Caplan ein , hat Ihnen reichen Lohn getragen . Die Freundschaft , die Ergebenheit , welche Baron Renatus für Sie hegt , sind wahr und tief . Ich weiß das , Herr Caplan ; ich bin mir meines Einflusses auf ihn vollauf bewußt . Ich weiß es , daß ich auf ihn zählen kann , obschon er es in neuester Zeit und durch mich selbst erfahren hat , daß meine Liebe niemals seinem Vater angehörte , daß ich nur Einen , Einen Mann geliebt , und daß derselbe nicht mehr ist . O , rief sie , indem sie ihren schwarzen Trauerschleier mit beiden Händen an ihre Lippen drückte , o , wenn Sie ahnen könnten , wie frei und glücklich ich mich in diesen Trauerkleidern fühle , wie meine Seele nach den schwarzen Gewändern verlangt hat ! Niemals , Niemals werde ich sie wieder von mir legen ! Ich werde sie tragen bis zu meinem letzten Athemzuge , als Erinnerung an die große Liebe , die Sie mir zur Sünde machen und die vor Gott kein Verbrechen sein kann , weil mein schöner Valerio ihr sein fröhliches Dasein verdankt . Sie hatte über den Gedanken an ihre Liebe , über die Wonne , von derselben jetzt in Freiheit sprechen zu dürfen , abermals die religiösen Bekenntnisse vergessen , welche sie dem Geistlichen zu machen entschlossen gewesen war , und der Caplan hatte große Mühe , sie auf dieselben zurückzuführen . Die Freisinnigkeit ihres verstorbenen Gatten , die völlige Glaubenslosigkeit ihres Geliebten hatten ihren eigenen Glauben erschüttert , und die unklaren religiösen Begriffe , die kindlichen Ueberlieferungen , welche aus ihrem Klosterleben in ihr haften geblieben waren , hatten nur dazu beigetragen , ihren Sinn vollends zum Zweifel und zum Unglauben hinzulenken . Sie war in ihrem Kloster in der Lehre von der Vorherbestimmung auferzogen worden , und ohne sich von den Einwendungen des Caplans im mindesten beirren zu lassen , hatte sie ihr Zusammentreffen mit Mariano von Anfang an als ein ihr von Gott vorherbestimmtes Schicksal , ihre Liebe für ihn als eine Naturnothwendigkeit angesehen , der sich zu entziehen nicht in ihrer Macht gelegen habe . Sie selbst , sprach sie , Sie selbst , Hochwürden , haben mir oft genug wiederholt , daß kein Zufall in der Weltordnung eines allweisen Gottes möglich oder auch nur denkbar sei . Noch als ich ein Kind war , hat man mich gelehrt , daß kein Sperling vom Dache fällt , ohne daß der Allwissende es wolle ; und ich sollte hierher gekommen sein , weit ab von den Meinigen und meiner Heimath , in dieses unwirthliche , kalte Land , ohne Gottes Fügung ? Hierher , in den fernen , grauen Norden sollte Mariano von des Krieges Wogen geschleudert worden sein , ohne Gottes ausdrücklichen Rathschluß ? Unmöglich , unmöglich ! Entweder es lebt kein Gott , es ist Alles , Alles Zufall und wir des Zufalls blindes Spiel , oder was ich erlebte , litt und that , war mir von Gott bestimmt : ich that , was er mich thun lassen wollte - und was Sie mir als Sünde anrechnen , war mein vorherbestimmtes Müssen ; ich mußte sündigen ! Mit jener grausamen und bis zur Selbstvernichtung rücksichtslosen Freiheitslust des Sclaven , dessen Fesseln gebrochen worden sind , bekannte sie sich zu ihrem Unglauben , zu ihrem Abfalle von allen Ueberzeugungen , die sie einst gehegt hatte . Der Caplan verhinderte sie nicht daran . Er wollte die Tiefe der Wunde untersuchen und sie ausbluten lassen , ehe er sie zu schließen und zu heilen unternahm . Er hörte sie schweigend an , als sie ihm eingestand , wie sie ihn in der Beichte getäuscht , wie sie kein Abmahnen dagegen , und keine Reue in sich empfunden habe über ihre Liebe und ihren Ehebruch , und wie sie auf diese Weise auch von dem ihr in dem Kloster eingeimpften Wahne zurückgekommen sei , daß eine unvollständige , eine unwahre Beichte eine der schwersten aller Sünden , daß zeitliches und ewiges Verderben ihre sichere Folge sei . Aehnlich wie es einst die Baronin Angelika gethan hatte und wie die überwältigende Leidenschaft es mit sich bringt , stützte sie sich immer wieder auf ihr inneres Müssen und Nichtanderskönnen als auf ein Zeichen der Vorherbestimmung ; nur daß Angelika ' s sanfte Seele in Demuth und Zerschlagenheit vom Himmel Kraft und Trost begehrte , wo Vittoria ' s stolzer Sinn völlig in seinem Rechte zu sein behauptete . Selbst als der Caplan ihr zu bedenken gab , daß Gott innerhalb seiner Vorherbestimmung dem Menschen ein gemessenes Theil von Freiheit zugestehe , an welchem er seine Kraft und Tugend zu prüfen und zu üben habe , und daß er es ihm in seiner Gnade an Zeichen und Mahnungen nicht fehlen lasse , wenn er von dem rechten Wege abgeirrt sei , machte sie das in ihren Ueberzeugungen nicht wankend , in ihrem Selbstgefühle nicht ungewiß . Ich habe viele Nächte durchwacht , sprach sie , viele Tage durchweint , und in Leid durchwachte Nächte und im Schmerze durchweinte Tage währen lange . Ich bin einsam gewesen in diesem Schlosse , ich hätte nicht einsamer mich fühlen können im Bergesgeklüft in verlassener Karthause . Es hat mir an Muße nicht gemangelt zum Denken und zum Prüfen . Was blieb mir denn auch übrig , wenn ich gelächelt und gesungen hatte , den Freiherrn zu vergnügen , was blieb mir übrig , als zu denken , immerfort zu denken und zu sinnen ? Ich habe Zeiten gehabt , in denen ich mich überreden wollte , daß ich fehle , daß ich eine schlechte Gattin sei - meine innerste Empfindung hat dem widersprochen . Ich bin dem Freiherrn vollständig gewesen , was er in mir gesucht , von mir begehrt hat . Ich habe sein Vertrauen , seine Achtung nie besessen , er hat die Liebe , die ich noch nicht kannte , als ich mich ihm vermählte , und die er mich nicht kennen lehrte , nie von mir verlangt . Nicht Einen Tag hat er an mir gezweifelt , nicht Eine Stunde habe ich ihm Anlaß gegeben , sich von mir versäumt zu glauben . Ja , als ich es fühlte , was die Liebe sei , als ich glücklich geworden war durch sie , habe ich das Bestreben gehabt , auch ihn noch glücklicher zu machen , da er es gewesen ist , der mich nach Gottes Vorbestimmung dem mir Auserwählten entgegenführen mußte . Und wie ich mich in dankbarer Glückseligkeit der mir zugedachten Liebe überließ , habe ich schweigend die Dornenkrone des Schmerzes mir in die Stirn gedrückt , und keine Thräne , kein Seufzer hat es dem Freiherrn je verrathen , was ich litt . Ich bin ihm eine gute Gattin gewesen , ich fühle mich nicht schuldig gegen ihn . Es war Gottes Wille , der ihm ohne all mein Zuthun mein Geheimniß offenbarte , um mir endlich meine Freiheit zu vergönnen und um vielleicht durch mich dem Freiherrn zu vergelten , was er einst an der Baronin Angelika gesündigt hat . Mein Herz ist völlig mit sich einig , meine Seele ist in vollem Frieden ! Und Sie haben nie gefürchtet , daß die Hand des Höchsten sich über Ihnen mächtig zeigen , daß er Ihr verirrtes , ihm verschlossenes Herz mit schweren Schlägen zu eröffnen wissen werde ? fragte sie der Caplan , um sie zu weiterem Sprechen zu bewegen . Ich würde irre werden an der göttlichen Gerechtigkeit , rief Vittoria , wenn mir mehr auferlegt würde , als ich getragen habe . Nein , fügte sie hinzu und ihre Züge wurden weich und mild , Gott wußte , was mir fehlte . Hatte ich doch der Eltern- und der Geschwisterliebe ganz entbehrt , hatte er selber mich doch in das freudenleere , abgeblühte Leben meines Gatten verpflanzt ! Gott versagt der kleinsten Pflanze nicht den Sonnenstrahl , der sie erblühen und reifen macht , dem geringsten seiner Geschöpfe nicht die Nahrung , ohne die es nicht bestehen kann . Er hat auch mir in seiner Gnade meinen Sonnenstrahl gegönnt . Und wenn er ihn mir auch sehr bald , ach , so gar bald entzogen hat , so weiß ich es jetzt doch , daß ich einmal lebte , und ich kann weiter leben , so lange es mir beschieden ist . Ich habe meinen Sonnenstrahl gehabt . - O , rief sie , indem sie ihre Hände inbrünstig in einander schlug und ihre Augen zuversichtlich zum Himmel emporhob , o , ich würde Gott zu lästern glauben , ich würde irre werden an seiner Gerechtigkeit und seiner Liebe , wenn ich als Schuld erkennen müßte , was mein zugewiesen Theil , mein Recht gewesen ist ! Hüten Sie Sich , Hochwürden , mir diesen Glauben aufzudringen , Sie würden mich zur Gottesläugnung treiben ! Sie versank in ein Schweigen , und mit schmerzlichem Sinnen blickte der Caplan vor sich auf den Boden nieder . Vittoria fühlte sich in ihrem Gewissen frei , er aber fühlte sich gedemüthigt wie nie zuvor , denn er wurde irre an der Macht , welche des einen Menschen reines Wollen auf den anderen auszuüben vermag , er wurde irre an seiner Kraft und Befähigung für sein Amt , und zum ersten Male fragte er sich : welche Bedeutung seine Kirche , welche Bedeutung das Priesteramt in der Zukunft haben würden , haben könnten . Freilich war die katholische Kirche in Richten auferbaut worden , aber man hatte sich in der Erwartung getäuscht , eine Gemeinde für sie heranbilden und in dem protestantischen Lande neue Anhänger für die alte katholische Lehre gewinnen zu können . Das Verlangen nach prüfungsloser Hingabe an eine leitende Hand war in der Menschheit kein allgemeines mehr . Nur in vereinzelten Gemüthern war noch das Bedürfniß rege , sich dem bestimmenden Willen einer Kirche zu unterwerfen , in ihrem Priester die Verkörperung des eigenen Gewissens zu verehren , in ihm einen Mittler zwischen sich und dem Himmel zu besitzen . Die Aufklärung , welche die Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts vorbereitet hatten , wirkte in immer weiteren Kreisen nach , und die Verbindung , welche das Oberhaupt der katholischen Kirche mit dem aus dem Volke emporgestiegenen französischen Kaiser um der Selbsterhaltung willen eingehen müssen , hatte die päpstliche Krone ihres Anspruchs auf einen überirdischen Ursprung beraubt . Wie der Adel , so mußte auch die Kirche sich jetzt bereits an die Throne lehnen , deren Vertheilerin sie einst gewesen war , denn auch die Kirche , darüber hatte der Caplan sich nie verblenden können , hatte ihre freie , unangefochtene Herrschaft durch die Revolution und die ihr folgenden Jahrzehnde der napoleonischen Tyrannei für immerdar eingebüßt . Man hatte in Frankreich Priester der katholischen Kirche sich von ihren alten Lehren und Gesetzen lossagen , neue Bekenntnisse verkünden , sie verlassen und die Abtrünnigen zu ihren ersten Lehrsätzen und Aemtern wieder zurückkehren sehen , und die Kirche hatte sie als Bereuende wieder in sich aufgenommen . Damit war die Revolution auch innerhalb der Kirche vollzogen worden , damit war das Amt des Priesters vor den Augen der Gläubigen seiner Unfehlbarkeit , seines göttlichen Ursprunges entkleidet worden . Der Priester war von seiner Höhe in die Reihen der irrenden Menschheit hinabgestiegen , er hatte sein Anrecht auf sein Mittleramt zwischen dem Höchsten und dem sündigen Menschen verscherzt . Nur ein persönliches Vertrauen konnte der Seelsorger , der Geistliche von seiner Gemeinde noch begehren , und dieses persönliche Vertrauen - der Caplan schlug voll Zerknirschung an seine Brust , und an seinen greisen Wimpern zitterte die Thräne - dieses persönliche Vertrauen verdiente er nicht mehr ; denn er hatte die Sünde nicht abzuwehren vermocht von denen , die ihm übergeben worden waren , und den Zweifel mächtig werden lassen in den Seelen , die er hätte hüten sollen . Er fühlte sich wie vernichtet , er sah auf sein ganzes langes Leben als auf ein verfehltes zurück , und aus seiner an sich selbst verzagenden Seele rangen sich wie ein Nothschrei die Worte hervor : Herr , Herr , gehe nicht mit mir in das Gericht ! - Er wollte sich erheben und das Zimmer verlassen , aber er konnte es nicht . Er mußte sich niedersetzen , und durch die bebenden Hände , die er vor sein Antlitz schlug , flossen seine heißen Thränen nieder . Da war es , als wenn ein Riß geschähe in dem stolzen Herzen der Trauernden . Was seine Worte nicht an ihr vermocht hatten , das wirkte sein Beispiel jetzt an ihr . Sein flehendes Gebet erzitterte in ihrem Innern . Sie wußte selber nicht , wie ihr geschah . Sie meinte sich an diesem Greise versündigt zu haben , sie sagte sich : ich bin es , um die er diese Thränen weint ; mir , mir gilt sein flehender Ausruf : Herr , gehe nicht in das Gericht mit mir ! - Denn wessen hätte er sich anzuklagen gehabt , dessen ganzes Leben Demuth und Reinheit und selbstverläugnende Liebe gewesen war ? - Und von einer gewaltigen Empfindung , die sie sich selber nicht zu deuten wußte , hingerissen , warf sie sich vor dem Greise nieder und wiederholte , während auch ihre Augen überströmten : Herr , gehe nicht in das Gericht mit mir ! Langsam , aber mit einem Blicke himmlischer Verklärung , richtete der Caplan sein Antlitz empor und seine Hände falteten sich aufs Neue zum Gebete . Vergib uns unsere Schuld ! sprach er leise und leise sagte Vittoria ihm die Worte nach ; wie wir vergeben unseren Schuldigern ! tönte es kaum hörbar von seinen Lippen . Wie wir vergeben unseren Schuldigern ! wiederholte die Erschütterte mit erhobener Stimme und barg ihr Antlitz auf des Greises Kniee , dessen Hände segnend niedersanken auf ihr Haupt . So blieb sie eine Weile liegen . Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein , ein leiser Lufthauch zog erfrischend vorüber . Es war Alles still um sie her , und still war es auch geworden in ihrer Brust . Da bedünkte sie es , als drücke die segnende Hand des Greises schwer und schwerer auf sie hernieder . Sie hob ihr Haupt zu ihm in die Höhe , die Hände des Caplans sanken bewegungslos herab . Herr Caplan ! rief sie , Herr Caplan ! - und die Stimme versagte der Erschrockenen ihren Dienst . Sie umfaßte ihn mit beiden Armen , er regte sich nicht ; aber sein Antlitz lächelte in himmlischem Frieden , nur die Augenlider waren ihm zugesunken . Er war betend eingeschlummert . Sanft , wie sein Leben gewesen war , hatte der Caplan sein letztes frommes Werk gethan - Vittoria hatte den Segen eines Sterbenden erhalten . Seine tiefe Demuth hatte die Empörung ihres stolzen Herzens überwunden , sein letzter Athemzug hatte dem Dienste seiner Kirche angehört . Neuntes Capitel Die Schlachten an der Katzbach und von Großbeeren waren eben geschlagen worden . Renatus stand mit seinem Regimente unfern dem rechten Elbufer , als er die Nachricht von dem Tode seines Vaters erhielt , und weil er weichherzig war und im Ganzen der Schicksalsschläge ungewohnt , war sein Schmerz im ersten Augenblicke äußerst lebhaft . Er hatte allerdings bei den vorgerückten Jahren seines Vaters , und weil er ihn bei seiner letzten Anwesenheit in Richten sehr verändert gefunden hatte , wohl daran gedacht , daß er ihn möglicher Weise nicht wiedersehen , daß der Abschied , den er von ihm nahm , ein ewiger werden könne . Aber die Plötzlichkeit , die ganze Art , in welcher der Freiherr geendet , hatten für die Phantasie des Sohnes im ersten Augenblicke etwas Ueberwältigendes , etwas ganz besonders Schmerzliches , und Renatus konnte nicht müde werden , sich immer auf das Neue das Bild seines unter freiem Himmel auf dem Kirchhofe sterbenden Vaters vor die Seele zu halten . Indeß gerade die beständige Wiederholung der gleichen Vorstellung stumpfte den Eindruck ab , und es bewährte sich an Renatus die alte Erfahrung , daß diejenigen , welche bei dem Erleben eines traurigen Ereignisses gar keines andern Gedankens fähig und immer nur mit dem einen Gegenstande beschäftigt sind , das Geschehene am leichtesten überwinden und verschmerzen . Es dauerte gar nicht lange , bis Renatus , wenn er an den Tod seines Vaters dachte , sich unwillkürlich aller der Tausende erinnerte , die neben ihm und um ihn her auf blutgetränkter , von Rossen zerstampfter Erde , an ihren Wunden verblutend , ihr Leben ausgehaucht hatten , ohne daß eine liebende Hand ihr brechendes Auge geschlossen hätte , ohne daß ihr letzter Blick auf das Antlitz eines Freundes gefallen wäre . Was ihm in den ersten Stunden oder Tagen so schrecklich erschienen war , die Plötzlichkeit , mit welcher der Tod seinen Vater überrascht hatte , das fing er bald an , als eine Wohlthat der Natur und als ein Glück zu betrachten , und in seinem an den Caplan und an Vittoria gerichteten Antwortschreiben pries er das Loos seines Vaters , dem es vergönnt worden war , in den Armen seines treuesten Freundes , mit dem Hinblicke auf die von ihm geschaffene schöne Kirche , von der Erde Abschied zu nehmen . Renatus hatte von seinem Vater nie jene Zärtlichkeit erfahren , welche das Leben der Kinder eng mit dem der Eltern verknüpft . Einen entscheidenden Einfluß auf die Erziehung seines Sohnes hatte der Freiherr ebenfalls nicht geübt , und in den letzten Jahren war Renatus nur selten und immer nur auf kurze Zeit in Richten gewesen . Es entstand daher in seinem Herzen durch seines Vaters Tod keine wesentliche Lücke , aber seine Verhältnisse erlitten durch denselben eine bedeutende Umgestaltung . Es traten mit Einem Male neue Anforderungen und Verpflichtungen an ihn heran , denen zu begegnen sein bisheriges Leben ihn in keiner Weise vorbereitet hatte , denen er persönlich zu genügen jetzt auch völlig außer Stande war . Er konnte nicht daran denken , inmitten dieses heiligen Krieges einen Urlaub zu begehren , und da ihm zuerst nur die Nachricht von dem Tode seines Vaters zugekommen war , beruhigte er sich mit der Ueberlegung , daß der Caplan und der Justitiarius doch am Orte wären und daß er sich ihres Eifers wie ihrer Einsicht versichert halten dürfe . Er schrieb Vittorien , schrieb sofort auch seiner Braut und machte dieser den Vorschlag , sich mit ihrer Mutter und Schwester baldmöglichst nach Schloß Richten zu begeben , um der vereinsamten Vittoria eine Gesellschaft zu sein . Er erwähnte dabei , daß es ihm wohlthun würde , die Gegenstände seiner Liebe in dieser unruhigen Zeit an einem und demselben Orte unter dem Schutze seines Hauses vereinigt zu wissen , und weil er entschlossen war , sich jetzt ernsthafter als bisher mit den Vermögens-Angelegenheiten seiner Familie zu beschäftigen , bemerkte er gegen die Gräfin , daß es , nach den Opfern , welche der Krieg auch ihr auferlegt habe , ihr vielleicht gerathen scheinen dürfte , ihre Häuslichkeit in der Hauptstadt aufzulösen und seine Gastfreundschaft anzunehmen , bis Hildegard selbst sie ihr in Richten anzubieten haben werde . Bald darauf rückte sein Regiment vorwärts , es wechselte die Standquartiere oft , und erst am Tage vor der Leipziger Schlacht kam der zweite Brief aus Richten , welcher ihm mit dem Testamente seines Vaters zugleich die Kunde von dem Ableben des Caplans überbrachte , durch die Feldpost dem jungen Freiherrn in die Hände . Der Dienst hatte ihn bis gegen den Abend hin in Anspruch genommen . Müde und erschöpft stieg er vor dem einsamen Bauernhofe , in welchem er im Quartiere lag , vom Pferde und trat in die niedrige Stube , welche er mit fünf anderen Offizieren theilte . Draußen war es herbstlich und feucht , aber trotz der geöffneten Fenster lag eine schwüle , heiße Luft über dem niederen Raume . Zwei seiner Kameraden hatten sich , die Tornister unter den Köpfen , auf den Estrich des Bodens niedergeworfen und waren , wie ihr tiefes , schnarchendes Athemholen verrieth , obschon es noch ganz hell war , vor Ermüdung eingeschlafen . Der Capitän , ein verheiratheter Mann , schrieb an der Ecke des Tisches , an welchem die Andern mit jugendlicher Eßlust ihr geringes Abendbrod verzehrten . Sie achteten kaum auf das Eintreten ihres Kameraden , nur der Hauptmann wendete sich flüchtig nach ihm um und sagte : Herr von Arten , es sind auch für Sie ein Brief und ein Packet angekommen ; sie liegen dort auf dem Simse . - Dann fuhr er still zu schreiben fort . Es war kein Platz mehr an dem Tische und auch kein Platz zum Sitzen in der Stube . Renatus nahm seine Briefschaften und ging damit hinaus . Draußen vor dem Hause war ein Stückchen Erde eingehegt . Er und seine Kameraden hatten das Gärtchen in diesen Tagen vor der Zerstörung bewahrt . Es stand ein Kirschbaum darin , und aus dem noch grünen Grase wuchsen einige Stockrosen hervor , die noch in Blüthe standen . Die untergehende Sonne beschien sie matt . Er warf sich auf eine kleine Bank unter dem Baume nieder , steckte den Brief , auf dem er Hildegard ' s Handschrift erkannte , in die Brust und öffnete zunächst das von Richten kommende Packet ; aber er suchte darin vergebens nach einem Worte seines greisen Lehrers oder nach einem Briefe Vittoria ' s. Nur der Justitiarius hatte geschrieben . Das fiel Renatus auf , denn noch nie war eine Sendung von Richten ohne ein begleitendes Blatt des Caplans an ihn gekommen , seit er im Felde stand , und er nahm daher das Schreiben des Justitiarius mit Besorgniß in die Hand . Indeß die Nachricht , welche ihm durch dasselbe wurde , hatte er doch nicht vermuthet . In der gemessenen Weise eines Geschäftsmannes meldete der Beamte , daß der hochwürdige Herr Caplan ihm gleich nach dem Tode des verstorbenen Herrn Barons sehr angegriffen und verändert erschienen sei . Trotzdem habe derselbe es sich nicht nehmen lassen , seine Amtspflichten zu erfüllen und der von dem Verluste ihres Gemahls äußerst erschütterten Frau Baronin zur Seite zu stehen . Er habe dabei offenbar seine Kräfte erschöpft , und wenn man sich auch hätte denken mögen , daß er seinen Herrn und Freund nicht lange überleben würde , da sie so eng in einander verwachsen gewesen wären und das Alter das Zerreißen solcher alten Lebensbande nicht wohl vertrage , so habe doch das plötzliche Hinscheiden des verehrten Greises sie Alle schwer betroffen und werde auch den Freiherrn sicherlich sehr überraschen . Er berichtete demselben danach , daß er den unbedeutenden Nachlaß des Caplans versiegelt , daß er die Meldung von seinem Ableben bei den betreffenden Behörden gemacht habe , und fragte an , wie der Freiherr es nun hinsichtlich der Verwaltung des Richtener Pfarramtes zu halten gewillt sei . Renatus hielt das Schreiben eine Weile still in seinen Händen . Es war nichts Ungewöhnliches , was er erlebte , es lag im Laufe der Natur , daß der betagte Mann gestorben war ; aber er hatte ihn so lieb gehabt . Wie der Schutzgeist von Richten , ja , wie sein eigener Schutzgeist war der Caplan ihm stets erschienen . Jetzt erst kam seine Heimath ihm verlassen und verwaist vor , und sein Gemüth besaß in diesem Augenblicke noch nicht die Kraft , sich Schloß und Herrschaft unter einer ganz veränderten Umgebung als sein Eigenthum zu denken und sie doch zu lieben . Ohne den Caplan war ihm Richten nicht mehr die alte , theure Heimath . Indeß es war kein Tag , an welchem man sich seinen Empfindungen lange überlassen durfte . Jedermann wußte es , daß am nächsten Morgen eine große Schlacht bevorstand , und wer noch etwas für dieses Leben zu beschicken hatte , that dazu , es nicht hinauszuschieben . Renatus hatte sich auf die Vorsorge des Caplans mehr als auf sich selbst verlassen . Jetzt war er dieser Stütze beraubt , die kommende Tagesfrühe konnte über sein Leben entscheiden , und er hinterließ eine Stiefmutter , einen Bruder , eine Braut . Er hatte für das Wohlergehen dieser Lieben noch nicht Sorge getragen , wie er wünschte , und jetzt war es vielleicht zu spät dazu , wenn die Voraussicht seines Vaters nicht in dem Testamente die Vorkehrungen auch auf den Fall getroffen hatte , daß Renatus nicht aus dem Felde wiederkehren sollte . Er öffnete und las das Testament . Es war nicht dazu gemacht , ihn zu beruhigen und zu erheben . Sein Besitz war weit mehr verschuldet , als er es für möglich gehalten hatte . Obschon seine wirthschaftlichen Kenntnisse höchst unbedeutend waren , ahnte er doch , daß sich ihm große , fast unübersteigliche Hindernisse in der Verwaltung und Erhaltung der drei großen , noch zusammengehörenden Güter in den Weg stellen würden , und mehr noch als diese Erkenntniß erschütterte ihn der Theil des Testamentes , welcher Vittoria und ihren Sohn betraf . Es überflog ihn eine heiße Scham , das Herz preßte sich ihm zusammen . Seinem Vater war also das Geheimniß Vittoria ' s nicht verborgen geblieben . Der Greis hatte den Schmerz erduldet , sich verrathen zu wissen . Wie mußte ihn dies niedergeworfen , was mußte er davon gelitten haben ! Die reine , wahrhafte Natur des Sohnes empörte sich gegen Vittoria , er dachte mit widerwilligem Zorn an sie und an Valerio , und Beides , Beides that ihm weh : denn er liebte Vittoria und er liebte auch den Knaben , den er , obschon er um Vittoria ' s Leidenschaft für einen Andern wußte , bis jetzt doch als seinen Bruder angesehen hatte . Bricht denn Alles , Alles unter meiner Hand zusammen ? fragte er sich schmerzlich , und der alte Gedanke , daß er nicht zum Glücke geboren sei , bemächtigte sich seiner wieder mit erneuter Macht . Er hatte bisher immer viel Mitleid mit Vittoria gehabt , ihr Leben an des alternden Gatten Seite war ihm stets als eine große Entsagung für sie erschienen . Jetzt beklagte er nur seinen Vater . Weil er nicht wußte , daß der Freiherr erst ganz kurze Zeit vor seinem Tode den Verrath Vittoria ' s erfahren hatte , bewunderte er dessen stolze Zurückhaltung und die großmüthige Nachsicht , mit der er Vittoria behandelt hatte . Er machte sich selbst einen Vorwurf daraus , daß er der Verrätherin so viel von seiner Liebe , so viel Freundschaft zugewendet ; er hätte seinen Vater wiederhaben mögen , um es ihm abzubitten , daß er nicht genug Zärtlichkeit für ihn gefühlt habe , um ihn auf ' s Neue und mehr und verständnißvoller als bisher zu lieben . Er wußte in einzelnen Augenblicken nicht , was er thun , ja , nicht einmal , woran er zuerst denken solle . Man erwartete von ihm Bestimmungen über seine Angelegenheiten , aber er verstand von ihnen wenig , er hatte keine wirkliche Geschäftskenntniß . Der Freiherr hatte nach dem Abgange von Steinert mehrmals mit seinen Amtsleuten gewechselt ; Renatus wußte aus des Vaters eigenem Munde , daß er auch dem gegenwärtigen Amtmanne nicht vertraue und daß er eben deshalb zum Oefteren an eine Verpachtung der Güter gedacht habe , nur daß er sich nicht entschließen können , damit einen Theil seiner persönlichen , unmittelbaren Einwirkung über sein Eigenthum aufzugeben . Der Justitiarius erwähnte in einer dem Testamente beiliegenden Auseinandersetzung dieser Absicht des Freiherrn , denn der Contract des Amtmanns ging mit dem nächsten Frühjahre zu Ende , und Renatus mußte jetzt entscheiden , ob der Contract , wie es festgesetzt war , dann auf drei neue Jahre verlängert werden sollte oder nicht . Der Justitiarius sprach von einem Pächter , der sich gemeldet habe und dessen Bedingungen , wenn man die Zeitverhältnisse in Erwägung zog , nicht ungünstig genannt werden konnten ; aber es ward die Bedingung daran geknüpft , daß ihm das lebende Inventarium , welches durch den Krieg auf das Aeußerste heruntergebracht worden war , vollständig und ausreichend ersetzt werden und die Pachtung ihm auf zwölf Jahre zugesichert werden solle . Für die Beschaffung des Inventariums mußte man abermals Kapital aufnehmen , das jetzt schwer und nur zu hohen Zinsen zu haben war , und die jetzt während des Krieges gebotenen Pachtpreise auf zwölf Jahre im voraus gelten zu lassen , fand selbst Renatus nicht für möglich . Er mußte also die Dinge gehen lassen , wie sie eben gingen , aber die Sorge um seinen Besitz wälzte sich wie eine Last auf ihn , und dazu fing er an , es schwer zu bereuen , daß er die Gräfin Rhoden zu der Uebersiedelung nach Richten aufgefordert hatte , denn es war ihm jetzt eine äußerst widerwärtige Vorstellung , sich seine Braut in der Nähe Vittoria ' s und in deren täglicher Gesellschaft vorzustellen . Ohne daß er sich bestimmte Gründe dafür anzugeben wußte , hegte er , weil er es eben wünschte , die bestimmte Hoffnung , daß die Gräfin seinen Vorschlag nicht angenommen haben werde , und nachdem er mit einem Seufzer die Testaments-Abschrift und die Berichte seines Beamten wieder in ihren Umschlag geschoben hatte , nahm er zuerst den Brief der Gräfin aus dem zweiten Couverte hervor , weil er sich den Brief seiner Braut auf zuletzt versparen wollte , um den schweren Tag doch mindestens mit einem tröstlichen Eindrucke abzuschließen . Aber seine Hoffnung und Voraussicht hatten ihn dieses Mal getäuscht . Die Gräfin schrieb ihm , daß sie Anfangs Bedenken gegen seine Plane gehegt habe . Sie sei zweifelhaft gewesen , ob es angemessen sei , gleich nach dem Tode des Freiherrn sich in dessen Hause einzurichten . Sie habe , da Renatus ' Verlobung mit ihrer Tochter vor der Welt noch ein Geheimniß sei , die Besorgniß gefühlt , daß man ihr die Absicht zur Last legen werde , eben diese Verlobung herbeiführen zu wollen ; indeß Hildegard sei anderer Ansicht gewesen , und