sie hinzu , » musste doch wissen , warum er mit seiner unendlichen Güte den Schwachheiten seines Bruders nachsah . Ich bin nur seine Erbin . Sein Wille ist meiner . « Das Spiel ging gut . Die Braunbiegler gewann . Das kühlt den Unmuth . Aber hinter dem Spieltisch ward das Gespräch etwas laut . Verschiedene Personen saßen an dem großen Trumeau , der die Spielgesellschaft in seinem Glase auffing . » Sie sind ja so munter , liebe Eitelbach ? « fragte die Lupinus hinüber . - » Der Regierungsrath erzählt uns allerliebste Kriminalgeschichten . « Fuchsius hatte einen dankbaren Hörerkreis . » Das ist noch gar nichts , « sagte er . » Dann wird Sie eine andere Geschichte , die ich in einer englischen Zeitung las , noch mehr interessiren . Auf dem Lande lebte ein Gutsbesitzer oder Friedensrichter mit seiner Frau , wahre Muster in Sittlichkeit und Wohlthun . Man stellte die beiden Leute wirklich als Exempel auf . Sie waren schon in vorgerückten Jahren und ohne Kinder und , da ihnen Alles glücklich ging , bedauerte man sie nur , wenn ein Gatte dem andern in jene Welt vorausgehen sollte . Der Mann starb zuerst . Es hieß , er hätte sich zu wenig Bewegung gemacht , der viele Staub seiner Bibliothek , den er eingeschluckt , hätte sich auf seine Lunge geworfen . « » Die arme hinterbliebene Frau ! « sagte die Eitelbach . » Frau Geheimräthin haben vergeben , « rief ein Spieler am Tisch . » Excus ! es flimmerte mir etwas vor den Augen . « » Sie ward auch allgemein bedauert , « fuhr Fuchsius fort , » ertrug aber ihr Schicksal mit wunderbarer Fassung . Sie lebte nur dem Gedächtniß ihres Mannes und führte mit großen Opfern Alles aus , was er angeordnet . Man betrachtete sie als eine Art Heilige . Da fügte es der Zufall , daß durch einen Gewitterregen der an einem Abhange gelegene Kirchhof von aller Erde losgespült und durch die Gewalt des Wassers mehrere Särge den Abhang hinuntergestürzt wurden . Darunter war auch der , worin der selige Friedensrichter lag . Er zerbrach , und mit Erstaunen sah man die wohl konservirte Leiche , als wenn er noch lebte . Von einer besondern Luft konnte es nicht herrühren , denn die andern Leichen waren zerstört . Man fand aber bald die untrüglichen Merkmale einer Arsenikvergiftung . Werden Sie es glauben , wenn ich Ihnen sage , daß es sich ermittelt hat , die eigene Frau hat ihn umgebracht . « Einem unterdrückten Schrei folgte eine lange Stille : » Aber wie ist denn das gekommen ? Warum denn ? Sie hat ihn ja so geliebt ! « rief die Baronin . Fuchsius , der mit übergebeugtem Leibe auf dem Stuhle saß , wie wohl Erzähler thun , die für eine lange Erzählung den gesammelten Stoff wie einen Faden aus sich herausspinnen , und dabei nicht rechts und links blicken , Fuchsius sah dabei unverwandt vor sich auf den Spiegel . » Gott sei Dank , das ist nicht möglich ! « rief die Eitelbach . » Aber ungleich interessanter , « fuhr der Rath fort , » und vollständig ermittelt ist , wie sie ihren Mann umgebracht hat . Können Sie sich das denken , sie puderte ihn , in dem Puderstaub aber war Arsenik . « Am Spieltisch war eine Störung . Der Geheimräthin waren die Karten aus der Hand gefallen ; sie sah blaß aus , ihr Kopf senkte sich . Das hatten aber die Wenigsten gesehen . Im selben Moment schon war der Legationsrath aufgesprungen : » Eine Maus ! « Er zog das Taschentuch ; damit fuhr er und schlug er an der Wand entlang , nach dem Boden . » Eine Maus , eine Maus ! « - Vergebens schrie Madame Braunbiegler auf : » Wir haben keine Mäuse ! « Es hatten noch Andre die Maus gesehen , denn worauf hätte sonst der Legationsrath sich so lebhaft geworfen ! Wie auch die Wirthin dagegen protestirte , in ihrem Hause seien nie welche gewesen , noch sollten sie sich je zeigen , sie kam in dem allgemeinen Allarm nicht auf , besonders als auch der Regierungsrath , an ihr vorüberstreifend , ihr zuflüsterte : » Sie müssen sich schon zufrieden geben , es war eine Maus , Madame Braunbiegler . « An der Thür sagte er halb für sich : » Eine Falle wird ja auch im Hause sein . « Die Baronin meinte , er gehe eine zu holen , als er sich unbemerkt im allgemeinen Aufstand entfernte . Es war ein verdrießlicher Aufstand , am verdrießlichsten für die Geheimräthin Lupinus , welche die Ursache gewesen , denn sie konnte nun einmal keine Mäuse sehen , ohne einer Ohnmacht nahe zu kommen . Aber wie schnell hatte sie auch jetzt sich erholt , sie war die erste , welche ihre Karten wieder in der Hand hielt : » Warum mussten Sie mich verrathen ! « schmollte sie mit einem eignen Blick zum Legationsrath . » Das Thier raschelte so ganz unerwartet zwischen Decke und Wand hervor . Was that das ! Die Gesellschaft wäre doch in ihrer Assiette geblieben . « Die Gesellschaft war wieder in ihrer Assiette , aber die Maus noch nicht fort . Man erzählte von andern bekannten Personen , die auch eine Idiosynkrasie vor Mäusen hätten . Auch Herr von St. Real ward erwähnt . Er spränge trotz seines Krückenstockes , wenn er eine wittere , auf Stuhl und Tisch . » Sprang ! « rief eine Stimme vom Spieltisch : » Ach , wissen Sie noch nicht , er ist todt , plötzlich am Schlagfluß gestorben . « - Ein allgemeines Bedauern , das sich in ein allgemeines wohlgefälliges Lächeln auflöste . Nicht der Kammerherr , sondern sein Onkel , der reiche Johannitercomthur Graf St. Real , war gestorben und sein Neffe Erbe seines Vermögens und seiner Titel geworden . Der Tribut allgemeiner Theilnahme ward dem unsichtbaren Erben gezollt . » Ach , ein so liebenswürdiger Herr , dem gönne ich ' s , « sagte die Wirthin . » Charmanter Kavalier , « schmunzelte ihr Kompagnon , der Baron . » Gefällig gegen Jedermann , hat noch die feinen alten Hofsitten . Wenn solchem Mann ein Glück zufällt , da kann man doch noch sagen , es ist Gerechtigkeit drin . Die Glückspilze sind mir zuwider . « Die Braunbiegler meinte , er wäre todt , und nun könnte man ihn in Ruhe lassen . » Wenn mir nu noch Ener kommt , « trumpfte sie auf den Tisch , » ob er todtig ist oder lebendig , des weeß ich , denn schmeiß ich die Karten fort . Zu ville ist zu ville . - Aber , Frau Geheimräthin , müssen Sie denn allemal vergeben ? « Der Bediente war eingetreten , offenbar mit einer Meldung , aber er schien zu zaudern , als er die Lupinus im Begriff sah , die wieder aufgenommenen Karten zu mischen . » Es ist draußen - es steht draußen - es will Jemand Frau Geheimräthin Lupinus sprechen . « - » Wir haben hier auch zu sprechen . « - » Der sagt aber , er muß absolut . « - » Na , wer ist es denn , Jean ? « - » Ich kenne ihn nicht , Madame Braunbiegler , - aber - aber er ist sehr dringend , er hat ein Schild auf der Brust und sagt , er muß partout . « Wandel hatte die Geheimräthin fixirt . Ein » à merveille ! « entstieg unhörbar seinen Lippen , als sie die Karten vor sich niederlegte und aufstand . Sie verzog keine Miene : » Ich kann mir denken , was es ist ; wahrscheinlich wegen eines Dokumentes aus meines Mannes Nachlaß , auf das eine auswärtige Behörde aus archivalischen Gründen einen Anspruch geltend macht . Es thut mir unendlich leid , daß ich abermals die Gesellschaft stören muß , hoffentlich nur auf einige Augenblicke . « Sie rückte den Stuhl zurück . Wandel reichte ihr den Arm und führte sie bis an die Thür . Ob und was er mit ihr gesprochen , weiß man nicht . Sie haben sich nicht wieder gesehen , heißt es . An der Thür blickte die Lupinus noch einmal über die Schulter , und die ihren Blick damals sahen , wollten ihn nie wieder vergessen haben . Mit einem Lächeln rief sie : » Ich bin am Geben , meine Damen , vergessen Sie es nicht und ich werde nicht wieder vergeben . « Es war eine peinliche Stille von einigen Minuten . Im Augenblick , wo man einen Wagen abfahren hörte , trat das Stubenmädchen ein , blaß , wie verstört : » Ach Gott , wissen Sie schon - « Die Sprache versagte ihr . » Was ? « - » Sie wird abgeführt - sie ist kriminalisch - « die Thränen stürzten dem Mädchen aus den Augen . » Ach Gott , ach Gott ! daß solchen Leuten auch so was passiren muß . Die gute Frau Geheimräthin ! « - » Unmöglich ! - Ein Mißverständniß ! « Die Karten fielen , die Stühle und die Tische rückten . Ueberall blasse Gesichter . Mehrere Herren waren hinausgeeilt . Der Baron Eitelbach kam aber schon hereingestürzt . Es ist eine fatale Wahrnehmung für unser Humanitätsgefühl , aber es steht unstreitbar fest , mitten aus diesem Humanitätsgefühl schießt oft eine kannibalische Lust , wenn wir ungewöhnliches Unglück , von äußerem Schrecken begleitet , hören . In das Bedauern für die Leidenden mischt sich ein wollüstiger Kitzel . Es ist nicht immer Schadenfreude , oft nur die Freude , aus dem Alltäglichen heraus in die Regionen des Ungewöhnlichen uns versetzt zu sehen . Hören wir , daß es nur blinder Lärm war , kein Feuer , eine Mystifikation , so werden wir still . Wir äußern vielleicht ein Gott sei Dank ! Aber ganz recht ist es uns nicht , daß die wunderbare Aufregung ohne Resultat geblieben . » ' S ist richtig ! Wissen Sie ' s ? « schrie der Baron . » Um des Himmels Willen , was ? « - » Sie hat ihrem Mann Rattengift gegeben . - Die Leiche ist heimlich ausgegraben - secirt . O wir werden noch mehr hören . « Die Wirkung auf die Gesellschaft zu beschreiben , unternehmen wir nicht , die aufgerissenen Augen , die bleichen Gesichter , die Taschentücher , die Eau de Cologneflaschen . Die » Unmöglichkeit ! Es ist Verleumdung ! « welche zuerst von den Lippen brachen , verstummten allmälig . Es kamen immer Mehr zurück , die es bestätigten , neue Details angaben . Die hatten die Gerichtsdiener , Andere Fuchsius , einen Kriminalrath , einen Gerichtsarzt gesprochen . Die Gesellschaft war aufgelöst ; die Nachrichten wuchsen mit den Vermuthungen . Sie hatte nicht nur ihren Mann vergiftet , auch die Kinder , ihre Dienerschaft . Sie war eine Giftmischerin aus Profession , eine Brinvilliers . Sie hatte aus einer Apotheke alles Rattengift aufgekauft . » Daher kann sie keine Mäuse und Ratten sehen . « Eine Dame entsann sich , daß sie einmal eine ganze Schule zu sich gebeten und traktirt , und die Kinder waren nachher krank geworden . Sie hatte die ganze Schule vergiften wollen , das war keine Frage . Wir wissen nicht , ob in derselben Gesellschaft , aber am selben Abend schon erzählten Einige , daß die Lupinus die Intention gehabt , ihre Nachbarschaft , ja die ganze Jägerstraße aufzuräumen . » Und in unserer Stadt ! - In dem aufgeklärten Berlin ! - Man wird es auswärts nicht glauben . - Aber wir werden noch mehr hören . « Nachdem Madame Braunbiegler sich vom ersten Schreck erholt , war sie die aufgeregteste , wenigstens die lauteste : Wenn man sie nur gefragt , sie hätte es längst gewusst - nein , das freilich nicht , aber vorgeschwant hätte es ihr , daß es so oder so etwa kommen werde . Und der Frau hätte sie ja nicht um die Ecke getraut ; so etwas Maliciöses im Gange und den Fingerspitzen , in den Locken und Lippen , und die cachirte Vornehmheit ! An ihrem Gesichte konnte man ihr die Giftmischerin ansehen . Und wenn sie nur Den wüsste , der sie ihr zuerst ins Haus gebracht ! War dies vielleicht die arme Baronin ? Sie saß über ihren Stuhl gelehnt wie ein Bild des Entsetzens , blaß mit weit aufstarrenden Augen , sprachlos . Es war ihr Vieles im Leben begegnet , sie hatte einmal geglaubt , noch vor Kurzem , was sie dulden müsse , das dulde Keiner außer ihr , aber das , was sie jetzt erlebt , war mehr , es war zu viel . Sie hatte dafür keine Sprache , vielleicht auch keine Gedanken . Die Lupinus galt ihr , und war ihr immer vorgestellt worden als ein Muster von feiner , edler Bildung , von Herzensgüte und Verstand , das sie zwar nicht erreichen , aber auf das sie zur Nacheiferung , blicken , woran sie sich halten könne . Und glaubte die Eitelbach nicht , daß sie schon eine Andere , Bessere geworden ! Hatte sie nicht erkannt , woran es ihr fehle , hatte sie es in einem gerührten Augenblicke nicht geradezu ausgesprochen , und die Lupinus hatte ihre Hand auf sie gelegt und mit herzgewinnender Güte gesagt : die einfältigen Herzens sind , denen ist das Himmelreich offen ! - Und ja , sie war es wirklich , welche die Lupinus zuerst mit der Kompagnonin ihres Mannes bekannt gemacht hatte . Da brach es heraus . Schmerz , Aerger , Wuth : » Herr Gott , wenn die ' ne Giftmischerin ist , was sind wir dann Alle ! « Der Legationsrath Wandel schien in dieser fürchterlichen Scene nicht die Fassung behalten zu haben , welche er in allen Lagen des Lebens an den Tag gelegt . Das Unglück einer theuren , langjährigen Freundin musste auch ihn momentan erschüttert haben . Er war wenigstens für die nächsten Minuten nicht ganz Herr seiner selbst . Er saß auf einem Stuhle , den Rücken der Gesellschaft zugewandt . Sein Kopf sank über . Plötzlich aber stand er auf , und trat in die Mitte des Zimmers . Sein Auge leuchtete , indem er die Anwesenden überschaute , ein hochmüthiger , fast verächtlicher Ton in seiner gehobenen Stimme : » Und wer sagt - ich frage , wer wagt die Frau , welche man aus unserm Kreise geführt , eines Verbrechens anzuklagen ! Hat Jemand von Ihnen Beweise ? Liest man in ihrem Herzen ! Wer , ich frage , traut sich zu , auf bloßes Geschwätz , Vermuthungen hin , ein Urtheil über eine Dame zu fällen , die als ein leuchtendes Exempel von Tugend bis da in unserer Mitte stand ? Wer ? wiederhole ich , fühlt sich so reinen Herzens , um den Stein auf sie zu werfen ! - Warum senken Sie die Köpfe ? - Wie ! Weil die Dienstleute ein Gerücht hereintrugen , ungebildete Gerichtsdiener , übereifrige Beamte sie verhaftet , vielleicht auf ein bloßes Mißverständniß , eine Verwechslung - Kommt das nicht vor ? Giebt es nicht Justizmorde ? - Wie , darum verdammen wir Die , die Sie Alle durch lange Jahre mit Bewunderung , Respekt betrachtet , die uns galt für ein Wesen höherer Art ! Diese Bewunderung für ihre guten Eigenschaften , der Eindruck , den sie unwillkürlich auf uns Alle geübt , wäre erloschen , fortgewischt durch ein einziges Wort ! O mein Gott , lassen Sie mich nicht so schlecht von uns Allen denken , daß ein unbesonnenes , überhastetes Wort die Thaten eines ganzen Lebens verlöschen könnte - « » Aber - « fiel ihm Jemand ins Wort . Wandel ließ ihn nicht zu Worte kommen . » Sie haben Recht , der Schein ist gegen sie . Ich vermesse mich auch in keiner Art hier Richter zu sein , noch ableugnen zu wollen , was etwa von emsigen Polizeibeamten zu Protokoll gegeben ist . Nein , von solcher Anmaßung bin ich weit entfernt . Aber meine verehrten Freunde , hüten wir uns Schlüsse zu ziehn aus dem , was scheint , was wir vermuthen . Wollte ich meinen Vermuthungen nachträumen , dem Scheine trauen , der eben wie ein Blitz vor mir aufzückt , ich müsste zum Ankläger werden gegen die edelsten Männer , die lautersten Charaktere Berlins . Sie traute keinem Arzte mehr , sie glaubte ihre Schwächen durchschaut zu haben , sie nannte sie insgesammt Charlatane ; das wussten Heim , Selle ; Mucius hat es auch gewusst . Sie präparirte sich selbst ihre Hausmittel , sie hatte sich eine kleine Apotheke von Herrn Flittner verschafft , wie ich ihr auch abrieth und vorstellte , daß es zu Mißdeutungen eben von Seiten der Aerzte führen könne . Es hat dazu , meine Herren , geführt , man hat Urtheile über sie ausgesprochen , die ich nicht wiederholen will . Wie nun , wenn ich diesem Schein nachginge , argumentirte : sie war eine sehr kluge Frau , die tiefer sah als Andere , darum waren Die , denen sie ins Handwerk schaute , ihre gebornen Widersacher , die ihr auf den Dienst lauerten , jede ihrer Handlungen mißdeuteten ; diese Aerzte sind es , die , weil sie dieselben vom Todtenbette ihres Gatten fern gehalten , weil sie dieselben beleidigt , verhöhnt , an Ruf und Praxis geschädigt , sie sind es , welche den Verdacht gegen die Unglückliche ausgestreut , bis andere daraus eine Denunciation gebildet . O nein , meine Freunde , ich unterdrücke diese Vermuthung , und noch andere , ich versichere Sie , Vermuthungen , die einem Andern als mir zu Schlüssen würden . Nein , sie steht mir zu hoch , als daß ich ihr helfen sollte durch das Verderben Anderer . - Sie wundern sich über meinen persönlichen Eifer . Nun wohl denn , wenn Ihnen die Entrüstung eines Edelmanns über das Unrecht , das man einer edlen Frau anthut , nicht Grund genug ist , so habe ich keinen , unter so nahen Freunden zu verschweigen , daß meine Achtung und Bewunderung für Madame Lupinus mich nach dem Tode ihres Gatten trieb , um ihre Hand zu werben . Ich sprach es noch nicht aus , um ihre Gefühle zu schonen , aber schon bei einer bloßen Annäherung kam sie schonend , doch mit einer Würde mir entgegen , die alle meine Hoffnungen zurückwies . Sie gehöre dem Todten wie einem Lebenden an , und nichts dürfe sich zwischen sie und diese heilige Erinnerung drängen . Brauche ich Ihnen zu sagen , wie ich diese heilige Empfindung verstand und ehrte , da Jeder von Ihnen weiß , daß ich seitdem ihr Haus nicht mehr betrat . Und diese Frau wagt man zu beschuldigen , daß sie Hand gelegt an das theure Haupt ihres Verewigten ! Diese Mittheilungen bin ich dem Kriminalgericht schuldig . Ich werde sie machen und zum Richter sprechen : Untersuchen Sie streng , das ist Ihre Pflicht , aber erlauben Sie mir auch , eine moralische Ueberzeugung vor Ihrem Stuhle auszusprechen . Möglich ist Alles , aber nur Die , welchen die Sünde in ihrem ersten Stadium , im Argwohn und Neid gegen die Besseren und Glücklichen , genaht ist , werden die Beschuldigung aussprechen , sie werden ein Behagen daran finden sie zu glauben , eine edle , reine Seele wird die Worte ausrufen , welche mir vorhin ins Ohr klangen : Wenn sie eine Giftmischerin ist , gütiger Gott , was sind wir dann Alle ! « Der Eindruck der Rede war groß . Er hatte seinen Hut ergriffen , sich gegen die Gesellschaft verneigt , am tiefsten gegen Madame Braunbiegler . Die Gesellschaft verstand die Bedeutung . Trotz des allgemeinen Schauers , trotz der Unruhe des Aufsbruchs , denn die Meisten nahmen Abschied , bewunderte man den ritterlichen Mann , welcher so der Ehre einer Frau sich annahm , die ihm den Korb gegeben ! Und seine hohe Gestalt , sein tiefglühendes Auge unter einer Stirn , die sich im edlen Zorn immer höher zu wölben schien ! So hatte man ihn nur gesehen , als er im Hause der Obristin als Retter auftrat . Niemand schien vergnügter als Baron Eitelbach , er hätte , als Beide im Vorzimmer sich begegneten , dem Legationsrath um den Hals fallen können : Seine Frau übernahm es statt seiner . Eine Thräne glänzte in ihrem schönen Auge , als sie , vom Arm ihres Mannes sich losmachend , ihre Hände auf seine Schultern legen und , auf den Zehen sich erhebend , einen Kuß auf seine Stirn hauchte : » Eine schöne That verdient eine Belohnung . Eigentlich , daß Sie ' s wissen , habe ich Sie nicht leiden können - Sie sind ein guter Mensch , das wusste ich , aber es war mir doch immer daneben , als wenn sie ein schlechter Mensch wären - heute aber nein , Sie sind gar kein Mensch nicht , heute waren Sie wie ein Gott . « Schade , daß die schöne Scene durch ein kreischendes Gelächter unterbrochen ward . Nicht das des Barons , der nur etwas » grinste « und sich vor Schadenfreude die Hände rieb , sondern gespornte Stiefel polterten die Treppe herauf , und der Rittmeister schrie schon von draußen sein : » - Tralirum la ! Krieg ! Krieg ! Ausmarschordre ! - Laforest kriegt seine Pässe ! « Es war ein Intermezzo , das überhaupt zu dem , was hier geschehen , nicht stimmte : Trompetengeschmetter , das einen Choralgesang , die Trauermusik eines Grabeszuges unterbricht . Glühte sein Gesicht nur von der Freude oder auch vom Wein ? Gleichviel , es glühte und er war trunken . Er fiel um den Hals , wer ihm in Weg trat . » Krieg ! es geht los ! « begleitete den Kuß . Er hatte den Baron Eitelbach so umarmt , er drückte auch der Baronin seinen Bart und seine Lippen an die Wangen . Nur vor der aufrechten Gestalt des Legationsraths wich er zurück , um den General-Stabs-Chirurg Görecke ans Herz zu schließen . Herr von Wandel glaubte einen schmerzlichen Zug um die Augen der Baronin zu sehen . Er flüsterte ihr ins Ohr : » Nicht verzweifelt , meine Freundin . Man muß in solchen Momenten der Aufregung auch einer Rohheit nachsehen , die unter anderen Umständen unverzeihlich wäre . - Er kann sich bessern , obgleich - doch es kommt eben darauf an , ob er ein Diamant ist , oder nur ein Kieselstein . « Neunundsiebenzigstes Kapitel . Wir werden Alle Blut sehen müssen . Die blaugraue Dämmerung eines Nebelmorgens drang noch kaum durch die von der innern Wärme angeschlagenen Scheiben in das Zimmer der Fürstin , als diese im Negligé aus ihrem Kabinet trat . Wandel , der hinter ihr die Thür schloß , war schon fertig angezogen . Er sah blasser als gewöhnlich aus und schlang ein wollenes Tuch gegen die Morgenkälte um den Hals , ehe er sich anschickte , den Mantel umzuwerfen . Die Fürstin wies auf die Thür zur Hintertreppe : » Sie können durch den Gartensalon . Adelheid schläft schon seit gestern nicht mehr hier . « - » Der Abschied von der Tugendprinzessin war wohl sehr rührend ? « Die Gargazin sagte nach einigem Besinnen : » Ja - ich habe geweint . « Was sie noch sagen wollte , verschluckte sie . » Tant mieux , Madame , sie kann uns nun protegiren . Le temps se change , mais pas les hommes . « - » Ich wünschte , Sie changirten , « sagte die Fürstin ernst . » Hat Sie der Anblick des jungen Mädchens nie gerührt ? Zuweilen - wenn ich sah , wie alle Verlockungen und Verführungskünste von ihr abglitten - ja , zuweilen überkam es mich , ob sie nicht in einem unmittelbaren Schutze stehe . « - » Die Hand des Schutzengels , den der Himmel ihr gesandt , drück ' ich jetzt an meine Lippen . Au revoir ! Uebrigens habe ich ja auch ein wenig den Engel agirt . « Die Gargazin riß die Hand zurück und ihr strafender Blick hätte ihn zum Schweigen auffordern sollen , aber er schwieg nicht : » So war uns die Rolle des Verführers zugewiesen . Jede Rolle ist gut , wenn man sie nur gut spielt . - Sie schaudern , es ist ein frostiger Oktobermorgen . Sie werden sich erkälten , Sie sollten sich wieder zur Ruhe legen . « - » Ich schaudre , doch ich friere nicht . « Er sah verwundert , als sie nach der Klingelschnur griff . » Ich will nach der Hedwigskirche . - Wenn Sie gesündigt , fühlen Sie dann nie das Bedürfniß , Ihr Herz auszuschütten ? Haben Sie gar keine Empfindung , keine Ahnung davon , welche Erleichterung , Wohlthat es ist , so belastet und gedrückt sich in den Staub zu werfen , und im Bekenntniß , in der Beichte zu den Füßen eines plénipotentiaire der Allmacht alles das niederzulegen , und jeden Winkel in uns auszukehren ? « » Ich begreife es - ich begreife es vollkommen ! « - » Und Sie verschmähen die Wohlthat . « - » Was dem Armen ein Schatz ist , wirft der Reiche oft aus dem Fenster . « - » O Sie reicher Mann ! « Es war ein böser , aber scheuer Blick . » Weil sie so gewaltig stark sind . Weil Sie die Schwäche nicht kennen ! - Ich hätte Sie von Anfang an hassen müssen - « » Aber Sie wollten mich bekehren , darum erbarmten Sie sich meiner und liebten mich . « - » Nein ! - Eigentlich bewundere ich in Ihnen die Allmacht der Natur . Wie es möglich war , ein Geschöpf in Menschengestalt ohne Blut und Herz zu bilden ! Sie waren mir neu , interessant , ich wollte Sie studiren . Ich klopfte an , ob nicht irgendwo eine schwache Seite herausklinge - aber kalter Marmor von außen und noch kälter von innen . Ich fragte mich , was bewegt denn diesen Block , den irgend ein Dämon aus dem kalten Gestein loshieb und gemeißelt ins Leben setzte , mit täuschender Menschenähnlichkeit , aber er ward kein Mensch . « - » Einige wollten behaupten , der Egoismus sei es allein , der diesen - Marmorblock in Thätigkeit bringt . « - » Aber die Lichter des Himmels blitzen Sie doch an , die Töne der Natur finden in Ihnen einen Widerhall . Es rauscht und strahlt zuweilen so harmonisch heraus , daß Sie blenden , berauschen , verführen . Sagen Sie , ist das Alles nur der Reflex eines Spiegels , den selbst nichts rührt ? Haben Sie keine Seele , oder ist sie wie das Meer am Eispol , eingefroren seit ihrer Schöpfung ? « » Viel näher , theuerste Freundin , läge doch der Vergleich mit dem Dämon , den der große Dichter ins Leben rief . Warum so ungeheuer weit suchen im Chaos des Möglichen und Unmöglichen , statt Goethe ' s Mephistopheles zu citiren ? Die Ehre erzeigten mir Andere , sie nannten mich den Geist , der immer verneint . Höflichere hatten sogar die Freundlichkeit , den Schalk in mir zu wittern , von dem es dort heißt , daß unter allen Geistern , die verneinen , er dem Herrn der Schöpfung am wenigsten verhasst sei . Doch das lass ' ich auf sich beruhen , es ist Geschmackssache , wie Alles in der Welt , Antipathieen und Sympathieen . Was sich anzieht , was sich abstößt , es ist Alles ein Spiel der Laune , die wir nicht ergründen , der Kern des Kernes , die Ursach der Ursach , nach der die schöne Königin Charlotte selbst einen Leibnitz umsonst fragte und quälte . Nein , danach müssen wir nicht grübeln , um Gottes willen ; wir Alle sind ja nach Ihrem Glauben - Erwählte oder Verstoßene , denen die Gnade leuchtet , oder es blieb in ihnen finster . Haben Sie doch Erbarmen mit solchem Finstergebliebenen , er kann ja nicht für seine Maulwurfsaugen , noch daß sein Blut so kalt blieb als das arktische Meer . Wenn Sie da weiter fragen wollten , hohe Frau , auf welche Fragen stießen Sie , Räthsel , die selbst Ihr Glaube , der Berge versetzt , nicht löst . Zum Exempel , warum gab der Panurg sich die Mühe , Meer da oben am Nordpol zu schaffen , wenn es sofort zu Eis erstarrte ? Wir Skeptiker würden fragen , warum schuf er nicht sogleich Eis ? es wäre doch einfacher , bequemer , consequenter gewesen , Was hat dies arme Salzwasser verschuldet , daß es die schmerzliche Metamorphose erduldete ? Muß es wie ein neugeboren Kind , die Sünden seiner Erzeuger büßen ? und warum büßen in alle Ewigkeit , denn bis nicht ein Komet an diese alte Erde stößt , der Weltenbrand alles verzehrt , wird dies unglückliche , verzauberte Wasser doch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erlöst . « » Der Weltenbrand ! « rief plötzlich die Fürstin auf , und ihr Gesicht glühte . Nicht die Wärme von innen , es war eine Purpurgluth , die von Außen daran schlug . Die Sonne war aufgegangen , die Wolken zerrissen , eine unförmlich große Feuerkugel tanzte im Dunstlicht . Aber bald sah man sie nicht mehr vor der Färbung , die sie dem ganzen Dunstmeer mittheilte . Das Firmament schien Feuer . Das Zimmer , eben noch im unheimlichen Grau , war von rothem Gefunkel übersprenkelt . Rasch hatte die Wirthin das Fenster aufgerissen , und