da diese ohnehin einer Erholung bedürftig sei , weil sie sich in der Pflege der Verwundeten , deren Zahl nach der Schlacht von Großbeeren in den Berliner Hospitälern so furchtbar angewachsen , Anstrengungen zugemuthet habe , die weit über ihre Kräfte gegangen wären , so habe die Gräfin sich nach reiflicher Ueberlegung zum Nachgeben entschlossen und die nöthigen Schritte zur Auflösung ihrer Verhältnisse in der Residenz gethan , wobei ihr Graf Gerhard mit gewohnter Zuvorkommenheit seine Dienste angeboten habe . Sie fügte dann noch hinzu , daß sie , wenn sie ihre ökonomischen Verhältnisse in das Auge fasse , Renatus für sein Anerbieten doppelt Dank zu sagen habe , da ihr die Zinsen ihres geringen Vermögens jetzt nicht regelmäßig eingingen ; und die Zweifel , welche sie um die Sicherheit ihres kleinen Kapitals aussprach , waren auch nicht dazu angethan , dem neuen Besitzer der von Arten ' schen Güter das Herz zu erleichtern . Noch hatte er nicht Frau , nicht Kind , und schon lag , er mochte es ansehen , wie er wollte , die Sorge für eine große Familie auf seinen Schultern . Denn an wen hatten sich Vittoria und Valerio zu halten , als an ihn ? Auf wen , als auf ihn , fiel einmal die Sorge für Hildegard ' s Mutter und Schwester ? Und diese Einsicht mußte er gewinnen an dem Vorabende einer großen Schlacht ! - Sich zu trösten , sich die Seele zu befreien , eröffnete er Hildegard ' s Brief . » Mein ewig Geliebter , « schrieb sie ihm , » es soll Ja und Amen heißen zu Allem , was Du wünschest und angeordnet hast für jetzt und für alle Zeit ! Was könnte Deiner Braut in diesen Tagen , in denen sie Deine Seele von Trauer beladen weiß , ohne daß sie zu Dir eilen kann , sie Dir tragen zu helfen , Heilsameres begegnen , als an der Stelle zu weilen , an der Du geboren bist , als an dem Orte zu leben , der künftig auch ihre Heimath sein wird und an welcher sie mit Dir vereint das Andenken Deines edeln Vaters heilig in sich pflegen will . O , mein Renatus , Lieben , Glauben , Hoffen , das ist alles , was uns übrig bleibt in den Tagen der Prüfung , in denen wir leben ! Ich habe Stunden gehabt , in denen ich mich mit Zweifeln plagte , mit Zweifeln , ob Dein Vater mich jemals gern willkommen heißen würde ; mit immer neuen Zweifeln sogar an Dir , denn ich meinte , wäre Deine Liebe der meinigen gleich , so hätte keine Rücksicht der Welt Dich bewegen können , mich durch Verheimlichung unserer Liebe und unserer Verlobung fern von Dir zu halten . Und nun das überwunden ist , nun Du Herr bist über unser Schicksal , nun Dein Wille mich einführt in Deiner Väter Haus , auch jetzt noch darf ich die bräutliche Myrtenkrone nicht in meine Locken drücken , und jede , jede Stunde kann für ewig den Schleier nicht endender Trauer über meine ganze Zukunft werfen ! Weiß ich es denn , ob es nicht schon geschehen ist ? Weiß ich es denn , ob des Todes Pfeil Dich nicht bereits ereilte , ob Dein brechendes Auge sich nicht vergebens nach Deiner Geliebten sehnte , ob Dein letzter Seufzer nicht vergebens ihren Namen rief ? - Ich habe so manches Sterbenden letztes Wort vernommen - Gott , Gott , wenn Du - aber ich kann , ich mag es nicht denken ! Ich will hoffen , hoffen und beten , weil ich Dich liebe ! Du hast das Richtige für mich gewählt . Ich habe Ruhe und Stille nöthig und ich gehöre zu den Trauernden . Wie verlangt es mich , unsere schöne Signorina wiederzusehen , Deinen kleinen Bruder zu umarmen ! Ich werde mit unserer Signorina von Dir sprechen , in Deines Bruders liebem Antlitz Deine Züge suchen ; wir werden nur in Dir , nur für Dich leben , bis Du wiederkehrst ; und was diese Jahre der Trübsal Jedem von uns auch auferlegen - Gott hat sie gesendet , um mit schweren Leiden an die Herzen derer zu klopfen , die sich abgewendet hatten von sich selber und von ihm . Denn wie Viele uns der Tod auch entrissen , das Leben hat uns manchen verloren Geglaubten wiedergegeben , und sollten wir nicht mit unserem Heilande sagen : Es wird mehr Freude im Himmel sein über einen Sünder , der Buße thut , denn über hundert Gerechte ? Du weißt es , mein Geliebter , von wem ich rede . Es ist eine große , eine erhebende Wandlung mit ihm vorgegangen , und laß es mich bekennen , ich meine oftmals , mein brünstig flehendes Gebet habe dazu mitgewirkt . Ich konnte , o , ich konnte den Gedanken nicht ertragen , daß der Deinen Einer , daß Deiner edeln Mutter Bruder der heiligen Sache des Vaterlandes und uns Allen für immerdar verloren sein sollte - nein , ich konnte es nicht ! Dein Oheim weiß es , wie Dein und mein Herz sich gefunden haben , er gönnt uns unser Glück , er segnet es , und ich glaube oftmals zu bemerken , daß seine Augen mit Rührung auf mir weilen . Ach , muß es ihn nicht schmerzen , daß er in einer Zeit herangewachsen ist , in der das heilige Feuer der Vaterterlandsliebe in den Seelen der Menschen erloschen war ? Ist er denn nicht beklagenswerth , daß seinem Leben , wie er mir das einst gestanden , niemals der milde Stern einer reinen Liebe aufgegangen ist ? Er hat uns in diesen Tagen der Trauer um Deinen theuren Vater gütevoll zur Seite gestanden , er hat mir geholfen , die Mutter zur Uebersiedelung in unsere künftige Heimath zu bestimmen . Frei und unabhängig , wie er ist , bietet er Dir seine Dienste an , und es müßte mein ganzes Empfinden mich betrügen , oder Du könntest , was Du von weltlichen Dingen anzuordnen hast , keinem verläßlicheren Freunde anvertrauen . Aber ich schreibe Dir von Hab und Gut , und Du , meine einzige Habe , mein höchstes Gut , bist mir fern , bist in täglicher Gefahr . O , denke , wo Du auch immer weilest , denke , daß ich an jedem Morgen und an jedem Abende vor Deinem Bilde , unter Deinen Augen meine Gebete für Dich zum Himmel sende , denke , daß mein Leben beschlossen ist , wenn es dem Herrn über Leben und Tod gefallen sollte , das Deinige als ein Opfer auf dem Altare des Vaterlandes zu begehren . « Sie hatte ein paar Myrtenblätter auf den Rand des Briefes festgenäht und ein Herz darum gezeichnet . » Hier haben meine Lippen , Dein gedenkend , dieses Blatt berührt ! « hatte sie darunter geschrieben , und die Spur ihrer Thränen war auf dem Papier sichtbar , die Worte waren halb verlöscht . Aber der ganze Brief und vor Allem diese Weichheit des Schlusses brachten keine gute Wirkung auf ihren jungen Verlobten hervor . Renatus hatte seine Braut nicht wiedergesehen , seit er vor seinem Abmarsche zu dem russischen Feldzuge Abschied von ihr genommen hatte . Die Heeresabtheilung , bei welcher er stand , hatte bei dem Ausbruch des Befreiungskrieges ihre Marschroute nach Deutschland im Norden von Berlin gehabt . Seit mehr als einem Jahre war er auf einen brieflichen Verkehr mit seiner Verlobten angewiesen gewesen , und ein solcher hat immer sein Bedenkliches , wo es sich nicht um völlig gefestete und klar bestimmte Verhältnisse handelt . Daß Renatus es nicht zulässig gefunden , seinen Vater von der Wahl in Kenntniß zu setzen , welche er getroffen hatte , war gleich Anfangs ein Anlaß zur Verstimmung zwischen ihm und seiner Verlobten geworden . Hildegard hatte ihn der Schwäche angeklagt , ihm vorgehalten , daß er seines Vaters Ruhe mehr als ihren Frieden liebe , und da sie wie die meisten Frauen mit einseitiger Beschränktheit nicht von sich selber abzusehen und keinen Anspruch außer dem ihrigen für berechtigt anzuerkennen vermochte , hatte Renatus ihr mit Grund den Vorwurf der Eigensucht gemacht . Von ihm , um dessen Leben sie sorgte , auf den alle ihre Gedanken gerichtet waren , getadelt zu werden , das hatte sie nicht ertragen können , und von den Anklagen gegen Renatus zu den schwersten Selbstbeschuldigungen übergehend , um ihn wieder zu versöhnen , war sie im Laufe der Zeit allmählich in eine Sprache der gefühlsseligen Leidenschaft gerathen , die sich noch gesteigert hatte , seit der Freiheitskrieg begonnen und die Anschauungs- , Empfindungs-und Ausdrucksweise gar vieler Menschen sich durch die großen Aufregungen bis zur Uebertreibung gesteigert hatte . Renatus hatte sich von dieser Gefühlsrichtung seiner Braut nie wohlthätig berührt gefunden . Er liebte ein frisches , kräftiges Wesen , vielleicht gerade weil er dessen selbst ermangelte , und das Leben des Soldaten auf dem Marsche und im Felde war wider sein eigenes Vermuthen sehr nach seinem Geschmack . Er hatte sich auf dem russischen Feldzuge in Entbehrungen und Anstrengungen erproben lernen , er hatte den großen Augenblick mit erlebt , in welchem sein General das ihm anvertraute Corps von der Bundesgenossenschaft mit dem Landesfeinde losgerissen hatte , und von dem erhabenen Schwunge der begeisterten Volksbewegung weit über sich selbst hinausgetragen , hatte auch Renatus endlich aus der Hoffnung auf die Befreiung seines Vaterlandes sein höchstes Ziel gemacht , ohne daß seine Liebe für Hildegard dadurch beeinträchtigt worden wäre ; aber sie verstand es nicht , sich seinen Stimmungen und Zuständen , wie er es begehrte , anzupassen . Mitten in der stolzen Aufregung des Kampfes , von Tag zu Tag auf wildem Kriegspfade fortschreitend , immer nur des nächsten Augenblickes und oft selbst dieses nicht sicher , sehnte er sich nach dem freudigen Zuspruche eines tapferen Herzens . Wie jeder Jüngling zum Helden geworden war , so wollte er ein Heldenweilb in der Geliebten finden , und Hildegard war zu einem solchen nicht geschaffen . Es half Renatus nicht , daß er sich vorhielt , wie muthig sie in den Reihen der anderen Frauen und Jungfrauen sich der Pflege der Kranken und Verwundeten unterzogen hatte . So oft er einen Brief von ihr erhielt , peinigten ihn die klagende Liebe , die fromme Verzagtheit , ja , selbst die entsagende Gottergebenheit ihres Wesens , die es doch allesammt nicht hinderten , daß sie feste Plane für ihre eheliche Zukunft entwarf und eine Art von Herrschaft über seine Empfindungen auszuüben strebte , welche ihn stets daran erinnerte , daß er sich doch eigentlich sehr früh gebunden habe . Peinlicher aber als eben der heutige Brief war ihm noch niemals ein anderer gewesen . Es lähmte ihm jeden Aufschwung , es verdüsterte ihm den ohnehin trübe genug gestimmten Sinn , von Hildegard , wie er es in seinem Innern nannte , im voraus die Todtenklage um sich anstimmen zu hören . Es schien ihm eine üble Vorbedeutung am Abende vor der Schlacht zu sein . Er hätte so viel lieber ein fröhliches Glückauf , einen siegesgewissen , zukunftssicheren Ruf von ihr vernommen ; und vollends die enge Freundschaft , in welche die Frauen zu dem Grafen Gerhard getreten waren , und deren Entstehen und Wachsen er seit vielen Monaten bemerkt und immer ungern gesehen hatte , gereichte ihm heute zu besonderem Verdrusse . Er konnte es in dem eingezäunten Gärtchen nicht mehr aushalten ; er kam sich ohnehin wie an Händen und Füßen gebunden vor . Er stand auf und verließ den engen Raum . Das ganze Dorf lag voll von Truppen . Es war viel Landwehr dabei , und der Dialekt seiner Heimath schlug mehrmals an sein Ohr . Er meinte , er müsse irgendwo bekannte Gesichter erblicken , eine Anrede erfahren : und sie wäre ihm willkommen gewesen . Aber Niemand achtete auf ihn , es hatte Jeder mit sich selbst genug zu thun . An den abgeschirrten Batterien , an den Reihen aufgestellter Bayonnette vorüber schritt er zum Dorfe hinaus . Es war dort , wie hier ! Ueberall Hast und Lärmen , überall Gehen und Kommen , überall das Dröhnen der Schritte von neu heranziehenden Truppen und das Rollen der Geschütze und der Munitionswagen . Dazwischen Gruppen von ermüdeten , am Boden liegenden Ankömmlingen , die schlafend fast mitten im Wege dalagen und jeden Augenblick von Pferdehufen getroffen werden konnten . Die Sonne war schon untergegangen , der Himmel bewölkte sich mehr und mehr , es dunkelte früh . Aus den Wiesen und Wassern stiegen die Nebel auf und drückten den Rauch von den zahllosen Beiwachtfeuern nieder , an denen die Soldaten sich ihr Abendbrod , und für wie viele unter ihnen mußte es das letzte Abendbrod sein , bereiteten . In der Ferne ertönte Trommelwirbel , von verschiedenen Seiten erschallte in Zwischenräumen die Signaltrompete . Weit hinten am Horizonte stiegen zwei weiße Leuchtkugeln in die Höhe . Was bedeuteten sie ? Er ging zwecklos vorwärts ; er hatte mitunter keinen festen Gedanken , so Vielerlei , so Schweres zog ihm durch den Sinn , und dazwischen fragte er sich immer wieder : was bedeuten die beiden weißen Leuchtkugeln ? Den Tod für Viele ganz gewiß ! gab er sich endlich selbst zur Antwort , und wie er denn so einsam dahinzog auf der weiten , weiten , nachtbedeckten Ebene , einsam unter den Hunderttausenden , die morgen das blutige Spiel beginnen mußten , über die in wenig Stunden das Todesloos gezogen werden sollte , wie er hier an einem Schlafenden vorüberkam , dort fröhliches Lachen und Singen vernahm , dachte er : Wer von Euch wird morgen noch singen und scherzen ? Wer von uns wird schlafen gehen für immer ? - und es kam ihm gar nicht furchtbar vor , zu diesen Letzteren zu gehören . Was blühte ihm denn in der Zukunft ? Was hatte er von ihr zu erwarten ? Quälende Verhältnisse , wohin er sich auch wendete , Verpflichtungen und Sorgen aller Art ! Und wofür das ? Hatte er den Verfall seines Familienbesitzes und Vermögens verschuldet ? Hatte er Vittoria in das von Arten ' sche Haus geführt ? Er mochte gar nicht an sie denken . - Und Hildegard ? Nun , Hildegard hatte sich in ihre künftige Trauer so hineingelebt , daß sie wohl vorbereitet sein mußte , ihr Schicksal zu tragen , wenn ihre Ahnungen sich verwirklichten . Die Briefe hatten lange Zeit gebraucht , bis sie an ihn gelangt waren . Jetzt , dachte er sich , mußten sie Alle schon in Richten beisammen sein . Er sah sie deutlich vor sich : Vittoria mit ihrem Sohne , der nicht mehr sein Bruder sein sollte , und die Gräfin und Hildegard und ihre Schwester . Er sehnte sich nicht dorthin . Ihm bangte vor dem verwaisten Schlosse , und je länger seine Gedanken dort verweilten , um so schmerzlicher drängte sich ihm der immer wiederkehrende Frageruf in die Seele : Vittoria , warum hast Du mir das angethan ? - Er fühlte sich allem Anderen gewachsen , nur Vittoria verachten zu müssen , in Valerio nicht mehr einen Bruder zu besitzen , heimliche Unehre eingedrungen zu sehen in das würdige Haus seiner Väter , das zerriß ihm das Herz , und die Zornesthränen in den Augen zerdrückend , sagte er sich : Ich bin also der Letzte unseres Hauses , unseres Namens ! Falle ich morgen , so ist unser altes Geschlecht erloschen und dahin ! Aus seiner Entmuthigung riß diese Vorstellung ihn empor . Er wollte nicht mehr untergehen ! Er war es denen schuldig , die vor ihm gewesen waren , ihr Geschlecht und ihren Namen aufrecht zu erhalten für die Zukunft , er schuldete sich seinen Ahnen . Er wollte leben bleiben . Morgen wollte er die Frage an die geheimnißvollen Mächte thun , welche das Schicksal der Menschengeschlechter lenken . Verschonte ihn dieses Mal die Schlacht , so sollte ihm das ein Zeichen sein , daß Gott das Fortbestehen des Hauses und des Namens derer von Arten in seiner Weisheit angeordnet habe . Der morgende Tag sollte ihm zu einer Entscheidung auch für sich selber werden . Gefaßter , als er es verlassen hatte , kehrte er in sein Quartier zurück . Er fand Platz an dem Tische und setzte sich nieder , um nach Hause zu schreiben , denn die Anfragen des Justitiarius bedurften einer Antwort ; als er sich aber anschickte , sie zu geben , fiel es ihm erst ein , wie in seines Vaters letztwilligen Anordnungen gar keine Rücksicht auf den doch so möglichen Fall genommen war , daß Renatus bei seines Vaters Tode nicht mehr am Leben gewesen wäre , und obschon diese Zuversicht des Freiherrn auf des Sohnes Stern für diesen eben so erhebend als rührend war , sagte er sich doch , daß es eine Gewissenssache für ihn sei , eine Entscheidung zu treffen , eine Entschließung zu fassen . Der Freiherr hatte mit seinem Testamente den ihm untergeschobenen Sohn eines Fremden offenbar von dem Antheile an dem von Arten ' schen Erbe ausschließen wollen , so weit er dies vermochte , ohne die ihm und seiner Ehre angethane Kränkung kundzugeben . Daß er seinem Sohne erster Ehe den möglichst vollständigen Besitz des Hauses zu erhalten suchte , da die Artenschen Güter kein Majorat waren , konnte an und für sich selbst in den Kreisen , in welchen die Familie lebte , keinen Verdacht gegen Vittoria und gegen die Abstammung Valerio ' s erregen , die trotz der freiherrlichen Verfügung noch immer günstiger zu stehen kamen , als es bei der Vererbung eines Majorates für sie der Fall gewesen sein würde . Der Freiherr hatte also , nach seines Sohnes Meinung , den Erbantritt Valerio ' s nicht völlig ausschließen wollen . Das Fortbestehen seines Namens und Geschlechtes hatte ihm höher gestanden , als die Befriedigung seiner beleidigten Ehre . Starb Renatus kinderlos , so fiel , wenn auf Valerio nicht Bedacht genommen wurde , was jedoch geschehen mußte , so lange seine unrechtmäßige Geburt nicht gerichtlich festgestellt worden war , der Arten ' sche Besitz an die nächsten Erben und Anverwandten von Renatus , an die Brüder seiner Mutter , und mit Einem Male schoß es dem jungen Manne wie ein Strahl durch das Gehirn , was die Annäherung an ihn , die Graf Gerhard seit Jahren mit einer gewissen Beflissenheit betrieben hatte , was die Freundschaft , welche der Graf für die Braut seines Neffen gegenwärtig kundgab , zu bedeuten haben könnten . Dabei kam ihm , wie mit einem Zauberschlage , eine Aeußerung in das Gedächtniß , welche Graf Gerhard einmal gegen ihn gethan hatte , als er ihn zum Eintritte in die Dienste des Königs von Westfalen überreden wollen . Er hatte Renatus damals , um ihn vom Kriegsdienste abzuhalten , den einzigen Erben seines Familiennamens genannt , und als dieser ihn an seinen Bruder Valerio erinnert , hatte der Graf mit einem bösen Lächeln ihm entgegnet : » Vittoria ' s Sohn wird einmal auf Deine Großmuth angewiesen sein ! « Renatus hatte das lange nicht vergessen können ; dann hatten die Ereignisse der letzten Jahre jene Aeußerung aus seiner Erinnerung verwischt , und jetzt trat sie wieder mit voller Klarheit in sein Bewußtsein zurück . Es überlief ihn heiß und kalt . Graf Gerhard wußte also um Vittoria ' s Untreue und er rechnete auf sie ; denn daß er , der seine eigene , wahre Ehre nicht geachtet hatte , kein Bedenken haben würde , fremde Ehre Preis zu geben , wo sein Vortheil es erheischte , darauf meinte der Freiherr seinen Oheim wohl zu kennen . Wie der flammensprühende Krater eines mit Vernichtung drohenden Vulkans that es sich vor seinen Blicken auf . Ihm graute davor , und doch konnte er sein Auge nicht davon losreißen . Je länger er darüber nachsann , desto weniger wußte er sich Rath . Er dachte daran , sein Testament zu machen und Valerio ganz ausdrücklich zu seinem Erben zu ernennen , denn immer wieder fühlte er es , er liebte diesen Knaben brüderlich . Aber sein Vater hatte dies doch offenbar nicht eigentlich gewollt , und auch in Renatus sträubte sich das Arten ' sche Blut dagegen , ganz abgesehen davon , daß die Einsetzung Valerio ' s ohne Frage einen Erbschaftsstreit und mit ihm die Enthüllung von Vittoria ' s Ehebruch heraufbeschwören konnte , den der Freiherr vor der Welt zu verbergen beabsichtigt hatte . Dann wieder fand Renatus sich geneigt , Hildegard zu seiner Erbin zu bestimmen . Indeß der Name seines Geschlechtes wurde damit nicht erhalten . Die Freundschaft , welche Graf Gerhard für die mittellose junge Gräfin hegte , konnte gegenüber der Erbin des Arten ' schen Besitzes leicht in eine wärmere Empfindung übergehen , und Renatus hielt es gar nicht für unmöglich , daß Hildegard , um ihr Werk der vermeintlichen Bekehrung an dem Grafen Gerhard zu vervollständigen , sich selbst zum Opfer bringen könne . Er hatte heute ein unaussprechlich bitteres Gefühl , so oft er an sie dachte . Er wußte nicht , war es Mißtrauen , war es Eifersucht , was ihn also quälte ; aber er vermochte das letztere nicht recht zu glauben , denn heute konnte er es sich nicht verbergen : er liebte sie eigentlich nicht , er hatte sie niemals wahrhaft geliebt . Es war eine Aufwallung , eine Uebereilung gewesen , daß er sich ihr anverlobt hatte , ihr ganzes Wesen sagte ihm immer weniger zu , und wie ein Angstschrei rang sich , ohne daß er es wußte , aus seinem beklommenen , geänstigten Herzen der laute Ausruf : Freiheit , Freiheit ! empor . Er erschrak , als er ihn gethan hatte . Seine Kameraden , die noch plaudernd beisammen saßen - die beiden Schläfer waren während seines einsamen Ganges auch wieder munter geworden - wendeten sich nach ihm um . Das wird in diesem Augenblicke noch Mancher außer Ihnen rufen , lieber Arten , sagte der Hauptmann ; und frei werden wir werden auf die eine oder die andere Art , wenn Jeder von uns morgen Alles an Alles setzt ! fügte er hinzu . Die Unterhaltung der Anderen gerieth dadurch ins Stocken ; sie waren sammt und sonders ernsthaft geworden . Der Hauptmann zog einen Brief aus der Brusttasche und sprach : Es wird morgen eine Schlacht geschlagen werden , wie die Weltgeschichte noch keine aufzuweisen hat . Wer sie von uns überleben wird , das steht in des Allmächtigen Hand . Lassen Sie uns einander das Versprechen leisten , daß die Ueberlebenden Kunde von den Todten in die Heimath senden . Er hielt einen Augenblick inne , zeigte den Anderen den Brief , den er danach wieder in die Brusttasche steckte , und setzte mit weicher Stimme hinzu : Ich habe eine Frau und zwei Kinder zu Hause . Falle ich und Sie können meiner Leiche habhaft werden , so schicken Sie diesen Brief an meine Frau . Gehe ich verloren in der Masse , nun , so meldet wohl Einer von Ihnen ihr das Geschehene , damit es ihr menschlicher und früher als durch die Todtenliste zukommt . Ich stehe , soweit es nöthig und mir möglich ist , Jedem von Ihnen zu dem traurigen Gegendienste bereit . Man sagte einander das Begehrte mit ruhigem Worte zu . Die Lieutenants waren junge Edelleute und gleich Renatus unverheirathet . Der Hauptmann war bürgerlicher Herkunft . Er war bedeutend älter als die Anderen , und hatte in dem Regimente von der Pike auf gedient . Renatus wußte , daß er ohne Vermögen sei , daß er seiner Familie nichts weiter zu vererben habe , als seinen unbescholtenen Namen und die Erinnerung an seine Liebe und an seine Treue ; aber wie schwer dem Hauptmanne das Herz auch sein mochte , Renatus beneidete ihn , weil so einfache , natürliche Verhältnisse ihn an das Leben fesselten . Denn wie er sich dagegen auch innerlich vertheidigte , es bemächtigte sich seiner auf ' s Neue der dumpfe Lebensüberdruß , der ihn heute schon zu verschiedenen Malen überfallen hatte , und unfähig , irgend einen festen Entschluß zu fassen , warf er sich mit den Anderen zum Schlafe auf den Boden nieder . Der morgende Tag sollte entscheiden ! Auch über ihn und seine persönlichen Angelegenheiten sollte er entscheiden ! Zehntes Capitel Und sie war gefallen , diese Entscheidung : so erhaben und so glorreich für das deutsche Vaterland , als die kühnste Einbildungskraft es nur hatte erhoffen können . Das Dorf , durch welches Renatus an dem Vorabende der Schlacht gegangen war , lag in rauchenden Trümmern . Es war der Schauplatz eines mörderischen Kampfes gewesen . Von den Offizieren , die in jenem Bauernhause bei einander gesessen hatten , waren nach den drei großen Tagen nur noch Renatus und ein noch jüngerer Edelmann am Leben . Es waren Wunder der Tapferkeit gethan worden . Im Verein mit den Ostpreußen hatte das Regiment , in dem Renatus diente , Gehöft um Gehöft , nachdem der Feind Herr des Ortes geworden war , wie eben so viele Festungen , wiedererobern müssen , und , seiner Compagnie voranstürmend , war der Hauptmann an Renatus ' Seite von einer Kartätschenkugel niedergeschmettert worden . Lautlos war er zusammengesunken , und trotz des Kampfes wilder Hast sich zu ihm niederbeugend , um sein Wort zu lösen , hatte der junge Freiherr die Papiere und das Schreiben seines Hauptmanns an sich genommen ; aber diese Pflichterfüllung hatte ihm selber fast den Tod gebracht ; denn wie Renatus sich emporrichten wollte , stolperte sein Fuß über die Leiche eines eben erstochenen Soldaten . Ein Kolbenschlag , dem der wankende Renatus nicht widerstehen konnte , verwundete ihn und warf ihn nieder ; auch über seiner Brust blitzten schon die Bayonnette der Franzosen , die sich aus einem der in Brand gerathenen Gehöfte in wildem Durcheinander den Stürmenden entgegenstürzten . Da warf sich plötzlich eine hohe , kräftige Mannesgestalt , an der Spitze einiger ihr folgenden Landwehrmänner , mit raschem Entschlusse den Andringenden in den Weg . Auf , auf , Herr von Arten ! rief er , während er die Feinde , welche den Hingesunkenen bedrohten , mit ungewöhnlicher Kraft und höchster eigener Gefahr so lange aufzuhalten wußte , bis Renatus wieder Meister über sich geworden war und Zeit gefunden hatte , sich zu erheben , um sich in dem grausen Handgemenge , das wie die stürzenden Wellen des Meeres auf und nieder wogte , selber wieder zu behaupten . Es waren nur flüchtige Secunden gewesen , die sein Erretter neben ihm verweilte . Auf ! auf Herr von Arten ! hatte er noch einmal gerufen , dann hatte die nächste Kampfeswelle sie weit von einander fortgerissen , und doch hatte Renatus ihn erkannt , doch war selbst in jener verhängnißvollen Minute das wundersam unheimliche Gefühl durch sein Inneres gezogen , das er stets empfunden hatte , so oft er in dieses Mannes Nähe gekommen war , so oft er seiner nur gedachte . Durch seine Verwundung für die nächsten Tage dienstunfähig gemacht , in Folge der über seine Kräfte gehenden Anstrengungen erschöpft , lag Renatus neben andern Kranken und Verwundeten , leise fiebernd , in einem der Zimmer des Bürgerhospitals . Sein Gehirn war frei , nur bisweilen trübten sich seine Vorstellungen , und er wußte dann nicht zu unterscheiden , was wirklich geschehen war und was er in dem Halbschlafe des Fiebers träumend durchgemacht hatte . Ein paar Mal fuhr er in die Höhe . Er meinte dann , sich wieder im Kampfesgewühle zu befinden , er sah die Bayonnette wieder auf seine Brust gezückt , er hörte wieder das kräftig drängende : » Auf , auf , Herr von Arten ! « und wie in jenem Augenblicke ertönte es ihm als ein Mahnwort von seines Vaters Munde , der ihn zur Selbsterhaltung um des Hauses willen aufrief . Wenn er dann aber in seinen Träumen in die Höhe schaute , um in seines Vaters Schatten seinen Schutzgeist zu erblicken , stand Paul Tremann wieder vor ihm , jede Sehne der prachtvollen Gestalt gespannt , das schöne Antlitz voll kaltblütiger Entschlossenheit - und ein eisiger Frostschauer beschlich des Kranken Herz . Er wachte unzufrieden und erschreckend auf . Er konnte seines Lebensretters nicht mit Liebe , nicht mit Freuden denken . Er glaubte sich sagen zu dürfen , daß er Paul den gleichen Dienst geleistet haben würde . Es war nur Menschenpflicht , einander im Kampfe beizustehen , und doch drückte , doch widerstrebte es ihm , daß Paul ihm mit eigener Gefahr zu Hülfe gekommen war , daß er eben ihm , eben diesem Manne sein Leben zu verdanken haben sollte . Indeß Renatus hatte von seinem Vater mit dem fatalistischen Aberglauben desselben auch die Fähigkeit geerbt , sich die Dinge nach seinem inneren Bedürfen zurecht zu legen und zu deuten , und wie seine Kräfte ihm allmählich wiederkehrten , begann er das ihm beunruhigende und peinigende Erscheinen und Dazwischentreten seines Bastardbruders für jenes Zeichen anzusehen , das er in seiner Entmuthigung am Vorabende vor der Schlacht von dem Geschicke gefordert hatte . Er zweifelte jetzt nicht mehr daran , daß seinem Hause ein Fortbestehen sicher sei , und der schöne Erfolg , den er persönlich errungen hatte , als er noch am letzten Tage der Schlacht zum Stellvertreter und Nachfolger seines gefallenen Hauptmanns ernannt worden war , hatte sein Selbstvertrauen und die Zuversicht auf seinen eigenen Stern in ihm belebt und gehoben . Ohne eigentliche kriegerische Neigung war er in das Heer getreten und widerstrebend in den russischen Krieg gezogen . Aber wie wenig er der französischen Sache auch geneigt gewesen war , so hatte er doch die begeisterte Vaterlandsliebe nicht gehegt , die er bei dem Beginne der Freiheitskriege in sich hatte erwachen fühlen und die zu einer heiligen Flamme in ihm geworden war ,