Herrin desto mehr , « warf der Major dazwischen , » er steht in der allerhöchsten Gnade ; Sie können morgen bei ihm vorfahren und ihm gratuliren ; er hat wieder einen neuen Orden bekommen . « » Das würde ich wahrhaftig thun , « sagte lachend der Baron , » wenn ich jene sechs kostbaren Blätter hätte , um sie nachher zur Abkühlung präsentiren zu können . « » Das würden Sie nicht thun , « versetzte aufmerksam Graf Fohrbach . » Ich kenne und bewundere Ihren Muth in jeder Hinsicht , aber das würden Sie bleiben lassen . « » Das käme auf eine Wette an , « entgegnete Herr von Brand in gefälliger Weise . » Die ich annehmen würde ; Zehn gegen Eins ! « » Halt ! halt ! ihr Herren ! « sprach der Major . » Das wär ' eine Wette , die uns Alle , wie wir hier versammelt sind , theuer zu stehen kommen könnte . « » Die auch nie stattfinden kann , « sagte Arthur , » denn ich würde die Blätter nie , namentlich aber nicht zu einem solchen Zwecke , hergeben . « » Genug ! genug ! « mischte sich Herr von Steinfeld , der bisher in einem Buch geblättert hatte , in das Gespräch , » man muß nicht so in ein Wespennest schlagen wollen . Aber sage mir , vortrefflicher Hausherr , darf ich dich um eine Tasse Thee bitten ? « » Ich weiß nicht , wo er so lange bleibt , « erwiderte Graf Fohrbach . Doch hatte er kaum die Klingel gezogen , als auch schon der Kammerdiener , fast unhörbar , in das Zimmer glitt , den Thee in der uns bekannten Art aufstellte , und darauf mit den Bedienten wieder verschwand . Jeder nahm sich eine Tasse , dann sagte Herr von Steinfeld mit Beziehung auf das Gespräch von vorhin : » Unsereins , der lang in der Fremde war und fast unbekannt geworden ist , könnte sich durch so etwas empfehlen . - Alle Wetter ! Wer hat die Wette gemacht ? würde es freilich heißen . - Graf Fohrbach , bei sich zu Hause in einer kleinen Gesellschaft . - Wer war da ? - Nun , Erichsen , der die Blätter gezeichnet , Major von S. , Herr von Steinfeld - « » Ja , ja , « sagte der Major , » das könnte uns Allen ein paar verdrießliche Gesichter eintragen . « Der Hausherr hatte achselzuckend zugehört und bedächtig seine Tasse ausgetrunken , dann sagte er : » Ja , wir werden alt , es ist kein Spaß mehr da und kein Humor . - Apropos ! « fuhr er nach einer Pause fort , » du bist mit deinen Besuchen ziemlich fertig . Man hat dich doch überall gnädig aufgenommen ? « » Darüber kann ich nicht klagen . - Doch da fällt mir etwas ein , worüber ihr mich vielleicht aufklären könnt . - Als ich bei deinem Papa war , « wandte er sich an den Hausherrn , - » Seine Excellenz empfingen mich sehr zuvorkommend - traf ich den alten General-Adjutanten Baron von W. mit seiner Frau . « Herr von Brand zuckte , aber fast unmerklich , zusammen . » Wenn ich sage traf , so meine ich damit , ich begegnete ihm an der Thüre des Salons ; er ging , ich kam . Es war so auf der Schwelle , daß ich nicht präsentirt werden konnte . Der Bediente meldete mich , und da war es mir , als wenn sich die Baronin von W. bei Nennung meines Namens plötzlich und auffallend von mir abwende . « » Wer weiß , wilder Mensch , « sagte der Major , » ob du sie nicht vielleicht früher einmal gekannt , ihr die Cour gemacht oder sie auffallend vernachlässigt hast ? « » Unmöglich ! « erwiderte Herr von Steinfeld . » Als ich damals noch hier war , war der alte Baron auf weiten Reisen und heirathete in meiner Abwesenheit . Ich machte natürlich auch in seinem Hause meinen Besuch , er empfing mich ; Madame , hieß es , sei unpäßlich . « » Das ist so seine Art , « meinte gleichgiltig Graf Fohrbach , » er ist ein alter , eigensinniger Herr , der sein Haus Niemanden öffnet , und nur genaue Bekannte seiner Frau vorstellt . « » Ihr könnt euch denken , « fuhr Herr von Steinfeld fort , » daß das meine Neugierde erregt , und daß ich Alles daran setzen werde , ihre Bekanntschaft zu machen . - Ist sie schön ? « - » O nicht übel , wie soll ich sie dir beschreiben ? « sprach der Hausherr , und fuhr gleich darauf lachend fort : » Richtig ! betrachte dir dort den Baron Brand . « Dieser war in tiefe Gedanken versunken und starrte in die Theetasse , die er vor sich hin hielt . Als er nun so plötzlich seinen Namen nennen hörte , wäre ihm diese fast aus der Hand gefallen , so schrak er zusammen . Doch faßte er sich augenblicklich wieder , lächelte und sagte : » Was beliebt , Graf Fohrbach ? « Herr von Steinfeld hatte übrigens , der an ihn ergangenen Aufforderung gemäß , seinen Blick auf den Baron geworfen und mußte in dessen Gesicht etwas gefunden haben , was ihn fesselte , denn er betrachtete ihn eine Zeit lang mit großer Aufmerksamkeit , dann aber starrte er vor sich hin , augenscheinlich in tiefe Gedanken versunken . - » Wirklich , « sagte er darauf , indem er mit der Hand über die Augen fuhr ; » also Herr von Brand sähe der Frau von W. ähnlich ? « » Die alte Geschichte , « entgegnete dieser achselzuckend und süßlich lächelnd , wobei er sich aber nicht enthalten zu können schien , einen Blick in den Spiegel an seiner Seite zu werfen . - » Das ist die alte Geschichte dieses guten Grafen Fohrbach . Das belustigt ihn : man lasse ihm diese Grille . « » Nein , nein , es ist was daran , « meinte auch der Major . » Wir haben schon früher darüber gesprochen ; haben Sie noch nicht in Ihren Geschlechtsregistern nachgesehen ? « » Spässe ! Nehmen Sie nur unsere beiderseitigen Namen . « » Aus welcher Familie ist die Baronin ? « fragte Herr von Steinfeld . » Aus einem großen sicilianischen Hause , auf icci endigend ; wer kann das behalten ? « » Aber das blonde Haar für eine Italienerin ? « » Der Vater war ein Engländer oder Schotte . Es liegt noch ein gewisses Düster über ihrer Herkunft . « » Ich muß sie sehen , « sagte bestimmt Herr von Steinfeld . » Lieber Baron Brand , « lachte der Hausherr , » ich lasse mir die Aehnlichkeit doch nicht abstreiten . Wer weiß , wie das zusammenhängt ! « » O , mir wäre ein solcher Zusammenhang gar nicht unlieb , « sagte der Baron . Dann trank er seine Tasse leer , und stellte sie , Müdigkeit affektirend , auf den Tisch . Der Major hatte sich erhoben und machte Anstalten zum Fortgehen . - » Ich habe Dienst , « bemerkte er lächelnd auf die Frage des Grafen , und setzte hinzu , als ihn dieser ungläubig ansah : » Ich versprach meiner Frau , sie im Schlosse abzuholen . « » Ah ! sie ist auch bei der großen Berathung ! Du Glücklicher , da erfährst du heute Abend schon , welche Kostüme befohlen werden . « » Was mich im Grunde gar wenig interessirt , denn ich liebe die Maskerade nicht , « erwiderte der Major und setzte , sich umschauend , hinzu : » Wer von den Herren geht mit ? « Der Baron von Brand und Herr von Steinfeld nahmen darauf hin ebenfalls von dem Hausherrn Abschied , Arthur wollte ihnen folgen , doch bat ihn Graf Fohrbach , zu bleiben und noch eine Stunde mit ihm zu verplaudern . An der Thüre wandte sich Herr von Brand um und rief dem Maler mit einem etwas erzwungenen Lächeln zu : » Bester Herr Erichsen , bitte , überlegen Sie es sich ernstlich , ob und zu welchen Bedingungen ich die sechs Blätter bekommen kann . « » Der Teufel auch , « sagte der Hausherr , nachdem er gehört , daß die Thüren draußen geschlossen worden ; » was mag ihm so an dem Porträt des Herrn von Dankwart gelegen sein ! Da wären Ihre Blätter in guten Händen . Nehmen Sie sich in Acht ! - Ich glaube wohl , « setzte er nach kurzem Besinnen hinzu , » daß er einen guten Gebrauch davon machen würde , und ich möchte schon Dankwärtchen einen kleinen Aerger wünschen ; aber Sie werden sich um ' s Himmelswillen nicht mit dem Baron einlassen . « » Aber Sie proponirten ihm doch selbst eine Wette ! « » Weil ich gewiß war , daß Sie die Blätter nicht hergeben würden . - Apropos , Arthur , Sie erinnern sich der paar Worte , die wir neulich auf dem Balle zusammen sprachen ; ich muß Ihnen wiederholen : nur durch die größte Behutsamkeit , dem Baron gegenüber , können wir im Stande sein , seine Aufmerksamkeit , ja seinen Verdacht nicht zu erregen . Sie werden deßhalb auch in meinem Betragen gegen ihn durchaus keine Aenderung merken . « » Ich hoffe , daß Sie über diesen Punkt auch mit mir zufrieden sein werden , « meinte Arthur . » Vollkommen . - Ich hielt Sie nicht ohne Absicht hier zurück ; neulich machte ich einen Besuch bei unserem Polizeidirektor ; ich gehe da zuweilen hin , es ist das ein sehr anständiges Haus , doch will ich Ihnen gestehen , daß ich diesmal meinen besonderen Zweck dabei hatte . Ich brachte das Gespräch auf die Zustände unserer Residenz , namentlich was das Departement des Polizeidirektors anbelangt , und erzählte dann leicht hingeworfen die Geschichte meines Petschafts , das neulich so räthselhaft verschwand . Der alte Herr riß nach seiner Gewohnheit heftig an der Nase und legte der Sache eine größere Wichtigkeit bei , als ich gedacht ; ja , er erließ mir ein förmliches Verhör nicht und ich mußte ihm zu dem Ende auf sein Arbeitszimmer folgen , wohin er auch seinen ersten Sekretär beschied , - unter uns gesagt , ist dieser ein junger , sehr gescheidter Mann , der in seinem kleinen Finger mehr Verstand hat , als Seine Excellenz im ganzen Körper . - Nun gut ! Ich muß das Petschaft beschreiben , wo es gelegen , wann ich es vermißt und noch mehr dergleichen für die Polizei so wichtige Kleinigkeiten . - Es sei sonderbar , sagte mir der Sekretär , daß ähnliche Diebstähle so häufig vorkämen , und oft Sachen beträfen , die an und für sich gar keinen Werth hätten , Briefe , ganze Korrespondenzen , Dokumente und dergleichen ; auch würden sie mit einer Sicherheit begangen , die an ' s Fabelhafte streife . Ja , es sei vorgekommen , daß Diesem oder Jenem , namentlich in der höheren Gesellschaft , ein Blatt , ein Brief plötzlich gefehlt habe , irgend eines Inhaltes , aber geeignet , ihn vor einer anderen Person schwer zu kompromittiren , und es sei unglaublich , aber wahr , daß man kurze Zeit darauf eben jener andern Person das betreffende Papier in die Hände gespielt und so wie muthwillig die erbittertsten Feindschaften hervorgerufen habe . « » Unerklärlich . « » Dazwischen hindurch zögen sich , so erzählte der Polizeidirektor , nun eine ganze Menge wirklicher und schwerer Diebstähle , mit einer Sicherheit und einem Muthe ausgeführt , wie sie nur durch die wohlorganisirteste Bande geschehen könnten , durch eine Bande , die mit ebenso viel Umsicht als Energie geleitet würde . « » Also endlich glaubt man an die Existenz einer solchen ? « sagte Arthur . » Es ist gut , daß ihnen droben einmal ein Licht aufgeht . Wir geringeren Leute drunten haben schon lange nicht mehr daran gezweifelt ; mein Vater , der viel mit den Vätern der Stadt zu verkehren hat , machte oft darüber Andeutungen und sprach von dem Hause , das zwischen uns Beiden neulich auch genannt wurde , dem sogenannten Fuchsbaue , als dem Herde aller dieser Geschichten . - Aber mir scheint , die Thüre ihres Schlafzimmers wurde geöffnet , « unterbrach er sich ; » die Vorhänge haben sich soeben bewegt . « » O , es wird mein Jäger sein , « entgegnete der Graf und fuhr dann fort : » Dasselbe vermuthete man auch auf der Polizeidirektion ; doch haben die schärfsten Hausaussuchungen noch nie etwas ergeben ; das soll freilich eine solche Verwirrung , ein solcher Knäul von Treppen , Stuben und Gängen sein , daß sich ein Uneingeweihter dort selbst am hellen Tage nicht ausfinden könne . Der Sekretär des Polizeidirektors meinte , man könne da nur durch eine Radikalkur helfen , indem man von Staatswegen die ganzen Gebäulichkeiten ankaufe und niederreiße . « » Das wäre schade für uns Maler , « versetzte Arthur lächelnd , » denn es hat dort wahrhaft prachtvolle Ansichten , finstere , melancholische Winkel , wie sie die kühnste Phantasie nicht ersinnen kann . « » Richtig ! « sagte ebenfalls lachend der Graf ; » und diese Winkel und engen Gassen lieben Sie absonderlich . Warten Sie , man kommt hinter Ihre Schliche . « » Wie so ? « fragte der Maler . » Wenn man sich nicht weit vom Fuchsbau am Kanale hin verliert , so kommt man in kleine Straßen , wo Sie , theuerster Arthur , eigentlich nichts zu schaffen hätten , und wo man Sie doch häufig herumwandeln sieht . « » Das leugne ich auch ganz und gar nicht . « » Also in der That ein kleines Verhältniß ? « » Sagen Sie lieber ein großes Verhältniß , Graf Fohrbach . Ich gestehe Ihnen , dem Freunde , daß mich mehr als eine müßige Laune dorthin zieht . Ja , warum sollte ich es leugnen ! Ich habe dort ein Mädchen gefunden , das ich unendlich liebe , - das ich Ihnen in vielleicht nicht zu langer Zeit als meine Frau vorzustellen habe . « » Aus jenen engen Gäßchen ? « sagte der Graf im höchsten Erstaunen . » Was wird Papa Erichsen dazu sagen , und vor Allem , Mama , die sehr strenge Kommerzienräthin ? « » Das ist freilich noch eine schroffe Klippe , die ich umschiffen muß und will . - Gewiß , Graf Fohrbach , ich scherze nicht , ich bin dazu fest entschlossen . « » Und ihr liebt einander , wie es sein soll ? « erwiderte der Graf mit wahrer Theilnahme . - » Und wenn das Mädchen gut und anständig ist , woran ich übrigens eben so wenig zweifle , als an ihrer Schönheit , denn Ihr guter Geschmack ist mir bekannt , so haben Sie Recht , sich über unsere kleinlichen Verhältnisse hinwegzusetzen . Sie sind ja ein freier Mann , ein Künstler , - Sie können am Ende handeln wie Sie wollen , « setzte er mit einem kleinen Seufzer hinzu . » Ich wußte wohl , « erwiderte Arthur mit Wärme , » daß Sie meinen Entschluß billigen würden , und sollten Sie das Mädchen kennen lernen , so würden Sie mir noch unbedingter Recht geben . « » Ach , lieber Arthur , « versetzte der Graf nach einer Pause , » diesmal kann meine Zustimmung für Sie eigentlich wenig Werth haben , denn ich befinde mich fast in gleicher Lage und fühle deßhalb parteiisch für Sie . « » Sie - Graf Fohrbach ? « fragte Arthur erstaunt . » Ja , bester Freund , auch ich liebe ; eigentlich zum ersten Mal in meinem Leben , und auch mir treten die Verhältnisse hemmend entgegen . Doch auch ich bin fest entschlossen , dieselben niederzuwerfen , denn ich liebe , Arthur , und vor allen Dingen , werde ebenso wieder geliebt . « » Dann wollen wir uns gegenseitig gratuliren , « sprach lachend der Maler , indem er seine beiden Hände ausstreckte , welche Graf Fohrbach herzlich schüttelte , und darauf erwiderte : » Verlassen Sie sich auf mich , Sie werden jederzeit , unter allen Verhältnissen und Lagen einen treuen und ergebenen Freund an mir finden . Haben Sie mir doch beständig die besten Beweise Ihrer Zuneigung gegeben , sogar in Geschichten , an welche nur zu denken ich mich jetzt fast schäme , und wo ich am Ende Ihr Verführer geworden bin , wenn Ihre Liebe Sie nicht geschützt hat , wie mich die meinige . « » O ja , sie schützte mich vollkommen , « entgegnete lächelnd der junge Mann . » Richtig ! wir sprachen noch nicht darüber , und damit hängt doch auch etwas zusammen , was wieder auf unsern räthselhaften Baron zurückführt . « » Ah ! lassen Sie hören ; darauf bin ich begierig . « » Sie baten mich damals , Ihnen den Brief zu besorgen an eine gewisse Madame Becker , Kanalstraße , glaube ich . Das war an jenem Tage , wo Ihr Petschaft verschwand . « » Richtig ! richtig ! und ich benützte das Siegel des Herrn von Brand . « » Also habe ich doch Recht ! « rief überrascht der Maler . » Ich bemerkte wohl arabische Schriftzüge auf demselben , doch fiel es mir erst später ein , daß Ihnen vielleicht der Baron damit aus der Verlegenheit geholfen . « » Und was hat es mit diesem Siegel für ein Bewandtniß ? « » Die bewußte Madame Becker erschrak , als sie es bemerkte ; und doch schien sie es wieder anzutreiben , Ihren Wunsch zu erfüllen . Das beschäftigte mich , sobald ich das Haus in der Kanalstraße verslassen ; Ihr Siegel - ich kannte es ja - ein einfaches F. , sogar ohne Wappen und Krone , konnte unmöglich einen solchen Eindruck auf die Frau machen . « » Sie haben wahrhaftig Recht , « sprach der Graf nach einigem Besinnen . » Als ich in jenem Brief von der Frau das Bewußte verlangte , dachte ich selbst nicht , daß es möglich sei , und war in der That überrascht , als sie mir einige Zeit nachher anzeigte , die Angelegenheit habe sich arrangirt . Dabei schrieb sie auch von einem hohen Freunde , dem ich sagen solle , wie viel Mühe sie sich gegeben . Damit war offenbar der Baron gemeint , dessen Siegel sie also erkannt ; und wenn sie dies erkannt , so muß sie schon in häufige Berührung mit ihm gekommen sein . « » Und nicht blos in Berührungen , wie die andern vornehmen Herren , « meinte Arthur lächelnd , » sondern ihr Schreck zeigte mir deutlich , daß sie ihn fürchte . « » Wie ein für sie mächtiges Wesen , « sagte der Graf rasch einfallend . - » Bei Gott ! Arthur , es ist so : ich scheue mich fast , es auszusprechen ; aber wenn ich meine Begegnung mit ihm in der Nacht am Fuchsbaue , namentlich den Bericht jenes unglücklichen Geschöpfs im Schlosse und so all die verschiedenen Sachen zusammenstelle so drängt sich mir die feste Ueberzeugung auf , der sogenannte Baron von Brand stehe an der Spitze einer weit verbreiteten Bande von Fälschern , Dieben , vielleicht Mördern . « » Entsetzlich ! « rief Arthur ergriffen . » Und wenn dem so wäre , würden Sie zu seiner Entdeckung , zu seiner Bestrafung etwas beizutragen im Stande sein ? Würden Sie es über sich vermögen , den Mann , der hier unzählige Mal in Ihrem Zimmer gewesen , der von Ihrem Thee getrunken , von Ihren Cigarren geraucht , den vielleicht verdienten Ketten und Banden zu übergeben ? « » Nein , nein , dazu wäre ich nicht im Stande , obgleich ich es gewiß nicht ungern sehen würde , wenn wir von diesem wirklich gefährlichen Menschen befreit würden . Ja , ich würde vielleicht meinen kleinen Einfluß aufbieten , um ihm die freie Entfernung von hier zu erleichtern . Aber wie sich mit ihm darüber verständigen ? Daß sich langsam ein Garn um seine Füße zieht , bin ich fest überzeugt , und darum thut es mir leid , wenn ich , wie heute Abend , sehen muß , daß er so unbewußt , sicher , aber unaufhaltsam der Gefahr entgegen geht . « » Und letzteres ist doch noch die Frage , « entgegnete Arthur . » Ist Baron Brand wirklich der , für den wir ihn halten , so ist er ein außergewöhnlicher Mensch , dem ich meine Bewunderung nicht versagen kann , und der nicht so unklug sein wird , auf seinem gefährlichen Pfade blindlings dahin zu gehen . Glauben Sie mir , der hat die Augen offen so gut wie wir ; und ich bin überzeugt , daß die erste Hand , die sich nach ihm ausstreckt , ihn spurlos verschwinden macht . « » Gewiß , lieber Arthur ; aber da wir einmal dieses Kapitel begonnen , so ist es vielleicht nicht indiskret , wenn ich Sie frage , wie jenes Rendezvous am Neujahrsabend eigentlich abgelaufen ist ; ich muß darauf dringen , da Sie auch in dieser Angelegenheit Auslagen für mich gehabt haben . « » Diese sind so unbedeutend , daß es gar nicht der Rede werth ist . Auch ist Ihr Verlangen durchaus nicht indiskret , denn ich kann Sie versichern , was ich mit dem Mädchen verhandelt , hätte die ganze Welt sehen können . Ich erhielt also Ihren Brief und ging um acht Uhr , wie derselbe von mir oder vielmehr von Ihnen verlangte , an die Ecke der Prinzenstraße ; einen Wagen ließ ich mir folgen und im Schatten der Häuser halten . Ich brauchte auch nicht lange zu warten , so sah ich ein Frauenzimmer , obgleich mit ziemlich unsichern Schritten , auf mich zugehen . Sie war in einen langen , dunkeln Shawl gewickelt , so daß man von ihrer Figur so gut wie gar nichts entdecken konnte ; um den Kopf trug sie eine schwarzseidene Kapuze mit sehr langen Spitzen , die so dicht auf ihr Gesicht niederfielen , daß es unmöglich war , die Gesichtszüge des Mädchens zu erkennen . « » Das glaube ich wohl , denn es war eine dunkle Nacht . « » Ich hatte mich so aufgestellt , daß sie sehen konnte , wie ich an der Straßenecke auf Jemand zu warten schien . « » Welchen Weg kam sie ? « » Sie schien vom Theater zu kommen . « » Ah ! « » Als ich nahe bei ihr war und sie mir in ' s Gesicht sah , welches ich mir auch , im Gegensatz zu ihr , gar keine Mühe gab , zu verbergen , stutzte sie und schien sich abwenden zu wollen . Ich sagte ihr : Sie erwarten jemand Anderes als mich zu finden ; Graf F. aber ist verhindert und bittet vielmal um Entschuldigung . - Man muß doch höflich sein . - Er wird vielleicht das Vergnügen haben , fuhr ich fort , Sie ein anderes Mal zu sehen ; für heute war es ihm gewiß unmöglich . « » Und sie gab keine Antwort ? « » Nicht eine Silbe ; ja sie wandte mir fast den Rücken zu und nickte ein paar Mal mit dem Kopfe , namentlich als ich sie fragte ob sie sich des Wagens bedienen wolle , um nach Hause zu fahren . « » Das nahm sie an ? - Aber sagte Ihnen keine Adresse ? « » Das war unnöthig , wußte ich doch selbst die Wohnung der Madame Becker ; ich fragte sie , ob sie in die Kanalstraße fahren wolle , da nickte sie abermals mit dem Kopfe . Ich hob sie alsdann in den Wagen , sagte dem Kutscher , wohin er fahren solle , und empfahl mich auf ' s Höflichste . « » Arthur , « rief der Graf lachend , » ich glaube in der That , daß Ihre Liebe aufrichtig und wahr ist . Aber Sie können doch froh sein , daß eben dies Mädchen sich so dicht verschleiert und verhüllt hielt , und in kalter , dunkler Nacht vor Sie hintrat ; denn , nehmen Sie mir es nicht übel , ich wollte doch für nichts stehen , wenn es Ihnen mit aller seiner Schönheit im warmen Zimmer beim Schein der Lichter unter den angegebenen Verhältnissen erschienen wäre . « » Also war es ein gutes Abenteuer ? « » Das will ich meinen ! Es betraf ein Mädchen , nach der Tausende vergeblich gesehen , die bis jetzt unbescholten dastand . « » Ah ! eine Verführung ! « » Nur durch die Macht des Goldes ; sonst würde ich mir noch größere Vorwürfe gemacht haben , als ich damals schon that , namentlich da sie einer armen Familie angehört und durch ihren Erwerb Vater und Geschwister unterstützen muß . « » Ein sauberer Erwerb ! « sagte kopfschüttelnd der Maler . » Ich meine das nicht , wie Sie es nehmen , « entgegnete der Graf . » Ihr Erwerb ist sehr anständig , kann es wenigstens sein ; sie ist sogar eine Kollegin von Ihnen , Arthur - eine Künstlerin . « » Ah ! wenn ich das gewußt hätte , so würde ich ein Gespräch mit ihr angeknüpft haben . - Aber ihre Kunst besteht wohl im Gebrauch der Nadel . « » Gefehlt , Arthur ! Höher hinauf , oder wenn Sie wollen , tiefer hinab , denn die Kunst dieser jungen Dame besteht im Gebrauch ihrer Füße ; sie ist eine - Tänzerin . « Arthur wußte nicht , warum ihn dieses Wort so schmerzlich berührte . War es die leichtfertige Betonung , mit der sein Freund dies Wort aussprach , war es , weil auch sie eine Tänzerin , und weil es also wieder eine ihrer Kolleginnen war , die hier so zweideutig aufgetreten . Ja , es preßte ihm das Herz zusammen , und er hätte viel darum gegeben , wenn Graf Fohrbach dies nicht gesagt hätte . Dieser aber hatte keine Ahnung davon , wie wehe er Arthur damit gethan . » Ja , « fuhr er fort , » wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte , hatte mich der Erfolg meiner Bemühungen selbst überrascht ; ich glaubte nicht daran , und wunderte mich sehr , als jener Brief der Madame Becker an mich kam . Wenige Tage nachher schickte sie mir ihre Rechnung , sie war ziemlich stark , aber ich sandte ihr noch mehr , als sie verlangte ; es wird jenem armen Geschöpf auch zu gut kommen , und - wenn auch in allen Ehren , so interessire ich mich immer noch für die schöne Clara . « » Für die schöne Clara ? « sagte der Maler , und trotzdem er diese Worte ganz leise , fast unhörbar sprach , so schien er doch kaum genug Athem gehabt zu haben , um sie heraus zu stoßen . Der Graf hatte bei den letzten Worten seine Cigarre weggeworfen und den Fauteuil gegen das Kamin gedreht , wo er sich damit beschäftigte , die glühenden Kohlen zusammen zu scharren und einen angebrannten Holzblock darauf zu legen . Er konnte deßhalb nicht sehen , wie Arthur plötzlich so bleich wurde , wie er seine Hand krampfhaft auf das Herz preßte , dann über die Augen fuhr und hierauf gezwungen lächelnd mit dem Kopfe schüttelte . - » O ! nein ! - nein ! « dachte der Maler , » so eine Idee ist ja lächerlich . - Aber eine Tänzerin war es , hat er gesagt . - Die schöne Clara . - Wer trägt sonst noch diesen Namen ? - Mein ganzes Vermögen , Alles , was ich habe und kann , für eine gute Auskunft ! « » Man darf so ein Kaminfeuer nie ausgehen lassen , « meinte Gras Fohrbach . » Finden Sie nicht , daß es hier schon kalt geworden ist ? « » Nein , gewiß nicht - gewiß nicht ! « brachte Arthur mühsam hervor . » Mir ist es heiß , sehr heiß . « Der Andere hatte den kleinen , zierlichen Blasbalg ergriffen , der am Kamine hing , und fachte damit die Gluth von Neuem an . Arthur saß da mit den Gefühlen eines Unglücklichen , über den das Richtschwert gezückt wird . Der blanke Stahl flimmerte ihm schon vor den Augen , er brauchte nur eine Frage zu thun und dann fiel vielleicht der tödtliche Streich , sein Lebensglück für ewig zerstörend . - Sollte er diese Frage thun ? sollte er die beiden Hände seines Freundes ergreifen , ihm flehend in die Augen blicken und um Gottes und aller Liebe willen um den vollständigen Namen jenes Mädchens bitten ? - Dann mußte er ihm auch sein ganzes Unglück offenbaren . - Oder sollte er ihn in gleichgiltigem Tone darum ersuchen ? - Gewiß ! er mußte das Letztere wählen . Und er that es unter den tiefsten Schmerzen , mit der fürchterlichsten Anstrengung . - Ja , er lachte dazu , aber sein Lachen klang heiser , fast wie ein Geheul , und wenn der Graf nicht so sehr mit seinem Feuer beschäftigt gewesen wäre , hätte er aufmerksam werden müssen . » Die - schöne - Clara , sagten Sie , « sprach der unglückliche junge Mann . » Ah ! - damit haben Sie mir Ihr Geheimniß verrathen . « » Oh ! es soll