, die er behaupten mußte , wenn er in einem solchen Arbeiterstaate der Herrscher bleiben wollte . Von uns hier steigt Niemand über fremde Zäune ! rief er . Hinaus hier ! Danebrand aber ging nun zu Herrn Willing näher heran und sagte : Herr Willing ... ich habe ... Herr Willing ... ich habe im Buckel einige Knochen zu viel , ... ich will ihr helfen . Was ? Danebrand ! rief Louise freudig und sprang wie neubelebt empor von einem Sessel , den ihr die Arbeiter näher gerückt hatten . Willing sah auf Danebrand , der ihn treuherzig anblickte , voll Zorn ... Danebrand fuhr getrost fort : Nicht einmal um dich , Louise ! Deine Thorheit zerreißt mir das Herz . Aber unser guter Maler , der hat gesagt , wer in der Nacht wandelt , den treibt der Teufel auf die Dächer , aber ein Engel kommt vom Himmel und hält seine Hand über ihn , daß er nicht falle ... Damit griff er langsam und wie verstohlen hinterrücks nach einer eisernen Stange , die in der Nähe stand , und sie plötzlich mit der ganzen Gewalt seiner Muskelkraft über ' m Haupte schwingend , rief er : Wer will uns was ? Dann aber , wieder wie bittend sprach er : Herr Willing ! Willing wandte sich ab . Nun stürzte Danebrand zur Thür hinaus , über den Hof und rannte wie ein Besessener davon . Louise folgte ihm , wie ein Blitzstrahl so rasch ihn überholend , um ihm den Weg zu zeigen ... Willing schüttelte den Kopf und sagte seine Erschütterung verbergend den Andern Gute Nacht ! Ackermann , Selmar und Leidenfrost , bewegt von der aufregenden , unerwarteten Scene , setzten sich auf den Wagen und fuhren hinaus in die Nacht und mit dem aufrichtigen Wunsche , daß Danebrand ' s edle Selbstbeherrschung umsomehr von einem glücklichen Erfolge belohnt sein möchte , als das allerdings in ziemlich zweideutigem Lichte hier auftretende Mädchen ohne Zweifel durch Zärtlichkeit und Mitleid an Hackert gebunden war und nicht so aussah , als würde sie ihr Herz einem Manne schenken , der nicht noch die Bürgschaft einer besseren Entwickelung bot . Alberti aber und Heusrück legten sich nieder auf die Matratze . Als sie gesehen hatten , daß Herr Willing , nachdem er noch Geld und Papiere in ein Portefeuille gesteckt , es dann mit sich genommen hatte und in einem entlegenen Wohngebäude das Licht eines kleinen Fensterchens ausgelöscht , sich also zur Ruhe begeben hatte , schlichen sie hurtig , sich auch mit Eisenstangen bewaffnend , ihrem Kameraden an den hintern leicht zu übersteigenden Zaun der Fortuna nach . Nicht um den Nachtwandler ist ' s ! sagte Alberti . Aber um den guten Schleswiger wär ' s doch Schade , wenn es zum Kampf käme und er ohne Hülfe bliebe ! Zwölftes Capitel Jeannette Louise Eisold hatte Danebrand alle die Zeichen mehrmals wiederholt , die sie ihm geben wollte , wenn die drohende Gefahr wirklich herangekommen wäre . Danebrand kauerte inzwischen , ohne Vorwurf , aber auch ohne ein weiteres Wort zu sprechen , mit seiner Waffe am Rande des Fortunagartens , wo ein niedriger Schuppen leichter zu ersteigen war als das Einfassungsstacket . Dann flog Louise triumphirend und fast lachend vor Schmerz und doch innerster Befriedigung mit Windeseile an den vorden durch mehre Gäßchen abgesperrten Eingang der Fortuna zurück und reichte - unterwegs ihr Costüm wiederherstellend - an der Kasse die empfangene Contremarke hin . Sie hatte Hackert , der sie noch immer nicht kannte , nicht wieder aus dem Saale , wo er mit Andern in toller Raserei und mit den kunstfertigsten Schwenkungen und Figuren tanzte , herausbringen können . So sehr sie sich dagegen sträubte , ihm eine Theilnahme und Liebe zu verrathen , die er selbst nur geringschätzte , hätte sie sich ihm dann doch vielleicht entdeckt . Hackert war ihr freundlich zugethan , hatte ihr oft Beweise von Dankbarkeit und Neigung gegeben , herzte sogar in stillen und ergebenen Momenten ihre kleineren Geschwister , aber im Übrigen waren seine Gedanken so weit von dem stillen , beschränkten Leben seiner Wirthsfamilie entfernt , daß er sich unter der rothen Dame jede andere seiner frühern Bekanntschaften dachte , nur nicht seine Wirthin und sittsame Nachbarin . Als er die blaue Begleiterin am Arme des Soldaten erblickte , mochte er glauben , die ihn neckende rothe Freundin derselben hätte sich entfernt ... Der junge Militair war ein freundlicher , gefälliger Mann . Er sagte seiner ängstlichen und noch immer vor der grünen Brille , die sie wie die Schlange umzirkelte , wie ein Vögelchen zitternden Begleiterin , daß er Heinrich Sandrart heiße , aus dem Ullagrunde bei Plessen und heute zum Sergeanten befördert wäre . Die Gewohnheit eines dann bewilligten freien Tages hätte er einmal , nachdem er drei Jahre lang nicht getanzt , zu seinem Vergnügen , nicht zum Trinkgelage mit seinen Kameraden benutzen wollen . Die kleine Blaue hörte mit Interesse zu , konnte sich aber nicht entschließen , ihre weiße Maske anders , als in der Dunkelheit des Gartens abzunehmen . Heinrich Sandrart war in den Fragen nach den Ursachen ihrer Ängstlichkeit zwar nicht zurückhaltend , denn der Anblick der schönen Augen und der reizenden Jugendfrische des kleinen Mädchens zog ihn nur noch mehr an ; allein in dem Verlangen nach Gunstbezeugungen gab er sich so sittsam und wohlerzogen , daß die kleine Blaue ihn zu ihrem Schutze gern am Arme duldete und sich nur mit Ängstlichkeit nach der plötzlich verschwundenen Louise Eisold umsah , durch die sie veranlaßt worden war , diesen gefährlichen Boden zu betreten und die sie nun verlassen hatte ... Im Saale wollte Heinrich Sandrart , die kleine Blaue am Arm , noch einmal versuchen , ob man nicht die rothe Freundin entdecken könnte . Es war gerade eine Pause im Tanze eingetreten . Man besprengte den Fußboden , um den immer lästiger gewordenen Staub niederzuhalten . Während sich das Orchester selber ruhte , gingen die Paare Arm in Arm in der Runde da spazieren , wo sie der Strahl des wassersprengenden Dieners nicht treffen konnte . Dabei wurden die Spiegel an den Wänden zu flüchtigen Musterungen der dérangirten Toiletten benutzt , tafftne Blumen am Haar wieder in Ordnung gebracht , aufgegangene Schleifen auf ' s neue gebunden . Viele auch verloren sich in den Nebensälen , um Herrn Hitzreuter ' s vielversprechende Speisekarte auf die Probe zu stellen . Eben erzählte Heinrich Sandrart seiner im Saale wieder maskirten Freundin , daß er der Sohn eines wohlhabenden Bauern aus jenem Ullagrunde bei Plessen im Hohenbergischen wäre , einen guten Schulunterricht genossen hätte , die Landwirthschaft aus dem Grunde verstände , lieber aber im Waffendienste bleiben wolle , zumal wenn man unter einem so trefflichen Offizier stände , wie sein Bataillon , das der Major von Werdeck befehlige , als ein Schwarm junger , eleganter Cavaliere ihnen begegnete ... Sandrart gerieth etwas in Verlegenheit , als er unter ihnen den Leutnant von Aldenhoven , den Rittmeister von Asten , einen Herrn von Thielo , von Konnewitz und viele andre Offiziere in Civil erkannte , von denen wenigstens der Erste , da er zu Werdeck ' s Bataillon gehörte , ihn genau kannte . Guten Abend , Sandrart , redete ihn dieser an . Blitz , was hast du da für einen verschleierten blauen Nachtschmetterling ? Herr Leutnant von Aldenhoven , sagte Sandrart mit einigem gereizten Nachdruck , ich bin heute Sergeant geworden . Es hatte ihn vor seiner Begleiterin gekränkt , noch mit einem » du « angeredet zu werden , das man selbst als Gefreiter von seinem nächsten Vorgesetzten nicht gern hört , so » vertraulich « es klingen mag . Ah ! gratulire Ihnen ! war Aldenhoven ' s etwas hämische Antwort , der den Stich wohl verstand . Nun fing aber Rittmeister von Asten , Leutnant von Salza und andre der jungen von Champagnerlaune montirten Cavaliere an , der blauen Begleiterin des Unteroffiziers , die so elegant gekleidet war , zuzumuthen , sie müsse die Maske abnehmen . Wer schön sei , verrathe es auch . Sie wollten die künftige Frau Sergeantin sehen und schon zerrten sie an des armen geängstigten Mädchens Maske , als Sandrart seine Schutzbefohlene zurückriß und sich vor sie stellte , um jede weitere Gewaltthat zu verhindern . Meine Herren , rief er , aufgereizt , wir sind nicht im Dienst ! Ah ! Sandrart , sagte Aldenhoven . Sie sind auch Demokrat und wollen keinen Gehorsam außer dem Dienst ! Bei Major Werdeck nicht anders zu erwarten ... Es lag in diesen Worten allerdings nur flüchtiger Scherz ; auch daß alle andern Militairs lachend sagten : Was ? Ein Demokrat ? und dabei den Ton auf Das Wort : » Gehorsam außer Dienst « legten , auch das war mehr aus heitrer Laune ; allein wenn einmal im menschlichen Gemüthe eine Saite verstimmt ist , so kann sie ohne Gefahr auch nicht einmal im Scherze berührt werden . Sandrart rief , als Aldenhoven dennoch nach der Maske seiner Begleiterin greifen wollte , mit festem und gebildetem Tone : Ich verbiete Ihnen , Herr Leutnant , diese Dame zu demaskiren ! Unter solchen Umständen mußte man wol von Glück sagen , daß ein zweiter eben vorüberziehender Zug diese Verwirrung auf heitre Art löste . Ein junges übermüthiges Mädchen , das in der einen Hand ein Champagnerglas hielt , griff im Vorübergehen lachend mit der andern nach der Maske der kleinen Blauen und während noch die Offiziere sich auf den kecken Ton Heinrich Sandrart ' s ansahen und eben entschlossen schienen , mit ihm eine andere Sprache zu reden , machte der Ausruf des Erstaunens : Fränzchen Heunisch ! der Spannung ein Ende . Jeannette war es , Melanien ' s heut ' Abend entlassenes Mädchen . Sie hatte Fränzchen Heunisch ' s Maske in der Hand und die kleine Blaue , unsers guten und auf die Sittlichkeit seiner Nichte so tief vertrauenden Försters von Hohenberg ganze Hoffnung , bis hundert Klafter tief unter die Erde beschämt . Das Erröthen , die Verzweiflung Fränzchens half da aber nichts . Jeannette führte sie an einem Arm , Sandrart am andern und der lust ' ge Zug , mit dem jene gekommen war , sprengte die ganze Gruppe auseinander . Die Offiziere fanden die Kleine allerliebst , schienen aber die Keckheit des Sergeanten nicht weiter beachten zu wollen , da inzwischen schon wieder neue Gegenstände ihre Aufmerksamkeit fesselten . Nur Aldenhoven sah ihm lange nach und sprach mit Thielo und Konnewitz über das Thema der Disciplin und die » Mannschaften « des Majors Werdeck , die sie » demoralisirt « nannten . Aber du Duckmäuserin ! rief jetzt Jeannette , in der der Geist des Tanzes , der Musik und des Zorns wirbelte . Du frommes Mutterlämmchen , wie kommst du Sünderin denn hierher ? Fränzchen Heunisch machte hundert Gebehrden , um sie zu bewegen , stille zu sein ; sie wollte die Maske zurückhaben , um sich zu verbergen ... Dummes Zeug ! sagte Jeannette ; wer kein Gesicht von Tannenzapfen hat , glatt und hübsch ist , wie wir , der soll sich zeigen allen Leuten zur Lust ; nicht wahr Ernst ? Ernst von » Geheimraths « bestätigte diese Meinung und erklärte auf ein eifersüchtiges Befragen der Lore Wandstabler , daß er das junge Mädchen nicht kenne ... Die Wandstablers aber , die in die Falle gegangen waren , die beiden Bedienten als Begleiter angenommen hatten und nach mehrmaliger Trennung von ihnen , in der Hoffnung andere Gesellschafter zu finden , doch auf sie zurückkommen mußten ; die Wandstablers kannten Fränzchen , ihre Cousine , sehr wohl ... Sie kicherten , ohne sich sogleich dem armen Täubchen , das sie einmal so heftig erschreckt hatten , zuzuwenden . Die Fränz ! Die Fränz ! sagten sie und steckten verwundert die Köpfe zusammen . Ja , ja , schäme dich nur , begann die durchtriebene Jeannette zur Nähterin , die heute früh noch so schwärmerisch über die Tugend philosophirt hatte , jetzt kommen wir hinter deine Schliche , du Tugendspiegel ! Hier Herr Sergeant , festgehalten ! Drinnen steht unser Tisch -runde Tafel - Couvert zehn neue Groschen - holen Sie nur Ihre Mutterpfennige hervor , Landsmann ! Fränzchen muß trinken lernen ! Und dabei flüsterte sie der Zitternden zu : Dein Franzose ist ja nicht hier ! Sei doch lustig ! Ich verrathe nichts . Fränzchen ließ Alles willenlos geschehen . Sie hätte in die Erde sinken mögen . Sie konnte nicht Widerstand leisten , daß man sie und Sandrart in die Restauration zog und ihr einen Platz an einem mit Tellern und Gläsern besetzten Tische gab , wo sie noch Manchen antraf , der zur Gesellschaft gehörte , unter Andern den Kutscher Neumann , einen mürrischen , widerlichen Menschen mit fuchsigem , fast bis in ' s Auge gezogenen Backenbart , Ringen im Ohr und ein paar ungeschlachten rothen Händen . Sie wußte , daß Jeannette überall Liebschaften , aber Neumann als wirklichen Verlobten für die künftige Ehe hatte . Hier , Herr Sergeant , Sie rechts , sagte Jeannette und placirte die Neuangekommenen ; du hübscher Fratz , links bei deiner Cousine Dore ? Oder willst du lieber bei der Lore ? Die Flore ist nicht da , obgleich dich Die am liebsten hatte und bei der Durchlaucht dein Glück wollte , Närrchen ; hier hergesetzt und sich ausgesöhnt mit den Fräuleins Wandstabler ! Und dabei flüsterte sie ihr in ' s Ohr : Halt ' dich tapfer ! Die haben schon deinen Franzosen auf dem Strich . Dieser Wink machte in der That , daß Fränzchen aufschreckend etwas wieder von Besinnung und Geistesgegenwart gewann . Wußte sie doch nur zu gut , daß die schlimmen Cousinen das Glück hatten , jetzt täglich mit Louis Armand in Einem Hause , vielleicht in Einem Zimmer zu sein , und wie die Liebe Jedem , auch dem schwächsten Wesen , eine gewisse Kraft und einen muthigen Aufschwung verleiht , so gewann nun auch Fränzchen eine kräftigere Haltung über sich und warf ihren Cousinen einen dreisten , fast schnippischen Gruß zu , der Fränzchens Reiz in den Augen des von seinem Rencontre mit den Offizieren noch sehr bewegten Heinrich Sandrart nur noch mehr hob . Franziska , stoß an ! sagte die mittelste Wandstabler , die Lore , deren magere Gesichtsformen sich durch die Glut des Tanzes und der Atmosphäre gefüllt , ja ganz angenehm gerundet hatten . Fränzchen stieß mit dem Glase ihrer Cousine an und nippte ein wenig von einem Getränke , das vielleicht ein helles Bier , vielleicht künstlicher Champagner war , sie wußte es nicht ... bis der Sergeant aus dem Seitenfutter seiner Uniform ein kleines Portemonnaie zog und sich , wie es schien , nicht ohne eine gewisse Überlegung , entschloß , zwei Papierthaler an eine wirkliche Flasche Champagner zu wagen . Er mochte fühlen , daß er sein Avancement etwas kostbar feierte ... aber er bestellte echten Champagner ! Die Wirkung dieses Momentes war groß . Alles um den runden Tisch blickte staunend und voll Bewunderung auf diesen jungen militairischen Rothschild ! Echter Zwei-Thaler-Champagner ! Dies hob oder setzte tief herab , je nachdem der Schwung der Phantasie sich für das Große berufen hielt oder sich keiner solchen Flügel bewußt war . Man schwieg eine Weile und blickte feierlich um sich her , als hätte man für diese Standeserhöhung Zeugen gewünscht . Die Wandstablers beschlossen jetzt , mit Fränzchen , die einen solchen Liebhaber aufweisen konnte , sich auszusöhnen . Dorette , die Jüngste , mit der es Franz von » Geheimraths « sehr geschäftig hatte , war blässer , als ihre Schwester , auch etwas verstimmter . Sie hatte Ideen , die höher hinauf stiegen als die Sphäre , in der sie sich hier bewegte und die eigentlich Jeannette so gewaltsam improvisirt hatte . Guten Abend , Fränzchen ! sagte sie und reichte ihrer kleinen Cousine jetzt erst die Hand . Muß es denn erst so kommen , daß uns ein solcher Abend wieder einmal zusammenführt ? Ein solcher Abend ? fragte Heinrich Sandrart fast verletzt , der seine zwei Thaler los war , nun aber dafür auch lustig sein wollte . Kann man traulicher und vergnügter beisammen sitzen ? Dabei wollte er Fränzchens Hand ergreifen und sie an sich drücken . Aber die kleine , braunäugige Spröde litt schrecklich , auch über die Kosten , die sie ihm verursachte , und zog die Hand zurück . Fräulein Dorette schmachtet nach stiller Einsamkeit , sagte die nicht ganz ungebildete , aber zügellose Jeannette parodirend , sie liebt ! Sie liebt einen Franzosen , stolz und feurig ; o seit ich weiß , daß man diesem Franzosen so edle Vorsätze verdanken kann , selbst den Fortunaball nicht zu gering für Liebende zu finden , biet ' ich mich ihm für die Rückreise nach Paris als Gouvernante an ; ich arme conditionslose Person - Fränzchen war in der That von Eifersucht nicht frei . Sie sah ihre Cousine Dorette starr an und mußte sogleich fühlen , daß diese wirklich bei dem Balle nicht anwesend schien . Lorette aber , die Mittlere , sagte leise zu ihr : Du Glückliche ! Herr Louis Armand hör ' ich , soll dir Blumen schenken und ich wette auch Gedichte macht er auf dich . Heute las er Floretten eins vor , das er gewiß auf dich gemacht hat ! Fränzchen erröthete . Sie wußte wohl von den Blumen , aber nichts von dem Gedichte , das ohne Zweifel ihr gelten sollte und Siegbert Wildungen erst übersetzt und noch in seinem Portefeuille hatte . Indem knallte Sandrart ' s Champagnerkork und in einem der hingestellten Spitzgläser zischte vor ihr der perlende Wein , dessen Güte wir nicht zu bestimmen wagen , da wir über den Fortunawirth noch nicht wissen , ob er der Ehrlichkeit seines Bruders , des Pelikanwirthes , entsprechen wird .... Kaum am Rande ihres Glases nippend , fragte sie jetzt Jeannetten , was diese Übermüthige von conditionslos gesprochen hätte ? Ja , Schatz , sagte diese , Das haben wir uns heute früh nicht träumen lassen , als wir Falbalas nähten , von der Tugend sprachen und die Fortunabälle kaum dem Namen nach kannten . Melanie kommt um zehn Uhr nach Hause , fordert mich wie vor ' s Tribunal , hält mir eine lange Predigt Salomonis , will in ' s Kloster gehen und schickt mich vorläufig von Morgen früh an zu allen Teufeln . Jeannette ! Du hast den Dienst verloren ? Das ist ja unglaublich - sagte Fränz voll kindlicher Theilnahme . Unglaublich ? Seit ich dich hier Champagner trinken sehe neben einem so liebenswürdigen Sergeanten , ist Alles möglich . Neumann , erkläre du ihr ' s ! Dieser , die bebuschten Augenbrauen zusammenkneifend , grunzte etwas hin , was etwa soviel sagen sollte , als : Die Aufklärung wird bald hörbar werden . Habt Ihr ihn auf ' s Korn genommen ? Das sagte er zu einigen jungen Burschen , Lasally ' schen Reitknechten , die eben eintraten . Macht ' s gnädig ! meinte Jeannette flüsternd . Er hat ' s zwar um uns verdient , aber wenn er noch einmal so traktirt wird wie damals , erleben wir , daß ihn das Fräulein aus Mitleid heirathet .... Wo sie ihn nur gesprochen hat ! bemerkte der Bediente Franz flüsternd . Ich gab ihr doch noch den Shawl um , die Excellenz war dabei und wir gingen fast bis an den Wagen mit . Ich fuhr sie - sagte Neumann . Und kaum steigt sie aus , ergänzte Jeannette , so kam die Bescheerung . Diese Verräther ! schrie sie . Elende Menschen , die sie verkauften , umgäben sie . In Hohenberg hätt ' ich sie verrathen . Jeder bilde sich ein , ihr gefallen zu können - und damit zerriß sie ihre Kleider , weil sie nicht rasch genug vom Leib wollten , und sagte mir auf . Das Fräulein dir , Jeannette ! Ich kann mich noch gar nicht finden ... Mir ! Ja ! Ja ! Fränzchen ! Das wäre nun ein Plätzchen für dich ! Aber du bist ihr nicht mehr tugendhaft genug . Seit heute früh hast du einen schrecklichen Fehler angenommen . Du bist heimlich , gehst maskirt auf die Bälle in Garderobe wie eine Königin - jetzt besinn ' ich mich - du kamst ja mit einer Rothen . Wer war denn Die ? Ja , stimmten die Wandstablers neugierig ein , wer war die Rothe ? Der junge Soldat schenkte ein , erschrak aber über die bekannte Erfahrung , daß eine Flasche dieses tückischen Schaumweines sehr bald consumirt ist . Man wartete gespannt auf Fränzchens Antwort , die sich aber nicht herbeiließ eine Aufklärung zu geben ... Halt ! rief Jeannette . Sie tanzte nur mit Hackert , rannte Dem nur nach , immer nur Dem ... es war Melanie ! Ah ... hieß es bei den Harder ' schen Bedienten und sonst herum ; die Schlurck ! Alle waren aufgestanden und sahen durch die Glasfenster , die den Saal von der Restauration trennten . Es war ihnen , als wenn sie nun aufstehen und die Räthselhafte verfolgen sollten . Hackert schreibt schön und tanzt schön ... fügte Jeannette diesem Tumulte boshaft hinzu ; es wäre nicht das erste mal , daß Schlag zwölf Uhr der Thorweg leise aufknarrt und gewisse Leute in die Redoute gehen . Mach ' uns keine Lügen vor , Fränzchen ! Sage , wer war die Rothe ? Sandrart bot Jeannetten ein Glas mit den Worten : Lüge , mein Fräulein ! Das ist Beleidigung ! Sie müssen sich mit mir duelliren ! Man setzte sich lachend nieder . Jeannette nahm das Glas , verneigte ihr niedliches , geröthetes , stumpfnäsiges Gesichtchen , den Typus der Verschmitztheit und jener flüchtigen Kammerzofenschönheit , die bei dunkler Beleuchtung mehr verspricht , als sich bei hellerer motivirt findet , und sagte : Sehr artig , Herr Sergeant ! Mit einem wohlgefälligen , herausfordernden Blick auf den jungen Krieger , der ihr seit den Unterfutter-Geheimnissen seiner Uniform doppelt zu gefallen schien , trank sie das Glas . Fränzchen aber mochte den falschen Schein des Leichtsinnes und der Heuchelei nicht länger auf sich sitzen lassen , sondern nahm das Wort : Wie ich hierher gekommen bin , sagte sie , ist mir wie im Traume geschehen . Es war zehn Uhr . Eben wollt ' ich zu Bett gehen und legte die Kleider , die ich von der Putzmacherin auf dem alten Markte , der Florentine , zu besetzen hatte , sauber zusammen . Ich war müde . Da klingelt es heftig im Vorderhause . Die alten Märtens schlafen schon . Ich denke , obgleich unser neuer Miether - Der feine gelehrte Franzos ; lachte Jeannette . Ein Franzos ? sagte Heinrich Sandrart , angeregt und eifersüchtig . Nicht jung ! Nicht hübsch ! Nein , ein Alter mit einer Perrücke ! Jeannette , die bei all ihrem Leichtsinn einige Gutmüthigkeit besaß , sagte diese Worte mit Beziehung . Nicht wahr , ein Alter ? Sowie der da ! Damit zeigte sie in den gegenüberstehenden Spiegel .... Man wandte sich theils um , theils zum Spiegel hin und bemerkte einen schleichenden hüstelnden Herrn mit einer großen Nase und einem dicken schwarzen Schnurrbart , in dem wir die grüne Brille wieder erkennen . Schon lange hatte sie lauernd den runden Tisch umschlichen und lüsterne Blicke zu dem demaskirten allerliebsten und rosig strahlenden Fränzchen hinüber geworfen . Seine Zudringlichkeiten schienen aber so allgemein gewesen zu sein , daß auch Jeannette schon die grüne Brille kannte . Guten Abend ! sagte ein Unisono des ganzen Tisches fast höhnisch zu dem indiskreten Lauscher . Als dieser erschreckend merkte , daß er Gegenstand der Aufmerksamkeit eines ganzen Tisches wurde , entschlüpfte er mit aalglatter Behendigkeit und nahm das allgemeine ihn verfolgende Gelächter für eine Warnung , sich solchen Gesellschaften sobald nicht wieder zu nähern . Sandrart schenkte aufs neue die letzten Reste seines Excesses ein und rief : Also der alte Franzose klingelte .... Nein , nein , sagte Fränzchen Heunisch , nicht der ! Ein Andrer - ? fiel der Sergeant ein und rückte näher und legte ermuthigt den Arm auf die Stuhllehne Fränzchens , indem er ihr weingeröthet in die braunen brennenden Augen sah . Genug , genug ! unterbrach ihn Jeannette , die schon merkte , daß der Sergeant mit Fränzchens Verhältnissen völlig unbekannt war und vielleicht nicht einmal wußte , wo sie wohnte ; es klingelte also Wallstraße Nr. 14 , wo ich künftig auch wohnen werde ... Du ? fragte Fränzchen , erstaunt über diese scharfbetonten Worte . Ja , Fränzchen , antwortete Jeannette , ich werde Gelegenheit nehmen , so lange bei meiner Freundin Franziska Heunisch , Wallstraße Nr. 14 zu wohnen , bis meine Angelegenheiten geordnet sind - Diese Erklärung , in scharfen Worten vorgetragen , erregte allgemeines Erstaunen und bei Niemandem mehr als bei Fränzchen ... Dein Zimmer ist klein , - schadet nichts - ein Bett stellt sich schon noch hin und - Aber Jeannette ... Mein voller Ernst ... ich spreche mit den Märtens Wallstraße Nr. 14 ... Fränzchen konnte sich nicht fassen , so überrumpelte sie dieses verschmitzte Mädchen , dem sie sich von früher gewohnt war , gehorsam unterzuordnen . Aber die Rothe ! Die Rothe ! hieß es . Wer ist ' s ? Sandrart merkte sich , mit einem dankbaren Blick auf die wilde Jeannette , die Adresse des Mädchens , in das er wie verloren war und dem zu Liebe er , ein wohlhabender Bauernsohn , zu rechnen anfing , ob er wol noch zwei Thaler aus dem Unterfutter hervorziehen sollte ... Die Menschen sprechen vom Verschwenden ! Die Gerechtigkeit zwingt uns aber einzugestehen , daß sich alle Dinge in der Welt , selbst die bösen , nicht immer sogleich ganz böse machen . Ja , sagte Fränzchen kleinlaut über die schreckliche Aussicht , an diese Jeannette in ihrer bisherigen bescheidenen Existenz geknüpft zu werden , ja es klingelte . Ich dachte , es wäre - unser Miether . Ich ziehe mich an und gehe hinunter . Wen find ' ich ? Eine Freundin , die ich nicht nennen kann . Sie machte sonst Putz mit mir auf dem alten Markt bei der Florentine . Franziska , du mußt mit mir auf den Fortunaball gehen , rief sie . Komm nur ! Komm nur ! Ich weiß , du kannst helfen . Damit zog sie mich durch den Hof , an der Werkstatt vorbei , in mein Kämmerchen hinauf , das sehr eng ist , sehr eng , liebe Jeannette - O man richtet sich ein - ich will nur bei soliden Leuten wohnen . Wallstraße Nr. 14 , im Hofe zwei Treppen hoch ! Damit sah Jeannette wieder Sandrarten scharf an -dieser nickte glühend , er hatte schon dem Kellner zugeflüstert , eine zweite Flasche zu bringen ; Fränzchen fuhr fort : Wie wir oben waren , weinte sie und jammerte . Sie müsse auf den Fortunaball , schrie sie . Sie müsse wegen eines Menschen da sein , der ... Wegen Hackert ? fragten Einige durcheinander , die am Tische saßen und immer noch an Fräulein Melanie dachten . Fränzchen , Fränzchen , halt ' dich an die Wahrheit , sagte Jeannette , es war Melanie - Neumann weiß es ganz genau ! Neumann war im Hofe und fand da etwas nicht in Ordnung . Der Thorweg ging einmal leise von innen auf . Es schlich sich Jemand vom Hofe fort .... Jeannette ! Schäme dich ! rief Fränzchen ; das vornehme Fräulein ! Abscheulich ! Wie kann man so verleumden ! Hm ! hm ! hm ! ... sagte Jeannette mit Bosheit . Sie ist jetzt verschwunden die Rothe , seit sie mich entdeckt hat . Nein , fuhr Fränzchen entrüstet fort , meine Freundin heißt Louise und Der , den sie suchte , den kenn ' ich nicht . Fränzchen , sagte sie , ich bin arm und du bist es , wir haben keine Kleider , um auf den Fortunaball zu gehen . Aber unsre Armuth kommt auch daher , daß Die , die von uns leben , uns nicht bezahlen . Ich wußte , daß du diese kostbaren Kleider für die Florentine nähst . Ich sah selbst , daß Florentine sie dir zum Besetzen einhändigte , als ich bei ihr war und das aufgeblasene , abscheuliche Weib , die mit fremdem Gelde ein Geschäft etablirt , um die mir nun seit drei Jahren schuldigen fünfzehn Thaler mahnte . Sie zahlt nie . Diese Kleider sind für den Verkauf in ihrem Laden bestimmt . Ich verlange sie von dir ! Hier ist Florentinen ' s Schuldschein und nun Muth , Franziska , mein ist dieser rothe und dein ist dieser blaue Anzug ! Bravo ! rief die ganze Gesellschaft , ohnehin entzückt von der zweiten Flasche , die inzwischen ankam , und klatschte in die Hände . Der Spaß , so zu einer Garderobe zu kommen , gefiel allgemein . Das nenn ' ich resolut - So muß man Schulden eintreiben ! Louise soll leben ! Holt die Rothe ! Sie muß Champagner trinken ! Sandrart sogar , der sonst gesetzte und ruhige Sergeant , rief in seinem Wirbel und alle Bedenklichkeiten seines sonst sittsamen und vor dem strengen Vater im Ullagrunde sich fürchtenden Gewissens hinunterspülend : So commandirt ein General , wenn er sich in aller Kürze in schwieriger Position zu helfen sucht ! Napoleon sagte : En avant ! Und diesem Manöver verdanken wir unser liebenswürdiges Fränzchen Heunisch Wallstraße Nr. 14 auf dem Fortunaball ! Hurrah ! Jeannette blinzelte dem gebildeten Sergeanten , der eben französisch gesprochen hatte und sagte ihm augenzwinkernd , als er ihr einschenken wollte : Comment vous portez vous , Musje ? Sie können sich wol denken , fuhr Fränzchen unbekümmert