nichts als zeitverderbender Müßiggang sind . Der Auftrag , eine alte Schuld zu Korinth einzufordern , gab indessen Gelegenheit zu unsrer Bekanntschaft , welche Krates als den einzigen wahren Gewinn betrachtete , den er von dieser Reise mit nach Hause bringe . Wirklich fühlte er sich stark versucht die Rückreise gar einzustellen , und ich mußte alle meine Macht über sein Gemüth aufbieten , um ihn zu bewegen , daß er die Ausführung seines neuen Lebensplans wenigstens nur so lange aufschieben möchte , als sie mit der Pflicht gegen seinen alten Vater unvereinbar war . Vor kurzem berichtete mich mein junger Freund , daß der Tod des Alten ihm endlich die Freiheit gegeben habe , seiner Neigung zu folgen , und seinen Geist aller der schweren Gewichte zu entledigen , die ihm , so lange er sie an sich hangen hätte , den reinen Genuß seines Daseyns unmöglich machten . Er habe , um der verhaßten Last je eher je lieber los zu werden , bereits seine ganze Erbschaft , die sich auf nicht weniger als dreihundert Talente belaufe , mit Vorbehalt dessen , was er etwa selbst zu Bestreitung des Unentbehrlichsten nöthig haben könnte , unter seine Verwandten und Mitbürger ausgetheilt , und sey nun im Begriff , Athen - wofern ich mich entschließen würde , es mit dem üppigen und geräuschvollen Korinth zu vertauschen - oder , widrigenfalls , das letztere , wiewohl ungern , zu seinem künftigen Aufenthalt zu wählen . Was dünkt dich von diesem jungen Menschen , Antipater ? Hier ist mehr als Antisthenes und Diogenes , mehr als Plato und Aristipp , nicht wahr ? - Ich gestehe dir unverhohlen , hätte mich die wackelköpfige Göttin Tyche nicht , sehr gegen meinen Willen , um mein väterliches Erbgut betrogen , ich würde so wenig als Aristipp daran gedacht haben , mir diese Last , die mir ehemals sehr erträglich vorkam , vom Halse zu schaffen . Wir wollen es indessen einem weisen Mann eben nicht übel nehmen , wenn er von den Gütern , die ihm das Glück freiwillig zuwirft , einen zugleich so edeln und so angenehmen Gebrauch macht , wie Aristipp . Eben so wenig soll es dem von Kindheit an zur Dürftigkeit gewohnten Antisthenes , oder dem Sinopenser , den der Zufall um sein Vermögen brachte , zu einem großen Verdienst angerechnet werden , daß sie lieber von Wurzeln und Wolfsbohnen leben , als Karren schieben , rudern , oder das schmähliche Parasiten-Handwerk treiben wollten . Auch Plato hat sich wenig auf eine Genügsamkeit einzubilden , die ihm das Glück , unabhängig in seinem eigenen Ideenlande zu schweben , und die erste Stelle unter den Philosophen seiner Zeit in der öffentlichen Meinung verschafft hat . Aber , wie Krates , in dem Alter , wo alle Sinnen nach Genuß dürsten , die Mittel zu ihrer vollständigsten Befriedigung , die uns das Glück mit Verschwendung aufgedrungen hat , von sich werfen , und jedem Anspruch an alles , was dem großen Haufen der Menschen das Begehrenswürdigste scheint , von freien Stücken entsagen , um sich mit völliger Freiheit der Liebe der Weisheit zu ergeben : dieß , dünkt mich , ist etwas bis itzt noch nie Erhörtes , und setzt einen Grad von Heldenmuth und Stärke der Seele voraus , den ich um so bewundernswürdiger finde , da derjenige , der sich zu einem solchen Opfer entschließt , zum voraus gewiß seyn kann , von der ganzen Welt ( den Diogenes vielleicht allein ausgenommen ) für den König aller Narren erklärt zu werden . - Und das mit Recht , höre ich dich sagen ; denn was sollte aus den Menschen werden , wenn der Geist , der diesen jungen Schwärmer so weit aus dem gewöhnlichen Gleise treibt , in alle Köpfe führe , und die Begriffe und Grundsätze , nach welchen er handelt , allgemein würden ? - Auf alle Fälle etwas Besseres als sie itzt sind , antworte ich , und getraue mir ' s von Punkt zu Punkt mit wenigstens eben so stattlichen Gründen zu behaupten , als die , womit uns Plato beweiset , daß ein Staat nicht eher gedeihen könne , bis er von lauter Philosophen regiert werde . Leider hat die Natur selbst dafür gesorgt , daß es mit den Menschen nie so weit kommen wird , und die Freunde des dermaligen Weltlaufs können sich , der Gefahr halben die von der ansteckenden Kraft des Beispiels meines jungen Freundes zu besorgen ist , ruhig auf die Ohren legen . Sie ist desto geringer , da du ihm wirklich großes Unrecht thust , wenn du ihn für einen Schwärmer hältst . Er ist vielmehr der ruhigste , besonnenste , heiterste Sterbliche , der mir je vorgekommen ist ; und wie außerordentlich sein Verfahren auch immer seyn mag , so fällt wenigstens das Wunderbare weg , wenn ich dir sage , daß nebst einem sehr kalten Temperament , die von Kindheit her gewohnte beinahe dürftige Lebensart im väterlichen Hause , eine durch beides ihm zur andern Natur gewordene Gleichgültigkeit gegen alle Vergnügungen der Sinne , und eine noch tiefer liegende Verachtung der Urtheile des großen Haufens , der einen Menschen nicht nach seinem persönlichen Gehalt , sondern nach dem Gewichte der Attischen Talente , die er werth ist , zu schätzen pflegt , - daß , sage ich , das alles nicht wenig zu der Entschließung beigetragen habe , sich eines ihm wirklich mehr überlästigen als brauchbaren Erbgutes zu entschlagen . Denn was hätte er , der von drei oder vier Obolen zu leben gewohnt war , mit dreihundert Talenten anfangen sollen , da es seine Sache nicht war , nach dem Beispiel seines Vaters sechshundert daraus zu machen ? Von allem , wozu der Reichthum seinen Besitzern gut ist , hatte er entweder keine Kenntniß , oder keinen Sinn dafür . Gänzliche Unabhängigkeit und sorgenfreie Muße war schon damals , da ich ihn zuerst kennen lernte , das höchste Gut in seinen Augen : und so ging es , dünkt mich , ganz natürlich zu , daß der Umgang mit deinem Freund , Diogenes , in sehr kurzer Zeit tausend schlummernde Ideen in seiner Seele weckte ; daß die Harmonie der Vorstellungsart desselben mit seiner eigenen das Verlangen sich nie wieder von ihm zu trennen erzeugte , und die durch unmittelbaren Augenschein bewirkte Ueberzeugung , daß es keinen glücklichern Menschen gebe als den Diogenes , und daß er zufriedener mit seinem Loose sey als zehntausend vermeinte Glückliche mit dem ihrigen , seinem Beispiel einen unwiderstehlichen Reiz zur Nachfolge gab . Ich denke du wirst dieß desto begreiflicher finden , Antipater , da du noch nicht vergessen haben kannst , wie wenig ehemals daran fehlte , daß du selbst den Cynischen Mantel und Schnappsack übergeworfen hättest , wenn nicht , glücklicher Weise für dich , der Genius Aristipps den Reizungen der zuthulichen Nymphe Penia , unsrer Schutzgöttin , das Gegengewicht gehalten hätte . Denn nicht alles , was dem einen gut ja sogar das Beste ist , ist es darum auch dem andern ; und ich bin ziemlich gewiß , daß unsre Lebensweise , sobald der Ehrenpunkt , nicht in Widerspruch mit dir selbst zu gerathen , jede andere unmöglich gemacht hätte , dir nicht halb so wohl bekommen wäre als meinem Thebaner - wiewohl es ein launisches Ding um den Menschen ist , daß ich mich nicht dafür verbürgen möchte , daß Krates selbst , wie glücklich er sich gegenwärtig auch in seinem neuen Götterleben fühlt , auf immer vor allen Anwandlungen der Nachreue sicher sey . Ich bin mit deinem Freund Aristipp , wie in vielem andern , auch darin einverstanden , daß jeder Mensch , sobald er Verstand genug hat eine Philosophie , d.i. eine mit sich selbst übereinstimmende Lebensweisheit nach festen Grundsätzen , zu haben , in gewissem Sinn seine eigene hat . Das was den Unterschied macht , ist nicht die Richtung : wir gehen alle auf eben dasselbe Ziel los . Eudämonie ist der Preis , nach welchem wir ringen ; und wie gern der stolze Plato ( der , wenn ' s möglich wäre , gar nichts mit uns andern gemein haben möchte ) sich auch die Miene gäbe , als ob das übersinnliche Anschauen der formlosen Urwesen und die geistige Vereinigung mit dem Auto-Agathon , ohne alle andere Rücksicht das einzige Ziel seiner Bestrebungen sey , so soll er mich doch nicht bereden , daß sie es auch dann noch seyn würden , wenn er sich in diesen - geistigen oder phantastischen ? - Anschauungen nicht glücklicher fühlte als in jedem andern Genuß seiner selbst . Der Unterschied wird also in dem Wege und den Mitteln bestehen . Wir Cyniker z.B. wählen uns , mehr oder weniger freiwillig , den kürzesten Weg , unbekümmert daß er ziemlich rauh und steil ist und hier und da von Disteln und Dornhecken starrt . Aristipp wählte sich einen weitern , aber ungleich ebenern und anmuthigern Weg , nicht ohne Gefahr unversehens auf diesen oder jenen Abweg zu gerathen , der ihm das Wiedereinlenken in die rechte Bahn mehr oder minder schwer machen könnte . Andere haben sich zwischen diesen beiden , oft ziemlich weit aus einander laufenden Wegen , mehrere Mittelstraßen gebahnt . Plato nimmt den seinigen sogar , wie Ikarus , durch die Wolken ; unläugbar der sanfteste und nächste , wenn es nicht der gefährlichste wäre . Noch verschiedener sind die Mittel , wodurch jeder auf seinem Wege sich zu erhalten und zu fördern sucht . Tausend innere und äußere , zufällige und persönliche Umstände , Temperament , Erziehung , geheime Neigungen , Verhältnisse , kurz das Zusammenwirken einer Menge von mehr oder minder offen liegenden oder verborgenen Einflüssen auf Verstand und Willen , ist die Ursache der verschiedenen Gestalten und Farben ( wenn ich so sagen kann ) worin sich eben dieselbe Lebensweisheit ( ich erkenne keine Philosophie die nicht Ausübung ist ) im Leben einzelner Personen darstellt , und worin eben das Eigenthümliche derselben besteht . Denn , wie gesagt , im Hauptzweck , und selbst in solchen Mitteln , welche , als zu jenem unentbehrlich , selbst wieder zu Endzwecken werden , stimmen alle überein . Von dieser Art ist z.B. die Befreiung der Seele von Wahn und Leidenschaft , ohne welche schlechterdings keine Eudämonie denkbar ist . Alle Philosophen , von Thales und Pythagoras an , bekennen sich zu diesem Grundsatz : aber wie weit gehen sie wieder aus einander , sobald es zur Anwendung kommt ! Wir können von den Wahnbegriffen , Phantomen und Vorurtheilen , die unsern Verstand benebeln und irre führen , nur durch die Wahrheit frei werden . Aber was ist Wahrheit ? Der eine behauptet die Ungewißheit aller Erkenntniß ; ein anderer erklärt alle sinnlichen Anschauungen und Gefühle für Täuschung und Betrug und sucht die Wahrheit in einer übersinnlichen Ideenwelt ; ein dritter läßt im Gegentheil keine Erkenntniß für zuverlässig gelten , die uns nicht durch die Sinne zugeführt und durch die Erfahrung bestätiget wird , u.s.w. Eben so ist es mit der Befreiung von der Herrschaft der Triebe und Leidenschaften . Der eine will alle Begierden an die Kette gelegt , und den Leidenschaften alle Nahrung entzogen wissen ; ein anderer läßt nur die reinen Naturtriebe gelten , und verwirft alle durch Verfeinerung und Kunst erzeugten Neigungen ; ein dritter will die natürlichen Triebe und Leidenschaften weder ausgerottet noch gefesselt , sondern bloß gemildert , verschönert , und durch die Musenkünste mit Hülfe der Philosophie in die möglichste Harmonie und Eintracht gesetzt sehen . Alle diese Verschiedenheiten sind in der Ordnung , so lange die Leute keine Secten stiften wollen . Jeder hat für seine eigene Person Recht ; aber sobald sie mit einander hadern , und sich um den ausschließlichen Besitz der Wahrheit , wie Hunde um einen fetten Knochen , herum beißen , dann haben sie alle Unrecht ; - und in diesem einzigen Punkt wenigstens ist Diogenes , der mit niemand um Meinungen hadert , vollkommen gewiß daß er Recht hat . Indessen ist am Ende die Anzahl der Philosophen , denen dieser Name in der eigentlichsten Bedeutung zukommt , so klein , daß wahrscheinlich unter der ganzen übrigen Menschenmasse manche seyn müssen , die an Sinnesart , Gemüthsbeschaffenheit und äußerlichen Umständen mit irgend einem von jenen mehr oder weniger übereinstimmen . Ich betrachte daher jeden unsrer Philosophen gleichsam als den Repräsentanten einer ganzen Gattung46 , und indem ich annehme , daß seine Philosophie einer Anzahl ihm ähnlicher Menschen als Ideal oder Kanon ihrer Denkart und ihres Verhaltens brauchbar seyn könne , berechne und schätze ich hiernach ungefähr den verhältnißmäßigen Nutzen , den sie der Menschheit etwa schaffen könnte . So kann z.B. meiner demüthigen Meinung nach , die Platonische Philosophie nur solchen Menschen verständlich seyn und wohl bekommen , denen zu einem schwarz gallichten Temperament ein hoher Grad von Einbildungskraft und Scharfsinn und eine nicht gemeine Cultur mit völliger Freiheit von Geschäften zu Theil wurde , d.i. sehr wenigen . Die Aristippische scheint auf den ersten Anblick weit mehrern angemessen zu seyn : aber sie macht aus dem Wohl leben ( aus dem , was sie Hedone nennt und worüber ich deinen Freund nie anfechten werde ) eine so schöne und zugleich so schwere Kunst , daß , meines Bedünkens , nur ein besonders begünstigter Liebling der Natur , der Musen und des Glücks ( schier hätte ich auch noch die schöne Lais hinzugesetzt ) es darin zu einiger Vollkommenheit zu bringen hoffen darf . Wie die Platonische die Philosophie oder Religion der edelsten Art von Schwärmern ist , so sollte Aristipp das Muster und seine Hedonik die Lebensweisheit aller Eupatriden und Begüterten seyn ; auf diese Weise würde die Schwärmerei unschädlich , Geburtsadel und Reichthum sogar liebenswürdig werden . Aristipps Philosophie , zum Nießbrauch solcher Leute , die das Glück vergessen oder übel behandelt hat , herabgestimmt , würde sich der Cynischen nähern , nach deren Vorschriften jeder glücklich leben kann , der in einem Staat , wo er als Bürger keinen Anspruch an die höhern und eigentlichen Vortheile des politischen Vereins machen will oder zu machen hat , wenigstens den Genuß seiner Menschheitsrechte in Sicherheit bringen möchte . Um ein Cyniker zu seyn , braucht man nichts als ein bloßer Mensch zu seyn ; mit so wenig Zuthaten und Anhängseln als möglich , aber freilich ein edler und guter Mensch ; und eben darum wird unser Orden , dem ersten Anschein zu Trotz , immer nur zwei oder drei Mitglieder auf einmal zählen . Sollte er ( was die Götter verhüten mögen ! ) jemals zahlreich werden , so könnt ' es nur dadurch möglich seyn , daß seine Glieder den Geist desselben gänzlich verlören , und bloß das Costum , die Sprache und die übrigen Formen des Cynism zur Hülle und Larve der verächtlichsten Art von Schmarotzerei und Müßiggang herabwürdigten . Ein ächter Cyniker kann , vermöge der Natur der Sache , nicht anders , als eine Seltenheit seyn ; und von einem Cyniker wie Krates wird schwerlich jemals ein zweites Exemplar erscheinen . Die rein Sokratische Philosophie , welche , allen Ständen , Lagen und Verhältnissen gleich angemessen , dem Staat edle Menschen und gute Bürger bildet , wird also , die Wahrheit zu sagen , immer die gemeinnützigste unter allen , die aus ihr hervor gegangen , bleiben ; und wehe der , die sich ' s nicht zur Ehre schätzt ihre Tochter zu heißen , und einer solchen Mutter würdig zu seyn ! So viel , Freund Antipater , auf deine eigene Veranlassung davon , wie ich über Aristipp und seine Philosophie und die andern Masken denke , in welchen sich die menschenfreundlichste aller Himmlischen unter den Griechen sehen läßt . Lebe wohl , und sorge ja dafür , daß keine Abschriften von diesem langen Briefe genommen werden . Die Leute könnten sonst denken , ich habe ein Buch schreiben wollen , und das möchte sich Diogenes nicht gerne nachsagen lassen . 18. Aristipp an Learchus . Wiewohl ein Mann wie Philistus keiner Empfehlung an dich bedarf , so halte ich mich doch versichert , daß der Titel meines Freundes , den er von Cyrene mit sich nimmt , ihm in den Augen meines Learchs ein Recht zu einer desto gefälligern Aufnahme geben werde , da er auf seiner Rückreise nach Syrakus etliche Tage zu Korinth auszurasten gesonnen ist . Was du , dem seine Verhältnisse bekannt sind , vorausgesehen hast , ist durch das endlich erfolgte Ableben des alten Dionysius eingetroffen . Es war eine der ersten Handlungen seines Nachfolgers , den so lange aus seinem Vaterlande verbannten Gemahl der Nichte seines Vaters zurück zu berufen , und ihn um so dringender zu Beschleunigung seiner Reise einzuladen , je unentbehrlicher ihm , wie er in seinem Schreiben sagt , die Gegenwart und Unterstützung eines so verdienstvollen und so nahe mit ihm verbundenen Mannes in seiner neuen Lage sey . Es wäre kein schlimmes Zeichen daß es dem jungen Dionysius , seiner sehr vernachlässigten Erziehung ungeachtet , nicht ganz an Anlage zu einem guten Fürsten fehle , wenn er die Nothwendigkeit , sich der Leitung eines weisen Rathgebers zu übergeben , wirklich so lebhaft fühlte , als er in seinem sehr wohl gesetzten Schreiben ausdrückt ; es ist aber ziemlich klar , daß ihm ein anderer bei dieser Gelegenheit seinen Kopf und seine Hand geliehen hat . So viel sich aus einzelnen , wiewohl nicht immer zuverlässigen Nachrichten von diesem Sohn und Erben des sogenannten Tyrannen muthmaßen läßt , scheint keine große Hoffnung zu seyn , daß er die unruhigen und schwer zu zügelnden Syrakusaner mit der unbeschränkten Regierung eines Einzigen gründlich aussöhnen werde . Nur allzu wahrscheinlich kann man sich zu ihm aller Ausschweifungen versehen , zu welchen ein feuriges Temperament einen im Frauengemach und unter Sklaven aufgewachsenen Jüngling hinzureißen pflegt , der sich aus dem stärksten Druck plötzlich auf den Königsstuhl erhoben , im Besitz eines von seinem Vorfahrer vierzig Jahre lang zusammengehäuften Schatzes , und von Schmeichlern und Parasiten umschwärmt sieht , deren Interesse ist , unter der Larve einer gränzenlosen Anhänglichkeit an seine Person , seine unaufhörlich von ihnen gereizten und befriedigten Leidenschaften zu Werkzeugen der ihrigen zu machen . Unter einem schwachen Fürsten regieren gewöhnlich die schlechtesten Menschen ; und daß Dionysius , trotz seiner körperlichen Stärke ein sehr schwacher König seyn werde , davon sind bereits Vorbedeutungen genug vorhanden . Der einzige , den er scheut und der ihn , eine Zeitlang wenigstens , zurückhalten wird , ist sein Oheim und Schwager Dion , bekanntlich ein schwärmerischer Verehrer Platons , der keine große Mühe gebraucht haben mag , ihn zu überzeugen , daß Syrakus nicht eher wohl regiert seyn werde , bis es einen Philosophen zum Regenten habe . Zum Unglück fehlt es diesem Dion , bei allem Schein von Weisheit und Tugend den er von sich wirft , gar sehr an allen Eigenschaften , wodurch man sich andern , zumal einem jungen König der das Vergnügen und die Freude liebt , angenehm und liebenswürdig machen kann ; und , was noch schlimmer ist , ich fürchte sehr , daß er selbst etwas mehr Tyrannenblut in den Adern hat , als seine Lobredner in der Akademie sich gern gestehen mögen . Wie dem auch sey , der junge Fürst befindet sich dermalen zwischen dem strengen , Ehrfurcht gebietenden und scharf über den Grundsätzen der Platonischen Republik haltenden Dion , und dem schlauen , gewandten , allgefälligen Gesindel seines Hofes in einer zwang- und peinvollen Klemme . Diese sehen , daß er nicht Muth genug hat , das Joch , das ihm jener über die jungen Hörner geworfen , abzuschütteln ; und das dringende Bedürfniß , dem majestätischen Dion einen Mann von Gewicht entgegen zu stellen , ist es ganz allein , was sie genöthiget hat , mit vereinten Kräften auf die schleunigste Zurückberufung des Philistus anzutragen . Daß dieß die wahre Lage der Sachen am Syrakusischen Hofe sey , habe ich aus den unvollständigen Nachrichten , die mir Philist von Zeit zu Zeit mittheilte , nach und nach herausgebracht . Denn er selbst treibt , wie es scheint , die Freundschaft gegen keinen Sterblichen so weit , daß er sich ihm ganz offen und ohne alle Zurückhaltung entdecken sollte . Da er ein Mann von großer Weltkenntniß und Erfahrenheit ist , die Syrakusischen und Sicilischen Staatsverhältnisse vollkommen inne hat , dabei ( worauf hier alles ankommt ) eine sehr einnehmende Außenseite besitzt , und an Feinheit , Geschmeidigkeit und Besonnenheit es mit dem ausgelerntesten Hofmann aufnehmen kann : so ist nicht schwer vorauszusehen was der Erfolg seyn müsse , und daß Dion bald genug den Rath erhalten werde , eine kleine Gesundheitsreise zu seinem ehrwürdigen Freund Plato vorzunehmen . Uebrigens scheint Philist darauf zu rechnen , daß Korinth , als die Mutterstadt von Syrakus , es seinem Staats- und Handelsinteresse gemäß finden werde , mit dem Thronfolger des alten Dionys in gutem Vernehmen zu bleiben . Auch zweifle ich nicht , daß er sich in dieser Rücksicht unter der Hand mit Nachdruck für den edeln Timophanes47 verwenden wird , welcher ( wie ich höre ) große Anstalten macht , sich mit guter Art der Alleinherrschaft über euch zu bemächtigen . Auch an unserm Himmel , der während der letzten dreißig Jahre so heiter war , steigen , seit dem Tode meines guten Bruders Aristagoras , bereits einige trübe Wolken auf , die uns mit Sturm und Ungewitter zu bedrohen scheinen . Sein ganzes thätiges Leben war der Wohlfahrt von Cyrene gewidmet ; sein Tod wird uns , wie ich große Ursache habe zu befürchten , eben so nachtheilig seyn als sein Leben wohlthätig war . Er war , wiewohl seine Bescheidenheit und Klugheit es immer zu verbergen suchte , der wahre Urheber und die stärkste Stütze unsrer dermaligen Verfassung . Unglücklicherweise ist noch keine Staatsverfassung erfunden worden , die durch sich selbst bestünde ; und da sogar Platons Republik ( seiner eigenen Versicherung nach ) nur unter einer unmöglichen Bedingung von Dauer seyn könnte , von welchem andern Menschenwerk dürften wir uns mehr versprechen ? Seit der Mann nicht mehr ist , der allein Ansehen und Weisheit genug besaß , dem Ehrgeiz des mächtigen Demokles und seiner Söhne das Gegengewicht zu halten , sehe ich einer Abspannung der Springfedern unsrer Staatsmaschine entgegen , wodurch sie nur zu bald ins Stocken gerathen wird . Wir werden in unsre alten Mißbräuche , Parteien und Erschütterungen zurückfallen , und was sollte mir dann ein längerer Aufenthalt in Cyrene ? Doch dieß , bester Learch , ist weder das Einzige , noch das Aergste , was mir bevorsteht und das häusliche Glück , dessen ich seit meiner Verbindung mit der liebenswürdigen Schwester unsers Kleonidas genoß , auf immer zu zerstören droht . Möge mein guter Genius den Unfall noch lange von uns entfernt halten , dessen langsame Annäherung ich mir selbst vergebens zu verbergen suche ! - Trifft er mich , so ist Athen und Korinth - doch weg mit dem unglückweissagenden Gedanken ! Noch ist Hoffnung . Die Aerzte haben zu einer Luftveränderung , wovon sie uns die beste Wirkung versprechen , eine Reise nach Rhodus vorgeschlagen , welche ich mit Kleonen und unsrer Tochter Arete , von Kleonidas , Musarion und dem jungen Kallias , ihrem Sohne , begleitet , zu unternehmen im Begriff bin . Rufe Hygieien mit mir an , mein Freund , daß der Erfolg unsre Wünsche begünstige ! Anmerkungen zum dritten Band . 1. Brief . 1 In der Macedonischen Landschaft , wo der Berg Athos liegt , zwischen zwei Meerbusen , hatten Griechen aus Chalkis in Euböa , wovon die ganze Landschaft den Namen erhielt , die Stadt Olynthus erbaut , welche zu einer so ansehnlichen Größe empor wuchs , daß die zehntausend Krieger , worunter tausend Reiter , ins Feld stellen konnte . Der Krieg , den das , nach dem Frieden des Antalcidas mehr als je stolze , Sparta mit Olympus führte , wurde die Veranlassung zu einer ganz neuen Umgestaltung der Dinge in Griechenland , wobei Theben , eben durch jenen Frieden zu einer Stadt zweiten Ranges herabgedrückt , sich siegreich und glänzend erhob . 2 Tyrann von Pherä in Thessalien , erhob gegen 380 v. Chr. seinen kleinen Staat zu einer solchen Macht , daß er ein Heer von 20,000 Fußvolk und 3000 Reitern , ohne die leichten Truppen , unterhielt . Er hatte den Plan , den späterhin Alexander ausführte , wurde aber , auf Anstiften seiner Brüder , gemeuchelmordet . 3 Anspielung auf die Stelle der Ilias 2 , 204 . 4 Göttin der Nothwendigkeit . 2. Brief . 5 Auch Eurybates , wie man sieht , gehört zu denen , welche den Platon mißverstehen . Sein Urtheil über dessen Philosophie im Allgemeinen ist das Urtheil eines - Geschäftsmannes , und man darf sich nicht verwundern , wenn es über Gegenstände dieser Art ein wenig seicht und voreilig ist : weit mehr dürfte man sich verwundern , daß er nicht einmal für den Menon den richtigen Gesichtspunkt ausgefunden hat , auf welchen doch Anfang und Ende des Dialogs hinweisen . Indeß muß ihm auch dieß wohl zu Gute gehalten werden , da es vielen gelehrten Leuten nicht besser damit ergangen ist . Auch hier muß Schleiermachers Einleitung nachgesehen werden . 6 Parzen , Göttinnen des Schicksals . 7 Residenz der Könige von Macedonien . 3. Brief . 8 Da ihrer hier zum letztenmale gedacht wird , so ist eine Mittheilung von ihrem letzten Schicksal , nebst einigen Bemerkungen , wohl auch hier an ihrer rechten Stelle . In einer Lobrede auf die Liebe sagt Plutarch ( nach der Uebersetzung von Jacobs a.a.O. ) : » Mit der Liebe ist so viel Enthaltsamkeit , Zucht und Redlichkeit verbunden , daß sie auch ein zügelloses Gemüth durch ihre Berührung von andern Liebschaften abziehen kann . Denn sie rottet die Frechheit in demselben aus , drückt den Uebermuth nieder , impft ihm Schamhaftigkeit , Stillschweigen und Ruhe ein , umhüllt es mit dem Gewande der Ehrbarkeit , und macht es Einem Liebhaber unterthan . Ihr habt ohne Zweifel von der Lais , jener berühmten und vielgeliebten Hetäre gehört , wie sie ganz Hellas mit Verlangen entzündete , ja , wie zwei Meere um sie gestritten haben . Als aber die Liebe zum Hippolochus , dem Thessalier , ihr Gemüth ergriff , verließ sie das von den grünlichen Wellen bespülte Akrokorinthos , entfloh heimlich der Schaar ihrer übrigen Liebhaber , und lebte ehrbar mit ihm . Aber dort in Thessalien lockten sie die Weiber , aus Neid und Eifersucht über ihre Schönheit , in den Tempel der Venus , steinigten und verstümmelten sie . Daher wird , wie es scheint , dieser Tempel auch noch jetzt der Tempel der mörderischen Aphrodite genennt . « Nach der Ermordung , am Feste der Aphrodite , wobei keine Männer gegenwärtig waren , heißt es anderwärts , brach eine Pest in Thessalien aus , die nur endete , als man jenen Tempel erbaut hatte . Der Lais wurde an den Ufern des Peneus ein Grabmal errichtet , worauf folgende Inschrift stand : Das mit Ruhm gekrönte , im Kampfe nimmer besiegte Hellas beugte der Macht göttlicher Schönheit sein Haupt , Lais Schönheit ! die Tochter des Amor näherte Korinthos , In Thessaliens Flur ruht der Entschlummerten Staub . Die Lais nun , welche dieses Schicksal traf , hält Jacobs für die jüngere Lais , eine Tochter der Timandra ; die ältere Lais , Aristipps Geliebte , scheint zu Korinth gestorben zu seyn , wo die Korinthier ihr ein Denkmal im Kraneion errichteten , - obgleich sie , wenn man den Epigrammendichtern , unter denen hier auch Platon mit seinem Epigramm auf den Spiegel der Lais genannt wird , trauen darf , ihre Reize überlebt hatte , womit sich freilich die ihr nachgesagte Art des Todes , den sie auch Heinse in seiner Laidion sterben läßt , nämlich - im Arm der Liebe , schwer will vereinigen lassen . Glaubte nun Wieland , auf alle diese Anekdoten nicht mehr Gewicht legen zu dürfen als auf die Ausfälle des Epikrates ? Es scheint so , und man kann ihm darin wohl nicht ganz Unrecht geben . Mit mehr Grund als Heinse aus Pausanias und Hippolochus zwei Geliebten der Lais gemacht hatte , verschweigt Wieland den Unterschied zwischen der älteren und jüngeren Lais , den er sehr wohl kannte und behält nur eine einzige bei . Indem er aber aus dem Leben der älteren so viel wegschneidet , daß sie nicht zu dem Gemeinen , oder wie Aristipp sagt , zur Schmach einer gewöhnlichen Hetäre , herabsinkt , und lieber , mit Uebergehung der ganzen chronique scandaleuse aus dem Leben dieser älteren Lais , zu dem Zeitpunkte , wo nur eben die Vergänglichkeit des Jugendreizes sich vom weiten muthmaßen läßt , in die Lebensgeschichte der jüngeren einbiegt , raubt er dieser doch wieder , was sie nach Plutarchs Berichte vielleicht sehr vielen Lesern erst würde empfohlen haben . Was mag er also mit seiner Lais gewollt haben , da er , anstatt sie nun zuletzt mit Pausanias ein ehrbares Leben führen zu lassen , diesem Pausanias vielmehr , ohne irgend eine historische Verbürgung , einen solchen Charakter gegeben hat , der es unmöglich machte , daß Lais solch ein Leben mit ihm hätte führen können ? Wie es scheint , hatte Wieland sich die doppelte Aufgabe gemacht , erst die vielen widersprechenden Nachrichten von Lais durch Auffindung ihres wahrscheinlichen Charakters und glaublicher Umstände in einen solchen Zusammenhang zu bringen , daß die Widersprüche gelöst würden , wobei denn das ganz Unstatthafte stillschweigend verworfen werden mußte , und dann zu zeigen , von welcher Art eine Liebe habe seyn müssen , deren ein weibliches Wesen von diesem Charakter empfänglich war . Vor allen Dingen hat nun wohl Wieland darin Recht , daß er einer , nach allgemeinem Zeugniß , so schwer zugänglichen , geistreichen Frau wenig Temperament , und um ein gutes Theil mehr Kopf als Herz gab