ein Vorhang gewebt aus Sonnenstäubchen , die in anmuthigem Spiel hin und her geschaukelt , und die bleierne graue Wahrheit lag vor ihnen , das , warum die Fürstin Adelheid zu sich beschieden ; auch das blickte schon verrätherisch hervor , warum Adelheid gekommen war . Es giebt im Seelenleben Augenblicke , wo der Klügste sich keine Rechenschaft zu geben weiß , woher ein Gedanke aufquillt , dem er plötzlich zu folgen sich gedrungen fühlt , auch wenn er entgegen der Strömung ist , der all sein Fühlen und Denken sich hinneigt . Bei großen Mänern ist es ein Kitzel , mitten in Plänen , welche die Welt verrücken sollen , sich starr auf einen einzelnen Punkt zu setzen , der damit nichts zu thun hat , sorglos , ob die Emsigkeit , welche sie der Bagatelle widmen , sie an ihrem größern Schaffen hindert . Cäsar , mit dem Plan die Welt zu erobern im Kopfe , beschrieb , wie ein Liebender die Augen der Geliebten , die Konstruktion der hölzernen Rheinbrücke , die er erfunden . Es ist die ewige Mahnung an die großen Geister , daß all unser ernstes Thun vor einem höhern Auge Spielwerk ist . An Frauen es zu rügen , ist keinem Billigen eingekommen . Wenn sie gar nicht mehr spielen sollten , was wären sie sich - uns ! Auf Königin Luisens Seele lastete Ungeheures . Seit der vorjährigen Gruftscene in Potsdam schien sie Vielen ihrer Umgebung wie ausgetauscht . Sie las nicht mehr Lafontaines Romane , daß sie heute sie gerühmt , war nur pietätvolle Erinnerung gewesen , sie lebte der ernsten Sorge vor der Gefahr , die über dem Hause ihres Gatten , dem Lande ihrer Liebe und Wahl schwebte . Keine Frau , vielleicht wenig Männer fühlten so schwer , innig , zuweilen klar die Bedeutung der Zeit , und doch hatte sie ein Etwas , was ganz außer diesem Kreise lag , mit Eifer aufgefasst . Sie hatte sich für das schöne Mädchen interessirt , von dem der Ruf so viel sprach , die erste Begegnung hatte dies Interesse erhöht . Sie wollte Adelheid , nach dem gelegentlichen Gespräch mit ihrem Vater , vor einer Verbindung bewahren , welche dieser beklagt , welche ihr als Unglück erschien . Wie ihre Phantasie plötzlich sich dieses Gegenstandes so bemächtigen können , bleibt uns ungesagt , aber es war so , es war nicht unnatürlich , und die Königin sprach wie eine lebende , zärtlich besorgte Mutter zu ihrem Kinde . Luisens Beredtsamkeit ward von ihren Zeitgenossen als so bezaubernd gerühmt . Jedes Wort aus ihrem Munde sei ein Schlag des Herzens , ein Klang der Seele gewesen , da wo eben das Wort nur die wahrhafte Aeußerung des wahrhaft im Innern Lebenden war . Der Zauber dieser Beredtsamkeit sei gewesen , daß sie nicht eine Kunst war , sondern eine Tugend . Wie ihre Briefe ein voller unverkümmerter Herzenserguß waren , so folgten in ihrer Rede , wenn das Herz sie diktirt , die Sprachfertigkeit dem raschen Schwunge ihrer Gedanken . So hatte die Königin zu Adelheid gesprochen . » Sein Sie , zeigen Sie sich jetzt stark . Drücken Sie Ihre Hand an das blutende Herz - ich weiß , daß es blutet , ich kenne auch diesen Schmerz - aber man kann ihn überwinden ! Reichen Sie mir die andere , dann sehen Sie mich mit Ihren klaren Augen , die nicht lügen können , an und sprechen : Ja , ich will entsagen . « So schloß die Königin und hatte vielleicht erwartet , daß Adelheid auf die Kniee sinken , ihre Hand an die Lippen pressen , das Gesicht in ihrem Schooß verbergen würde . Gerührt von so vieler Güte und Theilnahme , musste sie das Gelöbniß stammeln , und Luise hätte sie dann in ihre Arme geschlossen und vielleicht gesprochen : » Nun sind Sie mir doppelt gewonnen ! « Aber Adelheid sank nicht auf die Kniee , sie presste nicht die königliche Hand an die Lippen und verbarg auch nicht ihr Gesicht . Sie blickte so klar und ohne Trug , wie die Fürstin es verlangt , diese an und sprach : » Gegen wen , erlauchte Frau , wäre es Pflicht , dem schönsten Traume meines Lebens zu entsagen ? « - » Gegen sich selbst ! Können Sie keinen noch schöneren sich denken , das Bewusstsein , Ihre Tugend und ihr besseres Sein vor Ihren Affekten gerettet zu haben ? « - » Ich fühle in mir nicht den Beruf eine Heilige zu werden , « erwiderte Adelheid . » Ich bin was ich bin , und will nicht mehr sein , ein Mädchen wie andere , von nicht zu heißem und nicht zu kaltem Blute . Ich glaube mich überwinden zu können , wenn ich muß , wo ich aber die Nothwendigkeit nicht absehe , glaube ich ein Recht zu haben , wie jedes lebende Wesen , wo Gottes Sonne auf mich scheint , mich zu freuen in ihrem Strahl . « » O mein armes Kind , « fiel die Fürstin ein , » ich sehe die Gluth Ihrer Leidenschaft , aber täuschen Sie sich nicht . Ich sehe mehr , Ihre tugendhafte Seele empfindet mit dem Verlorenen Mitleid , Sie wollen sich ihm opfern , um ihn glücklich zu machen , Sie fühlen den Drang schöner Seelen , eine Märtyrerin zu werden . Kennen Sie ihn ganz ? Fragen Sie sich , ob er es werth ist , der Mann , der - wie viele , so unschuldig als Sie , mag er auf seinem Gewissen haben ! Danach fragt die Welt freilich nicht , und die vornehmen jungen Wüstlinge machen sich daraus kein Gewissen . Aber Sie beobachten doch wenigstens den äußeren Anstand . Was man vom jungen Bovillard erzählt , o mich schaudert , ihn an Ihrer Seite zu sehen ! « - » Ist er darum schlechter , weil er keinen Schleier um seine wüste Jugend gebreitet ! Mich schaudert vor Denen , die die Welt lobt , weil die Welt nur das feine Kleid und die feine Miene sieht , hinter denen ihr verwüsteter Geist sich verbirgt . « - - » Man spricht ihm kein langes Leben zu , die Frucht seiner Ausgelassenheit . « - » Rechnet die Liebe nach Jahren ? « - » Doch soll die Ehe ein Bund der Seelen , eine Harmonie gleichgestimmter Geister sein . « - » Ist sie ' s denn immer ? « - » Aber der Mann muß wenigstens die Gefühle einer edlen Frau zu würdigen wissen , wenn er auch dem kühnern Schwunge ihres Geistes nicht folgt . « Adelheid lächelte ; » Sein Geist , gnädige Frau - O könnte ich Ihnen diesen edlen Geist malen , der rein blieb wie der Aether über dem aufgewühlten Schlamm , könnte ich Ihnen sein Herz öffnen , wie es mächtig pulst , für die Leiden , die Ehre des Vaterlandes , wie nur die Schmach , die er ansehen musste , Gift in die Adern spritzte - « » Lassen wir die Poesie , liebes Mädchen , es handelt sich von ernsten Dingen . Ich will Ihnen glauben , daß ein besserer Keim in ihm ist , daß große Talente in ihm schlummerten , daß Charakterstärke ihm von Gott gegeben war , ich will zu Ihrem Besten Alles zu seinen Gunsten glauben , aber warum gab er sich keiner geordneten Thätigkeit hin , warum zersplitterte er und vergeudete er diese Gaben . Bei seiner Geburt , dem Einfluß seines Vaters wäre ihm ein Wirkungskreis leicht geworden . « Adelheid sah die Königin mit einem eigenthümlichen Blicke an , es lag Frage , Bitte , ein Forschen darin . » Darf ich ? « Sie hielt die Hände auf der Brust . Der Augenschlag der Königin winkte Gewährung . » Ich kenne Jemand , den die Geburt hoch gestellt , höher steht nur Einer . Sein Herz schlägt für das Vaterland , sein Blut glüht für seine Ehre . Mit dem ritterlichen Feuermuth der alten Zeit , schlägt doch dies Herz weich für das Edle , Schöne , Große , das alle Zeiten schmückte . Er möchte , er könnte ein Volk erheben , es glücklich machen , denn seine Gaben befähigten ihn zu dem Höchsten . Und klar liegt vor seinem Gesichte die Vergangenheit , sein Auge blickt in die Zukunft . Warum ist dies Auge trüb ? - Weil der Horizont trüb ist . Warum sank dieser Feuergeist , dessen Flügel der Sturm durchschnitt , der der Sonne entgegenblickte , ohne zu zucken , in den Schlamm zurück ? Weil die Atmosphäre zu schwer ist , sein Feuerathmen sie nicht durchdringt , seine beredte Lippe umsonst redet , seine kühnen Vorstellungen an der Macht der Menschen , an der Zähheit , der Gewöhnung , an der Macht der grauen Alltäglichkeit abglitten . Da ward er muthlos , er verzweifelte . Erhabene Königin , wie sollte ich es wissen ! Ich spreche nur , was die Stimmen der Tausende , die Lüfte mir zutragen , aber sie flüstern und rufen es laut : Das ist unser Loos . Dies Firmament erdrückt Die , die zum Besseren aufwallen . Es ist einmal so in diesem Reiche . Wer daran Schuld , sagten sie nicht , aber sie zählen viele , viele edle Geister , die im fruchtlosen Kampf verkamen , untergingen . Wenn der edelste Prinz , der tapferste Held , dessen Lob auf allen Zungen , den die Armee vergöttert , diesem Loose nicht entging , dürfen wir Die verdammen , die dasselbe gewollt , und auch ihre Flügel verbrannten , sie sanken , tief , tief - Dürfen wir sie versinken lassen . « Luise hatte den Kopf halb abgewandt sinken lassen . » Meine Königin ist nicht die grausame Richterin , welche die Edlen büßen lässt , was Elende verbrachen ! Man sagt - « fuhr Adelheid mit gedämpftem Tone fort - » der Prinz wäre zu retten gewesen , wenn er ein edles Weib gefunden , das seine Gedanken und seine Sorgen getheilt , wenn eine seiner würdige Gattin , seinem Geiste nahe , seiner Liebe werth , ihn aufgerichtet . Er suchte , und - fand sie nicht . Man sagt , man flüstert es wenigstens , daß er Eine gesehen , und er wäre gerettet , er wäre geworden , sie sagen ein Gott . Aber er verschloß , entsagend , die brennenden Wünsche in der Brust denn - die Eine gehörte schon einem Andern ! « Adelheid fühlte , was sie gewagt , aber es war eine Macht über sie gekommen , der sie nicht widerstand , Auf Eine Karte war Alles gesetzt - Tod und Leben hieß die Krisis , es gab kein Mittel . Fieberhitze durchglühte sie , und sie schüttelte vor Frost , als sie aufgestanden . Auch die Königin stand auf . Noch wandte sie ihr Gesicht ab . Es war etwas - war ' s ein Kampf ? - was sie vor sich selbst verbarg . Wenn sie sich jetzt umwandte , ein zürnender Blick , eine Handbewegung Adelheid zurückwies , wenn sie ohne eine Silbe den Hügel hinabschritt , Adelheid jetzt allein ließ , verstoßen verloren - Nein , sie wandte sich um , und im nächsten Augenblick drückte sie das verlassene Mädchen an ihre Brust . Worte sprach sie nicht , nur eine Thräne fühlte Adelheid über ihre Wangen rinnen . Als sie schweigend die Allee zurückgingen , hatte das Sterbegeläute vom Kirchthurm aufgehört ; dafür schmetterten Trompeten , und ein kriegerischer Marsch der Garnison des Städtchens tönte über die Baumwipfel . » Gott sei Dank ! « sprach die Königin . » Das erleichtert das Herz . « Am Schlosse beim Scheiden reichte sie Adelheid die Hand zum Kusse . Dabei flüsterte sie ihr zu : » Wir sehen uns bald wieder . « In ihren Appartements befahl die Königin ihrem Kammerherrn , zum Minister Stein zu fahren . Sie wünsche ihn zu sprechen . Darauf hatte sie eine längere Unterhaltung mit der Viereck . Die Hofdame erklärte nachher den Hofleuten , daß Ihre Majestät endlich so huldreich gewesen , in den Wunsch einzugehen , den sie schon längst gehegt , nämlich bei ihrem geschwächten Gesundheitszustande eine Gesellschafterin zu nehmen , welche in ihren Appartements wohnen dürfe . Sie denke die Tochter des Geheimraths Alltag , die sich dazu anstellig zeige , zu acquiriren . Achtundsiebzigstes Kapitel . Eine Maus und eine Mausefalle . Bei Madame Braunbiegler sollte Whist gespielt werden . Die Gesellschaft war nur klein , kam aber nicht zur Ruhe . Wenn man kaum die Karten gezogen , störte eine Nachricht , eine Person , die unerwartet hereinstürzte . Es war nun einmal Unruhe in der Stadt , die mit dem besten Willen sich nicht bewältigen ließ . Man wusste schon , daß das Heer jetzt wirklich auf den Kriegsfuß gesetzt werden solle . Wenn man nur abgewartet hätte , bis die Mäntelgelder beisammen waren ! hatte Madame Braunbiegler gemeint ; aber es waren noch nicht siebzigtausend Thaler gesammelt . - Und was hilft das Geld , wenn die Schneider fehlen ! hatte der Legationsrath gesagt . Da brachte Herr von Fuchsius eine Nachricht , welche alle bisherigen in den Hintergrund drängte . Die Königin hatte endlich ihren Widerwillen gegen den jungen Bovillard aufgegeben , er war ihr vorgestellt worden , sie hatte ihn gnädig aufgenommen , sich günstig über ihn geäußert , zu Andern aber spitz gesagt , er müsse wohl viele Feinde haben , da er ihr ganz anders geschildert worden . Er war Tages darauf zum Legationssekretär , Andere meinten sogar zum Legationsrath ernannt worden , beauftragt zu gewissen Vorträgen im Kabinet und in der persönlichen Nähe der höchsten Herrschaften . Man war getheilter Meinung , ob dahinter eine Intrigue des neuen Ministers stecke oder des alten Bovillard . Fuchsius lächelte , als eine Dame mit einem andern : Wissen Sie schon ? hereinplatzte . Die Alltag ist zur Gesellschafterin der Viereck ernannt . Sie zieht ins Palais ! - Ins Palais ! - Was das zu bedeuten hatte , darüber war Niemand im Zweifel , als man auch von der gnädigen Audienz erfuhr , welche die Königin dem schönen Mädchen gewährt . - » Nun wird ' s ja Alles klipp und klar . Ja , wer nur ' ne hübsche Larve hat und Counexionen , dem fehlt ' s nicht . « So hatte Madame Braunbiegler gesagt . Madame Braunbiegler war ihrer Zeit eine berühmte Persönlichkeit in Berlin , was man heut nennen würde ein öffentlicher Charakter , von der sehr viele Dicta noch umgehen . Wenn der Raum unserer Erzählung , die zu Ende geht , es erlaubte , hätte sie das Recht und die Antwartschaft auf eine bedeutendere Rolle darin , als wir ihr angewiesen , aber der Rahmen schließt sich , und die Rücksicht auf den deutschen Stil und die Grammatik , die wir bis da nach unsern schwachen Kräften beachtet , verbietet uns , ein Bild in den Vordergrund zu stellen , welches für viele Leser unverständlich bliebe , ohne eine vorausgeschickte Abhandlung über den Mark-Brandenburgischen Unterschied zwischen Mir und Mich . So genüge denn für dieses Mal - denn es ist wohl möglich , daß wir ihr künftig wieder begegnen - ein Dictum , welches mit stereotypischer Genauigkeit aus den Akten jener Zeit entnommen ist . Ex ungue leonem . Madame Braunbiegler hatte das Gespräch über den betreffenden Gegenstand mit den Worten geschlossen : » Denn heirathet er ihr och noch ! Da gratulir ' ich . Er hat nischt und sie hat nischt . Des wird ' ne magere Kalbfleischsuppe . Ne sage ich doch , wenn pover Volk noch dicke thun will und vornehm sind , die können mich gestohlen werden . « Madame Braunbiegler musste sich dabei echauffirt haben ; es kostete ihr immer eine Gemüthsbewegung , wenn sie von ordinären Leuten sprach , die es den Reichen gleich thun wollten . Sie war den liberalen Ideenabgeneigt und hielt auf Standesunterschied . Der Shawl war ihr beim Echauffement von den leuchtenden Schultern gerutscht . Herr von Wandel legte ihn ihr sanft wiederum : » Sie könnten sich erkälten , gnädige Frau , « flüsterte er mit der sanftesten Stimme . Der Ritter begehrten nicht den Dank der Dame . Wie zufällig , hatte er sich auf einen Stuhl am Spieltisch niedergelassen , wo Frau Geheimräthin Lupinus schon mit der Karte in der Hand saß . » Was sagt meine Freundin dazu ? « » Was ich dazu sage ? Das kommt doch nicht in Betracht . Was aber wird die Gargazin dazu sagen ? « » Sie ist vielleicht auch froh , daß sie das Wunderthier los ist , « sagte Wandel leiser . » Besteht nicht unser Leben eigentlich aus Knüpfen und Lösen . Mit dem Knüpfen werden die Meisten bald fertig , aber am Lösen , weil sie nicht voraus daran gedacht , scheitert ein Bischen Verstand , und an den ungelösten Knoten des Daseins ging so Mancher unter . Es ist vielleicht die Aristokratie der Erwählten , diese Kunst sich anzueignen , bei Allem , was sie schaffen und wirken , schon an die Auflösung zu denken . O wer es dahin gebracht - « » Wenn Alles aufgelöst ist , was ist denn dann ? « unterbrach ihn die Wittwe . » Freiheit , Chaos , wie Sie es nennen wollen , allgemeine Glückseligkeit : denn ist es nicht ein Glück , wenn wir nicht mehr zu sorgen und zu denken brauchen um Bagatellen ! - Ist das Leben mehr , meine Freundin ! - Pardon , ich halte Ihr Vergnügen auf , Madame wartet - « Er hatte der Braunbiegler Platz gemacht , die sich mit ihrer Karte dem Tisch näherte . Aber mit derselben Unbefangenheit war er zur Baronin Eitelbach getreten , die am Fenster stand . Er klopfte auf ihre schöne Hand , er brachte die Fingerspitzen an den Mund . » Immer pensiv ? « - » Sagen Sie mal , Legationsrath , was sieht denn Fuchsius immer auf die Lupinus ? Er ist doch nicht in sie verliebt ? « » Ei , meine Freundin , eine so scharfe Beobachterin ; man muß sich vor Ihnen in Acht nehmen . « - » Nein , er observirt , er lässt sie nicht aus den Augen . Ich sehe das schon eine halbe Stunde an . « - » Nun , wenn es ein süßes Spiel der Liebe wäre , was kümmert es uns Beide . « - » Ich bitte Sie ! - Die Lupinus- « » Lassen Sie doch die arme Wittwe in Ruh . Haben Sie nicht an Anderes zu denken . « - » Sie sind ein guter Mann , ich kenne Ihr Herz und Sie meinen es von Herzen , « sagte die Baronin , » aber warum müssen Sie mich immer bei Seit ziehen ? « - » Um alle Gedanken abzulenken . Denn mich , « sagte Wandel mit einem Seufzer , » wird man doch nicht für den Glücklichen halten können . Im Uebrigen bis jetzt geht Alles gut . Wenn wir nur auf seine Verschwiegenheit rechnen könnten . Offiziere plaudern gar zu gern - in der Wachtstube , bei einer Flasche Wein - « Er ward unterbrochen , durch den Eintritt einer neuen Person . Eben hatte sich Madame Braunbiegler auf ihren Stuhl niedergelassen , mit einem : » Na , kommt man denn endlich zur Ruhe . Das war doch heut eine Störung « - als eine neue schon wieder da war . Der Geheimrath Lupinus , nicht der selige , sondern von der Vogtei , war eingetreten , und sofort schien man zu wissen , weshalb . Die Wirthin gab dem allgemeinen Gefühl den Ausdruck : » Ach Gott , die Flanellleibbinden fehlten noch ! « Die neueste Thätigkeit des Vogtei-Lupinus musste also eine bekannte Sache sein ; was wird in Berlin nicht bald zu einer bekannten Sache . Wer etwas gelten wollte , musste sammeln , natürlich für die armen Krieger ; wer sich hervorthun wollte , für einen neuen Zweck . Von Winkelsammlern wimmelte es in den Häusern und auf den Straßen . Der Geheimrath sammelte für wollene Leibbinden . Die Mäntel waren für die Infanterie , die wollenen Leibbinden für die Kavallerie . Weshalb grade der Vogtei-Lupinus diese Sache mit Eifer ergriffen , dafür wusste der böse Leumund auch einen Grund . Nachdem der Geheimrath seine Papiere und Listen aus der Mappe genommen , welche ein Beamter ihm nachtrug , hub er an von dem Nutzen der Leibbinden im Allgemeinen , er citirte Hufeland und Heim über die Wichtigkeit , daß der Magen eines Menschen warm gehalten werde ; wenn die Funktionen desselben in Ordnung , sei der ganze Mensch in Ordnung . Das gelte aber ganz insbesondere von Soldaten . Er ging dann auf die Kavallerie über , und beschrieb , wie , Luft und Wind ausgesetzt , ein Kavallerist leichter am Magen sich erkälte , als ein Infanterist , der durch die Bewegung des Marschirens schon den Magen sich warm mache . Wenn nun der Letztere jedoch überdies noch Mäntel erhalte , so erfordere die Humanität und Billigkeit , daß man für den Soldaten zu Pferde auch etwas Uebriges thue . Er ging dann auf die drohende Herbst- und Winterkampagne über , und schilderte , wie ein Kavallerist friere , wenn er auf der Erde schlafen muß , denn die Zelte schützen nicht vor der Kälte , die aus dem Boden dringt und zuerst in den Magen geht , zumal , wenn er leer ist . Nun aber sorge ein guter Kavallerist allemal zuerst für den seines Pferdes , und komme es auf diese Weise oft , daß er für seinen eigenen nicht gesorgt hat . Mit einer glücklichen Wendung wieder zu den Leibbinden zurückgekehrt , zeigte er , wie sie am besten zugeschnitten und gebunden würden , gab zu , daß die von Wolle gestrickten allerdings zweckmäßiger , aber nicht so schnell zu beschaffen seien , daher die von Flanell dem Bedürfniß und Zeitgeist entsprächen , und schloß mit einer rührenden Deklamation an die Anwesenden , daß sie für König und Vaterland und die leiden de Menschheit ihr Herz und ihren Beutel zu einer milden Gabe öffnen möchten . Auch die geringste sei ihm willkommen , lieber jedoch die größeren . An der Aufnahme sah man , daß auch hier schon fertige Parteien waren , Infanteristen und Kavalleristen , Mäntel und Leibbinden , Tuch und Flanell . Indessen siegte der Flanell . Wer widersteht , wenn Andre ihm vorangehen und der Kontrolleur dabei steht . Nur Madame Braunbiegler fand es impertinent , grade ihr damit ins Haus zu rücken . Sie gehörte natürlich zur Tuch- und Mäntelpartei , und erklärte , sie würde nicht einen Pfennig rausrücken . » Eine Kleinigkeit doch ! « flüsterte ihr der Legationsrath zu . Das brachte sie nur noch mehr auf : Wenn sie gäbe , lasse sie sich nicht lumpen , und wenn ' s honorig sei , greife sie in die Tasche , daß es sich sehn lassen könne , aber Bettelei könne sie nun ein für alle Mal nicht ausstehen . » Und wie kommt er denn dazu ! « Wandel zog seine » edle Freundin « bei Seite . Er theilte ganz ihre Ansichten , ob sie es ihm aber verzeihen werde , wenn er eine Kleinigkeit nach Kräften beisteure : » Meine Stellung zum Hofe bringt es mit sich , und der Geheimrath ist wohl nicht ohne Auftrag hier . « Dies wirkte . Es konnte bei Hofe vermerkt werden , daß Madame Braunbiegler nichts für die Kavallerie gethan . - » Schreiben Sie mir auf mit zwanzig Thaler , Geheimrath ! « rief die Wirthin , und die Blicke der stattlichen Frau überflogen die Gesellschaft , um für die Thaler das Erstaunen zu ernten . » Eine Prise , Baron ! « Sie griff mit ihren markigen Fingern tief in die Dose und schien den Spaniol mit Befriedigung einzuschlürfen , während sie nicht mit gleicher Worte ihres Kompagnons vernahm : » Lupinus , Sie , hören Sie - notiren Sie mich auch mit zwanzig ! « - » Na , na , Baron , nur keine Extravaganzen nicht ! Seit wann haben Sie ' s denn so dicke sitzen ? « - Allerdings hatte der Baron es nicht so dick sitzen als sein korpulenter weiblicher Kompagnon , aber er schlug mit der Hand an die Brust : » Wenn ' s Vaterland ruft ! « Lupinus hatte die Hand , welche eben in der Dose gewühlt , mit Entzücken ergriffen und an seine Brust gedrückt : » Ah ! Madame Braunbiegler est un ange . Votre exemple glorieux rendra notre chose victorieuse ! « » Umgeguckt , Geheimrath , Ihre Schwägerin winkt , will Ihnen auch vielleicht ' nen Fuchs geben . Stecken Sie ein , was Sie kriegen . « Der Geheimrath Lupinus prallte buchstäblich zurück , als er sein Ohr an den Mund der Geheimräthin gelegt , und diese einige Worte ihm zugeflüstert hatte . » Hun - hundert ! « - » Ich bitte , Schwager , sein Sie kein Narr ! « sagte sie mit leisem , strafendem Ton und bittendem Blick . » Hundert Friedrichsd ' or ! « - » Aber ich habe Sie doch sehr gebeten ; das war ja unter uns - Sie sind wirklich ein abscheulicher Mensch . « - » Hundert Friedrichsd ' or ! « lief es durch die Versammlung . - Hundert Friedrichsd ' or für Flanell ! Starre Blicke , geöffnete Münder . Am weitesten hatte die Wirthin ihn auf , es kam aber kein anderer Laut heraus , als ein : » Na nu - ! « Die Geheimräthin Wittwe empfand das Unangenehme der Situation . Sie erhob sich etwas vom Stuhl : » Warum musste mein guter Schwager über Etwas an die große Glocke schlagen , was ganz unter uns abgethan werden sollte ! Da es aber einmal ist , so bin ich meinen verehrten Freunden und Freundinnen Rechenschaft schuldig . Ich bin nicht so reich , um eine solche Summe zu diesem einen Zwecke beizusteuern . Ich erfülle darin nur den Wunsch und Willen meines seligen Gemahls . So wenig er sich im Frieden seiner Seele um Weltangelegenheiten kümmerte , sah er doch mit bangem Blick schwarze Gewitterwolken nahen , und es waren seine letzten Unterhaltungen mit mir , daß für diesen Fall ein guter Patriot , was er könne , zum Wohl des Ganzen beisteuern müsse . Namentlich ging ihm die Lage unserer armen Soldaten zu Herzen ; er , den jedes kalte Lüftchen wie ein Eishauch berührte , erschrak vor dem Gedanken der Winterfeldzüge , die er für eine Barbarei der neueren Kriegskunst erklärte . Er malte sich in seinen letzten Fieberphantasien besonders lebhaft das Bild des Bivouaks , und rief mehr als einmal aus : Und sie haben nicht mal warme Kleider ! Wenn ein unerforschlicher Rathschluß ihn nicht plötzlich abgerufen , würde er in seinem Testament gewiß Legate dafür ausgesetzt haben . Wollen Sie es mir daher nicht verargen , wenn ich dies Testament für geschrieben halte , und in seinem Sinne zu handeln denke , indem ich thue , wie ich gethan . Nicht ich thue es , mir darf Niemand danken , mir Niemand Verschwendung vorwerfen , es ist sein Geist , der mich in diesem Augenblick umschwebt . « Während die Geheimräthin es sprach , waren Aller Blicke auf sie gerichtet . Es war eine Feierlichkeit in ihrem Wesen , ein sonorer Ton in der Sprache , der selbst der Braunbiegler imponirte . Mit ganz besonderen Blicken beobachteten sie aber zwei der Anwesenden , Wandel und Herr von Fuchsius ; jenes Gesicht erheiterte sich , dieser behielt denselben Ausdruck . » Nun aber , lieber Schwager , « ging die Lupinus plötzlich in einen andern Ton über , » thun Sie uns den Gefallen und gehn zu Andern , denn Ihre Flanellbinden dürfen unsere Heiterkeit nicht stören . Was Sie mir gethan , ist vergeben und vergessen . Sie sehen , wir haben die Karten in der Hand , und brennen zu spielen . « Die Liebenswürdigkeit selbst ! - Nein , eine Vornehmheit doch , und diese Sanftmuth dazu ! - Wenn es nicht gesagt , wurde es gedacht . Wie herzlich , zutrauend , um es wieder gut zu machen , hatte sie dem Schwager , der so tief unter ihr stand , die Hand gereicht zum Abschied . Lupinus hatte die Hand an die Lippen gedrückt - etwas schauspielerhaft , sagten Einige . Wie ein Polisson - Andere . - » Er ist doch immer der Bruder meines seligen Mannes , der einzig Hinterbliebene der Familie ! « hatte sie geseufzt . » Und was man auch immer gegen ihn sagen mag , von Herzen ist er gut . « Man erwähnte , daß die Königin sich günstig über den Eifer des Geheimraths in dieser Angelegenheit geäußert . Es sei schön , wenn ein alter Sünder durch gute Thaten seine schlimmen wieder gut zu machen suche . » Wenn ' s nur von ihm käme ! « sprach die Braunbiegler . » Da habe ich auch nichts gegen . Er ist ja ein Mann in Amt und Brod , und der König wird wissen , warum er sich solche Geheimräthe gemacht hat . Aber alle Welt weiß auch , er ist nichts im Hause . Da steckt die Charlotte hinter , seine Köchin . Ich weiß nur gar nicht , wie die Familie den Skandal zulassen kann . Wenn das in meiner wäre , ich würde mich ja schämen - « » Madame Braunbiegler haben anzusagen . « sprach mit großer Milde die Lupinus . - » Mein Seliger . « setzte