Seine Majestät das Wohl seines Volkes und seiner Krone in seine Hand gelegt hätte . Da , in der schrecklichen Audienz , die er am siebenten Tage auf vieles Bitten und Dringen erhielt , musste er sich von Bonaparte die Schmeichelei in ' s Gesicht sagen lassen : » Sie sind ehrlich , ich weiß es , aber Sie haben keinen Kredit mehr in Berlin ; Hardenberg und ein paar andre hirnkranke Narren wühlen das Volk auf und beherrschen Ihren König . « Das musste er hören , der Abgesandte Preußens , aus dem Munde des Corsen , und - schwieg - musste schweigen - und - und - Als sie wieder vorüber waren , meinte Adelheid , die Königin sei jetzt wohl schwerlich gestimmt , ein unbedeutendes Mädchen zu empfangen ; ob es nicht schicklicher wäre , wenn sie sich zurückzöge ? Die Schadow verneinte es : » Das geht bald vorüber . Sie kann nicht lange zürnen , das ist ihr himmlisches Gemüth . Es ist , wie wenn ein Gewittersturm vorüberzog und dann die Abendsonne scheint . Dann athmet sie auf , sie kann sich an einer Feldblume freuen , und gerade dann wird sie erst recht gütig , wenn sie aufgebracht war , und möchte es an Allen , denen sie begegnet , wieder gut machen . « Aber das Gewitter war noch nicht ganz vorüber . Es war nur auf dem Rückzuge . Die Königin wandte in kürzeren Absätzen um . Diesmal schien Hoym der Ankläger gewesen zu sein . Die Fürstin schüttelte den Kopf : » Ich hielt ihn für ehrlich . Er hat ein so angenehmes Wesen . « - » Leider ist es in Paris so bekannt wie hier , daß Lucchesini nach Berlin nur das berichtet , was uns schmeichelt . Die Hauptsachen hat er verschwiegen . « - » Er ist ein Italiener . Ich will zugeben , daß seine Lust das Intriguiren ist , aber , Graf , er sieht sehr scharf die Dinge , wie sie sind . « - » Das streitet ihm Niemand ab , Ihre Majestät , aber sein Gesandtenposten in der französischen Hauptstadt gefiel ihm so außerordentlich , daß er das geschickt cachirt hat , was unser Kabinet genöthigt hätte , ihn auf der Stelle zurückzurufen . Noch weniger als er hatte seine Frau Lust Paris zu verlassen . « - » Muß auch das in unser Unglück hineinspielen ! « - » Madame la Marquise haßt ihre Schwester , die Bischofswerder , auf Tod und Blut . Sie hat ihrem Gemahl erkärt , daß sie an Krämpfen verginge , wenn sie mit ihr unter dem Himmel einer Stadt leben müsste . Unser Ambassadeur ist ein so guter Ehemann ! Ich kann ihn nicht entschuldigen ; in milderem Lichte aber darf ich Haugwitz ' s Versehen betrachten . Ward er nicht immerfort , durch falsche Berichte getäuscht ? « - » Ich möchte so ungern auch diesen Mann aufgeben ! Ist sein Eifer jetzt für den Krieg auch Verstellung ? « - » Nein , nur aufrichtige Erbitterung gegen Napoleon , der ihn nie leiden mochte und ihn endlich aus Paris fortschaffte . « - » O , lieber Hoym - « fuhr die Fürstin mit der Hand an die Stirn , » Menschen , wie sie sein sollten ! - Sind denn die Könige verdammt , daß ihr Glanz nur die an sich zieht , die nicht sind , wie sie sein sollen ! « » Jetzt entlässt sie ihn bald , « flüsterte die Schadow . » Geben Sie Acht , sie wenden noch kürzer . « Adelheids Herz schlug lebhafter . Eine angenehme Wärme durchdrang sie , sie fühlte eine Lust , dieser Königin Angesicht gegen Angesicht zu stehen . Es waren wirklich die Abschiedsworte , als sie zum letzten Mal vorüber gingen . » - Und diese Mäntelgeschichte , welche das Land in Aufruhr bringt , wird man es künftig glauben , daß man erst jetzt , im letzten Augenblick daran denkt ! Eine Sottise , bedürfte es noch der Epigramme , es giebt kein schlagenderes auf die Unfähigkeit unserer Verwalter . Und statt als wirklich treue Diener ihres Herrn die Schuld auf sich zu nehmen , lassen sie Seine Majestät den König in kläglichen Lauten zum Publikum sprechen , sie legen meinem Gemahl Worte in den Mund , über die ich mich in der Seele schäme . Sie haben nicht daran gedacht , und ihre Pflicht war es . Ist das Loyalität ? - Auch im Kriegswesen sagte mir Rüchel Unbegreifliches . Für das Nöthigste nicht gesorgt ! Unsre Festungen zu armiren , dazu schickt man sich jetzt erst an . Es ist unerhört , man wird es künftig nicht glauben . Wozu bezogen sie die großen Besoldungen , wozu wurden ihnen Güter über Güter geschenkt ! - Nein , lieber Graf , das Kabinet , was diesen gräßlichen Zustand möglich machte - es kann , darf nicht bleiben - oder - « Die Worte verhallten . Am Ende der Allee war der Vicekönig von Schlesien entlassen . Louise stand eine Weile sinnend . Ihre schöne , anmuthige Gestalt im weißen einfachen Morgenkleide ward noch vortheilhafter gehoben durch den grünen Rasenfleck , gegen den sie wie eine Marmorstatue abschnitt . Ein Sonnenstrahl , der durch die Baumwipfel auf ihren Scheitel fiel , setzte ihr eine goldene Krone auf , aber er goß zugleich ein wunderbares Leben auf das schöne Gesicht . Es war keine Bildsäule ; die Königin schwebte die Allee wieder herab . Auf ihrem Gesicht schien jede Spur der Agitation verschwunden , als sie näher kam . Sie ging auf Beide zu . » Ihre Majestät entschuldigen , « wollte die Schadow anfangen , » es ist zufällig eine liebe gute Freundin - « » Es ist eine alte Bekannte und ein lieber Besuch , « unterbrach die Fürstin . » Wir sind ja hier unter uns , wozu die Komödie ! - Es freut mich , Sie wieder zu sehen , liebes Kind , so wie Sie sind . Ich meine , « setzte sie lächelnd hinzn , » wie Sie bei Gottes schönem Sonnenlicht aussehen . Das Lampenlicht täuscht immer , und es ist mir lieb , daß ich mich nicht getäuscht habe . « Eine gebietende , aber graziöse Bewegung forderte Adelheid auf , an ihrer Seite weiter zu gehen . Der Schadow schien es zweifelhaft , ob sie nach diesem Empfange respektvoll unter dem Baume stehen bleiben , oder in ebenso respektvoller Entfernung folgen solle . Da wandte sich die Fürstin freundlich um : » Ach , liebe Schadow , da fällt mir ein , ich vergaß , als Hoym sich vorhin melden ließ , daß meine Lieblingsbücher auf dem Nähtisch liegen geblieben sind . Sehen Sie doch nach , damit die Kinder nicht darüber kommen . « Der Etikettenzweifel der Kammerfrau war gelöst , sie verneigte sich und die Königin und Adelheid waren allein . Es war ein wunderschöner Herbstmorgen , kein Wölkchen am sonnendurchglühten Himmel , die laue Luft spielte durch die angegelbten Baumwipfel , Sperlinge zwitscherten in den Büschen , weiße Herbstfäden flogen umher . Es war kein gezwungener Anfang des Gespräches , wie von selbst kamen die Worte von den Lippen der Königin : » Sind Sie auch eine Freundin der Natur ? « » Sie streicht Balsam auf die Wunden der Leidenden und wessen Herz vor Freude jauchzt , wo findet er Laute dafür , als in ihrer stummen Sprache ! « Das war zu starke Farbe für die Stimmung , sagen wir für die Poesie der Königin , aufgetragen . Sie blieb einen Augenblick stumm . Dann sprach sie Worte , die auch Andere behorcht haben müssen , denn wir finden sie schon verzeichnet . » Ich muß den Saiten meines Gemüthes jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen , und sie dadurch gleichsam immer wieder aufziehen , damit sie den rechten Ton und Anklang behalten . Das gelingt mir am besten in der Einsamkeit , aber nicht im Zimmer , ich muß hinaus in die freie Luft , in die stillen Schatten der Bäume . Unterlasse ich es , dann tritt gewöhnlich Verstimmung bei mir ein , und je geräuschvoller es um mich wird , um so ärger wird sie . Ach , es liegt ein ungemeiner Segen in dem abgeschlossenen Umgange mit uns selbst . « Das war viel von einer Fürstin gegen ein junges Mädchen , welches keine Ansprüche an ihre Vertraulichkeit hatte , welches sie zum zweiten Mal sah . Adelheid fühlte das Viele , es drückte sie indeß weder nieder , noch erhob es sie . Jene hatte wohl Recht : die auf den isolirten Höhen thronen , fühlen auch das Bedürfniß , ihre Gefühle mitzutheilen . Wenn sie keine Herzen , Seelen , Geister finden , die sie verstehen , klagen sie ' s der sternbesäeten Nacht . Sie schütten in der Verzweiflung ihr Herz auch aus vor den glatten Marmorwänden , lieber als vor marmorkalten und glatten Menschengesichtern . Adelheid gestand sich , sie war in diesem Augenblick nur eine Wand , ein Baum , an den die Fürstin ihr Herz ausschüttete . In der Art lag aber zugleich eine Korrektion . Die Königin hatte die Saiten auf den Ton gestimmt , der im Gespräche durchklingen sollte , es war ein elegisch-sentimentaler . Er passte nicht zu der Stimmung , welche Adelheid mitgebracht , und die in dem belauschten Gespräche neue Nahrung erhalten hatte . Weil Adelheids Saiten zu hoch gestimmt gewesen , schwieg sie , in Erwartung , daß der Einklang mit der Fürstin sich herstellen werde . » Sie sind eines von den glücklichen Wesen , « hub die Königin an , » an deren Wiege , wie die Dichter sagen , gütige Feen standen . « Adelheid öffnete die Lippen , aber verschluckte das Wort . Die Fürstin hatte den fragenden Blick aufgefangen und verstanden : » Wäre ich nicht die - stände ich Ihnen nicht so fern und fremd , so würden Sie mich gefragt haben : Was ist denn Glück ? « - » An Ihre Maiestät erlaube ich mir nicht die Frage , aber an mich selbst : Was macht das Glück dieses Lebens aus ? « - » Mich dünkt , der Stempel , den der Schöpfer seinen Geschöpfen aufgedrückt hat , ist die beste Antwort . Sie brauchen sich nicht im Spiegel zu sehen . Sehen Sie nur die Miene der Leute , denen Sie begegnen . Die schöne Adelheid Alltag ist überall willkommen . « - » Und doch verdankte ich neulich nur der Huld einer höheren Zauberin , daß ich dem Spotte und der Kränkung entging . « - » O das waren Unarten . Neidische und böse Menschen können den Frieden der Glücklichen nicht verkümmern . Dieser Friede ist ein Gut , was tiefer liegt . Ihre hässlichen Hände reichen da nicht hin . « - » Gnädigste Königin , ich preise allerdings mein Glück , weil ich früh einen Lehrer fand , der mich auf das Wahre hinwies . « - » Ich kenne Ihren Vater ; er ist ein trefflicher Mann und treuer Staatsdiener , der nichts Höheres kennt , als die Erfüllung seiner Pflichten . « - » Mein Lehrer lehrte mich , « fuhr Adelheid rasch fort , » daß Leiden unsere besten Erzieher sind . Aus der Schule großen Unglücks entwickelt sich die Seele zur Freiheit und Selbstständigkeit . « - » Haben Sie auch diese Schule durchgemacht ! - Doch das ist ja nun vorüber . « - » Wer kann sagen , daß er aus der Schule entlassen ist , so lange er lebt ! Und wer sieht unter dem fröhlichen Gesicht die Schmerzen in der Brust ! « Das war ein Ton , welcher anschlug , er vibrirte durch die Seele der Königin : » Und wer sieht heute , was morgen kommt ! « Ein Seufzer machte sich aus ihrer Brust Luft . Da flog , von einem leisen Luftzug getragen , einer jener weißen flockigen Herbstfäden , wo die Allee sich bog , von der Wiese ihnen entgegen und legte sich um Beider Brust , indem er , von ihrer Bewegung festgehalten , sie umschlang . Beide waren durch ein Spiel der Natur an einander gefesselt . Adelheid hob den Arm , um den Faden vom Hals der Fürstin los zu machen , aber - es war die Wirkung und die That des Momentes , jene Einwirkung unsichtbarer Geister , die wir umsonst erklären , und , wenn erklärt , so wäre es nichts - die Thränen stürzten aus den Augen der Königin und sie drückte Adelheid an ihre Brust . Niemand sah es , es war weite sonntägliche Einsamkeit im Park . Die Sonne , obgleich sie Alles sieht , ist eine schweigende Zeugin , die Käfer schwirrten , die Frösche ächzten ihr monotones Lied in den feuchten Wiesen ; vom Kirchthurm läuteten die gedämpften Glocken zum Begräbniß einer alten Frau . Die Lippen der Fürstin berührten Adelheids Wangen : » Ach , liebes Mädchen , wer weiß , was morgen kommt ! « Es war da in dem Augenblick mehr zwischen ihnen vorgegangen , als Worte aussprechen . Die Königin sprach : » Sie schickte mir der allgütige Vater im Himmel zu einer Stunde , wo ich Trost bedurfte . Was man so gefunden , lässt man so leicht nicht wieder von sich . « Die Emotionen haben ihr ewiges , unverjährbares Recht , unter den goldenen Decken der Schlösser wie unter den Schilfdächern der Hütten ; aber hier dürfen sie austoben bis zur Erschöpfung , dort ist ihnen ein Maß gesteckt . Luise war wieder die Königin geworden , als sie weiter gingen , aber von einer Huld , welche die Majestät überstrahlte . Sie zeigte nach dem Pavillon mit chinesischem Dach , auf einer kleinen Höhe vor ihnen : » Dort wollen wir einen Augenblick ausruhen . « Ihr Gespräch , bis sie den Punkt erreicht , war lebhaft , aber es floß ruhig hin . Adelheids Aeußerungen mussten die ganze Aufmerksamkeit der Fürstin erregt haben . Sie hatte sie oft forschend angeblickt . Als sie auf der ländlichen , von Blüthenästen geflochtenen Bank Platz genommen , sagte Luise : » Sie sind noch so jung , und schon solche Erfahrungen ! « Adelheid erröthete . » Sie kamen , wie Sie mir sagten , nie aus der Residenz , Sie lebten nur in guten Häusern , unter respektabeln Familien , und zuweilen blitzt es aus Ihren Reden , als wüssten oder ahnten Sie die Verworfenheit der schlechten Menschen . Ich glaubte , das wäre uns nur aufgespart , die wir von oben so Vieles sehen , was Ihnen unten verborgen bleibt . Wie die Motten nach dem Licht , so flattern uns Die zu , welche für ihre ungeordneten Begierden unten keinen Platz fänden . Wir müssen sie dulden , weil - ach , aus vielen Gründen ! während die stillen , sittlichen , bürgerlichen Kreise ihnen die Thür verschließen dürfen . Man thut daher sehr Unrecht , uns zu beneiden , liebe Mamsell . Wir , die wir andern Pflichten zu gehorchen haben , könnten die Niederen beneiden , welche diese Rücksichten nicht kennen . Sie dürfen nach ihrem Penchant leben und ihre Freunde sich unter den Rechtschaffenen und Guten nach ihrem Gefallen aussuchen . « - » Ihre Majestät , ich meine , es giebt Rücksichten und Pflichten in jedem Lebenskreise . « - » Ganz gewiß , aber es ist leichter , in den Hütten ein stilles Glück sich zu bereiten und doch keine Pflicht zu vergessen , als wenn unsre Wiege dem Throne nahe stand . « Die Fürstin sprach es mit dem bewegt feierlichen Tone , der keinen Widerspruch zulässt . Ihr Auge sah dabei wie verklärt in die Ferne . Wo ihre Gedanken waren , ließ sie die Zuhörerin nicht lange errathen : » Auch ich habe einen Blick in dieses Glück gethan . Es waren die schönsten , glänzendsten Stunden meines Lebens . Damals , liebes Kind , hielt ich es auch für das höchste Glück , was das höchste Wesen unterm Sternenzelt einer Sterblichen gewähren könne , Königin zu sein über ein glückliches Volk . « Die Gedanken der Königin verfolgten die berühmte Huldigungsreise , welche sie nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms III. mit ihrem Gemahl gemacht . Luise letzte sich an der Erinnerung . Sie malte einzelne jener schönen Züge , von denen uns die Zeitgenossen berichten . Die Erscheinung des Königs und der Königin , einer jungen , von Liebreiz und Güte umflossenen , in Provinzen , wo auch die ältesten Greise sich nicht erinnern können , je eine Königin gesehen zu haben , glich der Erscheinung von Schutzgöttern des Vaterlandes , von erhabenen Genien der Gerechtigkeit und Milde , die überall wo sie sich zeigen , unüberwindliche Eroberer , jedes Herz gewinnen . Eine Reise war es gewesen fortwährender Triumphe , nein , eine ununterbrochene Reihe von Familienfesten . Da brannte die Sonne herab , daß man die Augen nicht aufthun konnte , und doch wich Keiner vom Platze , bis er seine Königin mit Augen gesehen . Da waren neunzehn weißgekleidete Mädchen an ihren Wagen gesprungen . Eines hatte der Königin zugeflüstert : Wir sind eigentlich zwanzig , aber die Eine ist nach Haus geschickt . Warum denn , liebes Kind ? - Weil sie so hässlich ausgesehen . Da hatte Luise nach der armen Hässlichen geschickt und sprach am längsten und freundlichsten mit ihr . - Und jener alte Bauer , der sie so gern sehen wollen , und immer wieder von den Andern und den Gensd ' armen zurückgedrängt war , die Königin hatte ihn wohl gesehen und heranrufen lassen , und noch sah sie ihn , wie der Greis sein Haupt entblößte und stumm , aber unverwandten Blickes , die Landesmutter anschaute . In dessen Herzen , wusste sie , lebte ihr Bild ewig fort ! Und wie in einem andern Dorfe in Pommern die Bauernschaft den Wagen umringt hatte , und die Bauern in ihrem Plattdeutsch durchaus darauf bestanden , daß sie aussteigen müsse und sich » traktiren « lasse , damit die Städter nicht dächten , sie hätten das Vorrecht allein . Und die Königin war lächelnd ausgestiegen und in das Bauernhaus getreten , und hatte von dem großen ihr aufgetragenen Eierkuchen ein Stück gegessen , und versichert , daß er sehr schmackhaft sei . Und wie der König im Zelt an der Weichsel wo er als Gast der Elbinger tafelte , zu dem Landmann , der mit einer Bittschrift sich auf die Knie geworfen , in edlem Unwillen gerufen ; » Nur vor Gott knien ! Ein Mensch muß nicht vor einem andern Menschen knien ! « » Da habe ich Blicke gethan auf den Herd meines Volkes , « schloß die Königin , » und weiß , wo die Zufriedenheit und Seelenruhe wohnt . - Sie frösteln , liebes Kind , Sie schaudern sogar - « » Ach , Ihre Majestät , es waren Gedanken - « Die Fürstin hatte sie gelesen : » Freilich weiß ich , nicht überall stehen Hütten von Philemon und Baucis , aber die Immoralität hat da keinen dauernden Wohnsitz , wo bewährte Tugenden , Patriotismus und Menschenliebe die Seelen umschlingen . Wenn wir wieder Ruhe und Frieden nach Außen haben , dann hoffe ich , soll es in den höheren - Gott gebe auch in den höchsten Kreisen besser werden . Aber Sie , liebes Mädchen , können doch nicht klagen , Ihr guter Genius führte Sie nur unter edle Menschen - « » Erlauchte Frau ! ich meine , die Menschen sind in allen Kreisen Menschen , und verzeihe mir der Allgütige , wenn es Sünde ist , sie kommen mir oft wie ein Knäuel von Schlangen vor . Wenn Eine mich recht liebevoll anblickt , denke ich an den Tiger , der den Kopf auf die Krallen drückt , zum Satz auf sein Opfer . « - » Was sind das für Phantasieen ! « - » Ich weiß es nicht . Aber ich sehe überall Larven und dahinter Verbrecher . « - » Calmiren Sie sich . « - » Es ist nun einmal mein Schicksal , ich ward von ihm herumgeschleudert , ich bin keine , ich will keine Clairvoyante sein , aber wie Vieles musste ich wider Willen belauschen , und da ist mir , wenn ich einen stillen Teich sehe , den kein Lüftchen kräuselt , als werde er plötzlich gähren , sich heben , toben und Ungeheures zu Tage kommen . Wo wir ' s am wenigsten erwartet , in den friedlichen Kreisen , die wir die glücklichen nennen , als braue unter der Ruhe Entsetzliches . Die Luft drückt mich , und zuweilen wünsche ich , daß der Sturm komme , die Elemente toben ; ein Krieg erscheint mir nicht mehr so schreckenvoll , wenn diese brütende Stille nur aufhört . « » Das sind Imaginationen , vielleicht aus den neuen Büchern . Diese Schlegel , Tieck , Novalis sind aber eine excentrische Lektüre , welche das Blut erhitzt ; keine für ein junges Mädchen , das Herz und Geist zum Umgang mit rechtschaffenen Menschen ausbilden will . « - » Mich dünkt , Ihre Majestät , die Zeit ist auch zu ernst , und fordert von uns andere Pflichten , als in der Märchenwelt zu lustwandeln . « - » Das ist verständig von Ihnen . Man eifert auch gegen das Lesen von Romanen und Schauspielen , aber man thut Unrecht . Unser Iffland führt uns doch immer rührende Beispiele vor , wie wir uns glücklich finden können in beschränkten Verhältnissen . Sie wollen es tadeln , daß er die bösen Menschen immer aus der vornehmen Welt nimmt . Aber hat Iffland Unrecht ? Ich wenigstens und der König sehen uns immer mit Befriedigung an . Sie sollen sich nur ein Exempel dran nehmen , die es trifft , sagte neulich mein Gemahl . - Den Lafontaine möchten sie uns auch verleiden , aber wie viele herzliche und frohe Stunden verdanken wir ihm , wie vielen Trost , wenn wir Abends nach einem verdrießlichen Tage uns mit ihm auf dem Sopha vom Gewühl zurückzogen . O es giebt solche Tage , wo Fürsten nichts hören als Klagen , Gegenanschuldigungen , wo uns die Welt wie ganz verderbt erscheint , ein Knäuel von Schlangen , sagten Sie , wir wollen es nur ein Durcheinander von bösen Menschen nennen . Da , wenn wir uns fürchten mussten vor Allem , was uns nahe kam , da erquickte uns Lafontaine mit der rührenden Einfalt seiner Person , wir sahen uns an , und wenn wir uns nicht aussprachen , dachten wir es : es giebt doch noch gute Menschen . Warum sind die es nicht , welche die Vorsehung uns in den Weg führt . Zuweilen erhört dann der Himmel unsern Wunsch , und wenn wir es am wenigsten erwarten . « Der gütigste Blick ruhte auf Adelheid . » Was sind denn Ihre Lieblingscharaktere in Lafontaine ? « fragte die Fürstin , um sie in ihrer sichtbaren Verlegenheit aufzumuntern . Die Gütige sah wohl die Wirkung , aber nicht die Ursache . Adelheid hatte an den Romanen nie Geschmack finden können : sie hatte die wenigsten durchgelesen . Sollte sie lügen vor einer Monarchin , die allen Schmuck der Hoheit vor ihr abgelegt , und nur in ihrem edelsten Selbst sich gab ! Adelheid hätte in diesem Augenblick aufstehen und ihr zu Füßen stürzen können , um die Wahrheit in ihr zu verehren , die nicht in schönerer Gestalt sich verkörpern konnte , aber die Unwahrheit sprechen konnte sie nicht . Es floß von ihrem Munde , was sie dachte , mit einer kleinen Einfassung von Schmeichelei , die darum nicht Unwahrheit war : » Mich dünkt , des Dichters Aufgabe ist , die Menschen zu schildern , wie sie sind . Weil er Dichter ist , darf er das Schöne und Erhabene in seinem wunderbar geschliffenen Spiegel vergrößern und verschönern , und es mag ihm auch vielleicht erlaubt sein , das Hässliche und Schlechte noch etwas hässlicher zu machen . Doch das verstehe ich nicht und bescheide mich deshalb . Das Große und Schöne soll er indeß nicht hässlich und niedrig malen , sonst widersteht er unserm Gefühl , denn von der Dichtung verlangen wir Frauen wenigstens , daß sie unsre Gefühle erheben und uns die ewige Schönheit ahnen lassen soll . Aber wenn er umgekehrt das Kleinliche und Hässliche ausschmückt , und dem Gemeinen den Schein der Tugend und des Edelmuthes umhängt , damit uns das gefalle , was wir meiden und verabscheuen sollen , dann kommt es mir vor , als versündigte er sich an seinem hohen Beruf . Wenn ich durch die Wimpern einer edlen Fürstin eine Thräne sich drängen sehe , weil sie bang einer schweren Zukunft entgegen sieht , für ihre Familie , ihr Volk , ihr Land , oder ist ' s eine der Freude , daß ihr Gemahl siegreich aus dem Felde zurückkehrt , ihre Kinder ihr Freude bereiten , ihr Erstgeborner einen ersten Zug entfaltet , der an den Edelmuth und die Tapferkeit seiner Ahnen erinnert - das , dünkt mich , ist eine Thräne , die der Dichter auffassen muß wie ein Juwel im Sonnenschein . Aber entweiht er die schöne Thräne nicht , wenn er auch alle seine unbedeutenden Personen bei jeder Gelegenheit gerührt sein und weinen lässt , um Kleines und Geringfügiges , und wenn er dann die Thräne so schön ausmalt , daß die armen Leser mitweinen müssen ! Sie wissen am Ende nicht recht , warum , aber er erhält die weinerliche Stimmung , weil er darauf rechnet , daß wir Alle schwach sind und es uns am Ende an ihn fesselt . So kommt mir Lafontaine vor , erlauchte Frau , er weiß , wo wir Alle schwach sind , und da versucht er uns zu streicheln , er drückt wehmüthig die Hand , schlägt verführerische Akkorde an , bis wir fortgerissen sind , und wenn wir wieder zu uns kommen , schämen wir uns darüber , denn er hat uns weich gemacht , wo wir stark sein sollten , und wo haben wir dann noch Gefühl , Stimmung , die unentweihte Thräne für das große Schicksal wirklicher großer Menschen « Die Königin hatte mit Aufmerksamkeit zugehört . Von Spöttern waren ihr ähnliche Urtheile über ihren frühern Lieblingsdichter schon zugedrungen . Dieser Ton war anders . Sie stimmte nicht bei , sie widersprach nicht , sie schien die Sache zur weitern Ueberlegung zurückzulegen , als sie sich seitwärts wandte . » Dann ist wohl Jean Paul Ihr Dichter ? Dieser Liebling der Museu erhebt uns in die Höhen , wo unsre Adelheid sich wohl befindet . Ich liebe ihn auch , aber mir schwindelt zuweilen in seinen lichten Räumen , mitten in meiner Begeisterung und Bewunderung für ihn fühle ich mich beklommen . Daß ich es gerade heraussage , die Luft dieser erhabenen Wesen ist mir zu rein , meine Neigungen sind doch noch zu irdisch , ich fühle daß ich unter diesen Natalien und Lianen eine schlechte Rolle spielen würde . Es ist vielleicht die Eitelkeit « - setzte sie lächelnd hinzu - » die Königin möchte nicht gern die Magd spielen in der überirdischen Gesellschaft des edlen Dichters . « » Ihre Majestät verzeihen , wenn ein schlichtes Bürgermädchen diesen Stolz auch empfindet . Jean Pauls Frauen kommen mir oft vor wie aus Mondenschein und Sonnenstrahlen gewebt . Wenn man sich an sie hielte , zerflössen sie - « » Das dürfen Sie in Berlin nicht laut aussprechen , sonst verketzern sie uns , « fiel die Fürstin noch im selben Ton ein . - » Nein , alle Admiration dem herrlichen Manne , aber Sie haben wohl Recht , unsere Zeit fordert Männer , auch Frauen , welche den Dingen und Verhältnissen ins Gesicht zu sehen verstehen , und vor einer rauhen Berührung nicht zurückschrecken . Sie fordert , daß wir unsere Empfindungen beherrschen . Es ist schwer , mein liebes Kind , schwer für einen Jeden , die schlechten Menschen nicht merken zu lassen , daß man sie hasst , verachtet , was mehr für uns Fürsten ! Das ist unsere gepriesene hohe Freiheit , wir müssen sogar freundlich scheinen gegen unsere Feinde , denen die Hand drücken , von denen wir wissen , daß sie in der Tasche den Dolch gegen uns versteckt halten . Das kostet etwas - eine Resignation , die oft unsere schwache Kraft übersteigt . - Wir träumen zu viel von dem Guten und Bessern . Das ist schön , aber wir dürfen nicht mehr träumen , wir Alle nicht . Jede muß ihre ganze Kraft anrufen , um gerüstet dem gegenüber zu stehen , was Gott zu unserer Prüfung schickt . Wir müssen uns bezwingen , entsagen zu können , auch dem , was uns das Theuerste , Liebste ist ! « Der Ton ihrer Sprache hatte sich mit ihrer Stimmung plötzlich verwandelt . Es war auch um sie her anders geworden ; die Sonne war hinter heraufziehende Wolken getreten , die Vorläufer des Windes hatten schon länger die gelben Blätter über die Füße der beiden Frauen getrieben , jetzt fing er an in den Büschen das Gezweig zu rütteln , in raschen Stößen rüttelte er von den entfernten Baumwipfeln das Laub . Die laue Luft hatte , wie auf einen Zauberhauch , einer empfindlichen , scharfen Kälte Platz gemacht , daß die Damen die Tücher enger um den Hals zogen . » Sie müssen Alle entsagen , « sprach die Königin feierlich , » auch Sie , Adelheid werden die Kraft haben . Ich habe das schöne Vertrauen , nachdem ich Ihre schöne Seele kennen gelernt . « Da war auch ein schöner Vorhang plötzlich gefallen ,