auf meine freudige Brust . « - » Mensch ! « fiel Dagobert ein : » ist das wieder eine Lüge ? oder spricht ein gnädiger Gott Wahrheit aus Deinem Munde ? « - » Wahrheit , Herr , Gott soll mir helfen ! « versetzte der Jude gerührt , mit Thränen in den Augen , und die Worte schnell herausstoßend : » Denn wir sind gekommen an , und waren bald verzweifelt , weil man uns drüben streng bewacht , daß keiner herüber komme , und ich nicht traute , ob des Bannes , dem Oberstrichter Alles zu entdecken . Morgen wäre es jedoch geschehen , .... da hat der Herr uns heut befreit . In dem Getümmel und Geschrei , daß man die Stadt verrathen wolle und anbrennen , haben wir gewonnen die Flucht , und sind herüber gekommen ganz und heil ; laßt den Buben holen , der beim Pförtner sitzt , .... laßt ihn holen , Herr , denn bei dem Gotte Israels , und bei des Vaters Seele , auf der der Friede sey ; der Knab ' ist Euer Bruder , Euers Vaters Sohn ! « - » Johannes ! « rief Dagobert entzückt , und eilte nach der Treppe . Da tönte schon von unten die Stimme der alten Willhild , die schon am Tage verstohlen in ' s Haus gekommen war , um bei Frau Margarethen und dem Brautpaar ihren Glückwunsch abzustatten . Sie kam dem Sohne Diether ' s auf der Stiege entgegen , den Knaben schon im Arme , den sie so eben beim Pförtner gesehen , ihn küssend unter Thränen , und ihn an ' s Herz pressend , wie das eigne Kind : » Herr ! « stammelte sie schluchzend , und den Knaben in des Bruders Arme legend : » Herr ! preißt Gottes Barmherzigkeit . Johannes ist der Knabe , - frisch , gesund und von graden Gliedern ist er , - er hat mich erkannt , er nennt seine Eltern , - er bringt Freude und Glück in Ihr Haus ! « - » Und Ruhe , Friedensruhe in meine Brust ! « setzte Ben David in seliger Zufriedenheit verstohlen bei , gen Himmel blickend : » So hab ' ich doch nicht umsonst gelebt ; so hab ' ich doch nicht gelitten umsonst . Leid ist gekommen durch mich über dieses Dach , - Freude , Freude führe ich an meiner Hand wieder , hinein ! « - Indessen hatte Dagobert die Thüre aufgerissen , und den Wiedergefundenen im Triumph in das Gemach getragen , auf Frau Margarethens Schooß . - » Mutter ! Euer Sohn ! « rief er freudetrunken , und der Knabe , der in seinen , des aus ihrem Gedächtniß Verschwundnen , Armen unruhig und ängstlich geworden war , brach in lauten Jubel aus , da er die Mutter wieder sah , deren Züge ihm nicht fremd geworden waren . » Mutter ! Mütterlein ! « schrie er , weinend vor Entzücken : » Mütterlein , ich bin wieder da . Johannes , das liebe Junkerlein von Frankfurt ist wieder da . Nicht mehr von Dir lasse mich , Mütterlein , und dem guten Manne , der mich wiedergebracht ! Hörst Du , Mütterlein ! hörst Du ? den armen Johannes behalte bei Dir ! « - Wer hat Mutterfreude je gesehen ? Wer hat das Entzücken je genossen , das vom Himmel herabfällt , plötzlich unerwartet in die Nacht des Grauens , wie ein duftiger Blumenkranz in ein düstres Verließ ? wie ein erquickender Himmelsthau auf die lechzende Flur ? Margarethe , die kräftige , starke Frau , erlag dem Übermaaß der Wonne nicht , aber die Kunst des Malers , der es versuchen wollte , diesen Jubelauftritt zu schildern , würde unterliegen . Eine große Freude hat aber , wie ein großes Leid das Eigene , daß sie beklemmend auf die Brust derjenigen fällt , die nicht auf ' s innigste Theil nehmen an dem Freudevollen . Also auch hier . Die meisten der Anwesenden zogen sich in entferntere Gemächer zurück , oder verließen das Haus , da das Getöse auf den Gassen nachließ , und nur die eng Befreundeten blieben wohlwollend darin zurück , wie ein kleiner Hofstaat die glückliche Mutter umgebend , die den Thron der reinsten Zärtlichkeit bestiegen hatte . Aber weder Margarethe , noch die Zeugen ihres Glücks bemerkten , daß draußen Alles ruhiger wurde , daß Hornklang , Glockenschall und Trommelschlag aufhörten , .... niemand bemerkte , daß ein Gast in die Stube getreten war , bis derselbe sich selbst ankündigte . Dagobert , Margarethe und alle Umstehende staunten , denn es war der Schultheiß . Mit einem edel ritterlichen Anstande näherte er sich der Gattin Diether ' s , hengte sich auf ihre Hand , sie küssend , und redete : » Ich war nur Willens , ehrsame Frau , hier einen Becher Weins zu heischen , - ein Labsal , das Ihr gewiß dem ermüdeten Feinde nicht versagt haben würdet , ... allein , zum Zeugen dieses rührenden Auftritts geworden , - wäre , ich in Versuchung , Euch um Verzeihung vergangner Unbilder zu bitten , wenn ich wüßte , daß mir diese Vergebung nicht entstehen möchte . Ich war ein thor , ein böser Thor ; ich habe Euer Unglück für Schuld , Eurer Jugend leichten Sinn für Tugendlosigkeit gehalten ; .... doch ich bereue , ich sehe Euch nun rein , wie den Thautropfen im Blumenkelch vor mir ; und die heutige Nacht , die durch ihre drohenden Schrecken auf ' s Neue alle biedern Bürger an einander schloß zu gemeinschaftlichem Streben , gibt mir den Muth , mit Zuversicht Euch mein Geständniß abzulegen . - Reicht mir die Hand , Dagobert . Vergeßt , und werdet mein Füsprecher bei Euer Mutter , bei Eurem Vater , der sich heute durch seinen Eifer , seine Thätigkeit meine höchste Bewundrung und den Dank der Vaterstadt errungen . « - Welcher Augenblick wäre zur Versöhnung geeigneter gewesen ? Dagobert reichte fröhlich dem Ritter die Hand , und Frau Margarethe lispelte mit niedergeschlagnen Augen : » Ich habe Euch nie gezürnt , gestrenger Herr . Ich beklagte nur Eure Verblendund , und bin erfreut , daß Ihr mir Eure Hochachtung ferner nicht versagt . Wo ist aber mein Eheherr ? fragte sie lebhafter , den Knaben an sich drückend : Wo weilt er ? Ihr spracht von drohenden Gefahren ? Sind sie vorüber , oder ? ... « - » Vorüber ; « erwiderte der Ritter beruhigend : » vorüber durch die redliche Hochherzigkeit einer schlichten Magd , die unter dem härnen Kittel ein Gemüth voll Adel bürgt . Ohrenzeuge einer Verschwörung geworden , die Leben und Habe aller Bürger , - die Eure vor allen - betraf , wollte sie , was sie gehört , entdecken . Teuflische Schadenfreude am Bösen trat ihr hinterlistig in den Weg . Die arme Dirne konnte aus einem Kerker , in den man sie gesperrt , nicht entwischen , als in den letzten Augenblicken vor der bestimmten Stunde des Verbrechens , wo es ihr gelungen war , ihre Stimme Andern vernehmbar zu machen . Die Tücke ihrer Gegnerin , - einer Klosterfrau , leider diesem Hause befreundet , - kam schnell an den Tag . Die Oberin ließ die Strenge walten , und hat die Unverbesserliche zu ewiger Clausur verdammt . Für die Welt , der sie nur schaden wollte , ist sie verloren . Indessen , rief Judith , die wackre Magd , mich und die Bürgermeister aus dem Schlummer ; mit uns die Stadt . Gott hat gnädig den Schild vor uns gehalten . Viele verdächtige Gesellen fielen in unsere Hände . Ein Schiff , angefüllt mit andern , entkam auf dem Strome . Einen abscheulichen Rädelsführer hat die Vehme gerichtet ; einen andern , bis zur Unkenntlichkeit von Rossen und Menschen zerstampften Leichnam fand man auf der Straße . Mit der größten Wachsamkeit konnte man dennoch nicht verhüten , daß ein Haus , von Meßfremden größtentheils bewohnt , von dem mord- und raublustigen Gesindel mit Feuer angestoßen wurde . Dort , begriffen zu löschen , zu retten und zu schirmen , befindet sich Euer Gemahl , ehrbare Frau . Bald wird er heimkehren , seine Bürgerkrone , Euch zu Füßen zu legen , und sich mit den Freuden des Wiedersehens seines Sohns zu bekränzen . Glück auf ! aber auch Dank dem Biedermanne , der also sein Unrecht gut gemacht , und vergessen an der Thüre steht , wie ein Fremder . Komm näher , David , den ich wohl erkenne ! fürchte nichts ! Der Bann soll von Dir genommen werden , und , dies bewirkend , will ich beweisen , daß ich ' s fürder redlich meine mit diesem Hause und seinem Frieden . « - Die Zuhörer , die bisher der Rede des Schultheißen mit ängstlichem Schauer gelauscht hatten , verklärten nun ihr Antlitz zum Lächeln der Zufriedenheit und beeiferten sich um die Wette , dem Juden , dem die innere Gemüthsbewegung auf dem unschönen Gesichte stand , die redlich verdiente Dankbarkeit durch Wort und Handschlag zu beweisen . Sogar Ammon , der an der Thüre lauschte , fühlte sich davon ergriffen , spürte eine Thräne in seinem Auge , und hätte es nicht über sich gewinnen können , dieses Fest der Herzen durch die Kunde seiner That zu stören . » Gott segne meine Edelfrau ! « sprach er in sich hinein : » Sie und ihre Tochter sind so selig , wie fast nie . Darum sollen sie auch nie erfahren , daß ihr Vater und Gatte blutig gerächt wurde . Weiß ich ' s doch , und war doch die That gerächt . « - Plötzlich schoß der Diener Eitel an ihm vorüber , riß die Thüre auf , und rief freudig : » Der Herr kehrt heim ! Der gute Herr ! welche Freude wird das seyn ! « - Dem Ankommenden strömte Alles entgegen , und alle Zungen sprachen zu ihm , und alle Augen strahlten ihm Freude zu , und alle Hände legten dem von Lust und Überraschung Trunknen seinen Knaben , seinen Sohn in die zitternden Vaterarme . » Vater ! Vater ! bist Du ' s , und kennst Du das liebe Junkerlein aus Frankfurt noch ? « fragte der wahre Johannes in seiner kindischen ausgelassenen Wonne : » Gelt ! ich hab ' Euch wiedergefunden , ihr meine Eltern ? Gelt , ich bin gesund heimgekommen , und ich darf jetzt bei Euch bleiben ? Ich muß nicht wieder zu Willhild , auf das Dorf , wo man die schlafenden Kindlein stiehlt ? « - » Nein , nein ! « betheuerte der begeisterte Greis : » Nicht mehr aus diesem Hause , nicht mehr aus diesen Armen ! « - Indem nun Diether , vorschreitend , den um ihn gesammelten Kreis durchbrach , und vergebend und vergessend dem Schultheiß die Hand schüttelte , wurden hinter ihm zwei Gestalten sichtbar : ein Mann in wohlhabender Kleidung und ein verschleiert Frauenbild . - Dagobert erschrack heftig , denn der Mann war Joël , der Wechsler aus Lüttich , und unter dem bergenden Schleier konnte nur Esther athmen . Es schnürte ihm das Herz zusammen , während Margarethe den Eheherrn nach den Fremden fragte . - » Das Haus , in dem sie wohnten , brannte nieder , erklärte , sich entschuldigend , der Altbürger . Ihr Habe habe ich gerettet , und bot ihnen ein Unterkommen für diese Nacht , obschon sie sich sträubten , mir hieher zu folgen . Aber , - seh ich recht ? setzte er bei : Hier erst , guter Freund , erkenne ich Eure Züge . Beim Blitz , Ihr seyd der Mann , dem ich das Geld gezahlt , das seinem Schwähervater zugehört , und diese Frau .... « - » Gottes Wunder ! « schrie hier plötzlich Ben David auf , dessen bis jetzt die dem alten Erzählenden in der Freude ihres Herzens kaum erwähnt hatten , und der demüthig hinter den Vornehmern stand : » Gottes Wunder ! es ist nicht gewesen sein Geist ... er ist es selbst ! Ascher ! Ascher ! mein Sohn ! mein Sohn ! seh ich Dich wieder , ... und weg geschrieen , ... wie seh ich Dich wieder ? « - » Vater ! Vater ! hochgelobter Gott in Deiner Gnade ! « rief mittlerweile die Verschleierte , deren Verhüllung sank , deren Züge Esther ' s waren , deren Knie brachen , und welche hingleitete in des bestürzten Dagobert ' s Arm , sogleich unterstützt von ihrer glücklichen Nebenbuhlerin Regina . Dieser Auftritt wandelte die Zuschauer zu Stein , den Schultheiß ausgenommen , der , von Esther ' s Anblick beschämt , davon schlich aus dem Saale , und ausgenommen Ascher , der auf seinen Vater zugelaufen war , und mit ihm , lebhaft und unterwürfig sich geberdend , einen wichtigen Zweisprach hielt in hebräischer Zunge . » Esther ! Tochter Ben David ' s ! « rief Dagobert der Erwachenden in ' s Ohr : » Sage , Du hier ? Du betrittst dies Haus ? « - Die Augen öffnend , aus welchen die zärtlichste Liebe auf Dagobert strahlte , erwiederte die Liebliche , reizend selbst in der Blässe der Ohnmacht : » Euch , verehrter Herr , sollte ich noch einmal sehen ; Zeuge Euers Glücks seyn sollte ich ; Euch finden mußte ich im Arme der Braut und der wonnevollen Eltern . So wollte es das Schicksal und der hochgelobte Gott , der noch einmal prüfen wollte dies Herz . - Aber , « - setzte sie mit himmlischer Zufriedenheit auf Stirn ' und Wange hinzu : » gepriesen sey seine Huld ! Ich kann Euch offen sehen in ' s Auge , ohne neidisch zu seyn auf Euer Wohl , und gut hat er ' s gemacht und recht in seiner unerforschlichen Weisheit ! « - Wie staunend und sprachlos auch Dagobert und seine junge Gattin an den Lippen der Redenden hingen ; - ihre Staunen , ihre Überraschung steigerte sich , da Esther in ihres Vaters Arme flog , der gerade seinen wiedergefundenen Sohn gesegnet hatte ; denn Ben David sprach : » Gesegnet sey der Herr , der meine Augen offen gehalten , daß ich sehe zurückkehren zu den schönen Hütten Jakobs den Verlornen , und preisen darf das Loos derjenigen , die ich liebe , trotz einem Sohne , weil sie nicht gefallen ist in die Schlingen der Abtrünnigkeit ! Ist mir ' s jedoch gewesen wie ein Traum , daß man mir gesagt , Du seyst vermählt , mein Kind ! wo ist Dein Mann , Kind , daß ich ihn segne mit den Fingern meiner Hand und dem Spruche des Gerechten ? « - Da blühte das Geständniß des größten Edelmuths , den je ein Weib bewiesen , in Purpurflammen auf Esther ' s Angesichte auf ; und sie schüttelte ehrerbietig den Kopf , und beugte sich nieder vor Ben David , und ihre Lippe stammelte : » Bei dem Gedächtniß des Raaf ! Ich bin Jungfrau , und unvermählt ! « - Dagobert ' s Hand zuckte heftig in Regina ' s Hand bei diesem Geständniß , und noch einmal erhob sich mit Sturmesgewalt eine Bewegung in seiner Brust , auf welcher sich der böse Geist , der in den Tiefen schlummert , herauf arbeiten wollte , zur Geschäftigkeit und That . » Du warst getäuscht ! « raunte er dem erbleichenden Bräutigam zu : » Verrathen und betrogen um Dein Lebensglück ! Warum ist sie schon fern Fiorilla , die Lügnerin ? warum Dir so nahe , - unauflöslich an Dich geschmiedet , die minder als Esther geliebte Regina ? Giebt es kein Mittel , zu ändern , was vorgegangen ? « - Das Geflüster des bösen Geistes verstummte jedoch , und zurück wogte die finstre Welle , auf welcher er gekommen , denn Dagoberts Treue und Männlichkeit behielt den Sieg . Beruhigend und liebevoll blickte er auf Reginen hernieder , die , von Esthers Bekenntniß erschreckt , mehr denn Dagobert , ängstlich das Haupt an seine Brust gelegt hatte , das Auge zu ihm emporgerichtet , als wollte sie fragen : » Mein Geliebter ! wankst Du nun ? bereuest Du nun ? und bin ich die Deine noch , oder schon von Dir getrennt ? « Er umschlang sie mit der Innigkeit eines wahren und redlichen Gefühls , drückte einen Kuß auf ihre Stirne , und wendete sich mit offnem Gesichte zu Esther , die , in den Armen des Vaters liegend , mit wehmüthiger Freundlichkeit nach ihm herüber sah . - » Seltsames Mädchen ! « sprach er , ohne Vorwurf , ohne Bitterkeit : » Ich weiß nicht , soll ich Dir zürnen , oder Deinem Gedächtniß eine doppelte Liebe schenken ? Bunt und täuschend schimmernd , wie eine Schlange , windest Du Dich zu dem Ziele der Tugend , und fürchtest nicht , einst zu bereuen ? « - » Nimmermehr , mein theurer Freund , den ich also nennen darf , vor allen , die uns umstehen ! « erwiederte Esther himmlisch lächelnd : » So wie wir getheilt haben die Liebe einer abwechselnd düstern und rosigen Zeit , also müßten wir auch die Reue theilen , und man fühlt diese nicht im Besitze eines reinen , schönen , tugendhaften Wesens , wie Eure Braut ; man fühlt sie nicht in dem Bewußtseyn erfüllter Pflicht . Glänzen nicht hier in jedem Auge Thränen der Freude und der Rührung ? Zwei Väter , zwei Mütter segnen meinen Entschluß , und aus der schlechten Jüdin , die , hatte sie auch erschlichen durch die Taufe das Bürgerrecht in diesem Hause , dennoch immer darin geblieben wäre eine Fremde , ist geworden auf einmal eine Freundin , ein Geschöpf , das man duldet um ihres Gemüths willen . Ich kann nicht dankbar genug preisen den Herrn , der mir Stärke genug gegeben , auf mich selbst zu wälzen eine Schuld , um Euch , theurer Herr , zu bewegen , den Schritt zu thun , der , uns plötzlich auf ewig trennend , Eure Sinne zurückführen mußte in den Kreis der Euern , Euers Standes , Eurer Pflichten . Ich wollte Euch nicht mehr sehen , und grollte fast mit dem hochgelobten Gott , daß er mich noch einmal in Eure Nähe geführt , weil ich zu stören glaubte , - nicht meiner Seele Frieden , der unerschütterlich besteht , - sondern Euer harmlos Erstlingsglück ; allein nun benedeie ich Jehovah und sein Gesetz , da sie mir zum Lohne wieder finden ließen den schmerzlich beweinten Vater ! « - Sie warf sich entzückt von neuem an den Hals Ben David ' s. - » Liebenswerthes Mädchen ! « rief Margarethe , und umschlang , das Vorurtheil vergessend , Esther ' s Nacken ; » Wandle stets auf dieser Bahn ! « ermahnte , ihre Hand ergreifend , die bewegte Edelfrau ; » sieh hier mehr als eine Christin ! « sprach Dagobert in seligem Entzücken zu Regina : » sieh hier eine Heilige ! « Diether trocknete sich , halb abgewendet , sein nasses Auge , und sagte : » Gott segne Euch , ihr armen , verirrten , verblendeten Menschen , die mir aber Gutes gethan haben , wie Brüder , und Die ich schier lieben muß , wie solche ! - Sprecht indessen ! Ihr habt mir den Sohn wieder gebracht , die Lust meines Alters , so wie sein älterer Bruder der Stolz desselben ist . Ich bin nicht undankbar ! fordert meine Habe ! hin geb ' ich sie Euch , mit Freuden für dieses Kleinod , das Ruhe und Heiterkeit auf ewige Zeiten unter mein Dach zurückführt . Warum bin ich nicht der Mann , der das römische Reich bewacht und hütet ? beneidenswerth sollte euer Loos seyn ! « - Ben David lächelte , seine Kinder umschlingend , daß seine vernarbten Züge fast einen angenehmen Anblick gewährten . » Ehrsamer , Herr ! « rief er froh bewegt : » bin ich nicht schon geworden ein gekrönter König , voll Ehren und Freude ? Wer sieht mich in der Kinder Mitte , und beneidet mich nicht ? Behaltet , Herr , eure Gaben , und laßt dafür fallen einen Blick der Gnade auf einen Armen , der bis jetzt im Winkel gestanden ist , wie einer , der nicht zu den Fröhlichen gehört . « - Er führte den armen kleinen Hans , der sich schüchtern hinter einen Sessel gezogen hatte , dem Großvater zu , an dessen Halse noch der Wiedergefundne ruhte . Hans hatte die Augen voll Thränen , Schmerz auf den Lippen , und seine Händchen falteten sich bittend . » Verstoße mich nicht , Vater ! « seufzte er : » und Du , mein gutes Mütterlein ! was hab ' ich Dir gethan , daß Du mich nicht mehr ansiehst , um des fremden Buben willen , der mir ein bös Gesichte macht ? « - Fast beschämt bogen sich Diether und Margarethe schmeichelnd zu der gekränkten Unschuld hernieder ; als aber Dagobert , dessen Blicken nichts entging , des echten Bruders grollendes auf Hans gerichtetes Auge ersah , da trat er in die Mitte , Reginen an der Hand , und sagte : » Was ich einst gelobte , will ich jetzo halten , so Gott mir hilft , und mein redliches Weiblein einstimmt . Dieses Kind eines unglücklichen Bundes , einer Schwester , die uns haßte und hassen wird bis zu Ende , .. es entgelte nicht die trübe Stunde seiner Geburt . Mein Sohn sey Hans , und - willst Du , meine Hausfrau - der erste Sprößling unsrer jungen Ehe ! « - Die liebliche Regina beugte sich , von Mutterahnung überrascht , zu dem Knaben nieder , und weihte ihn durch ihren reinen Liebeskuß zu ihrem Sohne . - Lobend und glückwünschend drängten sich die Ältern um das Paar ; Esther zog aber rasch und stürmisch Vater und Bruder in das Seitengemach . - » Ich kann , ich darf dies Schauspiel nicht wieder sehen ! « sprach sie mit bewegtem Herzen : » Ich fühle dann , daß ich nur bin ein schwaches Wesen von Staub . In Eurer Mitte laßt mich seyn beruhigt und fröhlich in meiner Pflicht , und laßt uns entweichen aus Frankfurt , wo ich nimmer athmen kann ! « - » Wir gehen , wohin mich ruft eines wackern Fürsten Gnadenstimme , gen Innsbruck ! « versetzte froh der Vater , die Hände dankbar gen Himmel hebend : » Ich bin wieder geworden ein schuldloser Mann , und von mir wird weichen Bann und Makel ; ich halte wieder bei mir den verlornen Sohn , der in Buße und Noth wiedergefunden hat Israel . Ich rühme mich einer Tochter , die erkannt hat , daß die Leidenschaft demüthiger seyn muß , als die Liebe zu dem Herr , und der Lehre , in der wir geboren ! Freude also in Israel und in den Zelten der Gerechten ! Du , Ascher , wirst meinen Stamm fortpflanzen auf die spätsten Zeiten , wie es thaten die Voreltern , auf denen der Friede sey , und Du , mein Kind Esther , wirst den Lohn Deiner Tugend an der Hand eines rechtschaffenen Mannes aus Israel finden ! « - » Nimmer , mein Vater ; « erwiederte rasch , aber ernst und fest entschlossen Esther : » Nicht dem Manne aus Edom , nicht dem Sohne Jakobs gehöre jemals Dein Kind . Ich will Dich pflegen , bis Dein Angesicht bleich wird , und dann erlöschen , einsam und ruhig , das schwör ' ich bei Gott ! Schilt mich nicht . Nur einmal blüht im Lenz der Baum , die Blume . Die Liebesblüthe meines Frühlings ist dahin , kehrt niemals wieder . Die Erinnerung labe mich fortan , und des Wiedersehns Hoffnung . Freudig sehe ich zurück auf meinen Pfad , freudig und zuversichtlich in die Ferne . Dem hochgelobten Herrn bin ich treu geblieben , und ihn , den Freund , finde ich wieder - glaubt mir ' s - unter den Palmen des ewigen Zions ; seiner würdig ist geblieben meine Seele , und sie wird mit der reinsten Wonne ihn und die Gattin umschlingen unterm Klang der goldnen Harfen der Gerechten , - unter der Engel Hallelujah ! « Ende .