unendlichen Barmherzigkeit - Schweigen Sie ! unterbrach Bonaventura die auswendig gelernte und statt der Antwort auf die scheinbar überhörte Frage vorgetragene Litanei eines Gebetbuches . Unterlassen Sie jeden Versuch zu diesen fluchwürdigen Freveln und beten Sie die eben von Ihnen begonnenen Worte drüben an den Stufen der heiligen Afra-Kapelle ! ... Er mußte sich sagen - sein Amt schrieb es ihm vor - der Glaube erleuchtete auch die heilige Afra , die ursprünglich ganz auf den Wegen dieser Frau wandelte , erleuchtete eine Margaretha von Catona , auf welche bis in ihr einunddreißigstes Jahr gleichfalls jene Worte des Propheten paßten , die er zum ersten Gruß zur Frau Schummel gesprochen , und die dennoch eine Büßerin wurde und nicht nur in ihrem Grabe mit unverwestem Leichnam liegt , sondern sogar im Gegentheil , worüber sie heilig gesprochen worden ist , einen eigenthümlich » angenehmen Geruch verbreitet « ... Und über Lucindens Lebensgänge zu forschen , verließ ihn alle Kraft . Auch war Frau Schummel schon verschwunden - ohne Absolution , wie gewöhnlich . Auf das Wort : » Heilige Afra « , das Bonaventura mit einer segnenden Handbewegung gesprochen , hatte sie selbst im Knieen geknixt und erhob sich . Sie hoffte , mit der Zeit ihr erworbenes Vermögen in ungestörter Ruhe und endlicher Versöhnung mit den öffentlichen Thatsachen genießen zu können . Leichtere Fälle kamen dann , die Bonaventura ' s erschüttertem Gemüthe Erholung gestatteten ... Er übereilte nichts ... er ließ jedem Zeit , sich auszusprechen ... Einigen , die zu redselig wurden , sagte er mit Sanftmuth , daß die bewilligte Zeit bald vorüber wäre , sie möchten ein nächstes mal kommen und dafür sorgen , daß sie vom Meßner den Vortritt erhielten . Soll es denn so sein ? rief es wie ein Weheschrei in ihm auf , als dann endlich drei Stunden vorüber waren . Darf es eine Institution geben , die uns der Sünde gegenüber nur zu Hörenden macht , nur zu Belauschern dieses bunten , entsetzlichen Lebens ? Soll das Bedrängte nicht sofort Entsatz erhalten von jedem , der davon nur die leiseste Kunde vernimmt ? Soll eine in Erfahrung gebrachte Wahrheit nicht sofort laut verkündigt , ein Verbrechen durch uns zur Bestrafung gebracht werden ? ... Wie viel Hülfeschreie verhallten nun schon so in seiner Brust ! ... Wozu das alles ! seufzte er ... Wozu ? Wozu ? Ein feierliches Hochamt in einem entlegneren Theile des großen Baues hatte begonnen ... Niemand kam mehr , um an sein Ohr zu gelangen ... Aber noch saß er , als blutete er aus tausend Wunden ... Ein Erzittern , ein fieberhaftes Frösteln fühlte er bis tief in sein Allinnerstes ... Im Begriff sich jetzt zu erheben , faltete er sein Tuch zusammen . Schon hatte er den Drücker der Thür in der Hand , um sein enges Gefängniß zu verlassen , schon sah er im Geist gewohntermaßen den Meßner vor sich , der voll Ehrfurcht und mit einem nie so reich gewesenen Ertrag von » Beichtpfennigen « , wie sich jetzt ein solcher seit der Erhebung dieses gefeierten Priesters zum Domherrn ergab , ihn empfing und zur Sakristei geleitete ... Als er mit einem Fuße schon aus dem Beichtstuhl war , bemerkte er , daß der Meßner einen Zuspätgekommenen , der an der linken Seite des Stuhles knieete , entfernen wollte ... Es war ein Mann aus dem untersten Volke , mit einer Blouse über dem Rock . Ein Filzhut bedeckte das nicht sichtbare Antlitz ... nur ein krauses , struppiges , röthlich blondes Haar sah er . Der Betende schien sich nicht wollen stören zu lassen ... Bonaventura winkte dem Meßner und trat in den Stuhl zurück ... Mächtig schollen die Klänge des Hochamts , heute sogar , wie oft , begleitet von einer Instrumentalmusik . Sie wogten durch das hohe Gewölbe und dennoch blieb in diesem entlegenen , dunkeln Winkel die geflüsterte Zwiesprache innerhalb des Stuhles deutlich vernehmbar . Eine heisere , fremdartig betonende Stimme war es , die mit ihm sprach ... Bald erkannte er , daß sich ihm ein ruheloses Gemüth offenbaren wollte ... Er erkannte , daß er mit einem Verbrecher sprach ... Eine Zeit lang hörte er ruhig zu . Der Ton schien von einer nicht gänzlich verwahrlosten Seele zu kommen , aber auch von einem Gemüthe höchster Beschränkung ... Der Mann sprach von einer unterirdischen Erscheinung , von einem Marienbilde unter der Erde , das ihm oftmals zurufe : Thue Buße ! ... Es hätte ihm schon einmal die Warnung vor einem Manne gegeben , der dann auch richtig neulich hätte den Kopf hergeben müssen ... Hammaker ? sprach Bonaventura zu sich ... Der Mann erzählte , er wäre unter Verbrechern aufgewachsen , hätte bitter gebüßt , lange Jahre in Frankreich in Kerker und Banden gelebt , sich im Vaterland » etabliren « wollen - immer war das Deutsche von französischen Worten unterbrochen - aber neue Verführung wäre gekommen , selbst das Heiligste hätte ihn nicht zurückgeschreckt - er hätte ein Grab erbrochen ... Bonaventura bebte auf ... Nun erscheine ihm auch , sagte die Stimme , der Todte , den er auf die nackte Erde geworfen , und fordere von ihm zurück , was er ihm genommen , und doch wäre es nichts gewesen , qu ' une bagatelle - Schriften , die er nicht lesen könne ... Bonaventura hörte schon nicht mehr ... Die Sinne vergingen ihm ... Bei der ersten Ahnung , mit einem Verbrecher zu sprechen , hatte er sein Antlitz ganz verhüllt , hatte die ganze , volle Vorschrift der Regel des Beichthörens auf sich wirken lassen und sich so verborgen , daß der Geständige in seinem Muthe nicht wankend werden sollte ... Nun diese neue Entdeckung ! War das Bickert , der Knecht aus dem Weißen Roß ? Der Leichenstörer , den die Häscher seit Monaten suchten ? Bickert , der mehr gefunden im Sarge des alten Mevissen , als Bonaventura dem Onkel Dechanten vorgelegt ? Schriften , die an seinen Vater erinnern konnten - Hinauszustürzen aus dem Beichtstuhl , den Verbrecher festzuhalten , Hülfe zu rufen - das war sofort sein Gedanke - aber - Innocenz und Hildebrand , wie schultet ihr euere Reisige ! Ein katholischer Priester wird erzogen , in der Beichte von Ravaillac zu hören , daß er den König von Frankreich ermorden wolle . Er wird , ähnlich wie Pater Cotton , der Jesuit , gethan , auf diesen ihm vorgelegten Fall antworten : Ich werde den König warnen , werde stündlich um ihn sein , werde den Todesstoß statt seiner empfangen ; aber dem Mörder kann ich nur seine Sünde vorhalten und ihm ins Gewissen reden - seine That gehört Gott - seine Person kenn ' ich nicht ... Die Beichte zu sprechen , nennt die Kirche das schönste und größte Heldenthum des Menschen . Petrus weinte bittere Thränen , Magdalena wand sich zu den Füßen des Heilands , Augustinus gestand in seinen Bekenntnissen die Verirrungen seiner Jugend ... Aber nicht minder groß ist das Heldenthum des Beichthörens ... Christus hörte noch die Beichte eines Mörders , der am Kreuze neben ihm hing , während sein eigenes Leben verschmachtete und der unbußfertige Schächer ihn lästerte ... Und dennoch , dennoch riß unsern Freund die kindliche Liebe hin ... Unglücklicher ! rief er fast in die schmetternden Klänge des Hochamts hinaus . Was führt dich gerade zu mir ? Wisse ! Ich , ich bin der Pfarrer des Friedhofs gewesen , den du entweihtest in Sanct-Wolfgang ! Das rothblonde struppige Haupt erhob sich einen Augenblick und sank , zuckend unter einem grauen Hute sich verbergend , kraftlos nieder ... Der Spätling hatte diese Fügung des Zufalls nicht erwartet ... Uebersende mir die Schriften , von denen du sprichst ! Die Ruhe meines Lebens hängt von ihnen ab ! ... Ach , gewiß auch die Ruhe deines Lebens ! Weißt du doch , selig sind die Todten , denn sie werden Gott schauen ! Vor seinem allwissenden Antlitz wird der von dir in seinem Grabe Gestörte auch für deine Seele bitten ! Ist deine Reue eine wahre , ist diese Anfechtung zur Rückkehr in alte Schuld die letzte gewesen , dann kniee nieder vor der allerseligsten Jungfrau , wenn sie dir wieder erscheint in den Höhlen , wo du vor dem Arme der Gerechtigkeit dich verbirgst , bekenne ihr deinen Trieb zur Besserung , und willst du die vollste Aussöhnung mit Gott auch nur einmal , einmal erproben , in dem Genuß seines heiligen Leibes , o , so will ich dir das allerheiligste Sakrament des Altars nicht entziehen , will dir die Erweckung durch den Mitgenuß seines gekreuzigten Leibes nicht versagen - Oder hast du noch irgendeine andere Schuld auf deiner Seele - ? Der Verbrecher athmete schwer und erhob sein Haupt nicht wieder ... Es war Bonaventura , als hörte er ein Murmeln : Ich hatte - Du hattest ? O rede ! Du hattest ? - Ein - ein Engagement - Wozu ? Zu einer ruchlosen andern That ? Sprich ! Vertraue mir ! Ein Feuer - Solltest du anlegen ? Ha ! Eine Urkunde - eine falsche Urkunde in dem Tumulte irgendwo niederlegen ! Wo ? Wo ? Sprich ! Es ist vorüber - Schon geschehen ? Ihr Heiligen ! Nein , Herr , nein ! - Aber es wird geschehen ! Nein , Herr , nein - Wen soll ich warnen ? Rede ! Der Verbrecher schwieg ... Rede ! Keine Antwort erfolgte ... Der Verbrecher murmelte ein Gebet ... Nun denn , sagte Bonaventura nach einer Weile , so sei dir dies Vorhaben vergeben , wenn es unterbleibt und du es um Jesu willen bereust ! Aber auch dies noch ! Mein Name ist Bonaventura von Asselyn ! Meine Wohnung im Kapitelhause ! Sende mir die Schriften , die dir nichts nützen können ! Nie , nie will ich dich erkennen ! Ich sah dich ja nicht , ich will dich nicht sehen , ich spreche dir Befreiung deiner Schuld und schließe das Gitter , daß du dich ungestört entfernen kannst ! Beim Tisch des Herrn will ich dich , falls du dein Vorhaben unterlässest und mir die Schriften schickst , anlächeln wie dein Freund wenn ich dir das Brot des Lebens reiche ! Absolvo te in nomine patris , filli et spiritus sancti ! Amen ! Bonaventura machte das Zeichen des Kreuzes - zog das Fenster zu ... und erhob sich ... Als er sich zitternd entfernte , war niemand mehr gegenwärtig , selbst der Meßner nicht ... Das Hochamt tönte fort ... Wie eine Geistererscheinung war , was er erlebt hatte ... Er wankte dahin wie wesenlos ... wie ein Hauch der Lüfte ... In dem ihn umrauschenden Gewühl des Lebens , unter den sich drängenden Menschen , die ihm auswichen , hinter dem Meßner , der ihn in einiger Entfernung erwartet hatte und sich ihm anschloß und Platz machte , daß er hindurchkonnte zur Sakristei , war sein Sein das , was nach einem griechischen Dichter wir alle sind , nicht ein Schatten nur , nur eines » Schattens Traum « . Bei alledem sprach ihm , als er sich umkleidete , sein Gewissen : Hast du dich nicht von deinem persönlichen Interesse fortreißen lassen ? Blieb nicht ein Vorhaben zu wenig eingestanden , das viel wichtiger ist , als jenes Blatt Papier ? ... Wickert war ein Bundesgenosse Hammaker ' s ... Eine Feuersbrunst stand vor seinen Augen und wollte nicht weichen ... Benno holte ihn ab , um ihn in seine Wohnung zu begleiten und von ihm Abschied zu nehmen ... Was mußte nicht alles sein Mund verschweigen ! Er wußte nicht , was ihn bestimmte , zu sagen : Seid auf Schloß Westerhof nur wachsam ! Tag und Nacht haltet doch Obhut ! ... ... Wie bangte er der Hoffnung entgegen , die Räthsel jenes Sarges von St.-Wolfgang gelöst zu sehen ! 6. Piter ' s Gesellschaftsabend rückte näher ... Eine Aenderung seines Programms durch die mit Delring und seiner Schwester Hendrika stattgefundene Scene konnte man » von ihm nicht verlangen « . Selbst seine Mutter und seine andern Geschwister waren schon zu weit in den Zurüstungen ihrer Toiletten vorgeschritten , als daß eine so bedenkliche und für alle daran Betheiligten tief erschütternde Wendung der Dinge , wie Delring ' s Austritt aus dem Geschäft und die Aufgabe seiner Wohnung im schwiegerälterlichen Hause , etwas darin hätte ändern können . Die Commerzienräthin weinte zwar bittere Thränen , aber sie hütete sich wohl , daß eine derselben auf die schweren silbergrauen Moiréestoffe fiel , welche sie täglich zweimal bei ihrer Schneiderin anpaßte . Die Equipagen ihres Hauses sowol wie die des Procurators rasselten durch die Straßen mit einer Eile , als könnten plötzlich in der Stadt alle schinirten Sammete , aller Gros de Naples , alle Stoffe zu Borduren und Blonden aufgekauft werden . Die obern Zimmer blieben von Hendrika Delring für den Abend verweigert . Piter hatte dort eine » Retraite « für seine Freunde arrangiren wollen , wo sie in gemüthlicher » Nonchalance « sich gehen lassen konnten ; er wollte , das war seine Idee , höchsten Salon und tiefsten Austernkeller für jenen Abend vereinigen . Gesang und » geistreiches « Gespräch sollte die Cigarre und einen kleinen » Ulk « nicht ausschließen . Die Wendeltreppe eignete sich so prächtig für diese gemüthliche Mischung ! Indessen war dies Arrangement nicht zu ermöglichen und Johanna , seine jüngste Schwester , seine älteste , Josephine , die Frau Oberprocurator , sämmtliche Hausfreunde gaben Pitern diesmal unbedingt Recht , wenn er von einem » denn doch kolossalen « Eigensinn sprach , und nur seine von ihm gebrauchten Kraftausdrücke ängstigten sie , besonders vor Fräulein Lucinden , deren hohe Bildung und schüchterne Sittsamkeit täglich hier im Hause Redensarten zu hören bekam , die sie bei soviel Frömmigkeit nicht hätte voraussetzen sollen . Nur vor Dominicus Nück hatte Piter einige Furcht . Dieser Sonderling war noch immer im Stande , ihn zuweilen wie einen zehnjährigen Knaben zu behandeln . Eine Bürgschaft für den Bestand des Geschäfts konnte dem klugen Manne Piter ' s Alleinherrschaft nicht erscheinen . Letzterer ahnte das und besorgte Erklärungen , um so mehr als Nück schon lange ein Gegner dieser projectirten Gesellschaft war . In Sack und Asche sollten wir gehen , hatte er zu seiner Frau gesagt , und dieser Mensch thut den Neunmal-Weisen den Gefallen und will illuminiren lassen ! ... Seine Gattin hatte seit lange keine so wortreiche Unterhaltung mit ihm geführt . Sie hätte schon um dieser seltenen Vertraulichkeit willen auf ihres Gatten Zorn über den » dummen Jungen « , wie Piter schon eine hübsche Reihe von Jahren bei ihm hieß , eingehen sollen ; aber die Höhe ihrer Volants an einer wundervollen Rosatoilette nahm sie so in Anspruch , daß sie nur immer das Rauschen ihres Eintritts in den Salon hörte und den Moment bedachte , wo sie sich an dem festlichen Abend zum erstenmal niederlassen würde , nicht zu nahe am Ofen und nicht zu dicht unterm Kronenleuchter ; denn die Arme litt bei solchen Abenden an einem krankhaften Echauffement und hatte dann vor Zorn über sich selbst und den Schöpfer , der sie ins Leben gerufen , schon manchen kostbaren Fächer zerknittert , dieser Röthe gedenkend , die ihr die Stirn , die Nase und besonders die Ohren mit einer unheimlichen Ziegelsteinfarbe überzog . Die » Religion « war in der That einige Tage lang im Kattendyk ' schen Hause suspendirt . Piter bekam in allen Punkten Recht , selbst wenn er seine Meinungen des Tages einigemal wechselte und sich selber widersprach . Auch ein ganz besonders maliciöser Antagonist gegen ihn fehlte glücklicherweise , der außerordentliche Professor Guido Goldfinger , Johannens Verlobter , der erst zu dem Gesellschaftsabend selbst ankommen wollte . Dieser junge Mann machte mit einer glänzenden Heirath sein Glück , war aber für dies Glück von seinem Vater , dem Medicinalrath , förmlich erzogen worden . Gerade die Sicherheit seines Benehmens gab ihm den außerordentlichen Vorsprung bei der Mutter und bei Johannen . Auf der vielfach angedeuteten Universität lehrte er Naturwissenschaften vom rechtgläubigen Standpunkte . Er bewies wissenschaftlich , daß es Pflanzen gäbe , die die Marterwerkzeuge in ihrem Kelche schon von Anbeginn ebenso hätten tragen müssen , wie die Propheten bereits von allen Einzelheiten im künftigen Leben des Messias wußten . An einer » Heiligen Botanik « , schrieb er , in der alle in der Bibel vorkommenden Pflanzen in alphabetischer Reihenfolge behandelt wurden . Wenn sein kurzes , schneidendes Wesen in den Abendgesellschaften ( von seinem von drei bis vier Zuhörern umsessenen Katheder kam er wöchentlich einmal herüber ) Pitern gegenüber Stickstoff , Sauerstoff , Polarität und ähnliche schwierige Fragen zu sehr accentuirte und darüber Piter » unangenehm « wurde und vor solchen » Kindereien , die er sich schon in der Schule abgelaufen hätte « , sich nicht im mindesten zu ängstigen erklärte , falls der Professor ihn rundweg anfuhr : » Das verstehen Sie nicht ! « so sagte der alte Sänger Ignaz Pötzl , indem er dann einmal von den Bologneserhündchen die alten magern , sie streichelnden Hände abließ , mit halblautem Seufzer : » O Ysop , Ysop ! wann wirst du an die Reihe kommen ! « Darunter verstand Pötzl , wie alle Anwesenden aus dem engern Familienkreise wußten , den letzten Artikel der » Heiligen Botanik « ; denn erst mit dem Abschluß dieses großartigen Werks , das auf Kosten der Commerzienräthin gedruckt werden mußte , sollte die Hochzeit stattfinden . Leider stand der Professor erst bei der Wurzel Jesse , bei der er sich , wie er mit sardonischer Galanterie hinter seiner blauen Brille hervor Johannen zuflüsterte , deshalb so lange aufhalten müsse , weil ihn zu sehr der Buchstabe I fesselte . Am empfindlichsten war Pitern der Eindruck , den sein Bruch mit Delring auf Treudchen machte . Sie selbst hatte der Scene nicht beigewohnt , nach der sich ihre Herrschaft in den Beichtstuhl des » neuen Heiligen « Bonaventura von Asselyn flüchtete , aber sie erfuhr alles Geschehene , als sie von einem Einkaufsausgang nach Hause kam . Lucinde hatte ihr schon lange den Rath gegeben , Pitern etwas zu tyrannisiren . So oft er ihr nun seitdem auf der Treppe begegnete , wobei eine rasche Handbewegung , manchmal das Verlangen , ihm einen Knopf am hingehaltenen Hemdärmel sofort auf der Treppe anzunähen , schon zur Gewohnheit geworden war , zeigte sie ihr Schmollen . Piter hatte jetzt nur zu viel mit seinem » Programm « zu thun , sonst würde ihm dies Ausweichen unerträglich gewesen sein . Schon weckte er durch seine Leidenschaft Spott und » Hohngelächter « und Zweifel des Neides , besonders bei den stillen Charakteren Weigenand Maus und Aloys Effingh , die schon vor längerer Zeit über seine Entzückungen die harmlosen , aber bedeutsamen Worte fallen ließen : Nur nicht zu üppig , Kattendyk ! ... Lucinden schonte Piter um Treudchens willen . Auch sprachen ja Benno von Asselyn und Thiebold de Jonge mit einer höchst respectvollen Scheu von der Gesellschafterin seiner Mutter . Benno war zu gewissenhaft , um die für Bonaventura ' s Lebensstellung nicht passende Leidenschaft Lucindens zu verrathen . Auch mußte er anerkennen , daß durch die fast schimpfliche Entfernung aus der Dechanei Lucinde vollkommen berechtigt war , auch ihm gegenüber jenen Humor aufzugeben , dessen Ausbrüche ihn erst dämonisch abgestoßen , zuletzt gefesselt hatten . Die Wahrheit des einen Wortes , das Lucinde Benno beim ersten Begegnen am Theetisch der Frau Walpurga zugeflüstert hatte : » In Kocher am Fall hab ' ich Bitteres erlebt ! « durfte er nicht anzweifeln . Wohl bemerkte sein scharfes Auge , daß Lucinde auch hier schon mit dem ganzen Hause und den Schwächen desselben spielte ; aber Koketterie war es nicht , als sie ihn eines Abends bat , sich ihres vernachlässigten Latein anzunehmen ; sie wolle , sagte sie , die Bekenntnisse des Augustinus , die Geschichte seines Lebens-Trahimur , in der Ursprache lesen . Zu Thiebold ' s Erstaunen über dies » Zauberweib « kaufte ihr Benno ein Lexikon , verschaffte ihr Uebungsbücher und mußte sich gestehen , daß die Art , wie sie ihm dafür das Geld schickte und ihren Dank in einem Briefe bezeigte , einen graziösern Geist verrieth , als er ihrer Schroffheit zugetraut hatte . Das Geld kam auf der » Schreibstube « Nück ' s an und war dort in seiner Abwesenheit dem Principal übergeben worden . Als Nück die Veranlassung dieser Geldsendung aus dem Kattendyk ' schen Hause erfuhr und mit eigenthümlich zwinkernden Augen auch den ihm von Benno dargereichten Brief gelesen hatte , erfuhr letzterer , daß die Wirkung , die Lucinde hervorbrachte , immer allgemeiner wurde . Wo man nur auf das Kattendyk ' sche Haus zu sprechen kam , wurde nach Lucinden gefragt . Schön erschien sie allen , den Frauen etwas unheimlich . Auch Männer brauchten zuweilen den Ausdruck , sie hätte zu viel Geisterhaftes . Nur über ihre beispiellose Frömmigkeit waren alle übereinstimmend . Eines Tages erfuhr Benno von Thiebold , daß Nück an dem seit einiger Zeit häufiger von ihm besuchten Theetisch seiner Schwiegermutter Lucinden halblaut ein Wort gesprochen hätte , das dieser die seit einiger Zeit immer nur bleichen Wangen purpurn überfärbte . Es war von einer schon zunehmenden Gewöhnung Lucindens an das Leben im Hause und in der Stadt die Rede und von ihrer frühern übergroßen Verschüchterung . » Sie sind eine Jerichorose ! « hatte Nück geflüstert . Thiebold verstand diese Vergleichung nicht . Im Benno wollte er » nachschlagen « , was sie bedeute . Als ihm Benno die Erklärung gab : Eine Jerichorose ist ein rankenartiges Gewächs mit einer wunderbar gestalteten und duftenden Blume , die zeitweilig ganz ledern , welk und verkommen aussehen kann , legt man sie aber in heißes Wasser , so quellen ihre Blätter auf und sind , wenn sie auch seit Jahr und Tag vertrocknet schienen , plötzlich wieder so frisch , als wenn die Blume zum ersten mal blühte ... da wetterte Thiebold über den Außerordentlichen , der gerade zugegen gewesen war und die Jerichorose nur » lateinisch « , d.h. gelehrt gefaßt und gesagt hätte : Die heilige Botanik hat es mit zweierlei Jerichorosen zu thun . Die eine ist die der Legende : Maria auf der Flucht nach Aegypten steigt von dem Esel und da , wo ihr Fuß den Wüstensand berührt , sprießt die Jerichorose auf . Die andern sind diejenigen Rosen von Jericho , die bei Sirach vorkommen in der für die heilige Botanik so classischen Stelle ... Viel lieber hätte Thiebold gewünscht , man hätte verweilt bei der vollständigern Beziehung dieser Vergleichungen auf ein Wesen , das für die ganze gebildete Gesellschaft der Stadt immermehr einen eigenthümlich verschleierten Reiz gewann . Der verhängnißvolle Festtag erschien ... Die Vorbereitungen zu dem Abend sistirten bei Pitern den ganzen geschäftlichen Ex- und Import . Heute galt es den Triumph seiner durchbrochenen Mauern , neugeschaffenen Kamine , portièrenverdeckten Thüren . Auch hatte er schon in der Dienerschaft seit lange manche Reformen angebahnt . Die alten hatte er zwar nicht entfernen können , aber sie für den einzuführenden bessern Ton » unschädlich gemacht « . Kathrine Fenchelmeyer behauptete sich in der Küche , trotzdem daß Thiebold eines Abends gesagt hatte : » Eigentlich mit Geist kochen kann nur ein Mann ! « eine Behauptung , worüber ein fünfstündiger Streit unter den Freunden entstand , der für Pitern so interessant und anregend wurde , daß er sich das neue Buch » Geist der Kochkunst « kaufte . Ueberhaupt gab er viel Geld für diejenige Literatur aus , die ihm in schönen Einbänden hinter einem Glasschrank zu besitzen nöthig schien , um jenes gewisse Etwas eines der Kaufleute zu gewinnen , die so » merkwürdig beschlagen « sind in allem , was die Zahl der Stecknadeln anbetrifft , die eine birminghamer Maschine in einer Stunde hervorbringen kann . Auf jedes Buch , das für Delring ' s Bibliothek vom Buchhändler im Comptoir abgegeben wurde , setzte er ein anderes und nicht immer Werke über Cavalierperspective , » Diätetik der Seele « , Blumauer ' s » Aeneide « , die » Jobsiade « und ähnliche classische Schriften , die unter den Freunden bewundert wurden , auch Mac Culloch und Reisebeschreibungen in Vorder- und Hinter-Asien . Kathrine hatte für den Abend einen Koch zu Hülfe genommen - Piter entließ sie nicht , weil unter den Freunden trotz aller Bewunderung vor den Speisen , die man in Paris bei Véry finden konnte , feststand , daß Sauerkraut , Erbsen und Dürrfleisch nirgends so » famos « zubereitet wurden , wie bei ihm . Auch über die richtige Art , den Wein einzuschenken , trug im kleinen Kreise Joseph Moppes manchmal förmliche Abhandlungen vor . Wehe den neuen Dienern oder den am Freitag zu Dienern avancirenden Hausknechten - auf die engagirten Lohnbediente war eher Verlaß - wenn sie beim Einschenken der Weine nicht der Theorie entsprachen , die Piter ihnen kurz vor Eröffnung der Flügelthüren noch einschärfen wollte . Ob ihn die Scrupel wegen der » trauernden Religion « nicht bestimmen sollten , daß die Diener sämmtlich schwarzbaumwollene Handschuhe statt weißer anzogen ? In dem Austernkeller neulich hatte man diesen Piter ' schen Gedanken erst bewundert , dann ihn aber doch fallen lassen . Weigenand Maus hatte sogar gesagt : » Wehe dem Kaufmann , der überhaupt Religion hat ! « - » Sie meinen eine andere Religion , als die des ehrlichen Mannes ? « polterte Thiebold auf , der an seine » vorhabende « Beichte dachte . Gebhard Schmitz , der Dialektkünstler , um etwaigem » Streite « vorzubeugen , fiel mit einem allgemeine Acclamation erweckenden Worte ein : » Meine Herren ! Ich sage , wehe dem Kaufmann , der jetzt eine andere Religion hat , als die jüdische ! « Piter stand nun wie Napoleon vor einer Schlacht . Er hatte sich auf alles vorbereitet , sogar das Verdrießlichste , auf Absagebriefe . Sein lebhafter Geist sah sogar sämmtliche Lampen nicht brennen , hörte Cylinder zerspringen , hörte stockende Gespräche . Aber er suchte allem zu begegnen durch Reservevorräthe ; sogar von Anekdoten hielt er sich ein kleines Lager in Bereitschaft . Aus dem » Demokritos « hatte er sich einige Bonmots gemerkt , manche feine Antwort memorirt , die er anbringen wollte , wenn es seinem rastlosen Ehrgeize gelang , irgendwo die ihr entsprechende Frage zu provociren . Die ganze Stadt wußte den Vorfall mit Delring . Wie hatte er da die Arme zu verschränken und sich hinzustellen als die sturmfeste Mitte eines großen Ganzen ! Und diese mindestens in zwanzigfacher Anzahl kommenden jungen Mädchen , denen er zeigen wollte , was ein » Herr der Schöpfung « ist ! Sein Bärtchen war allerliebst gefärbt , das dunkelblonde Haar unternehmend gebrannt , die Hemdauslage zeigte das kunstvollste Steppmuster . Sie hätte Thiebold entzücken müssen , der zu sagen pflegte : » Was bei den alten Griechen , wie Benno von Asselyn versichert , einst die Bäder gewesen sind , das ist bei uns die weiße Wäsche . « Nur Piter ' s Schneider ließ ihn mit einem fast auf dem Leib ihm angenähten Frack noch bis sechs Uhr warten . Fast war er das Atelier des Mannes geworden und seine Haut nahe daran , durch das gewissenhafte Probiren mit festgenäht zu werden . Aber um sechs Uhr konnte er » auf Ehre und Seligkeit « die Ankunft des Frackes gewärtigen . Das ganze Haus war geheizt , sogar die unten durch Glas verschlossenen , teppichbelegten , blumengeschmückten Treppen . Nur so auch konnte es geschehen , daß Piter von drei Viertel auf sechs Uhr an in Hemdärmeln Trepp ' auf Trepp ' ab lief . Berechnend , ob das zu frühe Anzünden der vielen Kronenleuchter und Wachskerzen nicht zu zeitig dürfte » Friedland ' s Nacht « eintreten lassen , durchschritt er die öden , fast gespenstischen Zimmer , leise verfolgt von einigen bereits gekommenen Lohnbedienten , die sich nützlich machen und Vertrauen erwecken wollten ... Die Mutter , die Schwester waren noch tief in ihrer Toilette zurück ... auch Fräulein Schwarz war nirgends sichtbar .... Treudchen Ley ' s Erscheinen ließ sich in keiner Weise voraussetzen ... Wie fehlte ihm diese holde Ermunterung ! Wie sehnte er sich nach einem Druck ihrer weichen Hand und ihrem gewöhnlichen : » Ach , Herr Piter - ! « Wie erschöpft war er bereits von den Anstrengungen des Tages ! Guten Abend , Kattendyk ! lautete es hinter ihm her , als er sich eben lässig in einen seiner neuen Fauteuils warf ... Es war Joseph Moppes ... Bester ! Haben Sie etwa Weiß aufgelegt ? Sie sehen ja gottsjämmerlich aus ! sagte der Freund und ging mit Noten rasch vorüber in die hintern Zimmer ... Finden Sie das ? antwortete Piter hinter ihm her . Mit Apathie stand er auf und betrachtete sich beim Schein des Lichtes , mit dem er die Zimmer durchmusterte , in einem oberhalb eines seiner neugebauten und heute zum ersten mal probirten , leider etwas rauchenden Kamine angebrachten Spiegel ... Ich kenne das an solchen Abenden ! Nehmen Sie doch einen kleinen Cognak ! rief Moppes von hinterwärts her . Moppes legte mit diesen Worten auf das Pianoforte die Noten zu dem projectirten » Bouquet « des Abends ... Piter gefiel sich außerordentlich im Spiegel . Er fand sein languish interessant und bewunderte seine weißseidene Cravatte , seine weißseidene geblümte Weste , die gesteppte Brustauslage mit blitzenden Brillanten .... Aber wirklich er war zu blaß und zog deshalb an einem Schellenzuge und ließ sich einen kleinen Cognak kommen . Jedem andern würde er gesagt haben : Au contraire ! Ein Glas Wasser wird mir gutthun ! ... Seinen Freunden trotzte er nicht . Ihnen nicht , die immer so recht das trafen , was dem Manne ein schmeichelhaftes Lustre gibt ... Sie haben Recht , Moppes