, so daß sie dessen , was man Liebe nennt , nicht sonderlich empfänglich seyn mußte . Gleichwohl wurde nun von ihr berichtet , daß sie einmal in ihrem Leben sogar eine leidenschaftliche Liebe gefühlt habe , denn auch von der ältern Lais erzählt man dieses . Es kam darauf an zu bestimmen , in welche Periode ihres Lebens diese Liebe mit Wahrscheinlichkeit zu setzen sey . Historisch wahrscheinlich fiele dieß bei der einen und der andern Lais freilich in ihre Blüthenzeit , allein daran glaubte Wieland sich nicht binden zu müssen , zumal da nur Anekdoten Bürgschaft leisteten , und größeren Unwahrscheinlichkeiten aus dem Wege zu gehen war , theils nämlich denen , welche das Alter der einen Lais zu Korinth , theils jenen , welche die Sage von der zweiten Lais in Thessalien betreffen . Er zog es daher vor , die Liebe seiner Lais so nahe an das Ende ihrer Blüthenzeit zu rücken , daß es einerseits eben so glaublich wird , verschmähte Liebhaber , beleidigter Stolz und Neid hätten wohl gewisse beißende Epigramme auf sie in Umlauf bringen können , als von der andern , daß eben jetzt in einer solchen Frau eine solche Liebe und - gerade zu einem solchen Manne entstehen konnte . Wer die Weiber kennt und nicht ohne Welterfahrungen ist , wird gestehen müssen , daß hier alles dem natürlichen Laufe der Dinge gemäß ist , und Wieland , dem Lais für seine Darstellung so viele Dienste geleistet hatte als nur irgend möglich war , that wohl , lieber dem natürlichen Laufe der Dinge als widersprechenden Sagen voller Unwahrscheinlichkeit zu folgen . Habe er nun weder in der einen noch der andern Lais die griechische dargestellt , so ist seine Lais doch ein in sich vollendetes Wesen , und die Zeichnung ihres Charakters , die Motivirung der Begebenheiten , und die Schilderung der Art von Liebe , zu welcher diese Lais allein kommen konnte , und die vielleicht nirgend so entwickelt ist als hier , sind ein dieses Meisters so würdiges Werk , daß man selbst dann über den Mangel an Aehnlichkeit mit dem Original hinwegsehen könnte , wenn er auch noch größer wäre als er es in der That doch nicht ist . 4. Brief . 9 Der Hafen Piräeus bei Athen . 10 Diana bei den Thraciern , deren Fest , Bendideia , seit der 88sten Olympiade auch in Athen gefeiert wurde , wo ihr Tempel im Hafen , nicht weit von dem der Artemis Munychia stand . 11 Sind hier wohl bloß in dem Sinne von Regelwidrigkeiten genommen ; gewöhnlich : Widerspruch eines Gesetzes mit dem andern . 12 Ein solcher , dessen Charakter Ironie ist . 13 Gyges , wurde , nach Platon , zufolge des Gebrauches eines magischen , unsichtbar machenden Ringes , zum König von Lydien ( vergl . Cic . de offic . 3 , 9. ) , nach Herodot aber ( 1 , 8. fgg . ) dadurch , daß der König Kandaules ihn genöthigt hatte , seine Gemahlin im Versteck entkleidet zu sehen , worüber diese , die den Gyges entdeckt hatte , entrüstet , ihm nur die Wahl zwischen dem eignen oder des Königs Tode ließ . Gyges brachte den König um , und erhielt mit dessen Gemahlin auch sein Reich . 5. Brief . 14 Buch 3 , Cap . 6. 15 ( Nodum in scirpo quaerere ) sprüchwörtliche Redensart für : auch da Schwierigkeiten finden , wo keine sind ; denn die Binsen haben keine Knoten . 16 Dogge . Die Landschaft Molossis in Epirus war wegen ihrer starken und muthigen Hunde , die auch zur Jagd trefflich zu gebrauchen waren , berühmt . 17 Muskenkünste , mit Inbegriff aller der Wissenschaften , die zu einer wahrhaft menschlichen Bildung wesentlich gehören . 18 Der Timotheus , von welchem hier die Rede ist , war einer der berühmtesten Tonkünstler und musikalischen Dichter der Zeit , in welcher die sämmtlichen in diesen Briefen vorkommenden Personen gelebt haben . Er wurde , zum Dank daß er den Gesang und die Saitenmusik seiner Zeit ( nach unsrer gewöhnlichen Vorstellung ) zu einer weit höhern Vollkommenheit gebracht als worin er beide gefunden , von den strengern Anhängern der alten , äußerst einfachen , an wenige Formen gebundenen , feierlich ernsten Musik für einen ihrer größten Verderber erklärt , und unter andern von dem komischen Dichter Pherecydes , seinem Zeitgenossen , in einem von Plutarch aufbehaltenen beträchtlichen Bruchstück seines Chirons , sehr übel mitgenommen . Indessen war nicht er , wie spätere Compilatoren sagen , sondern ( laut des besagten Fragments ) ein gewisser Melanippides derjenige , der die Saitenzahl der Lyra , welche schon sein Meister Phrynis , zum größten Aergerniß der Eiferer für die gute alte Sitte ( S. die Anklagsrede des dikaios Logos in den Wolken des Aristophanes ) bis auf sieben gebracht hatte , noch mit fünf neuen vermehrte . Wie dem aber seyn mochte , genug Timotheus war , wie es scheint , der erste , der mit einer eilf- oder zwölfsaitigen Magadis ( einer Art von Cither , auf deren Saiten ohne Plektron mit den bloßen Fingern geklimpert wurde ) zu Sparta erschien , und sich unter andern mit einem dithyrambischen Gesang über die bekannte Fabel von Jupiter und Semele hören ließ . Aber die Spartanische Regierung nahm diese sittenverderbliche Neuerung ( wiewohl damals wenig mehr an ihren Sitten zu verderben war ) so übel , daß sie ein Decret ( welches uns Boëthius in seinem Buche de Musica aufbehalten hat ) abfaßte , des Inhalts : » Demnach ein gewisser Timotheus ( oder Timotheor , wie man in Sparta zu sprechen pflegte ) von Milet in ihrer Stadt angekommen , und durch sein Spiel öffentlich bewiesen habe , daß er die alte Musik und die alte Lyra verachte , indem er die Zahl der Töne und der Saiten über alle Gebühr vermehrt , der alten einfachen Art zu singen eine viel zusammengesetztere chromatische untergeschoben , auch in seinem Gedicht über die Niederkunft der Semele die geziemende AnständigkeitA1 gröblich verletzt habe : als hätten die Könige und Ephoren , in Erwägung daß solche Neuerungen nicht anders als den guten Sitten sehr nachtheilig seyn könnten , und zu Verhütung der davon zu besorgenden Folgen , besagtem Timotheor einen öffentlichen Verweis gegeben , und befohlen , daß seine Lyra auf sieben Saiten zurückgesetzt und die übrigen ausgerissen werden sollten . « - Daß Athenäus ( im 10. Kap . des XIV. B. ) diese Anekdote nach andern Autoren anders erzählt , beweiset eben so wenig gegen sie , als das Ansehen des edeln und für sein Zeitalter gelehrten Boëthius die Aechtheit des Decrets , nach Verfluß von 1000 Jahren , verbürgen kann . Ich kenne nicht eine einzige Griechische Anekdote dieser Art , die nicht von andern anders erzählt würde . Gewiß ist indessen , daß das Decret ganz im Geiste der Spartanischen Aristokratie , die in allem streng über die alten Formen hielt , und ihrem Geschmack in der Musik gemäß , abgefaßt ist . W. 19 Tempern ist ein wenig mehr üblicher Kunstausdruck der Maler , und bedeutet so viel als dämpfen , mildern . 20 Daß Plato durch dieses Vorgehen seinem Mährchen eine Art von Beglaubigung geben wolle , ist klar genug : aber worauf er die Phönicische Abkunft desselben gründet , und wer die Dichter sind , welche versichern , es habe sich an vielen Orten zugetragen , weiß ich nicht . Denn daß er auf die bewaffneten Männer anspiele , die aus der Erde hervorgesprungen seyn sollen , als der Phönicier Kadmus die Zähne des von ihm erlegten Castalischen Drachen in die Erde säete , oder auf die goldnen , silbernen , ehernen , heroischen und eisernen Menschen des Hesiodus , die nicht zugleich , sondern in aufeinander folgenden Generationen , nicht aus dem Schooß der Erde hervorsprangen , sondern von den Göttern gebildet und zum Theil gezeugt wurden , - ist mir nicht wahrscheinlich . Doch vielleicht will er mit dieser anscheinenden Beglaubigung seines in der That gar zu abgeschmackten Mährchens nicht mehr sagen , als mit dem etwas plattscherzhaften Zweifel seines Sokrates : » ob es sich künftig jemals wieder zutragen dürfte . « W. 21 Nach der alten Vorstellung der Griechen von der Erdscheibe war Delphi der Mittelpunkt derselben , und wurde darum der Nabel der Erde genannt . Apollon sollte gerade deßhalb sein Orakel daselbst gestiftet haben . 6. Brief . 22 Praxilla , eine zu ihrer Zeit berühmte Skoliendichterin aus Sicyon , hatte ein Lied verfertiget , worin Adonis , den sie so eben im Reich der Schatten anlangen läßt , auf die Frage : was von allem , so er auf der Oberwelt habe zurücklassen müssen , das Schönste sey ? zur Antwort gibt : » Sonne , Mond , Gurken und Aepfel . « Man fand diese Antwort so albern naiv , daß die Redensart , einfältiger als Praxillens Adonis , zum Sprüchwort wurde . W. 23 Daß Platon hiemit hinstrebte nach der Unterscheidung des Erkenntniß- , Begehrungs- und Gefühls-Vermögens , unterliegt so wenig einem Zweifel als das große Verdienst , welches er sich um Psychologie erworben hat . Am zweckmäßigsten wird man mit dieser Stelle vergleichen Carus Geschichte der Psychologie S. 301-306 . 7. Brief . 24 Sind ein Paar Zauberworte von denen , die bei den Griechen Ephesia grammata hießen , womit von Betrügern und abergläubischen Leuten allerlei Alfanzerei getrieben wurde , und über deren Abstammung und Bedeutung viel Vergebliches philologisirt worden ist . W. 25 Platon sagt im fünften Buche seiner Republik : welche manches schön finden , das Schöne selbst aber nicht sehen , noch zu dessen Anschauung sich zu erheben vermögend sind ; welche im Einzelnen manches gerecht finden , das Gerechte selbst aber nicht begreifen : werden wir von solchen nicht sagen , daß sie nur meinen , nicht aber wahrhaft erkennen ? Und wie , werden wir von solchen , die jegliches an sich anschauen , wie es ewig auf dieselbe Weise ist , nicht sagen , daß sie erkennen , nicht aber meinen ? Und werden wir solchen nicht Liebe für das zuschreiben , was der Erkenntniß , den andern aber nur Liebe für das , was der Meinung angehört ? Nicht mit Unrecht werden wir daher diese als Philodoxen , jene hergegen als Philosophen bezeichnen . Die nur , welche jedes in seinem Wesen , in seinem wahren Seyn umfassen , verdienen den Namen Philosophen . 26 Noësis und Dianoia , sind bei Platon eben so unterschieden wie bei uns Vernunft- und Verstandeserkenntniß . 8. Brief . 27 Des Tantalus Schicksal bereiten , dem ewig ein brennendes Verlangen erregt und nie befriedigt wurde . 28 Ist bei Platon in der hier beurtheilten Stelle die philosphische überhaupt , und von der dialektischen Methode wird diesem gemäß behauptet , daß sie zur Erkenntniß des Wesens führe . Platon selbst nimmt anderwärts Dialektik nicht in dieser Bedeutung . 29 Aesthetisch steht hier , so wie späterhin , in seiner ursprünglichen Bedeutung für wahrnehmbar durch die Sinne . 30 Die sogenannte Platonische Zahl , wovon Aristipp hier mit einer Art von Unwillen spricht , der ihm zu gut zu halten ist , hat von alten Zeiten her vielen bene und male feriatis unter Philologen , Mathematikern und Philosophen , manche saure Stunde gemacht . Alle haben bisher bekennen müssen , daß ihnen die Auflösung dieses Räthsels , oder vielmehr die Bemühung Sinn in diesen anscheinenden Unsinn zu bringen , nicht habe gelingen wollen . Ich gestehe gern , daß ich den Versuch , eine auch nur den schwächsten Schein einer sichtbaren Dunkelheit von sich gebende Uebersetzung dieser berüchtigten Stelle , eben so wohl , wie der sehr geschickte und beinahe enthusiastisch für den göttlichen Plato eingenommene Französische Dolmetscher über meine Kräfte gefunden habe . Herr Kleuker - dem wir eine schwer zu lesende Uebersetzung der Werke Platons zu danken haben , die nicht ohne Verdienst ist und einem künftigen lesbaren Uebersetzer die herculische Arbeit nicht wenig erleichtern wird , - ist herzhafter gewesen als wir beide : und da seine Dolmetschung wohl den wenigsten Lesern dieser Briefe zur Hand seyn dürfte , so sehe ich mich zu Aristipps und meiner eigenen Rechtfertigung beinahe genöthiget , von seiner mühsamen Arbeit dankbaren Gebrauch zu machen , und seine wörtlich getreue Uebersetzung dieser Stelle , so wie sie die Platonische Zahl betrifft , hier abdrucken zu lassen . Sie lautet folgendermaßen : » - Alles Lebende auf Erden hat seine Zeit der Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit , der Seele und dem Körper nach . Diese Zeit ist zu Ende , wenn die umkreisende Linie eines jeden Cirkels wieder auf den ersten Punkt seines Anfangs kommt . Die kleinen Umkreise haben ein kurzdaurendes , die entgegengesetzten ein entgegengesetztes Leben . Nun aber werden diejenigen , die ihr zu Regenten des Staats gebildet habt , wie weise sie auch seyn mögen , dennoch den Zeitpunkt der glücklichen Erzeugung und der Unfruchtbarkeit eines Geschlechts durch alles Nachdenken mit Hülfe der sinnlichen Erfahrung nicht treffen . Dieser Zeitpunkt wird ihnen entwischen , und sie werden einmal Kinder zeugen , wenn sie nicht sollten . Der Umkreis der göttlichen Zeugungen hält eine vollkommene Zahl in sich : aber mit der Periode der menschlichen Zeugungen verhält es sich so : daß die Vermehrungen der Grundzahl , nämlich drei potenziirende und potenziirte Fortrückungen zur Vollendung , welche vier unterschiedene Bestimmungen des Aehnlichen und des Unähnlichen , des Wachsenden und des Abnehmenden annehmen , alles in gegenseitigen Beziehungen und ausgedruckten Verhältnissen darstellen . Die Grundzahl dieser Verhältnisse , nämlich die Einsdrei mit der Fünfe verbunden , gibt nach dreifacher Vermehrung eine zwiefache Harmonie ; eine gleiche ins Gevierte , als Hundert in der Länge und Hundert in der Breite ; eine andere , die zwar von gleicher Länge ist , aber mit Verlängerung der einen Seite , so daß zwar auch Hundert an der Zahl , nach dem diametrischen Ausdruck der Fünfen darin liegen , wovon aber jede dieser Fünfen noch eine bedarf und zwei Seiten unausgedruckt sind : Hundert aber folgen aus den Kuben der Dreiheit . Diese ganze Zahl ist nun geometrisch , und regiert über die vollkommnern oder unvollkommnern menschlichen Zeugungen . u.s.f. « Herr Kleuker hat uns in einer Anmerkung zu dieser Platonischen Offenbarung , welche ihm vielleicht doch erklärbar scheint , einen künftig nähern Aufschluß darüber hoffen lassen ; ob und wo er diese Hoffnung erfüllt habe , ist mir unbekannt . W. 31 Von diesem wird erzählt , er habe seine Pferde mit Menschenfleisch gefüttert , und zu diesem Behuf die Fremden , die in seine Gewalt geriethen , ermordet . Zu Brief 4-8 . Wollte der Herausgeber dem , wozu der verewigte Wieland ihn mehrmals aufforderte , Genüge leisten , diese seine Beurtheilung der sogenannten Platonischen Republik wieder zu beurtheilen , so müßte er besorgen , in den Fall Aristipps zu kommen , über das beurtheilte Buch ein wenigstens eben so dickes Buch zu schreiben . Gesetzt nun auch , daß es Leser gäbe , die ihm dieß danken würden , so wäre doch hier schwerlich der Ort dazu . Um jedoch der Aufforderung einigermaßen zu genügen , will der Herausgeber wenigstens einige Bemerkungen mittheilen , die vielleicht zu einer weiteren Vergleichung mit der Aristippischen Beurtheilung einladen . Im Betreff des Hauptzwecks dieses Dialogen und des Zusammenhanges der Episoden mit demselben würde es Unrecht seyn , eine Schrift nicht zu berücksichtigen , welche Wieland , ungeachtet sie vier Jahre vor dem Aristipp nicht erschienen war , doch nicht gekannt zu haben scheint , Morgensterns de Platonis Republica Commentatio prima : de proposito atque argumento operis . Halle l794 . Hiemit sind zu vergleichen die Bemerkungen Garve ' s sowohl in seiner Darstellung der verschiedenen Moralsysteme ( S. 32 fgg . ) als in den Anhängen zu seiner Uebersetzung der Politik des Aristoteles ( Bd . 2. S. 184 fgg . ) . Auf Tiedemann , Tennemann und Buhle erst noch besonders zu verweisen , würde wohl unnöthig seyn . Morgenstern unterscheidet in diesem Dialog den Hauptzweck und mehrere Nebenzwecke . Daß der Hauptzweck nicht die Aufstellung einer idealen Staatsverfassung sey , ungeachtet der Dialog den Namen davon trägt , und ein sehr großer Theil desselben sich damit beschäftigt , sondern Untersuchung über Dikäosyne , darin stimmen alle unbefangenen Leser mit einander überein , und Wieland läßt seinen Aristipp austrücklich sagen » ihm scheine die vornehmste Absicht dahin zu gehen , der in mancherlei Rücksicht äußerst nachtheiligen Dunkelheit , Verworrenheit und Unhaltbarkeit der vulgaren Begriffe und herrschenden Vorurtheile über den Grund und die Natur dessen , was Recht und Unrecht ist , durch eine scharfe Untersuchung auf immer abzuhelfen . « Hiebei kommt nun aber bald ein Anstoß an dein Worte Dikäosyne , welches man gewöhnlich durch Gerechtigkeit übersetzt . Platon gebraucht allerdings dieses Wort auch in dem gewöhnlichen , in den bei weitem meisten Stellen dieses Dialogs aber in einem von dem Sprachgebrauche ganz abweichenden Sinne , nach Morgensterns Ausdruck » beinahe für Tugend überhaupt . « Wielands Aristipp hat dieß auch nicht unbemerkt gelassen , denn er sagt : » da ein Wort doch weiter nichts als ein Zeichen einer Sache , oder vielmehr der Vorstellung , die wir von ihr haben , ist , so kann es dem Wort Gerechtigkeit allerdings gleichviel seyn , was Plato damit zu bezeichnen beliebt ; aber der Sprache ist dieß nicht gleichgültig , und ich sehe nicht , mit welchem Recht ein einzelner Mann , Philosoph oder Schuster , sich anmaßen könne , Worte , denen der Sprachgebrauch eine gewisse Bedeutung gegeben hat , etwas anders heißen zu lassen als sie bisher immer geheißen haben . Was Plato unter verschiedenen Formeln Gerechtigkeit nennt , ist bald die innere Wahrheit und Güte eines Dinges , die ihm eben dadurch , daß es recht ist , oder daß es ist was es seyn soll , zukommt ; bald die Ordnung , die daraus entsteht , wenn viele verschiedene mit einander zu einem gewissen Zweck in Verbindung stehende Dinge das , was sie vermöge dieser Verbindung seyn sollen , immer sind ; bald die Harmonie , die eine natürliche Wirkung dieser Ordnung ist . « An einer andern Stelle sagt er : » Hätte sich Plato auf das reichlich Genugsame einschränken wollen , so stand es nur bei ihm , die Aufgabe , so wie er sie gestellt hatte , geradezu zu fassen ; und da es ihm , kraft seiner philosophischen Machtgewalt , beliebt hatte , den gemeinen und zum Gebrauch im Leben völlig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen , und die Idee der höchsten Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur an seine Stelle zu setzen , so bedurfte es , meines Bedünkens , keiner so weitläufigen und künstlichen Vorrichtung , um ausfindig zu machen , worin diese Vollkommenheit bestehe . « Unbezweifelt liegt hierin der Grundirrthum von Aristipps Beurtheilung des Ganzen , und man muß sagen , daß er zwar bis zu dem Punkte vorgedrungen , wo er den richtigen Gesichtspunkt hätte fassen können , ihn aber nicht gefaßt hat , und daß deßhalb gegen Platon nicht gerecht und billig verfahren wird . Nach Morgenstern und Garve ist der Hauptzweck dieses Dialogs die Entwickelung des Platonischen Moralsystems , welches , dem Erstgenannten zufolge , auf diesen Grundsätzen beruht : 1 ) daß der menschlichen Natur eine eigenthümliche Tugend und Würde zukomme , die sich dadurch beweise , daß jedes menschliche Vermögen das thue , was ihm zukomme , daß die Vernunft befehle , die übrigen aber gehorchen , 2 ) daß diese Tugend ein Gut an sich sey , Götter und Menschen mögen darum wissen oder nicht , 3 ) daß sie aber gleichwohl die Quelle der reinsten , wahrhaftesten und dauerhaftesten Glückseligkeit sey , und 4 ) daß man deßhalb aus zwiefachem Grunde nach ihr als dem höchstem Gute streben , das Laster hergegen als das höchste Uebel fliehen müsse . Man sieht leicht , daß Platon die Selbstgesetzgebung der Vernunft im Auge hat , aus welcher er die Tugend ableiten will , und daß er nach etwas Höherem strebt als dem , was man bürgerliche Tugend nennen kann , nach einer rein menschlichen Tugend , die auch aus der Befolgung anderer als der bürgerlichen Gesetze entspringt . Nur hier konnte er Grund und Natur dessen , was Recht und Unrecht , und zwar nicht bloß heute und morgen oder hier und da , sondern dessen , was allgemein und ewig Recht und Unrecht ist , finden ; nur wenn er die Untersuchung bis auf diesen Punkt zurückführte , konnte er den vulgaren Begriffen darüber auf immer abhelfen . Auf jeden Fall aber war es zweckmäßig , daß er , um auch andern seine Ueberzeugung mitzutheilen , von den vulgaren Begriffen ausging . Dieß that er , und dadurch wurde einerseits der ganze Gang seiner Untersuchung , er aber anderseits selbst bestimmt , den gemeinen und zum Gebrauch im Leben völlig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen , und die Idee der höchsten Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur an seine Stelle zu setzen , welches mit andern Worten nichts anders heißt als : die Gerechtigkeit zur Tugend an sich zu erheben , wozu er mehr Grund und Recht hatte , als Wielands Aristipp ihm zugestehen will . Um aber bis auf diesen Punkt zu kommen , bedurfte es in der That aller der weitläufigen und künstlichen Vorrichtung , die Platon gemacht hat , und Aristipp hat hierin Unrecht . Man muß wohl bedenken , daß Platon ja noch keineswegs die volle Wahrheit schon in den Händen hatte , sondern sie erst suchte , daß ihm zwar das Ziel hell und klar vor Augen war , daß er aber den Weg dahin noch nicht kennen konnte , und daß es einen gewissen Punkt gab , von dem er ausgehen mußte , der Punkt nämlich , auf den ihn selbst seine zwei größten Vorgänger gestellt hatten . Alles müßte mich trügen , oder Platon hatte zunächst den Sokrates vor Augen , der in Ansehung dessen , was Recht sey , noch ziemlich befangen war , denn er blieb meist bei dem stehen , was die Staatsgesetze gebieten , wobei aber dem Platon nothwendig die Bedenklichkeit aufstoßen mußte , ob denn alles , was die Staatsgesetze gebieten , auch Recht sey . Da mußte er nach einer andern Ableitung dessen , was Recht sey , sich umsehen , und zu erforschen suchen , was Recht an sich sey . Da stieß er auf die Pythagoräer , die ihn zur rechten Quelle leiteten , zu dem Grunde in der menschlichen Natur selbst . Hier fand er die vier Cardinal- oder Haupt-Tugenden , die Weisheit als die Tugend des Verstandes , Mäßigung und männlichen Muth ( Tapferkeit ) als Tugenden des Begehrungsvermögens , und endlich die Gerechtigkeit , die alle Tugenden zu Einer Tugend macht , die ganze Seele zu Harmonie stimmt , aber die keinem besondern Vermögen zugehörte . Platon bestimmte diesem gemäß den Begriff der Gerechtigkeit und konnte ihn ohne große Schwierigkeit auf seine Weise bestimmen , ohne der Sprache große Gewalt anzuthun , wie wir es in unserer Sprache mit dem Worte Gerechtigkeit leicht auch können würden . Sie erschien ihm als die Beschaffenheit der menschlichen Natur , wie diese ihrem moralischen Vermögen zufolge seyn soll , als moralische Vollkommenheit . Wenn nun Wielands Aristipp äußert , diese sey viel leichter ausfindig zu machen gewesen als auf Platons Wege , so übersieht er den Vortheil , den in den ersten Büchern Platon sich dadurch schaffte , daß er gleich alles zusammenfaßte , was beseitigt werden mußte , wenn seine Ideen Eingang finden sollten , - und dieß war nichts Geringeres als die Erfahrung des wirklichen Lebens , die Art der Erziehung und die Gegenstände des Unterrichts , der Einfluß der Sophisten und Redner , der Dichter und der Priester , - und daß er in dem Nachfolgenden auf Schwierigkeiten stoßen mußte , die , wenn sie uns leichter zu heben sind , es doch nicht für Platon seyn konnten . Er hatte seine Angabe zu erweisen aus der menschlichen Natur selbst , allein dazu fehlten ihm die Vorarbeiten der Psychologie und Anthropologie , zweier Wissenschaften , die er selbst erst , man kann wohl sagen neu zu schaffen hatte , und um die er sich , bei allem Einzelnen worin er irrte und irren mußte , im Ganzen so große Verdienste erwarb , daß ich noch jetzt für die dereinstige Vollendung dieser Wissenschaften keinen andern Weg weiß als den er einschlug . Was als Ahnung der Wahrheit in der Tiefe seiner Seele lag , war wohl kaum auf geradem Wege mitzutheilen möglich , und er schlägt daher einen Weg ein , der , wie Garpe sagt , dem Dichter mehr als dem Philosophen ansteht , den Weg der Vergleichung . Wielands Aristipp urtheilt hierüber sehr richtig , wenn er sagt : » Die Gerechtigkeit besteht , nach ihm , in dem reinsten Zusammenklang aller Kräfte zur möglichsten Vollkommenheit des Ganzen unter der Oberherrschaft der Vernunft . Um dieß seinen Hörern anschaulich zu machen , war es allerdings der leichtere Weg , zuerst zu untersuchen wie ein vollkommen wohl geordneter Staat beschaffen seyn müsse , und erst dann , durch die entdeckte Ähnlichkeit zwischen der innern Oekonomie unsrer Seele mit der wesentlichen Verfassung und Verwaltung eines wohlgeordneten Gemeinwesens , die wahre Auflösung des Problems ausfindig zu machen . Auf diese Weise wurden sie in der That vom Bekanntern und gleichsam in größern Charaktern in die Augen Fallenden auf das Unbekanntere geführt ; denn was der Mensch gewöhnlich am wenigsten kennt , ist das Innere dessen was er seine Seele nennt . « Was Platon von der Staatsverfassung sagt , soll also bloß Mittel zu dem Zwecke seyn , die ideale Menschennatur kennen zu lehren . Wenn dieß geschehen sollte , so mußte Platon auch das Ideal einer Staatsverfassung schaffen , wobei mir nicht unwahrscheinlich ist , daß er eigentlich nur die ägyptische Verfassung mit ihrem Kastenwesen idealisirt habe . Wie dem aber sey , genug er schafft ein solches Ideal , und zwar ganz sichtlich zum Behuf der Vergleichung . Die Vergleichungspunkte , die er durchführt , sind der einzelne Mensch und der Staat , die drei Seelenformen des Menschen und die Stände des Staates , die Tugenden und eben diese Stände . So erhält er folgende Parallele : Stand der Regierenden = Seelenform der Vernunft = Weisheit und Klugheit ; Stand der Beschützenden = Seelenform des Affects = Tapferkeit ; Stand der Gewerbetreibenden = Seelenform des Begehrens = Mäßigung ; wobei man leicht bemerken kann , daß von den Cardinaltugendcn nur drei angeführt werden , die vierte aber , um deren Wesen es der Untersuchung gerade zu thun ist , noch nicht zur Erscheinung kommt . Hierin liegt nun aber auch die Hauptschwierigkeit , wie einst für Platon selbst , so für jeden , der ihn verstehen will , und zwar entspringt diese Hauptschwierigkeit aus der dem Platon eigenen Bestimmung des Begriffs der Gerechtigkeit . Hätte er diesen im gewöhnlichen Sinne gefaßt , so hätte er die Gerechtigkeit bloß darstellen können als eine Pflicht , als Gesetzmäßigkeit der Handlungsweise . Er hatte sie aber aufgefaßt als Vollkommenheit , und dieß veränderte den ganzen Gesichtspunkt , den man jedoch schwerlich finden wird , wenn man sich von dem deutschen Worte Vollkommenheit läßt irre leiten . Diese ist in Platons Sinne nicht etwa ein zu Stande gebrachtes , ruhendes , unthätiges Product , nicht eine Wirkung oder ein Werk jener drei Seelenformen oder Tugenden , sondern vielmehr eine Kraft , und zwar die Kraft der Gesinnung , des sittlichen Willens , wodurch alle Tugeuden erst zu Tugend werden , und in dieser Hinsicht die Tugend selbst . Aus dem Wirken dieser Kraft geht erst ein Product hervor , die Gesundheit , Wohlgestalt , Schönheit der Seele , welche zuletzt als Gottähnlichkeit dargestellt wird . Wohl könnte man wünschen , daß Platon zur Bezeichnung jener Kraft sich eines andern Wortes als des der Gerechtigkeit bedient haben möchte : wie nun aber , wenn er , ohne sich gerade dieses Wortes zu bedienen , weder selbst auf diese Höhe des Standpunktes gekommen wäre , noch uns darauf hätte führen können ? Mir scheint , daß Platon in seiner Untersuchung gerade darum , weil er von dem Begriff der Gerechtigkeit ausging , mit dessen gewöhnlicher Bestimmung er nicht zufrieden war , auf eine höhere Ableitung desselben kam , und daß eben dieses ihn auf die wichtigsten Entdeckungen im Gebiete der Ethik sowohl als der Politik führte . Indem sich bei ihm , wie Schleiermacher in seiner Kritik der Sittenlehre sich ausdrückt ( S. 325 ) , » diejenige Tugend , welche sich am meisten auf die Verhältnisse gegen Andre zu beziehen scheint , als diejenige zeigt , welche der Mensch am meisten in und gegen sich selbst zu üben hat , und welche allein ihn in sich selbst zu erhalten vermag « oder wie es an einer Stelle heißt ( S. 250 ) , indem er die Gerechtigkeit nicht bloß als gesellige Tugend , sondern als » die gleiche auf den Handelnden selbst sich beziehende Gesinnung aufsuchte , « entdeckte er den reinen Tugendbegriff selbst , und stellte diesem gemäß die Tugend als etwas lediglich Innerliches dar , als diejenige Gesinnung , denjenigen Willen , wodurch erfüllt werden ohne Hinsicht auf Lohn oder Strafe die Gesetze der Vernunft , die zugleich die Gesetze der Gottheit sind . Nur aber wenn dieß gefunden war , konnte die bürgerliche Gesetzgebung als etwas Untergeordnetes erscheinen , und Platon auf den Gedanken kommen , daß auch die Politik auf der sittlichen Idee ruhen solle . Daß sie nicht darauf ruhe , so wenig als das gewöhnliche Leben der Menschen , sah er vollkommen klar und bewies es , indem er die Wirklichkeit im Contraste mit seinem Ideal in einer neuen Parallele aufstellte , gegen die Eine Staatsverfassung nämlich , wie sie seyn soll - Monarchie oder Aristokratie , Regierung der Vernunft