Entfernung gewartet hatte , sprang hinzu und half ihr beim Aufstehen . Sie ging bis an eines der großen Portale , wo sie ein Wagen aufnahm . Zeit zur Besinnung blieb dem Priester wenig ... Ob er mit sich - zufriedener war ? ... Aber da half kein Blick nach innen ... Schon wieder mußte er das entgegengesetzte Fenster öffnen ... Ein großer Triumph des Beichtstuhls ist das Herantreten selbst des Höhergebildeten zum Ohr des Priesters . Größer aber noch möchte man den Triumph nennen , wenn sich ihm die männliche Jugend in jenem Alter naht , wo die Knabenvorurtheile abgestreift sind und sich sonst der keimende Stolz des Mannes schämt , sich noch an den Gängelbändern der ersten Erziehung zu zeigen . Ein junges Roß zerreißt alle Stränge , bricht alle Schranken - aber so halbwüchsige Jugendkraft im Beichtstuhl zu erblicken , selbst da sich demüthigend , selbst da sich unterwerfend , das ist eine Glorie der Kirche und des Familienlebens . Alle Abbildungen , die man von dem knieenden heiligen Aloysius von Gonzaga , einem frommen , offen gestanden , etwas blöde und geistlos blickenden Pagen am Hofe der bigotten Nachfolger Philipp ' s II. sieht , bezwecken es , die Liebenswürdigkeit einer ganz noch in Knabengewohnheit sich haltenden Kirchlichkeit auch dem reifsten Jünglingsalter einzuprägen . Thiebold de Jonge hatte wirklich , wie er an jenem Morgen nach dem Frühkaffee Benno » auf Ehre « versichert hatte , neun Jahre lang nicht gebeichtet . Benno würde nichts dagegen gehabt haben , wenn von diesem » auf Ehre « die jährliche Osterbeichte ausgenommen gewesen wäre ; denn diese war , wie damals auch Pastor Engeltraut in Drusenheim gesagt hatte , eine ganz conventionelle » Sündenabwaschung « , der man nicht entrathen kann und die sich bei jedem , der keine bürgerlichen Unannehmlichkeiten erfahren will , innerhalb der katholischen Kirche von selbst versteht . Aber Thiebold de Jonge war wirklich in neun Jahren ein completter Heide gewesen . Immer traf es sich , daß er zu Ostern irgendwo auf Reisen war ; eine mahnende Mutter lebte nicht mehr ; sein Vater war » ohne Vorurtheile « und als » König der Holzhöfe « , wie er hieß , in einer Vorstadt wohnend , mit der Gesellschaft wenig in Berührung , ausgenommen bei den Provinziallandtagen . Die Gelegenheiten , wo junge Leute Beicht- und Communionzettel brauchen , kamen bei Thiebold nicht vor . Weder brauchte er Stipendien zum Nachholen seiner etwas vernachlässigten Studien , noch ließ er taufen . » Ei , wart ' du nur , Kerl « , sagte öfters sein Vater zu ihm , wenn er die Verwilderung bemerkte , » bis du nur endlich heirathen wirst , dann hört wol die Freigeisterei auf ! Aber ! « setzte er hinzu , » du wirst wol auch so ein Hans Matz werden , wie - « nun nannte er einige reiche ältere Herren aus der christlichen Handelssphäre , die , wie der » Ober-Chochem « Moritz Fuld , vorzogen , Garçons zu bleiben . Vor vier Monaten erst , als Thiebold so melancholisch und so verspätet von der drusenheimer Partie zurückkam und einige Tage lang seine besten Leibgerichte stehen ließ , setzte der Vater hinzu : » Die Hanne Kattendyk hast du dir nun auch entgehen lassen ! Macht sich so ein hungeriger Professor dran ! Nannette Schmitz ist freilich noch zu jung ! Aber Josephine Moppes , Lisette Maus , Mamsell Effingh und der kleine Schwarzkopf , der mir schon gefallen könnte , Betty Timpe - sage mir nur , Kerl , warum schleppst du dich mit den Brüdern dieser Mamsells , diesen liederlichen Tagedieben , wenn du nicht reelle Absichten dabei hast ! « Von einem adeligen Freifräulein und einer jetzigen Stiftsdame war keine Rede , weil der Sohn dem Vater » mit dergleichen « schön angekommen wäre , obschon Thiebold auch hier auf die Länge keine Schwierigkeit gefunden hätte und überhaupt mit seinem Vater auf mehr als dem Du-Comment kindlicher Vertraulichkeit stand . Der alte de Jonge ließ sich von dem jungen de Jonge behandeln , als wenn die Rollen umgekehrt wären , er der Sohn und Thiebold der Alte . Thiebold erzog » seinen Alten « und der Alte hatte sogar Furcht vor dem Jungen und bemühte sich ängstlich , ihm zu Dank zu leben . Es war ein Verhältniß wie in der verkehrten Welt , was jedoch nicht ausschloß , daß Thiebold mit dem tiefsten Schmerz ausrufen konnte : » Wenn mir ' mal bei Gelegenheit der alte Mann sterben sollte , wüßt ' ich auf Ehre nicht , wie das fertig bringen ! « Obgleich Thiebold seit vier Monaten sich weder in seiner Toilette vernachlässigte , noch irgendwie auffallend in seiner Ernährung zurückging , drückte ihn doch offenbar Melancholie . Seine Paletots gaben wol die Wintermode an , er hatte die Krägen und Aufschläge von schwarzem Sammet eingeführt , die seinem frischen , gesunden Antlitz und dem gescheitelten kräftig blonden Haar das schönste Relief gaben ; aber selbst die Bewunderung , die noch vorgestern Abend auf der Apostelstraße sein Pelzrock mit Schnüren , gefüttert mit Marderfell aus dem nördlichen Canada - einem eigenen Importartikel - hervorgebracht hatte ( selbst bei Pitern , der so kindlich glückselig sich erging , daß er die heute stattgehabte » Mordscene « mit Delring schwerlich schon embryonisch in seiner » fürchterlich reizbaren « Seele trug ) , selbst diese Bewunderung hinderte nicht , daß ein schon seit lange gehegter elegischer Plan kurz vor seiner Reise nach Witoborn zur Ausführung kam . In seinem Innersten hatte er sich auf etwas ertappt , was ihn drückte . Es war etwas , das er am wenigsten seinem angebeteten Freunde Benno von Asselyn und gerade darum dem Domherrn gestehen wollte . Vorgestern , beim Nachhausegehen von der Austernpartie , als er zwischen ein und zwei Uhr unter den nächtlichen Sternen nicht enden konnte , von Armgart ' s Mutter zu schwärmen und jedesmal Benno , wenn dieser dann auch mit Ekstase anfangen wollte , mit Allotrien in die Rede fiel , hätte er beinahe alle Schleier von seinem Innern wegfallen lassen . Asselyn ! - rief er ; aber da war dieser wieder durch irgendeine ironische Seitenbemerkung » unverbesserlicher ausgebrannter Krater « und so blieb eine » unwiderstehliche Erleichterung seines Busens « in ihm stecken . Heute in der Frühe zog er seinen canadischen Pelz an , las , um seine Katechismuszeit aufzufrischen , in einem alten Beichtspiegel , den er aus der Bibliothek seiner Mutter als Reisegepäck nach dem frommen Witoborn mitnehmen wollte , und beschloß , dem Domherrn eine gründliche Schilderung gewisser Schlechtigkeiten zu geben mit der Bitte , das Nähere davon Benno mitzutheilen , damit ihn dieser nicht verkenne , denn - » Eines muß der Mensch haben « , sagte er sich , » woran er sich vom Thiere unterscheidet , welches nicht mit Vernunft begabt ist « ; ja er setzte hinzu : » Unter gewissen Umständen ist das Sakrament der Buße eine merkwürdige Geschichte ! « ... Zu den besondern Segnungen des Beichtstuhls gehören nämlich die sogenannten » Restitutionen « . Der Beichthörende übernimmt dann die Ausgleichung einer eingestandenen Schuld , ohne daß der davon Betroffene die Ahnung hat , von wannen ihm diese geheimnißvolle Rechtfertigung oder unerwartete Schadloshaltung gekommen ist ... Für die sogleich zugestandene neunjährige Unterlassung des Beichtens erhielt Thiebold Vorwürfe , die er » vollkommen in der Ordnung « fand . Ja fast hätte er ohnehin zur schnellern Orientirung des hochverehrten Priesters über die » betreffende Persönlichkeit « , die hier in dem schönen canadischen Pelzrock und mit dem schönsten frisirten Scheitel vor ihm lag , die Ergänzung gegeben : » Schauderhaft , selbst für jene wunderbare Rettung am Sturz des St.-Moritz fand ich keine Veranlassung , irgendjemand anderes zu danken , als dem Obersten von Hülleshoven und einem Ihnen vielleicht persönlich nicht ganz unbekannten Ehrenmann Namens Hedemann « ... Trotz dieser zurückgehaltenen Indiscretionen mußte Bonaventura nach einigen weitern Wechselreden den Freund Benno ' s sogleich erkennen . Nicht wenig war er überrascht , als dieser von sich eingestand , daß auch er eine Dame liebte , die er nur » leise angedeutet « zu haben glaubte durch offene Nennung ihres Namens Armgart von Hülleshoven . Ich liebe ein Mädchen , bekannte Thiebold , von dem ich vor einigen Monaten erfuhr , daß es auch das » Ideal « eines Freundes von mir ist , für den ich » sonst mein Leben lasse « ! Durch eine besondere » Verkettung von Umständen « hatten wir zusammen eine nächtliche Reise zu » bestehen « , wir drei , die Dame , mein Freund und ich . Die Gegend war reizend , einsam und » wunderschön « ! Die Nacht mondhell , die Sterne - nein , es war » wirklich « prachtvoll und - und - » niemand « schlief , » die junge Dame ausgenommen « , die , von Anstrengungen » übermannt « , » der Natur ihren Tribut zollte « ! Mein Freund und ich , wir » zwei « , » verständigten uns durch gegenseitiges Schweigen « . Merkwürdig aber ! Je mehr » der Morgen graute « , desto » finsterer wurde es « ! Der Mond » verschwand « ... Die Berge , die Tannen - reizend ; aber um vier Uhr Morgens » stichdunkel « ! Unsere Begleiterin erwachte ! Sie seufzte und erzählte ihre Träume , die wir » um das feierliche Schweigen zu brechen « , ihr auszulegen versuchten ! » Aber « an den einzelnen Stationen mußten wir aussteigen , um mit den Posthaltern und Postillonen abzurechnen , denn mein Kutscher war mit meinen Pferden schon auf der ersten Station zurückgeblieben . Rücksichtsvoll und feierlich , wie wir » gestimmt « waren , ließ einer den andern zuerst wieder einsteigen , und zerstreut , wie wir gleichfalls gewesen zu sein » nicht leugnen können « , verwechselten wir unsere Plätze . Da - da fühlt ' ich auf einer der letzten Stationen vor Erreichung der » regulären Schnellpost « im Dunkel eines Hohlweges eine zarte Hand in der meinigen ... Die » Handschuhe « meines Freundes waren es nicht , obgleich es mir schien , als hätte er längst auf dem Herzen , mir mit Gefühl zu sagen : Freund , beruhigen Sie sich ! Sie sehen wohl , ich bin der Bevorzugte ! Aber nein ! Die Handschuhe waren die der jungen Dame . Ein Druck war es , » als wollte sie sagen « : O Geliebter , wie dank ' ich Ihnen von Herzen ! Sie haben mich zeitlebens zu Ihrer Schuldnerin gemacht ! Bleiben Sie mir gut mein ganzes Leben lang ! ... Herr Gott , ich zitterte ! Ich wußte , daß das gar nicht mein Platz hier war und sie mich für meinen Freund hielt ! Ich erwiderte den Händedruck und das mit Beben und mit einer » gewissen Schüchternheit « , woraus sie noch um so mehr die » Berechtigung entnahm « , glauben zu dürfen , daß der von ihr Beglückte mein Freund und nicht ich war . Die Dame legte sich wieder in ihre Ecke » und entschlief aufs neue « . Aber das Gewissen brannte mir . Herr des Himmels , der Wagen hielt , und nun mußt ' ich aussteigen , und der Freund , der » ein wenig geschlummert hatte « und die Worte des lieblichen Engels » überhörte « , folgt - und nun diese » beklagenswerthe Verschmitztheit meinerseits « ! Ich schlug ja vor , die Plätze wieder zu wechseln ! Und dies geschah und der Morgen graute immermehr und der Postillon blies und das junge Mädchen erwachte » aufs neue « . Gott , sie lächelte ! Sie lächelte in aller Unschuld . Sie lächelte meinen Freund an , der ihr nun wirklich gegenübersaß ! Aber » natürlicherweise « ! Nicht im mindesten machte dieser Miene , sich an eine Zärtlichkeit zu erinnern , » die er nicht genossen hatte « . Um meine Verlegenheit zu vermehren , gab die dankbare Freundin unserer Herzen nun auch mir die Hand , als wollte sie sagen : Ganz zu kurz kommen sollen auch Sie nicht , lieber Herr de Jonge ! Und dies offenbar viel kältere Benehmen sah mein Freund nicht ohne Befremden . Schwerlich schrieb er ' s auf » Rechnung meines Wagens « , den er zwar zu loben anfing ; aber ich gestehe , daß ich schon damals beschämt war , nicht im mindesten » honnet genug « gewesen zu sein und gesagt zu haben : Erlauben Sie , mein Fräulein ; vorhin - das bin ich auch gewesen ! Kurz , mein armer Freund blieb ohne alle Aufklärung ! Ich , ich sonst ein Mensch von » Reellität « , habe aus » Liebesglut « meinen Betrug verschwiegen bis zum heutigen Tage und » ich muß gestehen « , diese Lüge » entstellt meinen ganzen Charakter « . Denn nicht nur nicht - wie gesagt - sie einzugestehen war alle Tage Zeit - sondern auch - meine Schlechtigkeiten in diesem » Punkte « nahmen noch zu ... Bonaventura hatte schon oft Gelegenheit gehabt , sich zu überzeugen , daß Benno nicht Unrecht hatte , seinen Freund Thiebold de Jonge einen » närrischen Kerl « zu nennen . Diese so wunderlich stylisirten Gewissensscrupel überraschten ihn daher nicht im mindesten ... Ich kann sagen , ich habe eine so gründliche Abneigung gegen mich selbst gefaßt , fuhr Thiebold fort , daß ich jede Nacht um einige Stunden meines Schlafes » verkürzt « werde . Auch werde ich keine Ruhe finden , ehe es nicht wieder » Tag in meinem Innern « wird ! Eines muß der Mensch haben , was seine Religion ist und die Ehrlichkeit , glaub ' ich , » spielt dabei keine unansehnliche Rolle « . Welche andere » Schlechtigkeiten « sind es denn sonst noch , die Sie vorhin erwähnten ? fragte Bonaventura ... Die bodenloseste Verstellung ! sagte Thiebold und trocknete sich den Angstschweiß von der Stirn . Ich schmeichle nämlich meinem Freunde mit der » stereotypen Versicherung « , daß die » Palme des Sieges « nur er allein davontragen könne . Regelmäßig aber habe ich davon das absolute Gegentheil im Herzen ! Ich sage ihm : Asselyn - bitte um Entschuldigung ! ( Für die unerlaubte Angabe eines Namens - ) Ich sage : Freund , Sie sind der Glücklichste der Sterblichen ! Im Gegentheil aber erwäg ' ich meine bessern Umstände , sogar meinen » scheinbaren Adel « und ähnliche » Chancen « . Diese » vorhabende « Reise morgen nach Witoborn ist z.B. eine solche schlechte Erfindung meiner Doppelzüngigkeit ! Nicht im entferntesten liegt für mich ein Interesse vor , Wälder zu kaufen , die an keinem » schiffbaren Wasser « liegen . Nichtsdestoweniger hab ' ich dies schlechte Geschäft als eine außerordentliche » Conjunctur « hingestellt , ja dem Freunde sogar » schmählicherweise « mein Bedauern ausgedrückt , daß ich ihm durch meine Anwesenheit in Witoborn ein » lästiger Zeuge « sein würde . Wie gesagt , ich fange an stündlich über mich selbst zu stolpern und mich dem schaudervollsten Trübsinn zu ergeben aus Desperation über mich selbst ! Hochwürdiger Vater ! Ich möchte auf die ehrliche Straße zurück ! Es würde mir dies » stellenweise « erleichtert werden , wenn Sie , hochwürdiger Vater , die Güte haben wollten , meinen Freund zu versichern , Sie wüßten aus » authentischer Quelle « , daß er geliebt wird . Ich würde dann mit einer gewissen Erleichterung neben ihm meinen Platz im Postwagen einnehmen ; denn wir wollen diesmal mit der gewöhnlichen Diligence fahren ... Mit diesem schwungvollen Schluß endete Thiebold ' s gründlich einstudirte Beredsamkeit ... Jeder andere , der dieser Flüstersprache zugehört haben würde , hätte sicher seinem Ohr nicht getraut . Aber ein katholischer Priester hört dergleichen Herzensergießungen täglich . Die Neigung , die man bei Schulkindern das » Anbringen « nennt , wird durch den Beichtstuhl in Bezug wenigstens des » Anbringens über sich selbst « sogar geschult und erzogen . Und will man ein guter Erzieher sein , muß man zugestehen , daß in dem Anbringen selbst über andere in der Schule ein Keim liegt , der etwas Gutes enthält . Es kann ein Wahrheits- und Gerechtigkeitstrieb sein , der nichts Unrechtes sehen oder leiden kann . Ein Kind , dem man das Anbringen unter allen Umständen verleiden wollte , könnte leicht in Gefahr gerathen , am Guten irre zu werden ; denn immer wird es denken : Ei , das Böse ist doch dafür da , daß es entlarvt und bestraft werde ; wie hindert man mich denn , das Gute herzurichten ? Und der Beichtstuhl hört deshalb mit Geduld alles , was in ihm angebracht wird . Auch behülflich ist er , die Entdeckungen zu fördern und das Gute so wieder einzurichten und einzufugen , daß die , die es verletzten , nicht zu sehr dabei bloßgestellt werden . Er legt Strafe und Züchtigung vorzugsweise für die innere Gesinnung auf , übernimmt dann aber fürs Praktische gern , wie wol ein liebender Vater auch thut , das von seinem Kind gestohlene Gut wieder an den rechten Platz zu legen , ohne daß der Thäter auf ewig zu Schaden kommt . Der Beichtstuhl möchte gern auf diese Art die Harmonie des Lebens ergänzen . Und da die Sünden , in allgemeiner Formel ausgedrückt , oft nur Redensarten sind , so muß er zu dem Ende ausführlich die Facta hören , muß wissen , welche Rubrik in der Moral verletzt wurde und welche Arznei zu wählen ist , ob eine heroische , erschütternde , ein Taraxakum , oder eine sanfte und lind auflösende ... Thiebold , der sich in dem Augenblick vorkommen mochte , wie der heilige Aloysius , Thiebold , der als » Aufgeklärter « nur festhielt an dem , was » an seiner Kirche wirklich gut « ist - » aufgeklärt « und » protestantisch « lagen für ihn und vielleicht auch für Benno weit , weit auseinander - , traf heute nicht den alten guten Herrn , bei dem er angeleitet worden war richtig Beicht zu sprechen . Der Pfarrer von Sancta-Maria an den Holzhöfen pflegte in solchen Fällen immer zu sagen : » Geh du man , min lütje Jong ( es war ein Friese , wie die Asselyns ) , dat schall ik wol maken ! « Der gute alte Herr arrangirte , was Thiebold von eingeworfenen Fenstern , Näschereien , sogar schon Schulden ( bei vierzehn Jahren ! ) ihm eingestanden hatte . Hier aber mußte Thiebold erleben , daß seine noble Gesinnung und die » authentische Quelle « und sein » die Güte haben wollten « - nicht den mindesten Anklang fanden ... Bonaventura verurtheilte ihn zwar nur zu einigen Aves und einigen Spenden , sprach ihm aber das Absolvo erst nach folgenden strengen Worten : Und können Sie mir wirklich zumuthen , daß Ich nun auch noch an dem Gewebe Ihrer Unwahrheiten mit fortspinne ? Wollen Sie Ihren Betrug gut machen , den Sie in dem Wagen bei jener nächtlichen Fahrt gespielt haben , so glaub ' ich , daß Sie ihn selbst bekennen müssen . Erleichtern will ich Ihnen diese Beschämung allerdings dadurch , daß ich der Meinung bin , Ihr Geständniß ist zunächst da anzubringen , wo der Betrug stattfand . Zuerst müssen Sie der jungen Dame , die Sie nun ja wiedersehen werden , bekennen , daß Sie es waren , der den Händedruck empfing . Die Täuschung , die Sie begingen , ist freilich eine doppelte . Lassen Sie aber erst das Geständniß vorangehen , das Sie der Dame selbst zu machen haben , und sagen Sie dann mir , da ich gleichfalls in der gemeinten Gegend sein werde , was sie Ihnen erwiderte ; vielleicht wünscht sie den Vorfall jetzt lieber ganz verschwiegen . Soll ihn aber später Ihr Freund erfahren - und ein wirklich dann Ihretwegen besorglicher Fall das - so will ich Ihrem guten Willen , Ihrer Neigung , Ihr Gewissen zu entlasten , vor dem Freunde ein Zeugniß geben , das Ihre Hinterlist nicht zu sehr compromittirt oder wol gar eine Aufkündigung der Freundschaft zur Folge hat , wenn nicht Schlimmeres , was ich nicht wünschen möchte ; denn Ihre Freundschaft ist dem Freunde schon ein Besitz , den er hat ; die Liebe jenes Mädchens aber bisjetzt etwas noch Zweifelhaftes . Ich möchte nicht , daß er um Freundschaft und Liebe zugleich kommt ... Thiebold erhob sich wie angedonnert ... Die Verwickelung wurde immer größer ... Die ganze Freundschaft mit Benno stand auf dem Spiel ... Und - ein Geständniß seiner offenbaren Heimtücke an Armgart selbst ! .. Er sah die vollkommenste Niederlage , die ihm Bonaventura im Stifte Heiligenkreuz bereitete ... Die Vorwürfe Armgart ' s hörte er , hörte die offenkundigste Demüthigung in dem kühlsten : » Sie waren das ? « das je auf Erden gesprochen wurde - Er wankte nur so hinaus und litt mehr , als sich schildern läßt . Denn seine Bewunderung vor Benno ' s Vetter war nicht blos hoch , sondern » höchst « . Er mußte sich gestehen , unter solchen Gefahren und Verwickelungen hätte er sich die Reise nach Witoborn anzutreten nicht für möglich gedacht . Ruhe , Erwägung , Sammlung waren Bonaventura nicht vergönnt ... Wie gern hätte er sich jetzt träumerisch verloren in Benno ' s Liebe , in Armgart ' s Gegenliebe , die er durch seine Thiebold gegebene Vorschrift prüfen , zu vollerem Bewußtsein erheben , zum reichern Schatz für seinen Freund ansammeln wollte . Er dachte : Vielleicht kannst du eine dem dunkeln Lebensschicksal deines Freundes plötzlich aufgebende rosige Beleuchtung in Witoborn ihm selbst ankündigen ! ... Aber schon redete eine andere Stimme ... Es war eine heisere . Aber eine weibliche , soweit ein sonderbares Näseln und stoßweises Schluchzen sie unterscheiden ließen - ein Taschentuch mußte schon an allen Enden gewechselt worden sein , so feucht war es von dem Jammer der Zerknirschung . Eine Nase wurde dem Hörer sichtbar , geschwungen wie der Schnabel eines Geiers . Drüberher ein orangegelber , ganz neuer Atlashut , mit schwarzem Sammet besetzt und mit Spitzengarnitur . Es war dem Hute und dem Taschentuche und dem Weinen zufolge eine Dame . Alles Uebrige konnte einem Manne angehören . So gewandt wie diese Bonaventura bereits hinlänglich bekannte Seele wußte selten eins die vorgeschriebenen Anreden und Formeln auswendig . Die Frau war erst vor vierzehn Tagen dagewesen , aber schon wieder war sie der Sünden so voll , daß der Beichtvater in sein Examen keine andere Ordnung bringen konnte , als systematisch nach sämmtlichen zehn Geboten . Eine Sünderin war es ganz nach dem Schema eines Beichtspiegels . Bei jedem Paragraphen der Moral hatte sie ihrem Innern gleichsam ein » Eselsohr « gemacht . Schon neulich hatte sie unnützerweise dreizehnmal Gott , siebenmal die Heiligen , siebzehnmal die Nothhelfer angerufen . Die Terminologie des Beichtstuhls und der Curialstyl der Gnadenzustände war ihr so geläufig , daß man hätte sagen mögen , sie sündigte auf Stempelpapier . Auch einem Diebe konnte man sie vergleichen , der seine Einbrüche schon nach demjenigen Strafmaß qualificirt , das gerade ausreicht , ihm nach zwei Jahren wieder die Freiheit zu verschaffen . Dies war eine Frau , die im Entzug des allerheiligsten Sakramentes des Altars lebte . Sie behielt nur noch den Beichtstuhl offen zur Erweckung eines besseren Gnadenzustandes . Der junge Domherr war durch vorher nothwendig gewesene officielle Mittheilung der Sachlage über eine Frau orientirt worden , die sich alle vierzehn Tage vor ihm geberdete , als wäre ihr durch Vorenthaltung des heiligen Brotes die notwendigste physische Speisung entzogen . Mit solchem Seelenjammer , dem da nun auch ein Priester , ein Mann , der außerhalb der Ehe leben und dem holden Reiz der Frauen nicht auf sich wirken lassen darf , sein Ohr leihen muß , hätte Bonaventura lieber , wie die Casuisten in diesem verfänglichen Kapitel , lateinisch gesprochen ! Aber schon war er auch von St.-Wolfgang her gewöhnt , daß sich die Gewissen nach dieser Seite hin mit besonderer Vorliebe erleichterten . Sein Vorgänger , Cajetan Rother , hatte den Drang seiner Beichtkinder , Sünden des Fleisches einzugestehen , durch jene geistige Entbindungskunst , die Sokrates in philosophischen Fragen erfunden , sogar noch zu beleben gewußt . Kein Kind hatte er aus dem Beichtstuhl gehen lassen , das er nicht auf sein Geheimstes ausgefragt hätte . Bonaventura schauderte anfangs vor den Mittheilungen , die man ihm machte , und bald ließ er vieles , was sich auszuplaudern schon gewohnt war , gar nicht mehr zu Worte kommen . Aber diese Materie blieb darum doch ein Lieblingsthema der reuigen , durch Geständniß halb sich schon entschuldigt glaubenden Mittheilung . Bekenntnisse dann freilich , wie die von dieser Frau heute schon zum sechsten oder siebenten mal vernommenen , waren ihm noch neu . Diese konnten nur in einer großen Stadt vorkommen . Sie kamen so geläufig , so formenfest , als wollte nur ein Gewerbtreibender wie die bürgerliche , so hier die himmlische Steuer entrichten , die ihm für sein Fach die Berechtigung gab , es wie begonnen so fortzusetzen . Welche Strafen sollte nun Bonaventura einer Frau verhängen , die als eine Gelegenheitsmacherin in Untersuchung gerathen war , außer dem Stande der Gnade lebte und keineswegs als gebessert betrachtet werden konnte ? Einer Frau in glänzendem Staat , Besitzerin einiger Häuser , einer Frau , die in dem Rufe stand , bei sich Gesellschaften zu dulden , wo schon manches junge Mädchen um Ehre und Ruf gekommen ? Die Polizei und die Kirche kannten Madame Schummel ... Bonaventura erhielt sie gleichsam als eine geistliche Observatin von seinen Vorgängern überliefert , als eine Frau , die in einer Art Kirchenbann lebte . Schon beim ersten Besuche , den sie ihm im Beichtstuhl machen mußte , sprach er zu ihr die Worte des Propheten : » Ich will Haufen Leute über dich bringen , die dich steinigen und mit ihren Schwertern zerhauen und deine Häuser mit Feuer verbrennen und dir dein Recht thun vor den Augen der Weiber ! « Aber diese markdurchschneidenden Worte kamen der Madame Schummel , die wie ein Büßer mit der Geißel nicht stark genug zugehauen bekommen konnte , gerade recht . Da sie ihn fortwährend belästigte , nahm sich Bonaventura vor , bei ihren Allgemeinheiten nicht zu verharren , ihr Reden zu unterbrechen und zu versuchen , ob es nicht auch in dem Leben solcher Bekennenden » Restitutionen « geben könnte ... Welches ist die letzte Seele , die Sie auf dem Gewissen haben ? fragte er sie heute geradezu . Du mein Gott ! .. war die auf den Tod erschrockene Antwort ... An wessen Seele haben Sie sich zuletzt vergriffen ? Gestern ? Heute schon ? Sprechen Sie ! O du mein Gott ! .. Ich frage ! Bonaventura ' s Auge erhob sich so drohend , wie wenn er den vollständigen Kirchenbann über sie verhängen wollte ... Frau Schummel verstand die Drohung und fing an zu zittern und sprach : Jesus Maria Joseph ! Zwei junge Herren haben eine Wette gemacht , - daß ein gewisses junges Mädchen , nicht - nicht - so - nicht so unschuldig sei , wie sie aussähe ... Und Sie ? unterbrach der Priester das Geständniß einer Frau , die nun hier auch knieen durfte an der Stätte , wo eben Unschuld und Sittlichkeit gesprochen ! .. Ich - ich kann sagen , daß ich sie - ich meine das Mädchen - begleitet habe auf Tritt und Schritt und sie eingeladen , mich zu besuchen - und gewiß - gewiß auch würde sie gekommen sein , wenn nicht ein - ein geistlicher Herr , den ich gut kenne - es bemerkt und ihr - die Bekanntschaft mit mir verboten hätte ... Ein - geistlicher Herr ? » Den ich gut kenne ! « Bonaventura erbebte ... Er sah die Würmer in der Hostie wieder ... Doch bekämpfte er sich und gedachte des römischen Katechismus , der Theil II , 5. 9. 51. befiehlt , der Priester soll darauf achten , daß die Sünder im Beichtstuhl so behandelt werden , daß sie immer Lust bezeigen , wiederzukommen . So denn zwang er sich zur Selbstbeherrschung ... Ach , weinte Madame Schummel , meine vornehmen Freunde verderben mich ! Da kommen sie und schmeicheln mir und bieten Geschenke ! Tausend Thaler kann ich haben , wenn ich - Dies unglückliche Mädchen zu Falle bringe - ? Nein , ihre Freundin ! Die - die mit ihr in einem Hause wohnt ... In einem Hause ? ... Bonaventura wußte kaum , was ihn plötzlich an Treudchen Ley und Lucinden zu denken zwang - er wußte kaum , was ihm plötzlich die Besinnung raubte , zwang seine Fragen zu unterbrechen , seinen Entschluß zu helfen lähmte ... Ich Aermste , ich soll alles möglich machen ! schluchzte Madame Schummel . Ich unglückliche Frau ich - Sie werden alles versuchen , die Preise zu gewinnen , die sittenlose Männer auf diese Verführungen stellen ! sagte Bonaventura ... Nein , da sei Gott für , hochwürdiger Vater ! Die Eine , die Kleine , ei , ich höre ja , die ist fürs Kloster bestimmt ... Treudchen ! .. Bonaventura wußte , wie Treudchen von den Klosterfrauen gefesselt wurde , wußte , wie Treudchen ebenso die Schwester Beate fürchtete , wie sie die Schwester Therese liebte . Treudchen hatte ihm alles das bei einem Besuch im Kapitelhause , bei ihrer , Renaten angebotenen Hülfe zu seiner neuen Einrichtung selbst erzählt ... Mit hochklopfendem Herzen fragte er : Und die andere - ? Maria , Königin der Jungfrauen , lass ' mich siegen bei allen Angriffen der Feinde meines Heiles ! Mein heiliger Schutzengel , bitte für mich und erlange mir einen großen Abscheu gegen alle Fleischeslüste . Und du , Gott der