eigenen Verlust , als an das Verderben jener armen Seele . Clara blickte zu ihm empor und sagte nach längerem Stillschweigen : » Ach ! sie war sehr unglücklich geworden , die arme Marie ! er liebte sie so innig und sie sollte ihm nicht angehören dürfen . « » Das ist allerdings sehr , sehr traurig , « versetzte Arthur kaum hörbar . » Aber warum durfte sie ihm nicht angehören . « » Ich weiß das nicht so genau ; aber ich glaube , ihre Tante wollte sie zwingen , gegen einen Andern freundlich zu sein . « » Und sie ließ sich zwingen ? « » Ach ! die Ueberredung . « » Ja - richtig , die Ueberredung ! - Und er hat es erfahren , daß sie ihm treulos geworden ? « » Ja , er hat es erfahren . Schwindelmann sagte es ihm ; und der that sehr Unrecht , denn Marie dachte nicht daran , treulos zu werden . Wissen Sie aber wohl , Herr Erichsen , aller Schein war gegen sie und das ist sehr schlimm ! « » Herr Erichsen hat sie mich lange nicht mehr genannt , « dachte Arthur . - » Sehr schlimm , « versetzte er darauf . » Es ist für ihn ein noch größeres Unglück , als für sie , « fuhr das Mädchen mit gefalteten Händen fort , indem sie einen Blick auf die Leiche warf ; » sie ist ja todt und es kann sie Niemand mehr kränken oder foltern . Aber ihm geht das nach wie ein Gespenst ; sie sagen auch , der Richard sei ganz tiefsinnig geworden , denn was man beim Theater munkelt , er habe das Tau absichtlich ausgleiten lassen , ist ihm zu Ohren gekommen . « » Und was glauben Sie ? Hat er es absichtlich gethan ? « » O gewiß nicht , Herr Erichsen ; er war nur erschreckt , als ihm der Schwindelmann von ihrer Untreue erzählte . Ich glaube wohl , daß er da nicht mehr wußte , was er that , denn das muß ja schrecklich sein . « » Meinen Sie das wirklich , Fräulein Clara ? « fragte Arthur tief aufathmend . » Warum nennt er mich Fräulein Clara ? « dachte das junge Mädchen . » Sehen Sie , « fuhr er mit zitternder Stimme , aber deutlich betonend fort , » so etwas kommt im Leben häufig genug vor . - O um Gottes Barmherzigkeit willen , Clara , schauen Sie mich nicht so zweifelhaft an ! « unterbrach er sich heftig - » häufig genug , « sprach er ruhiger ; » Untreue bald von der , bald von der Seite . Aber nicht immer nimmt es ein so klägliches Ende wie hier . - Hören Sie mich deutlich an , Clara , denn ich spreche jetzt von Ihnen und nicht von der Todten ; ich habe Ihnen absonderliche Dinge zu sagen . « » Das habe ich Ihnen angesehen , « versetzte erschrocken das Mädchen . » Ich kann mir denken , daß Sie es erwartet ; aber es ist besser , wenn ich es Ihnen hier sage . Der Anblick des unglücklichen Geschöpfes da zwischen uns stimmt mich wehmüthiger und ruhiger ; - sonst , « sprach er mit heftigem Tone , » müßte ich das , was ich Ihnen zu sagen habe , hinaus schreien mit lauter Stimme ; wenn es in Ihres Vaters Hause geschähe , Clara - und geschehen muß es doch einmal - so müßte ich Ihren Vater bei der Hand fassen und ihn vielleicht mit verantwortlich machen , daß Sie mich - betrogen . « » Herr Gott im Himmel ! « schrie entsetzt die Tänzerin . » Hier aber , « fuhr er mit weit aufgerissenen Augen fort , während seine Hände , die er gegen die Leiche ausstreckte , heftig erzitterten , » hier vor dieser da , muß ich mich bezwingen und darf nur flüstern . Aber Sie werden auch dieses Flüstern verstehen , Clara . - Ja , « sagte er nach einem tiefen Athemzuge , wobei er schmerzlich nach ihr hinblickte , » ja , Clara , du hast mich betrogen , entsetzlich betrogen . Weßhalb du es gethan - ich weiß es nicht . War es , weil dein Herz falsch ist , weil du mich nicht geliebt , war es eine Laune - Gott weiß es ! Mir soll es , hoff ' ich , ewig ein Geheimniß bleiben ! « Clara war neben der todten Marie auf die Kniee gesunken , blickte einen Augenblick entsetzt in die Höhe und verbarg ihr Gesicht in beide Hände . » Es ist , « fuhr er sanfter fort , » fast die gleiche Geschichte , wie mit dem armen Mädchen da , nur daß sie unschuldig ist . Aber als er von ihrer Untreue hörte , er , der sie gewiß nicht inniger liebte , als ich dich , er , der ihr kein besseres und glänzenderes Schicksal bereiten wollte , als ich dir - ließ er sie niederstürzen , wirklich niederstürzen , und sie zerschmetterte vor seinen Füßen . - Ich aber , « sagte er mit leiser , jedoch schrecklicher Stimme , » ich kann und will das Gleiche nicht thun , ich will dich nicht leiblich zu meinen Füßen niederstürzen sehen , kein Haar soll dir gekrümmt werden , nicht dein schönes Gesicht verunstaltet , kein Glied deines prächtigen Körpers beschädigt werden , obgleich du auch an mir hingst , von mir abhingst . - Aber auch ich zerreiße dies Band , auch ich lasse dich , wenn gleich im Geiste , zu meinen Füßen niederstürzen , und wenn ich mich von dir lossage , was hier feierlich vor dieser Todten geschieht « - dabei streckte er beide Hände weit von sich ab - » so wirst du vielleicht deinen Gott anflehen , er möge dir ein gleiches Schicksal zu Theil werden lassen , wie dieser da . « Clara war unter der furchtbaren Last dieser Vorwürfe und entsetzlichen Reden mit dem Kopf auf die Leiche niedergesunken , und da es ihr unmöglich war , etwas zu antworten , so hatte sie nur flehend und wie schützend die Hände über ihr Haupt erhoben , als wolle sie dadurch den Fluch abwehren , den er auf dasselbe herabschleuderte . Als sie sich endlich wieder faßte , als sie rief : » Arthur ! um Gotteswillen , Arthur ! « und aufsprang , da war er verschwunden . Sie blickte zweifelnd in dem Zimmer umher , fuhr mit der Hand über die Augen und wollte sich einreden , sie habe hier bei der todten Marie einen schrecklichen Traum gehabt , und er sei in Wahrheit gar nicht da gewesen . - Oh ! wenn dem so gewesen wäre ! Aber dem war nicht so . Madame Becker , die heftig erregt herein trat , sagte : » Hat sich die Leiche nicht bewegt , als Jener im Zimmer war ? Das sollte so sein , wenn Gerechtigkeit wäre , sie hätte drohend die Hand gegen ihn aufheben sollen . O daß ich ihn nicht früher gekannt , daß ich seinen Namen nicht gewußt ! ich erfuhr ihn erst vorhin , als er wie toll zur Thüre hinausstürzen wollte . - Clara , Clara ! « wandte sie sich an diese , » nimm dich in Acht vor der Familie ! Einer von ihnen ist schuld an dem Tode meiner Marie . « » Und der Andere - wird schuld an dem meinigen sein ! « seufzte das unglückliche Mädchen und legte ihr Gesicht auf die Hand der Todten , als suche sie hier Schutz und Trost . Einundsiebenzigstes Kapitel . Alles verloren . In dem Hause des Herrn Staiger hatte sich , seitdem Herr Blaffer das Honorar so bedeutend erhöht , allerlei auf ' s Vortheilhafteste verändert . Um das einzige Fenster prangte nun ein Vorhang von buntem Kattun , unter dem Schreibtisch lag ein altes Rehfell ; freilich schien dasselbe in der Mauser zu sein , und die einstmalige blaue Tucheinfassung war nicht mehr zu erkennen . Aber es that seine Dienste , indem es die Füße des alten Herrn wärmte . Auch dem Ofen war etwas vom besseren Verdienste zu gute gekommen , man gab ihm reichlicheres und härteres Holz , und er , dafür dankbar , verbreitete um sich her eine angenehme Wärme . Und dabei sott und prasselte es in ihm ganz behaglich ; es war beinahe Mittagszeit , und Clara , die wegen eines halben Feiertags heute die Tanzstunde nicht zu besuchen gebraucht , hatte Kartoffeln zum Mittagessen eingestellt , und war unterdessen in das Haus der Madame Becker gegangen , wie wir bereits wissen . Die Sorge für Kartoffeln und Suppe war unterdessen dem Papa Staiger übertragen worden , der sich hiezu , als seines Adjutanten , des Bübchens bediente , das er vor den Ofen gestellt und beauftragt hatte , Lärm zu schlagen , sobald Suppe oder Kartoffeln irgend eine außergewöhnliche Bewegung zu machen anfingen . Zuerst hatte Karl einige Einwendungen gemacht , denn er war an dem heutigen Morgen außerordentlich beschäftigt ; die Familie Staiger hatte nämlich , wie wir bereits wissen , einen Zuwachs erhalten und wir brauchen dabei wohl nicht zu bemerken , daß das kleine Mädchen , welches Arthur gebracht , mit herzlicher Liebe aufgenommen worden war . Natürlicherweise hatte der Maler die Bedingung dabei gestellt , daß die Bedürfnisse des armen Wesens ausschließlich ihm zur Last fallen müßten , und in Folge dessen hatte sich der Anzug der Kleinen wesentlich gebessert ; auch erschien sie nicht mehr so scheu und ängstlich , denn ihr Herz schlug freudiger , sobald es die Wärme gespürt hatte , mit der sie von diesen guten Menschen behandelt wurde . Karl hatte sie unter seinen besonderen Schutz genommen , lehrte sie all ' die sinnreichen Spiele , die er zu treiben pflegte , wobei sie ihm bald als Pferd , bald als Armee dienen mußte . Heute war sie sogar seine Prinzessin ; er hatte das Fußbänkchen Clara ' s umgekehrt , das Mädchen hinein gesetzt , die Trümmer eines Pferdes davor gespannt und kutschirte seine Pflegbefohlene nun in Gedanken durch die halbe Welt . Doch mußte dem Befehl des Vaters Folge geleistet werden , weßhalb das Bübchen den Fußschemel wieder umkehrte , das fremde Kind darauf setzte , ihm ein Bilderbuch in die Hand gab , und sich darauf , als er das Pferd ausgespannt hatte , an den Ofen begab . Das Geschäft , welches ihm der Vater übertragen , besorgte übrigens nun der Kleine mit einer so übergroßen Pünktlichkeit , daß er dadurch die Arbeit des Vaters weit öfter unterbrach , als nothwendig gewesen wäre . Jeden Augenblick glaubte er , der große Moment sei gekommen , wo die Suppe Neigung zeige , überzukochen , und dann prallte er mit einem lauten Aufschrei zurück , wobei es bereits zweimal vorgekommen war , daß er über sein kleines kopfloses Pferd stolperte , welches er an einem Bindfaden hinter sich drein schleifte . Das gab dann begreiflicherweise eine große Verwirrung und es kostete den Herrn Staiger mehrere werthvolle Minuten , bis Bübchen , Pferd und Bindfaden wieder aus einander gewickelt waren , bis der alte Herr nach seiner Suppe gesehen und darauf der Lauerposten wieder aufgestellt worden war . Dem Bübchen war übrigens auch etwas von dem Glanze der Familie zu gute gekommen ; er hatte ein neues und warmes Röckchen an , seine kleinen Schuhe waren untadelhaft , und Clara hatte aus einem ihrer alten Kattunkleider eigenhändig eine Bettdecke genäht , welche der Stolz der beiden Kinder war . Es war seltsam , aber nicht zu leugnen , daß auf den Herrn Staiger allein sein größerer Verdienst eine andere Wirkung ausübte , als man sich wohl hätte denken sollen . Er , der sonst Alles hergab , was er einnahm , er , der seine Tochter Clara früher zur Verschwendung angetrieben , wie sie oftmals lachend sagte , war geizig geworden , ja recht geizig , und Clara mußte es zu ihrem großen Erstaunen erleben , daß er anfing , seine Kasse selbst zu verwalten , indem er ihr nur das nöthige Geld für die Haushaltung abgab und alles Uebrige in seinem Schreibtisch verschloß . Daß er nicht die Absicht hatte , von diesem Gelde etwas für sich zu verwenden , lag klar am Tage , denn sogar das abgenutzte Rehfell hatte ihm Clara oktroyiren müssen , und als sie auf einen neuen Anzug zum Ausgehen für ihn drang , hatte er sich bestimmt dagegen erklärt , indem er vorgab , er fühle doch , es sei seiner Gesundheit viel zuträglicher , wenn er während der Winterszeit wenig ausgehe ; im Sommer werde man dann schon sehen . Und Herr Staiger verdiente recht viel Geld : Onkel Tom war so gut wie beendigt , aber Herr Blaffer hatte mit ihm neue weitläufige Arbeiten besprochen und sein Honorar wunderbarer Weise abermals erhöht . Seit ihn das Bübchen zum letzten Mal gestört , hatte er die Feder nicht wieder aufgenommen , sich vielmehr in seinen Sessel zurückgelehnt und schaute , die Arme über einander geschlagen , an die Zimmerdecke empor . Es mußten keine unangenehmen Gedanken sein , die ihn beschäftigten , denn er machte ein freundliches Gesicht , spitzte behaglich den Mund und zog nur zuweilen , wie in wichtiger Betrachtung , die Augenbrauen hoch empor . - » Das Ganze ist mir immer noch zu schön und traumartig , « sprach er zu sich selber , » die Abendröthe , die am Ende meines Leben leuchtet , kann dem neuen jungen Tage wohl schönes Wetter bringen , aber ebenso leicht Sturm und Regen . Nun auf alle Fälle thu ' ich das Meinige ; was der Himmel über uns verhängt , das wollen wir jederzeit geduldig und gern hinnehmen , - obgleich , « meinte er schmunzelnd , » das Bessere immer angenehmer ist ; und ich muß schon gestehen , wenn man seine Kinder liebt wie ich , so kann es einen hoch entzücken , wenn man Aussichten hat , daß es ihnen gut gehen soll . - An meinem Leben würde ich freilich nichts ändern , ich würde fleißig arbeiten , so lange es geht , und nur Sonntags mir ein kleines Vergnügen machen und wohlgekämmt nach meinen Kindern sehen , nach meinem Schwiegersohn - Herrn Arthur Erichsen . - Gott ! wie man in seinem Alter noch so kindisch sein kann ! « unterbrach der alte Mann seine Betrachtungen , die er aber doch nicht unterlassen konnte , still denkend fortzusetzen . Ja , der alte eitle Mann sah sich schon im saubern Anzuge , er hatte sogar Handschuhe an und trat in das Haus seiner Tochter , wo man ihn an einem gewissen Sonntag zum Mittagessen erwartete . Clara machte die Honneurs wie eine Prinzessin ; mit ihrem stillen , ruhigen und liebevollen Wesen entzückte sie ihren Mann , leitete die Dienstboten und hielt ihre kleinen Kinder in Ordnung , - ja , wir können es nicht leugnen , Herr Staiger hatte sogar die Verwegenheit , an Enkel zu denken . Diese Ideenverbindung leitete sich übrigens wohl aus dem Anblick seines eigenen Bübchens her , welches , um sich die Zeit zu vertreiben , bis zu dem großen Moment , wo es der Suppe gefällig wäre , überzukochen , allerlei sonderbare Zählübungen anstellte . Clara hatte ihm in den Abendstunden das Zählen von Eins bis Zehn beigebracht , auch , daß Eins und Eins - Zwei , Zwei und Eins - Drei sei , und das mischte er nun Alles auf die abenteuerlichste Weise durch einander . » Eins und Eins ist Vier , Fünf , Sechs und Eins ist Zehn , « sagte er und rief alsdann mit lauter Stimme : » aber jetzt , Papa , kocht sie über . Geschwind , geschwind , sonst zankt Clara ! « Damit sprang er abermals rückwärts , erinnerte sich aber glücklicherweise des hinter ihm stehenden Gaules , weßhalb sich der Zusammenstoß zwischen Beiden so gestaltete , daß das Pferd ein paar Schritte rückwärts flog zwischen die Füße des Herrn Staiger , der eilig näher kam und nun fast das Schicksal seines Sprößlings erlitten hätte . » Aber potz Tausend , Karl ! « sagte der alte Herr , » man muß auch hinter sich sehen können . Jetzt wirfst du mir dein Pferd auf die Füße und ich bin überzeugt , du machst wieder viel Lärmen um gar nichts . « » Aber es läuft schon aus dem Topfe heraus in den Ofen hinein , « erwiderte das Bübchen , » und das stinkt und Clara wird es riechen , wenn sie nach Haus kommt , und da werden wir Beide gezankt . « » Ja , da hast du Recht , « versetzte lachend der Vater , » und es thut weh , wenn Clara Jemand zankt . Nicht wahr , davor fürchtest du dich mehr , als wenn ich dich zanke . « » Ja wohl , « sagte der Kleine bestimmt . » Denn wenn Clara zankt , so habe ich etwas gethan . « » Und wenn ich zanke ? « » Oh ! « erwiderte das Bübchen , indem es die Hände auf dem Rücken zusammen