seit er in ihrem Dienste Blut und Leben eingesetzt . Jetzt war mit seinem Erfolge auch sein Ehrgeiz angefacht , und wie sein Blick sich vorwärts auf neue Siege , neue Ehren , auf eine große militärische Laufbahn richtete , minderten sich die Sorgen , mit denen er nach der letzten Kunde von den Seinigen an die Heimath zurückgedacht hatte . Er konnte , wie er sich richtig sagte , bei seiner bisherigen Unkenntniß von allem , was die Guts- und Vermögens-Verwaltung anbetraf , aus der Ferne keine großen , umgestaltenden Maßregeln treffen . Es war das Gerathenste , bis zur Beendigung des Krieges die Dinge gehen zu lassen , wie sie einmal eingeleitet waren . Er wies also , als er endlich wieder im Stande war , seine Angelegenheiten vorzunehmen , den Justitiarius an , den Contract mit dem Amtmanne zu erneuern , die Wirthschaft desselben , so weit es möglich sei , zu überwachen , die Inventarien , so gut es thunlich , allmählich herzustellen , die Ausgaben auf jede Weise einzuschränken und im Uebrigen wie bisher mit gewissenhafter Treue für ihn und seinen Besitz Sorge zu tragen . Als er diesen Brief mit Selbstzufriedenheit durchlas , kam ihm , nach dem eben erst Erlebten , der Gedanke an die Möglichkeit seines eigenen Todes doch wieder mit verstärkter Macht , und er sagte sich , daß er nothwendig für diesen Fall , da sein Vater es nicht gethan hatte , in Bezug auf Vittoria und vor allen Dingen in Bezug auf Valerio seine Maßnahmen zu treffen habe . Es war nothwendig , einen Vormund für Valerio , einen männlichen Beistand für die Baronin , einen Curator für die ganze Vermögens- und Besitz-Verwaltung zu ernennen , und Renatus wußte lange keine ihn befriedigende Wahl zu treffen . Er kannte die Verwandten seiner Mutter wenig , aber er würde dem Majoratsherrn Grafen Berka mit vollem Vertrauen seine ganzen Angelegenheiten übergeben haben , denn die Ehrenhaftigkeit und Tüchtigkeit desselben war über jeden Zweifel erhaben ; indeß Graf Felix stand , wie Renatus selbst , im Felde , und den Grafen Gerhard mit diesen Ehrenämtern zu betrauen , daran wagte Renatus nicht zu denken . Allerdings beurtheilte er , weil er überhaupt zu dauernder Strenge und Entschiedenheit im Urtheile seiner ganzen Natur nach nicht geneigt war , den Grafen jetzt in manchem Betrachte milder , als an dem Tage , da er den letzten Brief über ihn von Hildegard erhalten hatte . Er war sich während seines kurzen Krankenlagers der verhältnißmäßigen Wandlungen bewußt geworden , welche er selber in den letzten beiden Jahren in sich erfahren hatte , und es gab für ihn manche Stunden , in denen er es zu entschuldigen fand , daß Graf Gerhard sich früher der französischen Sache und der kaiserlichen Fahne angeschlossen hatte . Waren doch auch in seinem eigenen Vaterhause französische Sitte und Sprache lange genug alleinherrschend gewesen , und seiner großen Bewunderung für den Kaiser hatte sein Vater , der verstorbene Freiherr , selber niemals Hehl gehabt . Es war also denkbar , es war möglich , man konnte es vielleicht entschuldigen , wie Graf Gerhard es jetzt selber that , daß dieser sich als ein junger , lebhafter und dabei nicht eben reicher Mann einst für seine Thätigkeit in französischen Diensten ein Feld eröffnet hatte . Es war auch nicht unglaublich , daß die wachsende Tyrannei , die nicht endende Kriegslust des Kaisers dem deutschen Edelmanne endlich die Augen über seinen Irrthum geöffnet hatten , und daß er , in der Reue über seine Verblendung , sich mit doppeltem Eifer und doppelter Begeisterung an die Sache seines Vaterlandes hingegeben hatte . Aber wenn das , wie Graf Gerhard es von sich behauptete , der Fall war , weßhalb focht er jetzt nicht in den Reihen seines Volkes , seiner Standesgenossen , seiner Brüder ? - Weßhalb setzt er nicht , wie wir alle , sein Leben für die Sache des Vaterlandes ein ? fragte sich Renatus mit richtiger Selbstschätzung , und sein persönliches Mißtrauen gegen seinen Oheim wurde dadurch immer wieder auf ' s Neue erweckt und verstärkt . Indeß eine Wahl mußte er treffen , und wie er die Reihe der Edelleute durchdachte , die seinem Vater und seinem Hause verbunden gewesen waren , stieß er auf eine Schwierigkeit , die er bis dahin nicht in das Auge gefaßt hatte . Ein jeder Bevollmächtigte mußte , wenn er das Testament des Freiherrn sah , in welchem Valerio immer und ausdrücklich nur als der Sohn Vittoria ' s , nie als des Freiherrn Sohn bezeichnet war , die Verhältnisse des Hauses in einer Weise erkennen lernen , wie sie Andern , Fremden , bekannt werden zu lassen der verstorbene Freiherr eben zu vermeiden gewünscht hatte ; und hin und her erwägend , wie es vielleicht auch nicht einmal rathsam sei , einem befreundeten Standesgenossen die volle Einsicht in seine verwickelte und schwierige Lage zu vergönnen , bedauerte Renatus es in tiefster Seele , daß es nicht mehr Adam Steinert sei , der an der Spitze der freiherrlichen Güter stehe . Er hatte Adam wenig gekannt , aber alles , was er jemals von dem verstorbenen Caplan und andern Personen über ihn vernommen , hatte entschieden zu des Mannes Gunsten gelautet . Wäre Adam noch als oberster Verwalter auf den Gütern und im Dienste des freiherrlichen Hauses , oder wäre er nur auf Marienfelde und nicht im Heere gewesen , so würde Renatus , allem Familien-Herkommen entgegen , ihn zu dem Vormunde von Valerio und überhaupt zu seinem Vertrauensmanne ausersehen haben ; und daß Adam sich trotz alles Vorgefallenen hätte geehrt fühlen müssen , von einem Freiherrn von Arten ein solches Amt zu übernehmen , daran zu zweifeln fiel dem jungen , in standesmäßigem Hochmuthe auferzogenen Manne gar nicht ein . Er erinnerte sich , daß selbst der alte Flies , der mit seinem Lobe zu kargen gewohnt war , den Adam Steinert als einen der ausgezeichnetsten Landwirthe und als einen höchst umsichtigen Geschäftsmann bezeichnet hatte , und während Renatus diesen Ausspruch noch in sich erwog , fiel es ihm ein , wie der alte Flies seit länger als einem Menschenalter mit allen Unternehmungen und auch mit den wachsenden Verlegenheiten des verstorbenen Freiherrn wohl bekannt gewesen sei und wie es also vielleicht das Gerathenste sein dürfte , ihn , auf dessen Verschwiegenheit der Freiherr Franz sich von jeher fest verlassen hatte und an dessen Meinung dem jungen Edelmanne im Grunde nicht viel gelegen war , dem Justitiarius beizugesellen und ihnen gemeinsam die Vorsorge für die väterliche Verlassenschaft wie für die in Richten Hinterbliebenen zu überantworten . Eine abschlägige Antwort fürchtete Renatus von Herrn Flies noch weniger , als er sie von Steinert erwartet haben würde ; denn einerseits hatte der Banquier bedeutende Hypotheken auf Neudorf und auf Rothenfelde , anderseits hatte er aber auch Wechsel von dem verstorbenen Freiherrn in Händen , die für dessen Erben in jedem Augenblicke unbequem und gefährlich werden konnten , wenn Herr Flies sich einmal versucht fühlen sollte , sie nicht mehr zu verlängern . Es lag also in dem beiderseitigen Vortheile , in gutem Einvernehmen zu verbleiben . Dem Herrn Flies mußte es nothwendig gerade darum zu thun sein , die Sachverhältnisse genau zu kennen , und - Renatus schämte sich halbwegs vor sich selber , als er sich dieses Bestimmungsgrundes bediente - wenn Herr Flies auf solche Weise auch tiefer , als Jener es begehrte , in das von Arten ' sche Familienleben hineinsah , nun , so konnte man sich immer noch auf Seba ' s Freundschaft für die verstorbene Baronin Angelika verlassen , und schlimmsten Falles , nach den vertraulichen Mittheilungen des Grafen Gerhard , von Herrn Flies um Seba ' s willen Verschwiegenheit gegen Verschwiegenheit beanspruchen . Es war dem jungen Freiherrn nicht ganz wohl bei diesen letzten Erwägungen und Betrachtungen zu Muthe . Er würde nie darauf gekommen sein , sie gegenüber einer adeligen Familie anzustellen ; aber mit einer bürgerlichen und vollends mit einer Juden-Familie war das etwas ganz Verschiedenes . Er stand mit ihnen , welche Rechte die neuere Zeit und die neue Gesetzgebung ihnen auch einräumten , durchaus nicht auf demselben Boden ; sie waren in keinem Betrachte seines Gleichen . Ihre und seine Ehrbegriffe konnten gar nicht dieselben sein , ihre Welt war nicht die seine , und es blieb ja immer seinem Ermessen überlassen , sobald die Zeitverhältnisse es ihm gestatteten , eine Verbindung zu lösen , einen Zusammenhang aufzugeben , die eben nur durch die zwingende Gewalt der Umstände für ihn zu einer augenblicklichen Nothwendigkeit geworden waren . Dazu drängten ihn seine Marschordre wie sein eigenes Verlangen , so bald als möglich seinem Regimente zu folgen , dem Befehl über die Compagnie , den er in den beiden letzten Tagen der Schlacht aus eigner Machtvollkommenheit geführt hatte , nun als ihr ernannter Hauptmann in aller Form zu übernehmen , und selbst die Rücksicht , daß Paul ein Theilnehmer des Flies ' schen Handlungshauses sei , änderte schließlich in des jungen Freiherrn Vorhaben nichts , sie bestärkte ihn nur noch in demselben . Eine persönliche Berührung mit jenem wurde für Renatus vorläufig dadurch keineswegs nothwendig . Bei Geschäften , wie das Haus Flies sie seit langen Jahren mit seiner Familie gemacht hatte , fielen aber dem Kaufmanne immer wesentliche Vortheile zu , und , sagte Renatus sich mit selbstgefälliger Herablassung , Paul war doch einmal seines Vaters Sohn . Es stand also , wie der junge Freiherr meinte , den Erben seines Vaters gar wohl an , dem nicht rechtmäßigen Sohne desselben , wenn es sich so fügte , einen Vortheil zuzuwenden und ihn verdienen zu lassen , was sonst einem Fremden zufiel . Er war mit dieser Schlußfolgerung , von großer Niedergeschlagenheit ausgehend , doch schnell wieder dahin gelangt , sich und seine Verhältnisse zu überschätzen , weil es ihm zu quälend war , sie lange in ihrem richtigen Lichte zu betrachten , und wie er sich nun auf ' s Neue nach seinem selbstgeschaffenen Maßstabe auferbaut hatte , legte er denselben auch an die Andern an , so daß er sich bald in gutem Glauben zu der Ausführung seiner Absichten entschloß . Er schrieb dem Justitiarius also , wie er es gehalten haben wolle , er schrieb auch an Herrn Flies , wie jenes Vertrauen , welches die Freiherren von Arten , sein Großvater wie der verstorbene Freiherr Franz , zu Herrn Flies und zu dessen Einsicht und Rechtschaffenheit stets gehegt hätten , es ihm sehr wünschenswerth machten , wenn Herr Flies sich der einstweiligen Vormundschaft über den jungen Freiherrn Valerio unterziehe , wenn er der verwittweten Freifrau von Arten wie dem Justitiarius zur Seite stehe , und Renatus berief sich dabei ausdrücklich auf die früheren persönlichen Beziehungen , welche zwischen ihm selbst und dem Flies ' schen Hause obgewaltet hätten . Er meldete es , daß er Hauptmann geworden sei , erwähnte , daß er in der Schlacht von Möckern in Todesgefahr geschwebt habe ; aber er unterließ es , hinzuzufügen , wem er seine Rettung zu verdanken habe . Daß er vor seinem Ausmarsche von Berlin die Gräfin Rhoden aufgefordert , jeden Umgang mit Seba abzubrechen , daß das bloße Wort des Grafen Gerhard , dem er in seinen persönlichen Beziehungen ganz und gar mißtraute , hingereicht hatte , ihn den Stab über Seba , über die Freundin seiner Mutter , brechen zu lassen , das alles erwähnte er freilich nicht . Er hegte die feste Ansicht , daß es einem Manne wie ihm anstehe und erlaubt sei , sich der ihm nicht ebenbürtigen Menschen wie der Werkzeuge zu bedienen , die man aufnehme und liegen lasse , je nachdem man sich ihrer benöthigt finde . Es war das keine Sache der Ueberlegung bei ihm , es lag ihm im Blute , war ihm ein angezeugter , angeerbter Glaube , und er hatte über dasjenige , was ihn nicht selbst betraf , niemals ernsthaft nachgedacht , obschon es ihm , wo er ihn anzuwenden für gut befand , an Scharfsinn nicht gebrach . Der verstorbene Freiherr hatte sich , wie Renatus wußte , des Herrn Flies bedient , als es sich um die Unterbringung und Erziehung Paul ' s gehandelt , man hatte die Baronin im Flies ' schen Hause ihr Krankenlager halten lassen , ohne dadurch sich irgendwie zu besonderem Zusammenhange mit der Familie verpflichtet zu glauben , und Renatus war überzeugt , daß auch für ihn angemessen und auch jetzt noch möglich sei , was seine Eltern einst für sich angemessen und möglich gefunden hatten . Er haftete überhaupt , und wie sollte und konnte es anders sein , mit seinem ganzen Sinne auf dem Boden der Ueberlieferungen . Die Ehre , wie er sie verstand , erschien ihm immer noch als ein Vorrecht , als ein ganz ausschließlicher Besitz des Adels . Nur der Rückblick auf eine Ahnenreihe konnte den Begriff der wahren Ehre , wie er meinte , in dem Menschen entwickeln . Nur wer sein Thun und Handeln in jedem Augenblicke der Würde aller derjenigen anzupassen hatte , die vor ihm den Familienschatz der Familienehre angesammelt hatten , konnte die verantwortlich machende Selbstachtung besitzen , ohne welche die wahre Ehre nicht bestehen kann : jene Ehre und jene Ehren , die den mittellosesten und geistig geringsten Edelmann , als Mitglied einer besonderen Kaste und einer besonderen Race , über alle Nichtadeligen erheben , welcher geistigen oder äußerlichen Mittel und Vorzüge diese sich auch zu rühmen haben mögen . Es war nicht allein der Tod seines Vaters , es war mehr noch das Bewußtsein der eigenen im Felde bewiesenen Tapferkeit , welche in Renatus den alten Adelsstolz seines Hauses jetzt auf ' s Neue und stärker als je zuvor belebte . Daß um ihn her Tausende und aber Tausende von Nichtadeligen das Gleiche wie er gethan hatten und thaten , das verminderte seine Selbstzufriedenheit nicht im geringsten . Wie es Sitte unter denen von Arten war , den Familienschmuck der Frauen bei der Verheirathung des Stammhauptes zu vergrößern , so gehörte es sich , daß jeder Herr von Arten den Stammesschatz der Familienehren zu erhöhen suchte . Der Freiherr Franz hatte in Friedensjahren die Kirche in Richten gebaut ; Renatus dachte dem Hause in seinem Namen neue Ehren , kriegerische Ehren zuzuführen , da die Bahn des Krieges vor ihm ausgebreitet lag ; und nun er sich durch seine neuliche Erhaltung des Fortbestehens seines Hauses überhaupt versichert glaubte , waren eine Heiterkeit und eine Zuversicht über ihn gekommen , die ihm sonst nicht eigen gewesen waren . Nur an Hildegard konnte er nicht mit freiem Herzen denken , und es kam ihm schwer an , ihr zu schreiben . Als er sich aber dazu erst überwunden hatte , beschloß er , es mit aller der Wahrhaftigkeit zu thun , die einem Edelmanne seiner künftigen Gattin gegenüber zieme . Er sagte ihr , daß er sich mit ihrer Gefühlsweise oftmals gar nicht in Uebereinstimmung finde , daß er sich jetzt , wo er dem Tode nur mit genauer Noth , nur wie durch ein Wunder entgangen sei , in seinem Innern reiflich geprüft , und es erkannt habe , wie seinem Verlöbniß mit ihr nicht jene Alles umfassende Liebe zum Grunde gelegen habe , welche die Verbindung zwischen Mann und Weib zu einer Naturnothwendigkeit mache ; aber daß er sie werth halte , daß er entschlossen sei , sein Wort , wie es einem Edelmanne gebühre , einzulösen , ja , wie er sich überzeugt fühle , daß Hildegard ihn beglücken , daß er sie auf das wärmste lieben werde , wenn sie aus dem Bereiche der Schwärmerei in die Wirklichkeit hinabsteigen und die fröhliche Zuversicht zum Leben fassen wolle , die ihm gerade mitten in Todesnoth und Gefahren gekommen sei . Er rieth ihr dann , gegen den Grafen Gerhard trotz seiner endlichen Bekehrung auf ihrer Hut zu sein , theilte ihr mit , daß er Herrn Flies und nicht seinem Oheim die Familien-Angelegenheiten übergeben habe , und bat Hildegard danach , sich es mit den Ihrigen in seinem Schlosse gefallen zu lassen und sich von jetzt ab als die Herrin desselben betrachten zu wollen , an deren Seite er in nicht zu ferner Zeit von seinem Kriegerleben auszuruhen hoffe . Um sich aber ihren Anschauungen und Empfindungen doch auch wieder gefällig anzupassen , kam er dann noch einmal auf die Schlacht zurück , deren Begebnisse er ihr ausführlich schilderte ; und seine späteren Träume mit den Erlebnissen und Eindrücken der Wirklichkeit willkürlich und ganz bewußt vermischend , stellte er es ihr mit allem poetischen Schwunge , über den er verfügte , ausführlich dar , wie er seines Vaters Stimme plötzlich mitten im Gewühle des Kampfes zu vernehmen geglaubt habe , wie er , die Augen emporhebend , die Augen seines Vaters über sich leuchten gesehen , und wie er sich überzeugt halte , daß Gott selbst ihm diesen Beistand , diesen Schutzgeist in Gestalt seines Vaters zugesendet habe , um ihm damit Muth und Hoffnung in seiner Trauer um den Vater und ein Zeichen für das lange , dauernde Fortbestehen des Hauses derer von Arten zu gewähren . » Zünde die geweihten Kerzen zum Danke in unserer Kirche an und denke meiner , so oft Du Dich in unserem Gotteshause betend niederwirfst ! « so schloß er . - Wer aber der Muthige gewesen war , der ihn gerettet hatte , das schrieb er auch Hildegarden nicht . Er besorgte , für ihr Herz das ganze Ereigniß seines geweihten Eindrucks und seines dichterischen Zaubers zu entkleiden , wenn er ihr sagte , daß es ein gewöhnlicher Sterblicher , daß es Paul Tremann sei , dem er sein Leben zu verdanken habe . Drittes Buch Erstes Capitel Europa zitterte noch unter dem Nachdröhnen der Ereignisse , welche über den Welttheil hingegangen waren . Zwei blutige Kriege hatten die Herrschaft Napoleon ' s vernichtet . Kometengleich , wie er Alles überstrahlend am Horizonte der Zeit emporgestiegen , war er von demselben verschwunden . Zum zweiten Male war das zum Herrschen unfähig gewordene Geschlecht der Bourbonen in seine Heimath zurückgeführt worden , zum zweiten Male standen die vereinigten Heere in der Hauptstadt Frankreichs , während Napoleon Bonaparte , der dieses Frankreich durch ein halbes Menschenleben zur Beherrscherin der Welt gemacht hatte , als ein Verbannter auf dem Rücken des » Bellerophon « einsam durch die Fluten des Weltmeeres zog , das ihn für immer von dem Schauplatze seiner Thaten trennen sollte . Es war in der Mitte des Sommers ; Paris war nie glänzender erschienen , als eben jetzt , wo die vertrieben gewesene Königsfamilie , wo die zurückgekehrten Edelleute der alten Geschlechter und alle die Tausende von sieggekrönten Fremden sich für schwere Entbehrungen und Leiden , für blutige Kämpfe und für Wunden , in den Genüssen entschädigen wollten , die keine andere Stadt der Welt in so verführerischer Anmuth darzubieten versteht , als das immer wieder jugendliche , das glänzende , bei all seiner Majestät und Pracht so liebliche Paris . Der Tuileriengarten war voll Menschen . Von dem mittleren Pavillon des Schlosses , vom Pavillon de L ' Horloge , hing die weiße Fahne schlaff hernieder . Ueber den Rasenplätzen , über den im altfranzösischen Geschmacke angelegten Blumenbeeten , über den alten Kastanienbäumen brütete die heiße Sommersonne . In den weiten Wasserbehältern , aus denen die Springbrunnen so hoch gegen den blauen Himmel aufstiegen , daß die fallenden Tropfen in der Höhe wie flüssige Diamanten erglänzten , zogen die Schwäne langsam umher . Soldaten aller Grade , Soldaten aus aller Herren Ländern gingen in den breiten mit großem Sinne angelegten Wegen auf und nieder , während Schaaren von Kindern überall ihr Wesen trieben und die Schönen aller Stände ihren Spaziergang in den Alleen machten oder in Gruppen auf den zur Miethe feil gebotenen Stühlen saßen , um der Militärmusik zuzuhören , welche hier um Sonnenuntergang das Publikum alltäglich eine Stunde unterhielt . Weiter ab , nach dem Ausgange des Gartens hin , wo die umschließende Terrasse sich nach dem großen Platze öffnet , daß man fern hinaussieht über die elysäischen Felder hinweg , bis zu dem gigantischen marmornen Triumphbogen , den der gefallene Titan sich und seinen Siegen zum stolzen Gedächtniß aufzurichten begonnen hatte , saßen auf einer der steinernen Bänke vier preußische Offiziere bei einander . Drei von ihnen , der junge Lieutenant , der Hauptmann , ein kräftiger Fünfziger , und der schöne Major , der den linken Arm in einer leichten Binde trug , gehörten der Landwehr an . Der Oberst war von den Linientruppen . Er und der Lieutenant , über dessen Lippe der blonde Schnurrbart sich eben erst zu kräuseln begann , schienen viel Gefallen an dem bewegten Leben zu finden , das sie umgab . Der Hauptmann und der Major , auf dessen breiter Brust das Eiserne Kreuz und der russische Annen-Orden sich würdig ausnahmen , beachteten es nicht sonderlich , und der Letztere hatte schon eine geraume Zeit gedankenvoll in die Ferne geblickt , als der Oberst die Beiden mit der Frage anrief : Sagen Sie mir , meine Freunde , worüber denken Sie so ernsthaft nach , daß Sie darüber diese liebe , lustige Welt , die sich hier so vergnüglich sonnt und sich ihres Lebens freut , wie der Fisch im Wasser und wie der Vogel in der Luft , fast zu vergessen scheinen ? Es bleibt mir nichts als die plumpe Frage übrig , wenn ich Sie nicht ganz und gar in sich selber versinken lassen will . Der Hauptmann hob sein kluges , treuherziges Auge zu dem Fragenden empor und sagte : Ich dachte darüber nach , ob sie bei mir zu Hause auch so gutes , trockenes Wetter haben mögen ; die Weizenernte muß jetzt im vollen Gange sein . Es ist jetzt das dritte Jahr , fügte er mit unterdrücktem Seufzer hinzu , daß ich nicht mehr daheim bin ! Ich fange an , mich sehr nach Weib und Kind , nach Haus und Hof zu sehnen , und obschon meine Frau und mein Verwalter tapfer durchgeschlagen haben , ist ' s doch Zeit , daß ich nach Hause komme . Es ist keine Kleinigkeit um eine Wirthschaft , der des Herrn Auge fehlt ! Ich habe hier keine Ruhe mehr . Da geht ' s Dir wie mir , mein Freund , rief der Major ; seit ich aus dem Lazareth bin , läßt ' s auch mich hier nicht mehr rasten . Die Ruhe macht mich unruhig , und da der Friede jetzt eine ausgemachte Sache ist , bin ich gestern um meinen Abschied eingekommen . Um Ihren Abschied ? fragten der Oberst und der Lieutenant wie aus Einem Munde . Das ist nicht Ihr Ernst . Haben Sie denn vergessen , meine Freunde , daß ich Kaufmann bin , daß mein greiser Freund und Compagnon jetzt seit mehr als vier Jahren alle Sorgen des Geschäftes allein getragen hat und daß es eine Ehrensache für mich ist , ihm so bald als möglich die schwere Last von seinen Schultern zu nehmen ? Aber nach den Erfolgen , die Sie gehabt haben , lieber Tremann , nach dem militärischen Range , den Sie einnehmen , nach den Auszeichnungen , die Sie erworben haben - er wies auf die Orden , welche Paul auf seiner Brust trug - und vor Allem nach der Tapferkeit und dem militärischen Talente , welche Sie bewiesen , sind Sie für Ihren jetzigen Stand wie geschaffen ! meinte der Oberst . Ich fürchte , das ruhige Leben des Geschäftsmannes wird Ihnen jetzt nicht mehr wie sonst behagen , ganz abgesehen davon , daß sich Ihnen in dem Heere doch eine andere , eine vortheilhaftere und schönere Laufbahn dargeboten hat . Paul lächelte . Kennen Sie mich so wenig , lieber Werben ? sagte er . Ich bin zu sehr auf Thätigkeit gestellt , um jemals im Frieden einen guten Soldaten abzugeben , und viel zu sehr an Unabhängigkeit gewöhnt , um ohne zwingende Nothwendigkeit auf dieselbe zu verzichten . Im Kriege war das etwas Anderes . Da verlangte jeder Tag den ganzen Menschen , da brachte jeder Tag neue Aufregungen , forderte rasche , selbstständige Entscheidung ; man gelangte immer und immer wieder , wie der Kaufmann das gewohnt wird , zu dem Bewußtwerden aller seiner Kräfte und seines Einflusses auf Andere ; man genoß in jedem Augenblicke die Genugthuung irgend eines Erfolges , wie wir deren in unseren wohlberechneten und darum wohlgelingenden Geschäften haben . Jetzt , seit den drei Wochen , seit denen man mich aus dem Hospitale entlassen hat , werde ich meiner nicht mehr froh . Ja , ich war in der That im Lazarethe , fügte er scherzend hinzu , für mein Gefühl weit besser daran , als jetzt , da ich wieder zu den Geheilten und Gesunden zähle ; denn das Kranksein , das Schmerzertragenmüssen war doch immer noch eine Art von Arbeit , eine Art von Leistung . Und was die vortheilhafte Laufbahn anbetrifft , so wüßte ich keinen Rang und keine Stellung in der Welt , die mich wünschenswerther dünkte , als die eines völlig freien , unabhängigen Mannes . Es entstand eine kleine Pause . Der schlanke Lieutenant , der seit seinem Ausmarsche aus der Heimath noch ein tüchtig Stück gewachsen war und dem das Leben in den großen Städten eben so wohl gefiel , als er sich selber in der Uniform , sah verlegen vor sich hin . Er hatte von seinem Vater in den letzten Tagen sehr ähnliche Einwendungen hören müssen , als er seinen Wunsch geäußert hatte , ganz im Kriegsdienste zu bleiben , während es Adam Steinert nicht zu Sinne wollte , daß sein Aeltester ein anderes Gewerbe treiben sollte , als den Landbau , bei dem die Familie hergekommen und gediehen war seit lieber , langer Zeit . Auch der Oberst von Werben fand kein besonderes Behagen an seines Freundes Aeußerungen . Er hatte allerdings nach dem ersten unglücklichen Kriege durch eine Reihe von Jahren das bürgerliche Kleid getragen und zu der Zeit , in welcher der Kampf gegen Napoleon sich vorbereitete , es oft genug ausgesprochen , wie die Kraft eines Volkes nicht in einem stehenden Heere , sondern in dem Selbstgefühle und in dem Freiheitsbedürfnisse jedes Einzelnen im Volke beruhe ; aber er war ein geborener Edelmann , sein Vater und seine Voreltern hatten den Königen gedient , auch er war mit sechszehn Jahren in das Heer getreten , und die erfochtenen Siege , wie groß die Mitwirkung der Landwehr an ihnen auch gewesen war , hatten dem Berufssoldaten doch einen neuen Einfluß und eine neue Macht gesichert . Der Oberst konnte sich also in das Selbstgefühl seines Freundes nicht mehr so völlig finden , als in den Tagen , in denen er , ein aus dem Dienste entlassener Offizier , in dem zerschlagenen Vaterlande vergebens nach Rettung für dasselbe ausgespäht hatte . Ueber eines Menschen Neigung und Beruf ist nicht mit ihm zu streiten ! sagte er , und man konnte ihm die Empfindlichkeit anhören , mit der er Paul den Stand des Kaufmanns gegen den seinigen erheben hörte . Ich bin auch weit entfernt , die Macht des Geldes zu unterschätzen ; nur glaube ich , daß es noch ein Höheres gibt , als den Besitz , und Sie selbst , lieber Tremann , waren dieser Ansicht ebenfalls , als Sie Hab und Gut im Stiche ließen , um dem Vaterlande Ihre Kraft zu weihen , um sich , wie Sie es damals nannten , Ihr Bürgerrecht in der früh verlassenen Heimath zu erwerben . Nun , mich dünkt , das habe ich gethan ! entgegnete Paul und maß den Obersten mit einem so festen , stolzen Blicke , daß Steinert und dessen Sohn , so genau sie ihn zu kennen glaubten , von seiner Haltung sich betroffen fühlten , und der Oberst , der im Grunde durchaus nicht die Absicht gehabt hatte , ihn zu verletzen , sich in seine Aufwallung nicht finden konnte . Paul wurde auch schnell wieder Herr über sich , und einlenkend sprach er : Wohl uns , daß jeder von uns mit seinem eigentlichen Berufe so wohl zufrieden ist und groß von ihm denkt . Die Gesammtheit kann es besser nicht verlangen . Indeß , damit Sie über mich in keinem Zweifel bleiben können , gestehe ich Ihnen , daß ich den Besitz als Mittel zum Zwecke , als bewegende Kraft , als Grundlage aller Civilisation und Freiheit über Alles schätze und daß es mir für Jeden , dessen Anwesenheit im Heere jetzt nicht mehr eine Nothwendigkeit ist , geboten scheint , nach Hause zu gehen und , so viel an ihm ist , an der Wiederbelebung unseres Wohlstandes zu arbeiten . Der Boden lechzt nach den Armen und Händen , die ihn pflügen und bauen , und das Capital , so weit es vorhanden ist , nach den Kräften , die es in Bewegung setzen , um es zu vermehren ; denn reicher geworden sind in diesen letzten Zeiten gewiß nur Wenige von uns . Aber wo Handel und Gewerbe so lange gestört worden sind , ist dafür in den nächsten Jahren ohne Frage auch eine erfolgreiche Thätigkeit für denjenigen zu finden , der es begreift , wo sie zu suchen ist . Er erhob sich bei den Worten ; auch die Anderen standen auf , denn es traten Bekannte hinzu , welche die Unterhaltung unterbrachen , und man trennte sich bald danach . Paul und der Hauptmann schlugen den Weg nach dem jenseitigen Seineufer ein , um noch einen ruhigen Abendspaziergang zu machen ; die Anderen gingen in größerer Gesellschaft nach dem Palais Royal , in welchem sich in jener Zeit gegen den Abend hin vor den Kaffeehäusern und in den Speisehäusern die Fremden zusammenfanden . Du hast vorhin eine Aeußerung gethan , sagte Steinert , nachdem er schweigend eine Strecke neben Tremann einhergegangen war , mit dem die Waffenbrüderschaft und die gemeinsam getheilten Gefahren ihn eng