uns nur übereilt bedünken . Noch weniger aber schien das von den Polizeidienern verlesene Signalement zu passen . Unter der großen Brille , der Nase und dem gewaltigen Schnurrbarte steckte zwar ein glattes Antlitz , aber dem Haare unter dem feinen Kastorhute ging alle natürliche Frische ab . Es war jedenfalls eine sehr kunstvolle Perücke . Wir , die wir Louis Armand kennen , und bedauern müssen , daß der junge Franzose , der eben mit so liebevoller Aufopferung an dem Krankenbette seines Freundes und Gönners , des Fürsten Egon von Hohenberg , wachte , schon den Sicherheitsbehörden wahrscheinlich als ein communistischer pariser Agent erschien , wir würden für Louis Armand gutsagen , daß es ihm unmöglich wäre , wie diese grüne Brille so unter den Schatten der Bäume herumzuschießen , jede weibliche Erscheinung mit einer Lorgnette zu fixiren und dem zwecklosesten Flaniren sich in einer Weise zu ergeben , die uns über Zweck und Ziel dieser Persönlichkeit völlig im Unklaren läßt . Besonders schienen es zwei weibliche Gestalten , denen die grüne Brille eben eine sehr aufmerksame Verfolgung zugedacht hatte . Es waren schlanke , gefällige Wesen , die eine sehr sorgfältige Toilette gemacht hatten und deren Auftreten zwar von ziemlich kecken Manieren , aber auch einer gewissen Wohlhabenheit zeugte . Der zudringliche Ton der lustig und zweideutig hier herumflatternden Wesen war ihnen nicht eigen , doch forderten auch sie heraus . An Verfolgern fehlte es umsoweniger , als ihre Art , sich aneinander zu hängen und ohne zu verweilen bald da , bald dort zu erscheinen , auffallend genug war . Zum Tanze schienen sie sich erst später entschließen zu wollen . Die grüne Brille hatte die Gewohnheit , jedesmal , wenn sie an diesen , durch weiße zierliche Halbmasken noch unkenntlichen Damen vorbeischoß , ein Compliment hinzuwerfen , das immer mit einem gewissen Kichern aufgenommen wurde ; ja als eins seiner rasch hinfallenden französischen Worte sogar einmal durch ein : Bon soir , Monsieur ! erwidert wurde , wäre er ohne Zweifel in ein näheres Gespräch verwickelt gewesen , wenn nicht zwei elegante Herren unablässig bemüht gewesen wären , ihn von den beiden Weißmasken zu entfernen . Auch diese durch große Schnurrbärte und Nasen unkenntlich gemachten eleganten Herren hielten sich unter den Armen aneinander fest . Sie waren fein gekleidet , in schwarzen Fracks mit weißen Piquéewesten , weißen Handschuhen , weißen Halsbinden . Man mußte sie für gewandte Erscheinungen der Salonwelt halten , hätte ihre Sprechart nicht auf einen geringeren Ursprung hingewiesen . Wie sich die grüne Brille einige mal durch diese beiden Herren gewaltsam von den beiden Weißmasken abgedrückt fühlte , schlich er diesen vorsichtig nach und hörte auf einem Seitenwege an den Hecken hin , daß die eleganten Männer folgende Worte in gemeinstem Dialekt wechselten : Sie sind ' s ! Glaubst du ? Die mit der Rose im Haar ist die ältere - Doch nicht die älteste - Bewahre ! Die mittlere ! Sieh ! Sie sehen sich um - Wenn sie uns erkennen , werden sie nicht mit uns tanzen . Glaubst du , daß sie so stolz sind ? Um uns zu heirathen , nicht . Aber so für einen Ball sind wir ihnen zu gering . Man kennt uns nicht . Wir haben die feinste Garderobe ... Die Ludmer hat ' s gleich bemerkt , daß wir auf fremde Unkosten hergingen ... Sie wollte uns nachsehen , gut , daß wir ausrissen ... Mein Frack ist mir doch zu eng ... Bewahre ! Nach der Mode muß er eng sein ... Nun dann trifft sich ' s gut , daß der Alte so hager wie eine Spinne ist ... Wenn er uns hier begegnete ! Es wäre das erste mal nicht , daß ich ihn in seinen eigenen Kleidern foppte ! Aber er ist zu müd von seinen Strapazen . Vom Möbelwagen ! Den hat die schöne Hexe , die Melanie , recht bei der Nase herumgeführt . Wie mag der Satan Das angefangen haben , den alten langen Storch in das Nest zu locken ? Wo Weiber Sprenkel legen , bleiben wir Alle sitzen . Weißt du , was ich vorhin für eine Idee hatte ? Wegen Punsch ? Richtig ! Das lust ' ge Ding - die Jeannette - Von Schlurck ' s ? Die ist hier - Wo ? Wo ? Dann sollt ' es amüsant werden - Wir suchen sie - Wo sahst du sie - ? Wenn sie ' s ist - ich glaube aber mit Neumann - Neumann ist ihr Bräutigam - Dem plumpen Tolpatsch wird sie hier nicht die Vorderhand geben - die Jeannette stieß und stumpfte ihn zurecht , daß er einen ordentlichen Chapeau machen sollte - Wenn sie ' s nur war - Ich möchte darauf schwören ! Nur ein Bischen fuchswild schien sie - Das kann sie sein . Wahrhaftig ! Das ist sie wieder - Hier schienen die beiden jungen Stutzer , deren Incognito wir sehr leicht erkennen , da wir wissen , daß wir die vortrefflichen Bedienten Franz und Ernst aus dem Hause der Geheimräthin von Harder in der Garderobe der Excellenz vor uns haben , zu bemerken , daß die grüne , von ihrem asthmatischen Husten geplagte Brille sie belauscht hatte . Sie verschwanden in einer Gruppe von Neuankommenden und drängten dem Saale zu , wo auch die beiden Weißmasken hin verschwunden waren . Die grüne Brille war scharfsinnig genug , zu errathen , daß sie sich hier unter dienendem Personale bewegte und schnitt unter ihrer Nase und dem Schnurrbarte einige sardonische Gesichter . Dennoch mußte sie gestehen , daß die Weißmasken etwas Graziöses hatten und eine gewisse herausfordernde Leichtfertigkeit , die ihr zu pikant erschien , um die Verfolgung aufzugeben . Indem sie sich anschickte , gleichfalls dem Saale zuzuschreiten , der eigentlich von der grünen Brille vermieden wurde , hörte sie neben sich die Worte flüstern : Komm ! Komm ! Die Weißmasken sind die Wandstablers - die Lore und die Flore ! Laß uns fort . Die grüne Brille wandte sich auf den Namen der Wandstablers um . Ihr schien dieser Name bekannt zu sein . Die Wandstablers ? verhauchte es auf den fahlen Lippen der schleichenden Person , als sie sich umgewandt hatte zu hören , wer ihr diese angenehme Aufklärung gegeben hatte . Wie erstaunte der hustende Schleicher , als er geradezu das Eleganteste entdeckte , was er bisher auf dem Fortunaball angetroffen hatte ! Zwei leichte , sylphidenartige Gestalten schlüpften behend , wie Elfen im Mondschein , vor ihm her . Sie hatten die Tracht der sogenannten Fledermäuse , aber angewandt vom winterlichen Carneval auf die laue , liebliche Sommernacht . Die eine größere weibliche Gestalt war ganz von einem leichten Rosastoff umwallt und hatte eine weiße Kapuze auf . Die andere , ebenfalls mit einer weißen Kapuze , trug die kostbarste Umhüllung von demselben leichten Stoffe in Himmelblau . Die Kapuzen entstanden aus weißen Überwürfen , die frei und lose bis über den Kopf gezogen waren und nichts von ihm sehen ließen als die maskirte Vorderseite , deren die grüne Brille , so sehr sie sich mühte , nicht ansichtig werden konnte . Denn die beiden Damen eilten wie auf geflügelten Sohlen und schnitten dadurch jeden Versuch der Männerwelt , ihnen zu folgen , ab . Die grüne Brille hatte das Wort : Es sind die Wandstablers ! nicht vergebens gehört . Sie mußte ein zu lebhaftes Interesse an diesem Namen haben und folgte bis in die Dunkelheit , wo ihr die Blaue und die Rothe nicht mehr sichtbar waren . Etwas erschöpft von diesen Anstrengungen setzte sich die grüne Brille hustend auf eine zufällig unbesetzte Gartenbank , lüftete auch , da es überall dunkel war , einen Augenblick ihre Maskirung und sammelte wieder Kraft zur Fortsetzung ihrer Anstrengungen , die aus der Absicht , sich nur zu vergnügen , nicht ganz allein hervorzugehen schienen . Ein leises Lüftchen , das über die Gärten und Wiesen herwehte , mußte dem Erschöpften wohl thun . Die rauschenden Klänge aus dem Tanzsaale tönten hierher nur noch matt und verhallend . Man befand sich hier am äußersten Gitter der ganzen Einfassung dieser neuen Anlage . Im Sternenlicht konnte man in nächster Nähe nur eine kleine Wiese , dann aber ein großes festungartiges Bauwesen erblicken . Die ungeheuren in die Höhe ragenden Schornsteine ließen dort eine große Fabrik vermuthen . Es war hier in der That ganz in der Nähe die große Willing ' sche Maschinenfabrik , an welcher , um die Glut der Öfen nicht für das Tagewerk erkalten zu lassen , auch in der Nacht aus den langen Essen heller Schein und glühende Feuerfunken knisterten . Wie die grüne Brille sich auf der kleinen Bank ruhte , mit der einen Hand ein seidenes ostindisches Taschentuch nach dem Gesicht führte , um sich den Schweiß zu trocknen , mit der andern an der weißen Farbe der frischgestrichenen Bank fühlte , ob sie nicht etwa noch abfärbte , dann aber eine Bonbonnière hervorzog und einige Pastillen in den Mund steckte , hörte sie hinter sich , wo sie Niemanden vermuthete und selbst durch die Wirkung der Pastillen und den aufhörenden Husten unsichtbar war , zwei Männer in einem ernsten , mit der heitern Regsamkeit des Abends in keinem Zusammenhang stehenden Tone sich unterhalten . Die Männer nahmen mit ihm Rücken gegen Rücken auf einer jenseit des trennenden Gebüsches in einem andern Gange stehenden Bank Platz und ließen sich nur dann zuweilen unterbrechen , wenn von einem Vorübergehenden eine Störung stattfand . Sie sind ein Thor , sagte der Eine ziemlich rauh und hart , daß Sie Ihr junges Leben so unnütz verzetteln und nicht endlich einmal Anstalt machen , für Ihre Zukunft einen dauernden Grund zu legen . Was soll aus Ihnen werden ? Sie haben Talent , Kenntnisse , freilich keine geregelte Erziehung , aber dazu bedürfte es einer nur kurzen Zeit und Sie würden Vieles nachholen , was Ihnen noch fehlt . Nur müßten Sie dies Träumen und Lungern aufgeben und etwas Solides anfangen . Es ist die höchste Zeit oder Sie sind verloren ! Der Andere antwortete mit einer schwächeren , aber sanften und hochklingenden Stimme : Ich bin krank . Mein Leben ist verpfuscht . Noch einige Jahre und ich breche mir einmal den Hals durch Zufall oder mit Absicht . Das wird das Ende sein ... Gehen Sie weg ! Sie sind ein Thor ! sagte der Andere . Freilich müssen Sie sich ruiniren , wenn Sie heute einmal im Felde schlafen , morgen eine ganze Nacht so durchrasen , wie ich Sie vorhin im Saale bemerkt habe . Sehen Sie ! Wie erhitzt Sie sind ! Wie Ihre Brust keucht ! Wie Ihre Hände glühen ! Sie sind auf dem besten Wege zur Schwindsucht ! Das ist der Tanz nicht , sagte der Andere . Das ist mein Glück , meine Freude , die an mir zehrt . Haben Sie Glück , Sie Freude ? Ein Mensch , der im dritten Hofe eines erbärmlichen Hauses wohnt , drei Treppen hoch , links und rechts von Armuth und Elend umgeben ? Ich weiß , daß Sie nicht darben . Der Justizrath liebt Sie väterlich , liebt Sie wie einen Sohn . Und wissen Sie , manchmal kommt es mir vor - Halt ! Mir ist schon Vieles vorgekommen ... Als wäre der Justizrath selbst Ihr Vater . Daß Sie der Teufel hole ! Das wäre mir nicht lieb ! antwortete der Andere rasch . Warum nicht ? Mein Vater ? Sagen Sie Das nicht wieder ! Was wäre da ? Sie sind ein Waisen- , ein Findelkind ! Sie führen den Namen Hackert von dem Pathen , den man Ihnen im Waisenhause gab . Es war ein Kaufmann , der dem Waisenhause gerade gegenüber wohnt und nichts dagegen hatte , Ihnen seinen Namen zu geben , weil er vom Waisenhause lebt . Durch welche Teufelei , wenn mich doch der Teufel holen soll , kamen Sie an den Justizrath ? Das weiß ich nicht - aber mein Vater ! Nein , Das wäre eine weinerliche Komödie , wie ich sie einmal für zehn Silbergroschen im Theater sah . Gehen Sie weg , Herr Oberkommissär ! Sie haben Muße Romane zu lesen . Pfui Teufel ! Kommen Sie ; Das könnte mich rasend machen ! Lassen Sie mich tanzen ! Hören Sie : Polkatöne ! Komme doch ! Komme doch , holde Schöne ! Aha ! Ich merke , Sie können meine Vermuthung nicht ertragen , weil Sie nun merken , warum Schlurck - Der Andre pfiff . Sie aus dem Hause geworfen hat . Lassen Sie mich los ! Die Polka fängt an ... Sie tanzen nicht ! Sie sollen vernünftig sein ! Wissen wir nicht Alle , daß Sie mit dem schönen , kecken Mädchen , mit der Melanie ... Stille ! Erst : Wir ? Wer sind die Wir ? Die , die scharfe Augen und nebenbei mit Schlurck , Bartusch und andern Stützen der Gerechtigkeit mancherlei zu thun haben . Auch Dienstmädchen plaudern - Eben sprach ich Jeannetten - Sie ist hier ? Die Schlurck ' s müssen toll sein . Sie werfen alle Leute zum Hause hinaus und bilden sich ein , wenn man auf den Mund fällt , wächst er Einem zu . Was ist mit Jeannette - ? Der Kutscher Neumann brachte sie her . Sie wüthet . Ihr Fräulein hat ihr heute Abend vor zwei Stunden den Dienst gekündigt . Sie tanzt aus Zorn - ich aus Freude ! Ein andermal umgekehrt . Es werden mir noch manche folgen . Reden Sie vernünftig ! Diese Jeannette ist bös ; und wenn Sie Melanie lieben - Meine Schwester ? Wirklich ? Glauben Sie ' s nun ? Nimmermehr ! Oder ob nicht - Sie schweigen doch wenigstens . Obgleich Sie viel verrückte Streiche machen , schweigen Sie doch . Ich schätze an Ihnen Ihre Diskretion und Ihre schöne Handschrift , Hackert . Jeannette wird aber nicht schweigen . Sie rast , sie droht ... Das Fräulein wäre heute Abend von Harder ' s nach Hause gekommen , hätte getobt und gelärmt , geweint , geschrieen , die Hände gerungen , einen Brief geschrieben - An Lasally ... Sie scheinen das Alles zu wissen ? Dann ? Dann ? Fahren Sie fort ! Dann wäre sie in ' s Schlafzimmer gegangen , hätte sich ausgezogen , das Licht eben auslöschen wollen und mit der Lichtputze in der Hand - Kennen Sie keinen Geschwindmaler ? Ich wünschte , man könnte das Leben stenographiren . Mit der Lichtputze in der Hand ihr gesagt : Jeannette , deine Plauderei in Hohenberg , dein Zusammenstecken mit Hackert , deine gottlose Zunge mit den Knechten Lasally ' s , dein Punschtrinken mit den Bedienten der Geheimräthin , deine angeberischen Schändlichkeiten , daß ich den Prinzen Egon von Hohenberg in einem fremden Abenteurer vermuthet hätte , alles Das macht dein Maß voll . Morgen früh will ich dich nicht mehr sehen . Damit drängte sie Jeannetten zur Thür hinaus , riegelte zu , löschte das Licht aus ... Und schläft und träumt ... von ihrem Bruder ? Wo ist der Geschwindmaler ? Bester ! Sie spotten doch nur ! Aber Jeannette ist viel schlimmer als Sie ... die sagt rein heraus ... Man schneidet ihr die Zunge aus . Dann spricht sie in Zeichen , die so deutlich sind , daß ... Man sie würgt ... Sie , glaub ' ich , könnten schneiden und würgen ohne Messer und Stricke , Sie haben den Verstand dazu - deshalb komm ' ich auf meine Vorschläge zurück - wählen Sie sich einen Beruf , zu dem Sie Talent haben - Die Jeannette ! Die verläßt auch das Haus ? Die Zeit wird immer verwickelter . Sie braucht Köpfe - Bläst das Licht aus und schläft ... Sie haben das wunderbare Talent einer Handschrift , in der Ihnen der erste Schreibmeister der Akademie nicht gleichkommt ... Schmelzing ist ein Stümper gegen Sie ... Bläst das Licht aus und schläft - ... Geben Sie mir die Hand ! Schlagen Sie ein ! Sie werden von Morgen an , im Einverständniß des Polizeipräsidenten , bei mir ... Hackert stand wie abwesend , gab die Hand und Pax wollte eben mit seinen Anträgen deutlicher hervortreten , als die grüne Brille die Worte rufen hörte : Maske vor ! Getanzt ! Getanzt ! Dieser Ausruf kam nicht von dem Andern , überhaupt nicht von den beiden Sprechern , sondern aus einem dritten und weiblichen Munde . Die grüne Brille hatte sich leise umgedreht und erblickte mit Erstaunen , daß zwischen die beiden Sprecher eben die blaue und die rothe Maske gefahren waren . Die Rothe hatte den wenig Widerstrebenden , der auf die Vorschläge des Andern halb schon einging , leidenschaftlich in dem Moment des Handeinschlagens ergriffen und ihn mit den Worten : Getanzt ! Getanzt ! von der Bank auf- und fortgerissen . Die kleine Blaue hüpfte nach . Mit einem Fluche war der Andere , der stattliche Herr Oberkommissär , aufgestanden , während die drei wie flatternde Vögel davonschwirrten ... Hackert , denn dieser war der so plötzlich aus den Schlingen des Oberkommissärs Pax Entführte , Hackert wußte nicht , wie ihm geschah ... Die rothe elegante Dame war ihm völlig unbekannt . Ebenso wenig wußte er , wer die an seiner linken Hand nachhüpfende Blaue war . Rasch durchflog er die Reihe seiner Bekanntschaften . Er hatte deren hier unendlich viele . Denn wir sagten schon , daß er zu den leichtsinnigsten jungen Männern gehörte und so wenig ihn sein Äußeres , besonders aber das röthliche Haar empfahl , so unfähig er war , dauernde Verbindungen zu schließen , so konnte es wol ein Act alter Anhänglichkeit sein , daß ihn hier ein schwärmender Nachtvogel entdeckte und zur Erinnerung alter Stunden zum Tanze , in dem er ein kunstvoller Meister war , entführte . Dennoch kam er von dieser Vermuthung bald zurück . Der Anzug war so neu , so elegant , der Kopfputz so geschmackvoll und nach eigner Idee ausgeführt , die Ähnlichkeit der beiden Damen so auffallend und wie im Einverständnis angelegt , daß er hin- und herrieth , aber von seiner Begleiterin immer auf jeden Namen nur ein Kopfschütteln erhalten konnte ... Es war nicht möglich so rasch in den Saal zu dringen . Er hatte Zeit ein Gespräch anzuknüpfen . Er fragte rechts die Rothe , links die Blaue . Mit verstellten Stimmen wichen sie ihm aus und spannten seine Neugier nur immer mehr auf die Folter . Endlich waren sie im Saale und die rothe Dame , die sich im blendenden Schein des Gaslichtes nur noch anziehender ausnahm und die größte Begier erregen mußte , ihre schwarze Maske gelüftet zu sehen , trat mit Hackert zum Tanze an . Aber die blaue , die nun allein stand , blieb jetzt auch nicht ohne Tänzer . Ohne lange Wahl war sie in die Reihen mit hineingerissen und tanzte mit einem ihr völlig unbekannten jungen Militair , der unter seiner Uniform eine feine elegante Piquéweste trug und an dem goldenen Streifen seiner Uniform zeigte , daß er schon einen höheren Grad erreicht hatte . Das Gewühl war zu stark . Man konnte nur einmal herumtanzen und mußte dann eine Weile auf frische Lücken warten ... Hackert aber ließ sich nicht hindern , im Tanzen fortzufahren , es war ein gewandter , wilder , allgemein bewunderter Tänzer , - wobei er aber statt röther , nur immer blässer wurde ... Während die blaue Dame so neben dem jungen Militair stand und sich gefallen lassen mußte , daß sie trotz ihrer Eleganz hier von Denen zum Tanze aufgefordert wurde , die das Lokal einmal besuchten , hörte sie hinter sich die Worte flüstern : Quelle aimable danseuse ! Die Wirkung dieser französischen Anrede auf die kleine blaue Dame war unglaublich . Sie wandte sich um , sah , daß die grüne Brille unter dem Barte ihr zulächelte und gerieth darüber so in Verwirrung , daß sie sich von dem jungen , hübschen Soldaten losriß , um Entschuldigung bat und davonstürzte ... Dieser glaubte , sie wäre krank und wollte ihr folgen . Nein ! Nein ! antwortete sie und hielt ihn zurück . Fast beschämt wurde der junge Krieger , als er glaubte , er hätte wol Unrecht gethan , eine so elegante Dame aufzufordern und traurig zog er sich an die Wand zurück , um denen Platz zu machen , die ihren Tänzern nicht nach der ersten Tour so spröde davongingen . Die grüne Brille irrte sich durchaus nicht , wenn sie annahm , daß ihrer französischen Anrede wegen die Himmelblaue aus dem Saale eilte und ihren Tänzer stehen ließ . Sie benutzte die Wahrnehmung und ging ihr hüstelnd nach . Die kleine Dame sah sich ängstlich um und floh förmlich . Mais , ma belle - rief die grüne Brille und wagte es den Arm der kleinen Dame zu ergreifen . Dieser zitterte ... O lassen Sie mich ! Ich schäme mich ! waren die Worte , die an das Ohr der grünen Brille drangen und darauf hin versuchte der Asthmatische ein deutsches Gespräch anzuknüpfen , dessen gebrochene Töne auf die kleine Blaue nur noch erschreckender wirkten . Sind Sie ' s denn ? O Gott , was werden Sie von mir denken ? rief sie , als sie Beide mehr in der entlegenen Partie des Gartens waren . Daß Sie sind ein kleiner Engel - eine von den drei Grazien , die verstehen zu tanzen à merveille . Machen Sie doch auf Ihre Maske , kleiner Engel ! Die Blaue schien nach diesen Worten zu begreifen , daß sie sich doch wol geirrt haben mochte und viele Menschen in Frankreich wohnen , die gerade hier in Deutschland anwesend sein konnten , nicht blos der Eine Einzige , von dem sie sich zu ihrem Todesschrecken angeredet glaubte ... Dennoch vertraute sie noch nicht ganz ihrer Täuschung , sondern sagte mit großer Naivetät : Es ist mir nicht im Traum eingefallen , auf diesen Ball zu gehen , aber meine Freundin hat mich überredet und ihren Bitten konnt ' ich ' s nicht abschlagen - Diese rothe Tänzerin , sagte die grüne Brille , hat sehr viel Geist zu Unternehmungen und hat mich entzückt durch ihre Hardiesse ... Hardiesse ? fragte die Blaue . Ist Das ... Die grüne Brille lachte über die Verlegenheit des Kindes und sagte : Sie kleiner Engel haben nicht so viel von Hardiesse ... Der blaue Domino glaubte , die grüne Brille spräche von einem Gegenstande der Garderobe und sagte in aller Unschuld , ob Das eine Mode wäre ? Ha ! Ha ! Hardiesse ist eine große Mode aller Damen , sagte der Franzose , für die , welche besuchen die Bälle der großen Oper . Ich bewundere Ihre Costümes ! Es sind Costümes der Phantasie ! Von Flor , berichtigte die Kleine . Es sind Ballkleider , die nicht für uns gemacht wurden . Wie wir sie werden bezahlen können , mag Gott wissen ! Auf diese Äußerung hin mußte die grüne Brille laut lachen . Die Naivetät dieser deutschen » Grisette « die sogleich eingestand , daß sie hier mit unbezahlten Kleidern auf dem Balle war , machte die grüne Brille soviel Vergnügen , daß sie überdreist , ja widerlich wurde und auf eine volle Börse deutete . Mein kleines Herz , sagte der Fremde , komm ! Wir werden uns amüsiren ! Wir wollen eine kleine Loge nehmen und speisen zusammen zu Nacht . Und morgen früh werd ' ich deine Kleider bezahlen ... Als die Blaue diese Zumuthung hörte und nun ihren vollen Irrthum erkannte , schien sie in eine Verzweiflung zu gerathen , die nicht künstlich war . Die grüne Brille hielt sie aber für künstlich , schlang den Arm um die schlanke Hüfte der gewaltsam Widerstrebenden und zerrte sie in die dunkleren Bosketts , indem er sich beugte , um das halb weinende Mädchen zu küssen ... Lassen Sie mich ! Ich rufe um Hilfe ! stöhnte das kleine Mädchen unter den gewaltsamen Umarmungen des schleichenden Lüstlings . In diesem Augenblicke aber fühlte er statt eines Kusses , den er auf der rechten Wange erwartete , auf der linken eine gewaltige Ohrfeige . Der rosa-rothe Domino hatte ihn in dieser vertraulichen Form ihre weißen Handschuhe fühlen lassen . Lachend zog die Rosarothe die beängstete kleine Blaue aus des Erschrockenen Armen und verschwand mit ihr hinter den Hecken . Die grüne Brille stand von dieser Störung sehr unangenehm überrascht da . Es entging ihr nicht , daß diese Scene Zeugen gefunden hatte . Man umschlich ihn . Er glaubte sogar jenen Oberkommissär zu erkennen , der vorhin mit Hackert gesprochen hatte und der ihn mit sonderbarem Blinzeln betrachtete , während er die rechte Hand in die Brusttasche steckte . Eine lustig daherkommende Gesellschaft , Arm in Arm verschränkt , befreite die grüne Brille zu ihrem Glück von einer unangenehmen ferneren Beaufsichtigung ; denn sie mischte sich , wie zu ihnen gehörend , unter die jubelnden Sänger , die auch seinen erwachenden Husten deckten . Hurrah ! riefen diese , ihre Hüte schwenkend und zogen mit kleinen chinesischen Traglampen unter den Bäumen vorüber . Unter ihnen Mädchen , leicht und behend . Hinterher schwerer Tretende in Reitstiefeln , die entweder wirklich ihr übliches Costüme angelassen hatten oder dies nur trugen , um Das zu scheinen , was sie vielleicht nicht waren . Dabei wurden Flaschen , Gläser , Hüte geschwenkt und Lieder halb angestimmt , halb wieder mit rauhen Dissonanzen abgebrochen ... Oberkommissär Pax fragte eine neben ihm stehende gleichfalls sehr zugeknöpfte Person : Ah ! guten Abend . Herr Assessor Müller ... Sehen Sie sich auch dies Treiben an ? Wer sind diese ? Der Angeredete , der nicht blos zum Vergnügen anwesend war , antwortete : Der sogenannte Jockeyklub ! Aus der Schloßstraße doch nicht ? Nein , nein , die wirklichen Jockeys , die sich wie ihre Herren auch zu einem Verein gebildet haben . Die wüsten Bursche - Ich kannte Einige - von Lasally - nicht wahr ? Die mit den kleinen Reitgerten . Eingebildete Schlingel , die sich in ihren kurzen Jacken und Schnüren für schön halten ! In Schnurjacken durften sie natürlich nicht kommen : aber Sporen und Reitgerten haben sie doch an den Füßen . Zu tanzen ist ihnen mit Sporen verboten worden . Deshalb lärmen sie hier herum . Wer mögen nur die eleganten Herren sein , die mit den Wandstablers dort angebunden haben ? Kann ich nicht sagen . Sie sind schon lange mit ihnen im Gespräch ... Die koketten Mädchen wollen heirathen , deshalb tanzen sie nicht und binden lieber solide Verhältnisse an ... Müssen sie denn aus dem Hohenberg ' schen Palais ? fragte der Assessor Müller , der auf der Polizei die ersten Verhöre führte und von Hackert , wie wir uns entsinnen werden , auf der Landstraße in der Blouse des Prinzen Egon vermuthet wurde . Wenn der Prinz wieder gesund wird , gewiß ; sagte Pax . Jede neue Regierung stürzt die Creaturen der alten . Ich habe die Wandstablers gefragt , der communistische Franzose ist wirklich nur des Prinzen wegen von Paris gekommen ... Wenn der Prinz gesund wird , werden wir schöne Sachen erleben . Der Polizeipräsident schüttelte den Kopf über diese Verbindung ... Auf Bällen und bei den Arbeitern sieht man den Franzosen noch nicht - darin waren die pariser Berichte falsch . Angekündigt ist Herr Armand im Maschinenbauverein , sagte der unterrichtete Assessor Müller . Ich glaubte , vorhin ihn sogar hier zu entdecken . Aber es ist ein Andrer . Wer mag nur hinter der grünen Brille stecken ? Es scheint ein Mädchenjäger zu sein . Politik treibt der nicht . Auch paßt das Signalement nicht . Hat man von Nr. 2 noch nichts beobachtet , ein Signalement , das uns durch gesandtschaftliche Vermittelung über England so dringend anempfohlen wurde ? Von der schwarzen Binde ? Noch nichts ... Sie kommt her , - behalten Sie ja das Signalement vor Augen - Kümmerlein und Mullrich auf der Sternwarte sollen alle Tänzer fixiren - Sechs und fünfzig Jahre und noch tanzen , Herr Assessor ? Wer sich so mit Gewalt jung macht ? So seine Züge versteckt ? So sich an die Weiber hängt ? Friseur Schmidt behauptet , er hätte einen kahlen Schädel ... Begierig bin ich , für wen er beim Juwelier Israëli die vielen Ketten und Brochen gekauft hat ! Ein Engländer ist ' s nicht und wenn er zehnmal Murray heißt und amerikanische Piaster ausgibt . Pst , Herr Assessor ! treten Sie gefälligst zur Seite ! Es kommt da Einer ! Mit Dem hab ' ich zu sprechen . Hackert ! sagte der Assessor Müller lachend . Angeln Sie immer noch nach ihm ? Der Narr soll in Güte kommen , daß man ihn nicht einmal mit Gewalt holt ! Der Assessor entfernte sich und der Oberkommissär trat auf Hackert zu , der in großer Aufregung suchend , umsichblickend daherkam . Nun , sagte Pax , wen suchen Sie denn ? Ihre Rothe ? Was ist denn Das für ein Paradiesvogel ? Das frag ' ich Sie ! So bin ich nie geneckt worden ! sagte Hackert athemlos . Mitten im Tanz ist sie von mir fort : dem Soldaten , der mit der Blauen tanzte , ging ' s ebenso . Der sucht die Blaue , ich die Rothe - verdammte Fledermäuse ! Schonen Sie sich , Hackert ! Sie lassen einmal recht wieder die Zügel schießen . Vor zwei Jahren waren Sie durch Ihre Tanzwuth der Schwindsucht nahe und noch geb ' ich nichts auf Ihre Brust ... Und doch soll ich schreiben - immer schreiben - das niederträchtigste Metier , das nur für die alten Mönche einmal gepaßt hat , die ihren Bäuchen von Herzen die Schwindsucht wünschten ! Und manchmal schließen Sie sich doch ab