gibt , wo die Fischer nicht fischen , weil sie fürchten , daß eine Hand aus der Tiefe fahren und sie herniederzerren wird , so berührte kein Jäger die Stelle , wo die alte Stadt gestanden hatte . Rundum tobte die Jagd , die Kurfürsten selbst erschienen mit » Hund und Horn « , aber vorüber an der Stadtstelle ging ihr Zug . Und waren Kinder beim Himbeersuchen unerwartet unter das alte Mauerwerk geraten , so befiel sie es plötzlich wie bittere Todesangst und sie flohen blindlings durch Gestrüpp und Dorn , bis sie zitternd und atemlos einen sicheren Außenplatz erreichten . Was gab es da nicht alles zu erzählen ! Und so wuchs die Sage und zog immer festere Kreise um die » Stadt im Walde « . Selbst das Wild blieb aus und nur Keiler und Bache hatten ihre Tummelplätze hier . An den tiefgelegenen Stellen des alten Marktplatzes , wo aus moderndem Eichenlaub und sickerndem Quellwasser sich Sumpflandstücke gebildet hatten , kamen die Wildschweinsherden aus dem ganzen » Blumenthal « zusammen , und wenn sie dann in Mondscheinnächten ihre Feste feierten , klang ihr unheimliches Getös bis weit in den Wald hinein und mehrte die Schauer des Orts . So vergingen Jahrhunderte . Die Eichen wurden immer höher , das Gestrüpp immer dichter , – die » alte Stadt « schien verschwunden . Nur um die Winterzeit , wenn alles kahl stand , wurde das Mauerwerk sichtbar . Aber niemand war , der dessen geachtet hätte . Es waren die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges ! So viele Dorf- und Stadtstellen lagen wüst , so viele neue Herde waren zerstört ; wer hätte Lust und Zeit gehabt , sich um alte , halbvergessene Zerstörung zu kümmern ? So kam das Jahr 1689 und mit diesem Jahre tritt die » alte Stadt « , die bis 1375 ein Stück wirklicher Geschichte gehabt hatte , wieder ins Leben ein . Man kümmert sich wieder um sie . 1689 besuchte sie der Bürgermeister Grävel aus Kremmen und fand noch Feldsteinmauern , die den Boden in Mannshöhe überragten . Von da ab folgten weitere Besucher in immer kürzeren Zwischenräumen : Bekmann um 1750 , Bernouilli um 1777 . Beide fanden Mauerreste und hielten sie für die Überbleibsel einer alten Stadt . Noch andere Reisende kamen . Aber ausführlichere Mitteilungen gelangten erst wieder zur Kenntnis des Publikums , als im Jahre 1843 der Geistliche des benachbarten Dorfes Prötzel einen auf genaue Forschung gegründeten Bericht veröffentlichte . In diesem heißt es : » Die merkwürdige Stadtstelle Blumenthal ist unstreitig 62 in alten Zeiten ein menschlicher Wohnort gewesen . Man sieht noch jetzt Spuren von Feldsteinmauern . Vor einigen Jahren sind von den Waldarbeitern mehrere Werkzeuge , Hämmer , Sporen u. dgl. gefunden worden , die den Kindern dann zum Spielen gegeben , leider wieder verlorengegangen sind . Kalk wird noch jetzt dort gefunden . Die Stadt soll von den Hussiten auf ihrem Zuge nach Bernau zerstört worden sein . Einige meinen , daß die Zerstörung älter sei . Der große platte Stein innerhalb der » Stadtstelle « , der sogenannte Mark- oder Marktstein , ist vielleicht ein Denkmal aus der heidnischen Zeit . Es ist nicht undenkbar , daß hier , mitten im Urwalde , schon die Semnonen einen Volksversammlungsplatz oder eine Opferstätte hatten , und daß die Städtebauer einer späteren Epoche den heidnischen Opferstein einfach liegen ließen , wo er war , weil es unmöglich war , ihn fortzuschaffen . Dieser Markstein wird hier auch noch liegen , wenn von den Feldsteinmauern rings umher längst die letzte Spur verschwunden ist . Sollen diese Spuren aber vorläufig noch gewahrt werden , so ist es die höchste Zeit . Schon hat die Pflugschar ganze Strecken der › Stadtstelle ‹ in Äcker umgewandelt , und der Eichenwald ist hin , der diese Stelle so lang in seinen Schutz genommen « . So weit der Bericht von 1843 . Ich suche nun in nachstehendem zu schildern , wie ich zwanzig Jahre später die Stadtstelle gefunden habe . Von einem Wasserpfuhl , der sogenannten » Suhle « aus gesehn , hat man nach Osten hin ein wellenförmiges , hier und da bebautes Stück Land vor sich , das an einzelnen Stellen von aufgetürmten , sehr niedrigen Steinmauern eingefaßt , an anderen Stellen wie mit großen Feldsteinen besäet ist . Wer viel in der Mark gereist ist , dem fallen diese Feldsteine nicht auf , die hier einfach um des Ackers willen beiseite geworfen oder sozusagen an den Tellerrand gelegt erscheinen . Und so nähert man sich der Umwallung in der vollen Überzeugung , daß Klöden recht gehabt habe , als er die Existenz einer Stadtstelle bestritt . Aber dieser Eindruck ist nicht von Dauer . Unser kundiger Führer führt uns an ein Gestrüpp von Elsbusch und Brombeerstrauch und sagt dann , auf eine Steinlinie zeigend , die kaum fußhoch aus der Erde hervorragt : » Dies ist die Kirche . « Wir antworten zunächst mit einem halb verlegenen Lächeln . » Hier können Sie den Kalk sehen « , fährt er fort , ein Stück Mörtel aus den Fugen losstoßend , und indem wir uns nunmehr niederbeugen und das Kalkstück in die Hand nehmen , erkennen wir mit denkbar größter Bestimmtheit , daß wir hier nicht eine aufgeschüttete Einfriedigung , sondern ein in die Tiefe gehendes , gemauertes Fundament vor uns haben . Auf einen Schlag sind wir überführt . Wir verfolgen nun die Steinlinie , kommen an einen Eckstein , endlich an einen zweiten und dritten und überblicken das Oblong . Alle Zweifel sind geschwunden und wir sehen klärlich , daß hier ein Gebäude gestanden hat . Die Fundamente liegen da . Ob Kirche oder Rathaus , ist gleichgültig . Höchst wahrscheinlich die Kirche . Unser Führer erkennt sehr wohl die Umwandlung , die mit uns vorgegangen . » Ich werde Sie nun zu dem großen Brunnen führen « , murmelt er gleichgültig vor sich hin , aber mit erkünsteltem Gleichmut , denn diese » Stadtstelle « ist sein Stolz . Und inmitten eines Stück Roggenlandes , dessen Halme kaum erst handhoch aus der Erde ragen , stehen wir alsbald vor einem jener Ziehbrunnen , wie wir ihnen noch jetzt in unseren Dorfgassen begegnen . Wir sehen eine Rundung von fünf bis sechs Fuß Durchmesser , die Rundung selbst mit Feldsteinen ausgemauert und die mit Geröll locker zugeworfene Höhlung noch immer über fünf Fuß tief . Auf unsere Fragen erfahren wir , daß vor einem Menschenalter alle diese Dinge noch viel erkennbarer waren : das Mauerwerk der Kirche ragte noch mannshoch auf , die Brunnenhöhlung war noch gegen fünfzehn Fuß tief , und der Mantel des Brunnens erwies sich noch deutlich als eine Art Lehmzylinder , in dem die Steine kreisförmig übereinander steckten . Wir schreiten von der » Brunnenstelle « zu der benachbarten » Backofenstelle « . Sie liegt im Roggenland und gibt sich zunächst durch nichts Besonderes zu erkennen . Halme stehen jetzt dicht umher . Erst bei genauerer Einsicht gewahren wir , daß sich mitten in dem schwarzbraunen Boden eine kreisrunde Lehmstelle von etwa Backofendurchmesser scharf markiert . Von hier aus geht es weiter zum » Markstein « , der bis diesen Tag von einer alten Eiche überschattet wird . Aber sie gehört doch nur dem Nachwuchs an , der , als die Stadt zerstört war , durch die offenen Tore hier einrückte . Die wirklich alte Eichengeneration , die bei Lebzeiten der Stadt den Marktplatz einfaßte und beschattete , ist hin und zeigt nur noch an einzelnen Wurzelstubben , wes Schlages und Umfanges sie war . Weit mehr indes als diese Wurzelstubben von kolossalem Durchmesser ist der Markstein selbst eine Sehenswürdigkeit . Es ist derselbe , über den wir schon weiter oben berichtet haben . Er mißt etwa acht Fuß im Quadrat , geht über vierzehn Fuß in die Tiefe und ragt nur wenig aus dem Erdreich hervor . Natürlich hat ihn nicht Menschenhand hierher gelegt und die Annahme hat nichts Gezwungenes , daß er ein Opferstein der Ureinwohner war . Auf diesem Stein zu schlafen , müßte mindestens eben so unheimlich wie unbequem sein . Und von diesem an höchster Stelle gelegenen » Markstein « aus haben wir jetzt nach vorgängiger Kenntnisnahme der Einzelheiten alles in der Klarheit einer Reliefkarte vor uns . Wir erkennen deutlich die Mauer , die Tore , die Hauptstraße , die Kirche , die einzelnen Häuser und Gehöfte , und ungerufen wie eine Vision steigt die alte Stadt aus ihrem Grabe wieder vor uns auf . Gewiß ist das Bild , das wir uns von ihr machen , ein vielfach falsches ; aber es sind dieselben Fehler nur , wie wenn wir uns mit Hilfe eines Plans eine Stadt im Geiste aufbauen . Die Dinge selbst sind nicht richtig , aber wir geben den Dingen einen richtigen Platz . Unten am Hügelabhang , in Nähe der » Suhle « , blicken wir noch einmal auf das Steinfeld zurück , das nicht länger ein Chaos für uns war . Dann erst trennten wir uns zögernd von einer Stelle , über der ein ganz besonderer Zauber waltet . Die Natur wuchs hier einst wild in eine Stätte der Kultur hinein und wucherte darin ; nun hat eine andere Kultur den Wald gefällt und breitet ihre Saaten darin aus . Städtisches Leben von ehemals und Ackerbau von heute reichen sich über einem vierhundertjährigen Wald-Interregnum die Hand . Aber an Unheimlichem fehlt es noch immer nicht . Das Wildschwein hat es nicht vergessen , daß Jahrhunderte lang ihm diese Stelle gehörte , und in Sommernächten , wenn der Rapsduft vom Felde her in den Wald zieht , dann bricht es in sein altes Revier ein , erst in die » Suhle « , dann in die Saat und tritt nieder und wirbelt auf . Wer dann im » Blumenthal « seines Weges kommt , der hört ein Lärmen und Johlen , ein Grunzen und Quietschen wie in alter Zeit , und er weiß nicht , ist es ein Hexensabbat oder die wilde Jagd . Prädikow Hans Albrecht von Barfus Hans Albrecht von Barfus Der jetzt alles vermag und kann , War erst nur ein schlichter Edelmann , Und weil er der Kriegsgöttin sich vertraut , Hat er sich diese Größ ' erbaut . Schiller Hans Albrecht von Barfus ward inmitten der Drangsale des Dreißigjährigen Krieges 1635 zu Möglin geboren und diese Drangsale waren es auch wohl , die seiner Erziehung und Bildung ein fast allzu geringes Maß gaben . Das Militärische trat von Anfang an in den Vordergrund und wurde Schule fürs Leben und Staffel zum Glück . Hans Albrecht trat früh in Dienst . Es war die Zeit , wo die Söhne des Adels anfingen , den Krieg , aus eigenem Drang heraus , als Metier zu betreiben . Die Höfe lagen wüst , die Zeiten waren unsicher . Zudem entstanden eben damals die stehenden Armeen und brauchten Offiziere . Hans Albrecht diente » von der Pike auf « , ein Umstand , dessen er sich in seinen Feldmarschallstagen gern zu rühmen pflegte . Seine ersten Feldzüge machte er unter Sparr , Derfflinger und Görtzke . Er focht mit in Polen , in Pommern , in Preußen und am Rhein . Bei Fehrbellin war er höchst wahrscheinlich nicht , da er beim Fußvolk stand , das brandenburgischerseits in dieser Reiterschlacht fast gar nicht zur Verwendung kam . Auch Schöning , aus gleichem Grunde , fehlte bei Fehrbellin . Im übrigen begann schon damals die Differenz zwischen beiden , auch in ihrer äußeren Stellung hervorzutreten . Es durfte nicht wundernehmen . Schöning war der Ausnahme- , Barfus der Durchschnittsmensch , und wenn jener den Mann der » großen Karriere « repräsentierte , so repräsentierte dieser den Mann der Anciennität und Subalternität . Freilich war er seinerseits wieder ein subalternes Genie und gehörte jener Klasse von Leuten an , die eine mäßige Begabung glücklich und segensreich für sich und mitunter auch für andere zu benutzen wissen . Ihre Tugenden sind Charaktersache und ihre Genialität heißt : Abwarten , Ausdauer , Konsequenz . Im Jahre 1670 , fünfunddreißig Jahre alt , war unser Hans Albrecht noch Leutnant , aber sei es , daß die immer rascher sich folgenden Kriegszüge ihm eine wachsende Gelegenheit boten sich auszuzeichnen , oder daß das Glück , das ihm bis dahin so wenig hold gewesen war , plötzlich seine Gunst ihm zuwandte , gleichviel , mit fünfunddreißig Jahren noch Leutnant , war er mit dreiundvierzig Jahren bereits Oberst eines Regiments und wenige Jahre später Generalmajor . 64 Als solcher machte Barfus zwei Türkenzüge mit , den ersten 1683 behufs Entsatzes von Wien , den andern 1686 wegen Eroberung von Ofen . Die Belagerung dieser Festung und den besonders ruhmreichen Anteil unseres Hans Albrecht daran habe ich unter Tamsel bereits ausführlicher erzählt . Schöning wird der Ruhm nicht genommen werden können , Brandenburg damals sowohl durch sein persönliches Auftreten , wie durch den Aplomb , mit dem er seine Truppen in den Vordergrund schob , glänzend repräsentiert zu haben , glänzender wahrscheinlich , als es der ihm unterstellte Barfus vermocht hätte ; dem letzteren aber bleibt seinerseits das Verdienst , in der Nähe des » Ofens , der sehr heiß war « , am andauerndsten ausgehalten und zweimal allerpersönlichst die Kastanien aus dem Feuer geholt zu haben . Seine Sturmkolonne war es , die , neben der kaiserlichen des Herzogs von Croy , über das Schicksal Budas entschied . Zwei ruhmreiche Türkenzüge lagen hinter ihm . Aber ein dritter , ruhmreicherer stand ihm bevor . Im Jahre 1691 stieß abermals ein Korps Brandenburger als Auxiliartruppe zu den Kaiserlichen und am 19. August erfolgte angesichts von Peterwardein die große Türkenschlacht bei Slankamen . Markgraf Ludwig von Baden führte das christliche Heer . Da Barfus diesen wichtigen Tag zu » Ehren der Christenheit « entschied , so ziemt es sich wohl , bei den Details dieses Tages etwas ausführlicher zu verweilen . Die Türken , 100000 Mann stark , hatten eine sehr feste , aber zugleich sehr gefährliche Position eingenommen , eine Position , in der sie siegen oder notwendig zugrunde gehen mußten . Sie standen nämlich mit ihrem Fußvolk , 50000 Mann , meist Janitscharen , auf den Hügeln an der Donau , den Fluß im Rücken , die Ebene vor sich . Auf dieser Ebene standen andere 50000 Mann , lauter Reiterei , Spahis . Die Janitscharen führte der Großvezier Köprülü , die Reiterei der Seraskier-Pascha . Die kaiserliche Armee war viel schwächer und betrug im ganzen kaum 50000 Mann . Den rechten Flügel führte Feldzeugmeister Graf Souches , den linken Feldmarschall Graf Dünnewald , im Zentrum aber befehligte Hans Albrecht von Barfus . Siebzehn Bataillone und einunddreißig Schwadronen standen unter seinem Kommando . Der Plan des Markgrafen Ludwig war vortrefflich . Graf Dünnewald sollte vom linken Flügel her mit fünfundachtzig Schwadronen die Spahis von der Ebene fortfegen und Graf Souches , in Benutzung dieses Moments , die Hügelposition erstürmen . Aber der große Reiterangriff unterblieb , und so griff denn Graf Souches unter sehr ungünstigen Verhältnissen an . Dreimal vordringend , ward er dreimal zurückgeschlagen und schon schickte die ganze türkische Reiterei sich an , die Vernichtung des rechten Flügels vollständig zu machen , als Barfus mit seinen Bataillonen vorrückend , einfach rechts schwenkte und dadurch eine schützende Mauer zwischen den eben angreifenden Spahis und unserm fliehenden rechten Flügel aufrichtete . Diese eine Bewegung stellte die Schlacht wieder her . Aber Barfus sollte nicht nur die schon verlorene Schlacht wiederherstellen , er sollte sie bald darauf auch gewinnen . Der sieghafte Sturm der Spahis war gehemmt , noch ehe er seinen vollen Anlauf hatte nehmen können . Die Schlacht stand . Da endlich kam Graf Dünnewald mit dem linken Flügel heran . Markgraf Ludwig stellte sich selbst sofort an die Spitze der Reiterei und brach jetzt von links her in die Spahis ein , während 6000 Kürassiere , die gesamte Reserve des christlichen Heeres , denselben feindlichen Reiterschwarm in der Front angriffen . Dieser Angriff war unwiderstehlich . Die Fortfegung der Spahis , womit die Schlacht hätte beginnen sollen , jetzt war sie vollzogen . Aber kein rechter Flügel existierte mehr , um die Gunst des Moments zu nutzen . Graf Souches selbst lag tot auf der Wahlstatt . Nur das Zentrum stand noch . Barfus erkannte die volle Bedeutung des Augenblicks . Was der rechte Flügel nicht mehr konnte , das konnte das Zentrum . Nur noch das Zentrum . Die Aufgabe jenes war auf dieses übergegangen . Barfus rückte vor und siegreich , wie vor Buda , stieg er die Höhen hinauf . Ein rasendes Gemetzel begann . Was nicht in Stücke gehauen wurde , warf sich in die Donau und ertrank . Der Großvezier Köprülü , der Stolz und Abgott der Türken , der Janitscharen-Aga , achtzehn Paschas , fünfzehn Torbaschis der Janitscharen und zwanzigtausend Gemeine bedeckten das Schlachtfeld . Die Heeresfahne des Großveziers von grüner Farbe mit Gold , 145 Kanonen , die Kriegskasse , 10000 Zelte usw. waren erbeutet , und wohl mochte Markgraf Ludwig berichten , » daß diese Schlacht die schärfste und blutigste in diesem Säkulo gewesen , maßen die Türken wie verzweifelte Leut ' gefochten und mehr als eine Stunde den Sieg in Händen gehabt hätten « . Der Verlust des Christenheeres betrug 7300 Mann , darunter 1000 Brandenburger . Der Sieg bei Slankamen , seiner allgemeinen Bedeutung zu geschweigen , war auch von einer sonderlichen Bedeutung für das Haus Brandenburg . Markgraf Ludwig schrieb an den Kurfürsten und drückte sich über die Mitwirkung der brandenburgischen Hilfsvölker in folgenden Worten aus : » Ich kann Euer Kurfürstlichen Durchlaucht den außerordentlichen Valor und das gute Benehmen von Dero Generallieutenant Barfus so wie Ihrer braven Truppen nicht genug rühmen und ihnen allein hat der Kaiser den Sieg und die Vernichtung der Türken zu danken . « Eine ähnliche komplimentenreiche Sprache war zwar damals an der Tagesordnung und verfolgte den leicht begreiflichen Zweck , durch freigebig gespendetes Lob die verschiedenen Reichsfürsten und ihre Truppenbefehlshaber bei guter Laune zu erhalten . Im vorliegenden Fall indes drückten diese Worte mehr als ein bloßes Kompliment und in der Tat eine wohlverdiente Anerkennung aus . Dies ergibt sich zum Teil aus der Schlachtbeschreibung selbst , am meisten aber aus der nachfolgenden , überaus gnädigen Haltung des Wiener Hofes . Brandenburg , als es nach der Königswürde zu streben begann , verabsäumte nicht auf seine siegreiche Mitwirkung am Tage von Slankamen immer wieder und wieder zurückzukommen , und so mögen denn die Barfuse nicht ganz unrecht haben , wenn sie später noch den stolzen Ausspruch wagten : » ihr Ahnherr , Hans Albrecht , habe , auf dem Felde von Slankamen , die preußische Königskrone mit erobern helfen « . Im Jahre 1692 kehrte Barfus mit seinem Hilfskorps nach Berlin zurück . Hier häuften sich jetzt die Ehren auf seinem Haupt . Ohne hofmännische Schulung , ja vielleicht selbst ohne den Ehrgeiz sie haben zu wollen , trat er nichtsdestoweniger in das Parteigetriebe des Hofes ein . Was eigenes Verdienst ihm nicht erwarb , erwarb ihm die Koterie , der er angehörte . » Eine Hand wusch die andere « , wie nicht zum zweiten Male in unserer Geschichte . Er hielt sich von Anfang an zur » Fraktion Dohna-Dönhoff « und es gereicht ihm zur Ehre , in einer Zeit voll zynisch-egoistischen Undanks , in Treue bei der einmal erwählten Partei ausgehalten zu haben . Es kam freilich hinzu , daß er seit 1693 mit Gräfin Eleonore von Dönhoff vermählt und dadurch an die Interessen dieser Familie gefesselt war . 1695 , ohne daß inzwischen neue Kriegstaten ihm neuen Kriegsruhm erworben hätten ward er Feldmarschall-Leutnant und das Jahr darauf Feldmarschall . Wie sein Rang und sein Ansehen , so wuchs sein Vermögen . Er erstand die Quittaineschen Güter in Ostpreußen , die bis dahin dem Feldmarschall Derfflinger gehört hatten , und endlich auch » Schloß Kossenblatt an der Spree « , seinen Lieblingsbesitz , von dem wir in dem nächsten Kapitel ausführlicher zu sprechen haben werden . Aber erst das Jahr 1697 bezeichnet den Höhepunkt seines Ruhms . Im November dieses Jahres ward Eberhard von Danckelmann , der bis dahin allmächtig geglaubte Minister , durch die Dohna-Dönhoffsche Fraktion gestürzt und unserem Hans Albrecht fiel der Gewinn eines Spieles zu , daran sein persönlicher Einsatz , aller Wahrscheinlichkeit nach , ein nur geringer gewesen war . Seine Hand war zu schwer zur Einfädelung einer Intrige . Er gab das Gewicht seines Namens her und ließ dann die andern machen . Danckelmann war gestürzt und Barfus übernahm die Leitung der Geschäfte . War es doch eine Zeit , in der sich jeder zu jedem fähig glaubte , wenigstens bei Hofe . Das bekannte Wort Oxenstiernas wurde wahr an jedem neuen Tag und was als das Erstaunlichste gelten mag : die Dinge gingen auch so , gingen zum Teil sogar gut . Barfus war Premierminister , noch richtiger Universalminister . Er war alles , er tat alles . Auswärtiges , Finanzen , Krieg – jegliches fiel ihm zu . Dazu war er Gouverneur von Berlin , Kommandeur der Garde , Landeshauptmann der Grafschaft Ruppin , und so viel Stellen sich ihm auftaten , so viel Quellen flossen in seinen Schatz . Er wurde sehr reich . Als Gouverneur von Berlin bezog er ein palastartiges Gebäude , das vor ihm der Obermarschall von Grumbkow ( der Vater des bekannten ) besessen hatte . Barfus ließ es umbauen , erweitern und einen Garten nach der Spree hin anlegen . Es ist dies dasselbe Gebäude , das wir jetzt als » Stadtvogtei « kennen und das , als solches , eine so hervorragende , wenn auch freilich wenig poetische Rolle in unserer Stadt- und Staatsgeschichte gespielt hat . Hans Albrecht war Universalminister , aber er war es nur durch Zulassung und nicht durch eigne Kraft . Die Dohna-Dönhoffs schoben ihn einfach vor , um nicht in die , durch Danckelmanns Sturz entstandene Günstlingslücke einen neuen , vielleicht viel gefährlicheren Günstling einrücken zu sehen , und unserem Barfus fiel es lediglich zu , durch sein bloßes Dasein den Satz zu predigen : wo ich bin , kann kein anderer sein . Das ging zwei Jahre lang , aber nicht länger . Der Kurfürst , was immer seine Schwächen sein mochten , war aus zu feiner Schulung , um an der Haltung eines alten Kampagnesoldaten , der nicht einmal französisch sprach , auf die Dauer ein Genüge finden zu können . Und die Einführung einer Perückensteuer , wodurch Hans Albrecht den Sitten und Finanzen des Landes gleichmäßig aufzuhelfen trachtete , bezeigte sich schließlich als der allerschlechteste Weg , die schon schwankende Waage zu seinen Gunsten wiederum sinken zu machen . Die neue Sonne : Kolbe-Wartenberg stieg immer höher . Er begann den Majordomus zu spielen und der Danckelmannsche Hochmut erschien nun wie Leutseligkeit neben dem Ton des neuen Günstlings . Niemand wurde geschont , kaum die Königin , am wenigsten die alten Parteien des Hofes . Aber Barfus , der den Hof überhaupt wie ein Schlachtfeld nahm , war ein viel zu guter Soldat , um so ohne weiteres an Flucht oder Rückzug zu denken . Er hatte den türkischen Großvezier besiegt , warum nicht auch den Majordomus von Brandenburg ? Die Königin , die Dohna-Dönhoffs dachten ähnlich und so bereitete sich jene » große Liga von 1702 « vor , die keinen andern Zweck verfolgte , als den tyrannischen Günstling zu beseitigen und das Barfussche Interregnum von 1697 – 99 , die Zeit der vereinigten Ministerien und der Perückensteuer , wieder herzustellen . Aber Kolbe-Wartenberg war glücklicher , als es Danckelmann vor ihm gewesen war . Vielleicht weil es die Liga in der Person versah , die sie mit Ausführung der Hauptrolle betraute . Diese Person war der Hofmarschall von Wense . Graf Otto Dönhoff , als er von der Wahl dieses letztgenannten Herrn hörte , zuckte die Achseln und setzte gutgelaunt hinzu : » Wohlan denn , wir müssen dem Glück einen Ochsen opfern ! « Er hatte recht gehabt . Nur blieb es nicht bei dem einen Opfer . Alle traf die Ungnade des Königs , und während der Hofmarschall von Wense den Hof mit der Festung Küstrin vertauschte , wurde der Rest vom Hofe verbannt : die Dohnas , die Dönhoffs und auch Barfus . Dies war des letzteren letzte Aktion – kein Ruhmestag von Slankamen . Der Hof war nicht sein Feld . Trösten mochte es ihn , daß auch Gewandtere unterlegen hatten . Unser Feldmarschall aber ging nach » Kossenblatt « , wo inzwischen , auf einer Spreeinsel , der Frontbau eines Schlosses entstanden war . Mit sich nahm er zu allem , was er sonst noch besaß , ein Jahresgehalt von 8000 , nach Pöllnitz sogar von 12000 Talern . Aber er erfreute sich desselben nicht lange mehr . Am 27. Dezember 1704 beschloß er sein an Kämpfen und Wandlungen reiches Leben . In einem schlichten Anbau neben der Kossenblatter Kirche hat er seine letzte Ruhestatt gefunden . Wir versuchen nun , nachdem wir in vorstehendem die Lebensgeschichte Hans Albrechts erzählt haben , eine Schilderung seiner äußeren Erscheinung und seines Charakters . Hans Albrecht von Barfus war von großem , kräftigem Körperbau , über sechs Fuß hoch und durchaus militärisch in Haltung und Auftreten . Selbst stattlich , legte er auch Gewicht auf Stattlichkeit , und lange bevor König Friedrich Wilhelm I. seine Riesengarde ins Leben rief , verriet Hans Albrecht eine entschiedene Neigung , hünenhafte Leute , besonders Offiziere , in den preußischen Dienst zu ziehen . Es waren dies die ersten Anfänge der später so notorisch gewordenen » blauen Kinder « von Potsdam . Und so mag es denn auch mehr als Zufall sein , daß das einzige größere Bildnis , das von unserem Hans Albrecht existiert , vom » Soldatenkönige « selbst gemalt wurde . Dieses Bild stammt etwa aus dem Jahre 1737 , und da um diese Zeit unser Feldmarschall längst verstorben war , so hat es nichts Unwahrscheinliches , daß der König es , nach einem Stich oder einer Zeichnung , eigens zur Huldigung gegen denjenigen ausführte , in dem die Idee der » großen Blauen « zuerst gedämmert und gelegentlich Gestalt gewonnen hatte . Fassen wir den Charakter unseres Feldmarschalls ins Auge , so finden wir : er war tapfer , soldatisch , spezifisch deutsch , antifranzösisch ( auch hierin ein Vorläufer Friedrich Wilhelms I. ) , habsüchtig aber unbestechlich , rechthaberisch aber nicht ungerecht , in Intrigen verwickelt aber nicht eigentlich intrigant . Wir betrachten ihn zuerst in seinen soldatischen , dann in seinen hofmännischen Qualitäten . Als Soldat – ohne ihn überschätzen zu wollen – erhob er sich , trotzdem er immer der Mann blieb , der von der Pike auf gedient hatte , weit über die Klasse derer , die auf den Befehl eines Vorgesetzten hin ihre Truppe prompt ins Feuer zu führen verstehen . Hätte seine militärische Laufbahn mit der Erstürmung Ofens abgeschlossen , so würde er einfach einer jener » braven Soldaten « gewesen sein , wie deren unsere Kriegsgeschichte so viele aufzuweisen hat ; sein zweimaliges und jedesmal entscheidendes Eingreifen in die Schlacht bei Slankamen aber zeigt ihn uns allerdings als einen Soldaten von höherer Beanlagung . Beide Male handelte er selbständig und folgte nur seiner persönlichen Erkenntnis dessen , was der gegebene Moment erheischte . Sein Blick und sein Charakter bewährten sich dabei gleichmäßig . Er erkannte , was not tat , und hatte den Mut , das als richtig Erkannte auf eigene Verantwortung hin auszuführen . Dieser Blick und dieser Mut gehören schon zu den selteneren Gaben . Was ihm andererseits fehlte , das erkennen wir am besten , wenn wir sein militärisches Auftreten mit dem seines Nebenbuhlers Schöning vergleichen . Schöning , wiewohl es ihm versagt blieb , in wirklich großen Verhältnissen zu wirken , geht dennoch , sooft er auftritt , jedesmal über das Alltägliche hinaus . Nicht zufrieden damit , den Moment zu begreifen , begreift er die Situation überhaupt . Es genügt ihm nicht , ein Nächstliegendes zu tun oder zu berechnen , sondern die Rücksicht auf das Ganze bestimmt seine Haltung . Am lehrreichsten nach dieser Seite hin ist sein Auftreten vor Ofen . Kaum auf den Höhen erschienen , kaum begrüßt von dem großen Christenheere , das in weitem Halbkreise die Festung umlagerte , rückte Schöning klingenden Spieles vor und jede Deckung oder Vorsichtsmaßregel verschmähend , brachte er sich auf einen Schlag in Linie mit der Belagerungsarmee . Der ungedeckte Vormarsch kostete Opfer , und das ganze Manöver , glänzend wie es war , fand nichtsdestoweniger lebhaften Tadel . Sogar bei den Brandenburgern selbst , von denen es als Rodomontade bezeichnet wurde . Dennoch hatte Schöning recht . Immer das Ganze ins Auge fassend , sagte er sich , daß er der allgemeinen Sache , mindestens aber der Sache seines Kurfürsten , durch etwas Eklatantes am besten diene . Und seine Berechnung traf im vollsten Maße zu . Den Türken sowohl wie den Verbündeten hatte dieser Aufmarsch imponiert und lange bevor Buda über war , hatten die Brandenburger bei Freund und Feind einen moralischen Sieg errungen . Das war Schöningsch . Solcher Berechnungen und Einfälle wäre Barfus unfähig gewesen . Er gehörte zu den Schachspielern , die in jedem Moment einen guten Zug vielleicht den besten zu tun verstehen , aber der Gabe weitsichtiger Vorausberechnung ebensosehr wie jeder genialischen Kombination entbehren . Tapfer , wie Hans Albrecht war , besaß er auch in hohem Maße jenen liebenswürdigen , am häufigsten bei bewährten alten Soldaten vorkommenden Zug , schwache Momente nachsichtig zu beurteilen . Nur die Leute hinterm warmen Ofen dringen auf beständiges Heldentum . Einmal beklagte sich der Graf Christoph Dohna über die Feigheit eines Offiziers , der ihn während des Gefechts kläglich im Stich gelassen habe . Barfus trat an Dohna heran und sagte : » Hören Sie , Graf , man muß Mitleid mit seinem Nächsten haben und ihm nicht alles Üble antun , was man