zu nennen , aber bei seinem schlanken Wuchse doch unverhältnißmäßig hohe Schultern hatte . Muß ja so lange für den Eisold einstehen , bis sein Karl heran ist und die Stelle des Vaters einnehmen kann ... Braves Haus , das Ihr seid , Danebrand ! fiel Leidenfrost ein und wandte sich zu Ackermann , der zuhörte . Dieser gute Danebrand , sagte er so laut , daß Danebrand es hören konnte , ein Schleswiger , wie Sie nach seiner sanften , flötenden Lispelsprache vernommen haben werden , dieser brave Junge mit dem Simsonskörper und dem zarten Stimmchen , das ihm auch in seinen zu hohen Schultern sitzen geblieben scheint , ist die Menschenliebe selbst . Er arbeitet erstens für sich und Das muß nicht wenig sein , wenn Sie bedenken , daß Freund Danebrand einem schleswigschen Stiere den Appetit streitig macht . Zweitens arbeitet er noch in Gemeinschaft mit einem jungen Lehrling , Namens Eisold , so viel , als früher zusammen der verstorbene Vater des jungen Eisold allein arbeitete . Warum thut er Das ? fragte Ackermann freundlich zu Danebrand hinüber blickend . Weil er dem jungen Eisold die Stelle des Vaters offen halten will , bis er sie allein ausfüllen kann . Arbeitete er nicht für den todten Vater mit , so würde man schon jetzt die Stelle des Verstorbenen besetzen . Das wird vielleicht Eure Schultern schmaler machen , Danebrand ! Ihr werdet viel schanzen müssen . Alberti und Heusrück lachten . Danebrand aber streckte sich auf die Matratze an der Erde und sagte , den riesenhaften , blondhaarigen Kopf zur Ruhe auf die Arme legend , die , wie die ganze Gestalt mit Ruß und Dampf geschwärzt waren - auch das Gesicht ließ sich vor Kohlenschwärze nicht erkennen - : Was wird der Herr von mir denken ? Er wird mich für einen Narren halten , wenn Sie ihm nicht sagen , warum ich Das für den Karl Eisold thue ? Nun , weil er sechs Geschwister hat ! antwortete Leidenfrost , der von den Verhältnissen dieser Arbeiter wie ihr Freund unterrichtet war . Liebe Zeit , sagte Danebrand , es gibt der Arbeiter , die an der Cholera gestorben sind und sieben Kinder hinterließen , die nun betteln müssen , genug ... Aber es gibt gewiß nur einen Danebrand ! sagte Ackermann , den die Bescheidenheit des misgestalteten Feuerarbeiters rührte . O Herr , antwortete dieser mit seinem spitzen schleswigschen Stimmchen , ablehnend , das ist ja ganz natürlich . Das war vor anderthalb Jahren , als ein großes Dampf-Pochwerk probirt werden sollte . Die Maschine ist schon im Gange und ich weiß es nicht ... Der Dampf steigt aus dem Kessel und das Ding fängt zu arbeiten an , ehe ich mir ' s versehe . Donner ! ich liege unten an den Stempeln und will sie blos nur noch blanker putzen . Jesus ! schreien die Leute , Danebrand ! Schon neigt sich von oben der furchtbare Hammer von zwanzig Pferdekraft nieder - so muß einem Menschen zu Muthe sein , über dem ein Berg zusammenbricht - Alle schreien und nur Einer springt hinzu und reißt das Ventil auf . Zischend fährt der Dampf heraus wie ein Ungewitter : der Hammer bleibt an der Spitze meiner Haare stehen und der Arbeiter , der das Ventil aufgerissen hatte , war selbst dabei gefallen und hatte sich eine Sehne zerrissen , daß er sechs Wochen nicht gehen konnte . Das war Eisold , der vor soviel Monaten mit seiner Frau an der Cholera gestorben ist . So arbeit ' ich nun so lange für ihn mit , bis sein Karl so weit ist wie der Vater ... Gott segne Sie für diese dankbare Aufopferung ! sagte Ackermann gerührt und zu Leidenfrost ' s Freude , dem der wohlthuende Eindruck , den die Erzählung auf den Fremden machte , gefiel . Doch war er zu sehr Humorist , um eine Rührung zu lange andauern zu lassen . Er wandte die Sache gleich in ' s Scherzhafte und sagte : Wetter , wenn der Danebrand sich immer so weiß waschen könnte , wie er ' s eben gethan hat und sein Barbier ihn rasirte , auf dem Fortunaball liefen ihm alle Mädchen nach . Die Wahrheit hat er erzählt . Der Hammer war eben im Begriff , ihm von den Schultern das große Stück herunterzuklopfen , das er zuviel hat . Aber geflunkert hat er doch ! Was Heusrück , Alberti , hat er nicht geflunkert ? Freilich hat er geflunkert , sagte Heusrück . Er hat was ausgelassen ... Was hat er denn ausgelassen ? fragte Ackermann mit freundlicher Theilnahme . Daß er seit Eisold ' s zerrissener Sehne in seine Tochter bis über die Ohren verliebt ist ; ergänzte Alberti . Danebrand brummte etwas und warf sich auf die andere Seite . Ist es nicht wahr , Danebrand ? rief Leidenfrost . Jetzt thut er , als wenn er schlafen wollte . Danebrand , ein Glas Wein ! Hier auf Louise Eisold ! Was ! Was ? Thut Ihr nicht Bescheid auf Louise Eisold ? Indem hatte Leidenfrost eingeschenkt . Als Danebrand zögerte , trank Alberti das Glas . Als es Leidenfrost noch einmal gefüllt hatte und Danebrand wieder zögerte , trank es Heusrück ... Und als Danebrand auch das dritte Glas ausschlug , war Leidenfrosten fast der Muth entsunken , ihn zu fragen , was er gegen Louise Eisold hätte ? Danebrand schien so verdrießlich , so mißmuthig über diese Erinnerung , daß er aufstand und sagte , er müsse drüben noch etwas am Ofen nachsehen . Damit ging er hinaus . Als die Andern der gewaltigen , kolossalen Figur , die aber in den Schultern wirklich etwas von einem Buckligen hatte und mit dem ungeheuren Kopfe tief im Nacken saß , nachsahen , fragte Leidenfrost , was Das denn mit dem Danebrand wäre . Er fänd ' ihn überhaupt seit einiger Zeit verändert . Liegt ihm sein meerumschlungenes Vaterland am Herzen ? Überarbeitet er sich ? Was hat er ? fragte Leidenfrost die beiden andern Arbeiter . Er ist unglücklich aus Liebe , sagte Heusrück lachend . Das ist nicht zum Lachen ; bemerkte Ackermann mit freundlichem Vorwurf . Wie so denn aus Liebe ? fragte Leidenfrost . Ei , erklärte Alberti , Louise Eisold ist ein feines und sehr gebildetes Mädchen , erst neunzehn Jahr alt . Seitdem Danebrand bei den Verbänden , die sie am Fuße ihres Vaters machte , sie sah , hat er den Muth gehabt , um sie anzuhalten . Er ist gar nicht ohne Mittel , hat wohlhabende Bauern zu Eltern und wäre längst weiter gewandert , wenn ihn Louise nicht » gefesselt « hätte , wie man zu sagen pflegt . Sie gab ihm kein Versprechen , denn bei Gott , so ein braver Kerl er ist ... Zum Lieben ist er nicht gegossen - sagte Heusrück . Warum ? entgegnete Ackermann . Die Liebe hat seltsame Augen und ein treues Gemüth macht Jeden schön . Leidenfrost blickte bei dieser Bemerkung nachdenklich nieder und seufzte ... Es schien auch so eine Zeit lang , fuhr Alberti fort . Sie gingen Sonntags mit einander , wenn die Eltern dabei waren und Danebrand kann ganz charmant sein , trotzdem , daß ein tanzender Bär mehr zum Lachen , als zum Lieben ist . Da starben die Eltern . Nun glaubte Danebrand Louischen die Hand anbieten zu müssen und zu dürfen , aber sie schlug ' s ihm rund ab . Sie bat ihn mit Thränen um Verzeihung , aber es kam dann bald heraus , daß ihr etwas Anderes im Herzen spukt - Ist Das wirklich wahr ? fiel Leidenfrost ein ; was man von einem Menschen erzählt , der bei ihr wohnt ? Ich war neulich dort , um den Karl Eisold zu sprechen , dem ich Bücher gebe , sich mehr zu bilden ... O Das nicht ! entgegnete Alberti - Wohnt der Schreiber nicht etwa bei ihr ? fiel Heusrück ein . Bei ihr ? Nun ja ! Er wohnt bei ihnen Allen ! Sie haben zwei Zimmer vermiethet , und den Einen , einen schlimmen Burschen wie man sagt , soll sie gern haben und da hat uns noch neulich Einer , der in demselben Hause wohnt , erzählt , daß es ihr mit dem so geht wie dem Danebrand mit ihr . Er mag sie nicht ? fragte Leidenfrost auf Alberti ' s freundliche Vertheidigung . Während sich Heusrück eben anschickte , das Verhältniß noch anders zu erzählen , bemerkte Alberti und Leidenfrost , daß Ackermann sich plötzlich umgewandt hatte und in einiger Unruhe schien . Er sah bald auf den Tisch , bald unter den Stuhl , wo er gesessen ; er schlug an seine Taschen und schien etwas zu vermissen . Leidenfrost trat näher . Suchen Sie etwas ? fragte er . Mein Portefeuille ! antwortete Ackermann . Noch vor wenig Minuten sah ich es auf dem Tische - Als ich einschenkte , fehlte es nicht - Es muß sich finden - Mein Himmel ; es wird kostbare Papiere enthalten ? Geld , und manches Werthvolle ... Es fehlt seit - Danebrand ? Eben wollten die Arbeiter , erschrocken über diesen entsetzlichen Verdacht , aufspringen , als aus der dunklen Ecke , wo Selmar schlief , eine zarte Stimme rief : Vater ! Hier ! Es war Selmar selbst , der die Brieftasche emporhielt . Kind , sagte Ackermann , was machst du für Streiche . Ei , warum gebt Ihr nicht Acht ? antwortete Selmar und sprang vom Sopha auf . Während Ihr da im wärmsten Gespräch waret , hab ' ich geträumt , die Locke wäre fort und in meiner Angst steh ' ich auf , ihr seht und hört nichts , und habe nachgeschaut , ob die Locke noch da ist . Indem trat Danebrand ein . Ruhig und still ging er zu seinen Kameraden und legte sich auf das harte Lager . Es lag eine gewisse Feierlichkeit in diesem Momente der Rechtfertigung eines edlen Menschen ... der erste Verdacht war gleich gegen ihn gerichtet gewesen , er stand in der Möglichkeit eines schlimmen Unternehmens da und wie er nach dem sofort entdeckten Irrthume ruhig durch die Glasthür trat , lag auf ihm , trotz seines schmuzigen Aussehens und seiner misgeformten Gestalt , fast der Schimmer einer Verklärung . Die beiden Arbeiter fühlten Dies auch mit wahrem Stolz und Ackermann und Leidenfrost mit Beschämung . Das Gespräch über Louise Eisold war ohnedies abgebrochen und Ackermann begann gegen Selmar einige ernstliche Verweise auszusprechen . Vater , vertheidigte sich dieser , ich weiß ja kaum wie mir Das geschah ! Ich lag und träumte von unserer Locke . Bald war sie eine Schlange geworden mit einer funkelnden Krone auf dem Haupte . Bald sah ich ein anderes Ungethüm , das Härchen für Härchen an der schönen Ringellocke zerzauste . In der Angst um unser liebes Angedenken an den armen leidenden Freund wacht ' ich auf , tastete noch wie halb träumend nach den Lichtern hin , trug die Brieftasche fort , wie in der Furcht , die Locke könnte uns doch noch gestohlen werden ! Und wahrscheinlich einige Tausend Bankzettel dazu , sagte Leidenfrost scherzend , um wieder die frühere Heiterkeit herzustellen und des Vaters plötzlichen düstern Ernst zu mildern . Aber in der That , hier hat man nur etwa die Metallgeister zu fürchten , nicht die Diebe . Unsere Willing ' schen Arbeiter sind die gediegensten von der Welt und sind nicht nur ehrlich aus Instinkt , sondern auch ehrlich mit Bewußtsein , was ich höher stelle . Der politische Miscredit , in dem sie stehen , zwingt sie dazu , über ihre Tugenden nachzudenken . Ackermann war von der Erwähnung der Locke mehr verstimmt als erfreut . Sie erinnerte ihn ja an den vermeintlichen Egon , an dessen Leiden er ein so tiefes Interesse nahm . Er hatte das Portefeuille eingesteckt und sah ungeduldig zu Willing hinüber , der noch immer mit dem Anschlag nicht fertig war . Selmar aber schien übermäßig ermüdet . Er schmiegte sich an den Vater so innig an , als wollte er in seinem Arme schlummern . Eine Studie für mich ! rief Leidenfrost . Lear trägt Cordelien im Arm ! Das möcht ' ich zeichnen ! Halt ! Halt ! Damit wollte er ein Blatt aus seiner Mappe nehmen . Erschein ' ich Ihnen so alt ? fragte Ackermann mit freundlichem Scherz . Die langen im Winde flatternden weißen Locken denk ' ich mir hinzu - Selmar ist Cordelia - dazu bedarf es nur eines andern Costümes - aber der Ausdruck Ihres Antlitzes , Ihr Auge - man möchte glauben ... Aber was habt Ihr ? Herr , das Kind schläft ja nur , ist ja nicht todt - lassen Sie ' s doch gut sein , ich zeichne Sie nicht ... Herr Ackermann ! Der Amerikaner hatte wirklich mit einem Ausdruck dagestanden , wie Lear , indem er von seinem » todten Vögelchen « spricht und die Menschen auffodert , mit ihm zu weinen ... Nehmen Sie wie König Lear eine leichte Flocke , sagte Leidenfrost scherzend , einen Federflaum und halten Sie ihn unter dem Athem des Kindes - es schläft ja nur , Bester ! Ackermann setzte sich erschöpft und sprach mit leiser Stimme : Schon die Vorstellung , ein theures Kind zu verlieren , kann so überwältigen . Selmar aber , im Halbschlafe Leidenfrost ' s Anspielung auf die Federflocke , wie sie Lear bei Cordelien anwendet , misverstehend , fuhr empor und fragte : Du hast sie doch ? Hast du sie ? Kind ! Kind ! beruhige dich - und mich ! sagte Ackermann , Selmar damit zum Schweigen verweisend . Leidenfrost aber meinte , ob es unbescheiden wäre , nach dieser theuren so ängstlich bewachten Locke zu fragen ? O , sagte Ackermann mit einer Art Selbstbekämpfung , weniger die Locke hat für uns Werth , als die sonderbare Art , wie ich zu ihr kam . Vor einigen Tagen kehrt ' ich unterwegs in einem Wirthshause ein , wo mir die Leute mit sonderbarer Angst von einem jungen Manne sprachen , der sich auf der Reise zu uns gesellt hatte . Der Nachtwandler ! riefen sie so deutlich , daß ich ihr Grauen bemerken mußte . Bei genauerer Erkundigung hört ' ich , daß der junge Mensch , der sich uns zutraulich und doch scheu angeschlossen hatte , an dieser traurigen Krankheit leide . Es ließ uns die ganze Nacht keine Ruhe . Als ich gegen Mitternacht Geräusch zu hören glaubte , stand ich , halb angekleidet , auf und finde eine sonderbare Scene . Ein junges , wunderschönes Mädchen zeigt bald entsetzt auf den in der Ferne stehenden Nachtwandler , den die helle Mondnacht hinausgelockt hatte . Sie läßt ein Bild aus der Hand fallen , zeigt stumm und starr auf eine Thür und verschwindet voll Entsetzen . Ich hebe das Bild auf und gehe auf den Nachtwandler zu , der aber bei voller Besinnung war , mich anlachte , mir die Besorgung des Bildes empfahl und mit einem sonderbaren Ausdruck Gute Nacht wünschend , in sein Zimmer mehr entfloh als mit gutem Gewissen ging . Ich glaubte mich nicht zu täuschen , wenn ich annahm , daß ich hier einen sehr zweideutigen Menschen kennen gelernt hatte , der sich das Ansehen eines Nachtwandlers gab und vielleicht nur damit einen Vorwand für manchen schlimmen Zweck herauszukehren wußte . Als er später bis hierher mit uns fuhr , war mein Vertrauen vollends gewichen und froh war ich , als wir von seiner peinlichen Gegenwart befreit waren . Und die Locke ? fragte Leidenfrost . Ich hätte gewünscht , jener Nachtwandler hätte Sie nicht getäuscht . Ich hätte gewünscht , er wäre wirklich somnambül gewesen . Ich glaube an elektrische Leiter . Von wem nahmen Sie die Locke ? Vom Haupte eines jungen Mannes , der in dem Zimmer schlief , wo ich im Auftrag der erschrockenen Dame das Bild abgab . Es sollte ... Aber , wie sagen Sie , ein elektrischer Leiter ? Sie müssen nun schon Alles berichten . Ich will sehen , ob hier eine magnetische Strömung stattfand ... Der Lockenraub sollte ... eine Strafe sein für Menschen , die schlafen , ohne ihre Thür zu verschließen . Schade ! Schade ! Nur eine Strafe ? Und daß jener Mensch nicht wirklich nachtwandelte ! Erklären Sie sich deutlicher ! Warum wirklich ? Warum nicht Strafe ? Denken Sie sich diesen elektrischen Strom ! sagte Leidenfrost . Nacht ... Mondenschein ... eine erschreckte junge Dame ... also Schrecken ... ein Sie überraschender Auftrag ... also wieder Schrecken ... ein Nachtwandler ... das Ihnen fremde Zimmer ... der Schlafende ... die Locke ! Wenn das Alles so zugetroffen hätte , müßte die Locke mit Ihnen in einem Rapporte stehen , daß diesem Menschen , dem die Locke gehört , jeder Kuß auf sie angenehme Gefühle erweckte und wäre er hundert Meilen weit von Ihnen entfernt . Selmar wurde blutroth vor Erstaunen über diese Auseinandersetzung , die der Vater mit einem lächelnden : Glauben Sie an so etwas ? aufnahm . Schade ! Schade ! wiederholte aber Leidenfrost , daß dieser Mensch ein Spitzbube war ! Zweifel , Lüge , Unglaube , Strafe stört die Kette ! Die Berechnungen des Verstandes dürfen den Strom der Gefühle nicht aufhalten . Nun , lenkte Ackermann mit ernster Miene ein , dann könnte ja noch der Fall eintreten , daß mich vielleicht das Bild selbst furchtbar überraschte - Auch Das noch ? sagte Leidenfrost . Kannten Sie es ? Ich erkannte es . Ich war auf den Tod erschüttert ... Und nicht von Ahnung ; nein , es war Gewißheit . Was ich in dem elektrischen Zuge durch die Enttäuschung über den Nachtwandler an Kraft verlor , die Verstandesreflexion , die meine Nervenströmung aufhielt und dämpfte , wurde hundertfach ersetzt durch das Staunen über jenes Bild ; mein ganzer Mensch war ergriffen und so schnitt ich die Locke zur Erinnerung - Zur Erinnerung ? Sie sagten vorhin ... Zur Strafe für den unvorsichtigen Schläfer ; Strafe ist Verstandesreflexion , Erinnerung wäre besser . Erinnerung ist Gefühl . Alles gut , Alles gut ; aber in die Kette der Überraschungen kam im Momente des Zweifels eine Verstandesthätigkeit , die die glühende Nervenströmung aus den vier lebenden Wesen erkältete - Der falsche Nachtwandler also ? Schade ! schade , daß der Nachtwandler ein Betrüger war ! Es war kein Betrüger ! rief in diesem Augenblick eine entfernte Stimme . Ackermann und Leidenfrost sahen sich um , während Selmar , die Brieftasche an die Brust und die Herzgrube drückend , wirklich wie im magnetischen Schlafe zu liegen schien . Der Sprecher war Danebrand , der sich aufgerichtet und zugehört hatte . Wenn Das auf dem Heidekrug war - sagte er fragend . Ja ! antwortete Ackermann . Es war auf dem Heidekrug . Wenn der Nachtwandler Hackert hieß - Er hieß Hackert . Sehr richtig ! So war ' s ein echter Nachtwandler . Er kann aufgewacht sein , als Sie kamen . Aber es ist ein rechter Nachtwandler ... Das möcht ' ich nun wol von Ihnen hören , ob das Nachtwandeln vom Himmel oder von der Hölle kommt ? Während noch Ackermann betroffen von dieser Unterbrechung schwieg , sagte Leidenfrost : Das sollt Ihr gleich hören , Danebrand ! Die Nachtwandler treibt der Teufel aus dem Bett und jagt sie auf die Dächer , aber ein Engel vom Himmel kommt und führt sie so , daß sie sich kein Haar krümmen . Es müssen denn Menschen so weise sein wollen und den Namen rufen ... Eben wollte Danebrand aufstehen , näher kommen und sich vollständiger über die gespenstige Natur seines glücklicheren Nebenbuhlers unterrichten lassen , als aus seinem Cabinet Willing hereintrat . Da ist mein Überschlag , sagte der Fabrikherr auf die in seiner Hand befindlichen Papiere zeigend ; so gut sich dergleichen im voraus bestimmen läßt , glaub ' ich etwa fünftausend Thaler als die Summe bezeichnen zu müssen , die alle diese Geräthschaften kosten würden . Ackermann wurde jetzt Geschäftsmann . Er verglich die einzelnen Ansätze , fand sie billig und erbot sich zu einer Anzahlung . Als Willing bedauerte , diese annehmen zu müssen und Ackermann seinerseits als feste Ablieferungszeit den ersten Januar bedingte , kamen sie zu einer Vorausbezahlung von fünfzehnhundert Thalern überein . Ackermann nahm Selmarn das Portefeuille aus der Hand , öffnete es und legte diese Summe in Papieren auf den Tisch . Während darüber die Empfangscheine ausgefertigt und überhaupt Geschäfte verhandelt wurden , zog sich Danebrand auf sein Lager zurück , nicht wenig aufgeregt von den Worten , die Leidenfrost über die Nachtwandler gesprochen hatte . Selmar hielt sich jetzt mit Entschlossenheit wach . Der zarte Knabe fühlte , daß er nun seinem Geschlechte Ehre machen , an den Wagen , an das Pferd denken müßte . Leidenfrost veranlaßte Alberti nach dem Pferde zu sehen , das im großen Stalle der Fabrik so lange untergebracht war . Alberti unterzog sich diesem Auftrage mit Freuden . Während dieser Zurüstungen und nach abgeschlossenem Vertrage trat Willing mit Ackermann aus dem kleinen Cabinet heraus und wiederholte dasselbe Befremden , das vorher Leidenfrost über diese außerordentliche Beschleunigung des viel zu kurzen Aufenthaltes in der Residenz ausgesprochen hatte . Ackermann wiederholte dieselben Entschuldigungsgründe , indem er noch hinzusetzte : Ich hoffe nach einem Jahre alle die Lebenden lebend zu finden , auf die ich mich freue ; hab ' ich doch heute sogar einen wirklichen Todten hier lebend zu finden geglaubt . Nicht wahr , Selmar ? Morton meinst du ? sagte der Knabe und nannte einen Namen , den wir schon einmal in Plessen an der Zeck ' schen Schmiede von ihm gehört haben . Ja , denken Sie sich , fuhr Ackermann , der sich zur Abreise rüstete , fort . Ich nehme in New-York von einem Deutschen Abschied , der sich in Amerika Morton nannte . Ich hatte ihn dann und wann in der Union gesehen und als Sonderling schätzen gelernt , obgleich er ein wunderlicher und abstoßender Mensch war . Noch während ich in New-York bin und mich zur Abreise rüste , erfahre ich , daß er sich in einem Anfall von Melancholie , an der er schon immer litt , das Leben nahm . Man fand seine Kleider am Hudson , seine Leiche war ohne Zweifel in ' s Meer geschwommen . Daß er sich das Leben nehmen wollte , war aus einem Testamente ersichtlich , das sich für mich vorfand und worin er mir aufträgt , seinen Verwandten in Deutschland einige nicht ganz unansehnliche Summen auszuzahlen und seinen jammervollen Tod nicht zu verschweigen , er könnte ihnen als Lehre dienen ... Das nenn ' ich Spleen ! sagte Willing , seine Papiere zusammenpackend und verschließend . Aber sind wir nicht zu Tod erschrocken , als wir ihn heute auf der Straße zu sehen glaubten ? Er war es nicht , Vater , sagte Selmar . Die große , schwarze Binde am Auge - Kind , die könnte sehr leicht eine spätere Zugabe sein ... doch glaub ' ich wol , daß der alte Grämling im kühlen Meeresgrunde schlummert . Aber ich sage drum , hier würd ' ich jetzt mit Todten und Lebendigen zu thun haben und das spar ' ich mir auf , bis ich einmal Zeit habe zu einer vollständigen Musterung . Eine große , schwarze Binde ? sagte Leidenfrost . Das ist doch nicht ein Engländer , der - wie nannten Sie ihn ? Morton . Nein , Murray , besinn ' ich mich , hieß der Alte , von dem mir Reichmeyer erzählt . Heut ' Nachmittag um sechs Uhr etwa war ein alter hinfälliger Engländer mit einem bekannten , zweideutigen Frauenzimmer zu ihm gekommen und hätte verlangt , er sollte ihm diese anstößige Dame .... Leidenfrost stockte , weil er nach Selmar sich umsah . Dieser aber hatte die Thür geöffnet , daß der volle Strom der rauschenden Musikklänge von dem Fortunaball hereindrang . Nicht aber diese Musik beschäftigte ihn so sehr , an die er in London sich gewöhnt hatte , als das Einspannen des Pferdes , das Alberti aus dem Stalle brachte . Leidenfrost fuhr also unbekümmert fort : Dieser Murray hatte eine große , schwarze Binde über dem einen Auge - Und ? fragte Ackermann gespannt . Verlangte , Reichmeyer , der ein rascher Portraitmaler ist , sollte ihm morgen in einer einzigen Sitzung , diese mit Gold und Juwelen behangene , große , schöne , aber sehr bekannte Person als Brustbild malen . Als Reichmeyer erklärte , Das könnte er nicht , hätt ' er ihm sechszig Guineen geboten .... und Reichmeyer will nun doch wirklich daran . Er ist ein Luca fa presto . Da bin ich über die Auferstehung meines Todten beruhigt , sagte Ackermann . Dieser Murray mit der schwarzen Binde ist mein alter geiziger Morton nicht . Der Arme liegt im feuchten Meeresschooß ! Wer weiß , welche Mühlsteine ihn niederzogen ! Eben schüttelten Willing und Ackermann sich zum Abschied die Hände , eben griff Leidenfrost nach seinem grauen Hut , um auf dem Wägelchen mit in die Stadt zurückzufahren , eben erhoben sich die Arbeiter , um ihre schwarzen Hände darzureichen und Selmar hatte schon die Peitsche ergriffen , die auf das halbe Stündchen der Rückfahrt Leidenfrost führen wollte , als vom Hofe her ein gellender Schrei : Hülfe ! Hülfe ! ertönte . Alles sprang erschrocken an die Thür . Im Sternenlicht sah man eine helle Erscheinung über die von Kohlenschutt geschwärzten Höfe daher fliegen . Dem Lichte , das aus den Gasflammen durch die Fenster des Comtoirs auf die nächste Umgebung fiel , näher kommend , entwickelte sich die Hülferufende als ein Weib , das in flatternden Ballkleidern und fast aufgelöstem wirren Haare Rettung vor einer Gefahr suchte , die Niemand erblickte . Die Klänge der Musik auf dem Ball schwiegen gerade . Von dorther mußte die Schreiende kommen . Wie sie Menschen sah , stürzte sie auf sie zu und wiederholte den Ruf : Hülfe ! Hülfe ! Alberti stand , mit dem Pferde beschäftigt , am nächsten und glaubte sie zu erkennen . Danebrand ! rief er . Ist Danebrand da ? Gott sei gelobt , ächzte die Hülfesuchende und flog in die geöffnete Thür . Ein junges Mädchen im sonderbarsten Aufzuge stand vor den Männern . Über den armseligsten Anzug , ein nicht gerade verwildertes , aber doch dem Äußern nicht entsprechendes Haar , waren ein glänzendes rothes Ballkleid und eine Florkapuze von gleicher Farbe geworfen . Eine schwarze Maske hielt sie in der linken , in der rechten Hand die Florbehänge , die ihr wild vom Kopfe geglitten waren . Louise Eisold ! sagte Danebrand mit erstarrten Lippen . Dann sich ihr näher wendend , flüsterte er mit heftigstem Schreck : Was wollen Sie ? Danebrand ! Ich beschwöre Sie um Gottes Willen ! Sie schlagen ihn heute todt ! Kommen Sie ! rief das Mädchen , das jetzt auch Willing erkannte . Louise Eisold ! rief der Fabrikherr mit Entrüstung . Ist Das Ihre Armuth , daß Sie den Fortunaball besuchen ? Schämen Sie sich ! Verurtheilen Sie mich , Herr Willing ! rief das Mädchen , verachten Sie mich , nur Hülfe ! Hülfe , Danebrand ! Hackert ' s Leben ist in Gefahr . Ich habe Alles gehört . Lasally ' s Knechte , den Neumann vom Justizrath Schlurck und eine Horde andrer Bösewichter hat diese teuflische Jeannette aufgehetzt . Hackerten soll sie verdanken , daß sie heute um den Dienst beim Justizrath gekommen ist und Neumann wollte sie heirathen , wenn sie bliebe - was weiß ' ich ! Gott , was weiß ich ! Aber den Unglücklichen - sie schlagen ihn todt . Herr Willing , es ist Alles abgemacht ... Danebrand ! Eine von den Wandstablers soll ihn in den dunkeln Garten locken ! Jesus ! Danebrand ! Alberti - Sie Herr Heusrück - helfen Sie ! Der Fabrikherr war im größten Zorn . Welche Zumuthung , elende Dirne ! rief er . Dieser brave Danebrand arbeitet für dich und deine Geschwister ! Und du schändest das Andenken deiner Ältern , auf diesen Ball zu gehen ? Und für wen soll Danebrand sein Leben einsetzen , für den Burschen , den du seiner treuen Liebe vorziehst ? Weißt du , wem sein Leben gehört ? Dem Schwur , den er deinen Ältern that , deiner Mutter , als sie im letzten Todesjammer beruhigt auf seine treuen Augen sah ! Hinaus Dirne ! diese Stelle ist zu rein für dich und deine Schande ! Mit einem Schrei der Verzweiflung sank Louise zurück ... Wo sind die Kleider her , die du trägst ? riefWilling , nach ihnen langend und die entfallene Maske mit den Füßen von sich stoßend . Louise antwortete nicht ... Lumpen unter gestohlnem Flitter ! sagte Willing . Ja gestohlen , gestohlen deinen Geschwistern ! Elende , wer sorgt für das lallende Kind neben deinem Lager , wenn du in den Nächten deine Gesundheit im Tanze verrasest ? Hörst du das Kind um Hülfe schreien - der alte Großvater stirbt vielleicht in diesem Augenblicke ... und wir sollen hören , wenn du Hülfe rufst für einen jämmerlichen Liebhaber ? Pfui ! Hinweg von diesem Hause ! Furchtbar tobte der Schmerz in des Mädchens Brust . Ihr todtenblasses Antlitz zuckte und ihre Hand faßte nach dem Herzen ... Das Kind - schläft - stöhnte sie . Gott schützt es -morden Sie mich nicht ! Hackert ist elend . Ich lernte ihn kennen , als er schon einmal für todt in unsre Wohnung getragen wurde ... Danebrand - ich verdien ' es nicht um Sie - aber retten Sie ! Steigen Sie über den Zaun ! Noch eine Minute und es ist zu spät ! Willing wandte sich mit der ganzen Strenge ab