dazu ! « - » Still ! Ich beschwöre Sie , nur keine Emotion ! Sie haben sich beherrscht , ich habe Sie bewundert . Fahren Sie so fort . In meiner Brust ruht Ihr Geheimniß wie im Schooß der Erde - vertrauen Sie mir - « » Aber , lieber Gott , wenn ich ' s recht bedenke , was ist es denn eigentlich - « » Denken Sie nicht , um Gotteswillen , denken Sie jetzt nicht . Dem Reinen ist Alles rein , aber wer ist vor Diesen rein ? Ein Rendezvous in der Kutsche - bei Nachtzeit - Ihre verwundete Hand ! die zerschlagene Scheibe - die Lüge ! O verzeihen Sie , ich rede nur , was Diese reden würden . Grässlich , wenn Auguste morgen der Gegenstand des Stadtgesprächs - Nein , nimmermehr ! Denken Sie nicht , Sie sind in Agitation - lassen Sie jetzt Andre für sich denken , die ruhiger sind , die wenigstens ruhiger scheinen , « setzte er seufzend hinzu . Sie reichte ihm bewegt die Hand : » Sie meinen es gut . « - » Gnädige Frau , « sagte er , respektvoll zurücktretend , » Mancher ist doch besser , als man glaubt . « » Charmant ! « sagte der hinzutretende Baron , um seine Frau fortzuführen . » Kontinuiren Sie , Herr Legationsrath , noch bin ich nicht eifersüchtig . Aber was nicht ist , kann noch werden . « Sechsundsiebenzigstes Kapitel . Nur eine Kleinigkeit . Es war schon Nacht , als Walter mit seinen Erkundigungen in das Hotel des Ministers zurückkehrte . Depeschen wichtigen Inhalts waren diesem kommunicirt worden : Napoleon hatte endlich offiziell dem Berliner Kabinet die Stiftung des Rheinbundes notifizirt mit einer formellen Aufforderung , dieser Konförderation zum Wohl des gesammten Deutschlands beizutreten . Ein bittrerer diplomatischer Hohn ließ sich kaum denken . Eben als Laforest von seiner Meldung zurückgekehrt , hatte er die Serenade der Gensdarmen empfangen ! Walter meinte , daß Laforest zu verständig sei , eine Insulte trunkener Jünglinge anders zu betrachten , als sie war . » Gewiß , « hatte der Freiherr erwidert , » Napoleon wird um dieser Albernheit willen keine Stunde früher losschlagen , als seine Absicht ist . Aber eben , weil wir und er noch nicht gerüstet sind , weil wir beide die Maske der Freundlichkeit noch nicht abwerfen dürfen , zu welchen Lügen zwingt uns abermals die Unbesonnenheit ! Man muß die jungen Leute härter strafen , als nöthig . Hardenberg muß wieder mit süßschwellenden Lippen Betheuerungen unserer freundschaftlichen Gesinnung machen . Das ist der Fluch unserer Gedankenlosigkeit , « setzte er hinzu , » des Allesgehenlassens , daß sich Zustände , Stimmungen entwickeln , die naturgemäß heraus müssen ; wir ließen sie zu , wir nährten sie sogar , und wenn es zur Explosion kommt , erschrecken wir , stehen rathlos , und möchten mit Keulen das Kind zurückschlagen , das aus der Mutter Leibe will . « Der Minister stand wieder am offenen Fenster . Athmete er die frische Herbstluft ein , oder verfolgte sein Auge das sternenbesäete Firmament ? Zuweilen schien er auf die Blaseinstrumente zu horchen , deren Töne der Luftzug aus entfernten Tabagieen und Gärten herantrug . Es war immer der Dessauer Marsch . » Der alte Dessauer sang ja auch wohl die Kirchenlieder nach der Weise ! - Es ist Alles hier eine Weise . Das ist ' s , was den Muth dämpft . « Walter meinte , in Ansichten sei doch eine Musterkarte vorhanden . » Nein , die Uniform ist ins Blut gedrungen . Das ist ' s ! das ist das Uebel . Ein König war einmal ein Wütherich der Sitte , da wurde das Volk puritanisch , ein anderer ein Freidenker , da wurden sie Freigeister . Dann Libertins , zur Abwechselung Träumer , magnetisch verzückt , Geisterseher . Aus Ueberdruß auch wieder tugendhaft , häuslich . Sie wären Encyklopädisten , Freimaurer , bureaukratisch fischblütige Jacobiner geworden , wenn Menken länger gelebt , und Beyme nicht in die Stricke der Andern gefallen wäre ! - Und was das Uebelste vom Uebel , sie halten diese Virtuosität des Nachspringens noch für Bravour und Tugend . « - » Und hat nicht diese Virtuosität oder Tugend unsern Staat zu dem gemacht , was er ist ? « - » Respekt vor dem Geschlecht , junger Freund ! Die großen Männer waren es , die Riesengeister , von jenen Bergen stammend , auf denen auch der Hohenstaufen in die Wolken sah . « Auch die Stammburg des Ministers schaute von einem Berge in die Wolken . Der Minister musste den lächelnden Zug um seine Augen verstanden haben ; es lag wieder etwas wegwerfende Härte in seinem Ton : » Sie können nicht dafür , daß Sie es nicht begreifen . Ihre ganze Erziehung , die Bildung hier ist daran schuld . - Es war ein Experiment , wie es in der Weltgeschichte noch nicht einmal vorgekommen . Daß eine Dynastie , ein Fürstengeschlecht ein Volk machte ! Zusammengeleimt widerstrebende Theile mit seinem Blute . Ich sage Ihnen , ich habe den höchsten Respekt vor diesem Blute . Welche Eisentheile , welche Attraktionskraft , Klarheit muß die Schöpferin Natur da einmal in ihrer übermüthigen Laune hineingegossen haben ! Aber wenn ein Volk , wenn Stämme , wenn die Natur selbst darüber untergingen , dann erlaube ich mir wenigstens eine Thräne an ihrem Grabe . « - Nach einer Pause hub er wieder an : » Ich sage Ihnen , ohne Aristokratieen ist kein Leben in der Natur , kein Fortschritt in der Menschheit . Die Weltgeschichte wäre ein mongolisch-chinesischer Brei , ohne Halt , Erhebung , tragische Größe . Wenn man die Kirchtürme abbricht und die Schornsteine höher mauert , die Berge planirt und mit Schubkarren Hügel aufführt , ist das Ersatz ? Was wäre der Erdball ohne sein Granitgerippe , das ihn zusammenhält gegen Orkane und Fluthen , Wälle gegen Sonnenbrand und Steppensand ! Wo entspringen die Flüsse ? In dem ewigen Schnee , der auf ihren Firnen lagert . Die Menschennatur ist nicht anders . Hab ' ich eine Stimme wie die Catalani ? Sind Sie schön wie Adonis ? Können wir ' s uns geben ? Sie würden mich , ich Sie einen Thor nennen , wenn wir danach trachteten . Wohin hat die Gleichmacherei der Jacobiner geführt ! Frankreich seufzt unter einem neuen Marschallsadel ; so dünn plattirtes Gold es sei , das Volk muß es von seinem Schweiße hergeben , wie es die Säckel der Direktoren füllen , die Guillotinen mit seinem Gelde bauen musste ! Ist der alte Adel darum todt ? Er lauert nur , und lässt seine Nägel wachsen , ums wieder an sich zu scharren , wenn die Gelegenheit kommt . Das die Wirkung der Impetuosen . « » Hier liegt aber vor uns die Arbeit eines Jahrhunderts und darüber . Wir sehen nicht mehr die Arbeit , nur das fertige Werk . « - » Ist es fertig ? « - Er schüttelte den Kopf . - » Was wäre der schönste Gliederbau werth , dem der Kopf fehlte ? - Man fängt an , auf Friedrich zu schmälen . Man hat Unrecht , auch der wackere Arndt irrt . Was er als Sünde des Individuums züchtigt , war nur der Instinkt des Blutes , es war die wunderbare Aufgabe der Dynastie , die Naturen und ihre Summitäten zu ertödten , um aus sich heraus allein das Werk zu erschaffen . Wär ' s ihnen gelungen , gelingt es ihnen , dann sind sie im Recht , es war eine Mission , eine Aufgabe von Gott , aber - « Das plötzliche Verstummen des Ministers war nicht von den Zeichen begleitet , welche den Willen , ein Gespräch abzubrechen , andeuten . Er wollte Widerspruch . Walter aber lenkte es von einer Seite ab , von der er wusste , daß sie für den Freiherrn immer empfindlich war . Er lenkte es auf die Fragen hin : ob denn die großen Reorganisationspläne des Staatsmannes grade in dem kritischen Augenblicke an der Zeit seien ? » Jetzt oder nie ! « fiel der Freiherr ein . » Preußens Geschichte laß ich als eine seltene Rarität unberührt . Wir empfingen das Werk mit dem Stempel , den seine Schöpfer darauf gedrückt . Diese Schöpfer sind todt . Und wenn sie als Geister aus ihren Grüften um uns schwebten , sie könnten uns doch nicht zuflüstern , was wir thun müssen , denn ihre Kenntniß ist aus ihrer Zeit . Wir müssen aus der schöpfen , die ist . Ein stolzes Orlogschiff schaukelt im stürmischen Meere . Seine Kapitäne und Steuerleute sind gestorben , ihre Papiere verloren , selbst die Traditionen , wohin es steuern müsse , sind es . Was soll man thun ? Die Hände in den Schooß legen , es den Winden überlassen , wohin sie treiben ? - Ja , dann verdienten sie , Mann und Maus , elendiglich auf dem Wrack umzukommen . - Nein , das Volk wird zusammentreten , berathen , die Tüchtigsten aus sich , die Erfahrensten , die Kühnsten auswählen , sie in die Masten schicken , ihnen das Steuer in die Hand geben , und , mit Gott , sie werden thun , was an ihnen ist , sich und das Fahrzeug zu retten . - Ein solches Schiff ist Preußen , ein solcher Augenblick ist dieser . - Jetzt gilt es das Volk aufrufen , jetzt oder nie . Erwacht , erwägt , was es Euch ist , dies Vaterland , ob es werth , daß Ihr Alles dran setzt , Alles , nicht nur Gut und Blut , auch die Gewöhnung , das eingeschrumpfte Dasein , den Stolz . Sie müssen neu geboren , sie müssen wieder Kinder werden , um der Gnade empfänglich . « - » Und wenn das Volk den Ruf nicht hörte ! « - » So haben wir gerufen , und der Schall vibrirt fort durch die Luft - er weckt nach uns , Andre werden uns hören , wenn wir längst untergegangen . « Der Freiherr ging wieder in Gedanken versunken auf und ab . Er blickte noch einmal zum Fenster hinaus , und das Sternenlicht schien wieder seine Ruhe und Klarheit auf das charakterfeste Gesicht des Mannes gehaucht zu haben , als er zurückkehrend sich Walter gegenüber am Tische niedersetzte . » Wir dürfen uns nicht in Empfindungen verlieren , es drängt . Nehmen Sie wieder die Feder - « Walter schrieb - hingeworfene Sätze , die von den Lippen des Ministers , wie ein immer lebendigerer Quell , sprudelten . » Gedenken Excellenz auch dieses Memorial durch die Hand der Königin an die höchste Stelle zu befördern ? « - » Ja , die Königin - wenn sie - ! « Die Gedanken flogen , sie drängten und überstürzten sich , konvulsivisch , wie die Bewegungen der Lippen . » Und warum es uns verhehlen , was eine nur zu sichere Ahnung uns sagt ! Auch dieser Versuch wird scheitern ! Zu einem Titus in Tagen des Friedens war er geboren . Die Zeit forderte einen Sulla . Dieser bürgerliche Gerechtigkeitssinn reicht aus in Zeiten , wo das Rechte aufhört . Daß es da ein Höheres giebt , was der geweihte Priester aus den Wolken greifen muß , wer darf ihn tadeln , daß ihn Gott zu diesem Glauben nicht geweiht . Er hat eine Scheu vor außerordentlichen Schritten - es wird ad acta gelegt werden wie das andere . Sollen wir darum nicht unsere Pflicht thun ? - Wir werden Napoleon unterliegen . « - » Seiner Uebermacht ? « - » Nein , unserer Unmacht ! Unserm Dünkel , der den im Sturm und Donner neu schaffenden Gott nicht sieht . - Schreiben Sie weiter - « » Und mit dieser Vorahnung - « » Vorbewusstsein , « korrigirte der Minister , » will ich ihnen einen Spiegel hinhalten . Desto besser , wenn sie ihn im Zorn zerschlagen , weil sie so hässlich darin aussehen . Wenn die Zuchtruthe des Herrn über sie kommt , lernen die Völker beten . Mit Gebet allein aber , mit dem Insichgehn ist ' s nicht gethan , sie sollen aus sich herausgehn . An Verstand hat ' s nicht gefehlt , aber an Muth , ihn auszuprägen . Wir werden nicht ernten , aber säen wollen wir . Der Krieg wird die Saat zerstampfen , aber ein Körnlein geht doch auf . « Es war lange nach Mitternacht , als Walter die Feder niederlegte . Es war nicht ungewöhnlich , daß der Minister nach gallichten Ergüssen seiner Heftigkeit selbst die Gescholtenen zur Widerrede aufforderte . Zur Ruhe zurückgekehrt , hörte er sie auch ruhig an . Walter glaubte , daß er in mehreren Punkten die Wirklichkeit schwärzer gemalt , als sie sei . » Das ist nur der Fluch der Parteistellung . Im Eifer fliegen wir über das Maß hinaus , in der Anschuldigung wie in der Vertheidigung . Es lässt sich nicht anders thun , der redlichste Wille wird unterthan dem Zwecke . Götter sind wir nicht , und der Allmächtige wird wissen , warum er uns nicht Engelsseelen gab . - Uebrigens solcher Liederlichkeit ist auch Gift ein Heilmittel . Heim braucht jetzt Arsenik , wenn das kalte Fieber absolut nicht weichen will . « Walter legte aufstehend die Papiere zusammen . Die Sitzung war geschlossen . Draußen klirrten Schleppsäbel auf dem Pflaster , junge Offiziere , von einem verspäteten Zechgelage heimkehrend , gingen lachend und singend vorüber . » Es sind Theilnehmer an der Bravade von heut darunter , « sagte Walter , der sich dem Fenster genähert hatte . » Sie sind des Erfolges sicher . « Der Minister legte seine Hand auf Walters Schulte : » Und welchen andern , mein Freund , hätte diese Bravade gehabt , wenn ein Jahr früher ! Damals hätte es zünden müssen . Damals , als das Pulver gestreut lag . Laforest hätte seine Pässe fordern müssen , es ging nicht anders . Hardenberg hätte sie ihm auf der Stelle zugesandt - der Sturm war los , die Schleusen gebrochen , und die Sonne von Austerlitz wäre anders untergegangen ! Warum trieb der Champagner ihr Blut nicht durch die Adern ! - Warum da nicht ? Warum zu spät ? Das sind die Fragen , die unsere Philosophie aus ihren Angeln heben . « Der Ministerialsekretär war schon aus der Thür , als er ihn wieder zurückrief . » Ich wollte Sie nur um einen kleinen Dienst bitten , klein für Sie , groß für mich . Es liegt mir viel , sehr viel daran , daß Bovillard Zutritt bei Hofe erhält . Grade jetzt , wenn das Memorial eingeht . - Er wird eigensinnig bleiben . - Thun Sie mir da den Gefallen und gehn zu dem schönen Mädchen , ich meine seine Braut . Stellen Sie ihr die Sache ernstlich vor , daß ihr eigen Glück davon abhäugt , seine definitive Placirung . Wenn sie um Audienz bei der Königin bittet , wenn sie das Sentiment , ihre eigne Herzenslage schildert , wird es ihr nicht schwer werden , auch Luisens Herz zu rühren . Die Lafontaineschen Romane spuken da noch immer . Ein Familienjammer ist außerordentlich wirksam . Sie kann ja auch einfließen lassen , daß nur auf diese Weise die Abneigung des alten Bovillard zu bewältigen ist . « Walter schwieg : » Liegt denn Euer Excellenz so - überaus viel an - « » An Kleinigkeiten , « fiel ihm der Freiherr ins Wort . » Die Kieselsteine , die in ein Räderwerk , der Staub , der in eine Taschenuhr fällt , soll der Müller und der Uhrmacher sie liegen lassen , weil er der Vortrefflichkeit seiner Maschinen vertraut ? Ja , Lieber , der Staatsmann , der auf die Kleinigkeiten nicht zu achten brauchte , wäre größer , als je Einer in der Welt es war . Sie sind da , um unsern Scharfsinn wach zu halten , und der sie nicht ergreift , wo sie ihm günstig sind , versündigt sich vor dem , der sie ihm in die Hände spielte . Also morgen schon , wo möglich . « - » Excellenz , wie komme ich dazu ? « - » Sie waren ja ihr Lehrer . Einige Schmeichelworte , einige Autorität . Einem so beredten Lehrer schlägt eine Schülerin nichts ab . « - » Excellenz , diese Aufgabe - « » Kostet Sie Ueberwindung . Desto ehrenwerther . Haben Sie vielleicht selbst einmal - zu tief in die schönen Augen geblickt ? - Um so schöner noch Ihre Aufgabe . Wir sind Alle zur Entsagung geboren . « Siebenundsiebzigstes Kapitel . Zur Königin . Es war ein seltsames Zusammentreffen . Die Fürstin Gargazin war heute mit einem Gedanken aufgestanden , der sie beim Frühstück beschäftigte . Sie wollte bei der Königin eine Audienz erbitten , um Adelheid zu präsentiren . Vielleicht die Frucht eines Traumes ; auch unsere Träume sind nur die Früchte einer Saat , die wir selbst gesäet . Adelheid fing an sie zu geniren . Weshalb ? - Das Gesetz ihres Zusammenlebens war ja , daß Keine die Andere geniren durfte ! Und doch - zuweilen , wenn ihre Blicke sich begegneten , schlug die Fürstin die Augen nieder . Die Augen des Mädchens leuchteten so hell und klug . Sie erinnerte sich unwillkürlich an das , was Wandel über sie gesagt . Warum blieb er kalt vor dieser Schönheit ? Warum empfand er ein Unbehagen in ihrer Gegenwart ? - Wandel war ein blasirter Mensch , aber - ein Menschenkenner , es war etwas , worin Beide in ihren Gefühlen stimmten . - Und was sollte das Mädchen noch in ihrem Hause ! - Kaiser Alexander war fern , er hatte andere Gedanken ; wenn er kam , kam er im Kriegerrock , und dann - dann ! Die besten Berechnungen schlagen am ehesten fehl . - Und wenn Krieg ward , was sollte Adelheid in ihrer Begleitung ! - Aber was sollte sie bei der Königin ? - Das würde Gott am besten fügen . Die Fürstin war heute von einem Gottvertrauen , das durch die Ereignisse bestärkt werden sollte . Denn während sie noch am Frühstückstisch saß , war die Hofdame der Königin , Fräulein von Viereck , vorgefahren und hatte unter andern Dingen von der Verwunderung der Königin gesprochen , daß Erlaucht ihre Pflegetochter Ihrer Majestät noch nicht vorgestellt . Die andern Dinge waren bald bei Seite geschoben , die Viereck war nur darum gekommen . Die Königin durfte es nicht offiziell wünschen , auch war die Façon schwer zu finden , wie die Fürstin das junge Bürgermädchen präsentiren solle . Also sollte ein gelegentliches Zusammentreffen arrangirt werden . Die Kammerfrau der Königin , Mamsell Schadow , war eine Bekannte der Alltagschen Familie . Adelheid konnte die Kammerfrau besuchen , und so wenig dabei etwas Auffälliges war , konnte es sein , wenn Ihre Majestät bei der Gelegenheit das junge Mädchen traf . Die Fürstin war über den Vorschlag um so mehr erfreut , als sie nicht nöthig hatte Mutterrolle zu spielen . Sie fürchtete nur Widerstand von dem kapriziösen Kopfe ihres Schützlings , eine Befürchtung , die um so größer ward , als sie hörte , daß Herr van Asten sich schon früh am Morgen bei Adelheid melden lassen , daß er angenommen worden und noch jetzt bei ihr sei . Was wollte der abgesetzte Liebhaber bei ihr ! Er konnte doch nicht beabsichtigen , seinen Nebenbuhler und Freund wieder aus dem Sattel zu heben ? Das Kammermädchen hatte zwar an der Thür gehorcht , aber nichts von Thränen und Betheuerungen . Die Sprache hatte so ernst geklungen , feierlich und - doch auch zärtlich , meinte das Kammermädchen . Sie musste die Sprache , welche drinnen gesprochen ward , nicht verstehen . Jetzt ging er . Adelheid begleitete ihn bis an die Gartentreppe . Die Fürstin sah durch die Glasthür wenigstens den Abschied . Der junge Mann schien verändert , aber zu seinem Vortheil , seine Haltung war fester , entschlossener , vornehmer . Er ergriff Adelheids Hand , er schien sie an die Lippen bringen zu wollen , aber besann sich . Er hob sie nur bis ungefähr an die Brust und drückte dann seine Hand darauf . Er sah sie dabei nicht zärtlich , aber innig an . Sie musste ihn wieder so ansehen . Sie sprachen noch einige Worte , welche die Gargazin nicht hörte . Dann war es Adelheid , welche ihm kräftig die Hand schüttelte und etwas ihm nachrief . Als er verschwunden , kehrte sie um und trat durch die Glasthür . Sie war nicht betroffen , als sie der Fürstin hier begegnete . Das Betroffensein war an der Gargazin , als Adelheid ohne Umschweife , bescheiden , aber kurz und entschlossen , mit der Bitte vorrückte , die Fürstin möge ihr vergönnen , die Königin heut um eine Audienz angehn zu dürfen . - Mamsell Schadow empfing das schöne Mädchen mit Herzlichkeit , obwohl sie wusste , daß der Besuch nicht ihr gelte , und führte sie sogleich in den Garten und in den Gang , wo die Königin ihre Morgenpromenade zu machen pflegte . » Wir gehen hier an den Gebüschen langsam auf und ab , und wenn sie kommt , thun wir , als sähen wir sie nicht . Wenn sie in Gedanken ist und uns nicht sehen will , was man gleich merkt , treten wir ins Gebüsch zurück . Will sie uns aber sehen , dann thun wir sehr überrascht und etwas erschrocken . Das lieben die hohen Herrschaften und dann encouragiren sie uns . « Eine Mittheilung der Schadow war aber nicht geeignet , Adelheid zu encouragiren . Ihr Vater , der Geheimrath , hatte vor einigen Tagen eine kurze Unterhaltung mit der Königin gehabt . Adelheids Name war dabei genannt worden . » Das ist schade , das darf nicht sein ! « hatte die Königin geäußert . Nachher hatte die Schadow Ihre Majestät zur Viereck sagen gehört : » Ich muß das junge Mädchen einmal sprechen . « Adelheids Vater hatte eine Abneigung gegen ihre Verlobung mit Louis Bovillard . Die Mutter betrachtete sie als ein Glück . Sie wusste von häuslichem Verdruß deshalb . Ueber diesen Kampf war Adelheid hinaus . Beim kindlichsten Gefühl der Dankbarkeit fühlte sie sich frei geworden . Sie hatte es keinen Hehl gegen ihren Vater gehabt : Ihr habt mich hinausgesetzt in eine andere Welt , wo andere Gesetze gelten . Wenn ich mich den Pflichten unterwerfen musste , die sie fordern , so darf ich auch ihre Rechte für mich anrufen So war ungefähr der Sinn eines Gespräches , in dem der Vater unterlegen war . Es war ja nicht eigentlich sein Departement ; er fühlte , daß der Geist seiner Tochter auf Fittigen flog , die im Staube des Aktenlebens nicht wachsen . Nun , wenn er in seinem Mißmuth Seufzern und Klagen gegen die erhabene Person Luft gegeben , so fühlte Adelheid eine andere Lebensluft in sich . - Sie fühlte sich nicht decouragirt . Die Königin kam , aber nicht allein . Ein Kavalier ging an ihrer Seite , mit dem sie in lebhaftem Gespräche schien . Es war ein stattlicher , schöner Mann , von einem gewinnenden Ansehen , jede Bewegung weltmännische Grazie , obwohl sein rechter Arm , früh vom Schlage getroffen , gelähmt an der Seite hing . » Graf Hoym , « flüsterte die Schadow , » der Vicekönig von Schlesien . Wir müssen zurücktreten . « Beide gingen vorüber , und die Königin bemerkte sie in ihrer Aufregung wirklich nicht . » Palm ! Palm ! lieber Hoym , das bleibt doch das Abscheulichste . - So unschuldig , in der Nacht fortgerissen von Frau und Kindern - um - o mein Gott , ich glaube oft seinen Schatten zu sehen , wenn ich unter diesen Bäumen gehe . « - » Die Hunderttausende , gnädige Frau , die auf den Schlachtfeldern auch die Kugel traf - « » Nein , Hoym , das ist nicht das . Er schreitet über Leichen , das ist der Weg des Grässlichen . Aber der Mord an einem schuldlosen Familienvater - « Das Säuseln der Bäume und die größere Entfernung nahmen die andern Worte fort . » Wie fühlen Sie sich , meine Liebe ? « fragte die Schadow , um ihr Muth zu machen . » Nur Geduld es wird Alles ganz gut gehen . « - » Mich dünkt , die arme Königin ist in großer Aufregung . Ist denn Graf Hoym jetzt ihr Vertrauter ? « - » Die arme Königin ! Sie haben Recht , sie so zu nennen . Ach , unter uns , sie hat Niemand , dem sie ihr Herz ausschütten könnte . « » Ihr Herz ? « Das war ein kluger Blick , welcher der Kammerfrau Muth machte , mehr zu sagen , als Kammerfrauen eigentlich dürfen . » Ja , wenn sie ganz ihrem Herzen leben dürfte ! Dafür hat sie ihre Kinder , ihren Gemahl , sich selbst ; aber die großen Staatsangelegenhriten müssen fürchterlich stehen . Das , ich möchte sagen , zersprengt ihr oft das Herz . Liebe Demoiselle Alltag , ich möchte Manchen , der die Könige beneidet , einen Blick da hinein thun lassen , und sie würden Gott danken , daß sie so glücklich in ihrem Hause sind . « Die Spaziergänger hatten sich umgewendet und gingen wieder vorüber . Die Königin schien noch immer in derselben Stimmung : » Er sieht die ganze Gefahr , klar und deutlich . Er könnte retten , und diesen einzigen Mann , der retten könnte , ihn lässt man brach liegen . « Aus Hoyms Antwort konnte man nur die Worte hören : » Aber der Freiherr von Stein - « Die Schadow hatte Adelheid tiefer ins Gebüsch gezogen . » Das ist ihr Hauptkummer jetzt . Unsereins darf freilich nichts davon wissen , und noch weniger sich darum kümmern , aber man müsste ja nicht Ohren und Augen haben . Je mehr es eine hohe Person schmerzt , um so heftiger bricht es unwillkürlich heraus , und uns beachten sie doch eigentlich nicht als Geschöpfe , die es angeht und die es verstehen . « - » Ihre Majestät wünscht den Freiherrn von Stein zum Rathgeber des Königs ? « Die Kammerfrau sah Adelheid verwundert an : » Das wissen Sie auch ! - Man mag im Publikum freilich Manches wissen , von dem die hohen Herrschaften glauben , daß sie es allein besitzen . Es ist so . Der Herr hat sich bei Hofe nicht beliebt gemacht ; er hat viel Feinde . Das geht bis zu den Lakaien hinunter , Sie wissen nicht , wie das bei uns ist . Wen sie oben von Einfluß sehen , dessen Worte sprechen sie nach . « » Aber wenn die Königin - « » Es ist das Schlimme , liebe Demoiselle , daß der König selbst den Herrn nicht liebt - er ist ihm unbequem . Ganz unter uns , er fühlt oft , daß es besser wäre , wenn die Andern , gegen die jetzt das Geschrei ist , fort wären , er möchte sie auch zuweilen los sein , denn er ist der edelste , beste Herr von der Welt , aber sie sind ihm bequem , er hat sich an sie gewöhnt . Er entlässt ja keinen seiner alten Diener . « Die Spaziergänger waren abermals zurückgekehrt . » In den Provinzen theilt man Ihro Majestät Entrüstung , « sagte Hoym , » Allen ist es ein Räthsel : Friedrichs Staat in den eines französischen Roturiers ! « Die Königin blieb stehen : » Sagen Sie lieber , eines charakterlosen Libertins , der mit den höchsten Gütern , den Tugenden , der Ehre des schönsten Reiches leichtsinnig spielt wie mit den Geldrollen , die er alle Abend am Pharotisch verliert . « - » Jammerschade , daß unser Haugwitz sich von ihm leiten lässt . Sonst ein so liebenswürdiger heller Geist . « - » Mich dünkt , es ist der höchste Grad des Unverstandes , das Werkzeug der Verworfenheit And rer zu werden . « Auf einen solchen Ausspruch aus dem Munde einer Königin muß der Unterthan in Ehrfurcht schweigen . Hoym schwieg ; auch die Königin schwieg einen Augenblick , wie im Gefühl , mehr gesagt zu haben , als die Etikette einer Königin zu sagen erlaubt . Die leichte Röthe war wieder von ihrem huldstrahlenden Gesicht verschwunden , als sie fortfuhr : » Ihm , ihm allein verdanken wir es , daß das Ungeheuer mit kaltem Hohn auf uns herabblickt . Er verachtet unsre Machthaber , weil wir solchen an ihn bevollmächtigten . Ich sage nichts davon , wie er in Brünn sich fortschicken , in Wien behandeln , in Schönbrunn dupiren ließ ; ich zerdrücke meinen Schmerz , daß er es war , der Hannover uns schenken ließ , der Brocken , an dem unser Adler ersticken sollte . Daß er aber nach dieser Erfahrung , belastet von den Verwünschungen einer ganzen edlen Nation , jetzt in Paris wieder dieselbe Rolle der Insouciance spielen konnte ! « - » Er war vielleicht , wie Lombard in Brüssel , von der Grandeur der neuen Majestät eblouirt . Il est un peu phantaste , Mystiker , er glaubt zuweilen an Geistererscheinungen . « - » Nein , Hoym . Er glaubt nur an sich . Er schrieb damals her : Sobald ich ihn gesehen , ist Alles abgemacht ; ich weiß ja , was er in Wien zu mir gesagt hat . « Solcher naive Glaube wäre rührend , wenn er nicht ein Staatsminister des Königs wäre , wenn nicht